vollbringen verb.
Fundstelle: Lfg. 4 (1932), Bd. XII,II (1951), Sp. 602, Z. 7
eines der im nhd. erhaltenen mit voll untrennbar verbundenen verben (s. voll 14). ahd. folla-, follebringen Graff 3, 200; mhd. volle-, vollenvolbringen, -brengen mhd. wb. 1, 251ᵇ; Lexer 3, 435; Jelinek 879; fries. fullbranga, -bringa Richthofen 770ᵃ; mnd. vul-, vullenbringen Schiller-Lübben 5, 550ᵇ; mnld. vol-, vulbringen, vollenbringen Verwijs-Verdam 9, 798. dän.-norw. fuldbringe ist aus dem nd. entlehnt; adagere volbringen Diefenbach 11ᶜ; complere vullen-, follen-, follebringen, -brengen 137ᶜ; vgl. 145ᶜ (consummare); exequi vullen-, vol-bringen, -brengen 216ᵃ; exigere 216ᶜ; explere 218ᶜ; finire 236ᵃ; patrare 416ᶜ; peragere 424ᵇ; perficere 425ᶜ; prosequi 467ᵇ; supplere 568ᵃ; promptificare vullen bringhen nov. gl. 305ᵇ; vollbringen, zum end bringen, perficere, conficere, consummare, exequi, expugnare cœpta, efficere Maaler 472ᵇ; vollbringen absolvere Stieler 245; Steinbach 1, 176; Adelung; Campe; vgl. noch Schmeller 1, 839; schweiz. idiot. 5, 722; Fischer 2, 1626. die volleren formen des ersten bestandtheils halten sich in das nhd. hinein: dester aufrechtlicher vollepracht und gehalten Lori baier. bergrecht. (1764) 84 (15. jh.);
bis wirs männlich vollebringen
Opel-Cohn dreiszigj. krieg 248.
weit häufiger ist die erweiterung vollen-: vollenbracht werden Keisersberg pater noster k 3; mein ampt ist volnpracht Luther 34, 1, 319 W.; wenn ein unglück geschehen und vollenbracht worden Pape bettel- u. garteteuffel (1586) q 1ᵃ; was nun ein esel nicht vollenbringen mag Prätorius philos. colus (1662) 25; auf dasz sein werck auch in uns vollenbracht werde Francke aposteltagspredigten (1746) 436;
und hatte mit groszer andacht
sein würdiges opffer voln bracht
Fischart ritter v. Stauffenberg v. 1358 H.;
weil uns kan hindern keine nacht,
sein lob zu vollenbringen
Grimmelshausen Simpl. 1, 28 Kurz;
eigenthümlich, angelehnt an den casus des subst.:
nach vollembrachten sterben
Rist neuer teutscher Parnasz (1652) 394.
aus vollen wird vollend (s. vollends): sein angefangen studiren ... vollendbringen Luther br. 3, 343 de W.
1)
die ursprüngliche bedeutung des verbums (vgl. vollführen) zeigt noch den begriff der bewegung: etwas ganz hinbringen (s. Graff 3, 200):
diu ros wurden træge,   ê si die brieve mohten vollebringen
Kudrun 599, 4.
daher auch mit persönlichem object:
und dô er sî vol brâhte
hin als er gedâhte
a. Heinrich 1055.
diese anwendung ist dem nhd. fremd; in folgender ganz dem lat. nachgebildeten stelle ist die vorstellung der bewegung noch wirksam: wann die glefen die wand volbracht uppiglich zeverwunden in die wand (lancea autem casso vulnere perlata est in parietem 1. Sam. 19, 10) d. erste dtsche bibel 5, 85.
