verzeihung f.
Fundstelle: Lfg. 15 (1955), Bd. XII,I (1956), Sp. 2542, Z. 58
verzicht; vergebung, entschuldigung; verbalabstraktum zu verzeihen B und C. mnl. vertiinge; mnd. vortiinge. mhd. verzîhunge, s. mhd. wb. 3, 880ᵇ; Lexer 3, 321. die abstraktbildung setzt zunächst bei der bedeutung 'aufgeben, entsagen, verzichten' ein (zuerst im 11. jh. bezeugt) und greift dann auf die bedeutung 'vergeben, entschuldigen' über (15. jh.). allein in zwei glossaren des 15. jhs. ist eine an verzeihen A 2 anknüpfende ableitung bezeugt: repudium vorcygunge (md.) Dief. gl. 493ᶜ; sine preiudicio an verwerffunge eyns beszern wanes (md.), ane verwerffunge eyns beszern vel ane verczeihung (obd.) ebda 536ᵇ.
A.
verzicht, verzichtleistung, aufgabe, entsagung, zu verzeihen B.
1)
in rechtsprachlicher terminologie für den förmlichen, meist urkundlich festgelegten verzicht auf besitz, rechte, ansprüche u. dgl., 'verzichtleistung'; vgl. verzeihen B 1 c. zuerst im lat. context einer traditionsurkunde bezeugt: traditione autem ista peracta et testibus istis per aures tractis illi tres fratres ... legitimam abdicationem illius predii, id est firzihunga in manus Altmanni comitis fecerunt (vor 1031) in: die traditionen d. hochstifts Freising 2, 275 Bitterauf; verczeihung oder aufgebung resignatio, voc. teuth. (1482) hh 8ᵇ; verzeihung abrenunctiatio, voc. incip. teut. (um 1485) ii 7ᵃ; resignatio virczihunge (15. jh., md.) bei Diefenbach gl. 494ᵇ; renunciation verzeyhung Schöpper synon. g 4ᶜ: bekennin uns, daz wir han ofgegebin ... mit rechtir fircihunge deme ... commentuͦr ... sechcehene morgin landis, ... die unsir eygin warin (1340) hess. urkundenb. 2, 490 Wyss-Reimer; nach solicher vorczeihunge, die wir itczund vor einer behegtin banck in rechts weise getan habin (1454) lehns- u. besitzurk. Schlesiens (1881) 1, 203; wir ... wellen, daz du Matheysen Göczen zu dem lanndtwaibelambt, souerr er sich der anuodrung, so er zu unns ... hat, verzeyhen wil, kommen lassest, vnd alsdann solhe verzeihung genugsam aufgericht in vnnser canczley ... senndest (1495) urk. z. gesch. Maximilians I. 60 lit. ver.; das die verzeihung des namens Würtemberg nit lenger, dann bisz uf den vierten stammen weren soll, und hernach mögen sich die nachkommen ires alten namens widerumb gebrauchen (vor 1566) Zimmer. chron. ²4, 248 Barack; wo die töchter ... wegen ires erbthails nit entliche verzeichung than (16. jh.) österr. weist. 5, 725; der bapst ... lasz ain zedel, darin begriffen wasz der form und mainung seiner verzeichung und aufgebung desz bapstthums (1531) Knebel chron. v. Kaisheim 180 lit. ver.; bracht zewegen, dass sine brüdern ... sich derselben ... aempteren ... verzigind ... die gräffin Itta tät jre verzichung durch jren bruder (vor 1572) Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 6; auch hat er die Amsterdamischen bürger ... uͤm die verzeihung einer zinse von 450 flamischen nobelen ... verpflichtet Zesen beschr. d. st. Amsterdam (1664) 53; verzeyhung und renunciation in instrumentis Hohberg georg. cur. aucta 3 (1715) 13ᵃ; und damit man solcher wissentlichen verzeyhung um so viel destomehr versichert ist, so sollen zu einer solchen verschreibung ... drey zeugen ... genommen werden ebda 28ᵃ.
