Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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verdrieszen, verb.

verdrieszen, verb.
unlust erregen, zusammensetzung zu drieszen, drieʒen, welches ahd. und mhd. vorkömmlich, nhd. bis auf wenige reste (theil 2, 1409) ausgestorben ist. das wort geht auf den stamm thrud zurück (Fick indog. wb. 3, 140), der in den germanischen sprachen sich in der bedeutung belästigen nachweisen läszt. da hiemit lat. trudere verwandt ist, so könnte wol die ältere sinnliche bedeutung stoszen gewesen sein, mhd. verdrieʒen, mnd. vordreten, in den verwandten sprachen schwed. förtryta, dän. fordrŷde. die flexion des zeitworts ist die starke. durch anähnlichung der formen an einander sind änderungen im nhd. gegenüber dem mhd. eingetreten, das mhd. prät. verdrôʒ, verdruʒʒen lautet heute verdrosz, verdrossen, indem der plur. sich im vocale dem singular, der singular in der quantität dem plurale angeglichen hat.der mhd. sing. des präsens verdriuʒe, verdriuʒes, verdriuʒet hat sich im nhd. meist dem plurale angeähnelt verdriesze, verdrieszest, verdrieszt, in älterer zeit aber und in der gehobenen sprache der neuzeit hält man in der 2. und 3. person am mhd. fest, nur mit nhd. verbreiterung. so haben Maaler 417ᵃ und Stieler 334 verdreuszt; verdriesze, verdreust, verdreust Schottel 600; Steinbach (1724) verdriszt neben verdreuszt 57; Frisch dagegen nur verdrieszt 1, 206ᵇ; Adelung führt verdreuszest, verdreuszt als in Oberdeutschland üblich an. in der literatur hat z. b. Luther die ältern formen, bis in die neuzeit hinein tauchen sie hier und da auf, z. b. bei Günther, Bürger, Wieland, s. unten.
1)
unpersönlicher gebrauch.
a)
es verdrieszt mich, es erregt mein unbehagen; das den verdrusz erregende steht entweder im genitiv, in einem abhängigen satze oder mit infinitiv beigefügt. so durchaus im mhd.:
die boten von den Hiunen vil sêre dâ verdrôʒ,
wande ir vorhte zir herren diu was harte grôʒ.
Nibel. 1419 Lachmann;
nhd. szo wil ich erredten mein gewissen und das maul auff thun, esz verdriesz bapst, bischoff oder wen es wil. Luther an den adel 45 neudr.; da sich gott zu seines bruders opffer so freundlich hielt, zu seinem aber nicht, wird er zornig .. und verdros jn ubel. werke 4, 35; vertreust es die jenige, so ich getroffen, warum haben sie dann nicht tugendlicher gelebt? Simpl. 3, 166, 3; es verdrosz meinen vater um desto mehr, je mehr er sah, dasz ich auch derselben meinung war. Göthe 34, 29;
die münch die führen lange spiesz,
ich glaub wol, dasz es sehr verdriesz
die landsknecht und manch dollen reutter,
weil sie die münch vertringen leider.
Fischart dicht. 1, 25, 855 Kurz;
ich will lachen, ich will scherzen,
ob es gleich den neid verdreust.
Günther 179.
b)
das verdrusz verursachende im genetiv beigefügt: mhd.
ir beider êren in (den vîend) verdrôʒ.
Hartmann Greg. 137;
vil liute des hât verdroʒʒen,
den diz mær was vor besloʒʒen.
Wolfram Parz. 734, 1;
ir ringen was michel unde grôʒ,
daʒ sîn den fürsten gar verdrôʒ.
Laurin 541 Jänicke;
des gewaltes den Bernære verdrôʒ.
385;
nhd. das innerlich aber und verborgen dieser weisheit ist nichts anders, denn gründlich erkennen sich selbs .. allzeit sein verdrieszen und nach gott sehnen. Luther 1, 32ᵇ; wer wolte sich der mühe verdrüszen lassen, die mit einem segen belohnt wird? Butschky Patmos 734;
nu wol uff, ir leben gesellen,
helffet mer den tisch bestellen
und losszet uch des nit vordrisszen!
Alsfelder passionssp. 894 Grein;
darumb des tods mich nit verdreuszt.
Schwarzenberg 151⁴;
jedoch genug! mich will des zeuges fast verdrüssen.
Günther 406,
anlehnung an verdrusz;
mich verdreuszt des schalen lebens.