2)
zu stande bringen, ausführen, fertig machen, leisten. die anwendung des verbums ist im entwickelten nhd., d. h. in der sprache der gegenwart auffallend eingeschränkt, nicht nur gegenüber dem mhd., sondern auch dem älteren nhd., nur in einzelnen fällen hält sich die freie art bis in die neuzeit. es ist daher auch nicht möglich, diese einschränkung, die schon Adelung bemerkt hat, sicher zu umschreiben. Adelung glaubt, dasz vollbringen sich vor allem mit solchen objecten verbinde, die 'im eigentlichsten verstande eine handlung bedeuten'. das trifft aber keineswegs zu. wendungen wie groszes, das ungeheure vollbringen sind für das nhd. charakteristisch, anderseits können, was Adelung selbst anführt, subst. wie krieg, schlacht, die doch eine handlung bezeichnen, nicht mehr mit vollbringen verbunden werden. ursprünglich liegt bei der anwendung des wortes entsprechend seiner bildung der ton darauf, dasz etwas ganz erreicht wird, eine handlung, eine arbeit, eine leistung bis zu dem abschlusse geführt wird, der dem vorsatze oder dem an sich gegebenen zwecke entspricht. nun ist es klar, dasz bei der nahen berührung von vollbringen, vollführen und vollenden das sprachgefühl eine abgrenzung der bedeutungsgebiete herzustellen versucht (über vollführen s. unter dem worte). vollenden betont durchaus nicht ursprünglich so den abschlusz wie heute, und anderseits konnte vollbringen durchaus in diesem sinne gebraucht werden. heute aber ist eine scheidung eingetreten: 'wir denken jetzt bei vollbringen an die ganze thätigkeit, die zu einem unternehmen aufgewendet wird, den beginn eingeschlossen. der ursprüngliche sinn (etwas schon begonnenes zu ende bringen = vollenden) erscheint noch in folgender stelle: ich wünsche ..., dasz sie (Schiller) ihn (den Wallenstein) dies jahr vollbringen mögen Göthe br. (3. 1. 1798) 13, 4 W.' (Paul deutsches wb.² 619ᵃ). an dieser stelle kommt etwas anderes von Paul nicht hervorgehobenes hinzu, das die wendung fremdartig erscheinen läszt, dasz vollbringen auf eine sache bezogen wird (s. unter 6 a); im älteren nhd. ist es nichts ungewöhnliches, dasz vollbringen im sinne von beendigen gebraucht wird: edormio auszschlaafen, den schlaaff vollbringen oder enden, erwachen Frisius dict. (1556) 459ᵇ; andere beispiele folgen unten.im entwickelten nhd. ist es natürlich nicht immer zu bestimmen, ob der ton mehr auf dem abschlusz oder zugleich auf der vorhergehenden handlung liegt, das erstere jedenfalls, wenn das part. prät. (s. unten 7) oder mit dem part. prät. umschriebene verbalformen gebraucht werden, doch gelegentlich auch sonst: sie vollbrachten ihre reise und sind jetzt im begriff rechenschaft von ihren entdeckungen zu geben J. G. Forster schr. (1843) 1, 3. — nach mittag umb iij. oder iiij uhr (wann der magen sein däwung vollbracht hat) Gäbelkover artzneybuch (1595) 28; nach dem die übergabe vollbracht war, zündete man das feuer in den minen an Bode Montaignes ged. u. mein. 1, 45; als dieses alles vollbracht war (erledigt) Göthe 25, 26 W.; (leser),) der ... nach dem ende schaut, ehe die erzählung vollbracht ist Gervinus gesch. d. d. dicht. (1853) 2, 39.
es hat mich schier das rabengsang
zu schreiben gar verdrüssig gmacht:
gott lob, ich hab es bald volbracht
Fischart dicht. 1, 70 Kurz;
und schlüpfeten, wenn dies vollbracht, zum ruhekabinette
Hölty ged. 28 Halm;
halt! der zauber ist vollbracht
Schiller Macbeth 1, 4;
wohl erfunden, klug ersonnen,
schön gebildet, zart vollbracht
Göthe 3, 115 W.;
vöglein, euer schwaches nest,
ist das abendlied vollbracht,
wird wie eine burg so fest
Brentano ges. schr. (1852ff.) 5, 33;
vollbringe, was du angefangen hast Stieler 245; viel anfangen und wenig vollbringen Adelung; angefangen ist halb vollbracht. der gebrauch des verbums ist freier, wenn es ohne oder mit unbestimmtem object angewendet wird. steht ein acc. bei dem verbum, so zeigt sich die einengung des gebrauchs im nhd. besonders darin, dasz die neigung zu bestimmten verbindungen auftritt und wiederum andere, früher beliebte fallen gelassen werden.
3)
durchaus der älteren sprache gehört die verwendung im rechtsgang an (vgl. Schiller-Lübben 5, 550ᵇ): in rechtlichen formen durchführen, beweisen. seget de man aver dat he vergulden hebbe, dat mut he vulbringen selve dridde Sachsensp. 1, 54, 3; of it up ine vulbracht wert (wenn es nachgewiesen wird, dasz es ihn angeht 2, 65, 1; den zweikampf durchführen: unde ne mach he vor unkraft sines lives denne dat kamp nicht vulbringen 1, 49; ganz aufbringen: and hi nelle nach ne mugi tha bote and thene fretho fulbranga Richthofen fries. rechtsquellen 118, 13. — aufbringen (geld):
das maniger in ain statt laufft
und seinem weib an chaufft
mer dann er volpringen mag
Hätzlerin s. 217ᵇ, 11.
