verschweigen verb.
Fundstelle: Lfg. 7 (1905), Bd. XII,I (1956), Sp. 1195, Z. 63
im nhd. durchweg stark flectierend; in der entwickelten nhd. schriftsprache ist die bedeutung eine einförmige, nur hat das part. perf. verschwiegen eine gesonderte anwendung erhalten. Maaler verzeichnet neben verschweigen in gleicher bedeutung verschwygen. 430ᵇ ᶜ; verschweigen, nit gedencken. Hulsius dict. (1616) 354ᵇ; stillschweigen et verschweigen, conticere, reticere, vocem comprimere. Stieler 1965; dieses nhd. verschweigen entspricht nach form und bedeutung dem mhd. verswîgen, versweic, verswigen (mhd. wb. 2, 2, 788ᵇ. Lexer mhd. handwb. 3, 263); weder das schwache verb. verswîgen (gleichbedeutend dem starken; ahd. firswîgên. Craff 6, 860, vgl. angels. forswîgian) noch das schwache versweigen, bringe zum schweigen, haben sich im nhd. erhalten. nld. verswijgen, silentio supprimere Kilian (1777) 2, 730ᵃ; niederd. verswîgen Woeste wb. d. westf. mundart 296ᵃ. Schambach wb. d. niederd. mundart von Göttingen-Grubenhagen 267ᵇ. Mi wb. d. mecklenb.-vorpomm. mundart 103ᵃ. Dähnert plattd. wb. 528ᵃ. ten Doornkaat Koolman ostfries. wb. 1, 469ᵃ; das g (j) kann hinter dem î in älterer sprache völlig schwinden: wolde es nû nicht lenger vorbergen noch vorswîen, sunder sprach. Griseldis 20, 20 bei Schröder; ebenso hinter ei, sogar im auslaut:
vertrawte ding nicht offenbar,
sondern im hertzen fest verschwey
und keines mans verrehter sei.
Ringwaldt die lauter wahrheit (1597) 132;
er reimt verschweigen auf freyen:
denn da ich eins mein grosze schuld
gedachte zu verschweigen:
unnd mich durch werck von sünden wolt,
ausz eygnen kreftten freyen.
geistl. lieder (1598) A 7ᵇ;
auf schreyen:
darauff das volck, so forn an gieng,
jhm hart gebot zu schweigen,
er aber gar viel mehr anfieng,
mit voller stimm zu sehreyen.
evangel. (1616) K 8ᵃ
1)
verschweigen wird im nhd. gewöhnlich mit object gebraucht, das durch einen accusativ oder einen abhängigen satz ausgedrückt wird, seltner aus dem zusammenhange zu ergänzen ist (vgl. schweigen I, 8, th. 9, sp. 2426); die person, der man etwas nicht sagt, verborgen hält, steht im dativ; oft liegt schon im begriff des verbums, dasz man etwas geheim hält, das man eigentlich offenbaren sollte, besonders im gegensatz zu anderem, mit dem man nicht zurückhält, oder das man wenigstens unter gewöhnlichen umständen nach der erwartung anderer mitteilen, bekannt machen würde; doch ist dieser nebensinn, der natürlich in der verbindung mit dem dativ besonders hervortritt, nicht notwendig mit dem verbum verbunden, der begriff des verbums scheint sich aber in neuerer sprache in dieser richtung einzuengen, so dasz er mehr zu 'gestehen' als zu 'ausplaudern, aussprechen, kundmachen' gegensätzlich empfunden wird; das part. perf. kann durchaus im gewöhnlichen sinne des verbums gebraucht werden (verschwiegen werden); in der wendung verschwiegen bleiben wird die bedeutung des participiums bisweilen unbestimmter (= verborgen, geheim). auch hier bewegt sich noch die ältere nhd. sprache, wie die belege zeigen, mit gröszerer freiheit. du wirst mich ee hencken dann ich das verschweygen; ein unbill verschweygen und thuͦn als ob er jren nit achte (vgl.schaden verschweigen unter 2); eins redlichen thaaten verschweygen und nit ein wort darvon sagen; er kondt oder mocht sein fröud nit verbergen oder verschwygen; ich wird nichts verschwygen, das ich wüsse; seinen kumber verschwygen; verschwigen, heimlich, etwas heimlichs das man verschwigen wil sein; luͦg was ich dir gesagt hab, das es verschwigen beleybe, oder niemandts innen werde. Maaler 430ᶜ, schweige still, sage ich, verschweige (verbeisse) es. Comenius sprachenthür. übers. von Docemius (1657) 914; das kann ich nimmermehr verschweigen, id tacitus nullo modo praeterire possum. Stieler 1965; die wahrheit werschweigen; seine sünden verschweigen; wer seine eigene heimlichkeiten ausschwatzt, der wird anderer ihre nicht verschweigen; er kann nichts verschweigen; verschweige mir nichts; etwas verschwiegen halten. Kramer deutsch-it. dict. (1702) 2, 709ᵃ ᵇ; freier: eine wahre beym zoll verschweigen und nicht angeben. 