verlieren verb
Fundstelle: Lfg. 5 (1893), Bd. XII,I (1956), Sp. 794, Z. 46
von sich lassen.
1)
Form. altes, in den german. sprachen weit verbreitetes wort, goth. fraliusan, ags. forleosan, altfries. urliasa, alts. farliosan, farleosan, ahd. farliosan, farleosan, fleosan Steinmeyer-Sievers ahd. gloss. 1, 24, 1. 25, 2; mhd. verliesen. es ist eine zusammensetzung mit dem einfachen liusan, das sich nur als leosan ags. nachweisen läszt, mit der transitiven bedeutung berauben und der intransitiven beraubt werden, verlieren. im engl. to lose (verlieren) hat sich noch bis heute das einfache wort erhalten. ist die ags. bedeutung die älteste, so hat die vorsilbe die des einfachen wortes nicht wesentlich geändert, denn der unterschied zwischen berauben (einen andern einer sache entledigen) und verlieren (sich selbst einer sache entledigen) liegt nicht im wechsel der bedeutung des zeitwortes, sondern in dem wechsel der beziehung. der urgermanische stamm ist lus, los werden, lösen. Fick 3, 273. das zeitwort ist fast immer stark flectiert worden, und nur ganz vereinzelt findet sich bei Butschky: wenn sie (die regenten) nicht über solche herrschsucht offt ihr selbst eignes marck und blutt aussaugten und mit jenem äsopischen wasserhunde nach dem schatten schnappende, das allbereit gefaste stük fleisches darüber verliereten. Patmos 817. aus der obd. mundart führt Graff auf: farlorta dea manslagun, perdidis homicidas. Wiener fragm. Matth. 22, 7 (Graff 2, 266), was auf eine weiterbildung farlorjan hinweist, die sich aber nur hier vereinzelt zeigt. so lauten also die maszgebenden formen: ahd. farliusu, farlôs, farlurumês, farloran, mhd. verliuse, verlôs, verlurn, verlorn. dasselbe hält die vocale in groszer regelmäszigkeit fest, nhd. treten veränderungen ein, da der sing. prät. sich dem plural mehrfach angleicht, oder der plural dem singular. in ersterem falle entsteht verlur (ahd. du ferlure Notker 17, 41. Graff 2, 264), nhd. mehrfach (oberd.) besonders verlur bei H. Sachs, aber im innern des reimes scheint verlor bevorzugt:
hast zu uberflüssig studieret,
oder zu hart imaginieret,
nach natürlicher aygenschaft
das du verlurst deiner sinne krafft?
H. Sachs 1, 241 (3, 105, 31 Keller);
ghen dem so rüst sich auch dergleich
Hyarnus auch mit groszer macht,
der doch verlor die erste schlacht.
nach dem sich wider rüsten wur
und auch die ander schlacht verlur.
2, 3, 137 (8, 534 Keller);
der hauptman Hannibal entpfloch
als er die letzten schlacht verlur,
von den Römern geschlagen wur.
2, 3, 121 (8, 465 Keller);
und verlur da, wie obgemelt,
auff den tag alles sein par gelt.
2, 4, 70 (9, 298, 26 Keller).
dagegen hat der plur. durchweg sich dem sing. angeschlossen, im vocal wie in der quantität. während mhd. verlurn das einzig nachgewiesene ist, weisz ich nur verloren, verlohren im nhd. nachzuweisen. das partic. hat nach nhd. sitte die ehemals kurze stammsilbe verlängert. das prät. conj. verlüre: verlüre ich mein leben hie, so were es deine schuld. Luther 6, 510ᵇ; obgleich derselbig die urtheyl verlühre. Frankf. reform. 1, 157, 3; da die wuͦtigen juden, dasz sie dises ort nicht verlühren, den herrn getödtet haben. Reiszener Jerus. 2, 176ᵇ; Hannibal hielt den seinigen für, männiglich zu streiten, damit sie alles gut nicht auf einen tag verlühren. Rihel Livius 336. weitere änderungen zwischen älterer und neuerer sprache zeigen sich im vocalismus durch übergang des alten iu zu eu. im nhd. hat sich der mhd. sing. verliuse meist dem plurale angeglichen, daneben ist aber statt altem iu oft eu eingetreten. es ist dies als richtige fortbildung alter zustände aufzufassen, indem eu die verbreiterung von älterem ue ist (= iu), î des plur. die entwicklung von ie. dieses ue finden wir noch in oberdeutschen schriftstellern mehrfach: welher ze vil gytig ist über fremdes guot, der verlürt offt syn aigen guot dardurch. Steinhöwel Aesop. 85, 5 Österley;
dasz mancher kumpt in grosze not,
verlürt sin lyb, eer und guͦt.
Gengenbach buntschuh 23, 34 Gödeke.
eu neben ie erhält sich bis in die zweite hälfte des 17. jahrh.:
wiewol ich unschuldig mein leben,
jetzundt in dem flamenden fewer
durch den falschen marschalch verlewer.
H. Sachs 2, 3, 77 (8, 289, 19 Keller);
viel dings vom karren ich verlewr,
auch ist futter und zerung thewr.
2, 4, 3 (9, 13, 33 Keller);
vgl. ich verleuhr Paracelsus 1, 837;
sag, wenn du in der spiler zunfft
sitzt, fantasirst und abenthewerst,
wie offt du selbst dein sinn verleurst?
H. Sachs 1, 228 (3, 53, 14 Keller);
ich hab gemaynet überausz
wie du seyst herr und man im hausz,
nöten haist du Simon Frawenknecht
den pachen verleurst wol mit recht.
1, 475 (5, 39, 29 Keller);
wer sein leben findet, der wirds verlieren, und wer sein leben verleuret umb meinen willen, der wirds finden. Matth. 10, 39; wagen gewinnt, wagen verleurt. Frank sprichw. (75) 232 (Latendorf); so scheust das gold uber und verleurt sich. Mathesius Sar. 20; so auch jemand ein gut, so rechthängig .. wissentlich kaufft, der verlewrt .. nicht allein solch gut .. Frankf. reform. 2, 2, 3; weil ... das gold, welches aus der untersten erden gegraben wird, bey diesen höllenleuten auch seine würckung nicht verleurt. Widmann Faust 406; er verleurt. Lehmann 160;
doch rache die man an läszt stehen,
verleurt nach säumung ihre krafft.
Opitz 1, 74.
ein weiteres schwanken der laute zeigt sich im consonantismus, indem s des stammes schon früh zu r wird. die verwandten älteren germanischen mundarten zeigen nur s. aber schon ahd. tritt der wechsel ein (vgl. 3, b; farloraner. Steinmeyer-Sievers 1, 40, 28). dieser übergang scheint zuerst durch die quantität des vorhergehenden vocales bedingt gewesen zu sein, denn im ahd. wird s nur nach kurzem vocal zu r. diphthong und länge erhalten das s. daraus ergibt sich, dasz die an den präsensstamm sich anschlieszenden formen s länger halten, die sich an das präter. schlieszenden r. an dem sing. präter. mit langem vocal haftet das s. im mnd. scheint (nach Lübbens belegsammlung) diese regel fortzudauern. mhd. jedoch drängt r sich bedenklich ein:
nû was sîn herze drunder
wol tûsent warbe glanzer
an êren und ganzer
an ellenthaften sinnen.
er wolte dâ gewinnen,
oder aber verlieren (: ritschieren).
Konr. v, Würzburg Engelhard 4714;
minne git gewinne,
und lêret doch verlieren (: zieren).
Reinfr. v. Braunschweig 3, 630 Bartsch;
sô ich den zarten vater mîn,
und muoter dich verliure,
älliu gnade wirt mir tiure.
Mone schausp. 1, 230, 615;
êre âne guot wol tiuret,
âne êre guot dur valschen muot
die êre gar verliuret.
minnes. 2, 389ᵃ Hagen.
bei beginne des nhd. ist s fast ganz beseitigt; es ist eine grosze seltenheit, wenn es sich noch vorfindet: als die Jüden gott dieneten; umb verheiszung des jüdischen lands und umb drauung und furcht dasselbig zu verliesen. Luther 1, 93ᵇ;
sol wir Teitschland (dativ) verlisen die er
die wir lang haben behalten.
Soltau 2, 55 (v. j. 1509);
bei euch bleib ich, mein lieber herr!
wenn schon der bischoff selb da wer,
so wolt ich euch doch nit verkiesen,
solt ich sein gnad und huld verliesen.
Waldis Es. 1, 100, 27 Kurz (vgl. 1, 101, 59 verliesen : kiesen);
item so eyner in übung der thatt etwas verleust oder hinder jm ligen oder fallen lest. Carolina art. 29; das gras abgeschlagen oder gebrochen, verleuszt seinen ursprung. Luther 1, 36; dasz einer sein sinn darüber verleust. Hutten 5, 191;
die liebe sonne kann nicht mehr
zusehen und entsetzt sich sehr,
darumb verleust sie ihren schein.
Er. Alberus kirchenlied.
den menschen, den gott hat erwelt,
der nun sein gunst bei im verleust
das gott und die engel vertreust,
das der mensch nun sol sein verdampt.
H. Sachs 1, 7 (1, 41, 22 Keller).
in der 3. plur. präs.: wann vil menschen, die also leiplich leben, die krencken nit allain iren leib und myndern ir leben, besonder sy verliesen die würdikait. Keisersberg granatapfel 13ᵈ. einigemal in der 3. sing. prät.: und sprach: möcht mich jemand zu dem hein weisen, da die fraw jr leben verlos. Luther 6, 503. verliesen hat sich als nautischer kunstausdruck erhalten (s. u.), doch mag er dem nd. entstammen. die im ahd. und mhd. weitverbreitete eigenthümlichkeit verliesen, verlieren, und seine abwandlungen in vliesen, vlieren zusammenzuziehen, ist mir aus dem nhd. nicht bekannt.
2)
Bedeutung: unwissentlich aus den händen von sich lassen. das wort ist nhd. immer transitiv, aber das object wird oft als selbstverständlich weggelassen. ohne object (daher scheinbar intransitiv) verlust erleiden: dem aber, so spylen wil, ist ze raten, das er sich des guts, so er wagen wyll, vorhin verweg, damit er sich nicht, ob er verlürt, umb das gelt köstge. Tünger facetiae 86 Keller; das nu die Heintzen trotzen darauff, das bapst und keiser uns verdampt haben .. darumb haben wir verloren und sie gewonnen. Luther Hans Worst 64 neudr.; wagen gewinnt, wagen verleurt. Frank sprichw. (75) 232 Latendorf; ein herz das verloren hat fühlt, dasz es entbehre. Göthe 17, 182; am schlechten gelde verlieren;
und weil er wer ein alter man,
wie seine har dan zeigen an,
wöllen sie in zum richter setzen
und jm den, der verlirt, zu schätzen.
Fischart dicht. 2, 915 Kurz;
trumpffen, letzten stich pickieren,
bald gewinnen, bald verlieren,
ist dir ein gemeine sach.
Simpl. 4, 320, 13 Kurz;
ist es gut mit worten spielen?
schad und nutz kann nicht vervielen;
wer gewinnt, der wird betrogen,
wer verleuret hat gelogen.
Logau 1, 7. hundert 18 (141 Eitner);
am herzen Jesu sterben hin
ist nur in lusten leben,
ist nur verlieren mit gewinn,
ist todt im leben schweben.
