verschlagen verb
Fundstelle: Lfg. 6 (1895), Bd. XII,I (1956), Sp. 1085, Z. 54
schlagend beseitigen, vielseitig entwickeltes wort, mhd. verslahen, verslân, ahd. firslahen, vergl. Steinmeyer-Sievers 1, 239, 23, nd. vorslân, ags. forslêan. das h hat sich im nhd. zu g verhärtet, im nhd. kaum mehr verslahen nachzuweisen. ähnliche übergänge von h zu g s. oben 4, 1110. in der entwicklung der bedeutung kommt es besonders auf die bedeutungen des einfachen wortes an. am wichtigsten ist die bedeutung 'hauen'. aus ihr entwickeln sich verschlagen = erschlagen, schlagen mit verändertem zwecke, schlagend verwahren (einen raum abschlagen), schützen. dann durch schlagen, stoszen, wegtreiben, abweisen, an einen andern ort gestoszen werden, übertragen: seine natur ändern. vielleicht entstammen dieser bedeutung einige weitere entwicklungen: das verschlagen der pferde, ein ändern der natur, der bisherigen lebensweise, auch könnte man hierher stellen: es verschlägt mir nichts, es verändert nichts bei mir, es treibt nichts weg. schlagen ist auch der ausdruck für das umwenden der blätter, aufschlagen, zuschlagen, mit klatschendem geräusch die seiten umdrehen. ver giebt eine tadelnde bedeutung: verschlagen (die stelle). in verschlagen liegt auch der begriff, etwas nach verschiedenen richtungen untersuchen, etwas auseinander nehmen, schlagen. hieran knüpft sich verschlagen als überschlagen (belege s. unten).
1)
erschlagen, tödten: ahd. necat, negat, farslahit, firslahit Steinmeyer-Sievers gloss. 1, 192, 37, firslakan, farslagan, recisum 1, 239, 23, necatus firslahan 1, 221, 2;
o wî daʒ ih disen tach
ie solde geleben,
daʒ ih dih, turlicher degen,
alsus solde sehen verslagen,
wî mohtih imer verclagen!
Lamprecht Al. 3630;
dô wart im harte swinde
alle sîn vreude gar verschlagen.
pass. 317, 37 Hahn;
nhd.: foddere von mir, so wil ich dir geben die heiden zu eim erbreich und zu eim erbgut alle ende der erden. das ist, das er zerschlahen wird die heubter in viel landen der heiden, für das einig land der Jüden, das in verworffen und verschlagen hat. Luther 1, 98ᵃ; durch schlagen beseitigen:
flieht der ersten jahre morgen,
o! so geht es nicht mehr an,
dasz man die bestimmten sorgen
durch den ball verschlagen kann.
Gellert 4, 151 (durch ballschlagen beseitigen).
mit schlagen verbrauchen, hineinschlagen: derhalben mag das fundament der röm. kirchen von rechts wegen ein binenkorb heyszen, als das gefäsz ist, dareyn man allerley lieblichkeyt mag verschlagen. Fischart bienenk. 51ᵃ; durch schlagen entstellen:
sie (die laute) macht nicht schwach den athem sincken
gleichwie trumeten oder zincken,
sonder ein gleychig gänge handt
als in keim spiel, wie es würd gnant ..
derhalben ziert dis instrument
wol Palladis jungfräwlich händt,
dasz sie von dem nicht klagen mag
das es jr roten mund verschlag,
wie etwann jhro von deszwegen
die pfeiffen waren sehr entgegen.
Fischart dicht. 3, 15, 251 Kurz;
vgl. Birlinger schwäb.-augsb. wb. 159. Schm. 2, 515 Frommann.
