verziehen vb.
Fundstelle: Lfg. 15 (1955), Bd. XII,I (1956), Sp. 2595, Z. 62
verzögern, hinauszögern, wegziehen usw.; nur westgerm. bezeugt: ahd. farzeohan (s. u.); ae. fortēon (in: fortogen, auch fortogeness convulsio) Bosworth-Toller anglo-saxon dict. 324ᵇ; mengl. fortēon Stratmann 243; mnl. vertien Verwijs-Verdam 9, 138ᵇ; mnd. vortîn Schiller-Lübben 5, 472ᵃ. im ahd. literarisch bei Notker im sinne von 'indulgenter educare', s. u.E; im übrigen nur in frühen glossen (1, 2, 37; 46/7; 33, 22; 34, 26; 36, 9; 100, 5) bezeugt, s. u. B 1. mhd. bereits in vielfältiger anwendung, s. die mhd. wbb.; in der heutigen ma. weit verbreitet in wechselnden bedeutungen. nd. steht es neben häufigerem vertrecken (s. unter ziehen teil 15, sp. 940); vgl. Doornkaat Koolman 1, 469ᵇ; Schmidt-Petersen 41ᵇ; Jensen nordfries. 117; Mensing schlesw.-holst. 5, 439; Danneil altmärk. 240ᵇ; Bauer-Collitz Waldeck 32ᵃ. zu den verschiedenen mundartlich bedingten formen vgl. ziehen teil 15, sp. 938ff. und Paul dt. gramm. 2, 208; 211. schwacher konjunktiv prät. verzieheien bei Nestroy ges. w. (1890) 2, 160 steht vereinzelt. die durch lautliche sonderentwicklung in den maa. (fehlende diphthongierung, entrundung usw.) eingetretene formale annäherung der beiden verben verziehen und verzeihen aneinander hat zu überschneidungen im wortgebrauch geführt, vor allem, als verzeihen im sinne von 'verzichten' nicht mehr verstanden wurde und in dieser bedeutung anlehnung an verziehen suchte (s. die zusammenstellung unten unter H). vereinzelt begegnet auch eine vermischung mit verzücken: an alls verzücken österr. weist. 9, 80.
A.
auf temporale verhältnisse angewendet bezeichnet verziehen das hinausschieben eines ereignisses über einen zeitpunkt oder das hinziehen eines vorganges, bei intransitivem gebrauch ein säumendes oder zögerndes verhalten. (vgl. ver- III 4 und 8). belege für diesen bedeutungskomplex finden sich vom 13. jh. an, besonders häufig im 16. bis 18. und mit vereinzelten ausläufern bis ins 20. jh.: zum gebrauch in den heutigen mundarten s. Luxemb. ma. 469; Fischer schwäb. 2, 1430; Schmeller-Fr. 2, 1108; Hunziker Aargau 85. für das lexikalische vorkommen vgl. verziehen morari, pertrahere, prorogare, protelare, ... differre, diurnare, prestolari; verziehen untz bisz morgen procrastinare, recrastinare; verzogen protelatus, ... prolongatus voc. inc. teut. (1485) ii 7ᵃ; precrastinare virziehin (15. jh. md.) bei Diefenbach gl. 453ᵃ; prestolari verziehen (15. jh.) ebda 457ᶜ; prorogare (15. jh.) 466ᶜ; protelare (15. jh.) 467ᶜ; prolongata verzogen (15. jh.) 464ᵃ; verziehen, auff ein andere zeyt legen differre, verlengeren, comperendinare, cunctari, conferre, trahere moras, ducere, producere, prolongare, propagare, rem aliquam trahere Maaler teutsch spraach (1561) 439ᵇ; moror verziehen, verweilen, saumen, hinderen Dentzler clavis ling. lat. (1668) 464; ich bin vel habe da verzogen moras ibi interposui; verzieh ein wenig expecta paulisper; gott verzeucht oft mit seiner hülffe deus sæpe auxilium differt Steinbach dt. wb. (1734) 2, 1116; verziehen ... 'die gegenwart eines dinges zurückhalten, aufhalten'; ... als ein neutrum mit dem hülfsworte haben, 'noch an einem orte verharren, da man denselben verlassen wollte oder sollte'; da es denn in der edlen schreibart für die gemeinern warten, bleiben, sich aufhalten u. s. f. am üblichsten ist ... Adelung 4 (1801) 188.
1)
in transitiver und reflexiver verwendung 'etwas aufschieben, (sich) hinauszögern'.
a)
allgemein den beginn einer handlung oder eines zustandes, den eintritt eines ereignisses über einen vorgesehenen zeitpunkt hinaus aufschieben; vgl. procrastinare lenger sparen, auff morn verziehen, aufziehen, anston lassen, auff den langen banck spilen Frisius dict. (1556) 1063ᵇ:
do der prister was betrogen,
do wart ez niet lenger verzogen,
Antenor sich genante,
daz bilde er hin vz sante,
Vlixes daz bilde enphinc
Herbort v. Fritslar liet von Troye 15875;
ist es zymlichen, so verkauff sicherlich dein besiczung vnd worum verzeuchstu das also lang von tag zuͦ tag erste dt. bibel 3, 36 (vorr.) Kurr.; Constantinus habe aus sonderlicher andacht furgehabt, sich zu teuffen lassen im Jordan, da Christus selbs jnn getaufft ist, derhalben die tauffe auch verzogen (1537) Luther 50, 74 W.; nach rath verziehe nit die that S. Franck sprüchw. (1541) 2, 178ᵃ;
doch rhat ich eins dir, köng, darbey ...
dasz du ...
dieweyl der andern todt verziechst
Hans Sachs 16, 166 lit. ver
ist die copulatio also bisz in den dinstag vertzogen, do hat ein ander priester der freundschaft zue ehren dennoch die copulatio gethan (Magdeburg um 1600) städtechron. 27, 155; was heut soll geschehen, musz man nicht auff morgen verziehen, denn ein verzug bringt den andern Lehmann floril. polit. (1662) 1, 398.
b)
handelt es sich um ein bewusztes hinausschieben einer handlung, die das interesse eines anderen berührt, so ergeben sich besondere bedeutungsschattierungen.
α)
etwas, das von anderer seite erwartet wird, in unbilliger weise hinauszögern, meist mit der absicht, sich einer verpflichtung zu entziehen: (wenn die gebotene) arbait verzogen und nicht gethan wurde, der oder die sollen der herrschaft funfzig phunt ... vervallen sein (um 1490) österr. weist. 4, 169; verzugen die antwort von einem tag zu Augspurg biss auff den anderen zu Speyr Stumpf Schweizerchron. (1606) 90ᵃ;
der mir funfftzig gülden soll, waget zwantzig gülden hin,
dasz er meine zahlung nur möchte länger noch verziehn
Logau sinnged. (1654) 2, 9;
denn dreizehn freier hat er schon
ertödtet, und verzeucht
der tochter hochzeit
bei Herder 26, 191 S.
zugefügter dativ läszt die bedeutung 'jemanden (mit der erfüllung eines anspruches, eines wunsches) hinhalten' deutlicher hervortreten:
owe töhterlin!
schol man dich ietze legen zuͦ?
das ist wærlich noch ze fruͦ,
wan du bist gar kindisch!
wær niht der künc so windisch,
was schatt, ob man ims verzüge?
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 2339 Regel;
des wesens benügt sy allain vnd das enthelt ir (der vernunft) got alles vor vnd verzeücht es ir umm das, das er iren fleisz erweck Tauler sermones (1508) 20ᵇ; do enbott ... Sigmund demselben ... hailgen vatter ..., das er dem aid gnuͦg tät ... das da frid und ruͦw wurd, ... das er im doch alle zit verzoch, von einem tag zuͦ dem andern Ulrich v. Richental Constanzer concil 17 lit. ver.; haben die landtsknecht, da jnen die besoldung abgebrochen vnnd verzogen wardt, kein hilff thun wöllen Xylander Polybius (1574) 278 (vgl. auch A 1 b γ); einem betrübten hertzen mache nicht mehr leiden vnd verzeuch die gabe dem dürftigen nicht (vulg.: et non protrahas datum angustianti) Sir. 4, 3; vgl. auch 1. dt. bibel 8, 203 Kurr.; Zürcher bibel 1, 271ᵇ; verhielten vnd verzugen inen die gewonliche tribut Stumpf Schweizerchron. (1606) 684ᵃ. hierher eine noch in neuerer bibelsprache lebende wendung 'es mit jemand verziehen': sollte aber gott nicht auch retten seine auserwähleten, die zu ihm tag und nacht rufen, und sollte er's mit ihnen verziehen? Lukas 18, 7 (bei Luther: ob ers gleych vertzeucht).
β)
das moment des zeitlichen kann sich verlieren; 'hinauszögern' wandelt sich zum 'vorenthalten':
doch nieman hie dur sin tugent
der miet mir verziehen sol,
wan manlich sin gelaistet wol
d. salden hort 63 Adrian;
waer aber das mein erben yͤm oder sein erben nicht leichen wolten vnd vertzugen in das, so sol vnd mag in ein lantzfuerst ze oͤstern leichen (1276) corp. d. altdt. originalurk. 1, 287 Fr. Wilhelm; so verzuhet doch got die smeklichen bevintlichkeit des grundes manigen guten luteren menschen vor alle sine lebtage Tauler pred. 317 Vetter;
hast du dem armen hie daz recht
durch hazz, durch geitichait vertzogen,
wêrleich du pist da betrogen;
ez ist dem richter alles chunt
(14. jh.) Peter Suchenwirt w. XLII 111 Prim.;
nicht weigern oder virzihen (1421) Bauer-Collitz Waldeck 141;
der sünder mag wol zu mir fliehen,
won ich mag im nutz verziehen
Mone schausp. d. mittelalters (1846) 1, 297;
gott ich danck dir ... das keiner also sündig ist, das du im dein parmhertzigkeit verzeuchst (denegas) offenb. d. hl. Birgitte (1502) 427; magstu begeren den lieblichen vnd aller süssesten kusz, der dir nitt mag lenger verzogenn werden Keisersberg granatapfel (1510) G 8ᵃ; der ander schad ist, das yn gott underzúhet sin barmhertzikeyt, seid das daz sy im ouch herberg verziechent yn irem hertzen d. ew. wiszh. betbüchlin (1518) 160ᵃ; (sie) begerten an die oberkayt, sy ainzelassen, essen und trincken umb yren pfenning geben, ... ward ynen abgeschlagen und verzugen Baumann qu. z. gesch. d. bauernkrieges in Oberschwaben 72 lit. ver. der dativ der person musz gelegentlich aus dem zusammenhang erschlossen werden: denn gott der verzuhet viel gaben bis in jenes leben J. Jonas bei Luther (Jena 1568) 6, 412ᵃ; deine fülle vnd threnen soltu nicht verziehen 2. Mose 22, 29 (nach der Zürcher bibel von 1931: die fülle deiner tenne und den saft deiner kelter sollst du nicht zurückbehalten). ähnlich übertragen: den zorn verziehen oder verhalten, nit zornig werden animum differre Maaler teutsch spr. (1561) 439ᵈ.
