verstreichen verb
Fundstelle: Lfg. 10 (1913), Bd. XII,I (1956), Sp. 1793, Z. 66
die verschiedenen bedeutungsrichtungen scheinen auf verschiedene formen der vorsilbe hinzuweisen. schon ahd. (Graff 6, 743 farstrîchan, delere), mhd. verstrîchen mhd. wb. 2, 2, 687ᵇ; Lexer 3, 254; mnd. vorstriken Schiller-Lübben 5, 465ᵇ. als lebendig obd. wie nd.: schweiz. Seiler 113ᵇ; schwäb. Fischer 2, 1367; elsäss. Martin-Lienhart 2, 626ᵃ; waldeck. Bauer-Collitz 32ᵃ; ostfries. Doornkaat 1, 468ᵇ. auch nl. vertreten. der gebrauch ist trans., intrans., reflex.
I.
gering sind die spuren einer fair-type. trans. 'hin und her streichen, streichend zubereiten und glätten': du solt auch allweg mehr pflaster verstrichen, dann du gesinnet bist zu gebrauchen Würtz wundartzney 214; (das tuch konnte) auf den rahmen gespannt, getrocknet und verstrichen werden Hebel 2, 404; weil der inhaber die federn des kissens nicht ganz gleich vertheilt und verstrichen hatte Immermann werke 3, 36. von der wundbehandlung:
die nonn, die da steht,
so mit Francisci hand umbgeht,
und im wolt gern die wund verstreichen,
auf das ir pliben die wundzaichen
Fischart barfüszer secten 411;
ein überbain .. dermasen verquantet und verstrichen, das er sein bisz an sein ende nie gewahr Zimmer. chron. 3, 549; die innere fläche des stirnbeines ist gleichsam mehr verstrichen Sömmerring bau d. menschl. körpers 2, 36. verbreitet: butter, honig, schmalz auf dem brot verstreichen, breitstreichen Heyne; schweiz. Seiler; elsäss. Martin-Lienhart; schwäb. Fischer; auch in Nieder- und Mitteldeutschland geläufig. schwäb. sich verstreichen 'sich stark abarbeiten' erinnert an einen mhd. gebrauch:
die wîl sô was mit ruowen phliht
ros und man ze lîbe komen,
wan sî sich, als ir hânt vernomen,
dâ vor heten verstrichen
Reinfried v. Braunschweig 12419.
II.
häufiger ist die perfective fra-type.
1)
intrans. und reflex. 'vergehn'; mhd. in übertragenem sinne:
ir gehugede verstreich,
wand im die juncfrowe gut
selden ouch besaʒ den mut
mit lieblichem sedele
passional 689, 59 Köpke;
biʒ sich der mut verstriche
643, 28.
nhd. intrans., von schnell vorüberziehenden naturereignissen:
ein blitz wird nicht so bald vergehen und verstreichen, ...
als schönheit der gestalt aus unsern augen weicht
Ziegler Banise 586;
ein wind der bald verstreichet Lohenstein Arminius 1, d 3. von unvermerktem verrinnen der zeit Stieler 2203; Kramer 2, 1006ᵇ; Adelung; Campe. heute obd. und md. (so elsäss. Martin-Lienhart, schles.); literarisch bezeugt seit mitte des 17. jhs.: die bestimbte zeit ..., welche in bälde verstreichen .. würde Grimmelshausen 4, 520, 29 Keller; in dem verstrichenen rosen-monate hätte der blitz des käysers .. bild gerühret Lohenstein Arminius 2, 931ᵃ;
drey tage will ich dir schenken.
doch wisse! wenn sie verstrichen die frist,
eh du zurück mir gegeben bist,
so musz er statt deiner erblassen
Schiller 11, 285 (bürgschaft);
sind .. sechs monate verstrichen bürgerl. gesetzb. § 416 abs. 1. mit präpos. zusatz: darüber aber sind eure besten jahre verstrichen Happel akad. roman 211; ein leben, das unter thaten, empfindungen und gesängen verstrich Herder 3, 27;
sein kurzes seyn verstreicht
in steter wirksamkeit
Wieland 1, 100 akad. ausg.
häufig in der wendung die zeit (ungenutzt) verstreichen lassen: ich fühle heute so lebhaft .. wie thöricht der mensch seine zeit verstreichen läszt! Göthe 23, 18 Weim.;
nein! wer liebt, läst sonder pein
nimmer einen tag verstreichen
Gryphius lustspiele 185 Palm (Majuma 1, 112).
von der zeit auf vergangene vorgänge übertragen: aus den verstrichenen actionen, so damahls vorgangen Chemnitz schwed. krieg 1, 30;
doch mancher zeigt, o wahn! ...
was die verstrichne welt für sünden einst gethan
Schwabe belustigungen 4, 35;
dein zorn ist aus, die schulden sind verstrichen,
und wir verglichen
Neukirch ged. 70;
er hatte sich nun doch gefürchtet — und die schönste gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen! Meyr aus dem Ries 1, 205.
