Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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völlig, adj.

völlig, adj.,
mhd. vollec, vollic mhd. wb. 3, 363ᵃ; Lexer 3, 447: mnd. vullik Schiller-Lübben 5, 556ᵇ; vgl. Verwijs-Verdam 9, 867; völlig, huber, hubertus, uber, solidus, abundans Maaler 471ᵇ; völlig, völliger, völligster, adj. et adv., idem quod voll Stieler 2390; völlig, adj., expletus, absolutus, plenus, perfectus; völlig, adv., plene, plane, prorsus, abunde Frisch 2, 406ᵇ; Steinbach 2, 903; Adelung; Campe; vgl. Schmeller - Fr. 1, 840; Fischer schwäb. wb. 2, 1629; schweiz. id. 1, 785; 781; Lexer kärnt. wb. 100; Schöpf 790; Martin - Lienhart 1, 111ᵃ; Müller-Fraureuth 2, 626; brem. wb. 1, 464; ten Doornkaat - Koolman 1, 570ᵃ; Mi mecklenb.-vorpomm. ma. 104ᵃ; wb. d. luxemb. ma. 471ᵇ. während vollec im mhd. nur sehr spärlich belegt ist und im ahd. ganz fehlt, wird volleclîch und das adv. volleclîche, -en auszerordentlich oft in der dichtersprache gebraucht; beide sind im ahd. belegt Graff 3, 485; die vermutung liegt nahe, dasz vollec jünger ist als volleclîch. vgl. altn. fulluligr, adv. fulluliga (geistl. prosa). das nhd. völlig übernimmt auch die nachfolge von mhd. vollîch, vollîche. exorare, follich anbeden Diefenbach gl. 217ᵇ. der umlaut hat sich erst allmählich durchgesetzt, unumgelautete formen sind im älteren nhd. häufig: sullicher volliger rechtbote (gen. plur.) aller keins d. städtechron. (Nürnberg) 2, 135; wie wol der glawb Christum und alle seyne gutter vollig hat Luther w. 10, 3, 421 W.; do auch auf solche angezielete musterungstage sich die reuter unter einer oder der anderen fahn nicht alle vollig ... erscheinen verh. d. schles. fürsten u. stände 1, 107; ob sie (spartanische redeweise) schon ersten anblicks etwas blosz, kurtz beschnitten, und nicht also vollig scheinet Zinkgref apophth. (1628) a 5;
was Christus wirckt, das wirckt er gantz
als ein substantz in volligem gewichte
Ringwaldt evang. c 5ᵃ.
das vollige gewalt
in allem was er hat dem sohn ist heimgestellt
Opitz teutsche poem. 174 ndr.;
und kahm schon gelaufen
mit volligem haufen
Reinicke fuchs (1650) 70.
neben vollig, völlig begegnen die formen vollicht, völlicht: sine radio, ungemessen, völlicht, volkümlich Alberus (1540) gg 4ᵃ. vollends und völlig, adv., berühren sich in der bedeutung (einen vollends, völlig todschlagen Kramer 2, 1211ᶜ), so werden die formen nicht auseinander gehalten; schwäb. vollig für vollends Fischer 2, 1626; superl. volligster; adv. für vollends: das fehlt noch volligster; andrerseits vollendster tag neben volligster tag, hellichter tag Askenasy Frankf. ma. 234; soll der speck volligsd unner die worscht gehakkelt werden Niebergall dram. w. (1894) 178. dem gegenwärtigen sprachgefühl widerstrebt es das adv. oder das adj. zu steigern, nur verbindungen wie mein völligster ernst neben mein vollster ernst finden sich wohl; dagegen ist die ältere sprache beweglicher und besonders die bedeutung 'reichlich' läszt steigerung ohne weiteres zu. — aber yetz hatt er mich lassen sehen sein hail vil fölliger dann die lieplichen (l. leiplichen) augen Simeonis Eberlin v. Günzburg 2, 173 ndr.; ist die vorstatt ... von heusern völliger und an zal gröszer dann die statt Stumpf Schweizerchron. (1606) 651ᵃ; (weil ich) willens ein völligers opus von dem teutschen sprachwesen heraus zu geben Schottel haubtspr. (1663) 3; merck weiter, dasz diese griechische verse eben gedachter Boethius völliger und deutlicher giebet Prätorius winterflucht d. sommervögel (1678) 89; tragische ironie kann überhaupt nicht völliger durchgeführt werden Scherer lit.-gesch.⁷ 30;
und die rippe des stiels bildet sich völliger aus
Göthe 3, 86 W.
superl.: nach meiner eignen völligsten überzeugung Bräker spr. (1789 ff.) 1, 44; die völligste unbedingteste erlaubnisz A. G. Meiszner skizzen (1778 ff.) 1, 82; den beweis völligster selbstverläugnung Dahlmann franz. rev. 388; völligste klahrheit O. Ludwig ges. schr. (1891 ff.) 5, 195. superl. des adv.:
wir würgten hin
das völligst süsze werk, so die natur
seit anbeginn der schöpfung je gebildet
(the most replenished sweet work of nature)
Shakespeare Richard III. 4, 3.
schon Adelung bemerkt, dasz das gebrauchsgebiet von völlig im nhd. stark eingeengt ist: unser heutiger hochdeutscher gebrauch ist nur ein überbleibsel des ältern, da es sowohl für voll, als auch für vollkommen gebraucht wurde; daher werden sich auch die fälle, wo es jetzt noch gangbar ist, wohl nicht leicht durch regeln bestimmen lassen. wenn übrigens Stieler (s. oben) völlig als gleichbedeutend mit voll bezeichnet, so trifft das weder für seine zeit noch für die ältere zu, denn in der eigentlichen bedeutung von voll (gefüllt von gefäszen, hohlräumen u. s. w., voll 1 a u. ff.) kommt völlig, wie es scheint, nicht vor. aber in der reichen freieren bedeutung von voll tritt allerdings in älterer sprache völlig dem stammwort zur seite, während später völlig immer mehr sich auf ein sehr enges gebiet einschränkt. prädicativ kann das wort jetzt höchstens noch in der bedeutung körperlich stark, wohlbeleibt gebraucht werden. auch das adv., obwohl auszerordentlich häufig, ist doch dem sinne nach gegenüber der älteren sprache sehr eingeengt.
