verspinnen verb.
Fundstelle: Lfg. 8 (1912), Bd. XII,I (1956), Sp. 1430, Z. 11
als compositum in mhd. zeit noch nicht verbreitet; bei einem 'euanere, v'spinnen' Diefenbach gloss. 211ᶜ und Diefenbach-Wülcker 567 ist diese bedeutung nicht klar. der älteste literarische beleg auf hochdeutschem boden bei Fischart (s. unten D 1) zeigt verspinnen in einer offenbar secundären bedeutung (vgl. spinnen IV 4 th. 10, 1, sp. 2530); auch Stieler 2091 bucht eine seltenere verwendung (s. unten A 2). die uns am meisten geläufige resultative anschauung 'spinnend verbrauchen, verarbeiten' ist zuerst im mndl. verspinnen Verdam hdwb. 637ᵇ belegt; doch fehlt es mhd. wohl nur zufällig, da derartige composita dem mhd. ganz geläufig sind. als erster hochdeutscher lexikograph bucht sie Steinbach: fila ducendo consumo 2, 635. Adelung. Campe. schwäb. verspinneⁿ Fischer 2, 1344 in demselben sinne. das bair. hat nach Schmeller ² 2, 675 im part. verspunnen eine ganz abweichende bedeutung (s. unten D 2) und den alten ablautvocal erhalten, das ostfries. ebenfalls; auszerdem hat es ihn im prät. aus dem plur. auch in den sing. übernommen: ferspun, ferspunnen Ten Doornkaat Koolman 1, 466ᵃ. nld. verspinnen. dän. forspinde 'durch spinnen verbrauchen' hat sich unter deutschem einflusz entwickelt. im compositum erscheinen nur starke formen, der verwendung nach transitive und reflexive. der sinn des grundwortes kann doppelter art sein: rohstoffe durch drehende bewegung zu fäden vereinigenfäden aus sich erzeugen und zu gespinsten vereinigen. das eine bezeichnet die menschliche, das andere die thierische thätigkeit.
A.
die vorsilbe hat resultative kraft; es handelt sich fast ausschlieszlich um menschliche thätigkeit. das compositum ist stets transitiv.
1)
object ist der rohstoff.
a)
durch spinnen alle machen, verbrauchen: allen flachs verspinnen; sein garn, seinen vorrat versponnen haben Adelung. Campe. die (kammer voll stroh) muszt du noch in dieser nacht verspinnen Grimm kinder- u. hausmärchen 220; da war alles stroh versponnen, und alle spulen waren voll gold ebd.; wie weihnachten herankam, war unser flachs versponnen und verzehrt Möser werke 2, 38;
wer immer handeln will,
verspinnt zu rasch den werg
Immermann werke 15, 346 Boxberger.
b)
spinnend verarbeiten: die magd hat in einem tage viel werck versponnen Steinbach 2, 635; die faserigen stengel können wie hanf geröstet, die fasern gebleicht und versponnen werden Schlechtendal flora von Deutschland ⁵ 18, 312; jede familie verspinnt und verwebt den eignen seidenertrag Ritter erdkunde 4, 327. mit präpos. bestimmung: die schaafheerden liefern viel rohe wolle, die hier zu wollgarn von männern und weibern mit der spindel ... versponnen ... wird 15, 857; sie wird hier gekaͤmmt und versendet, besonders nach dem Voigtlande, wo sie zu Gera-schen zeugen versponnen wird Nicolai reise durch Deutschland (1783) 1, 76. in der form des subst. infinitivs: von solchem flachse, welcher ... zum verspinnen .. brauchbar ist allgem. d. bibliothek (1765 ff.) 77, 573.