γ)
in der rechtssprache weit verbreitet im sinne von 'jemandem ein recht entziehen, es ihm nicht zukommen lassen':
daz der rihter lengt den tac
und verziuht eim armen man,
daz erz reht niht erlangen kan
bei Karajan Heinrich d. Teichner 315;
würde im aber das recht verzogen geferlichen, also das im nicht recht gedeihen und widerfaren mocht (1290) wirtt. urk.-buch 9, 340; dasz man den klägern recht verziehen oder versagen wollt (1332) in: schr. d. ver. f. gesch. d. Bodensees 28 (1899) 428; he geclaicht haet, dat wir yem reicht unser stede as lange vertzoigt haven (1381) bei Ennen qu. v. Köln 5, 355; wollen wir, das dem armen als dem reichen ein gleich recht gesprochen werde, vnd auch das recht nymand vorczogen (1395) cod. dipl. Siles. 8, 97; auch das sew vnpillich bedünlich, das vnserm bruder das recht also verczogen sull sein (1458) fontes rer. Austr. II 7, 141; es were dann dasz öm rechts gewegert adder vnzimlich vorzogen wurde (1491—93) bei Kretschmann Leipz. oberhofger. 53; dasz ihm recht verzogen oder versaget sey (Hadeln 1583) bei Pufendorf observationes, vgl. jedoch auch das recht verziehen unter C.
δ)
vereinzelt (mit dativ der person) auch positiv gewertet im sinne von 'jemand aufschub gewähren': also verzog gott ümb eines menschen bitt den stetten Sodom und Gomorra und vortilgt die nit so balde Luther 10, 3, 393 W.; wie Sidonia herauff vmb verzug bat, eine zeit jhr zu verziehen buch d. liebe (1587) 335ᵇ; (St. Niclas) hat den (!) obgenannten schüler aus ratt sand Patermans den tod verzogen (distulit) zu einem besseren leben zekomen (ende 15. jh.) Johann Hartlieb dial. 173, 26 Drescher.
c)
reflexiv, von einem ereignis, einem vorgang etc., 'aufgeschoben werden', 'sich unerwartet lange hinauszögern':
sie hâte lange vor gedâht ...
daz sie die werlt wolde ergeben
unt grîfen an ein ander leben. ...
diz hàte sich verzogen sît
wan an ir trûtes jârgezît
Ebernand v. Erfurt Heinrich u. Kunigunde 3351 Bechst.;
zu Leiptzig sind ettliche bose leute, der hoffnung ymer stehet, es solle sich verzihen und zu letzt dadurch ynn die asschen fallen (1539) Luther br. 8, 510 W.; vnd ob sichs schon ein wenig verzeucht, bleibt doch die straff gottes nicht aus Pape bettel- u. garteteuffel (1586) H 5ᵃ; nach incorporirung der stadt Brieg nam der ... feld marschalck weiter nichts vor, sondern lies die trouppen rasten, bis auf den gen.-lieutenant Arnheims ankunfft, so bis auf den neunzehenden tag jenners sich verzogen Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 56; meine abreise verzieht sich ohnedies von einer woche bis zur andern Lessing 17, 292 L.-M.; die heirath verzog sich nur in erwartung der zugesagten versorgung Göthe I 11, 67 W.; ich wollte schon längst ihre verschiedenen zuschriften erwiedern, mochte indessen nicht mit leeren händen kommen, und da das füllen sich stets verzog, muszte ich auch das andere verschieben Görres ges. br. (1858) 3, 147; der anfang des feldzugs, der sich bis in den juni verzog, war mit einem neuen groszen unfall des königs bezeichnet Ranke s. w. (1867) 30, 357. in unpersönlichem gebrauch 'es dauert', 'es braucht zeit', bis ein erwartetes ereignis eintritt: nu gehet die erlösung (die befreiung Israels in Ägypten) an und wil sich das spiel machen, jedoch verzeuhet sichs noch eine weile, bis das Moses ein grösser man wird (1524) Luther 16, 24 W.; es blies der trommeter zu tisch, nach solchem verzog sichs bei einer stunde, ehe angericht ward Schweinichen denkw. (1878) 178; es will sich nun fast zu lange verziehen, bis ich wieder zu einem vertraulichen abendgespräch gelange Göthe IV 40, 252 W. mit verschränkter satzfügung: wie nun das auch beschehen (einen knaben, der sich strafbar gemacht hatte, durch ertränken zu töten) und ain lange weil mit ime under dem wasser verzogen, haben sie under ainandern gesagt: nun ist es nit müglich, das ain mentsch ... also lang könde leben Zimmer. chron. (²1881) 3, 13 Bar.
2)
intransitiv, 'zögern, unschlüssig, wartend verharren', vgl. cunctor verziehen, seumig seyn. cunctabundus verziehend, langsam Calepinus XI ling. (1598) 358ᵇ.
a)
säumen, zögern etwas zu tun, so dasz eine beabsichtigte oder erwartete handlung auf einen unbestimmten zeitpunkt verschoben wird; auch mit etwas verziehen: verzoch zu gen und sprach: glauppt mir, ich gee nit mit euch Johann Hartlieb (um 1490) dialog. miraculorum 347, 22 Drescher; es verziehen etlich dem artzet ze folgen bisz daz nüt me hilfft J. Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 86ᵃ. bei Luther geläufig, während die dt. bibel vor ihm, zumindest in ihren älteren ausgaben, häufig andere vokabeln hat (vgl. auch unter 2 d): da er aber verzog, ergriffen die menner jn, ... und fuͤreten jn hin aus 1. Mos. 19, 16; so auch Zürcher bibel (1531) 1, 9ᵇ, dagegen do er sich saumt 1. dt. bibel 3, 99 (dissimulante illo); daz Mose verzog Luther 2. Mos. 32, 1; so auch Zürcher bibel (1531) 1, 43ᵇ; vgl. dazu wann do das volcke sach das Moyses machte saumung abzestaigen (machte vertziehen var., ein verziehen tett Zainer) 1. dt. bibel 3, 328 (quod moram faceret descendendi);
isz der frucht! was verzeuchst du lang?
Hans Sachs 1, 37 lit. ver.;
warum verziehet ihr dann so lange mit der hochzeit? Happel akad. roman (1690) 212;
ja, Selima, du bists! verzieh ich noch
in deinen arm, du göttliche, zu fliegen?
Wieland ges. schr. I 1, 421 akad.;
wer immer noch verzeucht, eh er die tugend liebt,
bestraft sich selbst durch den verzug
Götz verm. ged. (1785) 3, 212;
als ..
... menschen trostlos irrten,
wie heerden ohne hirten —
da mochte gott nicht mehr verziehn:
sein licht, sein heiliger erschien
Tiedge w. (1823) 3, 159;
hier gilt es ausharrens, die bosheit wächst zusehends, und der herr verzeucht mit seiner zukunft Jung-Stilling s. schr. (1835) 3, 290; lange verzog er mit seiner hilfe A. Sperl söhne d. herrn Budiwoj (1927) 330; denn die weltschöpfung ist nicht vollendet, solange er seinen schöpferberuf an ihr nicht erfüllt, er aber verzieht ihn zu erfüllen N. Hartmann ethik (²1935) 4. neuere bibelübersetzungen ersetzen verziehen durch andere verben, so zögern, säumen, vgl. Sanders 3, 1756ᶜ; jedoch heiszt es in der Zürcher bibel (1951) Lucas 12, 45: mein herr verzieht zu kommen. 'aus bedenklichkeit oder zaghaftigkeit säumen, zaudern':
khein manlich that, kein wunder nie
geschah mit worten und verziehen,
man muss mit frechem mueth volziehen
Endinger judenspiel 42 ndr.;
und sollt' er (der schöne knabe) noch aus schüchternheit verziehen
(der geliebten zu folgen)
Götz vermischte ged. (1785) 1, 71.
α)
häufig in der wendung ohne verziehen 'ohne säumen, verzögerung, aufschub' (s. dazu A 1 a und verzug): das wir vns vnd vnser hus ze Friburc han gebunden, disen vorgenanten zins zegebende, zuͦ dem vor genanten tage, an alles verziehen ellu iar (Säckingen 1276) corp. d. altdt. originalurk. 1, 291 Fr. Wilhelm; das wür dann ... gethreulich ohne alles verziechen vnnd fürwart beieinander bleiben sollen (1323) J. A. Brandis gesch. d. landeshauptl. v. Tirol (1850) 45; vnnd ob sy darein nicht ainhellig weren, so süllen wir ein obman sein darüber, vnd aussprechen an verziehen (1403) Lori slg. d. baier. bergrechts (1764) 18; doch schickten sie ir haubtleut, fendrich und waibl zu hern Wilwolten, lieszen im sagen, das er sie von stunt an on lenger verziehen bezalt Wilwolt v. Schaumburg 141 lit. ver.; man soll zur solcher grossen gemain, wann gleitet wirdt, ohne weiters verziechen darzue erscheinen (1643) österr. weist. 4, 10; berufft die 7 churfürsten ..., die on alles verziehen kamend Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 219. auch im sinne von 'ohne zaudern', 'ohne bedenken':
ich kans nicht besser machen,
als dass ich ihm den geist, den ich ihm schuldig bin,
und der sein eigen ist, geb ohn verziehen hin
Gryphius trauersp. 695 lit. ver.;
ohne zu verziehen läszt er sein mächtig schwerdt hernieder fahren Gries Bojardo (1835) 1, 112; ohne alles schwanken und verziehen erklärte er (Gregor XIV.) sich zu gunsten der ligue Ranke s. w. (1867) 38, 147.
β)
einer verpflichtung nicht rechtzeitig nachkommen: wer schuldig ist den traid ze dienen, der sol dienen zwischen sand Jacobstag und der stift; welcher ober verzug ân willen der herrschaft, der ist vervallen umb D lib. 1 nach genaden (15. jh.) österr. weist. 1, 142; wellicher urbarsman seinen zins und dienst zu rechter und aufgesetzter zeit nit gäbe, sondern ohn urlaub oder bitte des ambtmanns darin verzug, spricht man zu recht, das der selb sei ... verfallen ain halb pfund pfening (17. jh.) österr. weist. 1, 1; wie aber die stuͤr ze geben verzogen ward, warb der von Ramschwag heimlich umb vil luͤt Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 187.
