vielerlei
Fundstelle: Lfg. 2 (1919), Bd. XII,II (1951), Sp. 219, Z. 55
über die zusammenrückungen mit lei im allgemeinen s. oben bd. 6, sp. 580. vielerlei wie vielerhand kann erst aufkommen, nachdem viel adjectivische flexion angenommen hat. vilerley haben, multigenus Dasypodius; das vilerley dings härfürbringt, multifer Maaler 448ᵈ; vielerley, et vielerhand, adj. et adv., multiplex, varius, multiplicatus, frequens, plusculus, multifarius Stieler 2371; vielerley, multifarius, multiformis, varius, multiplex, wie vielerley, quotuplex Steinbach 2, 894; Frisch 2, 400ᶜ; vielerley adject. indeclinab., 'von vieler art und beschaffenheit' Adelung; vgl. noch Fischer schwäb. 2, 1496, der bemerkt, dasz es nicht gebräuchlich zu sein scheint, wie auch viel nicht flectiert werde.
1)
die vorstellung, dasz vielerlei ein genitiv ist, schwindet, vielerlei wird wie ein adj., aber ohne flexion, einem subst. vorangestellt, das meist im plural steht, und bezeichnet verschiedene art, aussehen u. ä.: ein fürst musz vielerley diener haben Stieler 2372; mit vielerley waaren handeln Adelung; vylerley köch und mancherley speiss machen nit gesunden lyb Eberlin v. Günzburg schriften 1, 47 neudr.; vielerley, sagte der geist, als vielerley inventiones und einfälle ein poet in dem kopff hat Moscherosch gesichte (1650) 17; wer sich im anfange mit vielerley stylis verwirret Weise polit. redner (1677) 21; unsere erde ist vielerley revolutionen durchgegangen Herder 13, 21 Suphan; er bildete aus den vielerlei ideen mit farben der liebe ein gemählde auf nebelgrund Göthe 21, 47 Weim. ausg.; hier folgt nun umständliche nachricht von vielerlei ketzern 41, 1, 177; das fräulein jedoch schickte er fort mit vielerlei aufträgen Ebner-Eschenbach ges. schriften 4, 160;
eins tages ich ein weydman fragt
und bat in sehr, das er mir sagt,
wie vielerley thier er thet kennen
H. Sachs 7, 447, 5 lit. ver.;
wie
man vielerlei geschichten von ihr wüsste
Tieck schriften 1, 85;
neben mancherlei oder allerlei: dasz jetz ... vilerley und mengerley widerspän ... an allen orten erstond Zwingli deutsche schriften (1828 ff.) 1, 117; mit allerley und vilerley farben fäderen besteckt Gesner thierbuch (1563) 17.
2)
vor vielerlei mit folgendem substantiv im plural kann der bestimmte artikel stehen: ehe die vielerley geschichten in eine ziemliche ordnung zu bringen gewesen Schnabel insel Felsenburg, vorrede; besonders die vielerley waaren werden euch groszen spasz machen Göthe briefe 15, 65 Weim. ausg.
3)
tritt zu dem plural eine adjectivische bestimmung, so steht diese gewöhnlich zwischen vielerlei und dem subst.: zu allerlei herrlichen gottwohlgefälligen tugenden und erlernung vielerley nützlichen sprachen und künste Rist das friedenwünschende Teutschland 6; aus zu vielerley widerstreitenden elementen zusammengesetzt Göthe briefe 27, 15 Weim.
4)
die adjectivische bestimmung geht voraus: es ist eine grosze harmoney unerforschlicher vielerley stimmen, von allerley instrumenten, die vor dem heiligen gott spielen Böhme schriften (1620) 2, 65; mit vorhergehenden vielerley plagen unnd martern Moscherosch insomnis cura par. 15 neudr.
5)
steht vielerlei vor dem singular, so läszt dieser eine zerlegung in theile, eine betrachtung von verschiedenen seiten zu, er äuszert, bethätigt sich in verschiedener weise oder ist ein collectivbegriff oder ein wort, das keinen plural bildet: sie satzt sich mit mir zuͦ tisch, sie ergab sich mir, suͦcht vilerley red (sermonem quaerere) Boltz Terenz deutsch (1539) 43ᵃ; vielerley weinmäszig, wolgebrawet, glitzend, schmutzig, dunckel, dick, kleberig zith und bier Fischart Garg. 85 neudr.; wir wissen nicht, wie wir ... etwas sagen könnten, ohne herrn Schmid in vielerley absicht zu tadeln Gerstenberg rez. hamb. n. zeit. 112 neudr.; in vielerlei rücksicht aber würden wir diese zeiten nicht wünschen Herder 17, 66 Suphan; vielerlei prast liegt überall im zimmer umher G. Hauptmann die weber, act 5 bühnenanweisung.
6)
häufig steht vielerlei vor dem flectierten, substantivisch gebrauchten neutrum eines adjectivums: der aufsatz enthält vielerlei gutes; da kam dann vielerlei neues zum vorschein, was sich in diesem sommer zugetragen Holtei erz. schriften 1, 121.