2)
durch schlagen unbrauchbar machen: heuszer und hauszrath verschlagen, verderbet und vernichtet. hannöv. vaterl. arch. 1829 3, 115 (brief des herz. Jul. Ernst v. Dannenberg); ich liesz alle furth am Lech von der Donau an bisz gen Landsperg verschlagen, mit rädern versencken und .. verwahren. Schärtlin v. Burtenbach (1772) 119; ob ihm aber der feindtlichen halten an wälden, fluten, büheln, hohlwegen .. den weg verschlügen, brauch er solche finantz (list). Fronsperger kriegsb. (1596) 1, 147ᵇ; welche das loch mit einem geförmten nagel verschlagen. Forer fischb. 61ᵇ; technischer ausdruck im bergwerkswesen: instrumente durch benutzung unbrauchbar machen, gerät abstumpfen. Veith 535; in der waidmannssprache: einem hühnerhund zu viel schläge geben, daher er nicht mehr zum jagen kommt. Weber 2, 615. Kehrein 308; im münzwesen: nachdem in hiesigen benachbarten herrschaften die würtembergischen dreyer und heller gäntzlich verschlagen (eingezogen) werden. Weim. staatsarch. 1750 (Ilmenau); desgleichen mit angabe desjenigen, womit man etwas schlagend unbrauchbar macht: ist sampt funffzig knechten in das erste lager Franzen v. Sigkingen gefallen und hat achte buchszen mit pfremen und negeln verschlagen. Weim. Ernest. ges.-arch. 1521; nägel verschlagen, nägel verbrauchen: hat ein zimmermann .. gar manchen eisznen unnd hulzern nagel verschlagen. Pauli schimpf u. ernst 165ᵃ; 1 gr. vor 100 schindelnagel seint zum kleinen dechlein am kornhausze kommen und daran verschlagen. Tenneb. amtsrechn. 1542.
3)
schlagend verwahren, behüten: in einem fasse, dasz zu beden bodenen wol verschlagen war. d. städtechr. 8, 79, 4; wann der meth erkaltet, soll man ihn in ein fäszlein schütten, bei drei finger walen lassen, dasz er vergiesze. wan er nun gar vergiszet, soll man ihn drei monat wol verschlagen ligen lassen. Tabernaemontanus kräuterbuch 1526; nimb ein safftig bürkinholtz, das bore nach der lenge durch und fülle es voller klein gestosznen pfeffer, verschlags auff beyden seiten, dasz nichts möge heraus fallen. Seuter rossarznei (1599) 238; mit pfählen wol verschlagen. Fronsperger 2, 29; fässer, kasten verschlagen, sie zunageln oder zuschlagen; in den salzkothen werden die pfannen verschlagen, wenn sie geflickt werden. Adelung versuch 4, 1506; absondern: eine kammer, ein zimmer, einen raum verschlagen, wenn man einen raum durch abgeschlagene bretter absondert. ebenda; verschlagen und vermauern ist unmöglich, weil ich dazu einen handwerker brauche. Freytag ahnen 6, 57; verschlagen, schlagend verbringen:
und welche nächte, welche nächte
verschlug mein herz an deiner brust!
Gökingk 1, 82.
4)
forttreiben an einen ungehörigen ort, mhd.:
do wart der meister blode,
gegen dirre not im gruwete,
wand er niht getruwete
sime gelouben, den er truc.
daʒ volc in genzlich do versluc,
wand er besit wart getriben.
pass. 474, 10 Köpke;
nhd.: welcher sturm des ungefährs übrigens sie in diese kammer, in das bette eines komödianten .. verschlagen hatte, mag gott wissen. Thümmel 5, 69; diesz gefühl meiner erhabenheit und die der andacht ähnliche duldung des gefälligen kindes, wie weit hätten sie uns nicht verschlagen können. 2, 239; es ist doch wahrlich kein zufall wahrscheinlich, der uns auf eine wüste insel verschlagen könnte. Thümmel 4, 15; darf man fragen, was für ein zufall dich in die thäler von Jemal verschlug, die kaum dem namen nach bekannt sind? Wieland 8, 352; der fremde aber, der durchs schicksal auf englischen boden verschlagen und in grosze noth gerathen ist, kann immerhin auf dem misthaufen umkommen, weil er kein Engländer d. i. kein mensch ist. Kant 10, 353; am nachmittag ... verschlug mich ein gewitter ... statt in den vatikan nach st. Peter. Heyse buch d. freundsch. n. f. 188; die genaue bestätigung, dasz er wirklich todt und nicht etwa gefangen oder irgend wohin verschlagen sei, kam erst einige jahre nach jenem furchtbaren völkertrauerspiel. neue moral. nov. 136; was hat dich denn her verschlagen ohne deine theure hälfte? kinder d. welt² 3, 23;
wie hat die ungestüm uns verschlagen
und an die öden insel tragen!
