verdrusz m
Fundstelle: Lfg. 2 (1888), Bd. XII,I (1956), Sp. 255, Z. 1
taedium, fastidium, mhd. (selten) verdruz, verdrutz, fehlt mnd., häufiger mhd. urdruʒ m. (vergl. ahd. urdruʒî), welches heutigem, ungebräuchlichem erdrusz entspräche, ein einfaches druʒ, drusz ist nicht nachgewiesen. in den glossarien des 15. und 16. jahrh.: verdrosse, verdrusse, verdrusz, vertrusz, taedium Dief. 575ᵃ, accidia 7ᶜ; heute hat verdrusz das ältere verdriesz verdrängt. das bei Fleming vorkommende verdreusz setzt ein älteres verdriuʒ voraus.
1)
das verdrieszende, was verdrusz bringt: bleib ich aber daheim, so hab ich meine ruge an jr, denn es ist kein verdrus, mit jr umbzugehen noch unlust umb sie zu sein, sondern lust und freude. weish. Sal. 8, 15. 16; es ist ein groszer verdrusz bei der sache, res plena molestiarum est. Stieler 335; einem ein verdrusz sein, odiosum esse alicui. Frisch 1, 206ᶜ; eine erinnerung des vergangenen, der zeiten, da ich dies lied gehört, der düstern zwischenräume, des verdrusses (mit dem grafen), der fehlgeschlagenen hoffnungen. Göthe 16, 141;
wir kommen selbst mit unserm angebinde
durch weile und verdrusz, durch regen und durch winde.
Fleming 68;
sein zärtlich thun ist jetzt ihr herzlichster verdrusz,
sein scherz unleidlich plump und ekelhaft sein kusz.
Wieland Oberon 6, 55;
manche töne sind mir verdrusz, doch bleibet am meisten,
hundegebell mir verhaszt.
Göthe 1, 285;
das bedeutet verdrusz, so sagen bedenkliche leute,
wenn beim eintritt ins haus nicht fern von der thüre der fusz knackt.
40, 321;
(im sommer) da sprossen hundert bräulich rothe flecken,
die zum verdrusz die weisze haut bedecken.
41, 78;
hat vil die unleidenlich bürd und verdrusz der knechtschafft in die clöster gejagt. Frank weltb. 35ᵇ;
ich sol von Zlatna schreiben,
das den verdrusz der zeit mir kan sowol vertreiben
mit seiner groszen lust.
Opitz 1, 131, 114.
2)
mundartlich ist verdrusz vielfach schiefer wuchs, höcker: einen verdrusz haben. Heinsius 4, 2, 279; vgl. Schmeller 1, 569 Frommann. Frischbierpreusz. wb. 2, 429. Fischbach Dürener mundart 175; auch thüringisch.
3)
die durch das verdrieszende hervorgerufene ärgerliche stimmung, nicht immer streng vom vorigen zu trennen: dieser (der geist im Hamlet) sprach mehr mit einem tiefen gefühl des verdrusses als des jammers, aber eines geistigen langsamen und unübersehbaren verdrusses. Göthe 19, 205;
dies ist der innre trieb, der tief in uns gesenket,
mit dringender gewalt die herzen zu dir lenket,
den selbst ein Kremonin mit ängstlichem verdrusz
zu oft für seine ruh, im busen fühlen musz.
Wieland 37, 39;
heftig wandte Here sich um und fürchterlich blickend
sprach sie voller verdrusz, zur traurigen kränkende worte.
Göthe 40, 348;
mit gleichartigen begriffen zusammengestellt: ich vordyn hie nichts mehr bei inen, dan allein vordrusz und widerwillen; mich bedüngkt der neit und der verdrusz sei vast grosz. ernest. ges.-archiv v. j. 1523; verdrusz und unlust bringen, offensioni esse, verdrusz und müysäligkeit, taedium, fastidium, molestia, contemptus. Maaler 417ᵇ; so bald fahen an die vermeinte herrliche dinge einen verdrusz und eckel zu bringen. Philander 1, 50; eben diese verwünschten briefe hatten mich in verdrusz und verlegenheit gesetzt. Göthe 34, 124;
dann sunst möcht ..
sein miszfallen und verdrusz
euch stürtzen in die finsternusz.