2)
im religiös-kirchlichen sprachgebrauch für die freiwillige innere lösung von weltlichen bindungen aller art, 'verzicht, entsagung'; vgl. verzeihen B 1 d α: drew hawpglüb der ordenslewt seinn, gehorsam, keyscheit vnd armuͦet, das ist verzeihung des freyen willens vnnd des heyrat, auch aigener guͤeter Berthold v. Chiemsee tewtsche theol. 666 Reithm.; wenn sie in den evangelischen schrifften sehen den herrn Christum uns zu der verachtung des reichtumbes, zu der verzeihung der wollust vermanen Erasmus, Sileni Alcibiadis (1525) c 4ᵃ; in verzeichung äuszerlicher weltlicher sorgsame, in casteiung ires leibs mit arbeit jrer henden und täglichem vasten J. v. Watt dt. hist. schr. 1, 66 Goetzinger; 193; was hat zum ersten münch gemacht dann willige verzeihung der welt, demut, armut? bei Schade sat. u. pasquille 3, 106. auch für die aufgabe des eigenen selbst in befolgung göttlichen gebots, vgl. verzeihen B 1 d β: von desz fleisch lüst zu tödten ... gots forcht, lieb, glaub, demut, gedult im trübsal, verzeihung seins selbs, leiden vnd creutz saget er nit ein wörtlin S. Franck Germ. chron. (1538) 60ᵃ; ist kein besser artzney da, denn gedult vnd verzeihung mein selbst J. Arndt nachf. Christi (1631) 54. in dieser bedeutung später durch verzicht verdrängt (s. d.).
B.
vergebung, entschuldigung, nachsicht, zu verzeihen C. meist in der wendung um verzeihung bitten. frühe lexikalische nachweise: acceptilatio i. debiti remissio verzehung (md., 15. jh.) bei Diefenbach gl. 7ᵇ; venia verzihung (variloquus 15. jh.) ebda 510ᵇ; venia gnad, ablasz, verzyhung gemma gemm. (1508) D 2ᵇ; venia obsecranda est man musz gnad begären oder vmb verzyhung werben Frisius dict. (1556) 896ᵃ; 610ᵇ; veniam negare eim nit wöllen vergeben, verzyhung abschlahen ebda 862ᵇ; remissa nachlassung, verzeyhung ebda 1140ᵃ; deprecatio ... ein abbittung, ein bitt zu verzeihung Calepinus XI ling. (1598) 401; ignoscentia ..., condonatio peccati verzeihung, nachlassung ebda 674ᵃ; remissa i. e. venia errati ablasz, nachlassung oder verzeihung ebda 1247ᵇ; 1521ᵇ; venia verzeihung, gnad vnd nachlassung eines irrthumbs oder fehls, vrlaub Decimator thes. (1608) 1418; verzeihung, ablass pardon, remission Hulsius t.-frz.-it. (1616) 362ᵃ; condonatio schenckung, verzeihung Corvinus fons lat. (1660) 452.
1)
im hinblick auf eine meist vorsätzliche tat (angriff, schädigung, verletzung, kränkung u. dgl.), auf deren ahndung der betroffene verzichtet, vgl. verzeihen C 2 a und 3 (oben).
a)
im persönlichen bereich für den verzicht auf ahndung einer bestimmten böswilligen tat, verletzenden handlungsweise u. dgl. und den darin liegenden gnadenerweis: Petrus aber wolt ihn nit hinein lassen darumb, das er ... den leuten das thuͦch gestolen het. der schneider gestunds, aber er bath umb verzeihung J. Frey gartenges. 124 Bolte; herr ich bitt umb gnad und verzeihung umb etwas übels, das ich in ewerm haus begangen hab Montanus schwankbücher 379 lit. ver.; wie er den verstorbenen ritter begehen liesz ..., den er im stechen vmbbracht hatte, vnnd wie er desselben ritters verwandte freundtschafft vmb verzeihung solcher that bate buch d. liebe (1587) 339ᵃ;
gewährt verzeihung (give me your pardon), herr, ich that euch unrecht,
allein verzeiht um eurer ehre willen
Shakespeare 3 (1798) 352.