4)
der gebrauch im nhd. mit seiner einengung gegenüber der alten sprache läszt sich am besten erkennen, wenn man die syntaktisch möglichen fälle der anwendung scheidet. der gebrauch ist freier, wenn das verb. ohne object gebraucht wird; durch gegenüberstellung eines andern verbums kann ein besonderer sinn betont werden. — ach herr, gib du dasz vollbringen Moscherosch insomnis cura parentum 59 ndr.; nun erst ist entschlusz da! vollbringen ist da Klinger (1809ff.) 1, 56; die freude am fremden und eignen gelingen und vollbringen Göthes gespr. 4, 210 B.; kein abschlusz, keine rundung, kein vollbringen ... halb, halb Fontane I 5, 102.
nur froher mut vollbringt
Grillparzer 8, 25 S.;
auszerordentlich oft werden wollen und vollbringen einander gegnübergestellt oder auch verbunden; hier bezeichnet vollbringen die ganze handlung, anfang und erfolgreichen abschlusz umfassend; diese paarung ist durch Röm. 7, 18 formelhaft geworden: als gibt gott das wollen und das vollbringen Harsdörfer secret. (1656ff.) 2, 482; ein entschiedener blick in die deutsche kunstwelt, ihr wollen und vollbringen Göthe br. 28, 157 W.; dasz unser vollbringen so unendlich weit hinter unserm wollen zurückbleibt O. Ludwig ges. schr. 2, 595;
wollen und vollbringen
sind dinge, die bey mir in keinem bunde stehn
Günther ged. (1751) 587;
ihr kanntet ihn, wie er im riesenschritte
den kreis des wollens, des vollbringens masz
Göthe 16, 167 W.
dagegen dem anfangen gegenübergestellt und dann den abschlusz der thätigkeit betonend: es ist liht an ze vahene, es ist aber muͤlich ze volbringen Seuse dtsche schr. 8 B.; nit alleyn antzuheben, frum seyn, sondern viel mehr kecklich darynnen fort gehen und volnbrengen Luther 10, 2, 399 W. und so in verschiedenen verbindungen und gegensätzen: hart in worten, grausam im vollbringen Harsdörfer frauenz. gesprächspiele 3, 93; aus wollen, tuhn, mitteln und folbringen entsprüsset die folkommenheit des gantzen werkes Zesen rosenmând (1651) 144; es seyn drey stuffen der sünden: das gelüsten: die einwilligung ...; und das vollbringen Butschky Pathmos (1677) 249; ich wolte lieber sagen, die jugend tauge nicht zum rathgeben, aber zum vollbringen Thomasius ernsthaffte ged. u. erinn. (1720ff.) 2, 169;
feurig wollen, trotzig ringen,
untergehn und nie vollbringen,
ist der alte grosze schmerz
Strachwitz ged. (1850) 235;
zwischen mögen und vollbringen
liegt bei uns des zauderns öde
Weber Dreizehnlinden (1907) 148.
