Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

verzweiflung, f.

verzweiflung, f.,

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desperatio. deverbativum zu verzweifeln (s. d.), zustand der hoffnungslosigkeit. mnl. vertwijffelinge Verwijs-Verdam 9, 183; nl. vertwyfeling; mit abweichender ableitungssilbe: schwed. förtvivelse, f. ordbok 9, 3460 akad.; dän. fortvivlelse f. ordbog 5, 1026; norw. fortvivelse; im got., ahd. und ags. nicht nachweisbar; das ahd. greift, um den begriff desperare wiederzugeben, in der regel zur sippe wân 'spes', s. ahd. gl. unuuan disperatio 2, 315, 16; uruuan 2, 321, 12; vgl. ferner 1, 223, 23; 2, 260, 2; 2, 733, 60. bei Otfrid steht urwani I 4, 52; im got. uswena Lucas 6, 35; Eph. 4, 19; Notker hat ferchunst desperatio psalm 43, 19; diffidentia psalm 82, 9; dazu vgl. uercunnan desperata gl. 2, 33, 11. — in den hist. wbb. seit dem 14. jh. belegt, s. Diefenbach gloss. 176 s. v. desperatio; heute auf dem gesamten sprachgebiet verbreitet.
A.
im kirchlich-religiösen bereich.
1)
in den mittelalterlichen beicht- und buszbüchern erscheint die verzweiflung unter den 'sieben sünden wider den heiligen geist', jener kategorie von menschlichen verfehlungen, die die asketische spekulation im anschlusz an Matth. 12, 31 ausgebildet hatte: verzwifelunge, druczunge, hellig vergunnunge und widderstrydunge ... die sechsz synt in den heyligen geyst sunde (vor 1468) J. Wolff beichtbüchlein 29 Battenberg; sie ist eine sünde wider die hoffnung und damit wider den glauben, die keine verzeihung vor gott findet: verzwifelunge das ist das eyner verzwifelt an der barmhertzikeyt gotis ... verzwifelunge ist widder das wort hoffen, wan der der verzwifelt hat keynen hoffen zu gode ebda 30; wan aber einer den glauben oder hoffnung verlohren hat ... solcher hat gott beleydiget mit einer todtsünden des vnglaubens vnd der verzweifflung Spee güld. tugendbuch (1649) vorr. *7ᵃ. so sehen sie auch die reformatoren: diese zwey exempel (das des Petrus und des schächers am kreuz sind) zum gewissen sichern trost wider die aller grösseste sünde, so da heisst verzweiffelung Luther 28, 274 W.; dazu vgl. maxima autem tentacio est, quando fide labimur, qualis est illa: verzweyflung macht monche ebda 29, 65 (diese redewendung auch 10, 3, 229: und ist ain recht sprichwort worden: verzweyflung machet ain münch); nicht der verrat, die verzweiflung ist die schwere sünde des Judas: swer in solichen zwivel komet, der sol merken, das Judas, der got verkoufte, grœzelicher got erzürnde mit siner verzwivelunge denne der untriuwe, das er in verkoufte (14. jh.) bihtebuoch 73 Oberlin. diese ansicht galt allgemein: Judas hat mit verzweiffelung mehr gesündigt, denn mit verreterey Petri d. Teutschen weiszh. (1605) D 8ᵇ; vgl.: Judas ... nam mistroestlicke bedroffnisse vnde vortornede gode mer daraen dan myt der ersten vorradinghe (1513) Gerson, monotessaron 354 Mante. allgemein: verzweiffelung ist grösser sünd, denn die, darausz verzweifflung kompt Petri d. Teutschen weiszh. (1605) F 4ᵃ. so erscheint sie unmittelbar neben der blasphemie: (solche sünden) werden geperen ander vngehewer wunderpare gepurt der sunden, nämlich die blinthait, verzweyflung, gotzlesterung, den hassz gottes vnd der gleichen (foetabunt et ipse foediora alia monstra et portenta, caecitatem scilicet, desperationem, blasphemiam, odium dei) Ökolampadius ain sunderl. leer, dasz die beicht nit bürdlich sey (1521) D 1ᵇ.
2)
nach einer auch in der nichtkirchlichen literatur verbreiteten auffassung ist die verzweiflung die wirksamste waffe des teufels im kampf um den besitz der menschlichen seele. sie steht als anfechtung am beginn des weges der gottentfremdung, sie steht als verstockung am ende dieser abschüssigen bahn, die in den abgrund führt:
das seyle vertzwifelonge ist genant:
das ist das da Judas an gehangen wart,
da er den konnig Jhesus verraden hatte.
es ist das seil des henckers von der hellen,
das da mit er sleuffet und hencket
an sinen galgen die er also erkennet
pilgerfahrt d. träumenden mönchs 7218 Bömer;
zu dem letzsten so bringt er (der böse geist) den menschen in verzweiflung vnd spricht also in dir: es ist doch alles gantz verloren daz du thust. vnd bist auch selber dartzu verloren Tauler sermones (1508) 92ᶜ;
pös gewonheit geit pösen lon.
wann seu pringen pös notturftichait
und pöse notdurft macht vil lait,
wann si pringt verzweifelung,
und die verzweiflung pringt den sun,
der do haist der ewig tot
Hans Vintler pluemen d. tugent 7424;
vgl. den gleichen gedankengang (nach Isidor) bei Albrecht v. Eyb spiegel d. sitten (1511) D 3ᵇ; die sechszzehende schel ist desperatio, verzweiflung ... wer die schel hat, umb den ist es geschehen, die schel lütet dem Judas zu dem galgen Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 190ᵇ; ein jglicher christ soll gedenken und wissen, dasz er Christum ohn anfechtung und creuz nicht recht lernen und erkennen kann. ... vor zwänzig jahren hab ich erst diese verzweifelung und anfechtung göttliches zorns gefühlet (1541) Luther tischr. 1, 65 W.; viel leute ..., die der teufel reitet und plagt mit anfechtung und verzweivelung, das sie sich selbs hengken odder sonst umbbringen für grossen angst ders., 34, 2, 463 W.; ein sündig gewissen ... das mit der verzweiffelung ficht Hans Sachs 18, 40 lit. ver.;
wie hart bliesz ein der sathan arck!