Spe 6, 53 Balke.
geringern werth erhalten, im werthe sinken: verzeih, schöne Lais, dasz die göttin der schönheit auch durch die zierlichste bekleidung verliert, ist natur der sache. Wieland 33, 207; ich könnte sagen, der graf verlöre, wenn man ihn mit andern männern zu vergleichen wagt. Klinger 1, 203; ich verblühe, verliehre täglich. theater 3, 165; wir bitten, dasz man Firdusi nicht mit Homer vergleiche, weil er in jedem sinne, dem stoff, der form, der behandlung nach verlieren musz. Göthe 6, 110; die geisterscene wird dadurch nicht verlieren. 19, 162; ja bei genauerer zergliederung würde oft die schönheit nur verlieren. Schiller hist.-krit. ausg. 10, 50; wär der leidige unterschied von auszen nicht, wobei leider freilich Karl verlieren mus, wir würden zehnmal verwechselt. 2, 54 (räub. 1, 3); Haller ist zu gros, als dasz er durch diesen irrthum verlöre. 1, 90; bevor der preis ... solcher würden durch die vielzahl nur fällt, so haben sie schon gehoben oder haben gewonnen, ehe sie verloren. J. Paul nachdämm. 85. mit näherer bestimmung: das glas verliert an durchsichtigkeit; das bild verliert an werth; die blume verliert an duft u. s. w.; sie hatte geweint, und wenn weiche personen dadurch meist an anmuth verlieren, so gewinnen diejenigen dadurch unendlich, die wir gewöhnlich als stark und gefaszt kennen. Göthe 17, 131.
3)
mit persönlichem objecte. ohne wissen und willen einen fort lassen: gemelte parthey reutter sey im Spessert von etlichen bauren zertrennt und in solchem gefecht meine schwester von ihnen wieder verloren worden. Simpl. 1, 80, 20 Kurz. meist schon in mehr bildlicher bedeutung: und der könig Zedekias muszte jemerlich mit allem volke verloren werden, drumb dasz er dem kunig von Babylon seinen eyd brach. Luther adel 61 neudruck; es thut mir leid ... dasz wir sie sobald verlieren. Göthe 21, 205; aber auch seine mutter verliert er (Hamlet), und es ist schlimmer als wenn sie ihm der todt geraubt hätte. 19, 174; soll ich Mariannen verlieren (durch ihre verheirathung). 7, 139; zu sehr gewöhnt, menschen zu gewinnen, verwand ers, menschen zu verlieren. J. Paul 23, 180;
drumb wurden sie ab deiner predig
gleich wie ein doller esel stetig,
und haben bald daraus gelesen
etwas, das ketzrisch ist gewesen ..
da han dich die inquisitoren,
zum andermal im thurn verloren.
Fischart dicht. 1, 77, 2949 Kurz;
warum, ihr götter, muszt ich ihn verlieren,
warum verloren so ihn wiederfinden?
Halm werke 6, 319 (fechter v. Ravenna).
ganz besonders ist verlieren der ausdruck für trennung durch todesfall: darumb hab ich mir furgenomen zu dem fursten Holofernes zu komen, das ich jm jre heimlichkeit offenbare und sage jm, wie er sie leichtlich gewinnen müge, das er nicht einen mann verlieren dürffe. Judith 10, 14; sprach zum könige und zun heubtluten, wir leiden hie not und haben nichts zu essen, und verlieren viel leute. 1 Macc. 6, 57; das der Turgk wider von Rodisz soll abgezogen sein und eyn mergklich grosz volk davor verloren. Ernest. ges.-arch. (1522); da ward mir we, das ich wond, ich miesti erstiken ... do weint min gsell aber, vermeintt er wurde sin gsellen verlieren, so wüszte er nit, wo usz. Th. Platter 32 Fechter; als sie sich nu samleten, fand ich, dasz in solcher dollerey kein einziger verloren worden. Simpl. 2, 258, 9 Kurz; habe ich kinder gezeugt, sie zu verlieren? Lessing 3, 63; inzwischen verlor ich meinen mann, ungefähr wie ich ihn gewonnen hatte. Göthe 19, 105;
ir wist, das ich im kampff vorab
zwen meiner sön verlorn hab ..
darnach ausz gech meins sones zorn
mein einige tochter hab verlorn.
H. Sachs 2, 3, 6 (8, 24 Keller);
vor leyd wirdt ich schier unbesint,
ich hab verloren mann und kindt.
2, 3, 11 (8, 40 Keller);
das wir unser hertzlieb frau mutter
verlorn haben durch falsche zungen,
die unsern herr vatter dazu bat zwungen.
3, 1, 174 (11, 144, 15 Keller);
dann es sie nimmer wurd gereuen
sprachen sie, wann man mich verlöre,
dieweil das ainzig kind ich were.
Fischart dicht. 2, 58, 2152 Kurz;
disz wiszt ihr (menschen) das ihr seyd in einer zeit gebohren,
und das ihr werdet auch in einer zeit verlohren.
Fleming 32;
oh wackrer, lieber junge, dasz ich dich
so früh verlor!
Lessing 2, 306 (Nathan 4, 3);
seitdem der könig seinen sohn verloren,
vertraut er wenigen der seinen mehr.
Göthe 9, 9;
sie hat den mann verloren, den sie liebte.
Schiller Wallenst. tod 4, 6;
du verlierst mich, Karl —
auf viele jahre — thoren nennen es
auf ewig.
don Carlos 5, 3;
mit deutlicherer bestimmung: er (Coligny) hatte .. seinen bruder .. durch den tod verloren. Schiller hist.-krit. ausg. 9, 347.
4)
mit sachlichem objecte, dinge, die meinen besitz bilden, von denen ich gebrauch mache, die mir zum nutzen und zur bequemlichkeit gereichen, ohne mein zuthun aus meinem besitz fort lassen. object mitunter im gen.: setzen gern an und verlieren jres giffts. Forer fischbuch 198ᵇ. meist im accus. (reale dinge): welher ze vil gytig ist über fremdes guot, der verlürt offt syn aigen guot dardurch. Steinhöwel Aesop 85, 5 Österley; es solt der bapst sein bapstum, alle sein gut und ehre vorliren, wo er ein seel damit mocht erredten. Luther adel 66 neudr.; was haben sie? perlen, infeln, rothe hüte, beschorne köpffe, gülden ringe und grosze breite siegel, damit bewehren sie all jr thun, daran hanget jtzt der christliche glaube, wenn sie das verlören, so hetten sie an jnen allen so viel bischoffs art, als des müllers esel. werke 2, 24; aus vielen körner, die zermalet werden, wird ein brot, und verleuret ein igliches seine gestalt und wird des andern mehl. 2, 224ᵇ; welch ein unaussprechlich morden und jamer da werden solt, das ein fürst lieber solt drey fürstenthum verlieren .. denn solches jamers ursach sein. 6, 4; hie ist ein ander man, der mir zusaget, das ich sol hundertfeltig finden, für alles, was ich hie kan verlieren. 7, 53ᵇ; und die sonne verlor jren schein, und der vorhang des tempels zureis mitten entzwey. Lucas 23, 45; der gemein man sagt: jetz (nach der schlacht bei Mailand) hand die Schwitzer ir best pater noster verloren; dan vorhin meint man, sy weren schier unüberwintlich. Thom. Platter 21; (Alexander) der weint, dasz sein vatter vil gewan, dann er besorgt, er möcht nichts zu gewinnen haben, so weint diese unsere spielgurgel, alsz sein vatter viel verlor, besorgt, sein vatter liesz ihm nicht dasz er auch zu verlieren hett. Garg. 317; sie sind wie die brumser in den immenfässern, welche wenn sie ihren stachel verloren haben nicht mehr arbeiten noch honig machen. Simpl. 1, 406, 15 Kurz; ein kerl, der nicht viel zu verlieren hat, der kans auff dem weg frisch hienein (in den wald) wagen. Philander 2, 31; wenn sie (die regenten) nicht über solche herrschsucht offt ihr selbst eignes marck und blutt aussaugten und mit jenem äsopischen wasserhunde nach dem schatten schnappende das allbereit gefaste stük fleisches darüber verliereten. Butschky Patm. 817; hier ist etwas von deiner hand, sagte sie, das du vielleicht ungern verlörest. Göthe 17, 147;
und bringt so einen hieb ihm bei, dasz ihm die ohren klingen,
und die entnervte hand den degengrîff verliert.
Wieland Oberon 1, 59;
das rosz des riesen strauchelte, er selbst
verliert den bügel.
Tieck 1, 267.
in einer mehr bildlichen bedeutung von dingen gesagt, die ich nicht factisch in händen halte, sondern die zu meinem besitze gehören: verleur gerne dein geld umb deines bruders und nehesten willen. Sirach 29, 13; gefehrliche bundtnussen zu vermeiden, dadurch Athen und andre land und leute verlohre. Kirchhof wendunm. 4, 9 Österley; durch dich habe ich meine stelle im pallast verloren. Göthe 34, 39; wenn ich früher bezahle als ich schuldig bin, so verliere ich die zinsen der zwischenzeit. Klinger 3, 131; der Athenienser, der (durch verbannung) sein vaterland verloren, konnte in der ganzen übrigen welt kein Athen mehr finden. Schiller hist.-krit. ausg. 9, 172; zwei jahre vor seinem tode verlor er Sicilien. Platen 364; sie verloren ihre kleider und muszten sich in lumpen hüllen, sie verloren das fleisch von ihren knochen. H. Heine 3, 85: verlor ich den anblick der deutschen küste. 3, 11;
(der) wenn ein grashalm ihm verdorrt
gleich einen thränenstrom verlieret.
Gökingk 3, 162.
hierher der bair. kunstausdruck aus dem küchenwesen: eier in die suppe verlieren, sie roh in die heisze suppe schlagen, verlorene eier. Schmeller 1, 1514 Frommann. besonders gern von der einbusze einzelner körpertheile und körperlicher fähigkeiten, sei es durch zufällige vorkommnisse, sei es als bestrafung: ein übelthetter soll umb seine erste miszthat eyn aug verliern. Frank weltbuch 36ᵇ; so ein schöner mann ein aug verlürt ist jm nit sein gantz angesicht verderpt? Wickram rollwagenb. 1, 47 Kurz; unnd, lieber, sagt nicht Tobias, da er sein gesicht verlohren .. Garg. 241 (1590); es dauert doch etwann den von Hagenbach nicht so sehr sein kopff, welchen er durchs schwerdt verlieren muszte, als .. 421; die sagten, er hätte den tod wohl verschuldet, solt seinen kopff verlieren. Philander 2, 564; und die leibliche kost kömt dazu, dasz er sein gesichte und den anblick des edlen liechtes verliehren musz. Weise Esau u. Jacob 116; das andre (kind) erfror die hände, welche es bald darauf bei einem ungeschickten dorfbarbier verlor. Soph. reise 1, 13; zwischen den wendezirkeln verliert er (der hund) die stimme. Herder zur phil. u. geschichte 3, 70; Christian selbst .. verliert durch einen splitter sein rechtes auge. Schiller hist.-krit. ausg. 8, 399;
der ist eyn narr, der heymlicheyt
synr frowen, oder yemans seyt,
dardurch der sterckest man verlor,
Samson, syn ougen und syn hor.
Brant narrensch. (51) 4 Zarncke;
weib lasz seyn majestat ungeschmecht,
das du nit auch dein halsz verlirst.
H. Sachs 2, 3, 32 (8, 122 Keller);
ach trags dem feinde für: dasz er zur magd mich hat;
dasz er uns mag nach Rom zum siegsgepränge führen,
wo nur mein eh-schatz nicht darff hals und kopff verlieren!