Weckherlin 7 (ps. 2, 14);
und weil nun ihre hoheit just
nicht mit dem rechten fusz heut aus dem bette stiegen,
macht ihr die allgemeine lust
verdrusz und laune statt vergnügen.
Wieland 18, 132;
mit, ohne, aus verdrusz: mhd.
swen liebe twinget unt nieht nuz
noch worte, daʒ er vriunt ist, der ist vriunt gar ân verdruʒ
unt mit getriuwem herzen.
minnes. 2, 224ᵃ Hagen;
nhd. Sathan nu geh hin an verdrusz.
H. Sachs 1, 216 (3, 4, 26 Keller);
derhalb ich ausz verdrusz
gentzlich bei mir beschlusz,
dichtens müssig zu ston.
2, 1, 1 (6, 21, 28 Keller);
da lobten sie den Reinen flusz,
das er gedultig on verdrusz
durchdring durch sein standhaftigkeit
der felsen ungestümigkeit.
Fischart dicht. 2, 190, 439 Kurz.
4)
mit verben verbunden. in dem folgenden kann meist nicht unterschieden werden, ob verdrusz in erster oder dritter bedeutung steht; zu bedeutung 1 stellen wir: indem er mich ansieht, tritt er zu mir und sagt leise: du hast verdrusz gehabt? Göthe 16, 105; es wird verdrusz geben. in folgenden beispielen ist es schwankend, da was verdrusz bringt und verdrieszliche stimmung aufs engste mit einander verbunden sind und das eine das andere zur voraussetzung oder folge hat: einen verdrusz erwecken oder bringen, afferre, exhibere molestiam; einen verdrusz empfinden, abhorrere a re aliqua; den verdrusz überwinden, taedium concoquere; es musz ein guter magen sein, der soviel verdrusz vertragen kan, bono stomacho esse oportet, qui tot nugas devorare possit. Stieler 334; es roche überall im flecken so wol nach dem kürbe gebratens und gebackens, dasz ich gleich einen lust dazu bekam und einen verdrusz empfande, dasz die bauern allein solches fressen solten. Simpl. 3, 138, 4 Kurz; euch will ich die fischkörbe wacker unter die nasen reiben, damit ihr doch auch fühlet, was sie andern nasen für verdrusz machen. Lessing 3, 65; der erste (der zwei mitschüler) macht seinen mitbrüdern verdrusz. Schiller hist.-krit. ausg. 1, 19;
niman ist kärger dan die reichen,
die jren aignen saich auch eichen,
und ab aim jden han vertrusz,
der sich nehrt bei jrm uberflusz.
Fischart dicht. 2, 25, 831 Kurz.
5)
in älterer zeit steht verdrusz oft gleich überdrusz: da schickt jn gott fleisch bisz zum verdrusz. Frank weltb. 162ᵇ; mit angabe dessen woran man überdrusz hat: er hat darab ein verdrusz gewunnen, cepit eum satietas hujus rei. Maaler 417ᵇ; er hat ein verdrusz und misfall an seinem alter, senectutis eum suae poenitet. ebenda; ich hab an allen dingen einen verdrusz, es gefallt mir alles nit, stomachor omnia; derselbig getruncken sol bringen ein verdrusz, wein zu trincken. Forer fischbuch 25ᵇ; anno 1341 ist ein solche menge karpffen die Donau heraufgestiegen, dasz man im kauffen und essen ein verdrusz darob gehabt. Dukher Salzb. chron. 188, 91 (bei Schm. 1, 569 Frommann); weil er (ihr gemahl) nicht mannlich war, hat sie seiner ein verdrusz bekommen und sich an Ludovicum gehängt. ebenda;
Jason schickt ich weg von deszwegen,
dasz ich seiner hab ein verdrusz.
J. Ayrer 243ᵇ (2, 1212, 6 Keller).
Zitationshilfe
„verdrusz“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/verdrusz>, abgerufen am 15.12.2019.

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