wie war die verzweyflung so starck!
wie kam der ewig todt gedrungen!
der helle schmertzen mich umbrungen
ebda 1, 457;
dann die erynnes vnnd teuffel machen jn ein zugang durch trauwrigkeit, zur verzweiffelung vnd vnsinnigkeit, zu gehem vngzeitigem todt Fischart w. 2, 15 Hauffen; der bös feind, der nit feyret, sonder dem menschen zu verzweifflung hilfft Montanus schwankb. 346 lit. ver.; die frölichen bewegt er (d. teufel) zu vnordentlichem wesen, die trauwrigen zur verzweiffelung Nigrinus von zäuberern (1592) 4;
sih doch, wie gar sehr engstet mich
der sathan, wolst jhm wehren,
damit er mich ja nicht verschling
oder auch in verzweifflung bring
M. Prätorius bei Fischer-Tümpel ev. kirchenlied (1903) 1, 193;
wer sich nicht in der zeit will zu der busse lencken, den stürtzt verzweiffelung offt in den höllenpfuhl Schmolck trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 386. verzweiflung ist das schicksal und der fluch des verstockten sünders und des verdammten: soll nun in den auserwählten freude seyn, so musz in den verdammten die höchste traurigkeit und verzweifelung seyn Luther tischr. 2, 231 W.;
wenn sich endlich auffthut sein (des gottlosen) gewissen,
wird er gemartert und gebissen,
zu verzweiflung gedrungen sehr
Hans Sachs 18, 25 lit. ver.;
all hülff vnd gnad ist jm vorsagt,
dazu jn sein gewissen plagt,
vorzweifflung jn mit peitschen jagt,
die Judas reu im hertzen nagt
B. Waldis streitged. 36 ndr.;
also sprach der abtrünnige engel ... aber inwendig ward er von einer tiefen verzweifelung gepfetzet Bodmer crit. poet. schr. (1741) 1, 9; andre ... gossen glühendes metall in die flamme, dasz die verdammten in gräszlicher verzweiflung heulten und fluchten Klinger w. (1809) 3, 28. daher auch die prägnanten verwendungen: der teufel (ist) ein gott der sünde, des todes, der verzweiflung und der verdammnus Luther, s. teil 12, 1 sp. 195; etliche deutzsche fursten ... die gleich als di kinder der verzweivelong (sind), und ir eigen urteil offentlich tragen (1522) bei Planitz berichte 207 Wülcker;
sie geht dahin, ein schon verklärter geist,
und mir bleibt die verzweiflung der verdammten
Schiller 12, 571 G.;
ebenso die antithese: diesz schweben zwischen himmel und erde, zwischen luft und wasser, zwischen gott und verzweiflung Schubart leben 2 (1793) 57. nur vereinzelt steht verzweiflung vom heilsamen zweifel an der eigenen kraft, daher ohne negativen akzent: das ist ain guote verzweiflung, da ain mensch also verzweifelt an seiner aignen kraft, vnd sich in gott den herren würfft mit starckem glauben Keisersberg bei Wackernagel lesebuch 3, 1, 20; zuͦ dem vierzehenden wirt ainem menschen sein herrtz bewegt durch ain hailige verzweifflung. so er bedenkt, daz für nichts ist die hoffnung in den menschen, so würfft er sich allain in got Keisersberg pred. teütsch (1508) 26ᵇ.
B.
im weltlichen bereich.
1)
als rat-, hilflosigkeit, die vergeblich einen ausweg aus einer inneren not oder äuszeren zwangslage sucht: ich begert, sye solten mich nit (mit androhung des todes) zwingen das zuͦ widderrüffen, das ich nie gehalten, noch gelert hat, wann ich heimlich vor jnen vil auszgegossen hatt ausz verzweiflung, das mir nye im hertzen gesein was Eberlin v. Günzburg s. schr. 2, 107 ndr.; dann wann sie (die reichen) von den armen umb hilff angesprochen werden, schlieszen sie vor inen die hend zu, welches zu solcher verzweiflung ein grosze ursach ist Montanus schwankb. 87 lit. ver.; o grausahmes verhängnus! in wasz vor ein betrübtes ungelück hastu mich augenblicklich gestürtzet ... hilff himmel! dich rufe ich an, errette mein leben von verzweifflung schausp. d. engl. comöd. 88 Creizenach; verzögere daher, könig, verzögere meine verzweiflung nur nicht (die ungewiszheit über d. schicksal als gefangener) Lessing 2, 359 L.-M.; die furcht des todes, die verzweiflung des völligen verlusts aller güter, endlich der anblick anderer elenden den standhaftesten muth niederschlägt Kant w. (1838) 9, 31;
bin ich zur verzweiflung nur erwacht?
