verschieszen n
Fundstelle: Lfg. 6 (1895), Bd. XII,I (1956), Sp. 1080, Z. 44
subst. inf. des vorigen.
1)
im anschlusse an nr. 1 des zeitworts fortflieszen, fortschieszen: unnd gleichwol nach dem die wasser verloffen unnd viel neuer berg und thal im verschieszen gerissen. Mathesius Sar. 12ᵃ.
2)
im anschlusz an nr. 2: ist aber dieses verschieszen, fährt herr Klotz fort, diese schwächung oder stufenweise verringerung des lichts und der farbe nicht eine folge einer wohlbeachteten perspective? Lessing 8, 36.
verschieszen verb
Fundstelle: Lfg. 6 (1895), Bd. XII,I (1956), Sp. 1078, Z. 42
fortsenden, fortschnellen, mnd. verschieʒen, ahd. farskioʒan Graff 6, 561, nd. vorscheten. zusammensetzung von ver mit schieʒen. ursprüngliche bedeutung des letzteren wortes ist 'schnell an einen andern ort gehen, oder etwas schnell dahin bringen'. verschieszen hat nun ähnliche bedeutungen, doch hat das ver seine alte eigenthümlichkeit bewahrt und besonders transitive bedeutungen hervorgerufen, intransitiv haben sich nun einige erhalten. wir führen sie an, so weit sie für das deutsche in betracht kommen. spuren von der allgemeinen bedeutung 'fortschnellen, forttreiben' finden sich mitunter. so ahd. farskioʒan Graff 6, 561; seine engere bedeutung ist alsdann 'mittels schusses von sich treiben'. aus ihr ist dann unser jetziges verschieszen hervorgegangen.
1)
intransitiv, schnell vorübergehen: bleibt doch der schnee lenger auff den steinen im felde, wens vom Libano herab schneiet und das regenwasser verscheuszt nicht so balde, als mein volck mein vergisset. Jer. 18, 14; denn da das wasser verschosz und der son gottes verscholsz und verdemmet die wasser wider in seine sümpffe und schleuche unter und uber der erden. Mathesius Sar. 11ᵇ; auch soll diese kurze zeit sonder verdrusz und langweil verschieszen und verflieszen. S. von Birken Marg. 15; diese epp und fluth unsers geblütes kommt und verscheust ohne erwartung einigen befehls von unserm willen. Lohenstein Arminius 2, 452;
auff hertz! wach' und bedencke,
dasz dieser zeit geschencke,
den augenblick nur dein!
was du zuvor genossen
ist als ein strom verschossen,
was künfftig, wessen wird es seyn?
A. Gryphius ged. (1698) 2, 373 (220 Palm);
hier ist nichts, was die nacht
des todes pochen kan. mein bebend hertze kracht
indem es überlegt, wie zeit und welt verschieszen.
(1693) 2, 373 (181 Palm).
2)
bildlich, von der abnehmenden farbe. technischer kunstausdruck bei den färbern vom verbleichen der farbe durch sonne, regen und luft gesagt. Jacobsson 4, 526: dasz die couleur nicht verschossen noch schwarzfleckig sei. P. J. Marperger moscov. kaufmann 66 (Lübeck 1705); wie verzeichnet und verschossen kommen uns doch unsere prächtigen theuern kabinetsmalereien vor, wenn wir sie auf eine weile bei seite räumten, und unsere augen an den gröszern gemälden der natur stärkten. Thümmel 2, 319; mein gewand, das ich noch mitgebracht hatte, verschosz und zerrisz. Tieck nov. kr. 2, 95; ein junger mann, der plaid und reisetasche über die schulter trug und, indem er ein verschossenes braunes filzhütchen ohne umstände auf Balders bette warf .. Heyse kinder d. welt⁴ 1, 54;
verschieszt dein blauer schurz.
Zachariä renom. 1, 56;
wie verschieszen die farben
aller freuden des hofs.
tagsz. 2, 17;
seht da
das ehrenkleid, das Saladin mir gab
eh es verschossen ist, eh es zu lumpen
geworden, wie sie einen derwisch kleiden,
hängts in Jerusalem am nagel und ich
bin an dem Ganges.
Lessing 3, 210.
3)
transitiv, verschieszen kommt auch in der bedeutung vorschieszen vor. vielleicht ist es eine alte form und bedeutet 'hingeben' oder es ist schwächung zu altem vor und zusammensetzung wie vorstrecken, vorlegen, vor die augen legen: hiebevor hab jedermann jährlich dem könige geschenck bracht. jetzo blieb alles aus und der königliche estat wolle gleichwol geführet seyn. er hab schon ein groszes verschossen, er wisse nicht weiter fort zu kommen. Schuppius 125; hat der groszfürst gelder darzu verstrecket. als aber dem guten mann das werck miszlungen und seine güter, die verschossene groszfürstliche gelder wieder zu erlegen, nicht zureichen wolten, wurde er in den schuldthurm gesetzet. pers. reisebeschr. 3, 2.
4)
den zügel verschieszen, den zügel schieszen lassen: welches als es die feind horten, meinten sie es weren warhaffte teuffel, fiengen derhalben all an mit verschossenen zaum fersengelt zu geben. Garg. 498 (1590); schieszen in der engern bedeutung 'einen schusz thun, durch schieszen verbrauchen':
als Jesu wangen, stirn und mund,
mit gnad seind übergossen,
lieb hat aus seinen äuglein rund
fast tausend pfeil verschossen.