Lohenstein Sophon. 10, 298.
von allgemeinen eigenschaften, besonders von geistigen fähigkeiten, die jemanden, einer sache zukommen: was ists denn, das du solches kind lessest also sein leben und alle sein werck verlieren und dazu die helle damit verdienen? Luther 2, 233; da sprach die jungfraw: ah ich habe meine ehre verloren. 6, 502; darüber sein leben gewagt und im wasser verloren. 8, 208; denn wer sein leben behalten will, der wirds verlieren. Matth. 16, 45; wer sein leben findet, der wirds verlieren, und wer sein leben verleuret umb meinen willen der wirds finden. 10, 39; dasz er weg gesucht, wie er sie, die Lucrecia, schmähen möcht, damit sie ihr gut lob verliere. Kirchhof wendunm. 4, 55 Österley; Zoilus und Moscus haben dich und alle andre götter in der gantzen weiten welt vor so verrucht .. ausgeschrien, dasz ihr bei den menschen allen credit verlohren. Simpl. 1, 266, 16; er hätte dann seinen credit erstlich bey seinen creditoren und consequenter auch bey jederman verlieren wollen. 2, 156, 22; da muste ich nun thun wie einer, der seinen credit nicht verlieren will. 2, 290, 2; weil wir weder nahe noch fern keine landschafft, sondern nur wasser und himmel sahen, wurden wir beide betrübt und verloren alle hoffnung ins künfftige wiederum menschen zu sehen. 2, 223, 21; (überbleibsel der scholastischen philosophie) über die ich die geduld verlieren werde, wenn du mich nicht bald anhörst. Lessing jung. gel. 1, 2; wahrheiten verlieren ihre reitzungen. 6, 23; verliert es nicht seine ganze schönheit, wenn der richter auf ein kunstwerk damit angespielt hat, in welchem dieser fluszgott als wirklich eine brücke zerbrechend vorgestellet wird. 6, 430; jetzt verlor der zunftmeister Pfriem alle geduld. Wieland 20, 59; man musz den verstand verloren haben, um einem gesunden menschen weisz machen zu wollen, dasz .. ebenda; der tägliche anblick hatte den reitz der neuheit verloren. 41, 194 (supplem.); musz erst alles versuchen; über dem geschwätz verliert man endlich alle activität. Fr. Müller 2, 58; gott im himmel, hast du das zum schicksale der menschen gemacht, dasz sie nicht glücklich sind, als ehe sie zu ihrem verstande kommen und wenn sie ihn verlieren? Göthe 16, 138; bald aber verlor Wilhelm den anblick des lichtes und das bewusztseyn dessen, was vorging. 19, 38; er verlor alles bewusztsein und als er wieder zu sich kam, waren reiter und wagen ... verschwunden. 19, 46; in dem augenblicke verlor das kind die lust daran (an dem spielzeuge). 20, 244; indem ich daran denke, laufe ich gefahr den verstand zu verlieren. H. Heine 19, 17;
desz mancher kumpt in grosze not,
verlürt sin lyb, eer und guͦt.
Gengenbach bundtschuch 23, 24 Gödeke;
(das wasser) das verlor sein art,
roter wein durch sein wort draus ward.
Wackernagel kirchenl. (Luther) 3, 25;
der feyndt verleust seine sterck
unnd zerstört seine werck.
3, 238;
.. das sie ir ehr bewaren sol
auff erdt als iren höchsten schatz,
verleurt sie den, alsdann so hatz
verloren preysz, lob, ehr und ruhm.
H. Sachs 2, 3, 178 (8, 698 Keller);
hast zu uberflüssig studieret,
oder zu hart imaginieret
nach natürlicher aygenschafft,
das du verleurst deiner sinne krafft?
H. Sachs 3, 105, 31;
sag, wenn du in der spiler zunfft,
sitzt, fantasirst und abenthewerst,
wie offt du selbst dein sinn verleurst.
1, 228 (3, 53, 14 Keller);
wiewol ich unschuldig mein leben,
jetzund in dem flamenden fewer
durch den falschen marschalch verlewer.
2, 3, 77 (8, 289 Keller);
guts hast erkempffet Rom der statt,
must doch umb die schendtliche that
verlieren erst dein junges leben.
(8, 22 Keller);
zuletz trug man für ein weintrauben,
davon solt auch der juncker klauben,
und etliche teige holtzbiern
die fast wolten den schmack verliern.
Froschmäusler 9;
ja, wans zum ärgsten mit jr staht,
wird die sonn, als wans nidergaht,
ein finsternusz lan uber sie,
die dunckler dan kein nacht ward nie
oder als kein eclypsis nit,
und alsdan wird sie gleich darmit
ir freiheit sammt dem schein von himmel
verlieren in eim tieffen schimmel.
Garg. 559 (1590);
doch rache, die man an läszt stehen,
verleurt nach säumung ihre krafft.
Opitz 1, 74;
der jüngling ..
der verlohr der menschen art
und zu einer blumen ward.
1, 75;
wir solln die lust verlieren
zur lust und sicherheit,
mit zucht und frömmigkeit,
mit gottesfurcht uns zieren.
3, 95;
du sollst es (das leben) weislich nützen,
es dankbar als ein glück besitzen,
verlieren, als verlörst dus nicht.
Gellert 2, 85;
und wollt um alles in der welt
die gute meynung nicht verlieren, deren
mich ein so grader, frommer lieber mann
einmal gewürdiget.
Lessing 2, 297 (Nathan 4, 1);
der fürst verliert nun ganz
die königliche kontenanz.
Wieland.
das arme weib verliert
vor wuth und schmerz
die sinne ganz.
18, 361;
herr Gawin stutzt,
allein verliert darum
die lust zur sache nicht.
18, 334;
und sollt ich auch, mein freund, das leben nicht verlieren,
mich warnt der Vasti sturz, ich mag es nicht probiren.
Göthe 13, 33;
jeden tag gibts neue parteyen,
man musz nicht die geduld verlieren.
13, 12.
bildlich: wann einer freyen wollte und wissen wolte ob seine liebste ein ehrlich mädgen oder ein balg wär? dorffte er weiters nichts fragen, als, ob sie in unserer gesellschafft gewesen? dann dieses war ein gewisses zeichen, dasz sie ein eysen oder etliche verloren hatte. Philander 1, 384;
dem jüngling aber, welcher frühe,
durchs beispiel angesteckt, den rechten pfad verlor,
sein unerfahrnes herz bethören liesz, sein ohr
verführern lieh ...
Gotter 1, 380.
in übertragner bedeutung: den kopf verlieren, die überlegung verlieren (kopf also sitz der denkkraft):
was geht der eselkopf uns an?
ich sorge, denkt mancher weise mann,
der sultan hat den seinen verloren.
Wieland 18, 278;
je mehr sie flehn, je minder rührt es ihn;
bis endlich herzog Nayms (der oft in seinem leben,
wenn Karl den kopf verlor, den seinen ihm geliehn)
den mund zum ohr ihm hält.
Oberon 1, 52;
gesehen hab ich sie, und ohne widerstreben
beym ersten blick mein herz an sie verloren.
4, 4.
ähnlich: den geschmack an etwas verlieren.
5)
dinge verlieren, durch deren glückliche durchführung ich etwas reales erringe: einen procesz verlieren, schlacht verlieren, anspruchrecht verlieren; wil ich hie geschweigen den streit mit yren lastern ... von den sie allzeit uberwunden, das feldt verlieren. Frank chron. 119ᵇ; ist nicht gut gelt fordern wo keines ist, denn da verleurt der kayser seyn recht. Fischart groszm. 57; denn, wenn ein kriegsmann drei tag und nächt alle stürme verläuret vor der festung, so bekommt er nicht einen guten muth. Schweinichen 3, 288; da kayser Carolus der fünffte den sturm vor Metz verlohr, tröstet ihn Don Johann Medices. Schuppius 22; aber kanntest du diese Flaviana, die so lustig darüber war, dasz sie ihre wette auf deine unkosten verloren hatte. Wieland 28, 182; ja, du blutiger Varus! verloren hast du sie die schlacht und alle deine schilde und alle deine adler verloren. Klopstock 8, 162; verloren sagst du? was denn verloren? wo bin ich denn? verloren hätten wir sie, diese lang berathschlagte kühne schlacht, die so schön begann? 8, 163; ich weisz wohl, dasz man in bürgerlichen händeln nicht nöthig hat, seinem widersacher beweise gegen sich an die hand zu geben, ohne die er seine sachen sogleich verlieren müszte. Lessing 4, 56;
aber das mich am sersten anficht:
all mein hendel und practicieren
musz ich auch darüber verlieren.
Schade sat. u. pasqu. 1, 71, 114;
als er (Hannibal) die letzte schlacht verlur,
von den Römern geschlagen wur ...
H. Sachs 2, 3, 121 (8, 465, 8 Keller);
ghen dem so rüst sich auch dergleich
Hyarnus auch mit groszer macht,
der doch verlor die erste schlacht.
nach dem sich wider rüsten wur
und auch die ander schlacht verlur.
2, 3, 137 (8, 534 Keller);
ordnung und alles wol bedacht,
richt groszes aus mit kleiner macht,
da unbesunn verleurt die schlacht.
Kirchhof wendunm. 4, 135 Österley;
so mag Aurora sich lang zieren,
wan sie die schönste gern sein wolt,
und richter Cephalus sein solt,
würd sie schamrot die sach verlieren.
Weckherlin 7, 113 Gödeke;
doch dieses könnt ihr leicht erfahren,
ob ein procesz seit zwanzig jahren
von mir verloren ist.
Gellert 1, 72;
wenn dort das lärmen und schwärmen zerronnen,
schlacht verloren und schlacht gewonnen.
Herder 12, 245.
mit näherer ausführung:
hui da ihr reisigen Troias! verliehrt an die Griechen den kampf nicht.
Bürger 219, 6.
von andern nicht wirklichen dingen: zeit verlieren: wann kindtlich und unnütze ist es gethon, da man lang umbreden thuͦt, es ist die zeit verlieren. Keisersberg spinnerin N 4ᵇ; so war Bernhardus, als er in seinen todesnöten sprach: ich hab mein zeit verlorn, denn ich hab verdamlich gelebt. Luther 2, 32; (der) den süszen besten teil seines lebens mit stättem wachen, sorgen, schweigen verloren hat. Frank Erasm. lob d. thorh. 31; ich habe keine zeit zu verlieren. Lessing 1, 586 (Minna 5, 5); schwierigkeiten, die man durch ein kleines trinkgeld gar leicht hebt, man kommt aber auch, wenn man nur zeit verlieren und sich mit ihnen herumdisputiren will, endlich ohne geld durch. Göthe 43, 55; der major sah sehr wohl ein, dasz hier keine zeit zu verlieren sei. 22, 43; über dieser fruchtlosen unterhandlung verlor man die zeit für einen thätigen widerstand. Schiller hist.-krit. ausg. 8, 394; Simon hatte keine zeit zu verlieren, denn schon war die stunde fast versäumt, in welcher er seinem strengen vater gesellschaft leisten muszte. Tieck 19, 41;
welch armen aber hoffart reyt
und sich zugsellet seiner zeyt
den reych, gwaltigen ist anhangen
und wil ihm gleich in kleydern prangen,
mit gepewen und panckatiern,
mit schalatzen die zeyt verliern,
sich aller ding ihm gleichen wil,
doch gibt sin pfenning nicht so viel
wo er ihm schon geleich ist zeern.
H. Sachs 2, 4, 47 (9, 203, 6 Keller);
und letzlich wie er lang studiert,
und sehr viel zeit darmit verliert,
da ward er erst mit groszer müh
magister, das jms gott verzieh.
Fischart dicht. 1, 79, 3030 Kurz;
was nützt euch, dasz ihr hier so wort als zeit verlieret?
Lohenstein Sophon. 22, 68;
Zelinde: bei bankett und tanz und ballspiel, stiergefecht,
turnier und streit,
bist du tag und nacht beschäftigt und verlierst die schöne zeit.
Oed.: um die zeit, o liebe mutter, ist es ein besondres gut,
der verliert sie nie, der immer, was gebeut die stunde thut.
