Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

verrennen, verb.

verrennen verb
durch rennen versperren, (sich) verirren, mhd. verrennen. die zum einfachen stamme gefügte vorsilbe hat die bedeutung des 'über das ziel hinaus' (s. oben 55, 8); in gleicher weise, wie das einfache wort, hat auch die zusammensetzung im prät. rannte, part. gerannt, ganz selten verrennt (s. unten Fronsperger. Kirchhoff), doch auch bei Göthe, eine gewohnheit aus der wetterauischen mundart (s. unten):
si sprengtin ûʒ der lâge starc
und vorrantin in di vart.
Nic. v. Jeroschin 103ᵇ.
1)
versperren durch rennen: die alten haben wol gespürt, weil ins menschen hertzen viel winckel und querschleg sein und das man denen so mausen wöllen mit gesetzen und auffsehern nicht alle löcher verrennen und verstopffen kan. Mathesius Sar. 30; da das der graff sahe, er verrannt jnen die pfort bei St. Stephan. Aimon bog. B 4; und da der amiral ersah, das jm die pfort vorrent war. bog. B; als zu fliehen alle lücken verrennt waren. Kirchhoff wendunm. 90ᵇ; ich wollte entfliehen, aber ein paar andere verrannten mir die thür: ich lief zur alten .. Wieland 12, 102;
da stund ich auff
und bin also inn eynem lauff
herein geloffen stät abwegs.
ich achtet weder pruck noch stegs,
und wut durch mosz, pech und gewesser.
ich hat stets sorg, der narrenfresser
wird mir verrenen weg und strasz.
H. Sachs 1, 536 (5, 303 Keller);
der schreiber fuhr heimlich hinausz
mit seiner rüstung wie ers fand,
der pasz war jhm beynach verrant.
froschm. G 5ᵇ;
vom menschen gesagt: under desz kamen an etliche lantsknecht, die wolten Weichssenburgk entsetzen: die worden verrant und alle gefangen. Dilich hess. chron. 2, 284 (1605); bildlich: ich habe selbst das netz zusammengezogen; ich kenne die strengen, festen knoten; ich weisz, wie jeder kühnheit, jeder list die wege verrennt sind; ich fühle mich mit dir und mit allen andern gefesselt. Göthe 8, 292; ich möcht es machen, wie der gescheide arzt (nur umgekehrt). nicht der natur durch einen querstrich den weg verrannt, sondern sie in ihrem eignen ganzen befördert. Schiller hist.-krit. ausg. 2, 57; der blonde maler verrennt mir ja nach allen seiten den weg. Gutzkow ritter v. geist³ 8, 186;
was hilffts dem pfaffenorden
der mir den weg verrannt?
was nicht gerade erfaszt worden,
wird auch schief nicht erkannt.
Göthe 5, 122.
2)
übertragen: dem feindt seinen vortheil verrennen und vorkommen. Kirchhoff milit. discipl. 99; ich, der ich ein liebhaber von resultaten bin, begnüge mich ihnen mit diesen worten den weg verrannt zu haben und wende mich zu meiner leichtern und nützlichern methode. Göthe 35, 376; es ist sonderbar, wie er, als ein guter kopf, auf dem rechten wege ist und sich ihn doch gleich wieder selbst verrennt. an Schiller 299; unter diesen umständen sei ihm jede aussicht so verrannt, jede hoffnung so durch das gefühl der einfachen schicklichkeit zerstört und verboten, dasz .. Spielhagen sturmfl. 2, 294;
und der betrügerey die ausflucht zu verrennen.
J. E. Schlegel 4, 117;
was noch so weit entfernt,
hast du dir anzueignen still gelernt;
und was auch wildes dir den weg verrannt,
du hasts gesehn, betrachtet und erkannt.
Göthe 11, 375;
der erdenkreis ist mir genug bekannt,
nach drüben ist die aussicht uns verrannt;
thor! wer dorthin die augen blinzend richtet.
41, 315.
3)
reflexiv, sich verrennen.
a)
sinnlich, sich verirren: do man das pferd wolt fachen, lief es in das dorf hinein, da verrannten sich zwen edel Baltus vom Leo und ain Franck, war ein Stieber. Baumann bauernkr. 1, 27.
b)
bildlich: das sollte die sackgasse sein, in welcher sich die erneuerung der alten theorie des zweifels .. verrannt hätte. Gutzkow nov. u. skizzen 104.
c)
übertragen: er hatte sich gänzlich in diese idee verrannt.
d)
particip: du weiszt, ich bin wahrlich kein verrannter doctrinär. Heyse parad. 1, 62; in sein badegelüst verrannt bemühte er sich, das schlupfloch zu erweitern. kinder der welt² 3, 77.
4)
durch rinnende flüssigkeit verstopfen: renne schusterbech mit einem liecht auff die rappen, und wann es hernach auffschwindet, so verrenne es wider wie zuvor. Seuter roszarzn. 255 (1599); dieselben (stangen) rings weisz umb die kugel am orth eingelassen und wol mit bley verrennt. Fronsperger kriegsb. 1, 146ᵇ; wenn man lerchen gebraten in einen hafen legt, lorbeerblätter und wachholderbeer darzu thut, den hafen mit essig voll gieszt und dann oben mit butter verrennt (mit ausgelassener butter abschlieszt), so bleiben sie eine lange weile gut. Becher jägercab. 71;
in meinem gelt wird ich nicht irr,
mein guldin machen mir kain gwirr;
mein allerbestes silbergschirr
das ist verrennt mit blech.
Uhland volksl. 723.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1895), Bd. XII,I (1956), Sp. 1007, Z. 24.

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