vergehen verb
Fundstelle: Lfg. 3 (1889), Bd. XII,I (1956), Sp. 403, Z. 60
bekennen, sagen, s.verjehen.
vergehen verb
Fundstelle: Lfg. 3 (1889), Bd. XII,I (1956), Sp. 395, Z. 54
zu ende kommen, auf falschen weg bringen.
1)
form. in ähnlicher weise, wie beim einfachen zeitworte (s. theil 4, 1, 2376) sind auch für vergehen drei bildungen anzunehmen, die sich mischen, zum theil verdrängen, zum theil ergänzen, entweder nämlich setzt sich der stamm einfach oder durch nasal verlängert mit der personalendung zusammen, die erstere bildung ist dann entweder ohne bindevocal oder mit einem solchen. sprachgeschichtlich macht die einfachere entwickelung einen älteren eindruck, in den germanischen sprachen aber ist die durch nasale weitergebildete form, wenigstens im simplex, früher nachweisbar. die einfache form drängt im einfachen wie im zusammengesetzten zeitworte die nasalierte zurück und setzt sich im präsens zumeist fest. so ist im ags. forgân im präsens nachweisbar (das präteritum wird aus dem stamme i gebildet foréode), im altfries. werden ebenfalls präsentische entwickelungen aus der kürzeren form nachgewiesen (Richthofen 751), ahd. fergât, fergânt Graff 4, 92, mhd. ebenfalls das präsens aus vergân gebildet. nur selten zeigt sich die kürzere form im präteritum, so mhd. sing. prät. vergie und die participien des präteritum ags. forgân (Bosworth 1882 310), altfries. forgên (Richthofen 751), mhd. vergân (Lachmann, Haupt minnesangs frühl. 65, 32); auch das mnd. zeigt im präsens die kürzere form und im part. prät. vorgân Schiller - Lübben 5, 352. während die kürzere form im präs. herrscht, ist der hauptsitz der nasalierten weiterbildung das präteritum, so ahd. farkiank, das wir aus den zusammengesetzten formen anafarkiangun, anaforkiangun, invaserunt Graff 4, 93 erschlieszen, mhd. vergienc, md. verginc in zahlreichen belegen; daneben die alts. erschlossenen formen fargêng, fargengun, altfries. forgêng, forgengon, die wir sicher aus rückschlusz aus den übrigen zusammensetzungen ansetzen dürfen, mnd. vorgink, vorgingen, conj. vorginge (Schiller - Lübben 5, 352). meist auch hat das part. prät. sich aus dem stamm gang gebildet, ahd. fergangen, mhd. vergangen, alts. fergangen (Heliand 5766), mnd. vorgangen. wie sich aber reste der kurzen form im präteritum finden, so haben sich auch reste der nasalierten form im präsens erhalten. so erschlieszen wir für des Heliand sprache ein fargangu; im altfries. furgunga, im althochd. der conjunctiv fergange (Graff 4, 93).
2)
im nhd. hat sich beim einfachen zeitwort im präsens die kurze und im präteritum die nasalierte form fast ohne ausnahme festgesetzt, aber an die stelle des alten gân ist zunächst gên und eine bindevocalische bildung an stelle der ohne bindevocal getreten. die ersten anfänge für beide entwickelungen liegen schon im ahd. und sind oben (th. 4, 1, 2376) im einzelnen nachgewiesen. gleiche wandelungen macht auch vergehen durch. im allgemeinen ist die bindevocalische form durchgedrungen, nur in geringen resten ragen die älteren formen in das nhd., so vergaht Dasyp. 171, vergadt Maaler 418ᶜ, vergond 3 pl. präs. Schade satiren 3, 63, 31. Wickram bilger vorr. A 3. sehr selten kommen nasalierte formen im präsens vor, so im conjunctiv präs. vergang Steinhöwel Esop 48 Österley, vergange Maaler 419ᵃ; daʒ er jn vergang. Keisersberg spinnerin n 4ᵏ.
3)
bedeutung. das einfache gehen ist durch vorsetzen der silbe ver verstärkt worden, aus gehen gleich hinweggehen wird in der zusammensetzung die bedeutung 'vollständig schwinden, zu grunde gehen'. ferner hat ver dem zeitworte mitunter transitive bedeutung gegeben, daher gehen machen, durch gehen beseitigen, an etwas vorübergehen, dann (refl.) mit der übeln nebenbedeutung auf falsche weise gehen machen, daher irre führen. intransitiv, hinweggehend verschwinden: mhd.
diu sunne diu vergienc, die sterne spielten sich!
die helle wart beroubet, in dem tempel reiʒ der sigel von obene ze tal.