1)
vollständig, ganz, besonders von allem, was sich messen, wägen, zählen, abschätzen läszt, überall jetzt dafür voll oder ein anderer ausdruck: sihe, da war eines iglichen geld oben in seinem sack mit volligem gewicht 1. Mos. 43, 21; du solt ein vollig und recht gewicht und einen völligen und rechten scheffel haben 5. Mos. 25, 15;
so hand ir hie ein völligs pfund (salbe)
schausp. d. mittelalters 2, 193 Mone;
gibt sold und lohn
mit völligem gewichte
P. Gerhard bei Fischer-Tümpel kirchenl. 3, 395ᵃ;
wigt fellig 9 ducaten quelle bei Fischer schwäb. wb. 2, 1629; ebenda: etwas für völlig nehmen, vgl. voll 10; nicht v. den zwölften theil des betrages Haller Usong (1771) 112. — das war alles völlig (gediegenes) gold 2. chron. 4, 21; dasz man durch dasselbig in einem jeden ertz den rechten völligen halt ... vollkömlichen finden kan Ercker mineral. ertzt (1580) 16ᵇ; völlige kluft, in re metallica dicitur fibra solida Stieler 2390; vgl. Frisch 2, 406ᵇ; aber die gäng und auch die klüfft seindt eintweders völlig oder drüsig Bech Agricolas bergwerckbuch (1621) 56. einem seinen völligen lohn geben Kramer 2 (1702), 1211ᵇ; übertragen:
und soll doch ja nicht zweiffeln dran,
du habst für alle sünden
... ein völligs lösegeld
P. Gerhard bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 447ᵃ.
freier: meine rechnung war völlig (vollständig, abgeschlossen) Schiller 4, 77 G.; jezt ist es völlig! — völlig, und jezt wär ich ja frei kab. u. liebe 3, 6. auf zeitliches bezogen (vgl. voll 2 i α), ganz von zeitabschnitten: ein völliges jahr, es ist noch nicht völlig ein jahr Adelung; morgen oder übermorgen werde ich völlig sechzig jahr alt Kramer 2 (1702) 1211ᶜ; die nacht mit dem volligen tage ward fur einen tag gerechnet Luther 16, 172 W.; und verharrte in solchem zustande eine völlige stunde Göthe 43, 243 W.; dann hab ich dich eilf jahre — eilf völlige jahre nicht gesehen Stifter w. (1901 ff.) 3, 173. im nhd. ist nicht völlig (adv.) vor zahlvorstellungen häufig (nicht v. 13 jahre); dagegen in älterer sprache auch positiv:
der gûte Jônas ungemeit
in des visches lîbe lac
biz vollec an den dritten tac
erlösung 1557.
— völlige jahre wie volle jahre zur bezeichnung des zeitraums, der bis zur mannbarkeit verstreicht: wie dann er hernach, als er zu volligen jahren kommen, keyser worden Moscherosch gesichte (1650) 2, 321. — auch freier: (wo) die verständige mänschen offt bey ihrem völligen alter so gar in der eytelkeit ersoffen, in allen sünden und sicherheit dahien leben Moscherosch insomnis cura par. 80 ndr. vgl. Birlinger schwäb.-augsb. wb. 164ᵇ. — umlauf eines gestirns in einer bestimmten zeit: als der monde tage zu seinem völligen lauff darf Lohenstein Cleopatra (1680) 137. bezogen auf eine mehrheit von personen bezeichnet es die ganze anzahl, vollzählich: so der rad follich bei ein komit quelle d. 15. jh. bei Diefenbach-Wülcker 585; worüber der völlige rath beruffen ... wurde A. Olearius reisebeschr. (1696), anhang 86ᵃ; in völliger versammlung, in völligem raht Kramer 2 (1702), 1211ᵇ; mit völligen stimmen erwehlet werden 1211ᶜ; mit der völligen armee anmarschiren, con tutto l'esercito 1211ᵇ; die völlige infanterie sammlet sich ... vor dem corps de bataille v. Fleming teutsche soldat (1726) 213; mit dem völligen train Lessing 18, 421 M.; freier: von dem israelitischen volk, wann selb es ... mit völligem marsch wohin geruckt Abr. a s. Clara mercks Wien (1680) 126.
2)
so in mannigfaltiger anwendung, wo jetzt meistens voll eintritt. doch scheidet es sich auch z. th. deutlich von diesem und nähert sich in dem sinne von ganz oder reich, entwickelt der bedeutung von vollkommen.im sinne von ganz, auch mit diesem verbunden: in diesen worten haben sie yhr abendmal gantz und völlig Luther 26, 390 W.; ganz sinnlich: wartts (das haus) von volligen ... steynen gebawet erste d. bibel 1, 152 (cor.: gantze); ferners ist zu wissen, dasz man zuweilen in ... uhrkunden den gantzen völligen titul gebrauchet Harsdörfer teutsche secret. 1, 29; (dasz) dennoch das weib eben das klümpgen teig von der völligen masse abrupffen kan J. G. Schmidt rockenphilos. (1706) 2, 196; meines manns völlige verlassenschafft Stranitzky ollapatrida 62 Wiener ndr.;
wir sahn es ja völlig mit augen (das schiff in seiner ganzen gestalt, καὶ δὴ προυφαίνετο πᾶσα)
Vosz Od. 13, 169 B.
seinen völligen staat anlegen, allen seinen staat Adelung, vgl. voll 2 i ε; wofür ihn aber der feldherr mit einem köstlichen pferde und einer völgen rüstung beschenckte Lohenstein Arminius 2, 1214ᵃ; die völlige mundirung, gewehr und munition v. Fleming vollk. teutsche soldat (1726) 147; weszwegen ich denn auch ganz weislich in dem völligen ornate nicht herkommen wollte Lessing 2, 32 M.; erschien in völliger französischer uniform Archenholz England u. Italien (1785) 1, 2, 292; in völliger, tiefer trauer um die gestorbene herrin Fouqué gefühle, bilder (1819) 1, 6;
weil er im völligen reisestaat
zu ihnen in die stube trat
Kortum Jobsiade (1799) 1, 72.