Göthe I 1, 224 (braut v. Corinth) W.;
(sie fuhr) zu einer freundin, in verzweiflung sie seit zwei tagen nicht gesehen zu haben ebda 24, 143;
du kommst, mich der verzweiflung zu entreiszen
... nichts ist verloren, denn du bist noch mein
(worte des verlassenen königs)
Schiller 13, 197 (jungfrau v. Orleans) G.;
klapp, tat es einen schlag, die falle schlosz sich zu und ich war gefangen. meine verzweiflung kannst du dir denken (erzählt das mäuschen) Brentano ges. schr. (1852) 5, 169; wie nun der hunger bei ihnen so grosz ward, dasz die mutter ganz auzser sich und in verzweiflung geriet, sprach sie zu der ältesten (tochter) br. Grimm kinder- u. hausmärchen (1812) 2, 275; wie (in der nacht) die stimme des gebets und der verzweiflung, das sturmgeläute und der kanonendonner durcheinander ging Hebel w. 2, 150 Behaghel; in welche verzweiflung setzt mich diese tödtliche ungewiszheit Pückler briefw. u. tageb. (1873) 1, 430; Metellus, ein methodischer und etwas schwerfälliger taktiker, war in verzweiflung über diesen gegner, der die entscheidungsschlacht beharrlich verweigerte Mommsen röm. gesch. 3 (1800) 20; (er) hockte mittlerweile in seiner zelle, abgesondert von den andern verurteilten, erfüllt von finsternis und verzweiflung Feuchtwanger Nero (1947) 212; als er die unbeschreibliche verzweiflung der armen witwe so über sie hereinbrechen sah, verlor auch er seine gewaltsam feste haltung O. M. Graf unruhe (1948) 121. die verzweiflung erwächst aus der selbstanklage, der reue: (ein) vbelthäter ... der villeycht ausz anklag vnd verzweyflung eigner conscientz sich selber der weltlichen oberkeit straaff habe wöllen benemmen Stumpf Schweizerchron. (1606) 527ᵃ; statuen und altäre, die ihm (Sokrates) seine mörder nach dem tode aus verzweiflung aufgerichtet Zimmermann von dem nationalstolze (1758) 147; so macht ich mir selber die bittersten vorwürfe und rang oft beynahe mit der verzweiflung Bräker s. schr. (1789) 1, 211; dieses gesetz gibt ihr (der tat) ein eigenleben, eine macht, leben und sein zu formen oder zu zerstören, der gegenüber reue und verzweiflung ohnmächtig sind N. Hartmann ethik (1926) 2. ebenso aus dem gefühl der eigenen unzulänglichkeit: (er war) vielleicht der beste dichter des volcks, für welches er schrieb, und gantz gewisz die verzweifelung aller seiner nachahmer Ramler einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 1, 289; der künstler ... befindet sich heut zu tag in einem zustande von immerwährender verzweiflung; er sieht die vollkommenheit vor sich, und erkennt deutlich die unmöglichkeit, sie zu erreichen Heinse s. w. 4, 260 Sch.; ihre (der alten) schriftsteller sind die bewunderung des einsichtigen, die verzweiflung des nacheifernden Gervinus gesch. d. dt. dicht. (1853) 5, 86; die linie — die so oft die bewunderung, das studium und die verzweiflung neuerer bildhauer gewesen ist Justi Winckelmann (1866) 2, 2, 179. gelegentlich bezeichnet verzweiflung auch eine negative einstellung zum leben oder zu einem bestimmten problem und nähert sich bedeutungen wie 'resignation, skepsis, pessimismus': nach eines so groszen weltweisen (Newton) verzweifelung scheint es eine vermessenheit zu sein, noch einen glücklichen fortgang ... zu hoffen (in der frage der bewegung der planeten) Kant w. (1838) 8, 351 Hart.;
hier soll ich bangen, soll ich wähnen,
und hoffen in erneuter pein,
soll an verzweiflung mich gewöhnen
und gröszer als verzweiflung seyn
Göthe I 14, 321 W. (Faustmonolog);
auch die verzweiflung des in der endlichkeit befangnen und sich in ihr verwirrenden geistes ist eine dichterische idee W. v. Humboldt ges. schr. 5, 336 akad.; ein jeder hat seine gehörige dosis von verzweiflung im leibe, und erträgt sie jeder wie er kann Chamisso w. (1836) 5, 214; gleich übel berathen ist die verzweiflung, die das aufgibt, was bei allem wechsel seiner formen doch der unerschütterliche zielpunkt menschlicher bildung sein musz Lotze mikrokosmus (1856) 1, XIII; mir ist nicht zu helfen, sprach sie, mir bleibt nichts übrig als verzweiflung Holtei erz. schr. (1861) 15, 183; der bauer hatte auf erden keinen schutz zu hoffen als von der gnade seines herrn oder seiner eigenen verzweiflung Moltke ges. schr. (1892) 2, 95; so muss ein junger künstler das liebliche, das lockende der sünde, die gebrechlichkeit der welt und die verzweiflung aller creatur sehr tief und stark empfunden haben Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 3.