H. Sachs 2, 3, 39 (8, 145 Keller);
wer in die heidenschafft will fahrn,
der soll .. einsitzen in mein schiff,
so fahr mir auff dem meer tieff
gen Münteberg in wenig tagn,
es thu uns dann der wind verschlagn.
J. Ayrer O 208ᵇ (1037, 9 Keller);
bildlich: etliche wöllen, der künig Cecrops sey ein anfänger diser stadt (Athen), welche etwan was ein närerin der freyen künst, jetz ausz des teufels leicherey ein eererin der abgötterey, die Paulum den apostel verschlagen hat. S. Frank chron. 16; übertragen, abweisen, zurückweisen: so verschlug er (sich) die kauffleut. Agricola spr. 175; ward sie (Agnes) von wegen ires hohen verstandts und scharfsinnigkeit fur einen erleuchten man (die weil sie alle weibliche sitten verschlagen kondt) gehalten. Kirchhof wendunm. 365ᵇ; und als er niemand feindlich kommen sahe, schicket er den hauptman Phrontistem Mutrich zum feldobersten Gurgellang, ihn zu verständigen, dasz er kein müh noch fleisz spare .. dem könig Grollenkoderer die auszflucht zur selbigen porten zu verschlagen. Garg. 520 (1590); entschuldigten, das sie vormals sein schriftliches suchen (nachsuchen) verschlagen müsten. colica 334; das arbeiten verschlug ihn auf nebengedanken. J. Paul 38, 87; halten sie sich ja tapfer und lassen sich weder rechts noch links verschlagen. Keller sinnged. 36; wer gottes werck nit versteet der vernimpt auch sein wort nitt, kan es auch nitt versteen und wiederumb, dann gottes wort und werck hangen also in ein ander, das ains on das andere nit kan vernumen oder verschlagen werden. Frank chron. a 3ᵇ vorrede; welcher umb einen augenblick wollust den ruhm der tugend verschläget. pol. stockf. 74; dasz er in der frembde so viel geld und gut liederlich verschlagen. 239; und solange sich an einen menschen binden und besser glücke vorsätzlich zu verschlagen, werde ich niemand rathen können. 274; etwas anders, zurückweisen von dingen:
ir hern kauft auch meinr kremerei,
lugt, wasz euch hie gefallend sei.
keinerlei munz ich nit verschlag,
doch gilt ich wieder, wo ich mag.
er sei recht meinster, der mich eff
und ich in nit hinwider dreff.
fastnachtssp. 791, 18;
dann solt gott unser gebet verschlagen,
da er doch gnedig gut zusagen?
Mauricius Hamann E viii;
der vater ermahnte, die mutter straffte sie, das glücke nicht zu verschlagen, sondern zu wehlen. polit. stockf. 293; dasz ich mir kurz vorher eine sehr schöne gelegenheit zu meiner versorgung in den Niederlanden thörigter weise verschlagen hatte. Reisker lebensbeschreib. 25; (ich stand vom hauskaufe ab) obgleich ich mir ein recht artig quartier verschlagen. Hippel 14, 118; das mädel setzt sich alles teufels gezeug in den kopf, über all dem herumschwänzen in der schlaraffenwelt findets zuletzt seine heimat nicht mehr, vergiszt, schämt sich, dasz sein vater Miller der geiger ist und verschlägt mir am end einen wackern ehrbaren schwiegersohn. Schiller hist.-krit. ausgabe 3, 559 (kabale und liebe 1, 1); bleib doch bei mir, sei doch kein dummes thier, verschlag dir nicht dein glück. Arnim schaub. 2, 301; seine maximen, die er zuweilen äuszert, sind nur für eine stunde gemünzt, in der nächsten verschlägt er sie wieder. Lichtenberg 1, 5; verschlagen, schlagend verbrauchen:
gotts gnad solt man zu keiner zeit
verschlagen mit undanckbarkeit.
froschm. Ji 7ᵃ (2, 4, 5);
solt dich gott straffen, das wolt ich nicht,
wenns gescheh von meinetwegen, ja wegen.
man erfehrt zwar, das es offt gschicht,
kriegt weder glück noch segen, ja segen,
wenn man das glück mit füszen tritt
und thut wolfahrt verschlagen.
