verscheiden n.
Fundstelle: Lfg. 6 (1895), Bd. XII,I (1956), Sp. 1064, Z. 14
subst. infinitiv des vorigen, sterben: gleichwohl seh' ich noch kein einziges schreiben gedruckt; man setzt die publication, scheint es, auf mein verscheiden hinaus. J. Paul 35, 7 vorr.; wir werden einer nach dem andern in den sack gesteckt! sagte seufzend mein bedienter jeden morgen, wenn er mir die zahl der todten oder das verscheiden eines bekannten meldete. H. Heine 8, 168.
verscheiden verb
Fundstelle: Lfg. 6 (1895), Bd. XII,I (1956), Sp. 1062, Z. 46
scheiden, weggehen, scheidend vergehen, sterben, mhd. verscheiden, ahd. farskeidan (versceiden) Graff 6, 433; mnd. vorscheden, ags. forsceadan, -scâdan. ursprünglich starkes (redupl.) zeitwort hat es auch diese formen festgehalten, doch kommen in niederd. schriftstellern (Sastrow) auch schwache formen vor (belege s. u.). das wort ist zusammensetzung zu scheiden, in der bedeutung 'trennen'. bei der allgemeinen entwicklung ist man dieser alten bedeutung ziemlich treu geblieben, nur handelt es sich darum, ob es sich um ein trennen der eignen person von anderen oder um das lostrennen anderer handelt. im ersten falle tritt das intransitiv hervor, im zweiten das transitiv. in unsern deutschen sprachen sind beide richtungen vertreten, aber im niederd. herrscht mehr das transitiv, im oberd. das intransitiv vor, während z. b. das ags. nur das transitiv entwickelt hat (Bosworth-Toller 1, 316ᵃ). aus der transitiven form entwickeln sich besonders auch gerichtliche ausdrücke, die wir vorzüglich im nd. noch haben, 'die streitenden parteien trennen' (Schiller-Lübben 5, 433).
1)
im oberdeutschen aber hat sich, besonders im nhd., während in älterer zeit die besprochenen bedeutungen, wenn auch selten vorkommend, doch nicht ganz unbelegbar sind, das intransitiv erhalten. mhd. auch noch in allgemeinerer bedeutung: der comîte verschiet. Megenberg 75, 31; er hat mich bericht, wie e. g. durch abgang jres lieben gemahls in gott verschieden, sich fast bemühe, sonderlich mit viel gottesdiensten und guter werck ... noch zu thun, als die an e. g. lieb und treu ... solches wol verdienet habe. Luther 2, 469; denn so viel seine person betrifft, hat der fromme herr vor seinem letzten ende sich also hören lassen, das man gewis mercken hat können aus seinen worten, das er .. in rechter erkentnis des evangelii ... verschieden ist. 2, 519; wo er in solchem sinn verschieden ist .. so ist er gewiszlich ein kind der verdamnis. 2, 447;
dô der ahte tak verschiet,
die ellenden hungern geriet.
Hagen gesamtabenth. 1, 5, 2;
vergl. decedere, discedere, mori, verscheiden, verschaiden, verscheden. Dief. gloss. 167ᵇ. 184ᵃ; nhd. hat ganz besonders und heute fast ganz allein verscheiden in der bedeutung 'sterben' sich erhalten: aber Jhesus schrey laut und verschied. Marc. 15, 37; der heubtman aber der da bey stund gegen jm uber und sahe, das er mit solchem geschrey verschied, sprach er .. 39; meine mutter Lunae 3. julii im mittag in puncto 2 vorscheidete. Sastrow 1, 26; dis schrieb mir meine schwester Catharin zween tage vor dem tode .. als sie den 11. vorscheidete. 1, 27; nu sindt die vier sun Aymonts verscheyden, wann ich hab den künesten under jnen allen erschlagen. Aimon bog. n; ihm were aber, sagt er, beschwerlich, dasz er ohne klagen oder trawren verscheiden und ihm die ehr, so man den königen schuldig ist, nicht beweisen würde. Kirchhof wendunm. 4, 121 Österley; Philopomenes ward gefangen, verschied, verdarb und starb im gefängnis und banden. 4, 113 Österley; damit so die jüden nach meinem absterben von hertzen zu weinen und klagen gezwungen würden, darumb beger ich, so bald ich verschieden bin, alsdann umblägert das ort Hippodromum mit allen kriegsleuten. 4, 121 Österley; der gute alte war kaum verschieden, als auch in der nächsten viertelstunde schon nichts mehr nach seinem sinne im hause geschah. Göthe 19, 144; wir sterben vielleicht, müssen wohl verscheiden. Tieck ges. nov. 9, 22 Br.; mehrere wagen voll menschen fuhr man von der redoute gleich nach dem hôtel dieu, dem centralhospitale, wo sie in ihren abenteuerlichen maskenkleidern anlangend, gleich verschieden. H. Heine 8, 171;
da herzog Georg von Sachsen verschieden was,
ausz groszem mitleiden und betrübnisz sprach er das:
nu wolt ich dasz gott im himmel wer gestorben!
ei lieber ja, so wereu seiner erlichen anschlege nicht verdorben.