b)
erlasz einer strafe, einer züchtigung wegen einer bestimmten tat, ohne deutlichen bezug auf persönliche beziehungen: anteacta deprecari vmb verzyhung vergangner dingen bitten; bitten dasz man nit gestraafft werde vmb vorgechaͤchener dingen willen Frisius dict. (1556) 393ᵇ; impunitas verzeihung, erlassung Reyher thes. (1668) 2, 3533; da er vernam sins bruͦders testament begert er verzyhung (von den richtern), vnd sprach, er het usz vnfuͤrsichtikeit den todschlaͤger sins bruͦders vor erkonnung testaments liblosz verfuͤgt (sc. erschlagen) vnd von siner fryheit nit gewisst Riederer spiegel d. waren rhetoric (1493) C 4ᵇ; jhr hohes alter, ... welches ... ist werth der verzeihung vnd nachlassung der straffen Nigrinus v. zäuberern (1592) 450; er ... flohe aus dem lande, bis die sache (dasz er einem den kopf abgeschlagen) vertragen ward und er verzeihung erhielt br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 78; und hetzten ihn, mit peitschen hinter ihm drein jagend, ... bis er mit seiner mähre zusammenbrach und auf den knieen liegend zitternd um verzeihung bat G. Keller ges. w. (1889) 6, 162. auch allgemeiner 'amnestie': wesswegen er dann zuförderst allenthalben, ob sich gleich niemand einiges verbrechens schuldig wuste, eine allgemeine verzeihung ausruffen liess Ziegler asiat. Banise (1689) 29; 653.
c)
mit stärkerem nachdruck auf der inneren aussöhnung, ohne dasz der erlasz einer strafe im vorstellungsgehalt noch deutlich wird: so eins sterben wil ... es mag wol die offen schuld sagen, vnd soll die leüt, so es erzürnet hat, bitten vmb verzyhung Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 114 ndr.; wenn das geschehen ist, als dann führt jhn (den zum tode verurteilten) der profosz dreymal in der gassen auff vnd ab, das er vrlaub nem von menniglichen vnd bitt vmb verzeihung Fronsperger kriegsb. 1 (1578) 18ᵃ; erweist ihm, das es euch gerewet, das ihr ahn dem respect, den ihr ihm schuldig seit, manquirt habt, vndt bittet vmb verzeyung Elis. Charlotte v. Orleans br. (1676—1706) 3 Holland; mein herr, ... sie würden am besten thun, das kind um verzeihung zu bitten Göthe I 51, 235 W.; (sie) wollte (ihn) nötigen, vor dem vater hinzufallen und ihn um verzeihung zu bitten, weil der vater seinetwegen geweint habe H. Mann d. untertan (1949) 6.
d)
ähnlich im hinblick auf verfehlungen in den liebes- und ehebeziehungen, hier meist die wiedergewährung versagter gunst einschlieszend, vgl. verzeihen C 2 a δ: in diser letsten scena richt Phormio ein hader an zwischen Chremeten vnd seinem weib, die gaat jn ausz als ein eebrecher, vnd er bittet sie vmb verzeihung Boltz Terenz deutsch (1539) 161ᵃ; vnd dieweil die hur jn tod gesehen, auch förcht, dasz jr gleicherweisz so viel widerfahren würde, fiel sie mir zu den füssen vnnd bat vmb verzeyhung Amadis 59 lit. ver.; ich weiss nicht, wer im anfang unter uns beyden mit dem andern am mehristen zu schaffen gehabt, sie mit mir, mich vmb verzeyhung zu bitten, oder ich mit ihr, sie zu trösten Grimmelshausen 2, 546 Keller; Rhascuporis ... bath sie demüthigst umb verzeihung seines verbrechens, und gelobte sie hinfort als seine eigene sonne zu lieben Lohenstein Arminius (1689) 2, 114ᵃ; wer ein mädchen um verzeihung bittet, wenn er es geküszt hat, erhält keine: allein in wahrheit, es wird ihm verzeihen, wenn er seine hand weiter setzt Hippel über d. ehe (1774) 36; nun waren wir das glücklichste paar von der welt, wir baten einander wechselseitig um verzeihung Göthe I 25, 1, 140 W.; er (Diederich) war betroffen und verlangte als zeichen ihrer verzeihung noch einen kuss H. Mann d. untertan (1949) 77. in diesem sinne auch als terminus des eherechts: kann eine verzeihung als rechtsunwirksam angesehen werden, die ein ehemann seiner frau gewährt, nachdem sie ihm einen begangenen ehebruch eingestanden, dabei aber verschwiegen hat, dasz sie noch eine tiefe neigung zu dem ehebrecher hegt? entscheid. d. reichsger. in zivils. 123 (1929) 235; vgl. BGB § 1570.