man sagt jetzt noch: es herscht völlige finsternis, völlige dunkelheit war hereingebrochen u. ä.; (der verfasser) setzet in einer zwoten (recension) seine leser in eine völlige dunkelheit Dusch verm. w. (1754) 2ᵇ; die völlige nacht war hereingebrochen Stifter w. (1901 ff.) 5, 1, 80. — dagegen in der verbindung mit licht ist voll (s. dieses 2 d) im gebrauch, wohl kann man sagen: es ist völliger tag: in das völlige licht gehen, esporsi al pieno lume Kramer 2 (1702), 1211ᵇ; sobald nun der völlige tag angebrochen war Bucholtz Herkuliskus (1665) 36; die thorheit meines entschlusses auf einmahl in ihrem völligen lichte zu sehn Lessing 17, 180 M.; man kann sich ein weiszes papier im völligen lichte denken Göthe II 2, 258 W. für die gröszere beweglichkeit der älteren sprache noch folgende beispiele: in die völlige lufft kommen, spuntare alla piena aria Kramer 2 (1702) 1211ᵇ; in die völlige see (in alto mare) hinaussegeln ebenda; vgl. volle see unter voll 13 a; die sache ist noch im völligen oder guten stande Spanutius (1720) 563; (dasz man) völligen platz habe zu sehen Fronsperger kriegsbuch 1, 131ᵃ; die statuen des Jupiters und der Juno zeigten die völlige person dieser götter (im gegensatz zur herme) Lessing 9, 58 M.; es erfolgte der völlige stand (jetzt lieber mit dem adv.: völlig der stand), den Chabrias seinen soldaten zu nehmen befahl 10, 356 M.; der wahnsinn der menschen erscheint in seiner völligen gestalt Novalis schr. 4, 172 M.ungewöhnlich prädicativ: Vulpius meldet, dasz das bibliotheksgeschäft nach der anordnung völlig sei Göthe III 7, 82. — im völligen galopp, vgl. im vollen galopp, voll 3 b: darauf gieng ich im völligen calopp gegen dem schlosz zu Grimmelshausen Simpl. 3, 334 Keller; abgeschwächt: in völligem fallen, während des falles Fischer schwäb. wb. 2, 1629; auch: im völligen regen, mitten im regen Müller-Fraureuth 2, 626ᵇ. — in besonderer wendung: gibt seinen neigungen den völlgen zügel preis d. Leipziger avanturieur (1756) 1, 75. von der hand, ganz: (dasz) die pique recht in der völligen hand gefasst bleibe v. Fleming teutsche soldat (1726) 216; vgl. voll 1 m. gefüllte hand, freigebige:
he gaf met volliger hant
skat, ros end gewant
Heinrich von Veldeke En. 6285.
gefüllte blume: dasz aus einer gewissen sorte gefüllter nelcken ein andre gefüllte, völlige blume herauswächst Göthe br. 8, 251 W.vom mond (s. voll 2 c): der fast völlige mond hing in der bläulichen nacht Hesse Peter Camenzind 166. — vom winde gefülltes segel: fuhr auf dem Nilo mit völligem segel aufwerts Grimmelshausen simpl. schr. 2, 214 Kurz. — (man) lasse die sonne durch den völligen fensterraum in das zimmer scheinen Göthe II 1, 128 W.wie mit vollem halse, s. voll 1 n: was diser zuvor mit fölligem hals gerühmt hat quelle d. 17. jh. im schweiz. idiot. 1, 785. — es erfordert eine völligere stimme Steinbach 2, 902, s. voll 2 g; die Niedersachsen, so etwas stärcker und völliger im aussprechen Gueintz die deutsche rechtschreib. (1666) 14; (Neapolitaner) lassen die vocale mehr als jene hören und sprechen mit einem völligeren munde Winckelmann 3, 48. — vom strom: die völlige Donau, il pieno Danubio Kramer teutsch-ital. 2 (1702), 1211ᵃ. — und do der (samen) gewuͦchs zuͦ völligem schnit Steinhöwel de claris mulier. 35 lit. ver. — handvöllig, die hand gut füllend. s. oben th. 4, 2, sp. 422; Schmeller 2, 840; vgl. bechervöllig Martin-Lienhart 1, 111ᵃ. — einem schiff die vollige laage geben, alle geschütze der einen schiffsseite abfeuern Apinus glossar. nov. (1728) 317. — adv.: die untere chororgel und violon spielen, wenn es völlig (tutti) gehet, mit Mozart bei O. Jahn Mozart 1, 447.
3)
reichlich, in fülle vorhanden, zahlreich, fülle zeigend, habend, fruchtbar, durchaus hinreichend und genüge gewährend u. s. w., in der entwickelten nhd. sprache meist durch voll verdrängt, auch andere adj. traten an die stelle: abundo, uberflussig und völlig seyn, ein völle und gnüge haben Frisius dict. (1556) 12ᵇ; völlig, uberflüssig, fruchtbar Maaler 471ᵇ; hubero, fruchtbar und völlig machen Garth lex. lat. germ. graec. (1657) 340ᵇ; völlig, abundans, copiosus, uber Dentzler (1716) 335ᵇ; ich habs geld net so völlig, oder auch: ich habs net so völlig, bin nicht so reich: die birnen sind völlig, in fülle vorhanden; gradezu auch für zahlreich: es hat nette tage darbei gegeben, aber die schwierigen sind völliger g'sin Fischer schwäb. wb. 2, 1629; es ist so und so viel, gut gemessen, gewogen schweiz. idiot. 1, 785. — weren aber soliche holtzer nit vollig (nicht ausreichend) an leng und grosz Tucher baumeisterb. 37 lit. ver.; berait uns ain lustig und völlig mal Steinhöwel Äsop 60 lit. ver.; also das rhor scheynet gleych eynem volligem holtzstab Luther 8, 142 W.; ein warme herberg und völlige narung Stumpf Schweizerchron. (1606) 412ᵇ; alles das, was so völlig und reichlich in unserer (sprache) befindlich ist Schottel haubtspr. (1663) 26; endlich erbrach sie das völlige (das stattliche) paquet mit bebender hand Ziegler asiat. Banise (1689) 108; es suchet ein junger bursch einen herrn, bei welchem er völlig (reichlich) zu schreiben hat Cassel. ztg. 1731, s. 52; hab also das völlige (fruchtbare, reiche) Oberland verlassen Stranitzky lust. reisebeschr. 20 Wiener ndr.; auch alle bärte werden lockicht, völlig und schön geworfen Winckelmann 3, 49;
wand er in vollec spîsete
pass. 169, 46 K.;
ûf sîn schif Salatîn,
wes er dorfte, volligen wîn
mit spîse zuo der übervar
gap er im
Ludw. kreuzf. 8040 N.;
der zu hause sog die klauen, wil bey hofe völlig prassen
Logau sinnged. 330, 9 lit. ver.
