virtuos adj.
Fundstelle: Lfg. 3 (1926), Bd. XII,II (1951), Sp. 372, Z. 11
zur aufnahme im deutschen s. das folgende wort. vollendung im technischen können bezeichnend: eine virtuose und berühmte sängerin Amaranthes frauenz. lex. 48; (mit französ. endung) ein virtuoeser musicus Baron instrument d. lauten (1727) 140; der virtuose schauspieler O. Ludwig ges. schr. 5, 159. von der leistung: ein virtuoses spiel (musik oder schauspiel), virtuose pinselführung, doch auch virtuoses bild, virtuoses stück (in der musik); alles klatschte ... dem virtuosen schwerthiebe beifall Fontane ges. w. I 5, 33. adv.: sehr virtuos gemalt Stifter w. (1901ff.) 14, 97.
virtuose, virtuos m
Fundstelle: Lfg. 3 (1926), Bd. XII,II (1951), Sp. 372, Z. 22
aus it. virtuoso, seit dem ende des 17. jhs. aufkommend: un virtuoso ein tugendbegabter, wird in Italien von sprach- und exercitienmeistern, poeten, operateurs, alchimisten, musicanten, mahlern, bildhauern und dergl. gesagt; un gran virtuoso, ein groszer, hochbegabter künstler, item ein hochgelehrter Kramer ital.-d. wb. (1693) 1258. in ital. form: ich will dich nur zu einem gröszern virtuoso machen Wieland 29, 24 (1840); virtuose musicus qui vix habet parem Apinus gloss. (1728) 545; artzeneien, deren sich so genannte virtuosen ... zur erhaltung ihrer schönen stimmen bedienen Mattheson vollk. capellmstr. (1739) 98; virtuose, eine person, die in einer gewissen kunst und wissenschaft andre übertrifft, und darin excellirt Jacobsson technol. wb. 4, 546ᵇ; Kinderling dagegen übersetzt virtuose durch tonkünstler (reinigk. d. deutsch. spr. 226, 1795). die verkürzte form ist sehr häufig geworden:
seid ihr wohl gar ein virtuos (: grosz)
Göthe 14, 105 W.;
bin ich gleich kein groszer virtuose (: prose)
Jung-Stilling schr. (1835ff.) 2, 379.
1)
das wort hat seinen gebrauch in sehr eigenthümlicher weise verändert. als grundbedeutung gilt jetzt durchaus die musikalische; wenn virtuos auch in freiester weise auf alle möglichen gebiete übertragen wird, so empfindet man doch immer die engere bedeutung mit, und diese wird ohne weiteres angenommen, wenn keine nähere bestimmung dabei steht. ferner kann sich die bedeutung in neuerer sprache leichter verschlechtern. ansätze zur verschlechterung sind von anfang an da, als vom italienischen her die vorstellung des zurschaustellens des könnens sich leicht mit dem worte verbindet. in älterer sprache wird virtuos dem dilettanten als künstler von beruf und nach seiner überragenden leistung gegenübergestellt: ein virtuos unter liebhaber Göthe 17, 98 W.; Anna: ich liebe die dilettanten nicht. assessor: es kommt nur auf sie an, mich zum virtuosen zu machen Bauernfeld ges. schr. 2, 224. das ist auch heute möglich, aber sehr oft wird gerade in neuerer zeit der virtuos dem künstler gegenübergestellt, als der zwar das technische in aller vollkommenheit beherrschende, aber der auffassung und des genius ermangelnde.
2)
so erklärt es sich, dasz der prägnante gebrauch früher ganz andere sinnesfärbungen zeigt als später: Wieland setzt das wort direct in beziehung zu virtus:
ich scherze nicht; ihr virtuosen, rathet.
10, 100 (1839).
kurz vorher:
und nun, setzt euch an seine stell',
ihr Epikteten, ihr Sokraten.