J. Ayrer O 405ᵇ (2036, 5 Keller);
man wird nicht minder auch mit vollem munde sagen
wie Muskau neulich noch des bundes pflicht verschlagen,
und dich gereitzet hat bewaffnet hinzuziehen
bisz zum Borysthenes.
Opitz 1, 5;
ich bin ein blatt des baums, der ewig neue trägt,
heil mir, es bleibt mein stamm, wenn mich der wind verschlägt.
Rückert 1, 23;
die Athenienser konten sich des lachens nicht erwehren, dasz er die sache so leicht verschlug (in den wind schlug). Heilmanns Thuc. 497;
war ists, dasz ihrer wol vorher gewesen sind,
die aller meinungen verschlugen in den wind,
und mühten also sich die schrifften zu bestreiten
sehr unbescheidentlich, so nicht auff ihrer seiten.
Opitz 347 (H. Grotius).
aus der bedeutung 'forttreiben' entsteht 'zurückschlagen, zurücksetzen', davon die abstraction 'verächtlich behandeln': und dann sie auch sonst bei dem könig jetzt in besonderm ansehen und glauben sind, die unsern aber dieser zeit etwas verschlagen (werden) und in gar geringem ansehen. Bucer in Melanchthons opp. ed. Bretschneider 3, 777; von disem (Husz) schreibt Pogius Florentinus ein schön histori wie .. untreulich das concili mit jm gehandelt hab, alle billicheit abgeschlagen, all sein red in argem auffgefangen, verkert und verschlagen. Frank chron. 407ᵇ; seine heirat verschlagen:
die sechst die sprach: bei meinen tagen
hab ich der hayrat vil verschlagen,
die mich wolten, der wolt ich nicht.
H. Sachs 1, 508 (5, 182, 9 Keller);
ach solt das werden offenbar,
mein tochter würd verschlagen gar,
das sie zu keiner heurat kem,
kein ehrlicher gsell sie nicht nemb.
Ayrer Remus O 381ᵇ (1911 Keller).
5)
verschlagen, von winden im leibe: durch das schreien macht sich das kind eine bewegung und diese treibt die verschlagenen winde fort. Salzmann Conrad Kiefer 29, vergl. Sartorius würzb. mundart 130; einem die luft verschlagen, die luft vertreiben, benehmen: sie thäten wol neun tausent fünff und zwentzig schusz ausz falckonetlin und toppelhacken nach jhm, dasz jm die kugeln umb den kopff sauszeten ... dasz er kein himmel sahe und jhm der lufft verschlug, athem zu schöpffen. Garg. 455.
6)
wegschaffen, verbergen: der neid wird zu hof geboren, im kloster erzogen, im spital stirbt er ab: nachgehends weil in etlichen conventen brauch ist das ... weibsbilder hinein gehen, man denselben die spur nachfeget, wie der löw sein spur mit dem schwanz selbst verschlägt. Garg. 534; sie kundt die sach so meisterlich und heimlich verschlagen und verdrehen, dasz ihr solchs niemandt abmercket. Pauli schimpf 109ᵇ; er wirdt all ding fein verschlagen, solviren, ferben, verblümen und beschönen. Frank kriegsb. d. fr. 221; als wie man zu sagen pflegt, stelen sey kein kunst, sondern wol verschlagen können, das sey die kunst. Justus Menius trag. v. babstumb vorr.; denn .. alle verborgene ding, wie sie auch vor der welt verschlagen worden, offenbar heller und klarer seyndt, dann die sonne. Kirchhof milit. discipl. 236; wenn sie es können für der welt verschlagen und verblumen. M. Fuchs 34;
der ist eyn narr, der zuͦ der zytt,
so gott syn letzstes urteil gyt,
sich urteiln muͦsz usz eigenem mundt,
das er verschlagen hat syn pfundt
das jm entpfolhen hat syn her.