2)
das sprachliche empfinden stellt verzweiflung den begriffen der hoffnung, der zuversicht, vereinzelt auch des mutes, der tapferkeit oder freude gegenüber: es sei guͦt oder bösz ... es sei von hoffnung oder von verzweiffelung ... es sei zuͦ freuden oder zuͦ leid Keisersberg brösamlin (1517) 22ᵈ; zwischen hoffnung und verzweiflung schwebend Arndt s. w. (1892) 1, 102;
doch immer schreitet
die hoffnung leise der verzweiflung nach
Z. Werner d. 24. februar (1815) 120;
dardurch er den Carthaginensern wider ein wenig hertz gemacht, vnnd sie der vorigen verzweyflung entlediget Xylander Polybius (1574) 57; groszmuth (d. i. tapferkeit) und verzweiffelung können nicht in einer seele beysammen wohnen Ziegler asiat. Banise (1689) 455; unmännliche verzweiflung! rufen sie jenen muth zurück, der sie sonst über andere erhob theater d. Deutschen 1 (1768) 194. in anderer gegenüberstellung: und folget letzlich darauff (auf die schwärmerei) entweder verzweivelung, oder in den sichern rohen leuten vermessenheit Menius chron. Carionis (1562) 2, 46ᵇ. ebenso: sie hatten verzweiflung kennen gelernt in der not und frechen übermuth im glück G. Freytag ges. w. 17 (1887) 212. doch deckt sich verzweiflung durchaus nicht mit hoffnungslosigkeit, mutlosigkeit u. ä. sie kann sich mit verschiedenartigen gefühlen verbinden, die durch die innere oder äuszere not aufgewühlt werden, mit niedergeschlagenheit, miszmut, trauer, gram oder angst, furcht vor drohendem unheil. durch diese zugesetzten begriffe erfährt verzweiflung, das inhaltlich wenig scharf umrissen ist, verschiedenartige färbung, wie andererseits diese begriffe durch verzweiflung eine steigerung erfahren: so kompt ein freueler in kleinmuttikeit, in vortzweiffelung Eberlin v. Günzburg s. schr. 2, 54 ndr.; er seie mit groszen ängsten und schier in ainer verzweiflung von diser welt abgeschaiden Zimmer. chron. 3, 49 Barack; eine tiefe schwermuth, welche der verzweiflung gleichet neue sammlg. v. schauspielen (1764) 1, Samson 64; ihre jugendliche schönheit müszt'in trostloser einsamkeit vor gram und verzweiflung verblühen S. Gessner schr. (1777) 1, 165; sobald (er) auf deiner stirne mismuth und verzweiflung liest Knigge umg. m. menschen (1796) 1, 42; wo einer, unter groszer angst, oder verzweiflung, einen gewaltsamen tod erlitt Schopenhauer s. w. 4, 326 Gr.; und schon war die furcht und verzweiflung der meisten menschen dahin gekommen, dasz sie meineten, diesem manne (Napoleon) könne nichts widerstehen E. M. Arndt schr. (1845) 1, 237. üblich ist bange verzweiflung: entreisze dein herz der bangen verzweiflung J. H. Voss Odyssee 82 Bernays; die vielen jahre ... waren ihm so dahin geflossen in banger verzweiflung Aurbacher ein volksbüchlein 1 (1835) 6.
3)
das singuläre und von den genannten entgegengesetzten oder gleichartigen begriffen unterscheidende liegt bei verzweiflung darin, dasz es mehr grad- als inhaltsbezeichnung ist und als solche dazu dient, die höchsten steigerungen des seelischen schmerzes und die äuszerste grenze der inneren not zu bezeichnen, hinter der das nichts, der abgrund, die selbstaufgabe oder auch die rettende tat steht.
a)
schon dort, wo verzweiflung definiert oder zur definition anderer begriffe verwandt wird, tritt dieser zug hervor: ein hoher grad der traurigkeit über dem vorstehenden unglück heisset verzweiffelung Chr. v. Wolff vernünftige ged. v. gott (1720) 258; durch den höchsten grad des zweifels, den die Deutschen so richtig die verzweiflung nennen H. Heine w. (1861) 14, 206; die verzweiflung ist gepaart mit angst und schmerz und zwar beides in höchster steigerung Krünitz öcon. encycl. 220 (1854) 8; das resultat erhabner häszlichkeit ... hingegen ist verzweiflung, gleichsam ein absoluter, vollständiger schmerz Fr. Schlegel Griechen u. Römer (1797) 1, 171.
b)
in den literarischen belegen wird dieser charakter in wechselnder form sichtbar: die verzweifelung als die letzte raserey der unvernünfftigen unglücks-kinder stünde keinem ehrlichen manne, weniger fürsten an, und sie hülffe dem unheile nicht ab, sondern sie vergrösserte es, und machte aus einem zwey Lohenstein Arminius (1689) 2, 618ᵇ; wann man nicht die verzweifelung und der seelen höchstes leiden befürchtete, solte man eine viel härtere straffe ... einen solchen ... schelm ... anthun Riemer mediz. maulaffe (1719) 653; ach, entreissen sie mich der verzweiflung und dem untergang! Miller Siegwart (1777) 1, 177; wenn der skandal dazu kömmt und vielleicht gar meine eltern erreicht, so fühle ich mich nicht sicher vor der verzweiflung (1820) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 58 Schulte-K.; daher auch das häufige bild: grosze hoffnungen ... lagen wieder versunken in dem abgrund der verzweiflung E. M. Arndt s. w. (1892) 1, 99; bis zu dem schlimmen abend, der sie in einen abgrund der verzweiflung stürzte I. Seidel erbe (1954) 44. auch: das leben hatte ihn durch alle höllen der verzweiflung geschleift O. M. Graf unruhe (1948) 193; heute stürzt es (Deutschland), von dämonen umschlungen, über einem auge die hand und mit dem andern ins grauen starrend, hinab von verzweiflung zu verzweiflung Th. Mann Faustus (1949) 806.
c)
diese eigenheit kommt im verbum zum ausdruck in wendungen wie nahe an verzweiflung reichen, an verzweiflung grenzen u. ä.: (schmerz) der nahe an die verzweiflung reicht Herder 16, 87 S.; (da) übernahm ihn harm und bekümmernisz so sehr, dasz er der verzweiflung nahe war Musäus volksmärchen 1, 36 Hempel; die glocke schlug eilfe, meine ungeduld war bis zur verzweiflung gesteigert, ich hoffte nicht mehr, ich fürchtete Göthe I 25, 1, 194 W.; der rauch vermehrte sich, der zustand wurde unerträglicher, man kam der verzweiflung nahe ebda 52, 115; seit ich dich verloren, that ich schritt auf schritt in der leidenschaft und endigte mit verzweiflung Lenz ges. schr. 1, 65 Tieck; am folgenden tage ... stieg die angst des studenten schier bis zur verzweiflung Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 1, 186; daher gränzte jeder anfall von schwermuth dicht an die verzweiflung Schubart leben 1 (1791) 185; eine unglückliche zu retten, die der verzweiflung nahe sey Kotzebue s. dram. w. (1827) 2, 56; ich ward hypochonder, manche meiner stunden grenzte an verzweiflung Meinecke Boyen (1896) 1, 140. ans formelhafte grenzt bis zur verzweiflung: ich erinnere mich noch wohl wie einem alle menschen bisz zur verzweiflung imponiren, die aus Italien kommen Göthe IV 8, 150 W.; bis zur verzweiflung oft gehemmt Jacobi w. (1812) 1, 14; (darüber) hatte ich in diesen letzten jahren bis zur verzweiflung gelesen, disputiert Klemperer l. t. i. (1949) 153. als gradbezeichnung kann verzweiflung seinerseits wiederum eine steigerung erfahren: so gar ein kurtzer schritt war zwischen mir und der gäntzlichen verzweifflung Grimmelshausen 2, 515 Keller; (er) dreuet ... in höchster verzweiflung Gryphius trauersp. 17 Palm; gerade das sachlich geringfügigste bringt solches gemüth in die höchste verzweiflung Hegel w. (1832) 10, 310;
ständ ich an der verzweiflung letztem rande
Körner w. 2, 122 Hempel.