5)
das object ist nicht unmittelbar ausgedrückt; auch hier bewegt sich die neuere sprache freier, als bei den verbindungen mit einem subst.nicht mehr gebräuchlich in dem sinne 'vermögen zu thun, zu leisten, etwas fertig bringen', wobei betont wird, dasz die handlung überhaupt möglich wird: so konnt ichs vor gelechter nicht volbringen Steinhausen privatbr. d. mittelalters 1, 117; etwas fruchtbarlich zu reden, mag ich nitt volbringen on sonder gnad manuale curatorum (1516) 59ᵃ; jedoch mit dem unterscheide, dasz das halbe glied, so bey dem einmarsch und ansetzung des gewehres rechts abgelaufen, jetzo solches bey wegnehmung des gewehrs lincks vollbringet v. Fleming d. teutsche soldat 243ᵇ. alterthümlich auch die zusätze mit dem werk, mit der that, der hand: darumb so bin ich nit ledig von der sünd, so ichs mit den werck nit volbring Eberlin v. Günzburg schr. 3, 92 ndr.; da ers doch wol mit der hand vollbringen mögen Hertzog die schiltwache a 5. ins werk setzen, zu stande bringen, durchführen u. s. w., mit betonung des erreichten abschlusses, doch meist die vorhergehende handlung, arbeit, leistung einschlieszend: daz du disz alles in geheim mugest volbringen Niclas v. Wyle translat. 29 lit. ver.; nach dem er solches vollbracht, fuhre er im ornat und zierde eines bapsts in die höfe volksbuch von dr. Faust 66 ndr. Br.; gott gibts, Christus erwirbts, der h. geist bestetigts, das wort verkündigets, die sacrament versiegelns, der glaub nimpts, die werck bezeugens, der jüngste tag eröffnets und volbringets Petri d. Teutschen weiszheit 1, c 6ᵇ; welches zue vollbringen sie (satyra) mit allerley stachligen und spitzfindigen reden, wie mit scharffen pfeilen, umb sich scheuszt Opitz poeterei 23 ndr.; alles was man thue, müsse man langsam und behaglich vollbringen Göthe 24, 277 W.; um es zu erkennen, habe ich verstand; um es zu vollbringen, kraft Fichte w. (1845ff.) 2, 259;
wat de duvel nicht vullenbringen kan,
dar moth he ein olt wyff to han
Husemann spruchsamml. nr. 64 Weinkauff;
leib, gut, ehr, blut
thun wir wagen, den feind jagen,
durch gott ringen,
bis wirs männlich vollebringen
Opel-Cohn dreiszigj. krieg 248;
er hats vollbracht, sie (universität Göttingen) steht, Georg Auguste,
sie blüht und ist schon grosz
Haller ged. 173 H.;
den schlechten mann musz man verachten,
der nie bedacht, was er vollbringt
Schiller 11, 305 (l. v. d. glocke 18) G.;
so lasz es gelingen
was wir vollbringen (hier deutlich ohne betonung des abschlusses,
ungewöhnlich)
Tieck schr. 2, 180;
auf einen untergeordneten satz bezogen: vollbringe, was du angefangen hast Stieler 245; dasz ich das nicht thue und vollenbringe, was ich an andere tadele Reinicke fuchs (1650) 277; vollbringe, was du denkst Hölderlin 2, 16 Litzmann;
mus also stäts der leib volpringen,
darnach das gemüt pflegt zu ringen
Fischart 3, 16 H.;
was nimmer möglich schien, hat doch sein witz vollbracht
Haller ged. 45 H.
da nun Jhesus den essig genomen hatte, sprach er, es ist volnbracht (τετέλεσται, vulg.: consummatum est, Tat.: gientot ist) Joh. 19, 30; anknüpfend: richte deinen sterbenden blick zum himmel, tochter; es ist vollbracht maler Müller (1811) 1, 108.
6)
mit unmittelbar ausgedrücktem object, in einer unerschöpflichen fülle von verbindungen, die aber nur theilweise dem entwickelten nhd. geläufig sind. eine sichere abgrenzung des neueren sprachgebrauchs gegen den älteren läszt sich nicht geben. mehr oder minder bestimmte gruppen von verbindungen treten hervor; der begriff des verbums: durchführung bis zum vorgesetzten abschlusz kann abgeschwächt oder schärfer betont werden, so tritt berührung ein mit vollenden, beenden, ausführen, in angriff nehmen, leisten, verrichten u. ä.
a)
etwas zustande bringen, vollständig, fertig machen auf sachliches bezogen; in älterer sprache von bauten, sie vollenden: da ward das rothaus zu Nuremberg volprocht bey keiser Ludwigs zeiten d. städtechron. (Nürnberg 15. jh.) 1, 348 (s. Lexer 3, 436); und volbrachten das haus, bis an dritten tag der monden Adar Esra 6, 15; es sei dann rhuͦmbs wert, das er mer herrlich dann notturfftig gebew volbracht Franck chron. Germ. (1538) 18; fieng er an zu stifften das closter Stambs im obern Yhnthal, Cistercienser ordens, und volbracht solches anno 1275 v. Brandis landeshauptleute v. Tirol (1855) 22; dasz sie beyde die bäue, wo das rauhe wetter nicht hindert, meistentheils in monatsfrist vollbringen Prätorius winterflucht der sommervögel (1678) vortrab a 2ᵇ; erschaffen: dorum himel und erde wurden vollebracht erste deutsche bibel 3, 48 lit. ver.;
frawe, ez wart also gedaht,
e deu werlt burde vollebraht,
daz er sterben solte
Mone, schauspiele d. mittelalters 1, 34.