Brant narrensch. 106, 1 Zarncke;
nun lern wann du speisz solt auftragen,
wie du dein theil auch solt verschlagen,
behend dich in ein winkel schmücken,
das best stück ausz der platten zücken.
Scheidt Grobianus 510 (neudr.);
der seyn bosheyt hat verschlagen
wol unter dem wort mit list.
Wackernagel kirchenl. 3, 79, 1;
verbarge doch zu aller zeyt
vor dem vatter ir schwangerheyt.
darnach sie auch heimlich gebar
ein kindt, welches ein knäblein war,
das sie zwey monat heimlich zug
und vor dem vater das verschlug.
entlich dem vatter das fürkam.
H. Sachs 2, 3, 119 (8, 457 Keller-Götze);
die denn jhr schalckheit fein verschlugn.
Ringwald ev. b 8ᵇ;
die jugend umsonst wöllen lehren
und sie doch theur genug verkehren.
andre trösten und selbst verzagen,
ehrgeitz und rhumsucht still verschlagen,
zur augenblendung sein demütig
aber im hertzen bärenwütig.
Fischart dicht. 2, 264, 863 Kurz;
prestigiari, gaucklen oder verschlagen, das man es nit sehen kan. gemma gemm. (Hagenau 1510) t 8ᵇ; verschweigen: wo nicht, so wirds nicht eine feine rechnung werden, das jr allein die ausgabe werdet berechen und die einname verschlagen, man müszte euch anders rechen heiszen und besser auf die feust sehen. Luther 5, 86.
7)
falsch weisen, falsch einschlagen, versäumen, den weg verschlagen: wer einmal den rechten weg verschlägt, kommt immer weiter vom ziele. Hippel lebensl. 1, 135; ihr seid ihm in die quer aufs tau gekommen und habt ihm die fahrt verschlagen. Kotzebue theater 1, 278 (1840); obgleich er die schule darüber verschlagen (versäumen) mochte. polit. maulaffe 16.
8)
umblättern: verschlag ich zurück, oder kann die neue philosophie nicht ein tribunalausspruch meiner vorschläge werden? Hippel 6, 201; umblättern, dasz die richtige seite nicht mehr aufgeschlagen ist: einen ort im buch verschlagen. Frisch 2, 191ᶜ.
9)
überschlagen, vielleicht durch rasches umblättern sich eine ungefähre berechnung von etwas machen, mundartlich bei Richey (Hamburg) aufgeführt 258.
10)
verschlagen, überschlagen. intransitiv warm werden, etwas von der bisherigen kälte abgeben: als getränke sind überhaupt in verschlagener oder lauer temperatur reines, gutes wasser .. auch dünne mandelmilch zu geben. unterricht f. d. publicum über d. verhalten bei grassir. blatterkrankh. (Dresden 1805); manchmal zünde ich auch noch auf dem herd ein feuer an, da ist es hier recht hübsch verschlagen. Heyse buch d. freundsch. 223; vgl. mundartlich Schmid (Schwaben) 464. Schm. 2, 315 Frommann. Schambach (Göttingen) 266ᵈ. Richey (Hamburg) 258.