Kosegarten bei Campe unter schal.
c)
im ältern nhd. wird, wenn das ursachgebende eine person ist, dieselbe durch eine präposition beigefügt. es ist die bezeichnung der richtung, die das verdrieszen nimmt: dasz michs ganz verdreuszt auf den landgrafen. Luther br. 5, 339; aber ich richtet nichts aus, also das michs auch hoch verdros auff den kurfürsten. werke 3, 44ᵇ; er wird gleich zornig drüber und verdreuszt jn auff die unnützen wesscher, das sie als aus groszer klugheit daher spotten. 6, 256ᵃ; welches mich auff sie nicht wenig verdreust. Ayrer proc. 1, 11; weil du aber hast wollen angesehen sein, als ob du geschickter und klüger wärest als ich, ... das hat mich ... auf dich dergestalt verdrossen, dasz ... Philander 557; mit nachahmung der älteren sprache: es verdreuszt mich auf mich selbst, dasz ich vom nichtreden geredet habe. Klopstock 12, 109;
vertreust mich nit weng auff euch bede.
H. Sachs 3, 1, 173 (11, 141, 1 Keller).
d)
das verursachende in einem infinitivsatze mit zu beigefügt: mhd.
swie mich ze lebene nie verdrôʒ,
nu verdriuʒet mich sô sêre,
daʒ ich nimmer mêre
gerne gelebe einen tac.
klage 970 Holzmann;
den wirt dô bî den gesten dâ ze wesene verdrôʒ.
Nibel. 578 Lachmann;
nhd. und Rebecca sprach zu Isaac: mich verdreuszt zu leben für den töchtern Heth. 1 Mos. 27, 46;
mein herr, es vertreust mich zu leben.
H. Sachs 1, 22 (1, 101, 20 Keller);
in mir ist fülle der kraft noch,
darum verdreuszt mich sogar, zu wagen zu steigen.
Bürger 223ᵇ.
e)
durch abhängigen satz: mich verdreuszet, das wir solch unvorschampt, grobe tolle lugen mussen im geistlichen recht leszen. Luther adel 38 neudruck; solte nicht ein christenmenschen verdrieszen, das man mit leiblichem fewr und tod ... für nimpt die leut zu schrecken? werke 1, 51ᵇ; es verdros jn ubel, das er den pfaffen so gelobt und doch gefeilet hatte. wider Hans Worst 49 neudruck; darumb wo er sie nicht kan zu sünden bringen .. ists jn gar bitter leid, verdreuszt jn, das sie from sind. 11; gott verdreuszts sehr, dasz man ihn nicht für einen gott halten will. tischreden 2, 54;
und es sollte nun mich nicht verdrieszen,
dasz mich so ein schuft besitzen soll?
Wieland 18, 376;
wann ihr solches thätet, so würde es die dames verdrieszen. Simpl. 1, 376, 13 Kurz;
noch vertrüszt die flöhstiberin,
wann ich nur an aim härlin spinn.
Fischart dicht. 2, 65, 2411.
f)
die person, die verdrusz empfindet, steht im dativ: verdrosz es dem könig. pers. rosenth. 1, 44; verdreust es der biene. Lokmans fab. 24; dir verdreust, dasz sie (die reichen) was haben. pers. rosenth. 7, 20 (89).
2)
während im mhd. die unpersönliche construction die gewöhnliche und die persönliche nicht nachgewiesen ist, zeigt das nhd. gleich von anfang an die letztere in zahlreichen belegen.
a)
selten ist der nominativ die verdrusz erweckende person und der gegenstand, durch den verdrusz entsteht, durch präposition beigefügt: er verdrosz ihn durch seine rede, mit seiner rede;
dasz ich allzeit mit deiner huld
all meine werck (mit keiner schuld
dich allein mein lieb zu verdrieszen)
mög wol anfangen, wol beschlieszen.
Weckherlin vorr. zu den psalmen 6.
b)
sächliches subject, die person oder die sache, welche verdrusz empfindet, im acc.: das hat sie aber verdrossen, und mir darumb feind worden. Luther 1, 40; meine seele verdreuszt mein leben, ich wil meine klage bei mir gehen lassen. Hiob 10, 1; weil mich dieses schier ein wenig verdrosz, fragte ich ... Philander 1, 20; das hat mich ... auf dich dergestalt verdrossen gemacht, dasz. 1, 557; das verdreuszt seinen feind. Schuppius 3; inzwischen verdrosz mich die schändliche ... beschuldigung weit grausamer als die andere affaire. Felsenb. 1, 52; das hat mich empfindlich verdrossen, dasz er unverschämt genug gewesen ist, eine nichtswürdige verläumdung nachzuplaudern. Lessing 12, 26; was mich verdreuszt, ist nur, dasz man nicht warten kann, bis der mann gestorben ist. Wieland in Mercks briefs. 2, 112; nach dem vorhergegangenen konnten mich solche krankhafte symptome nicht verdrieszen. Göthe 30, 230;
ich wel mich dar zu flisszen,
mich sal kein wegk vordrisszen.