minnes. 3, 95ᵇ Hagen;
nhd. welcher nu dieselbe (die schönheit) in dem leibe ... suchen will, der findet euserlich eine schnöde vergängligkeit ... einen plitz der zugleich leuchtet und vergehet. Opitz 2, 252; die sonne .. gosz .. über die schattenbeete der thäler ihre goldführenden purpurflüsse. eben, als sie verging, nahm Victor ... J. Paul 8, 24; als in seine aufgehenden augen der rothe schattenrisz der vergangnen sonne .. und das abendroth einfiel. 7, 177; auf dinge übertragen, die als sinnlich kommend und gehend (also personificiert) gedacht werden, das endziel erreichen, aufhören: es mag nit lycht beschehen, daʒ ainer frowen der zorn vergang. Steinhöwel Esop 48 Österley; derhalben wird ihr gut ein böses ende nemen, und wie der rauch vergehen. Luther 3, 292ᵇ; wo dasselb (das angefangt concili) verging. Druffel 3, 91; sobald der imbisz vergeht, wil ich einen botten zu dem abt schicken. Galmy 338; die schmerzen, die langsam vergehen ... haben kein lebhaftes vergnügen zur folge, weil der übergang unmerklich ist. Kant 10, 251;
die schlacht wert anderhalbe stund,
da war sie schon vergangen,
wurd mancher Schweytzer zu tod geschlagen,
manicher wurd gefangen.
lied von d. schlacht bei Pavia (Bechstein mus. 1, 140);
ach, ich kan mich kaum kehren, wenden,
also sint mir zerrürt die lenden,
als wer ich an der folter ghangen,
und het gebeicht alls, was vergangen.
Fischart dicht. 2, 7, 141 Kurz;
besonders gern von der zeit:
der zît verginc unweiger lanc,
den boden wart ir habedanc
gesaget êrlîche.
Elisabeth 635;
die zeit des schweigens ist vorgangen, und die zeit zu reden ist kommen. Luther adel d. nation 3 neudr.; die nacht ist vergangen, der tag aber herbeikomen. so lasset uns ablegen die werck der finsternis und anlegen die waffen des liechtes. Röm. 13, 12; und da die sieben tage vergangen waren, kam das gewesser der sindfluth auff erden. 1 Mos. 7, 10; denn sihe, der winter ist vergangen, der regen ist weg und da hin. hohelied 2, 11; ee acht tag vergeend. Aimon bog. D iii; aber ihr herr liebster hat mich zuerst aufgeweckt .. da haben wir geredt ja und so ist mir die zeit vergangen. Gellert 3, 256; das leben eines attischen bürgers ist ein immerwährender rechtsstreit und die festtage abgerechnet, vergeht kein tag im ganzen jahr, dasz er nicht entweder als richter oder als partei ... beschäftigt ist. Wieland 33, 64; die zeit vergeht. Göthe 19, 1; wenn aber auch einzelne noten in dem concert am obern tisch nicht recht zu einander stimmten, so verging doch der truthahn und die sahnmehlspeise ... ohne widerwärtigen zusammenstosz des gelehrten wissens. Freytag handschrift 1, 154;
der sommer ist hart fur der thur,
der winter ist vergangen.
Luther kirchenl. 3, 4;
Daniel hat mir ein straff benendt,
zwölff monat seit vergangen sendt.
derhalben so wirt nichts darausz.
H. Sachs 3, 1, 148 (11, 47, 6 Keller);
verzeuch! dein thörichtes begern
wirst du mit trawen innen wern.
eh wann vergeht ein halbes jar,
dein glüb darfst halten nit fürwar.
2, 3, 12 (8, 43, 9 Keller);
und laszt uns hören mit verlangen,
wie im sommer newlich vergangen
von Zürch ein gsellig burgerschafft ..
gen Straszburg auf das schieszen fuhr.
Fischart dicht. 2, 181, 85 Kurz;
wenn sie von dem fenster geht,
ist der tag vergangen.
Rückert 1, 276.
mit näherer bezeichnung der in der vergehenden zeit vorgenommenen beschäftigung: nehmen sie diese brieftasche, sie hat etwas ähnliches von ihrem jagdgedicht, viel erinnerungen sind daran geknüpft, manche zeit verging unter der arbeit. Göthe 22, 70; mit solchen scherzen vergingen die ersten stunden des morgens. Gutzkow ritter 2, 277. part. präs., besonders prät. in adjectivischem gebrauche, vergangen selten von menschen (entweder verstorbene oder überhaupt ehemalige): die vergangenen und künftigen bankrotirer sollen gezwungen werden, um sie zu würfeln. Rabener satiren 3, 232; er stellte sich zwar vor und recht gern, was den vergangnen freund lossprach. J. Paul 10, 15; die sonne brannte heftig, niemand traut dem schönen wetter, man schreit über das böse des vergehenden jahres. Göthe 27, 13; sei du jr hüter, auff das du lang hernach heimsuchest und nach viel vergangenen jaren komest in das land, das vom schwert widerbracht. Luther 5, 5; wan er was misztröstig der vergangnen geschichten halb. Aimon bog. S; und weil wir den vergangenen sommer so gar nichts ausgerichtet hatten, wolte mir das glück oder vielmehr das unglück, dasz ... Simplic. 1, 354, 16 Kurz; nun fiel mirs aufs herz, dasz in vergangner nacht .. ich einer solchen ahnung mich nicht erwehren konnte. Göthe 30, 120; (da ich) mich hier in Florenz mancher vergangenen widerwärtigkeiten wohl erinnern mag. 34, 11; wie es zugehe, dasz wir oft im traume in die längstvergangene zeit versetzt werden .. wird wohl immer unerklärt bleiben. Kant 10, 200;
mich beweget zum erzählen
ein geheimer trieb der seelen;
von vergangnen leiden fern,
schildert sie ein jeder gern.