γ)
in frage und aufforderung auch mit der tendenz zu prägnanterer bedeutung 'anstehen etwas zu tun': derhalben, dieweil du nit gewisz bist, dasz sie weder verdammet noch selig seind, so verziehe nit fuͤr sie zu bitten J. Feucht leichpred. (1574) 271; was verziehet jhr, den feind desz vatterlands anzugreiffen? Lehmann floril. polit. (1662) 3, 284; warum verziehet ihr nach so fester verknuͤpfung eurer tugendhafften seelen nunmehro durch inbruͤnstige umarmung auch die leiber zu vereinbarn? Lohenstein Arminius (1689) 1, 79ᵇ;
verziehe nicht dahin zu rennen,
und hohle mir sofort ein reis
Ramler fabellese (1783) 1, 204.
hierher auch in der bedeutung 'etwas zu nützen oder genieszen versäumen':
was dir einst fehlen kann, das musst du nicht verziehen;
nur das, o freund, ist dein, was du genossen hast
Kretschmann s. w. (1784) 6, 346.
b)
am orte bleiben, verweilen, einen aufbruch hinausschiebend oder in einer fortbewegung innehaltend: commoror ... verziehen, ein zeitlang an einem ort sich saumen Calepinus XI ling. (1579) 292ᵃ: was verzüch ich mit vil worten? (quid multis moror?) Terenz (1499) 12ᵇ; (sie) in pate er ein klein pey ir verzüge und zuͦ ir nider sässe Arigo decameron 121 Keller; wann dj natur hat vnns dise welt als ain gasthauss, in dem wir etlich zeit verziehen ... gegeben Schwarzenberg teutsch Cicero (1535) 39; das wil mir nicht gebühren, bey jhm so alleine zu verziehen engl. com. u. traged. (1624) Y 8ᵇ;
Nero: ... fleuchstu? verziehe doch!
Lohenstein Agrippina (1685) 88;
auf seiner rückreise aus Wälschland im 37. jahre ward er zu Trident krank; wollte aber doch aus liebe zum vaterlande nicht daselbst verziehen, sondern reisete fort anmuth. gelehrsamk. 4, 35 Gottsched;
ach geht sie schon unter,
die sonne, so früh?
wir sind ja noch munter!
ach sonne, verzieh!
Overbeck verm. ged. (1794) 208;
o geist! geist! der du in mir lebst,
woher komst du, dasz du so eilst?
o, verzeuch noch, himmlischer geist;
deine hülle vermag's nicht
Lenz ged. 237 Weinhold;
ich frug, was sie verzöge nur
im eis'gen abendwind;
umschauend hiess sie stille sein
im tragekorb das kind
Freiligrath ges. dicht. (1870) 5, 149;
einige wochen denke ich noch zu verziehen Grabbe w. (1874) 4, 370. auch reflexiv: ich hab mich gleich gar in dem eynigen propheten Osea ja nur in etlichen seiner capitel verzogen J. Nas antipap. eins vnd hundert 3 (o. j.) 74ᵇ; se vertôget sek en klein betchen lenger Schambach Göttingen 268ᵃ. bisweilen bei einem zeitbegriff auch 'dauern':
itzt, da die jugend noch verzieht,
will ich allein von dir, auch in der (wein)lese, singen
Hagedorn poet. w. (1769) 3, 137.
auch 'innehalten während der rede': diese der Italiäner oden, wie auch die Teutschen haben ihre gewisse stances, welche deszhalben so genant werden, dasz man am ende der strophen etwas verziehen musz Morhof unterr. v. d. dt. spr. (1682) 1, 707.
c)
mit dem blick auf ein zukünftiges ereignis, um dessentwillen man verweilt oder eine handlung aufschiebt, hinauszieht; 'warten', vgl. saltem aliquot dies profer, dum proficiscor aliquo wart oder verzeüch doch etlich tag, bisz ... Frisius dict. (1556) 1067ᵃ; der herr verziehe ein wenig attenda un poco; un pò di patienza Kramer t.-ital. 2 (1702) 1459ᵇ: do sprachen die seinen haubtlewt und ander sein rät, er solt verziehen, bis sein brueder hertzog Leupold zu im käm U. Füetrer bayr. chron. 172, 10 Spiller; wenn (er) mit dem paw oder dungen verzuge bis auf waich wetter österr. weist. 1, 154;
hett ich mich nicht selbst geschickt darein
vnd vleissig gsehen auff das mein,
ich hett wol lang genug verzogn,
eh mir ein gbratn taub ins maul geflogn
(1590) Rollenhagen spiel v. reichen manne 14 Bolte;
zumalen ... auch des geläuts noch keine verordnung gemachet gewesen, und der von Burgkstorff billig verziehen sollen, bis dazu von hieraus der anfange wäre gemachet worden (1640) urk. u. aktenst. z. gesch. d. kurf. Friedrich Wilhelm v. Brandenburg 1, 376 Erdm.; man solle nicht alsobald nach der ubung mahlzeit halten, sondern noch ein wenig verziehen, bisz die bewegung des leibes sich gesetzet zu haben verspuͤhret wird Hohberg georg. cur. 3 (1715) 110ᵃ; er liesz durch den hochzeit-bitter sagen, sie solten nur noch ein halb stuͤndgen mit dem essen verziehen Chr. Reuter Schelmuffsky (1750) 57;
ich bitt' euch, wartet; ein, zwey tage noch,
bevor ihr wagt: denn wählt ihr falsch, so büsse
ich euren umgang ein; darum verzieht
Shakespeare 4 (1799) 79;
verziehen sie einen moment — die schwester wird wohl alles bereit haben — im augenblick bin ich wieder da! Bauernfeld ges. schr. (1871) 4, 73; sie ... fand einen mann warten, zu dem sagte sie: er möchte nur verziehen, bis sie eine leuchte genommen J. Grimm dt. sagen (1891) 1, 31. vgl. für mundartl. gebrauch luxemburg. ma. 469.
d)
vom blickpunkt eines harrenden aus, 'auf sich warten lassen, ausbleiben, nicht kommen', vgl. verziehen, lang auszbleiben badare, star' à bada, differire, indugiare, aspettare Hulsius (1618) 262ᵃ; verziehen, verweilen tarder, attendre, retarder; er verziehet lang, er bleibet lang aus il demeure long tems Frisch t.-frantz. (1752) 643: daz sie iren liebhaber nit in verdenken seczte uszbelybens oder von langem verziehen nit verdriessen neme, ward sie wider gegen dem brunnen schlychen Steinhöwel de claris mul. 56 lit. ver.; wann do die saumung des breutigams wart gemacht (var.: vnd da der breutigam verziehen tät moram ... faciente sponso) erste dt. bibel 1, 96, 59 Kurr. (Luther: da der breutgam verzog Matth. 25, 5);
du böser geist, warumb verzeuchst
und mein ernstlich beschwerung fleuchst?
Hans Sachs 21, 284 lit. ver.;
würde doch ... die glückselige stundte seiner erwündschten ankunfft nit lang mehr verziehen theatrum amoris (1626) 57;
ach (ruffen unsre lieder)
verziehe ja nicht mehr, komm schönster morgen-schein!
Heräus ged. u. inschr. (1721) 62;
warum verzeuchst du, goldne stunde, erlöserin! wo säumest du dich, wohlthätiger tod? Wieland ges. schr. I 2, 356 akad.; einst verzog er (Lothario) mehrere tage, ich (Lydie) war in verzweiflung, machte mich auf den weg, und überraschte ihn hier Göthe I 23, 35 W.; wie lange Klärchen verzog! hatte sie ihn denn nicht verstanden? Polenz Grabenhäger (1898) 2, 150;
längst schwand der mond, doch die sonne verzieht;
mein tastend auge den weg nicht sieht
Ric. Huch ged. 69.
in deutlicher anlehnung an die bibelsprache: verzogst du doch allzulange und bliebst auf dem berge eine ewigkeit, so dachten wir alle, du kämest nicht mehr Th. Mann ausgew. erz. (1953) 761. in diesem sinne auch reflexiv:
es verziecht sich lang die antwort
vnd der Römer geschribner contract,
davon eur maiestat hat gsagt
J. Ayrer dramen 428 lit. ver.;
doch so das gelt sich fünff, zehen oder fünfftzehen tag verzöge Fronsperger kriegsb. 1 (1578) D 1ᵇ; wo sich das geld verzüge, und in etzlichen tagen und zeit nicht gleich da wäre, so sollet er gedult tragen (1631) Frauenholz entwicklungsgesch. d. dt. heerw. 3, 1, 285. mit einem lokalen fragewort kann verziehen eine mittelstellung zwischen den bedeutungen unter b) und d) einnehmen, wo verziehst du, 'wo bleibst du': Clarisse: ach Floretto wo verzeuchst du? Floretto: ihr gnaden haben meiner begehrt? Chr. Weise überflüss. gedanken (1678) 203 ndr.;
lange hab ich dein geharret;
wo hast du so lang verzogen?
Cl. Brentano ges. schr. (1852) 3, 78;
... wo verzieht der festungskommandant, don Guzman?
... es befremdet mich,
ihn zum empfange nicht bereit zu finden
Grillparzer s. w. 2, 69 Sauer.
3)
einen vorgang, einen zustand in die länge ziehen, meist mit dem beisinn ungebührlich langen hinziehens (s. ziehen I A 14), vgl. metter tempo, tardare, prolongare verziehen, verlängern Hulsius (1618) 2, 249ᵃ.
a)
transitiv gebraucht, eine handlung ausdehnen, verlängernd hinziehen: Paulus disputiert mit in vnd sterckt ir selen, er waz ze gen an dem morgen, er verzoch daz wort vntz zuͦ mitternacht (protraxitque sermonem act. ap. 20, 7) erste dt. bibel 2, 371 Kurr.; (Pericon) söliche freüde (des gastmahls) auf daz lengest in die nacht verzoche Arigo decameron 109 lit. ver.; mit herlichen richten peyde wol gedienet waren, mit den es die frawe nach dem lengsten verzoche, da mit der nachte dester mere verginge ebda 23; durch solche liebe ward diese reyss etwas desto lenger verzogen, dass sie sich der lieb vnd begierde ein wenig desto besser möchten ersettigen buch d. liebe (1587) 86ᵃ; er verzog mit fleisz das essen lang in die geschlagene nacht hinein Moscherosch gesichte (1650) 2, 82; sie wusten ihre parthey dabey vortreflich wohl zu spielen, sie hetzten eine stadt an die andere, und leisteten allezeit den schwächern hülfe, damit nur der krieg länger verzogen ward Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) vorber. 6.
