verbeiszen verb
Fundstelle: Lfg. 1 (1886), Bd. XII,I (1956), Sp. 99, Z. 65
zusammenbeiszen, durch beiszen beschädigen, mhd. verbîʒen.
1)
intransitiv: der auerhahn verbeiszt, hat verbissen, er schlieszt den schnabel, hört auf die töne auszustoszen, wodurch er den hennen ruft. Heppe wohlred. jäger 304.
2)
transitiv.
a)
verstärktes beiszen, zusammenbeiszen; zähne, mund verbeiszen: damit lachte Crobyle und Corinna verbisz das maul auch ein wenig. Schuppius 476; dieser lächelnde mund ist doch halb verbissen. Stolberg 8, 12.
b)
durch zusammenbeiszen der zähne etwas in stücke beiszen, vernichten, dentibus consumo Steinbach (1725) 23: speisen, fleisch verbeiszen u. s. w. beim anbeiszen gröszerer gegenstände, die nicht zermalmt werden können, hat verbeiszen die bedeutung durch bisse beschädigen: die ameisen, die flöhe verbeiszen den körper der menschen und thiere; so verbeiszen, technischer ausdruck in der ökonomie vom abbeiszen des jungen holztriebes und aufwuchses von seiten des wildes. Weber termin.-öcon. lex. 2, 611; verbissene bäume, solche bäume und stauden, welche in der jugend beschädigt, z. b. vom vieh abgebissen und dadurch in ihrem wachsthum gestört worden sind (krüppelbüsche, kuhmäuler). Heinsius volksth. wb. 4, 2, 1263. Nemnich 5, 613.
c)
durch zusammenbeiszen der zähne, des mundes unterdrücken, eine geberde, einen laut zurückhalten; dann von leidenschaften, gefühlen, die auf den gesichtsausdruck wirken, das lachen, den schmerz u. s. w., dissimulare Stieler 129: da war lachen zu verbeiszen. Schweinichen 2, 233; ich muszte zwar lachen, verbisz es doch so gut ich konte. Simplic. 1, 257, 6 Kurz; ich konte das lachen schwerlich verbeiszen, dasz man mich nicht hörete. 3, 292, 20; alle schmerzen verbeiszen ... sind züge des alten nordischen heldenmuths. Lessing 6, 378; wenn wir sehen, dasz der leidende alles mögliche anwendet, seinen schmerz zu verbeiszen. 6, 399; der fürst verbeiszt nur augenblicklich seinen zorn. Göthe 45, 36; sie fuhr auf einmal nach dem herzen, wie mit einer gebärde, welche schmerzen verbeiszt. 18, 228; viel stärker ergreift uns der verbissene stumme schmerz, wo wir bei der natur (durch thränen) keine hülfe finden. Schiller hist.-krit. ausg. 10, 160; die tödtlich zermalmten herzen schieden mit verbiszenem weh aus einander. J. Paul 9, 257; er schlug aufs neue feuer und schlug sich dabei mehrmals auf die finger, so dasz er den schmerz verbeiszend den kopf schüttelte. Auerbach forstmeister 1, 124;
ihm machen, wie er einherstolziert,
mit kaum verbisznem lachen
die knappen raum.
Wieland 18, 321;
ich kann das lachen kaum verbeiszen,
wenn du ihn lobst.
Gotter 1, 153;
nicht mehr verbeisz' ich diesen herben kummer.
Uhland ged. (1834) 467;
er hörte sie wohl, und erkannte sie wohl und verbisz die gerechte verachtung.
Platen 303;
in freierer verwendung, eine sache verbeiszen, die gemütsbewegung unterdrücken: lasset euch euern schaden von gott zugefüget sein und verbeiszets umb seinen willen. Luther briefe 4, 569; das wird all zu verbeiszen sein. Göthe 57, 197; es ist schön jeden verlust zu verbeiszen, aber nicht den eines herzens. J. Paul 9, 69;
je mehr du hier vor schmertzen must verbeiszen,
je mehr du dort ein freudenkind wirst heiszen.
Fleming 286.
d)
reden, wörter, silben verbeiszen, unterdrücken (heute geläufiger verschlucken): aber David feret heraus, und nimpt kein blat für das maul .. und wil nichts verbeiszen. Luther 6, 165; ich muste noch darzu mein anligen verbeiszen. Simpl. 1, 434, 7 Kurz; es ist unmöglich, sagen sie, dasz alle diese silben haben verbissen werden können, wenn man hat verstehen sollen, was in denselben gesagt ist. J. E. Schlegel 3, 91.
3)
reflexiv, sich verbeiszen, sich festbeiszen.
a)
sinnlich in der waidmannssprache: verfangen oder verbeiszen ist, wenn hitzige hunde an etwas gehetzet werden und so stark fassen, dasz sie sich nicht wieder losmachen können, sondern abgebrochen werden müssen. Heppe wohlred. jäger 308; von enten: wenn man auf denen teichen .. enten anschieszet, denselben die hunde nachlässet .. so gehen die gelähmten enten unter das wasser und verbeiszen sich. 304. mit angabe des ortes: da liesz Jonathan seine last hinabgleiten und wehrte dem hunde, der immer noch heulte und dazwischen sich in dem rockschoosz des geretteten verbisz. Heyse b. d. freundsch. 19.
b)
auf abstracte dinge angewandt: es ist prächtig, dasz der scharfsinnige prinz sich in den mystischen sinn des mährchens so recht verbissen hat. Schiller an Göthe 1, 279; die sache bleibt wohl die ... dasz das deutsche kunstpublikum sich in nichts inniger verbeiszet, als in wunden und metastasen. J. Paul 26, 133; eben noch in dieser kritischen stunde hatte er sich in einen hitzigen kampf um die letzten häuser des dorfes verbissen. Häusser d. gesch. 4, 400.
4)
das part. praet. verbissen hat neben den obigen fällen, wo es in passiver bedeutung steht, sich in activer bedeutung zu einem selbständigen adjectiv entwickelt.
a)
verbissen auf etwas, sich festgebissen habend in etwas, erpicht auf: wir hatten im schlosz ein groszen hund, dieser war auf die frembde leut also verbissen, dasz kein unbekanter ohne gefahr sich nicht dörfte blicken lassen. Wättersdorff Bacchusia 385.
b)
dann sprechen wir von verbisznen menschen, verbisznem charakter, der den schmerz, ärger zu verschlucken pflegt; im verbeiszen liegt der begriff des mühsamen unterdrückens. in zweiter linie heiszt alsdann verbissen miszmutig, grämlich, da man diese stimmung als aus dem verschlucken des ärgers entstehend denkt: ein verbissenes weib, vetula mordax Steinbach (1734) 1, 116; die kleine lampe brannte hell auf dem tische und beleuchtete das verbissene profil des Demosthenes auf den büchergestellen. Heyse kinder d. welt² 3, 208; der alte sah mit einem verbissenen schweigen vor sich nieder. Meran. nov. 5, 153.
Zitationshilfe
„verbeiszen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/verbeiszen>, abgerufen am 16.06.2019.

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