Gotter 1, 210;
ich hab auch diese nacht vergangen,
ein list erdacht, der wirt nit fehlen;
den wil ich dir auch nit verheln.
H. Sachs 3, 1, 151 (11, 57, 16 Keller);
(wir wöllen) das nur ansagen,
jedoch trauriger gstalt,
was für jammer und klagen
sich erst vergangner tagen
zutragen für gewalt.
Soltau hist. volksl. 1, 469;
das vergangene jahr, der vergangene monat, tag u. s. w. ist stets der zuletzt verflossene; die vergangene zeit, grammatischer kunstausdruck für präteritum, findet sich schon bei Ickelsamer angedeutet, wenn auch nicht wirklich eingeführt: ich las ain mal ainen brieff, den eines groszmächtigen fürsten cantzler an grosze thumherren geschriben hett, begerende an sy, das man .. under der singenden mesz ain offentlich vermanung zu dem volck thun wölt u. s. w. da lachet ich und gedacht, wie die mesz singen müst, dann dises teütsch participium, singend, haiszt so vil, das die mesz müszt singen. da er gesagt solt haben: under der gesungnen mesz und solt gewiszt haben das dises participium preteritum vil mals also vergangen und geschehen haist, das doch noch gegenwärtig im werck ist und yetz erst geschicht. teutsche grammatik 4; so bei Schottel: fast vergangene (imperfectum), die vergangene (perfectum), gantz vergangene (plusquamperfectum) zeit. haubtspr. 548; so Stieler lehrschr. d. hocht. sprachkunst 124; Gottsched nennt das imperfectum die kaum vergangene, das perfectum die völlig vergangene, das plusquamperfectum die längst vergangene zeit. sprachkunst 297; Adelung die vergangene zeit. lehrgeb. 1, 16. es scheint erst in diesem jahrhundert aufgekommen zu sein von gegenwart, vergangenheit, zukunft als zeitbezeichnung zu sprechen, s. oben vergangenheit. participium substantivisch: er wird sich ... mit ihnen in rapport setzen ... wird ihre geheimsten gedanken, ihr vergangenes und zukünftiges ... entdecken. Thümmel 1, 98; man kann das gegenwärtige nicht ohne das vergangene erkennen, und die vergleichung von beiden erfordert mehr zeit und ruhe. Göthe 28, 267; wenngleich auszerordentlich strenge und harte leute sich gegen das vergangene und nicht zu ändernde mit gewalt zu setzen .. pflegen, so ... 18, 82; wer doch mit der allwissenheit des vergangenen auf das treiben der menschen von oben herabsehen könnte! H. Heine 1, 153;
wer blickt wehmüthiger in das vergangne hin?
Gotter 2, 11;
in dem vergangnen lebt das tüchtige,
verewigt sich in schöner that.
Göthe 3, 76;
das vergangne will ich tragen;
kannst du mich lieben? nun, so seis!
Göckingk ged. (1821) 3, 128;
vergangen gewinnt auch in der ältern sprache adverbiale bedeutung, neulich, früher: meinen herrn, den du unlangst vergangen schendtlich ertödt hast. Aimon bog. C; ich habe nächst vergangen schon deine beswerung mit jener müh befödert. Butschky kanzlei 27; er hat sich vergangen verlauten lassen. causenmacher 72; saszet ir denn nicht vergangen in eurer stube? 144;
und wie ich dessen glück vergangen abgemahlet,
so will ich dieses mal auf nichts als ruh gedencken.
Chr. Gryphius poet. wälder 1, 519;
in nieder- und oberdeutschen mundarten heute noch in dieser bedeutung vorkommend, vgl. Bernd 335. Dähnert 520. Kehrein 1, 422. Schmidt westerw. id. 292. Tobler 183. Seiler Basler mundart 107. vergangen geht ganz in die bedeutung der präposition über = vor, und ähnelt ihr auch dadurch, dasz es mit dem dativ zusammentritt: menniglichen weisz, dasz meiner frauwen truchsesz vergangen etlichen tagen mit todt abgangen ist. Galmy 154.