α)
formelhaft eine sache verziehen 'sie hinschleppen, hinauszögern, nicht zu ende bringen', auch einen handel verziehen: Pilatus verzeucht den handel seer lange Luther 28, 66 W.; Ferdinand I. verlangt bei papst Adrian hilfe gegen die Türken, aber der verzog die sache Lehmann floril. polit. (1662) 1, 183; also verzoge sie (Penelope) die sach so lange, bis endlich Ulysses ... wieder kam discourse d. mahlern (1721) 2, 74; das (sich mit dem landvogt ins bad zu setzen) war die gute frau nicht willens und verzog die sache so lange sie mochte, bat gott, dasz er ihre ehre beschirmen ... möge J. Grimm dt. sagen (1891) 2, 124.
β)
von der rede, sie hinziehen, verzögern (s. d.): ist ettwas strengs gehandelt, das verkünden wir ein wenig snell; ists aber nit strengklich beschehen, so verziehen wir die red langsam Riederer rhetoric (1493) g 4ᵃ. anders. 'weitschweifig reden, erzählen': vnd domit ich die red nit lenger verziehe P. Gengenbach 169 G.
γ)
auch als fachsprachlicher terminus in der musik (aber auch zu A 1 a): wenn die manieren im adagio zu sehr verzogen werden, und nicht mit der harmonie übereintreffen Quantz anweisg. die flöte zu spielen (1789) 110; wenn man einen wahren virtuosen ... accompagniret, dann musz man sich durch das verziehen oder vorausnehmen der noten ... weder zum zaudern noch zum eilen verleiten lassen O. Jahn Mozart (1856) 1, 17.
δ)
ein leben verlängernd erhalten, fristen: sso gibt man yhn durch des fegfewrns vorlassen eyn fawl sicherheytt, das sie dencken, nur diss leben sparen und vortzihen biss an das todtbett Luther 10, 1, 1, 112 W.; damit er auff wenig tag sein so herrliches und dem gemeinen wesen so nützliches leben verziche sendschr. d. Teresa von Jesu (1700) 86.
ε)
von der zeit oder zeitabschnitten; um 1500 vereinzelt in der bedeutung 'die zeit, den tag hinbringen': wann mir nit bereit sint zuͦ antwurten, so verziehen mir die zit mit vil fragen Terenz deutsch (Straszburg 1499) 32ᵃ. scheinbar intransitiv: was verzüch ich mit vil reden. ... ich will mit kurtzen worten dir die sach sagen ebda 12ᵇ; gryfend mir nun ein artikel an, damit wir doch nit diesen tag ungethon verzüchend Zwingli dt. schr. (1828) 1, 167. vereinzelt steht die wendung mit verzogener zeit 'nach langer zeit, mit groszer verzögerung': vnnd ob aber geholffen mag werden, so geschieht es doch mit verzogener zeit Paracelsus chirurg. bücher u. schr. (1618) 2 B Huser. passivisch und überleitend zum folgenden 'sich hinziehen': das sechst alter der werlt ... ist verzogen von der gebenedeiten gepurt Christi Ihesu bis in dise gegenwürtige zeit G. Alt buch d. chron. (1493) 95ᵃ.
b)
reflexiv, sich verlängernd hinziehen, hinstrecken (s. ziehen II B 3), wider erwarten in die länge gezogen werden; zuweilen auch lediglich 'währen, dauern, erstrecken'; longes res abibit; die sach wirt sich lang verziehen Frisius dict. (1556) 4ᵇ; es hat sich bis in die nacht verzogen ella si prolongò, strascino etc. ella durò fin' alla notte Kramer t.-ital. 2 (1702) 1459ᵇ: dat vertoech sik in dat verde jar bei Schiller-Lübben 5, 472; sunder das sich die sachen unnser tochter halben in die lennge verziehen unnd nicht für sich gehen (1473) bei Steinhausen privatbr. 1, 110; hat man ... das feyer (unter seinem körper) gmelich anzundet, vff das die pen dest lenger sich verzöge C. Hedio chron. Germ. (1530) M 1ᵇ; als nun die belegerung sich ymmer lenger verzohe (1559) Schumann nachtbüchlein 189 Bolte; die sermon (hatte) sich etwas langs verzogen Dannhawer catech.-milch (1657) 1, 397; es wäre denn, dasz die handlung entweder in der nacht vorgegangen wäre; oder erst nach mittage anfienge und sich bis in die späte nacht verzöge Gottsched crit. dichtkunst (1751) 615; ja, es entspann sich eine unterredung, die sich über eine stunde verzog (1809) mon. Germ. päd. 40, 277; nun wird sie (die arbeit) sich wahrscheinlich bis an's ende des künftigen jahres verziehen aus Schleiermachers leben (1860) 1, 271. in diesem sinne auch unpersönlich: damit der nacht desto meer vergieng und es sich dest tieffer darein verzug, damit sy ursach het, in bey ihr zu behalten Montanus schwankbücher 151 lit. ver.; dann man führt auff breiten nachen oder schelchen die gutschen vnd pferdt über, verzog sich bey vier stundt, bisz der gantze hauff hinüber kam Schweigger reyszbeschr. (1619) 41. 'sich hinschleppen': auszer den rollen der Adelheid, des Weislingen, Götz ... ist das stück schlecht besetzt, und verzieht sich und schleppt dadurch, dasz die volksgruppen ohne lebendige bewegung erscheinen briefw. zw. Zelter u. Goethe (1833) 1, 372.
4)
jemanden (etwas) verziehen.
a)
jem. (etwas) aufhalten, in seiner fortbewegung oder tätigkeit verzögern; hindern: nicht mache mir saumung in dem gange (vnd verzeúch mich nit Zainer) erste dt. bibel 5, 363 Kurrelm. (Luther treibe fort vnd seume mich nicht; vnd saum mich nit Zürcher bibel (1531) 1, 180ᵃ [2. kön. 4, 24 ne mihi moram facias]); sihe, so lange wurden die Juden verzogen und gehindert (den tempel zu bauen) Luther 23, 503 W.;
ey, herr, ich bit umb sechs wochen:
denn ich möcht da niden auf erden
bei guten gesellen verzogen werden
bei Schade satiren u. pasquille 1, 155;
darbey ist aber auch zu mercken, dass sie (die strahlsterne) vnter jhn auch haben, die ja jrre werden vnd verzogen in jhrer operation oder zu frue zeittig, dass sie etwan auch im winter kommen Paracelsus opera (1616) 2, 89ᶜ;
doch würd' uns der bericht zu sehr verziehn
Gries Ariosts ras. Roland (1804) 2, 32.
b)
jemanden hinhalten, vertrösten, mit der erledigung eines anliegens etc. warten lassen (vgl. dazu A 1 c/d): auch ander unser inwoner und undertan an iren rechten gesaumbt und verzogen wurden (1471) bei O. Stolz d. Deutschtum i. Südtirol 2 (1928) 271; setze jch meinenhalben zu e. k. m. die sachen der acta meinem pitten nach zu entlichen entschied, damit jch nit so erparmmigklich durch sy verzogen vnd ombgefürt werde (um 1500) urk. z. gesch. Maximilians I. 385 lit. ver.; was man mir thun vnd machen soll, kann nimmermehr fertig werden; schneider, schuster, buchpinder, mein weib verzihen mich auffs lengste Luther tischr. 3, 193 W.; zu hofe vnnd bey reichen leuten, da man ... die armen leute verzeucht vnnd ... von einem tag zum andern auffhelt Mathesius Syrach (1586) 111ᵃ. von abstrakten, 'hemmen, behindern':
ja, leider, ja, ich bins! laszt aber euren zweck
vom zufall nicht verzihn und meinem hohen stande
Lohenstein Sophonisbe (1689) 50.
B.
ver- im sinne von 'fort-, hinweg-' bildet mit transitivem und intransitivem ziehen (sich fortbewegen) mehrere bedeutungsgruppen, die von der vorstellung eines ortswechsels ausgehen.
1)
etwas von seinem ort wegziehen, entfernen. hierhin rechnen schon die oben angeführten frühen ahd. glossen zu abstrahere, adimere, subducere. in einem abgezogenen sinne und in der form des part. prät. begegnet dieser gebrauch in der sprache der mystiker und gottesfreunde: dú (seele) waz ... mit sinen (gottes) armen umbvangen und an sin goͤtlich herze gedruket, und lag also verzogen und versofet von minnen under dez geminten gotes armen Seuse dt. schr. 20, 22 Bihlm.; do kam er von ime selber und wart verzucket, das er von dirre zit nut enwuste, und sas also verzogen den tag volles us und die gantze naht Nicolaus v. Basel 183 Schmidt.
a)
fortschleppen, prägnanter auch 'stehlen'; vgl. verzücken (s. u.) und ziehen I C 1 c: swer auch ein chint auz dirre stat vertzoehet oder vahet sinem vatter oder einen andern sinen friunden ... ze schaden, ... der sol nimmermer in die stat chomen Augsburger stadtbuch 109 Meyer; were ock des benomeden gvtes gevernt vnde vortogen, swat des vunden wurde, dar scholden die heren van H. ock van duͦn, also van den anderen (1290) bei Schiller-Lübben 5, 472ᵃ; alse gy scriven, wes (das gut, was) vortoghen unde vorrucket is, dat wy dar noch vore doͤn (entschädigen), dar bidde wy umme, dat gi dat laten stan, bette use here utkumpt (1394) hans. recesse 4, 206; ettlich gesellen ... die die nacht pisz auf den tag pei dem fewer sein und ... der eimer und schaff war nemen, das die nit verzogen werden Tucher baumeisterb. (um 1470) 148; was sie für ein dock seie und was sie allerley sachen, als salz, schmalz und mehl ihrer maisterin verzogen und verkauft habe bei Fischer schwäb. 2, 1430.
b)
gelegentlich ergeben sich sonderbedeutungen. 'etwas beiseite ziehen, wegräumen': verrer kam man in des kamerers ... haus, alles in gengen, die in ganzen fels gehawen waren, und des an ettlichen enden das steinhebig (steinschutt) noch darinnen lag, also das man das verziehen must, darmit man durchkommen mocht (um 1470) Tucher baumeisterb. 286 lit. ver. in nicht eigentlichem sinne: wer aber daz, daz mein hausvrow in dichain gepresten oder in dehain ehaft noet queme, den schullen ir di bruder von Zwetel selb dritte verziehen (1302) urk. d. Benediktinerabtei in Wien 18 Hauswirth. im sinne von 'fort-, hinaufziehen':
das wasser zeucht die lufft zuesammen,
das fewer wird mit seinen flammen
verzogen in die kühle lufft
Opitz buch v. d. dt. poeterei 50 ndr.
in der jägersprache auch 'das wild zum ortswechsel veranlassen und zu sich heranziehen': damit des wildprets sein geäsz nicht allein frey bleibe, sondern auch, dasz dem andern theile dadurch nicht gelegenheit gegeben werde, seinem nachbar das wildpret des nachts mit lappen zu verziehen, sich zuzulappen und ihme alsdenn abzufangen Göchhausen notabilia venat. (1741) 245. dazu mundartlich: vèrzócha, vèrzeucha verlocken. verzöch mer den hond nüd locke mir den hund nicht weg Tobler Appenzell 191ᵃ. von gewächsen, 'verpflanzen':
allein er (der rosenstock) läszt sich nicht in unsern grund verziehn
Wieland s. w. 12 (1839) 311.
c)
der seltenen verwendung des verbs im sinne von 'etwas umherschleppen, -ziehen, verteilen, zerstreuen' liegt offenbar altes ver 'herum, umher' zugrunde: und (sie) legerten sich für Mergenburg, da ir schatz innen was, und gewunnen es, aber das gut ward verzogen in manicherlei hant (15. jh.) städtechron. 10, 209; damit das wasser ... nicht in mehr rhör vertheilt vnd verzogen werde Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 1060; das solches heysse gefräsz in dem magen nicht ruhen, sonder wegen seiner hitz also roher in die adern vnnd durch den gantzen leib getragen vnnd verzögen wirdt ebda 817.