2)
intrans. und reflex., 'umherstreichend auseinandergehn' von thieren: (fink) einer von denen vögeln, die zwar sehr häuffig im strich gehen, aber doch nicht gar verstreichen Hohberg georgica 3, 368ᵃ; in der mitte dieses monats gehen die haselhühner auf die lock, alsdann verstreichen sie aus einander, und gehen paarweise in .. ihr winterquartier allg. haushalt.-lex. (1749) 1, g 1ᵇ. nd. vom vieh, das sich verläuft Schiller-Lübben; verbistert oder verstreken guet (vieh) weisthümer 3, 132 Grimm; (wenn) das mastvieh .. ungehütet gehe, und wann selbiges auszerhalb der bruche verstreichet Möser 3, 219. reflex. in demselben sinne: dese schyfflude vangen irrer (der krokodile) gar vill uff dem lande die sich verstrichen haven vsz dem rechten stroume, wanne der Nijll in sijme wassen ist pilgerfahrt des ritters von Harff 82. 'sich heimlich entfernen': in groszen gebirgen giebt es viel winckel und tahle, in denselbigen theilet und verstreicht sich der lerch .. hinweg Aitinger jagdbüchlein 118. im md. passional von personen, 'sich eilend oder heimlich fortmachen':
daʒ si im mochte entwichen
und sich also verstrichen,
daʒ im sein wille wurde ein spot
469, 2 Köpke.
anders ein intrans. 'aufhören umherzustreichen': etlich fisch leychen uff ein zeit des jars .. im früling die pectives ... haben uff die selbig zeit verstrichen Eppendorff Plin. naturgesch. 9, 132. verstrichen haben sagt der jäger von der hündin, die hitzig gewesen ist Weber terminol. wb. 616ᵇ. wieder anders ein 'völlig zurücktreten' im verlaufe der umrisse eines körpertheils: der scheidentheil (der gebärmutter) wird nach unten dicker, verkürzt sich allmählig, bis er in der zeit der geburt gänzlich verstreicht Sömmerring menschl. körper 5, 477.
3)
trans. 'durch streichen verbrauchen': unguenta consumere Stieler 2203; vieles pflaster, vielen lehm verstreichen Adelung, Campe; elsäss. salbe Martin-Lienhart; wie vil er ir (von den kohlen) kreücz ze machen verstrich oder vermalet, doch darumb die (kohlen) in dem kästlein nicht abnämen Stainhöwel decamerone 406. übertragen: dissipare, confundere Stieler 2203; mnl. 'geld ausgeben, aufbrauchen' Verdam 639ᵃ. ein mundartliches 'versteigern', oberhess. Crecelius 878 und meining. Spiess 269, zu dem auch ein subst. verstrich (s. d.) bezeugt wird, hängt mit dem bei Schmeller 2, 808 gebuchten strich 'versteigerung' (s. d.) zusammen. 'streichend entfernen, löschen', wohl zu ahd. farstrîchan 'delere' (s. oben) zu ziehen: so verstreicht man die fehrten mit einem zacken vom holtze (im schnee) Döbel jägerpractica 2, 124; wenn ich mir die runzeln unter den augen verstreiche Raumer Hohenstaufen 6, 569;
daʒ sêr (schmerz) gerne dâ entwîchet,
swâ man daʒ öl hin strîchet.
daʒ öl bediut barmherzikeit: ..
diu verstrîchet im den smerzen
der sünde nâch dem herzen
Lamprecht tochter Syon 2435;
und glaube, dasz mich selbst der himmel straffen musz,
wofern mein wanckelmuth dein bild in mir verstreiche
Günther ged. 562;
aber Astreens ihm .. bekandte hand verstrich leicht dieses bedencken Lohenstein Arminius 2, 613ᵃ; (sie) sollent .. nit die gwissen verstreichen ausz dem band der ehe, das wir mer achten fleyschliche dann geystliche schuld und pflicht reformations-flugschriften 2, 337 Clemen. eine bedeutung 'verfehlen, ein versehen begehn' nur von Kramer 2, 1006ᵇ bezeugt: im geigen die noten verstreichen oder sich verstreichen, fallare le note ò la misura nel suonare di violino.