4)
zu grunde gehen, (bei menschen) sterben: gesche ouch, daʒ der vorgenante greue Henrich in dissem jare vorginge, er he die sloz gelœste, so sulle wir .. Michelsen rechtsdenkm. 186 (Clingen, von 1353); nhd. nur in der ältern sprache, heute unüblich: (es) sol des herrn knecht bleiben leolam, das ist ewiglich. hie wissen die jüden wol das weder herr, knecht, noch haus ewig bleiben, sondern müssen sterben, vergehen, und alles verendert werden. Luther 7, 36ᵇ; und jr ubrigen vergehen und sterben auch unversehens. Hiob 4, 21; der ich doch wie ein faul as vergehe, und wie ein kleid, das die motten fressen. 13, 28; wahrlich ich sage euch, dis geschlecht wird nicht vergehen, bis das dieses alles geschehe. Matth. 24, 34; (das ist) nicht eine weisheit dieser welt noch der obersten dieser welt, welche vergehen. 1 Cor. 2, 6; regiert ein soliche scharpffe pestilentz .. das in einem halben jar zu Nürnberg über viertausend menschen .. vergiengen. Frank chron. (1531) 211ᵇ;
stirb denn, vergeh, anbetend, du sklav, gen himmel gebücket.
Klopstock Mess. 2, 714;
auf den stürzete sich Abbadona mit ihm zu vergehen:
doch er verging nicht. er sinkt mit gespaltenem haupte
dumm und gedankenlos unter die todten, und glaubt zu vergehen.
4, 155;
oft näher bestimmt durch zusätze: zugen sy in heres krafft über die Delphen und erfuoren flysziglich, welche schuld hetten an dem tod Esopi, die lieszen sie all .. mit söllichem tod ouch vergaun. Steinhöwel Esop 76 Öst.; alsbald die Saxen hörten, das der fränkische künig Diethwald mit tod vergangen was, machten si sich auf, überfielen ander Teutschen. Aventin. 2, 51, 25 Lexer; so er mit dodt vergangen ist. Ranke ges. schriften 6, 26 (von 1502); noch ist deren die gröste zal, so täglich durch kranckheit und natürlichs tods vergon. Wickram der irr reitend bilger vorred A 3; an der pest vergienge diesz jahr ein knab in der stadt Bern. Scheuchzer 2, 152;
die (frommen) werden mit schrecken dastehen,
wenn jene zu grunde vergehen,
und endlich mit heiligem lachen
sich wiederum lustig bei machen.
P. Gerhard 6, 37 Gödeke;
Johann vergieng durch gifft,
das ihm das kloster mischt.
A. Gryphius 2, 382 Palm;
nein! Syphax sol schnurstracks durch die faust vergehn!
Lohenstein Soph. 26, 218;
auf dem grabe der vergangenen geschlechter. Klinger 12, 279; auf körpertheile übertragen: die grüne erde geht auseinander und schlägt über meine fallende puppe mit ihren blumen zusammen und deckt das vergangne herz mit rosen zu. J. Paul 7, 149; dann sehe ich weiter nichts zu thun, als .. nicht blutig zu weinen über ein vergangnes herz, über die tiefe todesasche auf allen feldern .. meiner jugend. 23, 115; hierher gehört vergehen als übertreibender ausdruck für moralische vernichtung, sei es durch ein vorkommnis, sei es durch ein drückendes gefühl, kummer, schrecken oder durch demütigung. in ersterm falle wird, wenn die ursache angegeben wird, dieselbe durch über, wegen oder ähnliches beigefügt, in letzterm falle besonders gern durch vor. auch ohne solche nähere bestimmung:
sein scherz (scheint) unleidlich plump, und ekelhaft sein kusz;
wagt er noch mehr, so möchte man vergehen!
Wieland Oberon 6, 55;
vor scham, vor schande, vor kummer vergehen: und wenn sie schon keins solcher schrecknis hette erschreckt, so hetten sie doch mocht fur furcht vergehen, da die thier unter sie furen. weish. Sal. 17, 9; ich möchte vor verdrusz vergehen. Gellert 3, 22; er (der morgenländische fürst) vergeht vor langer weile, indesz die süszesten gerüche von Arabien vergeblich für ihn duften. Wieland 1, 137; bekenne, dasz du ein verrätherischer elender bist, und vergeh vor scham! 2, 180; diese zwei stunden wurden mir unendlich lang und ich vergieng vor ungeduld, als die dritte verflosz, ehe der kuchen aus dem ofen kam. Göthe 25, 353; und du vergehst nicht darüber, sie so etwas fähig zu halten. Fr. Müller 2, 52; o ihr mächte des himmels! entlastet mich dieser tödtlichen wollust, dasz ich nicht unter der bürde vergehe! Schiller räuber 5, 2 (hist.-krit. ausg. 2, 190);
grosz angst durchdrungen hat mein hertz,
vor hertzenleid möcht ich verghen,
ich kan schier weder ghen noch sthen.
H. Sachs 2, 1, 5 (6, 41, 16 Keller);
mit folgendem abhängigen satze: meine kleine ist fast vergangen, dasz ihr so lang ausbleibt. Göthe Egm. 3 (8, 233);
diesz holde weib .. an meine brust zu drücken ..
ists möglich, dasz ich vor entzücken
nicht gar verging?
Wieland Oberon 4, 7;
lasz dich erbitten, königliche frau,
dein aug' auf die unglückliche zu richten,
die hier vergeht vor deinem anblick.
Schiller M. Stuart 3, 4;
ich aber wollt vor lust vergehn,
ich hielt im arm mein liebchen schön.