7)
da der ursprüngliche sinn von -lei dem bewusztsein entschwunden ist, kann sich vielerlei mit wörtern wie art, weise verbinden; diese zusammenstellung ist sogar sehr beliebt: auf vielerley weise, multiformiter Stieler 2371; auf vielerlei art läszt sich dies machen Campe; die wunden desz halsz geschehent in vilerlay weise, und form Braunschweig chirurgia (1539) 52ᵇ; er suchte daher auf vielerlei art seinen tod Bürger 258ᵇ Bohtz; vielerlei art im genitiv nachgestellt: item nusse vielerley art Agricola sprichwörter A 6ᵇ; von bäumen und büschen vielerlei art beschattet Göthe 24, 239 Weim.
8)
vielerlei alleinstehend, zur bezeichnung vieler, verschiedenartiger dinge: ein garten, der vielerley trägt; es wird vielerley darvon geredet Stieler 2372; wer vielerlei beginnt, gar wenig dank gewinnt Wander deutsches sprichw.-lex. 4, 1638; so, gar, zu vielerlei; mit geschäfts- und weltleuten, die sich gar vielerlei aus dem stegreife müssen vortragen lassen Göthe 33, 33 Weim.; was giebt es? o vielerlei, gnädigste gräfin Fontane ges. werke 1. serie, 1, 219;
dann ehe der becher berürt die zeen,
kan vielerley dazwischen geschehn
Kirchhof wendunmut 1, 68 lit. ver.;
der weg aus meinem wald ist ziemlich weit
und vielerlei hab' ich im holz zu schaffen
Tieck schriften 2, 7.
9)
viel oder vieles wird mit vielerlei zusammen- oder ihm entgegengestellt: nennen sie mir einen andern schriftsteller, dessen seele im leichtesten spiel so viel und vielerlei mit gleicher anmuth, gleicher aufmerksamkeit umfaszt oder berührt hätte Herder 16, 414 Suphan; nichts übertriebenes wollend, aber viel und vielerlei wollend Göthe 20, 15 Weim.; kehre lieber die literarische regel (multum, non multa) um und esse vielerlei, aber nicht viel J. Paul werke 1, 313 Hempel; vielerlei und wenig einander gegenübergestellt:
die armen leute möchten uns langweilen.
sie sprechen vielerlei, und thun sehr wenig
Grabbe 2, 409 Blumenthal.
10)
zu alleinstehendem vielerlei kann der bestimmte oder unbestimmte artikel oder auch andere pronomina treten; es wird ganz wie ein substantiv behandelt, kann daher auch eine genitivendung annehmen: die wirkung des zerstreuenden vielerleis blieb nicht aus. zu vielerlei kann eine substantivische ergänzung im genitiv treten (s. unter 11): da die grosze mutter auf unsrer erde kein ewiges einerlei hervorbringen konnte noch mochte: so war kein andres mittel, als das sie das ungeheuerste vielerlei hervortrieb und den menschen aus einem stoff webte, dies grosze vielerlei zu ertragen Herder 13, 27 Suphan; glauben sie nicht, dasz dies viele mich zerstreut; in Detmold war's ein zehnmal gröszeres vielerlei Grabbe werke 4, 539 Blumenthal.
11)
eine genitivische ergänzung tritt in der sprache der gegenwart besonders dann zu vielerlei, wenn es mit dem bestimmten artikel oder andern demonstrativen verbunden ist: das vielerlei des groszstadtlebens; dieses vielerlei der meinungen; unbestimmter artikel: ein vielerlei von schmucksachen, ein vielerlei zierlicher schmucksachen. die ältere sprache setzt den genitiv zu alleinstehendem vielerlei: das vilerley dings härfür bringt, multifer Maaler 448ᵈ; damit man nehmlich an einem orte vielerley dinges bey einander habe Praetorius anthropodemus pluton. (1666) 1, 63. der genitiv wird vorausgestellt. diese verbindung ist auch jetzt noch in gewählter sprache anwendbar: es giebt dieser wieseln an farbe zwar vielerley Göchhausen notabilia venatoris (1741) 60;
man zohe drauf zu holz mit einem jägerschrei
und blies, wie bräuchlich ist, der hörner vielerlei
Opel-Cohn dreiszigj. krieg 279;
diesz und des guten vielerley
that Pius uns
Blumauer ged. (1785) 130.
12)
in prädicativer stellung, adjectivisch: waren nun die zuschauer unzehlbar; so war ihr urthel auch gewisz vielerley Lohenstein Arminius 2, 947ᵇ; substantivisch: die Nathusiusse sind viel und vielerlei; sie sind ... fromme leute, literarische leute, landwirtschaftliche leute, politische leute Fontane ges. werke 1. serie, 4, 272. —
Zitationshilfe
„vielerlei“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/vielerlei>, abgerufen am 23.08.2019.

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