d)
auch in den üblichen verbalverbindungen in verzweiflung stürzen, bringen, setzen usw. spiegelt sich der charakter des wortes als grad- und grenzbegriff: dar umb die gancz stat in verzwyflung geseczet ward Steinhöwel de claris mul. 188 lit. ver.; wann durch das übel, so du an mir volbracht hast, was ich in ain verzweyflung kommen vnd wolt mich selbs erhangen haben (1509) Fortunatus 131 ndr.; daz es (das böse) uns nit in verzweifflung werff S. Franck sprichw. (1545) 1, 61ᵇ; (er soll) in verzweyflung gefallen sein J. Nas antipap. eins u. hundert 1 (1567) 25ᵃ; da er sahe, das er nit kunt essen vnd trincken on lust, da kam er in ein verzweiflung Pauli schimpf u. ernst 167 Öst.; (krankheiten) welche zudem, das sie schwerlich aufzurichten oder gar unhailsam sind, auch die menschen zu äuserster verzweiflung treiben Fischart w. 3, 79 Hauffen; Franciscus Spira ... fiel inn ein erschrockenliche verzweyflung Stumpf Schweizerchron. (1606) 119ᵃ; es (das gesetz) das gewissen ängstet, schrecket, und zur verzweiflung ... treibet Dannhawer catech.-milch (1657) 1, 58; bisz der satan ... den menschen in verzweiffelung stürtzt Schmidt rockenphilos. (1706) 1, 338; solche umstände brachten (ihn) von neuen zur verzweiffelung Hahn staats-, reichs- u. kayserhist. (1721) 3, 18; dieses müssen wir also so viel möglich schonen, ohne sie in verzweifelung ... zu sezzen Heilmann gesch. d. pelop. krieges (1760) 98; diese art von stolz gleicht in ihren würkungen der wuth eines tapfern mannes, der zur verzweiflung getrieben wird Wieland Agathon (1766) 2, 281; du kommst mich in verzweiflung zu stürzen Göthe I 8, 160 W.; durch ein ... unheilbares körperliches übel gepeinigt und zur verzweiflung gebracht ebda 7, 205; schreib ihm, dasz ich tausend blutige tränen, tausend schlaflose nächte — aber bring meinen sohn nicht zur verzweiflung ... ich sage dir, bring meinen sohn nicht zur verzweiflung Schiller 2, 23 G.; da er ... durch ungerechtigkeit und grausamkeit die gemüther seiner untergebenen bis zur verzweiflung trieb, schlugen sie ihn ... todt Klinger w. 3 (1815) 86; an einem sonntag ... übermannte mich die verzweiflung Pfeffel pros. versuche (1810) 1, 185; es ist viel, dasz ich bei meinen mancherlei unglücksfällen kein einziges mal in die eigentliche verzweiflung gefallen bin. aber ein groszer mann läszt sich sein schicksal nicht anfechten Tieck schr. (1828) 9, 294; ruinirte und zur verzweiflung gebrachte menschen Schleiermacher s. w. (1834) I 5, 20; der einfall der Hunnen stürzte ihn in verzweiflung Scherer lit. gesch. 24.
4)
bedeutungsschattierungen ergeben sich aus der sprachlichen umgebung des wortes, in der sich die äuszere erscheinungsform der verzweiflung widerspiegelt.
a)
nur vereinzelt und nur in jüngerer sprache verbindet sich mit verzweiflung die vorstellung lähmender mutlosigkeit, dumpfer hoffnungslosigkeit: diese enge, dieser lakonismus, dieses verstummen bringt uns den thurm, den hunger und die starre verzweiflung vor die seele Göthe I 40, 319 W.;
an der hoffnung liebesbrust erwarmet
starrende verzweifelung
Schiller 1, 210 G.;
leblose bilder des schmerzens und der stumpfen verzweiflung Klinger w. 3 (1815) 111;
die starrende verzweiflung liesz
nun von ihm ab
Schubart s. ged. (1825) 2, 41;
die äuszere kraft scheint ihn, so krank er ist, weniger verlassen zu haben, als die innere. in den zügen des gesichts ist die unthätigkeit der verzweiflung A. W. Schlegel s. w. (1846) 9, 39; die entsetzlichste angst und dann die trockne kälte der gleichgültigsten verzweiflung trieben ihn, die wilden schrecknisse des gebürgs aufzusuchen Novalis schr. 4, 218 Minor; aber gerade in ihrer gefasztheit hatte die schloszherrin ... etwas furchtbares, etwas, das Schwarzdorn gefrorene verzweiflung nannte J. Scherr novellenb. 3, 224 Hesse; die einen beteten, die andern rangen in stummer verzweiflung die hände W. Raabe s. w. I 6, 337; eine ohnmächtige verzweiflung packte die frau Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 108. auch: wie viel in solchem verhalten (der standhaftigkeit) ist verbissenheit, ist verzweiflung Rilke br. 2 (1950) 24; nun sasz sie also wieder auf seinem zimmer und verbisz ihre verzweiflung A. Zweig eins. e. königs (1950) 74.
b)
weit häufiger verbindet sich mit verzweiflung die vorstellung einer inneren krisis, die auf entladung drängt und durch äuszerstes wagnis einen ausweg aus der inneren not zu erzwingen sucht. neben dumpfer lähmender hoffnungslosigkeit steht tiefste erregung und höchste aktivität.