709ᵇ; das verschweigen, reticentia; der eltern schande verschweigen; ich habe nichts verschwiegen; halt es verschwiegen; es wird nimmer verschwiegen bleiben. Steinbach 2, 547; einem etwas verschweigen. Frisch 2, 245ᶜ; ein geheimnisz verschweigen. Adelung; einem eine üble nachricht verschweigen. Campe; mit dem dativ der person, reflexiv: wir dürfen uns nicht verschweigen, dasz u. s. w. dâvon sol ich niht verswîgen mînes ebencristen missetât. Schwabensp. 140, 3 Gengler; vorswegen unde verborgen. Griseldis 4, 9 Schröder; die frucht und krafft des rechten, warhafftigen opffers, ist verschwiegen und ausgerot. Luther 2, 21ᵃ; weil ers auch selbs im evangelio nicht verschwiegen hat, da er zu jnen spricht. 287ᵇ; der könige und fürsten rat und heimligkeit, sol man verschweigen, aber gottes werck sol man herrlich preisen und offenbaren. Tob. 12, 8; und sie verschwiegen und verkündigeten niemand nichts in den selbigen tagen, was sie gesehen hatten. Luc. 9, 36; durch welche das geheimnis offenbaret ist, das von der welt her verschwiegen gewesen ist. Röm. 16, 25; was sie gefunden, weder aim rath oder niemands zu offenbaren, sonder bisz in iren dodt zu verschwigen. Zimm. chron.² 3, 278, 9; welcher da ein solich neu wunderbarlich ding nit mocht verschweigen. Erasmus encom. mor. übers. von Franck 4ᵇ; also musz iede zung, sprach und weisz gott bekennen, auff dasz er niemandt seinen willen zu verschweigen geachtet werden möge. Kirchhof wendunm. 4, 7 Österley; schmarotzer und fuchsschwäntzer, die meinen guten kopff zum studiren trefflich lobten, sonsten aber alle meine untugenden verschwiegen oder aufs wenigste zu entschuldigen wusten. Grimmelshausen Simpl. 1, 428, 1 Kurz; aber, wenn er es von einem andern erführe, dasz der prinz mich heute gesprochen? würde mein verschweigen nicht, früh oder spät, seine unruhe vermehren. Lessing Emilia Galotti 2, 6 (³2, 401), wenn ich bey dieser gelegenheit verschweigen wollte, mit wie vieler rührung und nutzen (ich das auch gelesen habe). Wieland bei Lessing³ 8, 28; er musz mir keinen satz deswegen verschweigen, weil er mit seinem system weniger überein kömmt, als mit dem system eines andern. Lessing³ 5, 323; aber verschweigen darf ich nicht, dasz ich seine ausdrückliche genehmhaltung und aufmunterung zu dieser arbeit habe. 11, 321; vergessen hatte herr Klotz meine einschränkungen wohl nicht: aber er verschwieg sie seinem leser mit fleisz. 10, 247; was er von seinen geschäften anzeigen musz, und was er davon verschweigen darf. 2, 195 (Minna von Barnhelm 2, 2); schon die vorige woche hab ich meinem vater um vergebung geschrieben, hab ihm nicht den kleinsten umstand verschwiegen. Schiller räuber 1, 2 schauspiel (2, 36); sie berühren hier vorzüge, die auch andere mit ihnen gemein haben. warum verschweigen sie grösere, worinn sie einzig sind? kabale und liebe 2, 3 (3, 398); freunde offenbaren einander gerade das am deutlichstem was sie einander verschweigen. Göthe Wilhelm Meisters wanderj. 3, 13 (25, 1, 226 Weim. ausg.); auf andringen Ottiliens habe sie die speisen an ihrer statt genossen; verschwiegen habe sie es wegen bittender und drohender gebärden ihrer gebieterin. wahlverw. 2, 18 (30, 406); er rühmte die tugend manches vorfahren und seitenverwandten und verschwieg ihre fehler nicht. Wilhelm Meisters wanderjahre 2, 3 (24, 279); verschwieg ich selbst Schillern diese arbeit. tag- und jahres-hefte 1801 (35, 91);
Beyierlant nicht wart vorsveygen (man schrie 'Bayerland', als schlachlruf).