Schade sat. u. pasqu. 1, 64, 316;
o sie ist lengst in dem elendt
vor groszer angst und trübsal verschiedn.
H. Sachs 2, 3, 50 (8, 190 Keller);
frü als ich mich gerüstet hett,
wolt heim und begert meinen mann,
da hett er in enthaupten lan
und lag vor dem thurm daniden
in seinem blut elendt verschiden.
2, 3, 26 (8, 97 Keller);
(deine beiden brüder) die auch in irem blute rot
da liegen, gar kläglich verschieden
und haben iren tod erlieden.
2, 3, 5 (8, 19);
in dreyen (ihnen, den 3 söhnen) verlies Micipsa
sein königreich Muncidia
zum erbteil, nach dem er verschied
einig zu besitzen im fried.
2, 3, 114 (8, 436, 17);
sein geschrey kläglich zu hören war
vor dem tempel der hüter schar.
das werdt bisz an den zwölfften tag,
daran verschied er und todt lag.
2, 3, 154 (8, 603, 24 Keller);
.. das uberal
die raubvögel, geyren und raben
das fleisch von seim leyb gefressen haben,
bisz auffs gebeyn und sein inngeweyd,
bisz er in schmertzen grosz verscheyd.
2, 3, 139 (8, 543, 1 Keller);
Ubo wil, dasz er verscheide,
auff gut deutsch auff grüner heide,
da es doch nun ziemlich lang,
dasz er ist frantzösisch kranck.
Logau 1, 116, 92 (116 Eitner);
ein haus, darausz ein redlich weib verschieden,
bleibt von dem glücke mehrentheils vermieden.
1, 104, 33 (105 Eitner);
man breitet aus, sie (Maria) schwinde, läszt sie kränker
und kränker werden, endlich still verscheiden,
so stirbt sie in der menschen angedenken.
Schiller hist.-krit. ausg. 12, 443 (M. Stuart 1, 8).
mit näherer bestimmung, mit tod verscheiden: als .. frau Kunigund .. am zwölfften kinde .. mit tod verschied. Schwarzenberg 149; aus der welt verscheiden: als der allerdurchluchtigiste furste und herre herr Albrecht ... von diser wernt verscheiden ist. reichscorresp. 2, 2 (1439); das euer lieber sohn ... aus dieser welt in gottes willen verschieden ist. Luther briefe 5, 704; ewer gemahel ist von dieser welt verscheiden. Aimon bog. D 11; der herzog zuletzt von dieser welt verschiedt. Galmy 345. partic. adject.: in gott verschieden. Luther briefe 2, 397; es soll, wie die, so griechische und lateinische historien beschrieben haben, vermelden, als ein besonder mercklich zeichen, dasz in einem jahr drey hoch berümbte hauptmänner todt halben verschieden seyn. Kirchhof wendunm. 4, 113 Österley; verliesz und achtet seiner nicht hoch das weib Holgot, bis er alters, kranckheit und ander wartung mangel halber todts verschiede. 359 Österley; part. prät.: unser verscheidener abt sagt, dasz eyn weiser gelehrter mönch ein ungestalt mörwunder sey. Garg. 475 (1590); aber wenn man sich ganz fühlt und still ist und die reinen freuden der liebe und freundschaft genieszt, dann ist durch eine besondere sympathie jede unterbrochene freundschaft, jede halbverschiedene zärtlichkeit wieder auf einmal lebendig. Göthe bei Schöll 51.
2)
bei Hippel findet sich verscheiden einmal in der alten bedeutung scheiden, aber das alterthümelnde wort hat keinen anklang gefunden: J. stand vom tische auf und verschied und G. fieng an, nach seinem abzuge frische luft zu schöpfen. Hippel briefe 13, 156.
Zitationshilfe
„verscheiden“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/verscheiden>, abgerufen am 18.08.2019.

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