künstlerisches, literarisches werk: idea gestalt die einer im syn hat und vor, ee wan er das werck macht oder ee er das volbringt Diefenbach 284ᵃ; exegi monimentum aere perennius, ich hab ein ewig wärend werck vollbracht, ein buch vollendet, das mir ein ewige gedächtnusz wirt bringen Frisius dict. (1556) 834ᵇ; als bald ich aber aine oder zwo translacionen volbracht Niclas v. Wyle translat. 8 lit. ver.; ich halte was man wetten will, dasz Pindar selbst, im zwange des Horazischen metrums, keine einzige seiner göttlichen oden würde vollbracht haben Kretschmann (1784ff.) 1, 18; ja, dieser Faust, den er in seiner jugend erfasste, im reifen alter vollbrachte Göthe 41, 2, 191 W.;
daz mir got der sinne gan,
daz ich ez (das gedicht) vollebringen kan
Rudolf v. Ems Barl. u. Jos. 4, 35;
schaw, ich bin fraw phantasey,
die ich dir offtmals wohne bey,
und helff vollbringen manch gedicht
W. Spangenberg ausgew. dichtungen (1887) 55.
der erste actus ist nun vollbracht
(hier zugleich die handlung selbst bezeichnend)
Göthe 16, 28 W.
vollenden:
kaum reicht ein langer sommertag,
ihr loblied zu vollbringen
Bürger 16ᵇ Bohtz.
zustande bringen, ins werk setzen, so dasz etwas vollständig und der absicht entsprechend ist, frei in älterer sprache: ohne zahl mag kein musicus seinen gesang vollbringen Riese rechenbuch (1581) 2ᵇ;
ein vögelein
so seinen sang vollbringet
bei mon- und sonnenschein
Spee trutznachtigall (1649) 2;
sol ich auch mein drey zetergeschrey volbringen, wie gebreuchlich ist Krüger spiel von d. bäur. richtern (1884) 106 B.hervorbringen: (der mond) vollbringt durch stätigs zuͦ und abnemmen die monatzeit Ryff anatomie a 2ᵇ; üben:
so wie der thiere witz nur eine kunst vollbringet,
die spinne nichts als webt, die lerche nichts als singet
Kästner verm. schr. (1783) 1, 118.
beachte noch folgende dem jetzigen sprachgebrauch fremde verbindungen: gottis reych wirt durch kein gesetz volbracht oder regulirt Luther 15, 725 W.; der, mit dem sie ihren ehestandt vollnbringet schauspiele engl. comöd. 194 Creizenach; niemals konnte er sich mit der art befreunden, wie man in Frankreich die ehe ... als ein handelsgeschäft, mit geburt und reichthum marktend, vollbrachte Dahlmann franz. revol. (1845) 28. — der bapst allein geistliche und nit weltliche empter vollenbringe (solle sie allein einrichten dürfen) Murner an d. adel 35 ndr.in eigenthümlicher anwendung: wesz ist diese schuld? allein desz himmels, der in diesen menschen also ist, in diesen also, der den also fürt, und die artzney also in dem, also in dem vollbringt (zur wirkung bringt) Paracelsus opera (1616) 1, 244 b H.
b)
in älterer sprache braucht man den gottesdienst vollbringen nicht nur in dem sinne, ihn zu ende führen, sondern auch, ihn abhalten: sacra conficere den gottsdienst vollbringen und auszrichten Frisius dict. (1556) 290ᵃ; Maaler 472ᵇ; ward da vil gotzdienst volbracht Fortunatus 96 ndr.; nach vollbrachtem gottesdienste Schnabel insel Felsenburg 79 U.;
sind das geistlich, prelatisch berden,
wen die bischoff jäger werden,
und die hund die mettin singen,
mit hülen den gotzdienst volbringen?