H. Heine 15, 37.
von dingen, untergehen, vernichtet werden: si (die geistlichen, welche lehen tragen) muͦszen ouch die lehen förten (fürchten), die under inen sind, dasz si dieselbigen nit zuͦ hart strafen an der kanzel. do mit vergond alle christliche recht. Schade sat. u. pasqu. 3, 63, 30; solte der leichnam folge thun einer seelen, die gründlich rew hat und entzündet ist in der warheit, er muͦst neher denn in einer stund zuflieszen wie der schnee und vergehen. Luther 1, 21; es mag einer stad abgehen jr handel, bürger weniger werden, heuser verbrennen, ecker, wiesen und alle gründe vergehen, und einem jglichen hauswirt sein gut und viehe weniger werden. 1, 196ᵇ; gottes wort mus bleiben und nicht allein bischofflicher stand, sondern auch himel und erden vergehen, da magstu dich nach richten. 2, 141; das gesetz wird bei den priestern nicht vergehen, dem weisen wird kein raht gebrechen, noch dem propheten das wort gottes. 2, 45ᵇ; gott gebe, das sie zürnen müssen bis die grauen röck vergehen. 2, 190ᵇ; zun zeiten Samgar des sons Anath, zun zeiten Jael waren vergangen die wege, und die da auff pfaten gehen solten, die wandelten durch krumme wege. richter 5, 6; du hast vorhin die erde gegründet und die himel sind deiner hände werck. sie werden vergehen, aber du bleibest. psalm 102, 26; himel und erden werden vergehen, aber meine wort werden nicht vergehen. Matth. 24, 35; male partum male disperit, das unrecht oder übel gewunnen ist, das vergaht übel. Dasyp. 171; dieser ausdruck (er stirbt ab) findet nur alsdenn statt, wenn der zweig noch an dem stamme sitzt, welcher letzterer gesund ist und bleibt, da jener nur alleine vergehet. Lessing 3, 111;
der arme teuffel must es (das licht) halten,
und wer er drüber auch zerspalten,
bis das es ausgeschrieben war,
da war das liecht vergangen gar (abgebrannt).
Fischart dicht. 1, 211 Kurz;
die guten freuen sich .. dasz dein sinn, o heldt,
den frieden höher schätzt, als etwas in der welt,
das mit der welt vergeht.
Opitz 1, 1;
wie wohl doch stehet der, so ..
erkennt, dasz alles hier vergehet und beginnt,
beginnet und vergeht.
1, 49;
werther freund .. du bist von hinnen,
einzunehmen ehr und gut, das durch altsein nicht vergeht,
sondern mit der ewigkeit immer in die wette steht.
Logau 3, nr. 10 (478 Eitner);
dann gottes, des ewigen, güte
bleibt immer in völliger blüte,
und währet noch täglich und stehet,
ob alles gleich sonsten vergehet.
P. Gerhard 5, 5 Gödeke;
die farbe deiner wangen,
der roten lippen pracht
ist hin und ganz vergangen;
des blassen todes macht
hat alles hingenommen.
50, 18;
wann alles diesz zusammen
durch hitz' und macht der flammen
wir(d) werden rauch und wind,
wird doch die liebe stehen
und ewig nicht vergehen,
weil sie gott selbst entzündt.
S. Dach 402 Öst.;
es werden die welten
alle vergehn, und neu aus ihrem staube sich schwingen ..
Klopstock Mess. 1, 309;
o! wenn ein haus im feuer soll vergehn,
dann treibt der himmel sein gewölk zusammen,
es schieszt der blitz herab aus heitern höhen.
Schiller Piccol. 3, 9;
vergeh', erbärmlich machwerk! ich bin frei.
Uhland (Canstadt 1834) 178;
von abstracten dingen, enden, zu ende kommen:
dann jr (der sonne) der kib vergangen war,
als sie ward jres vortails gwar,
und lis die pferd gern langsam traben,
meh kurzweil mit dem schiff zu haben.
Fischart dicht. 2, 196, 675 Kurz;
durch vergessenwerden, nichtbeachtung (aus der erinnerung) verschwinden: jr gedechtnis ist vergangen wie ein klang. Luther 1, 37ᵇ; nicht ein spitzlin eins geringsten buchstaben wird vergehen von dem gebot gottes, es mus alles geschehen. 1, 60; nicht ein tüttel noch buchstab sol vom gesetz vergehen. 5, 292; aber weil nicht dabei geredt ward (ob gott wil), blieben es wort und vergiengen mit dem hall. 5, 281ᵇ; sein gedechtnis wird vergehen in dem lande und wird keinen namen haben auff der gassen. Hiob 18, 17; irdische belohnungen vergehen ... die erhabensten jubellieder verhallen über dem sarge. Schiller 1, 101;
.. ich halte nichts auff geld,
auff ehre die vergeht, und gauckelei der welt.