Braunschw. reimchr. 3050;
sie swuoren im daʒ siʒ verswigen.
Amis 850;
die klage man do nicht versweic
Basilio deme bischove.
passion. 128, 46 Köpke;
men wetten se wat van guden dyngen
van welken heren, groet efte kleyn,
dat wert vorswegen int ghemeyn,
Reinke de vos 3950;
hett Achab nit syn heymlicheyt
synr frowen lezabel geseyt
und hett verschwigen solich wort
es wer geschehen nit eyn mort.
Brant narrensch. 51, 27;
slagt solchs ubel ausz ewrem sinn,
das nit verschwigen bleiben mag.
H. Sachs 8, 111, 24 Keller-Götze;
o mein herr, thut mir nichts verschweigen,
es sey für kranckheit, was es wöll.
9, 30, 6;
der herr mir das bevelhen thet,
das ich sollichs weissagen solt.
und als ich das verschweigen wolt,
wart sein wort in meim gepain tewer
gleich wie eîn flamment brinnendt fewer.
11, 6, 7;
mich wundert auch, das er so lang
dem könig ist verschwiegen blîeben.
68, 38;
das ich thu
dir, werde küngin, hoch verschweigen.
135, 16;
wiewol ich dir verschweygen thu
meiner frawen haimliche duͦck.
fastn. sp. 1, 49, 370 neudruck;
es steckt dahinden noch ein funcken,
den sie mit fleisz also verschweigen.
Fischart 1, 75, 2851 Kurz;
lassen einen andern das redlein treiben,
dürfen dennoch guts glücks, sols verschwigen bleiben.
Schade sat. u. pasqu. 1, 57, 117;
gots gebot hat er lossen ligen
das evangeli verschwygen.
Soltau volksl. 272;
so dunckt mich an jr visignomey,
das sie fürwar geschnitten sey
ausz einer zähen, bösen haut,
die nit gern stille sitzt noch ruht,
geneigt zu haspeln und zu geigen,
und nimmermehr ein wort verschweigen (die wendung ist formelhaft).
B. Waldis Esop. 4, 67, 44 Kurz;
was er weisz, mit darunter rührt,
auch zu verschweigen ihm gebürt.
Kirchhof wendunm. 4, 190 Österley;
meinstu, es bleib allweg verschwiegen.
255;
wer selbst seiner sünd nehme war,
verschwieg eins andern mangel gar.
Rollenhagen froschm. (1595) J 5ᵃ;
gleich wie auf erden nun die wunderwerck, die er
(er dessen wort allein luft, himmel, meer und erden
erschaffen) miltreich uns erweiset, nimmermehr
verschwigen sollen werden.
Weckherlin ged. (1648) 247;
kein pünktlein (im gesang) bleibt verschwiegen.
Spee trutz-nachtigall 16, 60 Balke;
was Stagirites sagt, Pythogoras verschweiget.