11)
die lage verändern, etwas ausmachen, trans.: es verschlägt nichts, nihil interest, nihil refert Kirsch 2, 311ᵇ; wer ist denn der grosze mann, der ein mädchen mit armuth braucht? er musz gewisz willens seyn ohnedem bald zum lande hinauszulaufen und also wird es ihm nichts verschlagen, ob er vor der hochzeit oder kurz darnach geht. Gellert 3, 178; frauenzimmerchen, wenns ihr nichts verschlägt, herr wachtmeister, höre ich am liebsten. Lessing 1, 552; die anlage zu impertinenzen sahe er einmal gemacht, und eine mehr oder weniger konnte ihm nichts verschlagen. 7, 156; das gilt mir itzt gleich viel, da die sache in einer waage abgewogen wird, in welcher aller verdacht, alle möglichkeit, alle wahrscheinlichkeit gegen ein einziges wirkliches zeugnisz nun einmal so viel als nichts verschlagen soll. 11, 749; es wollte mir alles nichts verschlagen. Claudius 4, 122; dummer teufel, was verschlägt es denn ihm, ob er die karolin frisch aus der münze oder vom banquier bekommt? Schiller hist.-krit. ausg. 3, 375 (kab. u. liebe 1, 5); ein heiliges buch erwirbt sich selbst bei denen, die es nicht lesen .. die gröszte achtung und alles vernünfteln verschlägt nichts wider den alle einwürfe niederschlagenden machtspruch: da stehts geschrieben. Kant 6, 278; wie wenig aber die eine sowohl, als die andere ausflucht verschlage, ist an mehreren orten in der exposition der geschmacksurtheile gezeigt worden. 7, 243; es verschlägt wenig für das himmelreich getauft zu sein, wenn man es doch mit den heiden gegen die christen hält. Dahlmann dän. gesch. 1, 50;
ihr denkt, was kann es ihm verschlagen oder nützen
zu wissen, ob sie wacht.
Wieland 18, 92;
und was verschlügs den feen?
8, 175;
doch alles dies, und was noch mehr geschah,
verschlägt uns nichts: genug sie ist nun da,
macht ihrem vater Schwan viel ehre.
10, 184;
ein könig, der den Antilibanus
vordem beherrscht, und dessen nahme
uns nichts verschlägt.
250;
warum? das kann euch nichts verschlagen.
Göckingk 1, 3 zuschrift;
was unter diesem stein
begraben möge seyn,
kan wenig dir verschlagen.
2, 296;
hör' general, dir kann es nichts verschlagen,
hör' lasz mich tauschen mit dem Geraldin.
Schiller hist.-krit. ausg. 12, 369 (Wallenst. tod 5, 2);
Gellert hat die etwas eigenthümliche construction: eine sache verschlägt mich nichts, also die person, auf die das verschlagen gerichtet ist, steht im accus. statt im dativ, wol undeutsch: ich habe es ihnen ja schon gestanden, dasz mich ein wort nichts verschlägt. 3, 205; A. die tochter vom hause war ein allerliebstes mädchen und sprach französisch, wie ein engel. B. das verschlägt mich nicht viel. 3, 270; es kann ... seyn, dasz ihnen nicht viel an dem zweiten theile gelegen ist, aber das verschlägt mich nichts. 4, 150;
die frau fand zur gesetzten stunde
die nacht darauf sich mit dem grabscheid ein.
nun die musz recht beherzt gewesen sein ..
die frau verschlug das nichts, sie eilt den schatz zu heben.
1, 213;
auch vereinzelt bei andern: es verschlägt sie ja nichts. Göthe briefwechsel mit Stein 1, 15 Schöll;
der übersilberte lackai
besinnt sich, ob er einen teller
mir reichen will, denn keinen heller
verschlägt ihn meine reimerey.
Göckingk 2, 17;
intransitiv: sytmal wir leider erfahren hand, dasz wir das nit behalten mögend, darumb dasz es uns gott nit geben hat, dasz ouch uns nit verschlagen würde. Zwingli 1, 41; solcherlei gedanken haben nun zwar, besieht mans beim lichten, nichts in sich, das nur etlicher maszen des merkens werth sei; aber das verschlägt dem manne nicht, dem nur durch sie das verständnisz kann geöffnet werden. Klopstock 12, 151 (gelehrtenrep.); ihr kennt mich nun die jahre her, herr Marx, und solltet daher wissen, dasz das dringen und feilschen bei mir nicht verschlägt, weil ich nie von meiner sprache abgehe. Immermann Münchhausen 1, 137.