ausführlich: so bin ich wegen des groszen geschreyes, das derselbe in unser nachbarschafft bey allen hat, veranlasset worden, was völligers ... von eben gedachtem berge zu papier zu bringen Prätorius Blockesberges verrichtung (1668) 31. — in höherem sinne, reich, bedeutsam: dieser brief ist unstreitig besser; er ist lebhafter, und völliger; er hat mehr gedanken Gellert 3, 30.
4)
von körperlicher fülle (s. voll 2 a): daneben kann es in älterer sprache auch im engeren sinne starke leibesverfassung, vollblütigkeit bezeichnen; zu beachten ist, dasz völlig auch entsprechend dem allgemeinen sinne des worts ebenso wie voll die natürliche und angemessene fülle bezeichnet, wobei die grenze der schönheit nicht überschritten wird, s. besonders die belege aus Winckelmann: völlig bey leibe seyn, firma constitutione, bona habitudine, corpore habitiori, et succi pleno esse Stieler 2390; ein völliges gesicht, völlige wangen, einen völligen leib haben ò völlig von leibe seyn Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1211ᵇ; ein wenig völlig seyn, ein wenig corpulent; ein völliger mann; ein völliges gesicht haben, völlig im gesichte seyn Adelung; Campe bezeichnet diesen gebrauch als 'niedrig, aber nicht verwerflich'. völlig im sinne von 'beleibt' ist mundartlich und in der allgemeinen umgangssprache Norddeutschlands noch immer üblich, und zwar mit der neigung zur verschlimmerung des sinnes; daneben auch in der bedeutung von vollblütig, dessen druck empfindend, oder auch verhüllend für schwanger, s. Schiller-Lübben 5, 556ᵇ; brem. wb. 1, 464; ten Doornkaat-Koolman 1, 570ᵇ; Mi mecklenb.-vorpomm. 104ᵃ; auch oberdeutsch Martin-Leinhart 1, 111ᵃ. — Rachel aber ist ein hübsche glate metz und vollig gewesen Luther 24, 521 W.; lasz ir, der frawen, beide roszadern ... in einem geschickten zeichen, und sonderlich, so das weib völlig und blutreich ist Ruoff hebammenb. (1580) 167; ein zierlich kleid und ein schöner volliger mensch reimen sich wol zusammen Petri d. Teutschen weiszheit (1604 ff.) 2, x 4ᵃ; hingegen war Belise etwas völliger Chr. Weise die drey klügsten leute (1675) 17; da er zuvor mager, blasz und heszlich aussahe, war er itzo schön und roth, völlig und fett vom leibe A. Olearius pers. rosenthal 2, 28; der unterleib musz nicht dicke sein; denn er musz zwar völlig, aber nicht vollgestopft aussehen Winckelmann w. (1825 ff.) 2, 64; die linie, welche das völlige der natur von dem überflüssigen derselben scheidet, ist sehr klein 1, 24; Germanicus habe seine waden dadurch völlig gemacht, dasz er anhaltend geritten sey Bode Montaigne (1793 ff.) 6, 150; den nächsten monat ist er feist und völlig, als hätte er die tafel eines financiers nicht verlassen Göthe 45, 5 W.; es sind die völligen gesichter im groszen stil E. M. Arndt schr. für u. an s. l. Deutschen 1, 218. in gutem sinne von den augen (vgl. ein volles auge, voll 2, a): (ein gutes pferd hat) völlige, schwarze, scharffsichtige und schnell sich hin und wieder wendende augen Hohberg georg. cur. (1682) 2, 131. — von der stirn:
von varb ist sy recht gevar,
auch ir stirn völlig zwar
Hätzlerin s. 188, 32.
5)
auch allgemein von körperlichem gut entwickelt: so werden die samen desto völliger, und dorren die garben desto ehe Herr feldbau (1551) 47ᵇ; weil die schweren und völligen (haselnüsse) am liebsten verlangt und gekaufft werden Hohberg georg. curiosa (1682) 1, 435.
6)
von kleidern und anderem weit, bequem sitzend, oder auch zu weit; in diesem sinne in der umgangssprache verbreitet (ebenso und wohl häufiger vollkommen), s. schweiz. idiot. 1, 785; (von einem ring) Martin-Lienhart 1, 111ᵃ; Leithäuser ma. von Barmen 167ᵇ.