α)
sie ist begleitet von den zeichen äuszerster erregung: (so) spielte ich das desperat und fieng ausz verzweifflung an zu schreyen, als wenn man mich hätte ermorden wollen Grimmelshausen Simpl. 90 Scholte; übermannet endlich vom schmerz unterliegt er (Philoktet); er bricht aus — aber in töne der brüllenden verzweiflung, des wütenden geschreies Herder 3, 15 S.; der auffahrende sturm einer leidenschaft; ... ein übermannendes gefühl von rache, verzweiflung, wuth ebda 5, 7; der richter, der das recht bog, wird sein angesicht verhüllen, und der tyrann in verzweiflung heulen Lavater verm. schr. (1774) 2, 392; hätte sie gewartet, hätte sie die zeit wirken lassen, die verzweifelung würde sich schon gelegt ... haben Göthe I 19, 79 W.;
wenn gleich dem sturm
verzweiflung mich durchbraust
Schubart s. ged. (1825) 1, 48;
wenn ihn (den erdenpilger) verzweiflung wild umfängt
Matthisson schr. (1825) 1, 11;
verzweiflung fiel sie an wie ein reiszendes tier A. Supper auf alten wegen (1928) 115. daher ausbruch der verzweiflung: Immermann w. 1, 17 Hempel; Mommsen röm. gesch. 2 (1874) 27; von eruptionen einer körperlichen verzweiflung geschüttelt I. Seidel labyrinth (1922) 223; und das häufige wut und verzweiflung, ebenso wut der verzweiflung, wütende verzweiflung: die wuth, die verzweifelung, und was mit diesen leidenschaften übereinkömmt, können in keiner andern schreibart (i. d. musik), als in der hohen ausgedrucket werden Scheibe crit. musicus (1745) 127; Ajax voll wuth, voll verzweifelung Ramler einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 2, 146; wenn wir ... uns ... vor wuth und verzweiflung auf die erde werfen durften Göthe I 21, 40 W.;
sie wird von gräszlich wüthender verzweiflung
die seele retten
Schiller 12, 264 G.;
in der wut der verzweiflung J. H. Voss Odyssee 202 Bernays; er (überliesz) sich der wildesten verzweiflung Klinger w. 3 (1815) 230; in grimmer wut der verzweiflung E. T. A. Hoffmann s. w. 10, 24 Gr.; es gab stunden der wüstesten verzweiflung Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 324.
β)
sie gibt mut, löst ungeahnte kräfte aus und kann zur befreienden tat führen: der feind ist nicht zu hoch zu engstigen, dann es offt beschicht, das verzweiffelung keck machet Friedrich Wilhelm sprichwörterreg. (1577) d 2ᵇ; (die schafe) werden in verzweiffelung zu löwen oder füchsen Lehmann floril. polit. (1662) 2, 699;
mich schrecket nichts —
verzweiflung macht mich kühn
Collin Regulus (1802) 126;
verzweiflung gab mir neue stärke Grabbe w. 1, 122 Blumenth.;
ein weilchen gehts mit hartem muth,
wie noth ihn und verzweiflung leiht
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 49;
mit ihrer ganzen kraft, durch die verzweiflung des augenblicks verdreifacht O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 107. daher ist in scheinbarem gegensatz zu 2 u. 4 a auch die verbindung kühne verzweiflung möglich: dies fürchterliche ... einer kalten und kühnen verzweiflung Herder 22, 275 S. ganz üblich ist mut der verzweiflung: dem räuber ... würden sie noch jetzt mit dem muthe der verzweiflung entgegen gegangen sein J. G. Forster s. schr. (1843) 6, 254; mit dem mute der verzweiflung hieb er in die leckere pastete, ohne an ein aufhören zu denken G. Keller ges. w. (1889) 5, 18; nur in ermangelung eines bessern, in ermangelung des mutes der verzweiflung wird der ausgesprochene atheismus ... im allgemeinen vermieden Karl Barth Römerbrief (1926) 16. auch: in einem schrecklichen und wilden heroismus der verzweiflung Kahlenberg familie Barchwitz (1902) 171; schwung der verzweiflung A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 322.
γ)
auf der anderen seite ersteht aus ihr blinde vermessenheit: die vermessende kühnheit wäre ... eine tochter der verzweiffelung Lohenstein Arminius (1689) 1, 20ᵇ;
... das mittel (die rebellion)
ist fast so schlimm als die gefahr. es ist
verwegen wie verzweiflung
Schiller 5, 2, 329 G.
daher die feste vorstellung blinde verzweiflung: schrecken ist der vater der verzweiflung und verzweiflung ist blind Börne ges. schr. (1840) 2, 167; vernehm es, Zeus Kronion, und heile das volk von blinder verzweiflung Klinger neues theater (1790) 1, 4; in einer art von blindwütiger verzweiflung I. Seidel labyrinth (1922) 123. verblendung, nicht abwägen und überlegen, bestimmt die entschlüsse: verlasz diesen schröcklichen bund, den nur verzweiflung eingeht Schiller 2, 124 G.; gesetzt auch, gott suchte uns mit solchem elende heim, dasz uns die verzweiflung zu so unwürdigen hilfsmitteln triebe Brentano ges. schr. (1852) 5, 19; (der) könig von Madura ..., der seines reichs entsetzt und zur schrecklichsten verzweiflung getrieben, hier sein leben als gemeiner sclave kümmerlich zubringen musz J. G. Forster s. schr. (1843) 2, 423; noth und verzweiflung hatten friedliche fischer und seeleute in seeräuber, ihre boote in kaperschiffe umgewandelt Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 2, 23. verzweiflung ist schlieszlich der dämon, der in den untergang treibt: unterwegen komt in (den mönch) ein zagheit und verzweifelung an, fieret derhalben zu vnd sticht jnne zwo wunden in leib, vnd erhenckt sich im wagen Rätel Curäi chron. (1607) 450; biss die verzweifelung der eyversucht strick und messer ... darreichet Lohenstein Sophonisbe (1680) 5 (3. abhandl.); dem (dieb) ... eine solche verzweyfflung ahnkommen, dasz er sich von einem cabinet im zweyten stockwerck herunter gestürtzt Elisabeth Charlotte br. (1707 bis 1715) 165 Holland;