Opitz (1690) 1, 140;
er aber ist durch gottes macht
vom tode wieder auffgewacht,
hat seiner schaar sich selbst gezeigt,
die solches billig nicht verschweigt.
3, 120;
kühner, nach lateinischem vorbilde:
wie soll ich auch verschweigen
der Charoneer grufft, ausz welcher dünste steigen.
1, 40
(Adelung irrt also, wenn er meint, dasz verschweigen c. acc. bei Opitz nicht vorkomme, sondern nur schweigen);
vernehmt es denn, kinder! lange verschwieg ichs.
Klopstock Messias 5, 203;
denn es hatte der ruf die geschichte der nacht nicht verschwiegen.
7, 58;
was mir Gabriel gern verschweigen wollte, nicht konnte.
9, 229;
dann hat er uns bescheidentlich verschwiegen
wie er als kind die otter überwand ...
und so verschwieg er auch, dasz eine quelle
vor seinem schwert aus trocknem felsen sprang.
Göthe die geheimnisse;
vom alten bande löset ungern sich
die zunge los, ein lang verschwiegenes
geheimnisz endlich zu entdecken.
Iphigenie 1, 3 (10, 15 Weim. ausg.);
freiere wendung mit objectsaccusativ: doch wil ich dine frage nicht vorswien, ich wil dor czu antworten. Apollonius v. Tyrus 68, 7 Schröder (vgl.ansprache verschweigen unter 2); nemlich vordrousz das volk, das he nicht ein wieb nam unde hette erben met ir geczuiet. das selbige vorswegen si (lieszen sie schweigend geschehen) etliche cziet. Griseldis 3, 19 Schröder (vgl. unter 2); die ältere sprache zeigt mehr syntaktische mannigfaltigkeit, so setzt sie das object auch in den genitiv:
nû verswîg wir abe der nôt.
Hartmann v. Aue der arme Heinrich 756.
die person, der man etwas verschweigt, tritt in den accusativ, so entstehen wendungen mit doppeltem accusativ (vgl. Grimm gr. 4, 622) oder mit accusativ und genitiv:
den gruoʒ er si niht versweic,
er dankte in beiden unde neic.
v. d. Hagen ges. ab. 2, 433, 19;
do versweic er iuch deʒ mære.
Hartmann von Aue Iwein 1836;
sît daʒ er michs verswigen hât.
Gregor. 2254.
die bezeichnung der person, der man etwas verschweigt, wird durch eine präposition angeknüpft: ich hab meine sünden nicht vor dir verschwiegen, o gott. Kramer deutsch-it. dict. (1702) 2, 709ᵇ. verschweigen wird in älterer sprache auch absolut im sinne von verstummen gebraucht:
und sind die wolf ûf in geplatzet,
daʒ er durch nôt verswîget,
sô ist der fröuden hort mir abgeschatzet.
Hadamar v. Laber jagd 514;
die neuere sprache kennt diesen inchoativen gebrauch nicht mehr; das fehlende object ist aus dem zusammenhange zu ergänzen: der hofmann schwieg und verschwieg. der andre suchte sich durch einige wohltönende complimente aus der sache zu ziehen. Göthe wahlverw. 2, 5 (20, 250 Weim. ausg.);
und liegt anch das zünglein in peinlicher hut,
verplaudern ist schädlich, verschweigen ist gut.
der getreue Eckart (1, 207);
warum,
wenns eine gute sache war, verschweigt ihr?
Schiller Maria Stuart 4, 6.
verschwiegen in freierer anwendung: es mögen die verschwiegenen jahre (von denen man nichts erzählt, über die die geschichte schweigt) Siegfrieds und Halfdans ... krieglos und mild gewesen sein. Dahlmann dän. gesch. 1, 61.