2)
die anwendung auf die zeit als object nach bekanntem muster ('spinnend verbringen') ist seit dem 17. jahrh. bezeugt: verspinnen, est tempus nendo perdere et fallere Stieler 2091; in den schlesischen spinnstuben pflegen mädchen und frauen den ganzen langen winternachmittag und -abend zu verspinnen; an der veilchenblauen gardine ... haben gewisz tausend und abermals tausend seidenwürmchen ihr ganzes leben versponnen H. Heine werke 3, 179 Elster; freier:
liebst du ihn, sollst du auf dem thurm
dein leben, wie ein seidenwurm,
auf einer schütte stroh verspinnen
Thümmel heil. Kilian (1818) 15;
3)
übertragen; die lebenszeit wird als stoff betrachtet, den man von der spindel ablaufen läszt:
ihre (der parzen) spindel mir gewinnen,
Damon, welche seligkeit,
meiner freunde lebenszeit
reich an freuden zu verspinnen
Gotter ged. (1787) 1, 60;
dieweil sich nicht mein leib fuͤr grauem alter buͤcket,
und meines lebens rest nicht ganz versponnen ist
Neukirch ged. (1744) 162.
B.
den schon im stammwort liegenden sinn 'verbinden, vereinigen' verstärkt die vorsilbe. der gebrauch ist nur transitiv.
1)
bisweilen tritt dann die doppelte beziehung hervor: nach art des spinnens stoffe verarbeiten und wie fäden zu neuen gebilden vereinigen. technischer ausdruck in der tabakindustrie; durch drehende bewegung zu rollen vereinigen (vgl. th. 10, 1, sp. 2520): Portoriko-tabak, von der insel Portoriko, wird als blätter in ballen oder auch in rollen versponnen, verschickt Karmarsch-Heeren techn. wb. 3, 463. in übertragener verwendung: als die schicksalsgöttinnen ganz insgeheim aus dem schalsten, dünnsten, unhaltbarsten stoffe, der jemals von göttern und menschen versponnen worden ist, ein so verworrenes gespinst von abenteuern, händeln, verbitterungen, verhetzungen ... heranzogen, dasz endlich ganz Abdera davon umwickelt wurde Wieland werke 8, 9 Düntzer; er hatte ... eine zeitlang mit groszer dreistigkeit die sätze versponnen, welche in dieser schule zu gewinnen sind Immermann werke 6, 17. besonders mit präpos. bestimmung: wenn er eine wissenschaftsbude auf dem groszen markt von Cyrene aufschlüge und uns unsern schlichten menschenverstand zu platonischen ideen verspinnen lehrte Wieland werke 27, 121; ein dutzend schweizersagen ... ihr herausgeber hat sie geschickt und gewandt in gröszere gedichte versponnen J. Grimm kl. schriften 8, 17; sie ... hörte schalkhaft-gläubig auf den hauptmann hin, der das scherzhafte ehe-du gegen Babette zu fünf akten verspann Jean Paul werke (1827) 3, 44.
2)
ohne diese doppelbeziehung: 'zu gespinsten vereinigen'. die thätigkeit der spinne hat hier unverkennbar das vorbild geliefert: die spinne verspinnt ihre fäden zu einem kunstvollen netze; der übergang auf den maitrieb .. erfolgt .. nur in der noth, .. oder nach dem verspinnen der zweige zu einer groszen perücke Ratzeburg waldverderbnis 1, 185. frei übertragen: die strahlen verspannen sich zum hellen leuchtenden krystallspiegel E. Th. A. Hoffmann werke 1, 198.
C.
'in das gespinst verwickeln, einspinnen'. durch spinnen, einspinnen verbinden, besonders verbergen Campe. trans. und reflex. gebrauch findet sich nebeneinander.
1)
von menschlicher thätigkeit: weil die spinner in Portoriko manche schlechte waare in die rolle verspinnen Karmarsch-Heeren techn. wb. 3, 463. übertragen:
könnten wir bannen das lose gesindel,
welches der parzen allmächtige spindel
in das gewebe so innig verspann?