III.
die bedeutung 'zustreichen' in stets trans. gebrauch geht auf eine faur-type zurück. schon mhd. (s. oben); verstreichen, verklaiben, linire, linere voc. 1482 ii 8ᵃ; limo obducere, verschmieren, verstreichen Corvinus 286; oblinire .., die fässer mit pech verstreichen Stieler 2203. im bergwerk: durch bestreichen mit latten unkenntlich machen, verdecken Veith bergwb. 539; im hochbau: die steinfugen einer nicht zu verputzenden mauer mit mörtel ausfüllen Müller-Mothes 2, 963ᵃ; im töpferhandwerk: den ofen verstreichen Kramer 2, 1006ᵇ; Frisch 2, 346ᵃ; Adelung, Campe; schwäb. Fischer; elsäss. Martin-Lienhart; schweiz. Seiler.
1)
öffnungen verstopfen:
ich verzimert an einer want
guldin erz mit miner hant
und verstreich eʒ mit unslide gar
kl. mhd. erzählungen 56, 469 Rosenhagen;
es rüstet sich sein holz der zimmermann ..
die risse und die lücken er verstreicht
Brentano 6, 352;
im Christophhause hing der schieferdecker auf dem dache und pfiff ein liedlein, indesz er lücke nach lücke verstopfte und verstrich Stifter 2, 117. gefäsze dicht verschlieszen: also dasz das fasz nur halb voll werde, decke es nochmals zu, und verstreichs wol mit gyps Herr feldbau 98ᵇ. verkitten: eyn sonder trefflich gut mittel, gebrochene gläser zu verstreichen Sebiz feldbau 109. verfugen: die mauern hoch und aus quaderstücken gut gefugt und in den neueren zeiten genau verstrichen Göthe 34¹, 270 Weim.
2)
stellen und flächen bestreichen, übertünchen: die .. das blut in einem gefäsz auffasset und darnach die wunde verstreichet Prätorius Anthropodemus 1, 22; (die) verpomadierten, verpulverten, verstrichenen, vermummerten, verglätteten gesichter (der frauen) Abraham a S. Clara 3, 64 Strigl; vorsehen mit einem redlichen tuncher gesellen .., des man .. bedarf zu stuben .. zu weiszen, verstreichen, und zu zeitten der stat pöden zu verstreichen Tucher baumeisterbuch 55;
weil ich jetzt viel zu bauen hab,
die fenster flickn, die stubn verstreichen,
den offen bessern, und dergleichen
Sachs 14, 156, 4 Keller-Götze;
dann soll das volk ..
die stuben verstreichen
Arnim 14, 69.
heute erloschen.
3)
übertragen 'übertünchen, beschönigen': die andern vermentelten und verstrichen ire böse stück und tück mit hofschmincke Mathesius werke 3, 268;
wie er will berg und thal vergleichen,
alles rauhe mit gips und kalk verstreichen
Göthe 16, 65 Weim.
freier:
all unwill fleucht,
thut keyns sichs andern schämen,
die lieb all fäl verstreicht
Fischart ehzuchtbüchlin 226 Hauffen;
solche frauenzimmer und männer, die alles vermitteln und verstreichen wollen, kommen im leben wohl vor Scherer kl. schriften 2, 150. subst. inf.: damit aber S. sich hie kaines verstreichens oder concordierens undterstehen dörffe Nas antipap. 1, 216.
4)
in gegentheiligem sinne 'beflecken, besudeln': nun hat der teufel zu Herodis zeiten disz schöne bild oder tüchlein gottes .. verstrichen und beflecket Mathesius Sarepta 122ᵃ; der gleichen liesz er zuͦ Constantinopel auch alle bilder verbrennen und alle gemäl verstreychen Stumpf Schwytzerchron. 221ᵇ. durch streichungen undeutlich machen: interlino .. scripturam .., durchthun, verstreichen, versudlen Calepinus 752ᵃ; souflierbücher, die oft so verstrichen sind, dasz (sie schwer lesbar sind) Düringer-Barthels theaterlex. 1005. — verstreicher, m., zu III 3, 'einer der beschönigt': die bey ihn wöllen die klügsten verstreicher sein, ... die machen vil dings freyständig Nas antipap. 4, 341ᵃ.
Zitationshilfe
„verstreichen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/verstreichen>, abgerufen am 07.12.2019.

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