Platen 4, 130 (1848) (rom. Oed. 3. act).
recht verlieren: das anrecht an etwas verlieren, recht verlieren Schwabensp. 26, 48 Laszberg; ein burmal vorlieren, bürgerrecht verlieren. Magdeb. fragen 1, 1, 15, 17; ich habe bei den menschen das bürgerrecht verlohren. Weise Machiavell 4. glauben verlieren: das arme einfältige volck hat gott behalten, aber die sich selbs zu priester gemacht .. hat er in verkarten sinn gegeben auf das sie den gemeinen christlichen glauben verlören. Luther 2, 31; die verlieren Christum, ja sie verstoszen jn. 6, 374, 2; das wir sehen .. das keine sünde verdammen kan, wenn man nur den glauben nicht verleuret. 4, 195. ein wort verlieren: was hab ich nöthig, hierüber so viel worte zu verlieren? pers. baumgarten 7, 1; sonst wolte ich lieber, ich hätte geschwiegen: wie ich denn über alles das wovon jederman so wenig weisz als ich nicht gerne ein wort verliere. Göthe 16, 132; was ich gethan habe, werd ich ohne zweifel einmal im schuldbuch des himmels lesen, aber mit seinen erbärmlichen verwesern will ich kein wort mehr verlieren. Schiller hist.-krit. ausg. 2, 105 (räub. 2, 3); kein wort darüber verlieren; weisz die dinge in ordnung zu halten, ohne ein wort zu verlieren. Keller Seldwyla 424;
es ist zu spät, indem du deine worte
verlierst, ist schon ein meilenzeiger nach dem andern
zurückgelegt von meinen eilenden.
Schiller hist.-krit. ausg. 12, 244 (Wallenst. tod 2, 2).
von andern nicht realen dingen: wolt jr gerecht werden durchs gesetz, so seid jr ab von Christo und habt gnade verloren. Luther 6, 374; denn er kan kurtzumb das wort nicht leiden, weil dadurch sein reich zerstöret wird und seine gewalt verlieren musz. 6, 44ᵇ; denn ob er gleich ein böser mensch ist und dir böses thut, doch verleurt er umb des willen nicht den namen, das er nicht dein nehester heisze. 6, 36ᵇ; verleuret man ihn, so ist alles dahin; .. sonst verleuret er seine ehre. tischr. 26ᵃ; das gras abgeschlagen oder gebrochen verleurt seinen ursprung, der ist der einflieszende saft. ps. 102, 4; das mör verleurt sein namen. Frank weltb. 4; dasz man die rechten nahmen gar verleuret. Olearius reiseb. vorr.; wer der welt dienet, der verleuret nicht allein alle seine wohlthat, sondern krieget teuffelsdreck zum lohn. Schuppius 836; ich kann nicht angeben, auf welche weise dieser gleichwohl endlich allen einflusz auf das geschäfte verlohr. Lessing 8, 408; ich will ihre kundschaft verlieren, wenn es nicht gewisz ist. 2, 150 (Emilia 3, 2); freylich borgt ihr (Deutschen) sie (die ausbildung) von andern völkern und verliert dadurch den ruhm der eigenheit. Klinger 3, 131; sie sind nun da und ich habe meinen faden (des gesprächs) verloren. Göthe 19, 86; den begriff von nation hatte ich verloren. 19, 101; die blätter der italienischen pappel haben sehr zarte straffe blattstiele, diese von insecten gestochen, verlieren ihre gerade richtung und nehmen die spirale alsobald an. 55, 125; Ferdinand dich zu verlieren! doch man verliert ja nur, was man besessen hat. Schiller kabale u. liebe 3, 4; das volk stellt sich gegen die windseite, um ja nichts von seiner predigt zu verlieren. hist.-krit. ausg. 7, 213; so kann und soll man beschwerliche aber nothwendige arbeit in guter laune verrichten; ja selbst sterben in guter laune; denn alles verliert seinen werth dadurch, dasz es in übler laune oder mürrischer stimmung begangen oder erlitten wird. Kant 10, 256; ich musz meine gedanken ununterbrochen zusammenhalten, wenn ich den faden, der das ganze system verknüpft, nicht verlieren soll. 10, 498; das glück dauerte nie länger als zwei minuten, da wir den faden aus mangel an ruhe und besonnenheit sogleich wieder verloren. Keller Seldwyla 66; und da es mir gelang, so fühlte ich mich endlich ziemlich zufrieden ohne jedoch mehr worte zu verlieren als bisher. 43; mühe und arbeit an etwas verlieren; vorstellungen und ermahnungen an einem verlieren;
myn rymen sint vil abgeschnitten,
den synn verlürt man jn der mitten.
jeder rym hat sich müssen schmucken
noch dem man jn hatt wellen drucken.
Brant narrenschiff 1, 22 Zarncke;
weil ich hie hab gefelt (zum fehltritte verleitet habe)
den menschen, den gott hat erwelt,
der nun sein gunst bei jm verleust
das gott und die engel vertreust ..
H. Sachs 1, 7 (1, 41, 22 Keller);
sag wenn du in der spiler zunfft
sitzt, fantasirst und abenthewerst,
wie offt du selbst dein sinn verleurst!
1, 228 (3, 53, 14 Keller);
Pervontens wohl gestreckte ohren,
so dumm er sonsten war, verloren
kein wort von diesem lobe.
Wieland 18, 132;
nicht Odysseus allein verlor den tag der zurückkunft.
Odyssee 1, 354 (1781);
er (Mortimer) .. bringt
sein treu altenglisch herz zurück,
lady, an dem ist eure kunst verloren!
Schiller hist.-krit. ausg. 12, 411 (M. Stuart 1, 3);
falle würdig, wie du standst,
verliere das kommando. geh
vom schauplatz.
12, 244 (Wallenst. tod 2, 2).
object kein wirklicher gegenstand, sondern nur ein maaszbegriff: lasset keine güte unangewendet. verliert jr doch mit der güte nichts und ob jr etwas daran verlöret, kan es euch hernach in friede zehenfeltig wieder werden. Luther 3, 115; er kan mit gott nit auszkommen, bisz er in gott kompt sein lust, willen, kunst sich selbs und alles in gott verleurt. Frank Erasmus lob d. thorh. 169ᵇ; nun, nun, wenn er dich auch einmal du hiesze, deswegen verlörst du nichts von deiner ehre. Gellert 3, 31; wir verlören zu viel, wenn derjenige durch seine besserung sich die hochachtung der vernünftigen welt verdiente. Rabener 1, 12 (1775); dass der Christ bey der vergleichung der religionen nichts verlieren, der heide ... aber unendlich viel gewinnen kann. Lessing 4, 53; verliert mein vater durch mich nichts? 2, 57; sie (die witzigen schriften der Deutschen) würden offenbar mehr dabey (in französischer übersetzung) verlieren als gewinnen. 3, 23ᵇ; was läge unterdessen daran, wenn nur das publicum bey dem nachdrucke nichts verloren hätte. aber hören sie, wie viel es noch bis itzt verlieret. 6, 49; die wahrheit soll indesz desto weniger dabei verlieren. Thümmel 2, 23; die feinde verloren viel, man stritt mit aller macht und es war der dickste nebel. Göthe 34, 99; wenn ihr muth habt, tret einer auf und sag: er habe noch etwas zu verlieren, und nicht alles zu gewinnen. Schiller hist.-krit. ausg. 2, 39 (räub. 1, 2); über seine seele war ein riesenschatten des väterlichen bildes geworfen, der durch Gaspars kälte nichts verlor. J. Paul 21, 6;
wie er (der genius der menschheit) die strahlen dieses lichts zerstreut
durch völker zonen und jahrhunderte
und nichts verlor und alle sammeln wird
zu einer sonne der glückseligkeit.
Herder lit. u. kunst 12, 335 (1821);
zum bleiben ich, zum scheiden du erkoren,
gingst du voran und hast nicht viel verloren.
Göthe 3, 21;
an dir gesellen, unhold, barsch und toll
ist wahrlich wenig zu verlieren.
12, 172.
etwas verlieren nimmt mitunter die bedeutung an 'in hingeworfener rede etwas äuszern' (ähnliches bild, etwas fallen lassen): sollte Herder etwas gegen mich verlieren (in bezug auf Wolfs aufsatz gegen ihn), so haben sie wohl die freundschaft, mir erst wink zu geben. F. A. Wolf an C. G. Schütz (1795) in K. F. Schütz C. G. Schütz 2, 467. das verlieren wird oft noch verdeutlicht durch einen erklärenden zusatz, woraus man etwas verliert: man hätte vielleicht noch lange gezaudert, eine prinzessin wieder einmal in das land zu senden, wenn nicht mein nachgeborner bruder so klein ausgefallen wäre, dasz ihn die wärterinnen aus den windeln verloren haben. Göthe 23, 95; einen von der seite verlieren. bildlicher ausdruck, aus den augen verlieren: das fräulein hatte ihn kaum aus den augen verloren, so kam Hulderich. Wieland 19, 243 Cotta;
und Lutz sagt kaum sein gott vergelt's!
so hat er schon den herrn aus dem gesicht verloren.
Wieland 18, 76;
mit diesen worten sprengt mein krauskopf stolz davon,
verliert in drey minuten schon
die stadt aus dem gesicht und reitet wohlbehalten
zu groszem schrecken seiner alten
auf seinem bündel reis in ihre wohnung ein.
18, 133;
sie taucht oft unter (in dem gebüsche), kam wîeder hervor,
bis ich sie ganz aus den augen verlor.
18, 261.
im bilde, übertragen auf dinge, ohne den zusatz aus den augen: schiffe verlieren das feuer des leuchtthurms (wenn sie es nicht mehr sehen). Brem. bekanntmachungen. hieran schlieszt sich auf rein geistiges übertragen aus den augen, dem gesichte, dem sinne u. s. w. verlieren: er glaubet, dasz beyde künste bey den alten so genau verbunden gewesen ... dasz der dichter nie den mahler, der mahler nie den dichter aus den augen verloren habe. Lessing 6, 430; in der abenddämmerung verlor ihre nachsehende kostgängerin sie erst aus den augen. Musäus mährchen (1842) 534; (es verdrosz mich) dasz sie ihre studien fortsetzte und darüber sogar ihre dritte gewissensfrage aus den augen verlor, für die ich eine so schöne antwort gefunden hatte. Thümmel 4, 107; wie er sich windet, dreht, ängstigt, vor mir zurücktritt, immer erinnert wird, sich immer erinnert und zuletzt just seinen zweck aus dem sinne verliert, ohne doch jemals wieder froh zu werden. Göthe 19, 76; bey diesen maaszregeln der politik verlor man die hauptsache, den krieg selbst, nicht aus den augen. Schiller hist.-krit. ausg. 9, 287; Dankmar hatte ihn .. aus dem gedächtnisz verloren. Gutzkow ritter v. geist 2, 211. verdeutlicht durch anfügung des menschen oder gegenstandes, durch den ich in schaden, verlust komme: doch auch du stehst in einem trostlosen kummer vergraben, der du in mir weder geliebte noch tochter verlierst. Lessing 2, 87 (Sara 5, 10); er hatte an ihr eine treue wärterin, eine muntere gesellschafterin verloren. Göthe 19, 62.
6)
verlieren oft in übertragener bedeutung: für gewisse, besonders die höheren ziele der menschheit untauglich machen; im activ selten, häufiger im passiv und das part. praet. verloren untauglich für das himmelreich: das gotes gnediger wille sei, das niemand sol verloren, sondern jederman selig werden. Luther 7, 29; welche on gesetz gesündigt haben, die werden on gesetz verloren werden. Römer 2, 12; das wort vom creutz ist eine torheit, denen, die verloren werden. 1 Cor. 1, 18; ist nu unser evangelium verdeckt, so ists in denen, die verloren werden, verdeckt. 2 Cor. 4, 3;
an unserm ende wohn uns bey
dasz wir nicht werden verloren.
