vers m
Fundstelle: Lfg. 6 (1895), Bd. XII,I (1956), Sp. 1029, Z. 45
1)
metrisch gegliederte satzreihe, mhd. vers, ahd. fers, ags. fers, færs, fyrs kommt vom lat. versus, eigentlich das umdrehen des pfluges, die furche, dann linie, zeile. im deutschen ist es durchaus schon die rhythmisch gegliederte zeile. der bibelvers allein wird, wenn er auch nicht streng genommen hierher gehört, doch als rhythmisch aufgefaszt. das geschlecht schwankt im ahd., neutr. neben masc.:
in herzen hugi thu inne, uuaʒ thaʒ uers singe.
Otfrid 1, 12, 26;
der vers triffet ad passionem (zu martiro), der imo gelih ist fore, der triffet ad finem saeculi (zu ende uuerlte). Notker ps. 58, 15 (Hattemer 2, 202); mhd.
den vers ûʒsingen.
Ludwig 51, 1;
daʒ vers sprechin und betin.
Lexer handwb. 3, 208.
es sei bemerkt, dasz neben der form vers mundartlich vielfach versch geht, oder da das r bei seinem übergang aus dentalem zu gutturalem z leicht einen vocalischen klang annimmt, der sich dem vorausgehenden vocal anähnlicht, vêrsch, so z. b. im wetter. u. frankf., ja es tritt sogar noch gern ein t im auslaute zu, also verscht vgl. Weigand wb. 2, 1003. diese sonderbarkeit ist auch einigemal in die schriftsprache übergetreten, so finden wir z. b.: sie meinen es sey genug, wenn der versch seine zahl habe. Neumark lustwäldchen 96;
nein, dieser versche krafft wird ihn mit scham beröhten.
70.
nhd. das ist aber höfflich und ain guter bosz, wann sie mit gegenbrieffen, versen, lobbüchern ain ander loben, krawen, flohen. Erasm. lob d. thorh. 43ᵇ; als wollen wir erstlich von erfindung und eintheilung der dinge, nachmals von der zuebereitung und ziehr der worte und endlich vom masze der sylben, verse, reimen .. reden. Opitz poeterey 19 neudr.; die poeten vermeynten mit versz machen nicht ein minderes zu verdienen. Philander 160; etliche (sind verliebt) in ihre schrifften, wie die poeten, die mehr lieb zu einem ihrer ungeschickten verse tragen, als mancher vatter zu seinen wohlgestalten kindern. 1, 26; ich musz bekennen, in dem der todt also mit versen umb sich geworffen, dasz ich mich gantz nicht mehr vor ihm gefürchtet. 1, 196; sie (die bettler) haben nicht die sahlbaderianische schul, sag ich, die salernitanische oder andere hinckende vers von erhaltung der gesundheit gelernt. Schuppius 696; Corneille bekannte, dasz er sich auf die Rodogune das meiste einbilde, dasz seine übrige stücke wenig vorzüge hätten, die in diesem nicht vereint anzutreffen wären; ein glücklicher stoff, ganz neue erdichtungen, starke verse, ein gründliches raisonnement, heftige leidenschaften, ein von akt zu akt immer wachsendes interesse. Lessing 7, 130; wenn Martial sich begnügt hätte, die bekannte geschichte des Mucius Scävola in folgende vier verse zu fassen .. 8, 436; vielleicht mag es seyn, dasz selbst Klopstocks Salomo dies lesbare und declamatorische nicht getroffen hat, und vielleicht dasz unsern schauspielern die Weiszischen trauerspiele am schwersten von der zunge gehen müssen, die diesen vers gewählt haben. es fordert derselbe, so leicht er scheinen möchte, sehr viel von dem der ihn schreibet und lieset, dahingegen der alexandrinische vers selbst mit seinem reime nach Despreaux und Racinens kunststücken weit leichter fällt, zu machen und zu sagen. Herder lit. u. kunst 1, 48 (1821); wie dem Clavius, den sein schulmeister schon beim grobschmied in die lehre geben wollte, weil er keine verse machen konnte, der aber .. ein groszer mathematiker wurde. Kant 10, 217; Oefel dankte gott für jedes unglück, das in einen vers ging und er wünschte zum flor der schönen wissenschaften pest, hungersnoth und andere gräszlichkeiten wären öfter in der natur. J. Paul 2, 145; weil während ich den dortigen debatten beiwohnte (in Westminster Hall) einigemal von Shakespeare selber gesprochen wurde, und zwar wurden seine verse, nicht ihrer poetischen, sondern ihrer historischen bedeutung wegen citiert. H. Heine 3, 169;
so würd' ich meine versz wol auch nicht lassen liegen,
gar bald mit Mantua bisz an die wolken fliegen;
bald mit dem Pindarus, Nasonis elegie
doch zuvorausz genant ...
Opitz 1, 141, 517;
A. soll ich vergebens flehn
und keinen brief in versen sehn ...
B. nun das nächste mal will ich in verse schreiben.
Lessing 1, 29;
jahr aus, jahr ein reimt cytharist
zweihundert vers an einem tage,
doch drucken läszt er nichts.
1, 25;
alles in Deutschland hat sich in prosa und versen verschlimmert,
ach und hinter uns liegt weit die goldene zeit.
Schiller jeremiade;
mich könnte dies und das betrüben,
hätt' ichs nicht schon in versen geschrieben.
Göthe 3, 288.
beliebte zusammenstellungen: ich kann aus dem ganzen mir keinen vers machen, ich kann in das ganze keinen zusammenhang bringen;
darauff der löw zum hasen spricht:
mach mir ein versz aus dieser geschicht.
Eyring 1, 188;
positiv, zusammenhang in etwas bringen: es sprengt mir doch das gehirn, mir darüber einen vers zu machen. Heyse kinder der welt 2, 31; du weiszt ja, wie es meine art ist, über dinge, die nicht zu ändern sind, mir rasch einen vers zu machen. neue moral. novellen 116; sich auf etwas einen vers machen, zusammenhang in etwas bringen: wiederholte er sich im stillen alles, was sie bisher gesagt hatte und suchte sich einen vers darauf zu machen. werke 12, 115; auf einen vers etwas haben, etwas zu erwidern wissen: haben sie da auch einen vers darauf? Gutzkow d. neuen Serapionsbr. 3, 69.
2)
vers, vereinigung mehrerer rhythmischer zeilen zu einem ganzen: einige verse aus einem liede singen, besonders von kirchenliedern gesagt.
3)
vers, bibelstelle: was wil nu dieser vers? Luther öfters; gott gab im solchen trost nicht, da er bey vater und mutter war, und sich nichts besorgen durffte, sondern muste vor inen komen und den vers aus dem psalter singen: mein vater und mutter haben mich verlassen. 4, 156; aber dieser vers sagt, wie sich die welt gegen solche könige und priester erzeiget. 7, 348.
4)
sonderbarer gebrauch bei Hippel, wo verse gleich locken steht: wenn er nicht sein ehrenkleid angelegt und die haare in verse gezwungen. lebensl. 2, 69; wol nur scherzhaft gemeint: die feinere haartracht.
Zitationshilfe
„vers“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/vers>, abgerufen am 21.02.2019.

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