e)
vom persönlichen übergreifend auf den öffentlichpolitischen bereich; ein vom herrscher oder sieger gewährter gnadenerlasz und die damit verbundene aussöhnung; vgl. verzeihen C 2 a α: dann sie (die städte) daruor also gehandelt hetten, das khein barmhertzigkeit oder verzeihung jhnen zuͦ gewarten war Xylander Polybius (1574) 65; boht hierauff der hertzog allen hollendischen stätten gnad vnd verzeihung an Stumpf Schweizerchron. (1606) 277ᵃ; aber Vladislaus belegerte Breszlaw: da gieng jnn der bischoff Ziroslaus sampt der gemein hinaus entgegen, theten jm einen fuszfall, vnd bathen vmb verzeihung Rätel Curaei chron. (1607) 43; aber jedoch sollte man versuchen, dasz man umb pardon bäte ... und bekennete, dasz man j. kais. mt. offendiret und dessentwegen vmb verzeihung bäte (1621) acta publica 4, 18 Palm; Friedrich fürchtete den unbestand der Böhmen, welche leicht der versuchung unterliegen konnten, mit auslieferung seiner person, die verzeihung des kaisers zu erkaufen Schiller 8, 92 G; abgeordnete begaben sich auf den Aventinus, ... sie aufzufordern zum gehorsam zurückkehrend verzeihung zu erwerben Niebuhr röm. gesch. 2 (1812) 139; die stände dankten dem churfürsten für seine bemühungen und baten ihn wegen ihrer nachlässigkeiten um verzeihung Ranke s. w. (1867) 1, 85.
2)
im bereich menschlichen umgangs; entschuldigung, nachsicht für unkorrektes verhalten, für ungewöhnliche äuszerungen, meinungen, schlieszlich allgemein für schwächen und andersartigkeit der mitmenschen, vgl. verzeihen C 2 b und 3.
a)
in hinsicht auf ein verhalten, welches miszfallen erregt oder erregen müszte, vgl. verzeihen C 3 a: als nun der tantz ein end hett, füret er die fürstin wider an ihr sitzstatt ... auch umb verzeyhung bittende alles, das er nicht het recht gemachet nach irem gefallen Schumann nachtbüchlein 93 Bolte; als der knesz sich vermercken liesz, dasz es ihm verdrosz, muste der dolmetsch um verzeihung bitten, dasz er den fürsten für einen bauren angesehen hatte Olearius reisebeschr. (1696) 135; daher bitte ich um verzeyhung, dasz ich ihnen mit etlichen zeilen überlästig fallen musz Mozart bei O. Jahn Mozart (1856) 2, 331 anm.; nun wächst meine sehnsucht nach dem originalbilde immer mehr. verzeihung dieser zudringlichkeit wiederholt erbittend Göthe IV 42, 222 W.; sie aber liessen ihn (Varro) ziehen und baten ihn noch um verzeihung für diesen mangel an höflichkeit Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 356. ein versäumnis, eine unterlassung betreffend: sie aber bat demütiglich gnedige verzeihung ihres nicht kommens, denn es kein ungehorsam, sondern nohtwendige geschäffte verhinderten Kirchhof wendunmuth 2, 50 lit. ver.; musz ich umb verzeihung ansuchen, dasz ich mich mit förderlicher beantwortung, bey meinen vielgeliebten herrn nicht eingefunden hab Harsdörffer teutscher secretar. (1656) 1, 33. auf die art und weise einer bestimmten äuszerung bezogen: bitte tausendmal um verzeihung, monsieur Michel! ... ich schäme mich, ... dasz ich sie so barsch angelassen Schiller 14, 204 G.; er bat um verzeihung; er habe vergessen, wen er vor sich habe. aber er sei so überwältigt von den eindrücken, dasz ihm der mund übergeflossen, und widerrufen könne er nichts von dem, was er gesagt habe Polenz Grabenhäger (1898) 1, 111.
b)
konventionell-verbindlicher und nur durch die annahme eines möglichen miszfallens veranlaszt, vgl. verzeihen C 3 b: ich bitte um verzeihung, dasz ich ihm für dieses mahl nicht länger gesellschaft halten kann Gryphius Horribilicribifax 26 ndr.; mein herr, ich bitte um verzeihung, wenn ich ein wort vorgebracht habe, daraus man eine beleidigung schliessen könnte ollapatrida 103 Wiener ndr.; indessen bitte ich alle tugenden, die ich dabey unvermerkt beleidigt haben möchte, um verzeihung Schwabe belust. (1741) 1, 163; freundin! ich bitte um verzeihung, dasz ich mir die freyheit nehme, ihnen mit etlichen zeilen zu plagen (1769) Mozart br. 1, 3 Schiedermair.