99
(vgl. 9, 70: virtuosen = enthusiasten der tugend s. unten virtuosität). mit einbeziehung der ausbildung in wissenschaft und kunst, die zum begriff des edlen menschen gehört: er (Wieland) will uns bereden, dasz die Griechen den Shaftesburyschen begriff eines virtuosen durch ihr καλος κἀγαθος ausgedruckt hätten Lessing 8, 22 M.; Shaftesbury, indem er die ethische bedeutung des in der kunst geschulten geschmackes betont, sagt: thus are the arts and virtues mutually friends: and thus the sciences of virtuosos, and that of virtue it-self, become in a manner, one and the same characteristics 1, 338 (1714). vgl.: the virtuosi or refined wits of the age ... the real fine gentlemen, the lovers of art and ingenuity 3, 156. der einflusz Shaftesburys ist im deutschen sprachgebrauch des 18. jh. deutlich zu erkennen, wenn auch die definition nicht festgehalten wird; bedeutsam ist, dasz der edle sinn des wortes hier eine stütze findet. es wäre zu wünschen, dasz ... jeder virtuose und dilettant ihn (Homer) in dem göttlichen grundtexte selbst ganz verstehen ... möchte Bürger 175 Bohtz. Hamann (schriften 4, 366) nennt Persius einen virtuosen, ebenso aber auch Voltaire (248). meister der dramatischen dichtkunst: da wir einmal unläugbar den griechischen virtuosen weder unter den Franzosen, noch unter den Spaniern ... wieder erkennen Gerstenberg schlesw. litbr. 113 LD; ebenfalls auf die dichtung bezogen: den gebrauch, den die virtuosen von den begriffen der ursache machen, um die wirkungen dadurch schicklicher vorzustellen Lessing 17, 115 M.; was die Gottschedianer, Schweizer und neuere virtuosen der deutschen sprache für gestalt geben Herder 1, 137.
3)
im engeren sinne vom ausübenden musiker; in älterer sprache weniger leicht als heute mit dem tadelnden nebensinn des äuszerlichen könnens. virtuose, 'in besonderer bedeutung, ein tonkünstler, jedoch nur im höheren sinne' Campe erg. wb.; die verschlechterung des sinnes geht über die zwischenstufe des reisenden concertierenden sängers oder instrumentalisten (s. unten die stelle aus Heine). noch näher bestimmt: der schauspieler, der musikalische virtuos z. b. spielen unter der bedingung der bezahlung Müllner dram. w. (1828) 8, 10; auf einen berühmten virtuosen, der aber allemal zu lange spielte Weichmann poesie d. Niedersachsen 2, 257; (in der musik musz) eine jede verbindung ... ihren gewissen grund, theils in der natur der thöne, theils in der absicht des virtuosen haben Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 428; der lehrmeister braucht zwar kein virtuos der ersten grösze zu sein Hiller anweisung zum gesange (1774) 28; was der mahler sehen muss, muss der virtuose hören Lavater phys. fragm. 3, 195; es waren virtuosen (hier = berufsmusiker), die sich bei Serlo gewöhnlich einmal die woche zu einem kleinen concerte versammelten Göthe 22, 77 W.; (schon mit nebensinn) die erfahrung lehrt dasz es immer besser ist sich mit virtuosen (ein italien. sänger) gleich auf einen entschiednen fus zu setzen IV 21, 282 W. verschlechtert:
das sind keine virtuosen,
die entweiht jemals für lohngunst
die musik, sie blieben stets
die apostel heil'ger tonkunst
Heine 2, 181 E.
4)
übertragung erfolgt in freiester weise, jemanden zu bezeichnen, der auf irgend einem gebiete das können bis zur denkbaren vollendung gebracht hat, können in körperlichem wie geistigem sinne genommen: in der hand des virtuosen ist aber der bogen auf der jagd weit zweckmäsziger als unsere feuerrohre Peschel völkerkunde (1874) 190.
5)
mit bezeichnung des instrumentes, das der virtuose beherrscht (vgl. geigen-, klaviervirtuose u. s. w.): einem virtuosen auf dem clavier Lichtenberg nachlasz (1899) 75; auf der laute J. A. Schlegel verm. ged. (1787) 1, 245; (Platen) ist dagegen meister geworden in der sprache oder vielmehr auf der sprache, wie ein virtuose auf einem instrumente Heine 3, 352 E.
6)
mit dem gen.: virtuose des gesanges; meist bei der übertragenen anwendung: virtuose der farbe, des sprechens, des stils, des reims u. a.: eben so, nur mit dem auge des verstandes und nicht der getäuschten einbildung sucht der virtuose der geschichte sich ein dramatisches ganze seiner begebenheiten auf Herder 5, 244 S.; die virtuosen dieses organs (des auges) 15, 308; ein virtuos des verbrechens Ranke s. w. 37, 34; ein virtuos der äuszeren erscheinung Justi Winckelmann 1, 252.
7)
oder mit in verbunden: jeder virtuos in den bildenden künsten Lessing 10, 177 M.; virtuosen ... im despotismus Heinse 4, 152 Sch.; man kann ein virtuos in der liebe sein und ein stümper in der ehe bleiben Bauernfeld ges. schr. 4, 6.
8)
das wort geht in neuerer zeit in zahlreiche composita ein, vgl. virtuoseneitelkeit, -laufbahn, -laune, -leistung, -mässig, -stück, -unwesen u. s. w.
Zitationshilfe
„virtuos“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/virtuos>, abgerufen am 24.05.2019.

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