Wackernagel kirchenl. 2, 889ᵇ;
du kanst uns miltern den herren
das er uns lieber will neren
denn das wir werden verlorn.
2, 875ᵃ;
und bat den herren Christum sehr
das er jn einer bitt gewehr
und keinen las verloren werden
in seinem orden hie auff erden.
Fischart dicht. 1, 207, 2953 Kurz.
mit näherer angabe des ortes, woran der verlust stattfindet: jr müsset unterliegen und ob jr schon zeitlich gewünnet und alle fürsten erschlüget, doch zuletzt ewiglich an leib und seele verloren werden. Luther 3, 115ᵇ.
7)
verlieren in der bedeutung 'verlieren machen'. dasjenige, was die ursache des verlustes ist, ist als subject vorangestellt und im dativ das beigefügt, dem der verlust zugefügt wird: sein (Philipps) eintritt in Brüssel hatte ihm alle herzen verloren. Schiller hist.-krit. ausg. 7, 57;
die unschuld eben ists was ihm den kopf verliert.
Wieland 10, 342;
wer denkt daran, dasz solch ein augenblick
uns den erwerb von jahren kann verlieren?
Göckingk 1, 157.
8)
das reflexiv. vertritt das passiv. sich verlieren = verloren werden, doch liegt es im wesen des reflexivs, dasz es durch rückdeutung auf sich selbst ohne zusammenhang zu anderen subjecten nur auf sich selbst gewiesen dasteht, während das passiv auf die mitthätigkeit anderer hindeutet. sich verlieren ohne nähere bestimmung von menschen 'verschwinden, abhanden kommen': die da fischen sollten, verloren sich weg. Schweinichen 1, 359; demnach hat er sich verloren, dasz noch auff den heutigen tag niemand weisz, wo er hinausz kommen ist. Fischart Garg. 522 (1590); aber demnach er sich verloren und weder butz noch stil von jhm zu erfahren, ist mein meynung .. 528; noch vor acht tagen war es ein beliebter sammelplatz von unzähligen jungen herren und verliebten narren. alle tage haben sich ihrer ein paar verlohren. Lessing 2, 363; in seinem dienste war das kind unermüdet und früh mit der sonne auf, es verlor sich dagegen abends zeitig. Göthe 18, 172; verliert euch, wie die strahlen des lichts im schatten. Friedr. Müller 2, 28;
... gibt nicht auffs bergwerck acht
der stoll und schacht sich offt verlieren über nacht.
Opitz 1, 154;
hat sich der mond verlohren,
wird wieder doch gebohren,
das meer leufft ab und zu.
S. Dach 401 Österley;
er kann zuletzt sich länger nicht entbrechen
sich hin und her zu wälzen ...
und arm und fusz so lange auszudehnen
bis endlich sich der zwischenraum verliert.
Wieland 18, 94;
wie schon die ebne, die sich blau verliert.
E. v. Kleist 1, 26;
im jahre 1637 wurde stadt und kloster durch die Schweden verwüstet. die letzten mönche verloren sich, das kloster wurde nicht wieder eingerichtet. Freytag verl. handschr. 1, 12 (1883). mit näherer bestimmung: die andern nimfen hatten sich unter dem lesen alle hinausz verlohren. Opitz 2, 275;
da binn ich krochen auf allen virn
bisz ich mich mocht darausz verlirn.
Fischart dicht. 2, 61, 2282 Kurz;
doch würd ich nicht allein mich her verlieren,
weil ich ein feind von allem rohen bin.
Göthe 12, 54;
verliere dich nicht vom schlosse. 7, 275; ohne abschied zu nehmen verlor man sich auseinander. 17, 57; sie meinte Friedrichen, der sich vom wahlplatze verloren und nicht wieder gezeigt hatte. 19, 61;
als nun das frohe volck von posten sich verlieret
ja viel der vorwitz gar ins feindes lager führet.
Lohenstein Sophon. 20, 13;
meine mutter war der hunger, seit sie mich aus sich geboren
hat sie sich bey keinem tage noch zur zeit ausz mir verloren.
Logau 2, 24, 91 (Eitner 245);
es ist den sterblichen kein festes glück beschieden,
seitdem Asträa sich aus unserer welt verlor.
Cronegk, s. Campe u. bescheiden;
dich, wonne, will ein thor
der sich von gott verlor,
ein staub will dich uns rauben.
Klopstock 7, 95;
ans theater des bürgerlichen lebens ist gewöhnlich ein hospital gebaut, in welches sich nach und nach die mehresten der schauspieler verlieren. Herder phil. u. gesch. 2, 195 (1820); in seinen (des Römers) hallen verloren wir uns gern. Göthe 24, 25; niemand erwartet von uns, dasz wir uns in ein äuszerstes verlieren werden. 17, 167; (Felix) war verschwunden, muszte sich in die höhle verloren haben. 21, 59; sie (die schmiede) verlieren sich in den gewölben, die sich schlieszen. 40, 388; alles gehört ihnen an, ihrem willen scheint alles durchdringlich, gar oft verlieren sie sich deshalb in einem wilden wüsten wesen. 48, 19; schon wollte er ihn (den waldweg) überschreiten, um sich drüben wieder ins dickicht zu verlieren, als .. Heyse kinder d. welt² 3, 116; sie fragen, ob ich mich nicht gern in der menge verlieren möchte. Spielhagen 17, 53;
mit dem eilenden worte verlor er sich unter die menge.
Klopstock Mess. 9, 90;
einst da ich mich von ungefähr ...
im tiefsten hain verlor, da kam ein groszer bär.
Wieland 17, 137;
der arme mann, das arme weib verloren
aus furcht vor dir sich in die weite welt.
Göthe 13, 289;
ich mag in diesem hexenheer
mich gar zu gern verlieren.
11, 190.
9)
übertragene bedeutung sich (selbst) verlieren, nicht mehr sein eigner herr sein, die herrschaft über sich verlieren:
Cnejus hat bey seiner liebsten, die er ihm hat auszerkoren,
wie er für giebt, ausz sich selbsten gantz in sie sich hin verloren.
Logau 3, 127, 47 (Eitner 553).
daher seinen gewohnheiten, seinen grundsätzen untreu werden: und was nutz hette der mensch, ob er die gantze welt gewünne und verlüre sich selbs? Luc. 9, 25; in solchen augenblicken verlor er sich selbst. Göthe 48, 32; erst an jenem tage, wo ich die sünde kennen lernte, wo ich mich selbst verloren hatte, da wuszte ich, wie nahe der ferne sein kann. Heyse kinder d. welt⁴ 1, 181;
wenn ich mich je verlohr, es zerrisz mich wilde verstreuung.
Herder lit. u. kunst 12, 119 (1821);
ja mich verdrieszt — und ich bekenn' es gern,
dasz ich mich heut so ohne masz verlor.
Göthe 9, 184;
und wenn du ganz dich zu verlieren scheinst,
vergleiche dich! erkenne wer du bist!
9, 244.
von gegenständen und nicht realen begriffen: die schmerzen verloren sich, das fieber verlor sich; denn weil er zu vil wasser zuschlecht auff sein planherdt, so scheust das gold uber und verleurt sich und wird jm unter sein henden zu wasser. Mathesius Sar. 20 (1562); das wasser verleurt sich oder verlaufft, aufugit aqua. Maaler 424ᵇ; das alter verzehret man in jammer und elend: der geist wird schwach .. das gehör verfällt, der geruch verliert sich, der geschmack gehet hinweg. Simpl. 2, 112, 25 Kurz; von auszen war alles herrlich, so bald man darnach grieffe ward es ein schatten und verlohre sich unter den händen. Philander 1, 6; der kunstrichter tadelt .. dasz sich die beziehung der begriffe auf einander verliere und sie dunkel werden müszten. Lessing 6, 48; schien die neigung zu Aurelien sich täglich mehr zu verlieren. Göthe 19, 138; denn dem gefühl müssen die haare nie wald, sondern sanfte nachgebende masse werden, die sich endlich selbst verliert. Herder kunst u. lit. 11, 267 (1821); im 17. bis zur hälfte des 18. jhs. waren die sogenannten lebensläufe hinter den leichenpredigten und epicedien das steife maasz deutscher denkwürdigkeiten, nachher verloren sich auch diese. 12, 28 (1821); die neueintretenden .. machten gewissermaszen mit unsern freunden .. eine art von gegensatz, der sich jedoch bald verlor. Göthe 17, 110; jenes erste gefühl, das uns zusammengeführt hatte, verlor sich nicht. 21, 35; nach einiger zeit verlor sich auch dieser klang. 15, 128; von Molo sich entfernend, hat man immer schöne aussicht, wenn sich auch das meer verliert. 28, 13; der wald verliert sich, die höhen werden mannichfaltiger. 43, 67; unter diesen zögerungen verstrich der winter und kaum bemerkte man, dasz das eis sich verlor, so wurde .. der bau der schiffbrücke .. vorgenommen. Schiller hist.-krit. ausg. 9, 51; das suchende des blickes verlor sich allgemach, der kranke schlosz von zeit zu zeit die augen und war endlich fest entschlafen. Spielhagen Plattland 2, 240 (1879); das wahre glück kann nichts anderes sein als sich hinzugeben, ohne sich zu verlieren, weil man sich wiederfindet in etwas besserem. Heyse kinder d. welt 1, 244;
wan jhre namen als ein dunst
in kurtzen jahren sich verlieren.
Wekherlin 354 (od. 1, 2);
wann morgenröt sich zieret
mit zartem rosenglanz,
und gar sich dann verlieret
der nächtlich sternentanz.
Spe trutzn. 1, 3 Balke;
doch eh vier wochen sich verlieren
so fängt Frontin schon an den schwarzen zu citiren.
Gellert 1, 103;
als er keinen erblickte, der stadt nun stummes getöse
ganz sich dem ohre verlor, beschlosz er zu sterben.
Klopstock Mess. 7, 159;
also verlor sich mit langsamem ton des unsterblichen stimme.
1, 562;
nur eine dünne wand
trennt sie; sie glauben fast einander zu berühren,
und nicht ein seufzer kann sich ungehört verlieren.
Wieland Oberon 7, 11;
(der ton) sich verlor.
Voss Odyssee 1, 11;
und in den zimmern
der königin verlor sich die erscheinung?
Schiller don Carlos 5, 9.
sich verlieren, aus den augen u. s. w. verlieren: kaum hatte sich das schiff aus unsern augen verloren, als .. Felsenburg 1, 95;
das volck het kaum jr wunsch verricht,
verlor das schiff sich ausz dem gsicht.
Fischart dicht. 2, 192, 526 Kurz.
mit näherer angabe wo (dat.) oder wehin (acc.) sich etwas verliert, worin etwas verschwindet: alles alte fleisch verleurt sich im schmeltzofen. Reiszner Jerus. 1, 61ᵇ; ihr letztes schreiben hat sich unter meine papiere verloren. Lessing 13, 100; viele (seiner ansichten) sind bäche, die sich von selbst im sande verlieren, wenn man die quelle verstopft. Herder lit. u. kunst 11, 101 (1821); das alterthum der stadt Abdera in Thracien verliert sich in der fabelhaften heldenzeit. Wieland 19, 3; ein thal, welches zwischen zwey waldigen bergen hinlief, in der ferne immer schmäler wurde und sich endlich in das aegaeische meer verlor. 20, 65; aber alle diese besondern schönheiten verlieren sich oder vereinigen sich vielmehr in dem haupteindruck, den das herrliche ganze .. auf die seele des anschauers macht. 33, 46; Jupiter verliert sich im mückenauge. 37, 51; das benutzbare wird zur wiese, bis sich auch das in einen abhang verliert. Göthe 27, 18; die englischen schauspieler verlieren sich ins weite. 22, 147; allein der wenig betretene pfad verlor sich bald und sie fanden sich im dichten gebüsch zwischen moorigem grün verirrt. 17, 81; lassen mich ohne trost in die weite welt hinausgehen, in der ich mich lange hätte verlieren sollen. 20, 303; ein geräumiges thal, in dessen anmuth und fülle man sich wohl gern verloren hätte. 23, 15; ein daphnischer und delphischer hain, in dessen flüsterndes und dampfendes dickigt er sich tiefer verlor. J. Paul 21, 28; zufällig und träumend verlor er sich unter orangenblüten. 21, 30; dasz man glauben sollte, sie (die dichter) seien glühende sonnentropfen, welche sich im hohen grase verloren haben und jetzt in der kühlen nacht sich erquicken. H. Heine 3, 175; es erhebt sich eine weitgedehnte erdwelle und verliert sich ... in der fruchtbaren ebene. Keller Seldwyla 209;
ich sah ihn nicht mehr, mein auge verlor sich
tief in der nacht.
