verleiden verb
Fundstelle: Lfg. 4 (1891), Bd. XII,I (1956), Sp. 768, Z. 34
bis zum ende ertragen, aushalten. zum starken leiden, dessen bedeutung ver verstärkt (s. th. 6, 663): wo viele leute in einer so kleinen stube bei einander sind, so musz man sie aufthun, man möchte es sonst darin nicht verleiden. Pestalozzi 4, 59.
verleiden verb
Fundstelle: Lfg. 4 (1891), Bd. XII,I (1956), Sp. 768, Z. 24
dahin gehen, vergehen, mnd. vorleden Schiller-Lübben 5, 394, mhd. verleiden Schm. 1, 1533 Frommann, zum goth. leiþen gehen, wahrscheinlich dasselbe wort wie leiden pati (vergl. 6, 658), nhd. nur noch im part. prät. verlitten vergangen erhalten: jüngst verlittene mess. Frankf. archiv (Butzbach) v. j. 1642; des verlittenen 1641 jahrs. Weimar. staatsarch. (Weimar) 1642; zahlreiche nd. belege bei Schiller-Lübben a. a. o., ältere hd. belege Schm. a. a. o. (vgl. brem. wb. 3, 35). vielleicht gehört das folgende wort in transitiver bedeutung (zu ende führen) dazu.
verleiden verb
Fundstelle: Lfg. 4 (1891), Bd. XII,I (1956), Sp. 767, Z. 9
leid werden, verhaszt machen. ahd. farleidôn Graff 2, 176; mhd. verleiden, mnd. vorleiden, nl. verleden (jedoch mit verschiedenen bedeutungen). zusammensetzung zu leiden verhaszt, leid machen (s. th. 6, 668). die bedeutung ist in den angeführten sprachen theils eine intransitive (so mnd. Schiller-Lübben 5, 391ᵇ) theils eine transitive (mhd. ahd. holl.). in älterer zeit gern mit persönlichem object, heute ist sachliches object das bei weitem vorherrschende.
1)
intransitiv. leid werden: als ich erzehlter massen meine beyde hertzbrüder verlohren hatte verleidete mir das gantze läger vor Magdeburg. Simplic. 1, 205, 24 Kurz; darvon der kerl dermaszen erschrack .. dasz ihm das stegen steigen vor diszmal gantz verleidete. 3, 371, 14 Kurz; und wie mir meine alten mauern und thürme nach und nach verleideten, so miszfiel mir auch die verfassung der stadt. Göthe 25, 40; wir haben es hier mit solchen (menschen) zu thun, denen eigentlich aus mangel von thaten .. durch übertriebene forderungen an sich selbst das leben verleidet. 26, 220; zwischen allem diesem war der häusliche man doch auch klar geworden, dasz die besitzung für den, der sie persönlich benutze, ganz einträglich sei und in dem masze wie mir der besitz verleidete, muszte er ihm wünschenswerth erscheinen. 31, 163; vgl. mundartlich Tobler (Appenzell) 184: verleiden zum überdrusz werden. unpersönlich: es verlädet mir ebenda.
2)
transitiv. leid, verhaszt machen. in der ältern sprache (ahd. mhd.) nur mit persönlichem objecte nachgewiesen, wo alsdann die bedeutung 'einen anklagen, verleumden' sich entwickelte: er verleidôt uuas aus Boethius bei Graff 2, 176. mhd. belege Lexer wb. 3, 158; nhd. aus der literatur selten nachgewiesen, doch mundartlich verleiden, verklagen Stalder (Schweiz) 2, 165: lasz dir diese sänger der lebensphilosophie, die man jetzt versificatoren nennt, nicht verleiden, guter jüngling. Herder z. lit. u. k. 11, 82 (1821). nhd. in der literatursprache und den wörterb. meistens mit sachlichem objecte: verleiden odium conciliare alicujus rei, invidiam parare, rem ad invidiam transferre, alienationem facere Stieler 1138; verleeden, verleiden (verlaiden) eckel verursachen, einem eine speise vereckeln Kramer 1, 442. Frisch 1, 566ᵃ; weil er nu solche sorge des geitzes und mammons dienst verboten hat .. feret er fort und füret viel sprüche zu, das er uns deste mehr den geitz verleide. Luther 5, 421ᵇ; ja zu diesen autentischen beschribenen fasznachtsbutzen suchen sie noch rumörischere ladengezierd, die eim allen confect verleyden solten. Garg. (1617) bᵇ (jedoch in ausgabe 1590 erleiden 26); man musz einen soldaten sein unentbehrliches geschäft durch die bejammernswürdigen folgen desselben nicht verleiden. Lessing 6, 2; wenn ältere personen recht pädagogisch verfahren wollten, so sollten sie einem jungen manne etwas, was ihm freude macht, es sei von welcher art es wolle, weder verbieten noch verleiden, wenn sie nicht zu gleicher zeit ihm etwas anderes dafür einzusetzen hätten. Göthe 25, 65; noch kein schöner tag, den mir nicht jemand verdorben oder verleidet hätte. 14, 79; um dem weltunklugen forscher ein unternehmen zu verleiden. Fichte über den begr. d. wissensch. VII; damit habe ich mir schon als kind meine spielsachen verleidet. Heyse 12, 22; jener arme mann sieht gar nicht aus als ob er es verdiente, dasz wir ihm sein leidiges handwerk noch mehr verleideten. Spielhagen 17, 170;
fünf stunden schon, gleich einem mandelkern
in seiner schal' in pappe eingescheidet
zu stecken, hätt' ihm fast das ganze spiel verleidet.
Wieland 21, 297;
auch mir hat sie (die weisheit) so manchen plan
verrückt, so manchen süszen wahn
verleidet, ach, so manchen götzen
voll schadenfreude mir zerstört.
Gotter 1, 442;
noch niemand konnt es fassen,
wie seel und leib so schön zusammen passen,
so fest sich halten als um nie zu scheiden,
und doch den tag sich immerfort verleiden.
Göthe 41, 106;
nicht das geräusch hat innig gelabt, noch verleidet die landluft;
aber es sind nach wunsche die stattlichen gäule verhandelt.
Voss id. 212;
dasz nicht dem gaste die mahlzeit
durch das wüste getümmel der trotzigen würde verleidet.
Odyss. (1781) 1, 134;
nein, weine nicht, mein kind.   lasz dir mein leiden
zu keiner bösen vorbedeutung werden,
den stand, der dich erwartet, nicht verleiden.
es lebt kein zweyter Friedland, du mein kind,
hast deiner mutter schicksal nicht zu fürchten.
Schiller hist.-kr. ausg. 12, 273 (Wallenst. tod 3, 3);
ist es denn ernst? willst dus ihm nicht verleiden?
Tieck 1, 262;
es verleidet ihm auch wol ein freund sein werk und des kritikers laune verneint es
und der pfutscher meint, er könne es auch, doch irrt sich der gute, so scheint es.
Platen 278;
will er ihm so den aufenthalt verleiden?
Uhland 469 (1834 Cannstadt).
3)
reflexiv sich verleiden, sich gehässig machen, sich mit hasz erfüllen: du hast zugesehen wie ich mich verleiden musz. Kurz sonnenwirth 124. mit näherer bestimmung: wer hat eine stärkere anlage nach vielen verächtlich gefundenen sachen sich gegen alle zu verleiden, als jene übervollen seelen. Dya Na Sore 5, 40.
Zitationshilfe
„verleiden“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/verleiden>, abgerufen am 15.12.2019.

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