Opitz 1, 139;
hierher: sie neigte sich mit einer wehmüthigen bewegung zu ihm, und ihre glühenden wangen berührten sich. die welt verging ihnen. Göthe 16, 177; durch krankheit schwinden, besonders für zeitweiliges schwinden der kräfte des körpers oder des geistes: ja auch die gsicht ist vergangen. Th. Platter 36 Fechter; ihr allerschönstes Josephsangesicht war gantz vergangen. pers. rosenth. 5, 10; die sinne vergiengen mir. Gotter 3, 34; ach, lieber mann, fühlen sie doch meine hände an. es wird mir so kalt, die gedanken vergehen mir ganz. Gellert 3, 353; oben war mir der athem vergangen. Bettina briefe 1, 110;
allweil von stetem rinnen
mir d' augen fast vergehn.
Spee 48 Balke;
hin sinkt es und begräbt im falle
mich mit des leibes riesenballe,
dasz schnell die sinne mir vergehn.
Schiller kampf mit dem drachen;
durch plötzlichen schrecken, erstaunen u. s. w. (meist übertreibender ausdruck): man hieng biszweilen unserm durstgurgeler zu oberst eins thurns ein grosz kamelseil an. an demselben haspelt er mit beiden händen hinauff, darnach fuhr er wiederumb .. herab, dasz einem das gesicht darob vergieng. Garg. (1590) 355; (er) wies ferner eine ununterbrochene reihe ... mit einer sicherheit vor, dasz einem die gedanken vergingen, wie es zu geschehen pflegt, wenn uns das handgreiflich unwahre als etwas, das sich von selbst versteht, zutraulich vorgesprochen wird. Göthe 31, 221;
(es) macht deiner tugenten klarheit
mit wunder mein gesicht vergehen.
Weckherlin 381 (od. 1, 8);
(ich) sah ihn mit ihren locken spielen,
in ihres busens fülle wühlen —
sah nichts mehr! mir verging das gesicht.
Wieland 18, 263;
formelhaft: es vergeht einem hören und sehen; die postillons fuhren, dasz einem sehen und hören vergieng. Göthe 27, 32; von gewaltsam unterdrücken gemütsbewegungen oder deren äuszerlichen vertretern gesagt (mit stets beigefügtem dativ der person): das lachen mir darob vergehet. Luther 2, 56ᵇ; darüber verging mir die lust, jemals wieder zu ihm zurückzukehren. Göthe 34, 34; da vergieng dem spaszmacher der muthwillen. Hebel 3, 225;
der alte künig, der ist todt,
wellichen hat demütigt got,
das im der hochmut war vergangen.
H. Sachs 3, 1, 149 (11, 49, 22 Keller);
als nun war eingesalbt disz schmär,
nam disz gsalbt horn selbst Lucifer,
und setzt es auff und spei gleich feur,
und stellt sich also ungeheur,
dasz den teuffeln verging das lachen,
und sahen saur zu disen sachen.
Fischart dicht. 2, 252, 396 Kurz;
nur nicht zu früh gelacht, mein schönes kind!
der lacht am besten, der am letzten lacht!
das kichern soll dir bald genug vergehen.
Wieland 26, 204;
wenn ich den berg hinunter gehe:
so denk ich narr schon an die höhe,
die folgen wird, und da vergeht mir denn der schmerz.
Gellert 1, 164;
sich etwas vergehen lassen: wenn .. das einstimmige urtheil .. ein wall wäre, über welchen zu schreiten .. für ein verbrechen .. müszte gehalten werden, so würde ich mir den vorwitz wohl vergehen lassen, meinen einfällen .. freiheit zu erlauben. Kant 8, 427; aber die sache hat noch einen andern haken .. denn das haben muszt du dir ein für alle mahl vergehen lassen. Wieland 35, 46. vergehen kann auch ein erledigtwerden durch behandlung bedeuten, selten und nur in der ältern sprache vorkömmlich: diese vier vergangene gebot haben jre werck in der vernunfft .. diese nachfolgende gebot handeln mit den begirden und wollüsten des menschen, sie auch zu tödten. Luther 1, 251ᵇ.
5)
die bedeutung der vorsilbe ver wird abgeschwächt, an stelle der bedeutung hinweggehen und dadurch verschwinden tritt die bedeutung hinweggehen und dadurch vorwärtsgehen, vorschreiten: wann die frow Elisabet was unberhaft vergangen in iren tagen. heil. leben (1472) 60ᵃ (προβεβηκότες ἐν ταῖς ἡμέραις. Luc. 1, 7). mitunter ist vergehen mit weiterer abschwächung der vorsilbe unserm vorgehen gleichbedeutend, doch ebenfalls nur selten und in der ältern sprache:
das mir heind in dem herzen mein
so schwerer traum von meinem sun
ist vergangen, was deut es nun?
Schmelzl Saul 15ᵃ.
6)
transitiv.
a)
sinnlich, etwas durch gehen beseitigen, gehend nicht beachten, im nhd. selten; wo es sich aber findet, ist meist die person subject, die sache object: ich musz ein weil so umbher spatzieren, dasz ich den narren (die narrheit) vergahn möge. Kirchhof wendunm. 138ᵇ;
alsz es grünet überall ..
kam auch Dorilea gehn,
sich im grünen umbzusehn,
und blieb bei sich denckend stehn,
ob sie in ein grünes thal
gienge, da ihr winterleid
mit den blumen ohne zahl
zu vergehn in fröligkeit.