Klopstock Mess. 5, 628;
wenn unerfahren die begierde sich
nach tausend gegenständen sonst verlor.
Göthe 13, 127
von ihr begleitet und geführt
frisch fortzuwallen, bis im schatten von cypressen
dein blumenpfad sich sanft verliert.
Gotter 1, 107;
dann zogen seine klar-blauen augen den blick an sich, der sich mit gefallen über seine schöne gestalt verlor. Göthe 21, 5; wir vermissen unsern herrn, er verlor sich in die nacht. 8, 51; während der symphonie geht alles doch in solcher ordnung durcheinander, dasz sich ... die personen in den grund verlieren, um den andern platz zu machen. 13, 12.
aber abseits wer ists?
ins gebüsch verliert sich sein pfad,
hinter ihm schlagen
die sträucher zusammen.
30, 222.
thüren
durch deren nie entdecktes band
die zimmer in einander sich verlieren.
Schiller 33ᵇ.
der ausgangspunkt des verlierens näher bestimmt: (das geld) verlor sich eines abends völlig aus meinem beutel. Göthe 23, 76. der begriff des verschwindens eines dinges, durch übergehen in etwas tritt deutlicher hervor: in bewunderung, in entzücken verlor sich mein leiden. Klinger 2, 129; es ist in poetischer prosa geschrieben, die sich manchmal in einen jambischen rhythmus verliert. Göthe 28, 27; (es gab) zu vielem hin und widerreden anlasz, bei dem der ganze discurs in confusion gerieth, unangenehm wurde und zuletzt sich in ein allgemeines stillschweigen verlor. 43, 65; die wahlfreyheit der deutschen krone stand in gefahr, sich in einem verjährten erbrechte endlich ganz zu verlieren. Schiller 9, 240; wie alles noch so still und feierlich ist, sagte Franz, und bald werden sich diese guten stunden in saus und braus, in getümmel und tausend abwechselungen verlieren. Tieck 16, 4; bei dem metrischen übersetzer verlieren sich diese auszerordentlichen stellen in der gewöhnlichen weise der theatersprache. H. Heine 3, 183; dieser singsang, den man noch in der ferne hören konnte, verlor sich am ende in den kirchlich langgezogenen tönen einer herannahenden procession. 4, 38;
eh das zweite jahr ins dritte sich verlor.
Wieland 10, 266.
kunstausdrücke (kunst): sich verlierende farben sind leichte farben,
wie weisz und blau, weil sie die gegenstände entfernt erscheinen
lassen. sich verlieren lassen wird bei den kupferstechern
von einem stiche gesagt, welchen man so genau mit einem andern
verbindet, dasz man nicht wahr nimmt, dasz zwei in einem vereinigt
sind.
Jacobsson 4, 521.
10)
gern nimmt sich verlieren eine schlimme nebenbedeutung. dann = verirren: da er zu den hütten seiner brüder gehen wollte, hat er sich in einer einöde diese lange traurige zeit verloren. Klopstock 8, 47; Amor also verlor sich einst — er war noch sehr jung — auf einer seiner wanderungen in einem gehölze von Arkadien. Wieland 10, 27; wohin haben sich die unbefangenen philosophischen betrachtungen verloren? Göthe 15, 103; sie fürchtet ... den gegenstand zu entweihen, bliebe sie ihm nicht vollkommen getreu, deszhalb ist sie ängstlich und verliert sich im detail. 22, 141; aber möchten wir nicht, unterbrach ich sie, die schwierigkeiten überzählen, über die sie eigentlich auskunft nöthig haben? in einer groszen bibliothek ist das beinahe nothwendig, denn sonst kann man sich darin verlieren, um nicht wieder herauszukommen. Thümmel 4, 78;
dem und jenem schlund
aufwirbelten viel tausend wilde flammen
und flackerten in ein gewölb zusammen,
zum höchsten dome züngelt es empor,
der immer ward und immer sich verlor.
Göthe 41, 62;
bald hätt er sich .. in dem finstern gebäu des träumenden Saddok
kläglich verloren, allein des Messias gewaltige wunder
retteten ihn.
Klopstock Mess. 3, 268;
ach! hielt ein gott Kreusen mir zurück,
verlor sie sich auf unbekannten pfaden.
Schiller 36ᵇ;
diese familienauftritte, ehe sie sich in eine geschichte des italienischen volks verlieren sollten .. Göthe 24, 222. im übertragenen sinne:
nie war ein junges paar im liebessuchen neuer,
doch eben darum hing ihr los an einem haar,
ihr ganzes glück auf ewig zu zerstören
brauchts einen augenblick, worin sie sich verlören.
Wieland Oberon 6, 107.
11)
aus der bedeutung 'verschwinden in etwas' entwickelt sich die abstracte 'in etwas aufgehen, sich so sehr in etwas vertiefen, dasz man für die welt nutzlos wird': dasz es dem rohern menschen zu verzeihen, dasz es sehr natürlich war .. wenn er sich also in der bewunderung der sonne so sehr verlohr, dasz er an den schöpfer der sonne nicht dachte. Lessing 7, 163; o bald werd' ich, des schmerzes los, mich wiederum in der urquelle meines wesens verlieren (sterben). Klinger 2, 439; wenn ich mich so in träumen verliere, kann ich mich des gedankens nicht erwehren ... Göthe 16, 116; bis ich mich ganz in dem anschauen einer unsichtbaren ferne verlor. 16, 112; stundenlang konnt ich hier sitzen und mich hinüber sehnen, mit inniger seele mich in den wäldern, in den thälern verlieren. 16, 111; wird er (der mensch) nicht eben da zu dem stumpfen, kalten bewusztsein wieder zurückgebracht, da er sich in der fülle des unendlichen zu verlieren sehnte? 16, 141; mit offnen armen stand ich gegen den abgrund .. und verlor mich in der wonne, meine qualen, meine leiden da hinab zu stürzen. 16, 152; der graf verlor sich in vorige zeiten, gedachte mit lebhaftigkeit an die schönheit Charlottens. 17, 125; das gespräch verlor sich indesz .. in die vergangne zeit. 24, 307; wir hatten uns ganz in die vergangenheit und zukunft verloren, als einige hereintretende freunde uns wieder in die gegenwart zurückriefen. 24, 309; entweder das gegenwärtige hält uns mit gewalt an sich, oder wir verlieren uns in die vergangenheit. 17, 294; vielleicht wird es dereinst möglich, seinen lebensgang bis zu der zeit, da er sich in wahnsinn verlor, auf irgend eine weise anschaulich zu machen. 26, 247; wir verlieren uns in allegorien. Lenz 1, 109; um sich nicht dem seelenlosen materialismus in den schoosz zu werfen, andrerseits sich nicht in dem für uns im leben grundlosen spiritualismus herumschwärmend zu verlieren. Kant 2, 323; wer .. fühlt sich nicht nothgedrungen unerachtet all des verbotes sich nicht in transcendente ideen zu verlieren, ... in dem begriffe eines wesens ruhe .. zu suchen. 3, 278; Viktor kniete überwältigt von hochachtung und wonne vor der edeln seele und verlor sich in die dämmernde weinende gestalt und in die weinenden töne. J. Paul 8, 99;
ein maulwurf, der durchaus ein weiser heiszen wollte,
warf vor betrachtungen, darin er sich verlor,
fast keinen haufen auf.
Lichtwer 89 (1775);
hat er in tiefe gedanken sich je, voll einsamer wollust
und in die hellen kreise der stillen entzückung verloren,
... o so hör ihn, Eloa.
Klopstock Mess. 1, 579;
nicht mehr gewandt, die flügelchen zu putzen,
nicht mehr geschickt, das köpfchen aufzustutzen,
das leben so sich im genusz verliert.
Göthe 3, 184;
o sagt mir nur, ob ich zu tadeln bin,
dasz ich mir diesen mann zum muster auserkoren?
dasz ich mich ganz in ihn verloren?
13, 160;
dort ...
hab ich oft am stillen teiche
stundenlang für mich gesessen
und der ganzen welt vergessen,
weil sie sich in dir (meinem freunde) verlor!
Göckingk 1, 50.
nahe liegt der übergang in die bedeutung 'übergehen in etwas':
denn tugend ohne wachsamkeit,
verliert sich bald in sicherheit.
Gellert 2, 81.
12)
das participium hat einerseits noch wirklich participiale bedeutung, andererseits ist es ganz zum adjectiv geworden. zu allen oben angeführten bedeutungen des zeitwortes finden sich natürlich zahlreiche participien. auf das knappste uns beschränkend, führen wir für das particip folgende belege an: damit, dasz sein f. g. an mich gnädig gesinnende die schöne liebliche historien vom verlohrnen sohn in eine comedien zu stellen befahle. Kirchhof wendunm. 4, 4 Österley; weil ich ihm seiner verlornen schwester gestalt, deren ich je länger je ähnlicher würde, in so närrischem habit täglich vor augen stellete. Simpl. 1, 165, 9; nachts im schlummer sogar, stöszt sie mich auf .. steh auf, alter vater! schreyt sie, und sieh nach deinem verlornen sohn! F. Müller 2, 77; wo seid ihr im dunkeln verloren? 2, 80; ob wir gleich an die bekehrung dieses verlornen sohnes nicht sonderlich glauben konnten, so waren wir ihm doch dieszmal so viel schuldig geworden, dasz ... Göthe 30, 114;
mir ist das all, ich bin mir selbst verloren,
der ich noch erst der götter liebling war.
3, 29.
substantivisch: sage nur, wie man der verlornen auf die spur kommen kann. Platen 3, 99 (1848). bildlich: und immer kehrten ihre gedanken wieder zu Werthern, der für sie verloren war, den sie nicht lassen konnte ... dem, wenn er sie verloren hatte, nichts mehr übrig blieb. Göthe 16, 182. durch den tod verloren: mein verlorner schuldner wäre wider vom tod auferstanden. Wickram rollwagenb. 42, 21 Kurz. verlorne dinge und begriffe: ich kann ihnen ja nicht helfen, die sache ist nun einmal verloren und was verloren ist, kommt nicht wieder. Gellert 3, 289; ein trauriger friede von dem einzigen melancholischen vergnügen begleitet, über verlorne güter zu weinen. Lessing 6, 2; freylich hat sie (die epopöe) in den befreiten Italien und Jerusalems .. selbst in den epopeen höhern inhalts, den verlornen und wiedergefundenen paradiesen fast nur umhergetappt. Herder lit. u. kunst 12, 336; nach einer solchen region blickten wohl die meisten, wie nach einem verschwundenen goldenen zeitalter, nach einem verlornen paradiese. Göthe 17, 211; ich hatte im stillen eine verlorne liebe zu beklagen. 26, 118; er überdachte ... den kalten leeren raum in der väterlichen brust, den sonst die verlorne gestalt der geliebten bewohnet hatte. J. Paul 7, 118;
bis die natur ...
aufsteht mit des verbrechens wuth und des elends die menschheit,
uud in der asche der stadt sucht die verlorne natur.