E. M. Arndt werke 3, 58.
2)
das bild der spinne liegt meistentheils zu grunde.
a)
die spinne verspinnt mücken und fliegen in ihr netz; auch die menge der versponnenen grünen kothkrümel, welche vor dem eingangsloche hingen, kündigten den frasz äuszerlich an Ratzeburg waldverderbnis 1, 251.
b)
auch bei menschlicher thätigkeit, worauf die der spinne übertragen wird: einen in intrigen, in ein gespräch verspinnen; er säumte nicht, die anfangs schüchterne in ein gespräch zu verspinnen und sie genauer zu betrachten Zschokke schriften 27, 202; der bueb mit seinen falschen, glatten worten ... hat ihne armen, ungelahrten mann so verwirret, versponnen und verstricket, dasz er zuletzt sich nimmer helfen kinen Handel-Mazzetti Jesse und Maria 2, 65. sehr anschaulich: die europäische denkweise, in die begriffe und überbleibsel einer altfränkischen vorwelt eng verwachsen und versponnen, konnte unmöglich die fäden alle zerreissen, mit denen sie an der gewohnten umgebung hing Zschokke schriften 10, 309.
c)
die reflexive form tritt entweder als ersatz für die passive auf (sich — gegen seinen willen — in debatten, in unannehmlichkeiten verspinnen) oder hält das bild der in ihrem netze hinterlistig auf ihre opfer lauernden spinne fest:
die unerschrokne kunst, die allen miszgestalten
strafloser thorheit wagt den spiegel vorzuhalten;
die das geweb' enthüllt, worin sich list verspinnt,
und den tyrannen sagt, dasz sie tyrannen sind
Lessing schriften ³ 9, 208.
3)
seltener giebt der sich einspinnende seidenwurm das vorbild für solche übertragenen ausdrücke in reflexiver form ab:
wie er sich als ein seiden-wurm verspinnet
Lohenstein Ibrahim Sultan (1680) 1, 69, 569;
ich habe mich tief und einsam versponnen in die puppe meiner melancholie Platen tagebücher 2, 158.
D.
vereinzelte verwendung.
1)
wie spinnen 'geld hergeben' (th. 10, 1, sp. 2530) wohl scherzhaft übertragen ist von dem bilde der den stoff aus sich heraus spinnenden insecten, so verspinnen 'geld ausgeben'; vgl. auch ausdrücke wie geld verzapfen u. ähnl.: jäger, fechter, reuter, vnd fuszknecht werden sich halten dasz jhnen kein würt etwas lang schuldig bleib, das wird sie dann frölich machen, dieweil sie nichts zu verspinnen, sondern nur allzeit zu gewinnen Fischart aller praktik groszmutter (1607) 73.
2)
so läszt sich auch wohl bair. verspunnen 'klein, untauglich' erklären, dessen deutung bei Schmeller ² 2, 675 'im spinnen miszrathen' dann abzulehnen wäre. wer seinen stoff oder sich versponnen 'verausgabt' hat, der ist im übertragenen sinne versponnen: nicht verspunnen seyn zu etwas, tauglich, fähig, im stande seyn; nicht engbrüstig, nicht zu blöde oder zu ängstlich, oder zu discret seyn; er is nét vo͑spunnə̃ und gibt dər aəné eini eĩ d. fréssn, dás d. àllé engl ĩn himmel singə̃ hörst ebd.; dasz du nicht versponnen (um worte verlegen) bist, wenn's auf die spitzigen schlauderwörteln ankommt beleg bei Sanders ergänz.-wb. 494ᵇ.
E.
das ndl. hat noch zwei andere typen entwickelt: verspinnen, mit spinnen verdienen Verdam mnld. hdwb. 637ᵇ, wofür wir erspinnen (vgl. th. 3, sp. 988) gebrauchen würden; glas verspinnen, um-, anders spinnen Sicherer-Akveld wb. 1190ᵃ. —
Zitationshilfe
„verspinnen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/verspinnen>, abgerufen am 17.10.2019.

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