7)
so häufig völlig im attributiven gebrauch in der sprache der gegenwart vorkommt, ist es doch nicht frei in der verbindung mit substantiven: 'in weiterer und gewöhnlicherer bedeutung, alle nöthige grade der stärke und des umfanges habend, wie vollkommen, doch nur von sachen, und auch hier nur mit einigen hauptwörtern' Adelung; völlig kann doch gelegentlich auf personen bezogen werden, s. unten. 'als adj. nur, soweit es bei der umsetzung des ausdrucks adverbial werden kann, vgl. einem völliges genügen leisten (vgl. v. genügen)' Paul; am leichtesten verbindet sich völlig in der sprache der gegenwart mit abstracten, wodurch zum ausdruck kommt, dasz der begriff des wortes nach umfang, grad und stärke ganz erfüllt ist: eine völlige gleichheit; jemandem völlige genüge thun; jemandem völlige freyheit lassen Adelung; fremder klingt uns ein anderes seiner beispiele: ich habe meine völlige arbeit, d. i. ich habe so viel arbeit, als ich nur bestreiten kann. völlige gerechtigkeit widerfahren lassen Campe; zur heilung ist völlige ruhe nötig, ich halte das für völligen unsinn, es ist mein völliger ernst; völliger beweis, widerspruch, das völlige gegentheil, völlige genesung, völliger ruin, völlige armut, völlige gewiszheit, völliger bruch, völlige richtigkeit, unfähigkeit, unkenntnis, u. s. w. Adelungs beobachtung ist richtig, dasz sich völlig mit einigen subst. leichter als mit andern verbindet, ohne dasz ein grund dafür erkennbar wäre; nur ist ersichtlich, dasz v. z. b. gern zu solchen abstracten tritt, die sich leicht in eine verbale vorstellung umsetzen lassen (z. b. die f. auf -ung). unter den folgenden beispielen finden sich verbindungen, die dem heutigen sprachgebrauch fremd sind, die ältere sprache bewegt sich freier und setzt völlig, wo später voll (auch im sinne von reichlich, in fülle), vollkommen, vollständig, endgültig u. a. adj. gebraucht werden.
a)
völlige vergnügung Kramer 2 (1702) 1208ᶜ; einem völlige erlaubnis geben; völlige erlassung der schuld und der strafe; einem völlige gewalt geben; völlige freude, gesundheit; völlige lust genieszen 1211ᵇ; völligen unterricht von etwas haben; einem völligen glauben zumessen 1211ᶜ; völlige strafe; völliger genusz der güter Steinbach 2, 903. — so wolt man in ain fölligez recht lassen widergaun d. städtechron. (Augsburg) 4, 100, 3; ein völliges ersetzen mins kleinen verdienens Seuse d. schr. 254 B.; in völliger gewehre und besitzung Luther 34, 2, 117 W.; gott geb eine völlige execution Nas d. antipap. eins u. hundert 2, 37ᵇ; zum völligen wachstuhme fähig Zesen adriat. Rosemund 3 ndr.; ich versichere euch völlige gnade und reiche belohnung v. Ziegler asiat. Banise (1689) 215; dasz ich dem Shakespear sein völliges recht habe wiederfahren lassen J. E. Schlegel werke 3, 64; ist das ihr ernst, frauenzimmerchen? mein völliger Lessing Minna 5, 15; die völlige aufklärung über Wallensteins absichten Göthe 40, 52 W.; meinen völligen beyfall 34, 249; völlige abnahme der kräfte Klinger (1809) ff. 4, 16; mit völliger bestimmtheit der entschlüsse Solger nachgel. schr. 1, 12; (die) hypothese völliger öde in diesen alpen Niebuhr röm. gesch. 1, 7; dem völligen ersticken zu entfliehen O. Ludwig ges. schr. (1891 ff.) 2, 16; irrthum, theuerster fürst, völliger irrthum ist es fürst Pückler briefw. u. tageb. 3, 281; und indem ich nun völlige musze hatte Keller ges. w. 3, 60; es wird ... gezischt, bis völlige ruhe eingetreten ist G. Hauptmann d. weber (1892) 63;
des gib hie folligen bescheit
fastn.-sp. 1, 179 K.;
kan weiszheit ohne die warheit
in völliger klarheit
auch wol bestehen?
Voigtländer oden u. lieder (1642) 98;
dasz der schwere abschiedskusz
unserm völligen vergnügen
weg und strasze bähnen musz
Stoppe parnasz (1735) 251;
einen embrionischen strumpf, zur hälfte gebohren,
dessen völliges seyn noch in der zukunft verhüllt lag
Zachariä poet. schr. (1763 ff.) 1, 291;
völligen unsinn siegelt ich hier, geschriebnes geschreibe
Göthe 4, 258 W.;
mit dieser spur hats völlge richtigkeit
H. v. Kleist w. 1, 415 S.
b)
schon im vorhergehenden abschnitt ist ersichtlich, dasz in vielen verbindungen völlig mit voll in gleichem sinne wechselt, in anderen jetzt voll vorgezogen wird, z. b. bei wörtern wie recht, macht, kraft, stärke. vgl. noch folgende beispiele, besonders Göthes sprachgebrauch: so ein mausz getroffen wirt in spannen, so zeucht sie an sich einen stündigen volligen krampff Paracelsus chirurg. schr. (1618) 529 B.; wenn der name eines dinges, für sich allein gesetzt, einen völligen gedanken macht Gottsched d. sprachk. (1748) 118; wenn gleich der völlige nachdruck aller horazischen sylben und buchstaben nicht erreicht worden versuch einer krit. dichtkunst (1751) 6: Terentz hat nach aller wahrscheinlichkeit nicht den völligen werth des Menanders Ramler einl. in d. schönen wissensch. 3, 45; die gesellschaft schied endlich um mitternacht in völliger munterkeit auseinander Möser w. (1842 ff.) 6, 29; in völliger menschengrösze Göthe 25, 143 W.; sogleich nahmen sie wieder in völligem zorne platz 43, 307; um mir einen völligen begriff ... zu geben 45, 70; das brustgrat scheint also den sämmtlichen oberen eingeweiden einen theil seiner festigkeit, den untern hingegen seine völlige existenz (seine ganze, die existenz überhaupt) aufzuopfern II 8, 21; völliges bürgerrecht Schleiermacher w. I 5, 29; inzwischen gilt dieser satz doch nur in völliger strenge für den 'moniteur' H. v. Kleist 4, 96 Sch.;
und das ist deines lebens ganzer sinn
und völliges gesetz
Fouqué altsächs. bildersaal 1, 341.