2)
in der älteren rechtssprache in prägnanter anwendung: nicht rechtzeitig anzeigen, nicht rechtzeitig einspruch erheben u. ä.: wir sprechen, eʒ müge ein iegelîch man sînen schaden wol verswîgen ob er wil. Schwabensp. 79, 1 Gengler; der ansprâche verswîget. und hœre ich mîn gût vor gerihte ansprechen mit fürsprechen, verswîge ich daʒ, eʒ mac mir schade werden. verswîge aber ich die ansprâche durch mînes lîbes nôt, und mac ich darnâch daʒ bereden mit mînen zwein vingern, so schadet mir die ansprâche niht. 264; disse drü ungerichte sal he to male klagen. svelk ere he verswiget, he havet sin kamp verlorn. Sachsensp. 1, 63, 1; were es sache, dasz eigengutt verstürbe oder verkaufft würde inn ungenossen hende etc verschwigen dasz die rechten erben, mitt ihrem wissen, bisz dasz daz gericht und recht überginge, so sollen sie auch hernach schweigen erblich und ewiglich. quelle von 1532 bei Haltaus 1890; das lehen verschweigen, die erneuerung der belehnung nicht bewirken. verschwiegene lehen solche, bei denen die belehnung nicht erneuert ist. Haltaus ebenda; sich verschweigen, sein recht einbüszen, sich rechtlich schädigen. durch versäumen gesetzlicher ansprüche, klage u. ä.: an egene unde an huven mach sik die Sasse verswigen binnen drittich jaren unde jar unde dage unde er nicht. dat rike und de Svave ne mogen sük nümmer verswigen an irme erve, de wile se't getugen mogen. Sachsensp. 1, 29; vgl. Schiller-Lübben mnd. wb. 5, 470ᵇ. Haltaus a. a. o.; dasz sie sich meines bedunckenns, wo ferne esz ihnen vonn meinem gn. fursten und herrn nicht aus sundern gnaden nachgelasenn wirdet, in solcher langer zeit als 52 jahren darann vorschwiegen habenn sollenn. quelle im Weim. archiv von 1572; des reichs schatzkammer kan sich nimmer verschweigen. Schottel 646ᵇ; sich verschweigen auszerhalb der rechtssprache, sich verhüllen, verbergen:
Adams erstes hosen-tuch waren blätter von den feigen:
sünde, macht sich jmmer recht, oder wil sich ja verschweigen.
Logau 3, 30, 40.
sich verschweigen, seinen namen nicht nennen:
Paulus thuͦt nit verschweigen sich.
Brant narrensch. hrsg. von Zarncke s. 170ᵇ (vgl. mhd. wb. 2, 2, 789ᵃ).
3)
das part. perf. verschwigen wird in dem uns geläufigen sinne schon in älterer sprache gebraucht:
darumb ist der pfaffe verschwigen,
altd. gedichte 106, 28 Keller;
ebenso im gegensatz unverswigen, vgl. mhd. wb. 2, 2, 789ᵇ. Lexer mhd. handwb. 3, 264; daneben kann aber verswigen in einem sinne angewandt werden, den das nhd. nicht kennt, im sinn von schweigend, nicht sprechend, so von Antanor im Parzival:
der verswigen Antanor,
der durch swîgen dûht ein tôr.
152, 23;
vgl. noch:
unsprechent ich si zallen zîten bite,
in stummer wîs unt mit verswigenem muote,
sus vlêhe ich si nâch tôren site.
minnes. 1, 309ᵃ Hagen.