2)
intransitiv 'wegziehen'; 'den aufenthaltsort, die wohnung wechseln, umziehen' (zu intransit. ziehen, s. d. III A 1); mundartlich bei Frischbier 2, 44ᵇ; Follmann Lothr. 157ᵃ; Damköhler Nordharz 217ᵇ; schweiz. id. 1, 907.
a)
davonziehen (von witterungserscheinungen unter 3 b): do aber kein gelt vorhanden gewest, das man innen (den knechten) hab sollen auf die hant geben, seint sie nicht vorzogen, szunder wider Frangkreich in kei. mt. namen angenommen (1523) Planitz berichte 545 Wülcker; wie solchs erfur Arnold der hertzog zu Beiern, so in Hungern verzogen war, gedachte er, es were nu zeit, auff den keiser zu dringen Faber Saxonia (1563) 59ᵇ;
... die Abderiten,
die for der frösch und der maus wüten
in Macedonien verzogen
Fischart w. 1, 105 Hauffen:
ain ieder (bettler) in solcher zeit ... weiter kumen und vorziechen mag, damit den ... hausarmen ... pessere hilf ... mitgetailt ... werden (kann) öst. weist. 3, 48;
er ist todt, der süsze singer ...,
er verzog ein wenig näher
zu dem meister alles wohllauts
Freiligrath d. sang von Hiawatha (1857) 202.
hierher auch: Ober-Teutschland, in welchem durch den ... krieg ... die studia vnterbrochen vnd die musae verzogen Zinkgref-Weidner teutscher nation weisheit 2 (1653) 4.
b)
in jüngerer sprache 'den wohnsitz wechseln', 'umziehen': ich erhielt dein briefpacket ... mitten im tumult des verziehens Jacobi w. (1812) 3, 498; dasz jemand die miethe seines hauses vor ablauf der bedungenen zeit der einwohnung, dem miether aufkündigen ... könne, wan er es nur zur gewöhnlichen zeit des verziehens ... thut Kant w. (1838) 5, 126; Gregor Erhart (aus Ulm) verzog nach Augsburg, wo wir ihm im 16. jahrhundert vielleicht wiederbegegnen werden Dehio gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 256; bis er am ende seines lebens verärgert von Ulm nach Wien verzogen sein soll Pinder d. dt. kunst d. Dürerzeit (1939) 183. mundartlich auch 'dahingehen, verscheiden': er leït em verziehen er ist dem verscheiden nahe Follmann Lothr. 157ᵃ.
3)
vorwiegend in reflexiver verwendung, sich verziehen sich davonbegeben, sich zurückziehen, fortziehen.
a)
von menschen, vereinzelt 'sich von jemandem zurückziehen':
frede und genade syᵉ mit dir,
duᵉ woldest dich nyᵉ vorczyᵉ von mir
bei Mone altdt. schausp. 142;
sonst 'sich zurückziehen, sich fortbegeben', vgl. profugus der sich weit verzeugt, flüchtig Faber thes. (1587) 343ᵇ; 393ᵃ; die leute verziehen sich homines hinc inde avolant; er verzog sich peregrinando aberrat Steinbach dt. wb. (1734) 2, 1116: vnde so snelliken vortog sik dat volk bei Schiller-Lübben 5, 472;
kumb eylend! so wöllen wir fliehen,
uns in ein gesteudig verziehen,
auff das er uns nit nacket sech
Hans Sachs 1, 40 lit. ver.:
kanonikus Taube erhob sich vom whist ... der professor verzog sich ... seine gemahlin sprang wüthend ans klavier Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 7, 290; das polnische heer ritt auseinander und verzog sich nach der heimat G. Freytag ges. w. 11 (1887) 95; auch ich bin nicht ungeschlagen davongekommen, sagte er, doch ich verzog mich beizeiten und liesz es an mancherlei heilbringendem nicht fehlen C. F. Meyer d. heilige ⁶223; die herren verzogen sich ins rauchzimmer zu bier und likören Kahlenberg familie Barchwitz (1902) 48; das eingreifen des todes in die politik machte aus den parteien leute; sie sprachen gedämpft und verzogen sich H. Mann d. untertan (1949) 426. hierher auch: indessen wissen sie (d. gemsen) sich namentlich im waldreichen gebirge selbst in gröszeren rudeln so leicht und verborgen zu verziehen Tschudi thierl. d. Alpenwelt (1858) 349. bildlich: die dränger verzogen sich in richtungen, die immer die falschen blieben Gutzkow ges. w. (1872) 4, 221. hierher auch eine vereinzelte intransitive verwendung: das mir andern uns glei verkriechen mechten! das kennte uns grade passen! da mechten mir am ende glei ganz verziehn, Karle und ich Polenz Büttnerbauer (1898) 109. für die mundart gebucht bei Hügel Wien 182. auch in der bedeutung 'sich einer pflicht entziehen': im fal sich ainer der raitung verwidern und gevärlicher weis verziehen wolte österr. weist. 5, 69.
b)
vom nebel, wetter usw., 'fort-, vorüberziehen, sich verflüchtigen' (s. ziehen III B 1), vgl. Ludwig t.-engl. 2, 200; zur heutigen mundart Luxemb. ma. 469; Follmann Lothr. 157ᵃ; Damköhler Nordharz 217ᵇ; Fischer schwäb. 2, 1430: die schwärze der wolken verzog sich Ph. Zesen rosenmând (1651) 128;
und wie ein nebel, dampf und rauch
in eil sich thun verziehen
Fischer-Tümpel evang. kirchenlied. 3, 36;
bald verzieht das gewölck sich
Klopstock w. 6 (1798) 15 (Messias);
ich blieb so lange von meinem vaterlande weg, bis sich das wetter verzogen hat neue slg. v. schausp. (1764) 6 (Pamela) 30; man wird den gesetzten mann, wenn sich die staubwolken verzogen haben, nach wie vor auf seinem wege gewahr Göthe I 41, 2, 77 W.; ich hoffte, dass sich der regen noch zur rechten zeit verziehen würde A. v. Arnim s. w. 10 (1857) 18; der morgennebel hatte sich längst verzogen, der himmel war rein blau (1856) W. Raabe s. w. I 2, 205; grauenhaft wurde erst jetzt (nach dem ersten weltkriege), da der pulverdampf sich über dem lande verzog, die verwüstung sichtbar, die der krieg hervorgerufen Stefan Zweig welt v. gestern (1947) 340; es sasz sich an sommerabenden angenehm unter den überbauten eingängen, wenn der staub sich verzogen hatte Clara Viebig die vor d. toren (1949) 7. vereinzelt auch intransitive verwendung: die trüben wolcken verziehen nubila discedunt: das wetter ist verzogen tempestas discussa est Steinbach dt. wb. (1734) 2, 1116:
so schau doch gnädig herab, dasz die gewitter verziehen
Dusch verm. krit. u. sat. schr. (1758) 290;
die verziehenden nebel Mommsen röm. gesch. 1 (1856) 571; mir war's wie ein gewitter, das verzog A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1879) 2, 104.
c)
von flüssigkeiten, '(in etwas hinein) abziehen, versickern': die graben ..., darein sich die vbrige feuchtigkeit verzog Schütz hist. rer. Pruss. (1592) 2, K 1ᵃ; das subtile blut zwischen der haut ausser der ader vnd in das beyligend fleisch sich verzeucht Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 1055.
d)
von schmerzen, krankheiten usw., 'abziehen, vergehen, aufhören'. vgl. sich verziehen: die geschwulst verzeucht sich dissiparsi, il tumore si dissipa, si và dissipando Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1459ᵃ; Ludwig t.-engl. (1716) 2200: wann es nit besser wirt, so lasst euch ain gemach warm machen unnd euch mit warmen tüchern, auch guten wassern reiben, ob sich solliches verzuge Schumann nachtbüchlein 111 Bolte; es sollen aber solche leuth (die blutunterlaufene stellen am körper haben) nicht köpffe setzen, oder zur aderlassen, und dencken, dasz sichs also wiederum verziehen solte Hohberg georg. cur. aucta 3 (1715) 240ᵃ; die muͤdigkeit wird sich desto leichter verziehen allg. haush.-lex. (1749) 1, d 4ᵇ;
ei, lass er sich den kopf mit warmen tüchern reiben!
vielleicht verzieht es sich
Göthe I 9, 104 W.;
doch schnell verziehn sich seiner stirne falten
Pfeffel poet. versuche (1802) 8, 146;
wenn nun Kühlemanns nierensteine sich doch noch verziehen? H. Mann d. untertan (1949) 342. ähnlich auch: wir wollen hoffen, dasz diese krankheitsperiode sich nun bald bei ihnen verzieht (1875) G. Keller br. u. tageb. 3 (1916) 131 Erm. mundartlich: sik vertaihen (von schmerzen) Woeste 296ᵇ; 't geschwill (geschwulst) verzit sech luxemb. ma. 469.
e)
auch sonst von vorübergehenden erscheinungen und zuständen: ging Fritsch weg, verzogen sich einige hypochondrische gespenster Göthe III 1, 117 W.; der kriegslärm wegen der Tessiner wird sich hoffentlich wieder verziehen (1853) G. Keller br. u. tageb. 2 (1916) 310 Ermat.; die ... verstimmung würde sich bei der vorherrschenden tafelheiterkeit ... rasch wieder verzogen haben Fontane ges. w. (1905) I 5, 28.