anderseits kann in der verwendung von voll und völlig der sinnesunterschied deutlich hervortreten: es kam zu vollem aufruhr, hier ist ganze stärke gemeint; es kam zu einem völligen aufruhr, die unruhe steigerte sich bis zum ausbruche eines richtigen aufruhrs; (als wir) mit den äpfeln eine völlige kanonade machten Meisl theatr. quodlibet 1, 95. in älterer sprache öfters im sinne von vollständig: erster theil, worin ... dessen (des krieges) völliger verlauf ... beschrieben wird v. Chemnitz schwed. krieg (1648) titel; indem die völlige nachricht der kayserlichen schätze bey mir beruhete Ziegler asiat. Banise (1689) 368; erzehlung der völligen begebenheiten Lohenstein Arminius 1, 148ᵃ;
die dichter setzen auf
mit hoher zierligkeit den völligen verlauff
Rist neuer t. parnasz (1652) 300;
schlieszlich, endgültig: als ich ... völligen abschied nahm Reuter Schelmuffsky 76 vollst. ndr.; (dasz man) des pannonischen krieges völligen ausgang vollends erwartete Lohenstein Arminius (1689) 1, 23ᵇ; nach welcher auch der eigentliche schutzgeist des menschen den völligen tod desselben nicht abwartete Lessing 11, 13 M.; dem völligen schlusz, der schon längst fertig ist Göthe br. 42, 190 W.
c)
verbunden mit wörtern, die eine anschauung, eine sinnliche vorstellung enthalten: es herrschte völlige windstille, er geriet in eine völlige wildnis — denn es war ein schlimmer hals, der schon zur völligen bräune gediehen war Lessing 18, 334 M.; weil die schöpfung nicht raum hatte, sie alle (blätter) als völlige bäume hervorzubringen Herder 15, 291 S.; da pflanzt ich nun in meinem sinn ein völliges paradies hin Miller briefw. dreier akad. freunde (1778) 1, 99; die musik wird rauschend und geht in einen völligen marsch über Schiller 12, 324 G.; es (das haus) war zu völligen ruinen geworden Novalis schr. 4, 206 M.; (gebirge, die) selbst völlige hochflächen sind Ritter erdk. 1, 73.
d)
auf personen bezogen, erfüllung des begriffs bezeichnend besonders zur bezeichnung des typischen: er ist ein völliger narr, ich bin hierin ein völliger neuling. — auff das er unser gerechtigkeyt und völliger heyland würde Luther w. 10, 2, 479 W.; und ich darff nur noch den degen anhengen — so stehet der völlige edelmann da Chr. Reuter ehrl. frau 36 ndr.; nein, es giebt keine völlige unmenschen Lessing Minna 1, 8; am gewönlichsten bei fölligen leien Klopstock über sprache u. dichtk. (1779 ff.) 1, 4; ob die weiber auch völlige menschen seien Fichte naturrecht 2, 214; er wollte nun wieder der alte werden, wieder der völlige wilde Fritz O. Ludwig schr. (1891 ff.) 2, 133; er ist ein völliger Türke! die eine will er sehen, die andere heirathen Bauernfeld ges. schr. 2, 238. — dem wachsthum nach ganz entwickelt: er ist während dieser jahre ein völliger mann geworden Campe; eitel feine starcke jünglinge und vollige hübsche jungfrawen Luther 23, 622 W.;
der völlige knabe
zeigt sich bereits in jeglichem schritt der kindischen spiele
Zachariä (1772) 2, 116.
im rechtlichen sinne: ein völliger erbe, haeres ex asse Steinbach 2, 903; dasz ich auf diesen fall sein völliger erbe werden soll v. Petrasch sämtl. lustsp. (1765) 2, 516.
e)
der übergang von den belegten gebrauchsweisen zu der bedeutung von vollkommen ist auszerordentlich leicht, doch vermeidet es die neuere sprache, völlig in diesem sinne anzuwenden, d. h. mit dem worte eine werthung zu verbinden: er ist ein völliger heiliger, völlige selbstlosigkeit, hier ist nur die logische erfüllung der begriffe bezeichnet; besonders ist es der neueren sprache ganz fremd, eine sittliche werthung in das wort zu legen; die ältere sprache ist auch insofern frei, als sie völlig attributiv brauchen kann: es seie dann das euwere gerechtigkeit volliger seie wann der schreiber und gleichsner Steinhöwel spiegel menschl. lebens (1479) 56ᵃ; daselbs werden die erwelten got beweysen vollige lieb Berthold v. Chiemsee teutsche theologey (1852) 38; (märtyrer,) wilche sind ... durch den glauben ym todt recht völlig worden Luther 18, 226 W.; wie ir sollet wandeln und gotte gefallen, das ir imer völliger werdet 1. Thess. 4, 1. — gestatte nicht, das wir von deinem hailigen, rainen, vœlligen gesetz (wie wenig auch es seie) abschreiten Melissus psalmen 71 ndr.so im allgemeinen sinne von perfectus: und solches schreiben wir euch, auff das ewer freude völlig sey 1. Joh. 1, 4; als darausz man spühret, dasz der herr einen völligen wahren verstand hat Moscherosch gesichte (1650) 563; dein verstand wird ... völliger werden Wieland Lucian 4, 444; in besonderer anwendung: sententiae numerosae, sprüche der rede, völlige in artigem gelaut der sylben und wort Orsäus nomenclat. method. (1623) 142.
f)
technisch in älterer sprache: der völlige oder vollenkommene dreiklang Mattheson kleine generalbaszschule (1735) 154; ich sage wolbedächtlich von einer reinen und völligen quint vollk. capellmeister (1739) 46.
8)
am häufigsten wird völlig als adv. im nhd. gebraucht, wofür schon in den vorhergehenden abschnitten einzelne beispiele gegeben sind; jetzt in dem allgemeinen sinne von ganz, ganz und gar, durchaus, während in älterer sprache entsprechend dem mannigfaltigen gebrauche des adj. auch das adv. eine inhaltlich reichere anwendung findet: das alles (böttcherware) ist föllig und gut gemacht Tucher baumeisterb. 108 lit. ver.; völlig von etwas reden, ragionare pieno, pienamente, ampiamente, largamente Kramer 2 (1702), 1211ᶜ; von welcher ... flüssen ursprung und lauff hernach in andern büchern völliger gesagt wird Stumpf Schweizerchron. (1606) 140ᵇ; vgl.: die übrigen sätze ... sind völliger (reicher, durchgehender) gegliedert O. Jahn Mozart 4, 107. — vor einem maszbegriff: hafen, darein völlig (reichlich) iij gute masz gehen Gäbelkover arzneib. (1595) 1, 14;
... und wann die streiche leer, und wann sie völlig (mit erfolg)
so rauscht es in der lufft fallen,
Dietrich v. d. Werder Ariost. 19, 83.
