vergewaltigen verb
Fundstelle: Lfg. 3 (1889), Bd. XII,I (1956), Sp. 428, Z. 16
gewalt über etwas gewinnen, bildlich, aus dem adj. gewaltig, wozu einfaches gewaltigen nicht mehr nachweisbar, daneben die umgelautete form vergeweltigen, sowie die oberdeutsche vergwaltigen. das schwanken zwischen umgelauteter und nichtumgelauteter form schon im ausgehenden mittelalter, vgl. Lexer 3, 113. im gegensatze von vergewalten, welches mehr nur die bedeutung 'gewalt erringen über etwas' hat, nimmt vergewaltigen gern eine üble nebenbedeutung an 'eine unrechtmäszige gewalt über etwas an sich reiszen', object personen: wie si alle fursten und stende in ire dienstbarkait pringen, vergwaltigen undt von land und leuten traiben und verjagen möchten. staatspapiere Karls V. 410; die jetzo alberait von inen uberzogen, vergewaltigt, geprandschatzt worden. ebenda; dann ihr unbillig vornehmen, darmit sie uns vergwaltigen, nimmt täglich zu. Hutten 5, 224 Münch; das ir keis. maj. mich durch meine feinde nicht wolt vergewaltigen, verfolgen und verdammen lassen. Luther 1, 454; dasz niemand den andern vergewaltige. ordnung des reichs 1512 anfang; den andern des glaubens halben vergewaltigen. reichsabschied von 1529 § 10; und also die reichen die armen vergewaltigten. Frank chron. 1538 fol. viii; wie Mose und Josephus zeugen, das sie (die Lamechiten) sich auff jhres leibs grösz und macht verlieszen und vergeweltigten und unterdrückten die frommen erzvätter. Mathesius Sar. (1560) 15; (Jesus hat) unsere vestung, burg und verwahrung der höllen erstiegen, die thor zertretten, uns, die höllischen geister vergewaltigt. Ayrer proc. (1691) 1, 7; (Jesus hat) den obgedachten hellischen groszfürsten gefangen, an ketten gelegt vergewaltiget. 1, 11; die unterthanen nicht quälen und vergewaltigen. pers. baumg. 4, 20; ergab er sich ohne widerstand in das jedem starken süszeste gefühl, vergewaltigt zu werden. Heyse buch d. freundschaft 94;
dich aber, liebster bruder mein,
durch sollich macht vorgewaltigt sein,
bin deinethalben ich beschwert.
Hutten 5, 50 Münch;
verrheter,
die das volck auff die fleischbanck geben,
bisz gott ein volck demütigt eben,
und lieget in des feindes hendt,
verdruckt, vergweltingt gar elendt.
H. Sachs 3, 1, 171 (11, 130, 25 Keller);
wie offt sie uns vergweltigt han
und alles gnommen was wir hetten.
J. Ayrer Valentin u. Ursus 4, 311ᵃ;
object ein personificiertes abstract:
mein herz erschwoll
in bitterm unmuth, dasz des kläffers hohn
diese heilige unschuld vergewaltigte.
Kosegarten poes. 1, 95;
mit sächlichem objecte: ich bitte aber hieraus keine folge zu erzwingen, welches der ihme so teuer gelobten wohlgewogenheit zum nachtheil gereichen möchte: denn dadurch würde er meinen willen, dessen wirkligkeit zu erweisen ich begirig, vorgewaltigen. Butschky kanz. 69; (ambra) welche, zu überflüssig gebraucht, das gehirn vergewaltigen, ja gar den tod verursachen kan. Patm. 112; das recht der blutsfreundschaft vergewältigen. Zinkgref apophth. 55, 9; mit näherer angabe des, woran man vergewaltigt wird: und so ymandt den andern selbs .. am leib, güter oder in ander weg vergeweltigen, beschedigen, überziehen, belegern, bevehden oder beschweren wurde. landfrieden vom jahre 1522 § viii; partic.: es ist kein gewalt verdrieszlicher und unleidlicher, dann wo man des vergwältigten noch darzu spottet. Hutten 5, 227 Münch; den underdruckten und vergeweldigten helfen. Melanchthon hauptartikel der heil. schrift verdeutscht 110.
Zitationshilfe
„vergewaltigen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/vergewaltigen>, abgerufen am 17.09.2019.

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