Schiller spaziergang.
verlorne zeit: weiszestu wohl dasz feuer zu wägen? den wind zu messen? die verlohrenen tage wieder herum zu ruffen? Philander 1, 58; indessen hättest du doch in dieser einzigen stunde, die du für verloren hältst, viel gewonnen, wenn ... Wieland 35, 64; sie müssen nicht länger zögern .. es ist verlorne zeit. Göthe 14, 258; mit welchem bedacht werde ich jetzt die süszigkeit einer stunde einschlürfen, um jene verlornen tage wieder einzubringen. Thümmel 1, 82;
er (dieser tag) ist kein verlorner in dem meinen.
Schiller don Carlos;
nun ist der tag verloren, auf den ich mich gefreut.
Chamisso 3, 21 (1836).
verlornes spiel: dann wann die christenlich kirch alain an im und seinem anhang stünd, so het wir armen christen ain verloren spil. Schade sat. u. pasqu. 2, 136, 35; menge dich ja nicht in ein spiel, das so offenbar verloren ist. Schiller hist.-krit. ausgabe 3, 483 (kabale u. liebe 5, 2); der lieutenant machte niedliche verse in familienalbums und zu verlorenen vielliebchen. Freytag soll u. haben 1, 171 (1882);
wirst bald nicht wiederkehren
geb ich verloren spiel.
Spee trutzn. 44, 181 Balke;
(ich habe begriffen) dasz er das schwere werk, dies scheinbar verlorene leben zum zweiten male zu retten, wirklich zu stande bringen konnte. Heyse kinder d. welt² 3, 8.
13)
mehr adjectivische bedeutung gewinnt verloren, dem verderben unrettbar verfallen: der tag müsse verloren sein, darinnen ich geboren bin. Hiob 3, 3; als dich die deinigen verloren erblickten, erhob sie wuth und verzweiflung über alle menschliche stärke. Lessing 2, 96; so bin ich verloren (so mag ich nicht leben). 2, 125 (Emilia 1, 6); es ist ausgemacht, ich bin verlohren für mich und meinen herrn. 3, 52; ohne diese würd ich ein verlorner mann sein, so versessen war er neulich auf sein verdammtes spiel. Tieck 5, 538; und sagte nichts, als dasz er ein verlorner mensch sei, wenn ich ihn nicht begnadigte. Heyse kinder d. welt 2, 183;
er ist verloren, ich bin noch verlorner.
Klopstock Mess. 6, 545;
wir sind verloren, flieht o flieht.
Wieland Oberon 2, 28;
der sitzt in eim verloren schiff
wer gnade von sich stöszet.
Wackernagel kirchenlied 3, 198;
verlorner mann, so musz es mit dir enden!
doch meine warnung hast du nie gehört.
Schiller Tell 4, 3;
führt mich ins feuer frisch hinein,
über den reiszenden tiefen Rhein,
der dritte mann soll verlohren sein.
hist.-krit. ausg. 12, 25 (Wallenst. lager).
verlorner posten: wir waren miteinander in letzter calvalcade commandirt, eine gleichsam verlorne wacht zu halten. Simpl. 1, 289, 5; aber sie wurden den Frantzosen übergeben, welche sie bey denen einfurirten, so sie enfant perdus oder verlohrne schiltwacht nennen. Philander 1, 25; der posten, auf dem wir stehen, ist ein verlorner posten. Spielhagen werke 18, 15. verlorner haufen: also das der fursten haubtleut ein yede seine hauffen als eins jglichen fursten hauffen des fuesfolcks nach irem selber rath und gefallen machen. allein das aus rath derselben haubtleut aus allen hauffen ein verlorner hauffe, wie stark der sein sol, angericht und gemacht (werde), welche alweg furziehen. Ernest. ges.-archiv 1525; weiter merck auch, das es nie meer erhört worden ist, das der verloren hauff so weitt von dem gewaltigen hauffen gestreiffet habe. S. Franck chron. 246ᵃ; verlohren hauffen und läuffer. diese seynd darumb also genennet ... dasz sie ... werden aus allen (ohne der edelleut) rothen ... dazu erwehlet oder die sich selber gutwillig erbieten. mit diesen hauffen geschicht ... vielerlei erkundigung vor dem feindt. Kirchhof militär. disciplin 150, 1. Fronsperger 2, 49ᵇ;
die lanczknecht machten ir ordnung fest,
ein rath der war beschlossen,
ein verlornen haufen man machen solt
ein hauptmann ausgeschossen.
hauptmann Edel ist er genant,
man ruft jn an mit trewen,
nim den verlornen hauffen zur handt,
lasz dich dein leben nicht rewen.
Bechstein d. mus. 2, 138.
14)
ganz besonders vom geistigen tode: für höhere ziele, bestimmung unfähig: denn darumb habt jr den artickel Husz verdampt, nemlich, das .. die gantze welt allein den teufel von euch verlornen gotteslesterern hören und lernen muszte. Luther 2, 17ᵇ; wie viel verzweivelter verlorner buben allzeit auch noch unter jnen selber sind. 7, 41ᵇ; sind sie alle von gott geleret, so sind nicht allein die beschornen und geschmierten von gott geleret, ja es ist niemand von gott weniger gelert, denn die verlorne, beschorne götzen. 2, 17; o das verlorne volck und hauff des ewigen zorns. 2, 134ᵇ; so könde gott inn diesem auszgeschöpfften, verlornen, onwiszenden, ainfaltigen etc. platz haben und sich selbs darinn wissen. S. Franck Erasmus lob d. thorh. 99ᵇ; und welcher einen solchen von grund aus curiret, der dörffte sich beynahe rühmen, er hätte einen verlornen zum christlichen glauben bekehrt. Simpl. 1, 346; soviel kann ich berechnen, dasz ein gemisch darinnen müsze gegohren haben, vor dem schon jedes nicht ganz verlorne mädchen den stärksten ekel verrathen würde, ehe sie es an den mund setzte. Thümmel 5, 391; laszt mich vorerst auf die seite gehn und eine träne des mitleids vergieszen, um meinen verlornen bruder. Schiller hist.-krit. ausg. 2, 15 (räuber 1, 1); ich will mit ihnen über den verlorenen edeln weinen. 1, 103; auff das sie die nicht mit füszen treten, und die hund sich umbkeren und euch zureiszen, laszt sie hund und sew bleiben, sie sind doch verloren. Luther 2, 69ᵇ; wenn du denn woltest zu der zeit dich umbsehen wo ich bliebe, oder ich, wo du bliebest und dich bewegen lassen, ob ich oder jemand auff erden anders sagt, so bistu schon verloren. 2, 98; wiltu aber also sprechen, wie andere narren: ey wir wollen hören, wie das concilium beschleust, da wollen wir auch bey bleiben, so bistu verloren. 2, 363; der same und segen uber alle welt ist da, wer den nicht hat, der ist verloren. 4, 123ᵇ; das wir mit euch verlorn und niemals gut werden. 3, 296ᵇ; und stellet sich doch so nerrisch dazu, das uns dünket, wir sind verloren und müssen mit schanden sterben. 4, 155ᵇ; denn viel tausent seelen, so sich drauff verlassen, als were es gottes gnade und drauff gestorben, durch solche seelmörder verloren sind. Hans Worst 55 neudr.; ist Christus aber nicht aufferstanden, so sind auch die so in Christo entschlaffen sind, verloren. 1 Cor. 15, 18;
wer uns das kindlein nicht geborn
so weren wir all sampt verlorn.
Wackernagel kirchenl. 2, 891ᵇ;
ich zerspring schier vor leyd und zorn
so ich denck, das wir sind verlorn,
in die hellischen fewerflammen
von himmel verstoszen allsammen.
H. Sachs 1, 4 (1, 31, 22 Keller).
substantivisch:
(Christ) der uns armen verlornen
zu eym trost her komen ist.
Wackernagel kirchenl. 2, 913;
hätte von deiner ewigen seele kein seraph gesprochen,
du verlorner! diesz wär dir besser als dasz du den mittler
und der jünger erhabnen beruf unedel entheiligst.
Klopstock Mess. 3, 410;
.. doch was ist denn des
armen verbrechen, was that der verlorne?
3, 419;
ich war ein verlorner und bin ein sel'ger geworden.
Rückert 1, 215.
sittlich verloren: die in der kathedrale von Paris ein verlorenes mädchen als göttin der vernunft aufstellte und verehrte. Brockhaus predigten 5, 101;
wo die letzten häuser sind
sieht er mit gemahlten wangen
ein verlornes, schönes kind.
Göthe 1, 251;
unsterbliche heben verlorene kinder
mit feurigen armen zum himmel empor.
1, 255;
.. sie (die that) ist schauderhaft, empörend,
ist einer ganz verlornen werth.
Schiller hist.-krit. ausg. 12, 415 (M. Stuart 1, 4).
mit näherer bestimmung:
im tod war ich verloren.
Wackernagel kirchenl. (Luther) 2, 5;
geht hin, all welt zu leren,
das sie verlorn in sünden ist.
3, 26 (43, 5).
15)
von dingen. hier nimmt das wort, da bei dingen nicht vom tode und vom streben nach höhern idealen die rede sein kann, die bedeutung 'werthlos, unnütz, umsonst geschehend' an: und (sind) doch unzeliche tausent seelen damit verfüret und die leute gen Rom zu lauffen schendlich generret, umb gelt und gut betrogen mit verlorner mühe und kost dazu. Luther 5, 79ᵇ; es were wol werd klagens und fürbittens gegen gott, aber ich sorge, es sei verloren und umb sonst. 6, 12ᵇ; besser ein sauwre und schwere ehe, denn ein saure und schwere keuscheit. ursach: diese mus verloren sein, jene kan nütze sein. 2, 307; also ist all jr demut, gehorsam und ganze geistligkeit, wenn sie gleich am besten ist, ungewis und verloren. 2, 112ᵇ; ist der segen da, so ists gut. ist es aber on den segen, so ists verloren, es gleisze, wie es wölle. 4, 123; aber gott helff, das jr nicht halsstarrig dawider euch setzt und unser gebet sich wider kehren müsse in unsern bosem, als bei euch verloren und veracht. 5, 77; wie viel hettet jr wol im bapstum davon müssen geben zu klöster und kirchen, pfaffen und münchen, da es doch verloren were gewest und gotte zuwider? 6, 16; wasser wesschet steine weg und die tropffen flötzen die erde weg, aber des menschen hoffnung ist verloren. Hiob 14, 19; alle schlege sind verloren. Jerem. 2, 30; aber die hoffnung der heuchler wird verlohren sein, dann seine zuversicht vergehet und seine hoffnung ist ein spinnweb. Philander 1, 70; uns gefangen zu nehmen, wär' ein verlornes und fruchtloses unternehmen. Göthe 8, 221;
sein toben ist doch gantz verlorn,
es kan jhm nicht gelingen.
Wackernagel kirchenl. 3, 24 (40);
zu erd er wider werden musz,
so ist denn alle hoffnung aus,
all anschleg sind verloren.
3, 216;
schweig nur! dein raht der ist verlorn,
wann mir neuntzigjerigen man
ziemet solliches nit zu than.
H. Sachs 3, 1, 164 (11, 107, 8 Keller);
ir brüder das zeuck ist verlorn,
wenn ir wolt poltern und rumorn,
so gib ich euch kein audientz.
1, 227 (3, 47, 8 Keller);
so er ein ehren-mann von blut,
nimbt er mit käsz und brot für gut,
doch so er ein unflat geboren,
so wär auch käsz und brot verlohrn.