verzweiflung hätt den toren überrascht,
er hing sich auf
H. v. Kleist w. 1, 344 E. Schmidt.
δ)
formelhafte verbindungen wie aus (vor) verzweiflung, voll bzw. voller verzweiflung begründen die unüberlegte, verzweifelte tat: wann aber der hirtz ein gute weil gelaufen ... so verlasst er auss groser verzweiflung das gehäg vnd den forst Sebiz feldbau (1579) 586; don Ignatius Loyol, nachdem er in eim schlosz von den Frantzosen zwischen beyde bein geschossen worden, ausz verzweifflung ein newen orden angefangen habe Fischart binenkorb (1588) 19ᵇ; als wenn mancher aus verzweiffelung in die lufft gestochen hat, gleichsam als wollte er gott erstechen Prätorius anthrop. pluton. (1666) 2, 13; daher sie (die gefangenen christen) ausz verzweifflung den pulverthurn im schlosz angezündt Schweigger reyszbeschr. (1619) 88; aus verzweiflung (sei er) in einem kahn allein auf die stürmische see gefahren O. Jahn Mozart (1856) 4, 165; Tacitus ist monarchist, aber aus not, man könnte sagen aus verzweiflung Mommsen reden u. aufs. (1905) 148. besonders häufig, ganz dem extremen bedeutungscharakter von verzweiflung entsprechend, von der selbstvernichtung: die klöster braucht man an statt der bei den heiden geheiligten felssen, darüber sich die leut ausz verzweiffelung stürtzen mochten Fischart Garg. 437 ndr.; gleich wie jn (Saul) gott vor erhoben hett, also stortzet er jhn darnach wider herunder, das er sich für verzweyfflung selb erstach Luther 52, 488 W.; ich muss mich vor verzweifelung auffhencken engl. comedien u. tragedien (1624) B 1ᵃ; er hätte aus verzweiflung sich selbst in gefahr gestürzet A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 250; ein dürftiger, der in verzweiflung sich schon knüpfte den tod, fand das begrabene gold Herder 26, 54 S.; Germanicus wollte sich aus verzweiflung das leben nehmen M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 1, 80.
ε)
in den häufigen genitivverbindungen kommt bald die unter β, bald die unter γ aufgeführte art der anwendung zum ausdruck: doch ohne dieses mittel der verzweiflung verlier ich dich Schiller 15, 1, 53 G.; der ausspruch der verzweiflung, dasz alle staaten ... abzuschaffen seyen Haller restaur. d. staatswiss. (1816) 1, 27; es schien fast eine arbeit der verzweiflung zu sein, die sie da verrichteten Bücher arbeit u. rhythmus (1899) 211; was ich zu thun hatte, war auf den ersten blick klar, aber der entschlusz der verzweiflung gehörte dazu, es zu thun Barth Kalkalpen (1874) 491.
5)
in überhöhter ausdrucksweise auch stark abgeblaszt in der bedeutung 'innere unsicherheit, verwirrung, unruhe, ungehaltenheit, ärger, überdrusz', häufig in der verbindung zur verzweiflung bringen: indessen bringen mich auch diese schwierigkeiten (einer übersetzung Homers) noch nicht zur verzweiflung. auch hier wird das genie rath finden Herder 3, 133 S.; dasz er alles ... verneint und einen ... doch endlich zur verzweiflung bringt Göthe IV 27, 149 W.; mein blick mochte daher wohl etwas sehnsüchtig flimmern, als ich in verzweiflung über das unabsehbare philistergespräch nach den schönen Tiroler bergen hinaussah H. Heine s. w. 3, 224 Elster; die wunderbarsten und zierlichsten gebilde ..., welche meine konkurrenten zur verzweiflung bringen G. Keller ges. w. (1889) 1, 226; wenn langweile und verzweiflung in ihm (dem zuhörer) einen wunsch rege machen, kraft dessen er vor bangigkeit und ungeduld aus der haut fahren möchte Brunner erz. u. schr. (1864) 1, 29; die so genannte ähnlichkeit, einen höchst unbestimmten begriff, der uns oft zur verzweiflung bringt J. Schlosser präludien (1927) 228. zugefügtes epitheton unterstreicht den abgeschwächten sinn: ich schreibe ihnen in einer gelinden verzweiflung, liebe Louise A. v. Droste-Hülshoff br. (1893) 303; der Holländer war hierüber anfangs, so weit sein naturell dies zuliesz, in einige verzweiflung gerathen Immermann w. 2, 91 Hempel; eine gelinde verzweiflung fiel ihn an M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 1, 210; in halber verzweiflung fuhren wir weiter Moltke ges. schr. (1892) 1, 132.