f)
im sinne von 'dahinschwinden, vergehen':
denn, wie die (blumen) sich bald verziehen,
machst du aus der liebe schertz
Venusgärtlein 79, 5 ndr.;
intransitiv: Rochlitz hat nicht das empfinden, dasz sie (die zeit Bachs) im anzug ist; eher glaubt er, sie verziehe A. Schweitzer Bach (1948) 220.
g)
sich auflösen, verwandeln in etwas:
die (tugend) wird mit ihr noch blühen
und alles wetter sich in sonnenschein verziehen
Lohenstein Ibrahim Sultan (1680) 82;
sein monolog verzog sich in unverständliches gemurmel Holtei erz. schr. (1861) 10, 217. bildlich: so deutlich die in diesem werke vorkommenden erzehlungen bei ihrer ersten erfindung mögen gelautet haben, ebenso tief verzog sich ihr vortrag ins finstere einer geheimniszvollen dunkelheit, nachdem sich algemach die gegenstände ihres inhaltes aus dem andenken der welt verloren hetten weiszkunig (1775) a 2ᵃ vorr. auch intransitiv verwendet:
selbst der umwölkende schwindel verzog in helle begeisterung
J. H. Voss s. ged. (1802) 3, 154.
C.
zuweilen auch 'durch ziehen (umherziehen) verbrauchen, durch wegzug einbüszen'; vgl. ähnliche bildungen unter ver- III 7. lexikalisch: sein geld liederlich verziehen spendere, dissipare, scialacquare i suoi danari andando, viaggiando, migrando di luogo in luogo ò di casa in casa Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1459ᵇ; sein geld verziehen huc illuc migrando consumere pecunias; er hat das seine in der welt verzogen multis peregrinationibus sua disperdidit Steinbach dt. wb. (1734) 2, 1116; sein geld verziehen dépenser son argent en changeant le demeure Schwan nouv. dict. (1783) 2, 948ᵃ. für oberdt. maa. gebucht bei Schmeller-Fr. 2, 1108; so hab ich (ca. 20.000 fl.) verzogen, verzert, an andern orten verlorn, verdoctert (16. jh.) bei Fischer schwäb. 2, 1430. auch: er hat seiⁿ bürgerrecht verzogeⁿ, 'es durch wegzug verloren' ebda; dazu: tacite jura magisterialia amittundur, transmigrando, wenn einer sein meisterrecht verzogen, quia collegia sunt localia ... reversus, tenetur jura collegii de novo impetrare, musz die zunfft ufs neue gewinnen A. Beier d. meister bey d. handwercken (1688) 163. ferner: ob aber einer ... in ein andern fleckchen ziehen thätt, hatt er solch hartzrecht (recht zur harzgewinnung) verzogen bei Fischer schwäb. 2, 1430.
D.
etwas aus der richtigen, natürlichen oder ursprünglichen lage oder form bewegen, verschieben; die gestalt eines dinges verändern, oft mit dem beisinn des entstellenden verzerrens. vgl.verbiegen, ↗verdrehen, ↗verzerren (s. ver- III).
1)
vom menschlichen körper und seinen gliedern, 'verzerren, verrenken'; einen arm, ein gelenck verziehen stravolgere, smovere, storcere, slocacare un membro, una giuntura Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1459ᵇ; Nemnich lex. (1801) 17ᵈ; zu mundartl. gebrauch vgl. Hügel Wien 182: soll ... mit den geschmierten händen dem kind die glider wol ordentlich legen, damit sie nicht von der kranckheit verzogen werden Gäbelkover artzneyb. (1595) 2, 123;
darauf verwandelt sich die sterbende gestalt,
und der verzogne leib hängt fuͤhllos, starr und kalt
Pietsch geb. schr. (1740) 407;
die gicht hat ihm alle glieder verzogen Adelung 4 (1801) 1188; dasz durch irgend einen zufall oder krankheit gewisse gefäsze des gehirns so verzogen und aus ihrem gehörigen gleichgewicht gebracht seyen Kant w. (1838) 3, 80; vgl. dazu: sich etwas verziehen innerlich eine verletzung davontragen Fischer schwäb. 2, 1430.
2)
das gesicht, den mund verziehen; vgl.das maul verziehen stravolgare, storcere la bocca Kramer teutschital. 2 (1702) 1459ᵇ.
a)
besonders im 19. jh. weit verbreitet, die züge zu einer bestimmten miene verziehen, gelegentlich auch vom bleibenden ausdruck des gesichtes: die augen, die hände, den mund ... verstellen, verträhen, verwinden, verziehen, wie die ertznarren Moscherosch gesichte (1650) 1, 433;
selbst Ixion, Tityos selbst
verzog sein angesicht zum lächeln
Ramler lyr. ged. (1772) 183;
die augen ein wenig schmachtender!
die blicke ein wenig zärtlicher,
den mund ganz sanft verzogen
Göthe I 12, 257 W.;
ein wunderbares zuckendes lächeln verzog sein gesicht ders. I 19, 134 W.; ein ausgemachter taugenichts und hanswurst, welcher mit offenbarem hohne, die nase verziehend aus dem bilde sah G. Keller ges. w. (1889) 2, 149; er verzog das verwitterte graubärtige angesicht zu einem erfreuten grinsen Polenz Grabenhäger (1898) 1, 9; Ferdinand sieht zu verkrüppelt aus, obschon er ganz grade ist, auch sein gesicht hat das ängstliche und verzogene von verwachsenen (1839) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 327 Schulte-K.; der schmerz verzog sein grinsendes gesicht Clara Viebig d. schlaf. heer (1904) 1, 71; (der hauptmann) hatte graue krokodilsaugen und einen scheuszlich verzogenen mund Renn adel i. untergang (1947) 190; (der strolch) verzog sein verwittertes gesicht zu einer kläglichen grimasse Clara Viebig die vor d. toren (1949) 25; aber es war nur etwas, das wie ein lächeln aussah, was seine lippen verzog E. Wiechert missa sine nomine (1950) 222. als feste wendung: die augen verziehen mit den augen blinzeln bei Gottsched beob. (1758) 47. reflexiv gebraucht: alle augenblicke werden sich die lippen zum lächeln verziehen Nicolai literaturbr. (1759) 7, 44; Golno's gesicht verzog sich wild A. v. Arnim s. w. 1 (1853) 321; da verzogen sich manche stirnen kraus, und nur wenige antworteten Alexis Roland (1840) 2, 762; trotzdem verzog sich, als er (Titus) die liste der getöteten studierte, sein gesicht vor ekel Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 311. hierher auch: und ein Philoktet antwortet mit verzognem lächeln, mit einem gesicht, in welchem sich schmerz und muth und freundlichkeit mischen Herder 3, 14 S.
b)
auch weniger anschaulich, lediglich als ausdruck einer inneren reaktion; häufig in der negativen form ohne die miene zu verziehen, 'ohne zeichen seelischer anteilnahme': wer mich wegen scherzhafter und froher empfindungen, die man zum theil in dieser sammlung antrift, sauer ansieht und das maul darüber verzieht I. M. Miller ged. (1783) vorber. V;
sphinxe ...
sitzen vor den pyramiden,
in der völker hochgericht;
überschwemmung, krieg und frieden —
und verziehen kein gesicht
Göthe I 15, 121 W.;
zählen sie mich nicht zu den albernen geschöpfen, die über eine wahrheit den mund verziehn, weil sie herbe ist Kotzebue s. dram. w. (1827) 7, 68; sie bluteten und verzogen keine miene Bauernfeld ges. schr. (1871) 1, 83; nicht eine miene verziehend, steckte (er) die kugel gelassen zu andern in seinen ledernen beutel Stifter s. w. 1 (1904) 273; er sagte nichts und verzog keine miene E. Wiechert kleine passion (1929) 1; wie alle jungen mädchen aber leistet sie in der welt ganz fröhlich, worüber sie zu hause den mund verzieht Werfel Bernadette (1948) 322. mundartlich: uneⁱ eng min ze verzeⁱen luxemb. ma. 469; keine mîne fortein Damköhler Nordharz 217ᵇ. reflexiv:
seht, wie sie so ernsthaft sitzen,
diese männer voller muth, ...
ja, es kann die welt vergehen,
eh sich ihr gesicht verzieht
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 4, 272.
3)
von dinglichen gegenständen 'etwas in seiner form entstellend verändern'; häufig reflexiv 'aus der zweckbestimmten form geraten'; seit dem 15. jh. bezeugt: (der zimmergeselle) hat ... die pruck holtzer wider recht einzogen und geslicht, wenn sie sich verzugen Tucher baumeisterb. 59 lit. ver.; ob sich etwan die form im auff leymen der höltzer verziehen, eindorren oder im schneiden etwan verfürt werden Dürer 4 bücher von menschl. proportion (1520) F 3ᵃ; (er nahm) das instrument (die flöte) in die hand ..., sah auch darüber weg, ob es nicht etwa krumm oder verzogen sei G. Keller ges. w. (1889) 3, 65; säulen aus einem stück würden sich bei der erforderlichen länge sehr bald verziehen und unbrauchbar werden Kregenow-Samel gerätkunde (1905) 12. heute allgemein üblich, auch vom elastischen material: (sie sah) die strickjacke misztrauisch an — ausgeweitet, verzogen, da ein kleines loch Kluge Kortüm (1938) 13. durchaus auch in der fachsprache: verziehen die formveränderung, welche bei guszmetall, thon- und glaswaaren durch unregelmäszige abkühlung, bei holz durch entweichen der feuchtigkeit bewirkt wird Bucher kunstgew. (1884) 428ᵃ. vgl. auch Prechtl encycl. (1830) 9, 643; Karmarsch-Heeren techn. wb. 4 (1880) 373; 9 (1888) 320. in einem besonderen sinne im bergbau: 'von der zimmerung oder mauerung, infolge gebirgsdruckes aus ihrer lage kommen' Veith bergwb. (1870) 543.