12)
intransitives und transitives verschlagen, besonders von pferden: verschlagen ist eine steifheit der füsze des pferdes, das seine beinmuskel nicht bewegen kann und stets zittert, die von einer stockung der säfte und entzündung darin herrührt und folge von erkältung, erhitzung oder zu groszen strapatzen oder von vollblütigkeit ist. Weber öcon. wb. 615; damit sie (die rosse) lustig bleiben zum essen, dann sie verschlagen gar bald, wenn man nit recht mit ihnen umbgehet. Seuter rossarznei 92; verböllen oder verschlagen: es geschicht bald dasz ein pferd an einem oder mehr füszen verbölt, geschicht aber gern wann es den stand lange gehabt und man darauff geschwind reit auff der hertin, im winter auff dem eys, im sommer auff dem dürren harten boden, dardurch verschlegt es die füsz. 305; wann ein pferd auff allen vieren verschlagen hat, wind oder wasservech ist. 133 (vgl. ebenda 128: wann ein rosz vech ist worden, das erkenne darbey, wann es auff den bainen zittert und die hindern füesz zu den vordern schmuckt); verschlagen: wann es insgemein verstanden wird, so sein desselben kennzeichen die sperrung der füsze und dasz dieselben je länger je steiffer werden. Pinter pferdesch. (Frankfurt 1688) 413; die schwadron ist durch die bothen dergestalt übel geführt worden, dasz bey einem fast stundenlangem reuten im wasser nicht nur mehrere pferde verschlagen, sondern auch 20 mann in die gefahr geriethen zu ertrinken. Eisenacher arch. z. Weimar 1793; zugleich vernahm er nicht ohne verdrusz, dasz sein pferd von Laertes gestern bei dem hereinreiten dergestalt angegriffen worden, dasz es wahrscheinlich, wie man zu sagen pflegt, verschlagen habe, und dasz der schmied wenig hoffnung zu seinem aufkommen gebe. Göthe 18, 201;
euer pferd war heisz,
ich habs im schatten etwas gehen lassen,
dasz nur das arme thier nicht gar verschlägt.
Tieck 1, 183.
von menschen: verschlagen hat man auf einen körpertheil, wenn sich eine erkältung dahin gesetzt hat Albrecht Leipziger mundart 230ᵇ.
13)
transitiv und in anderer bedeutung, die zähne verschlagen: wenn ein pferd auff dem grasz oder sonst nit essen wil, dasz jhm die zähn seer seind und dieselben verschlagen hat (dann also haist mans) so nimb ... Seuter rossarznei 118; die sauern äpfel, welche die alten gessen, verschlagen den kindern oft die zähn also dasz sie das brod in suppen nicht mehr beiszen können. Lehmann flor. 202.
14)
technischer ausdruck im bergwerkswesen, vom wetter: in einer andern richtung strömen, als diejenige ist, in welcher sie geleitet werden sollen. Veith 535.
15)
gleich überschlagen, einen überschlag der kosten machen: verschlagen, beim salzwerk, rationem sumtuum inire Frisch 2, 190ᶜ.
16)
reflexiv, sich verschlagen, zu nr. 4, zu einem ort sich begeben: graf Hug von Montfort ein nüwe vesti .. anfieng zu buwen .. dann er besorgt dasz sich im selben holtz und gestüd etwas volcks des von Montfort heimlich verschlagen möcht und ine schädigen. Tschudi 1, 105ᵃ; mit solchem (käsz und brod) versahe ich meinen ranzen wieder, verschlug mich in den wald und verzweiffelte schier, mein lebtag wieder einmal zu menschen zu kommen. Simpl. 1, 114, 11 Kurz; wohin werden wir uns mit diesen reden noch verschlagen? Tieck ges. nov. 1, 17 Br.;
vor dem ich mich schemt und abzug,
und in ein gäszlein mich verschlug.
H. Sachs 5, 222;
denn das sich manich wein im zin verschlegt, ist des einschlags schuld oder des schwefels, so beim einschlag ist, unnd andere schmiere. Mathesius Sar. 100ᵇ. kunstausdrücke, weidmannssprache: sich verschlagen, von schüssen, nicht wirksam sein; vom birk- und auergeflügel, sich nicht mehr zusammenlocken lassen; vom wilde, sich ins zeug verwickeln; vom angeschossenen wilde, sich verloren haben, dasz man es nicht mehr finden kann. Weber 615.