Spee 4, 2, 9 Balke;
demnach sich befunden, dasz ein musquetirer ausz 1 [[undefined:poundsign]] pulver 32 schusz hatt unnd er ein woche mit 1⁄2 auszkomen khan, wo fern sie es nicht mutwilliger weisz verschieszen, ... do sie auch mutwilliger weisz das pulver verplatzen oder verschieszen würden, sie wieder anderes an die statt kauffenn. Oberpfälz. exercierregl. von 1610; wieder eine ladung pulver verschossen. Lenz 1, 51;
die spitze der begier verstumpft sich im genusz,
diesz bringt ersättigung und dann folgt überdrusz:
kurz Amors köcher war verschossen.
Wieland 18, 164;
durch schieszen verderben: die hirschhaut hat so viel löcher und ist so übel verschossen. Brandt bericht über d. leben Taubmanns 46; durch schieszen vernichten: also dasz man nicht allein auff die verschossenen mauern .. auffsehen halte. Fronsperger kriegsb. 1, 123; bildlich:
lieb hat aus seinen äuglein rund
fast tausend pfeil verschossen:
hat mir mein herz verwundet sehr,
o weh der süszen peine!
Spee 4, 2, 11 Balke.
in übertragener bedeutung: man verschieszt die stumpfesten pfeile zuerst: wachs besteht allerdings aus trennbaren theilen ... Lessing 11, 187; dieser angenehmen eigenschaften erinnert ihr euch wohl von unserer theatralischen laufbahn her, wo wir unser pulver nach sperlingen verschossen, ohne daran zu denken, dasz ein schusz, vernünftiger angebracht, auch wohl einen hasen in die küche schaffe. Göthe 23, 42;
(die bolzen verschieszen)
die ein andrer listig zugespitzt.
Göckingk 2, 220.
selten abstract: ich verschosz in meiner jugend zeit und kräfte blindlings, meistens ganz ohne zweck und absicht. Klinger theater 4, 204.
5)
in der heutigen bedeutung 'erschieszen': als wier dohin komen was kein hauptman niemert da, dan sie all znacht verschossen waren. Th. Platter 78 Fechter.
6)
unrichtig, falsch schieszen, übertragen: indem so fehlen sie und verschieszen neben das ziel. Paracelsus 2, 267 C (1616); nach redt unserer widerredner: daran sie verschieszen. 1, 123 B (1616).
7)
vielfach in technischer beziehung verwandt.
a)
bergwesen: verschossen, wenn man in stöllen oder schächten hinter die thürstöcke oder jöcher schwarten leget, damit das rolliche gestein nicht hereinfalle. Schönberg berg-inform. 102. Veith 535.
b)
schiffsbau, verschieszen der bohlen: wenn bei dem beplanken eines schiffes die wechselung der bohlen also geschieht, dasz jede bohle dergestalt stückweise zusammen gesetzt ist, dasz die wechselung der benachbarten bohle nicht in geraderlinie zusammenfalle und zwei und zwei benachbarte bohlen aus ungleich langen stücken zusammengefügt werden. Jacobsson 4, 526.
8)
reflexiv, zu weit vorgehen, voreilen: der hat sich in der flucht verschossen. Th. Platter 169; wann sich der jungen (walfische) eyns am ufer im sand verschieszt, das es nicht von der stätt kommen kan. Fischart ehz. 510; ein pirschhund von des forstbedienten Caspari hunden, hätte sich verschossen und verjagdt gehabt. Eisen. arch. 1765; denn auff meinen berg .. verschieszt sich nur zuweilen ein buch, wie sich ein fremder vogel zu verschieszen pflegt. Schubart in Strausz Schubarts leben 1, 99; kaum hatte der hauskaplan etwas von warzentödter vernommen, als er sich ins grün verschosz und eine vorjagd nach warzenheuschrecken antrat. J. Paul 40, 41; in reden sich verschieszen: die eltern zogen mich oft mit mädchen auf ... so dasz ich glaubte, die sache sei ihnen recht und mich manchmal fast verschosz, dem bauer schwiegervater zu sagen. Gotthelf freuden u. lied. e. schulmeisters 2, 49.
9)
in unbesonnener weise sich verlieben: unerachtet dieses, worin er sich also verschossen, nur ein schlechtes bauernmägdlein war. Simpl. 1, 5, 7 s. 477 (ausg. von 1713); in buchstaben und menschen nun hatte er sich einmal verschossen, und unter letztern besonders in Drotta, kein teufel zog ihn vom alphabet, kein engel oder geliebter von der liebe ab. J. Paul 54, 38; er erwiederte, er hoffe, dasz noch wenige prinzessinnen, selbst in Amerika getraut worden, in die er sich nicht vollständig verschossen hätte. 7, 52.
10)
schieszen im engern sinne, durch schieszen die munition verbrauchen: aber die vermelte Franzosen haben sich also hart verschossen, kein pulffer mehr gehabt. Schärtlin v. Burtenb. 67 (1777); so hatte ich mich verschossen. Plesse 3, 121; meine leute fochten, nachdem sie sich dann und wann verschossen hatten, mit ihren säbeln. Felsenb. 4, 62; bildlich: beweis ... warum die ... wolke sich blos an den feindlichen gänsen verschossen (das heiszt diese niedergeschlagen). J. Paul Nepomukkirche 112.
11)
sich verschieszen, fehl schieszen, übertragen: aber dieses mal verschosz sich Peter. J. Paul 57, 16.
Zitationshilfe
„verschieszen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/verschieszen>, abgerufen am 06.12.2019.

Weitere Informationen …