c)
nachsicht, verständnis für ein versagen, einen fehler, ein ungewöhnliches verhalten u. dgl., vgl. verzeihen C 2 b und 3 c:
wir sattlen zwar auf dein begehren,
gelehrter freund! den Pegasus
...
doch lass dich um verzeihung bitten,
sofern er schlechte sprünge macht
J. C. Günther ged. (1735) 169;
sie in ihrer groszen anmuth und liebenswürdigkeit gewann sich hier wie überall gar gern verzeihung einer allzu groszen leichtigkeit von interesse zu interesse übergehend zu wechseln Göthe I 25, 1, 261 W.; in der that musz auch da, wo eigennutz und ehrgeiz nur so wenig herrschaft haben als hier, ein jugendlicher fehltritt des herzens leicht verzeihung finden J. G. Forster s. schr. (1843) 2, 86; aber auch den Bourbon (in der 'versuchung des Pescara') wissen sie, durch tiefes eindringen in die seele des verräthers, unserer verzeihung theilhaftig zu machen (1887) Rodenberg an C. F. Meyer in: s. br. 253 Langm.; seine verliebtheit war so augenscheinlich, er bemühte sich gar nicht, sie zu verbergen, nur um verzeihung zu bitten schien er jeden dafür Kahlenberg Eva Sehring (1901) 117.
d)
besonders gebräuchlich bei autoren, die um nachsicht und verständnis der leser werben, vgl. verzeihen C 3 d:
so musz ich um verzeihung bitten,
dasz ich die wahrheit überschritten
Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 168;
vielleicht müssen wir unsre leser um verzeihung bitten, dasz wir sie schon so lange aufgehalten haben Gerstenberg recensionen 160 lit.-denkm.; ich ... bitte meine leser desfals um verzeihung Hippel lebensläufe (1778) 1, 31; in diesem sinne möge nun verzeihung dem büchlein gewährt sein! kenner vergeben mit einsicht Göthe I 7, 4 W.; der herausgeber hofft auf gütige verzeihung E. T. A. Hoffmann s. w. 10, 10 Gr. auch als ausspruch des schauspielers:
also endt sich das Neydhart-spil
und ob wir ihm hetten zu vil
gethan mit wercken oder worten
bitt wir verzeyhung an den orten
Hans Sachs 17, 217 lit. ver.
e)
nachsicht und verständnis für eigenes verhalten erwartend oder beanspruchend, vgl. verzeihen C 3 e: für alle ... unvollkommenheiten dieses versuches soll und darf ich ... um ... verzeihung bitten Lavater physiogn. fragm. (1775) 1, 270; wenn ... reue, ein leben ohne tadel, nicht anspruch auf verzeihung der menschen geben Kotzebue schausp. (1797) 1, 112; wenn die antwort nicht so schnell erfolgte, als schicklich und mir selbst erwünscht gewesen wäre, so hoffe ich in ew. fürstl. gnaden augen verzeihung zu finden, wenn ich ihnen sage, dasz ich an einem mehrtägigen gesichtsschmerze gelitten (1845) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 399 Schulte-K. gehaltvoller, als innere rechtfertigung empfunden:
so tiefer schmerzen heisze qual verbürgt
dem augenblick unendlichen gehalt,
mir aber auch verzeihung, wenn sich kühn
vertraulichkeit von meinen lippen wagt
Göthe I 10, 233 W.
f)
in neuerer zeit auch in deutlich abwertendem sinne, wenn die bitte um verzeihung aus falschen rücksichten, mangelndem selbstbewusztsein herrührt; hierzu vgl. verzeihen C 2 b oben und 5 unten: bei uns soll jedes knie, wenn es auch mit ruhm und ehre steif geworden ist, einen knicks machen, und die falsche schamhaftigkeit bettelt um verzeihung für den ungelenken rückgrad, da sie kühn ihre beiden runden arme in die seite setzen ... könnte Möser s. w. (1842) 1, 213; was ist denn bescheidenheit anderes, als geheuchelte demuth, mittelst welcher man, in einer von niederträchtigem neide strotzenden welt, für vorzüge und verdienste die verzeihung derer erbetteln will, die keine haben? Schopenhauer w. 1, 312 Gr. abschätzig, da als sentimentalität empfunden: nichts väterlich rührseliges wegen verzeihung oder ähnlichem fiel ihm ein O. M. Graf unruhe (1948) 183.