Alsfelder passionssp. 8032 Grein;
das sail uns bilch alle verdrisszen.
2359;
was ich gern het, das thut sie nit,
was sie vertreust, ist mir wol mit.
H. Sachs 1, 476 (5, 44, 9 Keller);
die krippen hart ihn nicht verdrosz.
Wackernagel kirchenl. 3, 13, 17ᵇ;
dan wie mögen die menschen doch
sein so vergönstig, neidig noch,
das sie auch solle dis vertrisen,
wan man irs uberflusz will gnisen?
Fischart dicht. 2, 62, 2321 Kurz;
nein aber auszer dich sind bürger noch daneben,
die disz verdrossen hat, gemurmelt wider mich.
Opitz 1, 173;
soll dich misgunst und unverstand
weder verhindern noch verdrieszen.
Weckherlin 336;
mich selbst verdriest mein murrisch wesen
und gleichwohl ändert mich kein zwang.
Günther 191;
der thiere fürst, den solch ein grusz verdrosz,
erwiedert ihn mit einer langen schramme.
Wieland Oberon 4, 25.
c)
die person steht im dativ: solchs hat ihm so verdrossen, dasz er mich damit gegen m. gn. h. hat wollen verunglimpfen. Luther br. 3, 379; welches dem könig sehr verdrosz. pers. rosenth. 1, 42; wem arbeiten verdreuszt, der musz hungers sterben, fame pereat, quem laboris taedet. Stieler 334; das verdrosz ihm. Liscov 579;
der kundt den kieff nit lenger leiden,
den er so lang het angehort:
im verdrossen die lesterwort.
Waldis Esop 3, 48, 11 (1, 363 Kurz).
d)
häufig ist die verbindung sich etwas nicht verdrieszen lassen, die person im acc. oder dativ: lasz es dich (dir) nicht verdrieszen, dasz ich nicht komme; lasz dich nicht die mühe verdrieszen, diese stelle nochmals nachzusehen; genug, dasz ich mir keine mühe dauern und auch um einen pfenning keinen weg verdrieszen lasse. Gellert 3, 211; er (ein echter Deutscher) wird sich die mühe nicht verdrieszen lassen, in dem kothe der alten Deutschen Ennius gold zu suchen. Herder 2, 169;
das lat uch nit vordrieszen.
Alsfelder passionsspiel 3247 Grein;
laszt euch kein arbeit nicht verdriesen.
Fischart dicht. 2, 185, 217 Kurz;
er läszt immer fort zu frein
sich die mühe nicht verdrieszen,
setzt den antrag zu versüszen,
stets die frau zur erbinn ein.
Gotter 1, 48;
sich einer sache verdrieszen lassen:
da lieszen sich die herrn der mühe nicht verdrieszen,
durch leckre kost und schmeichelein
des alters bitterkeit ihm willig zu versüszen.
Gökingk (1821) 3, 214.
3)
reflexiver gebrauch:
solt aber jemand sich verdrieszen,
ab unsrer lieb anblicken fahrt.
Weckherlin 395 (od. 1, 16, 3).
4)
partic. prät. in adjectivischem gebrauche.
a)
verdrossen, verdrusz hegend: mhd.
hêr Mûl ir müeʒentʒ nu har geben,
verdroʒʒen wil ich iuwer leben
machen, daʒ geloubent mir;
dar ûf sô stât mîns herzen gir.
Boner edelst. xl, 13 Pfeiffer;
verdroʒʒen ist alweg dîn muot,
du ruowest weder nacht noch tag,
dâ von sich nicht gelîchen mag
dîn swacheʒ leben und daʒ mîn.
xli, 13;
nhd. wer in den dienst gotz träg unn verdrossen ist, by dem ist nicht der hailig geist. Keisersberg granatapf. E 3ᵈ;
die nicht weiber haben,
wüntschen ihre gaben;
die sie nun genossen,
werden drob verdrossen.
Logau 3, 19, 83 (458 Eitner);
sonst macht er das volk unwillig und verdrossen. Kirchhof disc. mil. 31; ein weib am ruder des staats, die provinzstatthalter verdrossen und zur nachsicht geneigt. Schiller hist.-krit. ausg. 7, 179;
ich suchte mein verlornes gar verdrossen.