17)
part. prät. schlieszt sich zum theil dem verbum in seinen bisher besprochenen bedeutungen an: die kameren und stuben (der herberge) worend alsamen verschlagen (besetzt) mit richen lüten. Keisersberg post. 1, 9ᵇ; alle flieszende wasser seind mit hämmern und eisenschmitten verschlagen. S. Münster 914; wenn das geträydt zeitig oder reiff wird, in welchem sie sich verbergen und des tags verschlagen (verborgen) erhalten und darvon ernehren mögen. Fronsperger kriegsb. 3, 188ᵃ; verschlagene schiffbrüchige. Herder 4, 70; als er die augen in halbe träume verschlagen aufthat, schosz der blitz des mondes durch das weisze gesträuch. J. Paul 9, 241;
ach, der sturm! verschlagen weg vom glücke!
Göthe 2, 76.
meist ist aber das part. adj. geworden, und zwar in einer bedeutung, die im verb. finit. nicht zu finden ist, 'listig, undurchsichtig', wir müssen es wol zu der bedeutung 'verbergen' stellen und erinnern an den 'verdeckten charakter' (s. oben 205): ein mensch, dessen pläne verborgen sind, der seine pläne verborgen hat, ist ein verschlagener mensch. somit ist die bedeutung activ und verschlagen ist ursprünglich derjenige, welcher seine pläne und seine absichten bei seite geschoben, fortgetrieben, also dem andern unsichtbar gemacht hat (verschlahen o. vergaucklen dasz man es nit sehen kan. Diefenbach - Wülcker 565): vorschlagen nasosus, i. versutus Diefenbach 375 (aus Trochus 1517); sie ertichten schalckheit und haltens heimlich, sind verschlagen und haben geschwinde rencke. psalm 64, 7 (verschlagen oder verborgen, delitens, abditus, abconditus Maaler 429ᵃ); saget er nicht selbst, er habe bey dem gubernator zu Hanau, dem allerverschlagensten soldaten in der welt, lernen auf der lauten schlagen? Simpl. 1, 216, 8 Kurz; welches alles mein knän wol verstanden haben, wie er dann ein trefflich verschlagenes capitolium gehabt, und mit einem tiefsinnigen verstand versehen war. 1, 15, 18; man sehe nun den wehr- und regierstand an, wie einer darin bestehen wolle, so er nicht die gewalt mit list vermengt .. wie der krieg ohne list und vortheil ein gewisser verlust, also ist das regiment ohne verschlagene klugheit ein krohne ohne haupt, ein haupt ohne hirn. Butschky Patmos 91; auch sonsten einen ziemlich verschlagenen kopf hatte. Felsenb. 1, 33; jenem manne von redlicher thätigkeit fehlte es an verstande; seine verschlagenen feinde machen ihn bald unkräftig und elend. Herder 2, 195 (1820); der papst verlangte, er solle in seinen diensten bleiben, aber er sagte: er wolle in keines menschen dienste treten, .. er war ein verschlagener mann und er that wohl von Rom wegzugehen. Göthe 34, 76; es sagte sich der schelm, dasz er auf jedem von diesen wegen so gut vorwärts kommen könnte wie der verschlagenste unter seinen genossen. Freytag soll u. haben 1, 323 (1882);
sind gantz vol
verschlagner tück und hinderlist,
uben sie stet, das sicht man wol.
Wackernagel kirchenl. 3, 185;
der als prologus auftretende knabe, welcher eine rute und einen stock trägt, spricht unter anderm:
mein ingenium gantz verschlagen
zu hohn ehrn mich empor könt tragen.
Gilhusius 13;
du pflegest ja sonsten verschlagen zu sein und kannst allerhand mittel finden, dich aus bevorstehenden gefährlichkeiten zu wickeln. A. Gryphius 1, 865; adverb.: bey dieser meychlerischen, hinderlistigen doppelwelt höret man nit vil von kriegen .. sundern disz gschicht als geistlich, innerlich verschlagen mit der seel, wie die euszerlich welt mit dem leiblichen schwert offenlich wider den leib ist gerichtet. Franck chron. 254ᵇ; ein andrer wie verschlagen hätte er das mitgetheilte genutzt, wie künstlich vertuscht und verschwiegen! Herder lit. u. kunst 11, 188 (1821).
Zitationshilfe
„verschlagen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/verschlagen>, abgerufen am 15.11.2019.

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