in ganzer anzahl:
(die natur) hat nicht masse genug, die reihen der zähne
völlig zu pflanzen und auch geweih und hörner zu treiben
Göthe 3, 90 W.
a)
im sinne von ganz und gar, oder von vollends vor verben: jemand völlig vergnügen, sein mütlein völlig kühlen Kramer 2 (1702), 1211ᶜ; darumb kan sein gesetze auch bey uns nicht yn allen stücken rund und völlig gelten Luther 30, 3, 225 W.; hätte ich der allergreulichsten abgötterey ... noch lang nicht völlig resignirt Grimmelshausen Simpl. 4, 686 Keller; ich habe mir eingebildet, meinen dichter völlig zu verstehen Lessing 8, 5 M.; weil sie (farben) dem auge, theils völlig, theils grösztens zugehören Göthe w. II 1, 1 W.; diese (romane) verbiete ich dir hiermit völlig IV 1, 27; deine thränen brechen mein herz völlig Iffland theatr. w. (1827 ff.) 2, 244; so recht! laszt uns das gesindel völlig in die pfanne hauen H. v. Kleist 2, 273 Schm.; völlig vereckt oder hochgereckt hat der hirsch sein gehörn, wenn es ganz ausgewachsen ist Behlen forst- u. jagdkunde 6, 167; ehe er sich völlig aufgerichtet hatte G. Keller ges. w. 1, 107;
jetzt scheren wir den bart so völlig ab, so rein
Logau sinnged. 277, 38 E.;
von welcher seite Saladin, im fall
es völlig wieder losgeht, seinen feldzug
eröffnen wird
Lessing Nathan 1, 5;
und verliesz dich nicht völlig der geist des groszen Odysseus
(οὐδέ σε πάγχυ γε μῆτις Ὀδυσσῆος προλέλοιπεν)
Vosz Od. 2, 279 B.;
nun erfüllet sichs, dasz alle noth
mit meinem leben völlig enden soll
Göthe 10, 26 W.
b)
vor partic. und adj.: schlagen ihn vollig tod Hennenberger preusz. landtaffel (1595) 93; euch, mein herre, der parthische prinz völlig bekant ist A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 36; bey noch nicht völlig eingetretenem frühlinge Brockes ird. vergnügen 4, 14; ein völligglücklicher staat ist ein Utopien Herder 16, 301 S.; diejenigen parteien, in welche sich die christliche religion theilt, waren ihm völlig gleichgültig Göthe 46, 26 W.; und was völlig unbegreiflich bleibt Tieck (1828 ff.) 1, 148; das läszt uns völlig unangefochten in unserem gewissen Immermann 1, 18 H.; denn ich war ja nun völlig befreit und fast vergnügt Keller ges. w. 1, 148;
damit sterckst erst den adel dein,
das der an dir würt föllig schein
Wickram w. 4, 181 B.;
ich kenn ein frauenbild, das wäre völlig schön,
nur dasz der schönheit stück in falscher ordnung stehn
Logau sinnged. 14 E.;
ist
es denn schon völlig ausgemacht? erwiesen?
Lessing Nathan 5, 7;
himmel, werde völlig heiter
Göthe 5, 16 W.;
sag! willst du völlig freye hand mir lassen
Schiller Piccolomini 2, 6;
doch hassen soll man nur das völlig böse
Grillparzer 8, 15 S.
c)
vor adverbien, adverbial wirkenden satzgliedern: christ: dazu hat der verfasser seine abhandlung ... vorausgeschickt. rabbi: nicht völlig dazu Herder w. 1, 278 S.; Anselmo: wars nicht so? Francesco: nicht völlig so Gerstenberg Ugolino 224 nat. lit.; der grosze diplomatische convent ging drey tage nach meiner ankunft völlig auseinander Göthe br. 32, 51 W.; der Italiener sasz völlig im schatten Brentano ges. schr. (1852 ff.) 5, 306; mir völlig nach dem munde oder zu gefallen zu sprechen G. Keller ges. w. 4, 45;
mein rath ist aber der: ihr nehmt
die sache völlig, wie sie liegt
Lessing Nathan 3, 7;
eine hohe noblesse bedien ich heut mit der flöte,
die, wie ganz Wien mir bezeugt, völlig wie geige sich hört
Schiller 11, 136 G.
völlig nachgestellt: wenn er (der messias) in dem glanze völlig gewandelt hätte, in dem ihn K. (Klopstock) erblicket Herder w. 1, 278 S.; wollte ich mich zur hütte nicht völlig wagen Hafner ges. lustsp. (1812) 1, 62;
noch bin ich auf
dem trocknen völlig nicht
Lessing Nathan 2, 2.
d)
vor subst. und satzgliedern verschiedener art: dasz sie mich nicht völlig als einen unbekannten betrachten werden Lessing 2, 43 M.; es ist aber v. die idee der vestalinnen Göthe tageb. 1, 228 W.; es ist völlig nacht auf der scene Schiller Tell 2, 2; man kriegt v. lange zähn, wenn man da zuschaun musz Nestroy ges. w. (1890 ff.) 1, 43;
allein er wollte ja, bedurfte ja
so völlig nichts
Lessing Nathan 1, 2;
und wuszt es artig zu machen,
dasz ich halb ihr gesicht, völlig den nacken gewann
Göthe w. 1, 253 W.
in derber sprache: das ist mir v. wurst, völlig gleichgültig. — völlig vor zahlen s. oben unter 1.
e)
einige besonderheiten des mundartlichen gebrauchs.oberd. im sinne von beinahe: ich bin v. fertig Fischer 2, 1629; er ist v. närrisch, völlig betont, ganz närrisch; dagegen: er ist v. nárrisch, beinah, so gut wie närrisch Schmeller-Fr. 2, 840, vgl. Schöpf tirol. idiot. 791; Lexer kärnt. wb. 100; bereits: es wird v. 12 uhr sein Fischer a. a. o. vgl. schweiz. idiot. 1, 785; hier auch im sinne von sehr (v. viel), oder als bejahungspartikel; stets, immer Schmeller-Fr. 2, 840; völligfort, immerfort.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1933), Bd. XII,II (1951), Sp. 667, Z. 29.