Göthe 2, 9;
die sorge für das, was ihm von ihr übrig geblieben war, hielt ihn zurück, sich einer traurigkeit völlig zu überlassen, welche ihn lange zeit gegen alle freuden des lebens gleichgültig und zu allen beschäftigungen desselben verdrossen machte. Wieland 2, 82;
Thraco meint: zu Amors possen
sei er viel zu viel verdrussen.
Logau 3, 62, 26 (497 Eitner);
mit angabe desjenigen, das den verdrusz (überdrusz) erregt: derhalb er seines predigens müde und verdrossen wird. Luther 3, 229ᵇ; zuweilen werden die herrn und fursten desz langen zufeldtliegens .. verdrossen und machen darumb einen anstand auf etliche monaten. Kirchhof disc. mil. 200; (da) Moyses aber als ein alter unvermöglicher mann und seines viel reisens halben verdrossen ware. Ayrer proc. 2, 8;
dann ich bin schier der welt verdrossn.
J. Ayrer 143ᵃ (1, 7161 Keller);
Cupido einmahl sehr verdrossen,
dasz er hat so vil pfeil umbsunst
auf meine myrta losz geschossen,
die niemals achtet seiner kunst,
erwöhlet, jhre zarte schosz
zu wunden, zornig ein geschosz.
Weckherlin 39, 1 (od. 1, 14, 1);
dazu spricht der text ... wie sie jre schwester geneidet hat und auf sie verdrossen. Luther 4, 165ᵇ;
auch williglich vermeid ich deinen schein,
als ab dem liecht verdrossen.
Weckherlin 465 (od. 2, 14, 2);
gern von körperlichem müde, träge sein gesagt: der regiments schultheisz war aber nicht so curios, sondern vom marchiren müd und verdrossen. Simpl. 1, 213, 23 Kurz; machte mit seiner überaus langen rede selben zimlich matt und verdrossen. Schuppius 403;
mein augen stehn verdrossen,
im hui sind sie geschlossen.
P. Gerhard 61, 37 Gödeke;
als ich noch
ein jüngling war, hatt ich die zunge sehr
verdrossen und die hand zu thaten schnell.
Stolberg 14, 258;
wenn ein verdrosznes blut in schlaffen adern schleicht.
Uz 31;
kunstausdruck der jägersprache: 'verdrossen also wird gesagt, wenn ein hund wetterleinisch ist und kaltsinnig suchet: der hund ist verdrossen.' Heppe wohlr. jäger 307.
b)
verdrossen in der bedeutung verdrusz bringend, selten: da er (Moses) von heiligen vetern schreiben wolt, kund er nicht von guten wercken unn exempeln schreiben ... und solchs narrenwerck daheim lassen, welchs sonderlich den geistlichen leuten verdrossen zu lesen ist? Luther 4, 143.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1888), Bd. XII,I (1956), Sp. 244, Z. 66.

verdrieszen, n.

verdrieszen, n.,
substantivischer infinitiv des vorigen: mhd.
der vil tugenthafte stam,
darûf er pfropfte sîn leben,
was alumme dâ beneben
mit der mâʒe alsô besniten,
daʒ er an eteslîchen siten
nicht lieʒ dar ûs entsprieʒen
vergeʒʒen und verdrieʒen.
passional 192, 38 Köpke;
grosze herren, die nit frid mit einander haben wöllen, so einem ein klein verdrieszen geschicht, so wil er es rechen, und ziehen ubereinander .. Pauli schimpf 38 Österley;
mein hertz hab der sünd verdrieszen, werd gesellet Criste zu dir.
Wackernagel kirchenl. 2, 876ᵇ (vom j. 1501);
o Jesu mein, du schöner held,
lang warten macht verdrieszen.
Spee 5, 41 Balke;
gleich zu sein unter gleichen,
das läszt sich schwer erreichen,
du müsztest ohne verdrieszen,
wie der schlechteste zu sein dich entschlieszen.
Göthe 2, 252;
vgl. schon mhd. âne verdrieʒen, ohne müde, träge zu werden:
die heiden ûf sie slûgen
âne verdrieʒen, mit unfûgen.
Ludwigs kreuzfahrt 5189 Hagen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1888), Bd. XII,I (1956), Sp. 248, Z. 11.

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Zitationshilfe
„verdrieszen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/verdrieszen>, abgerufen am 24.10.2020.

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