4)
'verzerren, entstellen' im hinblick auf abbilder, vorstellungen u. ä.: verzogene gestalten aber, von denen das auge nichts begreift ... sind missgeburten der kunst Sulzer theorie d. schönen künste (1791) 1, 412; machen sie nun die probe, und studiren Regner Lodbrogs sterbegesang in den runen des Worms, und lesen denn die feine, zierliche übersetzung, die wir davon im deutschen ... haben — der verzogenste kupferstich von einem schönen gemälde! Herder 5, 166 S.;
eilend und rauschend indesz verzog die schwankende fläche (des baches)
stets das bewegliche bild
Göthe I 2, 133 W.;
und was er denkt, ist doch die wahrheit, die er sieht,
wie er in sich ihr bild zum zerrbild auch verzieht
Rückert ges. poet. w. (1867) 8, 582;
die eindrücke ... werden von behender einbildungskraft schnell umsponnen, verzogen, gefärbt G. Freytag ges. w. 14 (1887) 248; jede situation ... als ganzes erlebt und als subjektiv verzogenes gesamtbild der ebenso bildhaften auffassung der mitbeteiligten entgegengehalten N. Hartmann ethik (²1935) 11. bildlich, etwa 'jemandes plan durchkreuzen': bey so hertzhaffter entschluͤszung (zur gegenwehr) wuͤrden dem feind alle striche seiner krieges-anstalten verzogen werden Lohenstein Arminius (1689) 2, 1147ᵃ.
5)
im 16. und 17. jh. auch von der sprache bezeugt: in frantzoͤsischer sprache seynd auch viel einlautende wörter vorhanden, aber alles verdrehet vnnd verzogen, halb geredt, halb verschwiegen Schill teutscher sprach ehrenkranz (1644) 218; die gemeine altages rede, welche nicht allein nach jedes landes mundart verändert und verzogen wird Schottel haubtspr. (1663) 145, abschn. 20. hierher auch: da praucht ich mich ... scharffsichtig genug mit vier plintzlenden augen ...: vnd regt die ... vertipfelte, verzwickte, geradprechte, verzogene ... geschundene ... geschendte, geplendte buchstaben vnd wörter auszzulegen Fischart Garg. 42 ndr.
6)
vereinzelt fehlt der beisinn des verzerrens, entstellens. verziehen bezeichnet den wandel der form: dieses (netz) ist eine figur, welche ein regelmäsziges, aber nach den vorschriften der anscheinlehre verzogenes viereck vorstellt, welches in kleine vierecke getheilet ist Bürja gröszenlehre (1799) 175; die schuppen des stengels sind ... immer bedeutend schmäler, als die eiförmigen, sich in eine spitze verziehenden deckblätter Schlechtendal flora v. Deutschl. (1880) 18, 46.
E.
schriftzeichen ineinander ziehen, verschlingen; meist als part. prät. verwendet, besonders von abbreviaturen und namenszügen; 'künstlich ineinanderschlingen', weiterhin auch 'verworren, unverständlich' (s. dazu verzwicken); vgl. einen buchstab im schreiben verziehen literas scribendo distorqvere Stieler stammb. (1691) 2644; chiffre verborgene schrifften, vermischung der buchstaben, verzogene nahmen Sperander (1728) 112ᵃ; Schwan nouv. dict. (1783) 2, 948ᵇ; verzogene buchstaben characteres in se implicati Steinbach dt. wb. (1734) 2, 1117; die buchstaben verziehen, um ein wort zu verkürzen de letters vertrekken, om er een woord door te verkorten Kramer-Moerbeek dt.-holl. wb. (1768) 394ᵇ: (der arzt) hatt aber geschriben: recipe apii 2/1 I, und waren aber die buchstaben dermaszen verzogen, das der unfleiszig apoteker het verstanden opii Zimmer. chron. (²1881) 2, 344 Bar.; wenn z. e. derjenige so etwas geschrieben, die buchstaben verzogen hätte, dasz man einen gar leicht für den andern lesen könte Thomasius ausübung d. vernunfftlehre (1691) 167; ich aber seine verzogne schrifft gar nicht lesen kan Harsdörffer teut. secretarius (1656) 2, 18. verzogener name 'künstlerisch verschlungener namenszug' (s. u. Anton): gleichergestalt waren der hauptaltar, und die zwei nebenaltäre ... mit dem vollständigen wappen der königinn und zwei verzogenen namen gezieret anmuth. gelehrsamk. 8, 435 Gottsched; innwerts auf dem kasten musz der fräulein verzogener name stehn Lessing 2, 197 L.-M.; nichts als porträte, verzogene namen und allegorische figuren, um einen fürsten zu ehren Göthe I 21, 268 W.; ich könnte ihnen ... ausarbeitungen ... von angesehenen staatsmännern nennen, wovon nicht ein einziges wort ihren vermeinten verfassern gehört — als etwa der nahme am ende und das künstlich verzogene manupropria Ayrenhoff w. (1814) 3, 119; das grosse deckelglas mit meinem verzogenen namen wird vor den fremden gestellt Kotzebue s. dram. w. (1828) 18, 20. auch für 'verzogen schreiben':
so steht man überall bey deinem namen still,
den lieb' und danckbarkeit an manchem baum verzogen
Günther ged. (1746) 743;
an den pforten steht in gold verzogen:
Bachus und Cytherens heiligthum
Falk satiren (1800) 2, 71.
übertragen auch vom sprachlichen stil: dasz ich mich im teutschen schreiben ... nie geübt, viel weniger der teutschen jetzigen verzogenen cantzley form ... mich zu gebrauchen beflissen Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 8. mundartlich auch von der rede: verzogene oder wie das landvolk in Reichenau sagt, verzoine reden sind unverständliche reden, welche gleichsam verzogen, sehr verwickelt und künstlich gestaltet und dadurch unverständlich gemacht worden sind, wie verzogene d. i. künstlich gestaltete buchstaben Anton Oberlausitz 15, 1.
F.
'jemanden falsch erziehen', besonders von der kindererziehung gebraucht; auch im sinne von 'verwöhnen'. s. ziehen I D 1 b, dazu ver- III 2. bereits ahd. vereinzelt bei Notker in dieser bedeutung belegt: unde daz tû nû zurdel bist, taz ist tannân, taz ih tir gerno uuillôndo dih ferzôh (et quod nunc te facit inpatientem nostri prona fauore indulgentius educaui.) w. 1, 59 Piper. zum mnd. vorkommen: die anderen ratlude, de der vertoghenen iungen lude frunde weren, vorhelden dat bei Schiller-Lübben 5, 472ᵇ; de vnard der vertoghenen dochtere (15. jh.) ebda 4, 472. mhd. nicht nachweisbar, jedoch seit dem 16. jh. in dieser verwendung lexikalisch und literarisch dicht belegt und bis heute lebendig; vgl. indulges illi habenas, immittis habenas du laszt jm den zaun zu lang, zeugst jn nit, verzeugst jhn, verwehnest jn, leszt jm zu uil willens, verhengst jm zu uil, bist jm zu weych E. Alberus dict. (1540) F 4ᵃ; indulgentia verziehen der kinder Decimator thes. (1608) 652ᵃ; verzogen male educare, distractus Steinbach dt. wb. (1734) 2, 117. in der heutigen mundart weit verbreitet, vgl. Schütze Holstein 4, 291; Richey Hamburg 324; Damköhler Nordharz 217ᵇ; Danneil altmärk. 240; Dähnert pomm.-rüg. ma. 528ᵃ; Hofmann niederhess. 253; Fischer schwäb. 2, 1430; Schmeller-Fr. bayr. 2, 1108; Hügel Wien 182.
1)
allgemein, die entwicklung des kindes durch eine verfehlte erziehung in die falsche bahn lenken: von der mutter nachlessigkeit, so die kinder verziehen, vnd derselben straff Barth weiberspiegel (1565) C 8ᵃ; weil der man auszgehet, dieweil schlempt die fraw daheime, die kinder werden verzogen, die narung nimpt schaden Mathesius Jesus Syrach (1586) 3, 30ᶜ; es seind auch vil under dem adel, welche durch die liebe gegen die kinder gantz blind gemacht, nicht sehen, dasz jhre kinder so gar verzogen werden Lorichius instruction u. bericht (1618) 185; ihr (eltern) habt mich erzogen, aber verzogen; ihr habt mich fuͤrstlich erzogen, aber ewiglich verzogen Moscherosch gesichte (1650) 1, 617; er war mein erstes kind ... ich verzog ihn A. v. Arnim s. w. 7 (1857) 143.
2)
im besonderen, es an der nötigen strenge und konsequenz bei der erziehung der kinder fehlen lassen: und ihm allerhand unarten gestattete und es verzog, während er gegen uns den gestrengen erzieher spielte Marie Körner in: Goethes gespr. 1, 11 Bied.; so wie eltern, wenn sie kinder lang verzogen, sie durch übertriebne strenge ... zu bessern suchen Tieck schr. (1828) 1, 244; sein vater, ein gutmütiger mann, hatte ihn eher verzogen als streng gehalten Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 333. daher gern mit verzärteln verbunden im sinne von 'zu nachgiebig, zu weich behandeln, verwöhnen': ja durch ewer verziehen vnd zerteln wollet jhr nicht, das sie mit mühe vnd arbeit tugent lernen sollen Barth weiberspiegel (1565) C 8ᵇ; das viel eltern entweder die kinder verseumen, verlassen durch nachlessigkeit oder aber verzerteln und verziehen H. Roth brautpred. (1596) 1, 17ᵃ; wie ein vater zornig sein kan, der seine kinder sehr lieb hat und sie doch nicht verzärteln und verziehen will Zinzendorf gemeine reden (1749) 164; trotz grämlichkeit und alter gewann die tante die kleine lieb und verhätschelte und verzog sie vom morgen bis zum abend W. Raabe s. w. I 2, 9.
3)
der gebrauch beschränkt sich nicht auf die erziehung der kinder:
mein mädchen verzieht mir die lämmer!
es trägt sich damit, und füttert sie
mit der frucht des halms
Klopstock w. 10, 244 Göschen;
so hoch stellen und so verziehen darf Ilse den mann nicht, wie sie gern thut (1888) G. Freytag br. an s. gattin (1912) 225. bei dieser anwendung schwindet oft der abwertende sinn gänzlich; verziehen bedeutet dann 'jemandem ein übermasz an liebe und aufmerksamkeit zuteil werden lassen': in Lausanne war ich drei volle tage, verzogen von allen Bonstetten an Matthisson (1818) 53; (sie) hat mich zwar nach dieser richtung verzogen und verwöhnt, aber jeden tag finde ich in jedem lieben wort neue seligkeit (1889) G. Freytag br. an s. gattin (1912) 394.