S. Dach 405 Österley;
seine schmerzen, seinen kummer vergehen könnte man sagen, d. i. durch bewegung im freien beseitigen, doch werden lieber stärkere ausdrücke (verlaufen u. s. w.) hier gebraucht.
b)
daneben entwickeln sich verschiedene abstracte bedeutungen, 'vertreten': auch soll der schultheisz die gemeinde verlyden und vergeen, wo es not thut. weisth. 1, 460 (Sandhofen, von 1527); umgehen, übergehen, vernachlässigen, mit sächlichem objecte: aber ich vergehe hie wissentlich lengere disputation. Melanchthon anl. abg. art. 952 (corp. d. Christ. 1560);
doch dasz du nichts vergest darvon,
was dir der jung hat kunt gethon,
sprich, nimb ein brieff und schreib mirs drein,
was da für essen werden sein.
Grob. K 3ᵃ (neudr. 77);
in der ältern sprache ist die construction mit persönlichem objecte häufig, so mhd.:
Gâwân sprach: ir sult mirʒ sagen,
welt aber ir michʒ gar verdagen,
daʒ iuwer mære mich vergêt,
ich freische iedoch wol wieʒ dâ stêt.
Wolfram Parz. 556, 28
(dasz ich von euch keine auskunft erhalte);
swie mîn lon und ouch mîn ende an ir gestê,
daʒ ist mîn allermeistiu nôt,
zallen zîten furchte ich, daʒ si mich vergê,
sô wer ich an frœiden tôt.
minnes. 1, 70ᵃ Bodmer;
selten nhd.: sihe, da hastu weib und kind, die mustu erneeren mit erbeit und sorgen, so wird dich der kützel und brunst vergehen. Luther 8, 39ᵇ; die construction wird gern unpersönlich, so mhd. (vgl. gramm. 4, 239):
eʒ möhte doch einen zagen
immer mêre vergân,
daʒ er getorste si bestân.
Hartmann Erec 5390.
7)
das reflexivum, im mhd. schon reich entwickelt, hat
a)
im anschlusz an nr. 1 des intransitivs die bedeutung 'zu ende, zu grunde gehen':
Jâ, deiswâr eʒ ist vil gût,
swaʒ die brût zum ersten tût,
als aber sich die tage vergân,
so habet sich schelden und slân
mit krîge zwischen in bêden.
pass. 291, 47 Köpke.
nhd. nicht mehr üblich, statt dessen das intransitiv. auch andere bedeutungen, die sich noch im mhd. in reflexiver form finden, werden im spätern nhd. durch das intransitiv ersetzt. so sich vergehen, von statten gehen: verhandlunge, die sich zwischen im und unserm lieben mitburger vergangen haund. chroniken d. städte 4, 260, 15; nhd. nu dieweil aber unförmlich gefragt... mus es sich gleich vergehen und mit andern ketzerischen artikeln .. zugleich hin gehen. Luther 3, 415ᵇ; lesen werdens viel, aber vergessen wird mans bald, obs wol solche schreckliche zeichen sind, die sich zur propheten und apostel zeiten wol vergiengen und billig solten unvergessen bleiben, wo wir nicht so gar unbuszfertig verstockte leute weren. 6, 351ᵇ; in übertragener bedeutung, vorwärtsschreiten, vgl. oben 3.
b)
sich vergehen, mit übler nebenbedeutung, sich selbst an einen falschen ort bringen, sich verirren, ist mhd. und nhd. nachzuweisen: mhd.
swer mit disen schanzen allen kan,
an dem hât Witze wol getân,
der sih niht versitzet noch vergêt
und sich anders wol verstêt.
Parzival 2, 15;
wie mohtens des getrouwen,
daʒ si wurden sît gevangen?
si heten sich vergangen
ein gaʒʒen ze verre.
Biterolf u. Dietleib 1408;
nhd. offt pfleget die jugend sich in den irrgarten böser begirden zu vergehen, wenn sie nicht durch den verstand, als der Ariadne faden, den rechten weg treffen wollen. Butschky Patmos 271;
ja in welches fremde land
kan ein man sich wol vergehen?
Weckherlin 382 (od. 1, 8);
Trullus hat ein schönes weib. wann sie in der thüre steht.
sieht man nicht, das leicht ein hund sich bei ihr ins haus vergeht.
Logau 3, 3, 47 (484 Eitner);
ich habe dieses neue jahr
nicht, wie es billig, angefangen,
und mit der sünder leichter schaar
mich von der tugendbahn vergangen.
Chr. Gryphius poet. wälder 1, 115;
dasz ich mich von dir vergangen,
an ein irrend licht gehangen,
schreib ich diesem nebel zu.