völliglich, volliglich, adj. und adv.

völliglich, volliglich, adj. und adv.;
schon unter völlig (zu anfang) ist bemerkt, dasz das volleclîch älter ist als volles; im ahd. ist sowohl das adj. wie das adv. belegt (Graff 3, 485): kib in tougeno in iro herzon folleclichen lôn Notker ps. 78, 12; uuerdent an den liut folleglicho fernomen 108, 1; bei Notker findet sich auch ein f. folleglîchî, plenitudo und ein verb. gîfolleglîchôn. — mhd. belege für das adj. und das adv. (volleclîche, -lîchen) s. im mhd. wb. 3, 363ᵃ und bei Lexer 3, 447; vgl. Jelinek mhd. wb. 881; Fischer schwäb. wb. 2, 1629. abgesehen von dem eintreten des umlauts ist die nasalierung des -ec in vollec bemerkenswerth: vollenc-, vollenglich: zu vollenglicher nutzung selbigs jars zimm. chron. 4, 171. vollentlich erklärt sich durch anlehnung an vollen, vollend: wär ain zaichen, das im nitt volentlich recht wäre Tauler sermones (1508) 187ᵃ;
und trenkete si vollentlichen
Bruno von Schonebeck 509;
zusammengezogen zu folcklich quelle bei Diefenbach-Wülcker 585 (1450); das sust mit geschrift nit völlklich wer ze beschechen Niclas von Wyle transl. 36 lit. ver.decoquare, folleclich kochen Diefenbach gloss. 168ᵇ; plene, völlenklich nov. gloss. 295ᵃ; völligklich, ubertim Dasypodius 449ᵇ; copiose, völligklich, überflüssigklich, reychlich Frisius dict. (1556) 332ᵇ; völligklicher, uberius Maaler 471ᵇ; fölliglichen Bellin rechtschreibung (1657) 111; völliglich, plenarie, purius autem omnimodo Stieler 2390; völlig, volliglich, it. vollends, adv., pienamente Kramer 2 (1702), 1211ᶜ; volliglich, copiose, ubertim, plene manu, plene; völliglich, überall, omnino, prorsus Dentzler clavis linguae lat. (1716) 335ᵇ. im 18. jh. verschwindet das wort aus dem allgemeinen sprachgebrauch bis auf vereinzeltes vorkommen: die wange und das kinn sind rund und völliglich Heinse 8, 130 Sch.; diese wiederaufnahme ist besonders auffallend, weil der gebrauch des adj. längst aufgegeben war.
1)
adv., in fülle, reichlich, in reichem, im vollsten masze u. ä.: volliglich oder fruchtperlich, ubertim voc. von 1482 ll 8ᵃ; profluenter, uberflüssigklich, reychlich, völligklich, gnugsamlich Frisius dict. (1556) 1069ᵃ; ich fürchte mynen herren gar ser, der mir die spis gyt, wie wol er daz nit v. tuot Steinhöwel Äsop 221 lit. ver.; wachszt kostlich weyn ... und sonst an vilen orten mehr, so v., dasz die gantze teutsche nation an guͦtem weyn kein mangel hat Stumpf Schweizerchron. (1606) 56ᵃ;
die armen tröst gar milticlich,
gen in beweis dich süsziclich
nach deinem vermügen völliclich
Hätzlerin s. 261 (nr. 61);
du thust mich auch nach allen maszen trencken,
von deinen gnaden völliglich einschencken
Wüstholz bei Fischer-Tümpel kirchenl. 3, 157.
ausführlich (vgl. völlig 3): weytlöuffig, völligklich und der lenge nach, plene scribere Maaler 471ᵇ; wie das in der urteil über den procesz geben von obegemelten abt uszgesprochen vollicklicher begriffen wird Tschudi chron. helv. (1734 ff.) 1, 129; in guten scribenten weitläufftiger, reichlicher, auszführlicher, völliglicher Comenius janua (1644) 318. mit zahlvorstellungen, reichlich oder ganz (vgl. völlig 1): sind zuͦ Schaffhausen v. die dreyteil der statt gar jämerlich und schädlich verbrunnen Stumpf Schweizerchron. (1606) 416ᵇ; zweyhundert jar völligklich haben, explere annos ducentos Maaler 471ᵇ.
2)
mit leichtem übergang vollständig, vollkommen, ganz und gar, durchaus: ein rächtshandel v. darthuͦn und fürbringen, perorare causam aliquam vel litem Maaler 471ᵇ; ein iedes holtz von leng und grosz volliglichen hawen und pringen Tucher baumeisterb. 37 lit. ver.; die iren lust nemen volliglich an zeitlichen dingen Tauler sermones (1508) register 5ᵃ; so den solchs alles ... v. beschehen und volzogen worden ist Luther 18, 338 W.; ich mein rechnung schon volligklichen beschlossen hat Wickram w. 1, 195 B.; so soll sie dasselbe volliglichen ohne behelff, so weit ihr gut reichet, zu zahlen schuldig sein Rätel Curäi chron. von Schlesien (1607) 472;
erst bin ich völliglich gewert
was ich von hertzen hab begert
H. Sachs 14, 152 K.-G.;
davon sie (meine hand) ihres leibs und höchsten schönheit
gelehret völliglich die weite welt mög lehren pracht
Weckherlin ged. 2, 318 F.;
wer sie (tugend) völliglich besitzt,
der hat alle schätz und güter
Knittel poet. sinnsprüche (1677) 16.
verstärkt:
das ich völliclich noch gar
ir schön nit kan bedeuten
Hätzlerin s. 264 (nr. 68);
werden die vorgenanten weg behalten vollicklich gentzlich bis yn das ende des leiplichen lebens theologia deutsch 45 M.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1933), Bd. XII,II (1951), Sp. 677, Z. 69.

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Zitationshilfe
„völliglich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/v%C3%B6lliglich>, abgerufen am 07.03.2021.

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