3)
in religiöser sprache für die aus göttlicher gnade zuteilwerdende vergebung der sünden und aller in der sünde gegründeten schuld; häufig zur zeit der reformation; vgl. verzeihen C 4; veniam deos poscere gott umb verzeyhung anruͦffen, oder vmb gnad bitten Frisius dict. (1556) 1026ᵃ:
den thuet im sein gewissen stillen
das wort gottes, das im verhaist
verzeyhung und den heilling gaist
Hans Sachs 18, 215 lit. ver.;
o verretter, din sel habe niemmer mer verzichung, sunders fare inn abgrundt der hell Haimonskinder 118 lit. ver.; wann man recht christlich handeln wil, solle man wissen, dasz durch die verzeihung der sünden, vns nicht werde raum vnd stat gegeben zu sündigen, sondern dasz man dadurch die tugend der langmütigkeit gottes erkennen solle Gretter erkl. d. ep. Pauli a. d. Römer (1566) 203; du muszt ... nur deine sünde ... zusammen auff einen hauffen raffen, und ... zu gott fliehen, und den um verzeihung bitten J. Böhme s. w. 4, 102 Schiebler;
und hat gebet nicht die zwiefache kraft,
dem falle vorzubeugen, vnd verzeihung
gefallnen auszuwirken?
Shakespeare 3 (1798) 266;
sie ... rief gott um seinen beistand an, auch um seine verzeihung, wenn es ein unrecht sei, was sie vorhabe Fontane ges. w. (1905) I 2, 394. in diesem sinne vor allem noch im kath.-theol. sprachgebrauch, vgl. verzeihen C 1: sünden, welche schon durch ein reumüthiges gebet verzeihung erlangen Wetzer-Welte kirchenlex. 11 (1899) 956; er (der mensch) vermag seine sünde zu bereuen ..., um verzeihung zu bitten Buchberger lex. f. theol. u. kirche 9 (1937) 903.
4)
seit dem 17. jh. findet sich die wendung um verzeihung bitten in direkter rede in abgekürzt-formelhaftem gebrauch; vgl. vergebung teil 12, 1, 393. um verzeihung ...: a, um verzeihung monsieur, ich bin ein Franzos Schottel friedenssieg 24 ndr.; ehrenveste herren, so um verzeihung, die leute werden doch viel lateinisch untermengen Weise comödienprobe (1696) 267; ehrenvester herr, so mit gunst und um verzeihung, wie wäre es, wenn wir sie irgend in 8 tagen liessen wiederkommen? ebda 267; mein herr umb verzeihung, diese braut ist ein witziges frommes kind Ettner v. Eiteritz mediz. maulaffe (1719) 208; um verzeihung, war seine gegenrede, so werden sie auch wohl ein hübsches frauenzimmer zu ihrem zeitvertreib haben? Leipziger aranturieur (1756) 1, 120. — für diese wendung ist seit dem 18. jh. allgemein das blosze substantiv eingetreten, das oft mehr als höflich-verbindliche oder aber als gefühlsbetonte aufforderung denn als bitte gemeint ist:
verzeihung königinn. schamroth gesteh ich,
dasz ich unschuldge worte falsch gedeutet
Schiller 15, 1, 43 G.
alleinstehend und als ausruf:
verzeihung!
(erwiedert ein jurist) die bibel gilt
nicht in politicis
Herder 18, 350 S.;
sie streckte ihm ... beide arme entgegen und schluchzte: verzeihung! Holtei erz. schr. (1861) 3, 156. im satzzusammenhang verzeihung für ...: verzeihung für meinen undank mein vater! Schiller 3, 456 G.;
verzeihung
für diese verhaszte larve, königin
ebda 12, 417 G.
ungewöhnlich mit folgendem genitiv oder dativ: sagen (sie) mir gelegentlich ihre gedanken. verzeihung dieses zutraulichen wunsches Göthe IV 28, 117 W.; freilich ist hier manches im wege stehende zu überwinden. verzeihung diesem allgemeinen! ebda I 49, 1, 183; verzeihung! der promemoria-form eines vertraulichen schreibens ebda IV 29, 43. mit abhängigem nebensatz: verzeihung, meine gnädige frau, dasz ich von ihrer erlaubnis einen so schnellen gebrauch mache Fontane ges. w. (1905) I 4, 433;
verzeihung, schöne damen,
dasz ich mit solchem flor
nicht dienen kann
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 177.
Zitationshilfe
„verzeihung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/verzeihung>, abgerufen am 05.12.2019.

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