Philander 2, 62;
an mir ist dein stolz verloren
und verloren deine gunst.
Gotter 1, 207.
mit näherer bestimmung: wenn ich seinethalben einen thaler schaden leiden würde, so wolle, dasz das leiden Christi an ihm möge verlohren sein. Schuppius 255; körperlich bin ich leider so kerngesund, dasz seine kunst an mir verloren ist. Heyse kinder d. welt² 3, 105;
so ist denn alles ganz an dir verloren.
Wieland 18, 96.
verschiedene kunstausdrücke: (jägersprache) verlorne treiben machen, einzelne waldtheile abtreiben lassen, um das wild in einen andern walddistrict zu concentriren. Weber 2, 614ᵇ; verlorne wehr, treibleute, welche zur seite eines treibers gestellt werden, um das durchbrechende wild zurückzutreiben. 2, 614ᵇ; (baukunst) verloren holz, eine zur vorsicht und sicherheit des arbeiters angelegte zimmerung. Jacobsson 5, 22. ein impersonale: es ist verloren mit:
(der teufel) wird jn nicht zufrieden lan,
es sey denn Christus bei der hand,
der hat das spil jm gar gewand,
sonst ists mit uns fur war verlorn
wie viel wir menschen sind geborn.
Luther 8, 332;
das helff uns der herr Jhesus Christ,
der unser mittler worden ist,
es ist mit unserm thun verlorn,
verdienen doch eitel zorn.
8, 361ᵇ;
.. du redtst wol
und fein, wie ich mich halten sol,
aber es ist mit mir verlorn.
Alberus 146.
16)
verloren, vereinzelt, aus dem gehörigen zusammenhange gerissen, unbemerkt, unbeachtet: sie (die gedanken) entspringen so plötzlich und einzeln, dasz der verbindungsfaden gänzlich zerrissen scheint .. oder so verloren und dünne vor den sinnen schwebt, dasz sie ihn nicht mehr fassen können. Klinger 12, 104; wenn ich so aus den wilden thälern ein verlornes jagdhorn herauftönen höre. Tieck 11, 101; die wochenlange beschränkung auf den engen raum bei getrennten seelen, die doch im innersten verbunden waren, das wortkarge einsilbige dahinleben ohne absicht des wehthuns, das herumirren der augen auf der unendlichen fläche und am verdämmernden horizonte des oceans in den einsamkeiten des himmels ... muszte dazu beitragen, dasz die reise dem dahinfahren zweier verlornen schatten auf wassern der unterwelt ähnlich war. Keller sinnged. 141; in einem kleinen actenbündel des marschallamtes, das mir unbegreiflicherweise bis jetzt entgangen ist, fand ich auf einem einzelnen blatte eine verlorene notiz. Freytag handschr. 3, 29; er nahm den hut ab und sagte, einen verlornen blick in die wolken richtend .. Heyse kinder d. welt⁴ 1, 169;
im schönsten thal, durchschnitten von dem lauf
der Zoega liegt mein landhaus wie verloren.
Göckingk 2, 137;
rehböcke, die unter den verloren gepflanzten bäumen herumwandern. Lichtenberg 3, 284; wenn der arzt eure kalte, nasse hand ergreift, und den verloren schleichenden puls kaum mehr finden kann. Schiller räuber 5, 1; frage ich so verloren den logenschlieszer, ob er die dame kenne. Heyse kinder d. welt 1, 26; schade drum, warf er so verloren hin. 1, 107; nachdem Mohr das ganze lied zum besten gegeben und Edwin am schlusse nur so verloren bemerkt hatte, die melodie sei recht munter. 3, 269. nicht bemerkbar, erkennbar und dadurch für den beobachter verloren: durch die ganze nacht ging ein halb verlorner donner, gleichsam als zürnt er im schlafe. J. Paul 40, 17; der director, der nicht begreifen konnte, was ihn immer für ein verlorenes getöne umfliege (von einer versteckten, die instrumente stimmenden musikbande herrührend). 21, 99; sie wandte dabei das verlorne profil, das mit den zartesten conturen umschrieben ... war, nach der linken seite. Heyse werke 7, 197 (nov. 4);
trägt keines windes gefieder
den verlorenen schall.
Schiller spaziergang;
kunstausdruck der tischler: ein verlorner zapfen, der nicht zu sehen ist. am häufigsten mit näherer bezeichnung: in etwas verloren, versenkt, vertieft in etwas so, dasz es für den beobachter verloren ist, in keiner berührung mehr ist. von wirklicher abwesenheit:
die fröschlein in der tiefe verloren,
durften nicht ferner quacken und springen.
Göthe 3, 189;
wenn über uns im blauen raum verloren
ihr schmetternd lied die lerche singt.
12, 60;
von geistiger abwesenheit: es war glücklich für den guten Agathon, dasz er ... in dem anschauen der schönen Danae so verloren war, dasz er nichts hörte. Wieland 1, 208; sie sasz auf blumen und moos in schönen gedanken verloren. 10, 65; sehen sie nur, wie verloren er dasteht! blickt er nicht nach den fenstern des engels, wie ein salamander, der einen colibri belagert? Thümmel 3, 86; ganz verloren eins ins andre konnten sie erst nach einiger zeit an die angst, an die sorgen der zurückgelassenen denken. Göthe 17, 334; ich stand .. in ihren anblick verloren. Schiller 754; vor einem bassin standen sie, in einer gewissen entfernung von einander, beide in tiefes schweigen verloren. 758; er stand mit einem von den liebesarmen der natur festgehaltenen herzen ... süsz in die gleich ihm gemilderte abendsonne verloren. J. Paul 17, 59; Shakespeare war in die sache verloren, und daher bei aller fülle von bildern und kräften nirgend zum verschwender zerflossen. 44, 165; Anton erklärte das ... verloren im anblick des fräuleins. Freytag soll u. haben 1, 84 (1882); Jobst, der der älteste war und sieben jahre hier gewesen, war ganz verloren und konnte sich nicht zurecht finden (auszer sich, für das leben untauglich). Keller Seldwyla 446;
aber tiefen gedanken geweiht und ernster betrachtung,
machen sie Seraphim herrlich, indem auf ihren gebirgen
gleich Orionen sie wandeln und in prophetischer stille
sanft verloren, der sterblichen künftige seeligkeit anschaun.
Klopstock Mess. 1, 597;
... sowie der himmlischen einer,
der als wächter liebende schützt, die edler sich lieben,
tief verloren in seiner entzückung auf blühenden hügeln
steht am ewigen thron.
4, 558;
stand in entzückung verloren.
4, 1173;
so in tiefsinn verloren betrachtet er Golgatha.
8, 391;
unter zerstreuungen sonst im gewühl der sinne verlohren
samml' ich dich in dich und du erwachetest dir.
Herder lit. u. kunst 12, 116 (1821);
inzwischen lag der ritter ...
ins gras gestreckt mit augen ohne licht
und athemloser brust in ohnmacht tief verloren.
Wieland 5, 105;
in dumpfem sinnen ganz verloren
irrt unser sultan hin und her.
18, 250;
findet bald
im walde den pallast der zähren ...
und über ihrem langweiligen mohren
die dame in liebesschmerzen verloren.
18, 271;
das fräulein bleibt, als sie den helden sieht,
in ihn verloren stehn.
Alxinger Doolin v. Mainz 66;
die, deren schoosz geboren,
in wonn' und lust verloren
ihr kind in armen hält.
Chamisso 1, 23.
selten verloren allein, mit leicht zu ergänzender näherer bestimmung: sie .. fiel, als er die bewegung des heftigsten affectes machte, verloren, hingerissen, mit zitterndem auge .. an ihn. J. Paul 3, 24. einige besonders beliebte zusammenstellungen des particips mit zeitwörtern: eh ich ein wenig meine wunden verband, muste ich sehen, dasz sich die unsrigen zu einem spöttlichen abzug rüsteten und die sache vor verloren gaben. Simpl. 1, 455, 12; nach einem wolkenbild im orient haschend gab er (der röm. hierarch) im occident eine wirkliche krone verloren. Schiller hist.-krit, ausg. 9, 225;
die meisten gaben die hoffnung, sich aus dem furchtbaren hain,
der ohne grenzen schien, heraus zu finden, verloren.
Wieland 4, 75.
mit folgendem infin.:
es ist ein würckung deiner macht,
dasz sie verloren gaben,
umbs leben sein von dir gebracht,
die mich beneidet haben.
Spee güld. tug. 214;
verloren gehen: ich habe auch niemand sehen verlohren gehen, der auff dem rechten wege geblieben. pers. rosenth. 1, 18; freilich wollte ich nicht dafür stehen, dasz die frau Richardin nicht des tages drey bis vier stunden von ihrer hausandacht eingehen lassen sollte, wenn ihr das kleinste kapital verloren gienge. Gellert 3, 146; aber wie ich sage, dasz ich es weisz, was mir verloren gegangen und wie es verloren gegangen und warum es verloren gehen müssen, darauf bin ich ebenso stolz und stolzer als ich auf alles bin, was ich nicht verloren gehen lassen. Lessing 2, 119 (Emilia 1, 4); Berengarius hatte ihn (den brief) seiner antwort ganz eingerückt. leider zwar auf den ersten blättern, welche verloren gegangen. 8, 359. von abstracten dingen: das schlimmste dabei ist nur dieses, dasz durch die mahlerische aufhebung des unterschiedes der sichtbaren und unsichtbaren wesen zugleich alle die charakteristischen züge verloren gehen, durch welche sich diese höhere gattung über jene geringere erhebet. 6, 451; vaterseegen, sagt man, geht niemals verloren. Schiller 2, 193 (räuber 5, 2); wenn es aber nicht blos um die wahrhaftigkeit des lehrers, sondern auch und zwar wesentlich um die wahrheit der lehre zu thun ist, so kann und soll man diese als blose symbolische vorstellungsart .. auslegen: weil sonst der intellectuelle sinn ... verloren gehen würde. Kant 10, 202; (Lafayette macht) die landwirthschaft zu seiner hauptbeschäftigung. diese erhält ihm die einfalt und frische, die in beständigem stadttreiben verloren gehen könnten. H. Heine 8, 75;
geht die schlacht verloren,
so bleibt die stadt uns doch nicht.
Schlegel Shakesp. Coriolan 1, 7.
an einem verloren gehen, wirkungslos sein:
sie sagte noch viel andres mehr,
doch diese züchtigung geht ganz an ihm verloren.
der teufel, der ihn plagt, hat keine ohren.
Wieland 18, 96;
ein unbekanntes was, das ihn wie ein magnet
nach Bagdad zieht, scheint allen seinen blicken
die scharfe spitze abzuknicken,
und macht, dasz jeder reitz an ihm verloren geht.
Oberon 3, 43.
verlieren n.
Fundstelle: Lfg. 5 (1893), Bd. XII,I (1956), Sp. 813, Z. 39
substant. infin. vom vorigen: ein interesse des verlierens. Luther 1, 195ᵇ; die fürsten disz landes verbietten alles tranck, das truncken macht, bey verlieren des lebens. S. Franck weltb. 56ᵇ; drey solten zu eim sonderlichen kampff erwehlet und der zweyspalt durch ihr gewinnen oder verlieren entscheiden und auffgehaben seyn. Kirchhof wendunm. 4, 47 Österley; führten sie auf diese weise gar manchmal die unerfreulichen begebenheiten des tags auf die betrachtung der vergänglichkeit, des scheidens, des verlierens, so waren ihr dagegen wundersame nächtliche erscheinungen zum troste gegeben. Göthe 17, 302.
Zitationshilfe
„verlieren“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/verlieren>, abgerufen am 19.11.2019.

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