4)
das weitgehend verselbständigte, adjektivische part. perf. zeigt ausgeprägte bedeutungen.
a)
'ungehörig, dreist, frech, anmaszend': da steigen die verzogenen kinder, so etliche elteren mit sich schleppen, auff die benck, beschmieren den anderen verdrieszlich, was sie anhaben; sein auch solcher unverschampten gewonheit, dasz sie mit fingeren den eltern zeigen, was sie gern vom tisch haben wöllen Kirchhof wendunmuth 1, 257 lit. ver.; diese naseweise und lieblose äuszerung verletzte alle. Schrickwitz warf dem verzogenen kinde einen mahnenden blick zu Holtei erz. schr. (1861) 13, 67; ja, ich will, setzte sie im tone eines verzogenen kindes hinzu Cl. Viebig d. schlaf. heer (1904) 1, 41. auszerhalb des engeren bereiches der kindererziehung: sind westphaͤlische köpffe, ... vnbaͤndige grobe Sachsen, tolle Wenden, ... verzogene mutwillige Meiszner Faber sabathsteuffel in: theatr. diab. (1575) 471ᵇ;
wir hören nun aus allen,
dasz ihr der republic zu grösten nutzen schreibt,
und ein verzognes land zu bessern sitten treibt
Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 545.
b)
'verwöhnt' und daher 'anspruchsvoll', auf der anderen seite 'verweichlicht, untüchtig': diese verzognen schoszkinder des glücks sind nämlich von jugend auf daran gewöhnt worden, dasz man sich ... fügt Knigge umg. m. menschen (1796) 3, 26; sendet mich nicht hinaus wie ein verzognes kind, sondern wie einen tüchtigen kerl Fouqué zauberring (1812) 1, 47; ein verzogenes knäbchen, wie es mir schien, von jugend auf bekannt mit seinen reichthümern Kotzebue s. dram. w. (1827) 2, 217; die pietisten sind gerade die verwöhnten und verzogenen kostverächter des herrn Gutzkow ges. w. (1872) 6, 49;
du bist ein recht verzogen thier!
sonst nahmst du, was ich bot
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 2, 144.
G.
(sich) verziehen falsch ziehen, beim spiel einen verkehrten zug tun (s. ziehen I A 1 a β und ver- III 2). lexikalisch mehrfach belegt, vgl.verziehen, irr ziehen fourvoyer, errare, fallire la strada Hulsius-Ravellus (1616) 362ᵃ; Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1459ᵇ; falsch ziehen, einen falschen zug thun, sich verziehen, einen unrechten stein ziehen se dit au jeu d'echecs, de trictrac etc., jouer une pièce pour l'autre Schwan nouv. dict. (1783) 2, 948ᵃ; verziehen ... durch ziehen verderben, falsch ziehen; dies geschieht z. b. bei einem spiele, wenn jemand z. b. beim whist eine falsche karte ausspielt Krünitz öcon. encycl. 219 (1854) 391. literarisch nur vereinzelt: das ir meiner tochter ... zuͦ scharpff sind mit dem schochspyl. ... mein tochter hatt sich in diesem spyl gar verzogen; dann ihr spyl staht auff alle weg schoch und matt Wickram w. 2, 346 lit. ver.
H.
in verschiedenen, besonders technischen anwendungen, die sich nicht ohne weiteres an die oben charakterisierten bedeutungsgruppen anschlieszen lassen.
1)
der vogelsteller verzieht, d. h. etwa 'überzieht' den vogel mit dem netz, indem er es mittels der zugvorrichtung über den herd schnellen läszt; von dieser auffassung aus bildlich:
wellich vogel zuͦ im send geflogen,
die hat er mit den netzen vertzogen
das sy nach harrt komend daraus
städtechron. 22, 364.
'überziehen, bedecken, überdecken': ein weib ... hette das angesichtgeschwaͤr, ... das jr das gantz angesicht damit verzogen war Sebiz feldbau (1579) 223.
2)
'im bauwesen braucht man den ausdruck verziehen, wenn man die latten eines dachstuhls so aufnagelt, dass sie nicht alle auf demselben dachsparren endigen' Krünitz encycl. 219 (1854) 392; vgl. auch Jacobsson technol. wb. (1781) 4, 736ᵃ s. v. zwischenlatten; Mothes baulex. (1882) 4, 427; dagegen: 'verziehen, auch verpfählen, verschiessen, verladen, verpfänden die stösse eines schachtes, die stösse oder die firste eines stollens, einer strecke hinter den schachtgevieren bez. thürstockgevieren mit schwarten, brettstücken, bohlen usw. bedecken, verkleiden, um das hereinbrechen von gesteinsmassen zu verhindern' Veith bergwb. (1870) 542; der unterschied zwischen verziehen oder abdecken und verpfählen besteht darin, dass bei der abdeckung oder dem verzuge die einzelnen bretter, bohlen usw. stumpf an einander stossen, bei der verpfählung aber sich übergreifen (quelle v. 1867) ebda.
3)
in der handwerkssprache: verziehen ... eine arbeit von holz, welche nicht genau passen will, durch ein geringes abweichen von der loth- oder wagrechten linie von der symmetrie etc. passend machen Mothes baulexikon (1882) 4, 427. dagegen in der bedeutung 'verkehrt ziehen': verziehen ... einen schacht nicht in gehöriger richtung abteufen Gätzschmann slg. bergm. ausdr. (1881) 111.
4)
in der bergmannssprache von den vermessungen, die der markscheider durch verziehen von schnüren (verschnüren) vornimmt (s. ziehen I A 6 c); markscheiden (schinnen, verschinnen, verziehen, aufnehmen) das praktische verfahren in anwendung der markscheidekunst (lehre v. d. vermessung unterirdischer grubenbaue) auf eine zu lösende aufgabe Scheuchenstuel öst. berg- u. hüttenspr. (1856) 161; wird mit der lachterkette verzogen, so muss dieselbe, jedesmal vor dem beginne des verziehens genau auf ihre länge geprüft werden Beer markscheidekunst (1856) bei Veith bergwb. (1870) 543. hierher wohl: soll bey ainer yeden gruben ihn mitten des stoln auf dem gestenng vnder dem mundtloch angehalten und auf yede seitten hinaus in den winckel drithalbe schnur oder lehen, nach pirgs fall verzogen und daselbst ain pflockh geschlagen (1531) Lori bergrecht (1764) 207ᵇ.
5)
in die länge ziehen, strecken (s. ziehen I A 6); vgl. prodere verziehen, verstrecken, verlengern Frisius dict. (1556) 1065. in fachsprachlichem gebrauch: (die) feinspinnmaschine, welche es (das garn) etwa auf die 10fache länge verzieht, dem faden die erforderliche drehung gibt und ihn aufwickelt Karmarsch-Heeren techn. wb. 1 (1876) 322; dazu auch Prechtl technolog. encycl. 23 (1861) 128. literarisch in bildlicher verwendung:
die rechte dehnet er durch künstliches verziehn,
so wie ein kramerknecht den zarten musselin
Neukirch ged. (1744) 121.
6)
durch (aus)ziehen auslichten; z. b. rüben verziehen: man musz den saamen der pastinacken viel dicker aussäen, als anderer wurtzeln, weil gemeiniglich viel tauber darunter ist; wenn er zu dicke aufgehen sollte, so kan man sie besser verziehen als einpflanzen allg. haush.-lex. (1794) 2, 513ᵇ; die zu dicht stehenden pflanzen verzieht und verpflanzt man Metzger pflanzenkunde (1841) 467; er verzieht doch die mohrrüben! er hat die mohrrübenbeete unter sich J. Karnauchowa spätzchen u. ihre freunde (1952) 60; beim verziehen (der rüben) musz man die kräftigsten pflanzen stehen lassen neue zeit v. 27. 4. 1954; mundartlich bei Damköhler Nordharz 217ᵇ.
I.
infolge vermischung mit verzeihen — besonders auf alemannischem gebieterscheinen bedeutungen dieses verbs auch bei formen von verziehen (dazu Paul dt. gr. 2, 206). unsicher: resignare verziehen voc. lat.-germ. (md. 15. jh.) bei Diefenbach gl. 494ᵇ.
1)
verzichten auf etwas, sich einer sache begeben, ein recht aufgeben, sich lossagen von jem. (etw.); meist reflexiv: alda beschatzte er in um daz heilge rich, und daz er sich des must virziehen (verzihen?) und must sweren, im undertenig zu pliben und nummer wider in zu tunde sächs. weltchron. 343, 35 Weiland; darnach verzugen sy sich vor vns in gerichtes wis alles des die egen. Vrsole grafin zu Hochenberg gewarten solte oder mochte von ihrem vatter seeligen (1337) bei Haltaus gloss. (1758) 1917; weil sie sich gottes vnd des christlichen glaubens verziehen, gantz vnd gar dem teuffel zu eigen ergeben theatr. diab. (1569) 119ᵇ; so wil er sich hiemit der wiedereinsetzung ... zu diesem mahl ... verziehen vnd begeben J. Ayrer hist. proc. jur. (1601) 236; sol die seele mit dem rechten auge in die ewigkeit sehen, so muss sich das lincke auge aller seiner wercke verziehen (das ist, nicht nach den creaturen sehen) J. Arndt nachf. Christi (1631) 9; wogegen sie ... aller weitern ansprüche auf unterhalt und erbtheil an mich ... sich begibt und verzieht Iffland dram. w. (1799) 8. nicht sicher hier einzuordnen ist ein beleg von Grimmelshausen, der in gleicher bedeutung auch die form verzeihen schreibt (s. verzeihen B 1 f β): geld und gut hab ich noch mehr; derowegen will ich mich meines verlornen geldes hiemit verziehen und begeben 2, 493 Keller. vereinzelt in präpositionaler fügung:
wie gern verzög ich auf sein geld,
wär er nur noch auf dieser welt
Pfeffel poet. versuche (1802) 1, 143.
mundartlich heute im alemannischen: wëⁿⁿ mir so viel stëmpeneieⁿ (schwierigkeiten) gemocht wärtenⁿ worᵈeⁿ, hätt ich druf verzaujeⁿ Martin-Lienhart elsäss. 2, 898.
2)
im alemannischen sprachgebiet nimmt verziehen zuweilen die bedeutung 'vergeben' (s. verzeihen C) an: er verzeucht ... ewr sind passionssp. aus Tirol 74 Wackernell;
da bat er jn vor allen dingen,
dasz ers jm woͤlle doch verziehen,
er hetts jm zorn so auszgespyen
Fischart w. 2, 196 Hauffen;
vnd fande er in dem bey sich selbst, das seinem weib ... noch besser zu verziehen waͤr Moscherosch gesichte (1650) 2, 308; Alfred, der so oft den aufrührern und den eidbrüchigen räubern verzogen hatte Haller Alfred (1773) 58; wenn ... der liebe gott mir verzöge Gotthelf geld u. geist (1852) 248; vgl. Hunziker Aargau 85. elsässisch als gelindes fluchwort gëlt, ër isᵗ, verzich mⁱr, schoⁿ do? Martin-Lienhart 2, 898.
Zitationshilfe
„verziehen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/verziehen>, abgerufen am 16.10.2019.

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