verschwiegen ist im nhd. fast ausschlieszlich (doch s. zu ende dieses abschnittes) der aus discretion schweigende, der eignes oder anvertrautes nicht ausplaudert; dabei kann es sich nach dem zusammenhang auf einen bestimmten fall beziehen oder ganz allgemein eine dauernde eigenschaft bezeichnen; zunächst auf personen bezogen wird das wort leicht übertragen, auf substitute der persönlichkeit, gemüt, zunge, brust u. ä. daneben aber in zahlreichen freieren verbindungen: verschwiegene liebe, von orten: verschwiegene ecke, verschwiegnes plätzchen u. s. w. verschwigen, der wol schweygen mag. verschwigner mensch, alti et egregii silentii homo. Maaler 430ᶜ; verschwiegen, der ein ding nicht auszträgt. Hulsius dict. (1616) 355ᵃ; er ist nicht wäschhafftig, oder ein possenschwätzer, sondern verschwiegen. Comenius sprachenthür übers. von Docemius (1657) 831; verschwiegen, silentii fide praeditus. Stieler 1966; ein secretarius und ein raht musz verschwiegen seyn. Kramer deutsch-it. dict. (1702) 2, 709ᵇ; ein unverschwiegener kerl, homo loquax. Steinbach 2, 547; ein verschwiegener freund. Adelung; eine verschwiegene frau kann man schon zu den seltenheiten zählen. Campe. nd. he is so ferswägen. ten Doornkaat Koolman ostfries. wb. 1, 469ᵃ. dyne wort und werk vertruwe dynen verschwignen fründen. Steinhöwel Äsop 70 Österley; der getreu und verschwiegen seye. Moscherosch gesichte 1, 61 (1650); wann ich dasmal verschwiegen bin, so bin ichs aus noth. Lessing die juden 14 (³1, 398);
Wentzel, ich darff zu einer sache dein.
du must aber verschwigen sein.
H. Sachs 8, 277, 34 Keller-Götze;
und nimmt man denn ein weib,
so wird uns creutz und kummer
ein rechter zeit-vertreib:
da müssen wir verschwiegen,
ach ungemach!
uns unter hörner schmiegen.
Günther ged. 107.
freiere verbindungen:
ins zweymal neunte jahr, mit stummer ungeduld,
bewahrt', auf besserung, sie mein verschwiegnes pult.
Lessing³ 1, 1;
du kennest Damons herz!
auch in verschwiegnen lauben
ist's, wie die quelle, rein.
Gotter ged. 1, 29 (1787);
du zählst die thränen, in verschwiegner nacht,
mit denen ich mein lager netze.
389;
der noth gehorchend, nicht dem eignen trieb,
tret' ich, ihr greisen häupter dieser stadt,
heraus zu euch aus den verschwiegenen
gemächern meines frauensaals.
Schiller die braut v. Messina 1, 1 (14, 15);
hier belauscht sie der dichter und hört die schönen gesänge,
sieht verschwiegener tänze geheimniszvolle bewegung.
Göthe geweihter platz (2, 128 Weim. ausg.)
hast du mich vergessen, lieber? bist du meiner nicht bewuszt
in dem holdsten, tiefsten plätzchen, dem verschwiegensten der brust.
Immermann Merlin (15, 91 Boxberger).
doch kann auch im nhd. eine andre verwendung des part. (vgl. zu anfang dieses abschnittes) gewagt werden; schweigend:
wir saszen ganz verschwiegen
mit innigem vergnügen,
das herz kaum merklich schlug.
was sollten wir auch sagen?
was konnten wir uns fragen?
wir wuszten ja genug.
Uhland ged. 1, 22 Schmidt-Hartmann;
geschwiegen habend:
verschwiegne saiten! stimmt euch wieder,
kein tag war mehr der musen werth!
Haller ged. 146 Hirzel;
verschwiegen als adverb, heimlich:
warf es in brunnen hinein
ganz verschwiegen und verstolen.
narrenbuch 108, 562 Bobertag.
ohne warnungszeichen, unversehens:
als sie nun auf die bäum stigen,
da brachen dle bäum verschwiegen.
111, 669.
4)
verschweige elliptisch wie geschweige: nicht nur 3 kronen thäte ich geben, was bereits drauszen ist, verschweige dann das was noch drinnen ist. Gotthelf schuldenbauer (1854) 41; verschwige dass. Hunziker Aargauer wb. 83; zusammengezogen: verschwiges Tobler appenz. sprachschatz 187ᵇ; verschwîgs, verschwings; dat hebb' öck noch sinn tag' nich gesehne, verschwiegs gegête. Frischbier preusz. wb. 2, 441ᵇ.
5)
zum adverbial gebrauchten verschwiegen (heimlich) bringt Kramer deutsch-it. dict. (1702) 2, 709ᵇ die nebenform verschwiegends.
Zitationshilfe
„verschweigen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/verschweigen>, abgerufen am 13.12.2018.

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