1, 155;
in übertragener bedeutung, zu weit gehen, jedoch nur von unpassendem, unklugem handeln gesagt, ohne nähere bestimmung:
ich sprach, sölt ich mich nit vergähn,
so wölt ich geren pasz verstan,
wj gott doch ewig wer gewest,
des mich offt zweiffel nit verlest.
Schwarzenberg 154, 6ᵃ;
klosterbr. gleichwohl fragt der pfaffe
den ritter nie, die sache sei auch noch
so ritterlich. tempeth. weil er das vorrecht hat
sich zu vergehn, das unser einer ihm
nicht sehr beneidet.
Lessing 2, 298;
mit näherer bestimmung:
vergib mir, dasz ein weib so ferne sich vergeht,
die deine sklavin ist: dasz sie dein knie anrühret.
Lohenstein Sophon. 23, 86;
wir lassen sie (die thorheit), wenn wir sie unternehmen,
aus gutem herzen andern sehn
und denken nicht daran, dasz wir uns so vergehn.
Gellert 1, 203;
bildlich: der übermuth der Genter vergieng sich soweit, dasz sie die günstlinge der Maria .. vor den augen dieser fürstin enthaupteten. Schiller hist.-krit. ausg. 7, 33; heute ganz besonders für strafwürdiges handeln gebraucht:
durch zaudern wird die schuld nicht gut gemacht:
nur hurtig! jede von euch allen,
die sich verging, lasz ihren schleier fallen!
Wieland 10, 133;
wenn ihre (Maria's) zarte jugend sich vergieng,
mag sie's mit gott abthun und ihrem herzen,
in England ist kein richter über sie.
Schiller M. Stuart 1, 7 (hist.-krit. ausg. 12, 402);
wo du immer dich vergangen,
wünsch auch gleich die straf herbei.
Rückert 397;
bei näherer angabe desjenigen, zu dessen ungunsten man sich vergieng, durch präposition beigefügt: sich am pfaffen vergehen. Zimmer. chron. 3, 35, 38 Barack; (wenn die aufwärterinnen der studenten zu lange auf sich warten lassen) geschiehet es zum öftern, dasz die studiosi die lesestunden versäumen und daher an aufwärterinnen, wie schon einige exempel vorhanden, mit schlägen sich vergehen. weim. staats-archiv von 1760; Aristoteles fand ähnliche beispiele in der Iphigenia, wo die schwester den bruder und in der Helle, wo der sohn die mutter erkennet, eben da die erstern im begriffe sind, sich gegen die andern zu vergehen. Lessing 7, 176; ebenso sich wider die guten sitten vergehen; an dem gesetze sich vergehen.
vergehen n.
Fundstelle: Lfg. 3 (1889), Bd. XII,I (1956), Sp. 403, Z. 24
substantivierter infinitiv zum vorigen. schon mhd. vorkommend, jedoch in anderer bedeutung als heute, s. unten, auch mnd. vorgant, jedoch in der dem hochd. fern liegenden bedeutung 'vereinigung' Schiller-Lübben 5, 353.
1)
im anschlusz an nr. 3 des zeitworts, das vorübergehen, hinweggehen: mhd. dâ diu sêle in der wârheit mit gote vereiniget ist, dâ enhât si kein komen noch vergân noch keines dinges lust noch urdruʒ. myst. 2, 375, 39; das vergehen der zeit, des winters, des schmerzes.
2)
im anschlusse an bedeutung b des reflexivs, ursprünglich das irre gehen, doch nicht mehr in sinnlicher bedeutung, sondern nur noch als abstract nachweisbar, zuwiderhandlung gegen das gesetz, schwächer als verbrechen, laster, sünde (Weigand synon. 1839), nur in der neuern sprache nachweisbar: auch sein vergehen ist noch ein verdienst. er würde dich nicht lieben, wenn er nicht die gröszten vorzüge zu lieben gewohnt wäre. Gellert 3, 71; tadle mich, mache mir aus meiner zärtlichkeit ein verbrechen; vergröszre das vergehen meiner tochter. Lessing 2, 2;
wird ein so leicht vergehn so hart bestraft?
Göthe 9, 337;
(er) hätte zum wurme
verschrumpfen mögen, um sein vergehn
und was sie durch ihn leiden müssen,
im staube zertreten, abzubüszen.
Wieland 21, 138;
da giebts nur ein vergehn und ein verbrechen:
der ordre fürwitzig widersprechen!
Schiller hist.-krit. ausg. 12, 27 (Wallenst. lager 6);
der edle Brutus
hat euch gesagt, dasz er voll herrschsucht war;
und war er das, so wars ein schwer vergehen,
und schwer hat Cäsar auch dafür gebüszt.
Shakespeare Jul. Cäsar 3, 2 Schlegel;
geht, geht ihr guten bürger, und versammelt
für diesz vergehen eure armen brüder.
1, 1;
das, in betreff dessen man fehlt, wird durch präposition beigefügt: ein vergehen gegen den anstand, wider die sittlichkeit.
Zitationshilfe
„vergehen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/vergehen>, abgerufen am 13.12.2019.

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