C.
durch einen die richtung bestimmenden zusatz, gewöhnlich in der form verzweiflung an (mhd. auch mit nachfolgendem genitiv), erfährt verzweiflung, entsprechend verzweifeln B, eine einschränkung und änderung der bedeutung in dem sinne, dasz man den glauben, die hoffnung, die erwartung in bestimmter hinsicht (gänzlich) aufgegeben hat: so der mensch on rüw ist, so kümpt er in verzwyfflung an der barmhertzigkeit gottes Keisersberg bilgersch. (1512) 21ᶜ; dise fals lerer nemen dem menschen gantzen freyen willen ... durch solh verzweiflung des freyen willens werden die menschen laessig vnd vnfleissig im gotszdinst Berthold v. Chiemsee tewtsche theol. 268 R.;
und dasz auch krefftig auff uns schlagen
die verzweifflung an gottes gnaden
mit der ewign verdamnusz schaden
Hans Sachs 18, 163 lit. ver.;
es ist verzweiflung an seiner eigenen kraft (1780) Schiller br. 1, 19 Jonas; dies ist ... eine verzweiflung daran, das dasein der sünde mit der göttlichen allmacht zu vereinigen Schleiermacher s. w. (1834) I 3, 444; der in diese geheimnisse eingeweihte gelangt nicht nur zum zweifel an dem seyn der sinnlichen dinge, sondern zur verzweiflung an ihm Hegel w. (1832) 2, 82; Savonarola aber wurde durch dies gefühl ... nicht zur verzweiflung an der möglichkeit des heils getrieben H. Grimm Michelangelo (1890) 1, 98; die gröszte nachsicht mit einem menschen entspringt aus der verzweiflung an ihm M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 1, 5; das mönchtum, in seinem orientalischen ursprung ein ausdruck der verzweiflung an der kultur, wandelte sich im abendlande in ihr ausgewähltestes rüstzeug Dehio gesch. d. dt. kunst 1 (³1923) 40.
D.
zusammensetzungen, im 17. jh. bereits mehrfach bezeugt, werden seit dem 18. jh. häufiger und bezeichnen vor allem die inneren vorgänge der verzweiflung und ihre äuszeren erscheinungsformen:
verzweiflungsanfall m.
Schubart leben 2 (1793) 149; Hebbel w. 11, 249 Werner; J. Joachim briefe (1911) 1, 165; —
verzweiflungsangst f.
J. Rist bei Fischer-Tümpel 2, 185; Schiller 14, 302 G.;
verzweiflungsanstrengung f.
O. Ludwig ges. schr. (1891) 1, 217; —
verzweiflungsaufschrei m.
Alexis ruhe (1852) 3, 40; —
verzweiflungsausbruch m.
Werfel geschw. v. Neapel (1931) 370; Feuchtwanger Nero (1947) 121; —
verzweiflungsbrief m.
Ph. v. Zesen Ibrahim (1645) 1, 347; —
verzweiflungsfels m.:
(er ist) bis auf den höchsten punckt der ... brunst getrieben, die ihn ... stürtzen kan auf den verzweiflungsfels Lohenstein Cleopatra (1680) 2, 47; —
verzweiflungsfieber n.
Vischer auch einer (1879) 2, 328; —
verzweiflungsfrage f.
A. Stieglitz stimmen d. zeit (1834) 56; Scherr Blücher (1862) 3, 5; —
verzweiflungsgebärde f.
H. Heine s. w. 3, 334 E.;
verzweiflungsgebet n.
Fr. v. Sonnenberg Donatoa (1806) 1, 1, 47; —
verzweiflungsgeheul n.
Er. Francisci weh d. ewigkeit (1686) 717; —
verzweiflungsgeschrei n.
Hebbel w. 12, 61 Werner;
verzweiflungsgrab n.:
sie schlosse ihre hände creutzweisz zusammen ... zu zeigen, wie sie in das verzweiflungsgrab steige J. W. v. Stubenberg Samson (1657) 86; —
verzweiflungshasz m.
H. Heine s. w. 4, 222 E.;
verzweiflungskampf m.
Hölderlin ges. dicht. 2, 200 Litzmann; Hebbel w. 1, 96 Werner; Alexis hosen (1846) 1, 287; Mommsen reden u. aufs. (1905) 27; Meinecke Boyen (1896) 1, 199; Dvořak kunstgesch. (1929) 194; —
verzweiflungskraft f.
Widmann Arnold v. Brescia (1867) 53; —
verzweiflungsmittel n.
Schubart leben 1 (1791) 174; —
verzweiflungsmut m.
Bürger s. w. 52 Bohtz; Becker weltgesch. (1801) 6, 9; —
verzweiflungsnot f.
Woltersdorf neue lieder (1773) 43; Brentano ges. schr. (1852) 1, 258; —
verzweiflungsrasen n.
R. Wagner ges. schr. (1897) 8, 183; —
verzweiflungsruf m.
Raabe s. w. I 6, 67; —
verzweiflungsschrei m.
Raabe s. w. I 4, 408; Kürnberger siegelringe (1874) 297; Ad. Deissmann licht vom osten (1923) 170; —
verzweiflungsschritt m.
Gutzkow ges. w. (1873) 4, 304; Holtei erz. schr. (1861) 9, 8; —
verzweiflungssprung m.
Berlepsch Alpen (1862) 366; —
verzweiflungsstarr adj.:
verzweiflungsstarren blicks Gaudy s. w. (1844) 19, 53; —
verzweiflungsstreich m.
Peter Cornelius lit. w. (1904) 1, 661; —
verzweiflungsstrick m.,
s. u.;
verzweiflungstat f.
Schiller 14, 119 G.; O. Ludwig ges. schr. (1891) 1, 147; Raabe s. w. I 6, 328; Feuchtwanger Nero (1947) 320; —
verzweiflungsvoll adj.,
s. u.;
verzweiflungswort n.
M. Walther erläuterung d. proph. Daniel (1645) 1, 749; Pestalozzi s. schr. (1819) 2, 318; —
verzweiflungswut f.
Becker weltgesch. (1801) 8, 598; Grillparzer s. w. 5, 224 Sauer; Rosegger schr. (1895) III 4, 362.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 16 (1956), Bd. XII,I (1956), Sp. 2694, Z. 38.

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Zitationshilfe
„verzweiflung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/verzweiflung>, abgerufen am 06.07.2020.

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