Murner schelmenzunft 61 ndr.;
wenn es (das volk) an feyertagen
den gottesdienst vollbracht
Gottsched versuch einer crit. dichtkunst (1751) 37.
messe, amt u. ä.: do das ampt und lobgesang volbracht was Fortunatus 54 ndr.; daz du (Luther) aber vermeinst, sie (jarzeit, begencknisz, seelmesen) werden geschnattert und on andacht vollenbracht Murner an d. adel 44 ndr.;
dô diu messe wart volbrâht
Lohengrin 2411;
gebet, tagzeit, beichte: die münch muͦsten wircken und muͦsten arbeiten und muͦsten ir tagzeit volbringen summerteil d. heyligenleben (1472) 5ᵃ; ob er ein gantz jar vastete mit wasser und brot und vill beet volbrächt Keisersberg granatapfel (1510) f 2ᵇ; czalamat heist das still gepet, sitzendt ym circkel volpracht Franck beschr. d. Turckey (1530) f 2ᵇ; er hett seine betestund noch nicht vollenbracht Reinicke fuchs (1650) 44;
wir finden in yetz in dem garten,
da er volpringt sin gebet
schauspiele des mittelalters 2, 265 Mone.
das gebet vollbringen, in ganz anderem sinne, das im gebet ausgesprochene verlangen, erfüllen:
dein gebet
soll meine sorge zu vollbringen seyn
(ἐμοὶ δέ κε ταῦτα μελήσεται, ὄφρα τελέσσω Il. 1, 523)
Bürger 148ᵇ Bohtz;
nun wölle got, das disz gebeet an mir volbracht werd Fortunatus 78 ndr. neben ein opfer darbringen besonders in älterer sprache auch ein opfer vollbringen, wobei das gewicht auf der handlung liegt; das part. zur bezeichnung des abschlusses wird jetzt eher angewendet (das opfer ist vollbracht, nach vollbrachtem opfer). — ein opfer vollbringen perpetrare sacrificium Steinbach 1, 176; seine opffer wurden teglich zweimal volbracht Sir. 45, 17; den rechten arm streckt er mit dem messer aus, um das opfer zu vollbringen A. W. Schlegel 9, 44;
oder wir haben nit vollbracht
die hundertfeltig opfferschlacht (ἑκατόμβην)
Spreng Ilias (1610) 3ᵃ;
als sie ihr opfer vollbracht, und nach verlangen getrunken
(αὐτὰρ ἐπεὶ σπεῖσάν τε πίον θ', ὅσον ἤθελε θυμός)
Vosz Od. 3, 342 Bernays.
c)
bittgang, wallfart: procedere den cruczgang volbringen Diefenbach 461ᵃ; hab eyne loebliche pylgrymmacie vollenbraicht v. Harff pilgerfahrt (1860) 1; fürbas zuͦ gon syn walfart und die volbring zuͦ einem guͦten end Keisersberg bilgersch. (1512) 16ᵇ; in freiem sinne: nun lasz mich aber ... dir glück wünschen, dasz deine wallfahrt vollbracht ist Göthe br. 37, 136 W. in verbindung mit reise, fahrt, lauf und fortbewegung aller art; hier ist auch die neuere sprache beweglicher, und besonders ist die verbindung mit lauf häufig: sein reisz vollbringen, die fart auszrichten Maaler 472ᵇ; also namen sy urlob von dem abbt und fiengen an ir raisz zuvolbringen Fortunatus 49 ndr.; (hat) seine reise nuhmehr bis nahch Parihs folbracht Zesen Rosemund 22 ndr.; dasz die beabsichtigte frühlingsreise könne vollbracht werden Göthe br. 38, 99 W.;
alsdann zeigt nach vollbrachten reisen
sich beyden eine bahn zu rühmlicher gefahr
v. König ged. (1745) 101;
und es (schiff!) eilte dahin durch die fluth, und vollbrachte die reise (διαπρήσσουσα κέλευθον Il. 1, 483)
Bürger 192ᵃ Bohtz.
auch die zurückgelegte wegstrecke kann object sein, allein oder mit einem wort der bewegung verbunden: viam persequi einen wäg oder fart vollbringen Frisius dict. (1556) 990ᵇ; trib damit die ross, welche geschwind lauffende den weg volbrachten Schaidenreiszer Od. (1537) 24ᵃ;
da ward er wider lüstig drauff,
zu vollnbringen sein weg und lauff
Fischart 1, 183 Kurz;
und so vollbracht es seine bahn (das schiff)
(διαπρήσσουσα κέλευθον Il. 1, 483)
Bürger 148ᵃ Bohtz;
leicht wird des weges rest vollbracht
A. v. Droste-Hülshoff 2, 71 Cotta.
von der bewegung der erde, der himmelskörper, der zeit vollbringen mit lauf, doch auch andern ausdrücken verbunden): circumagitur orbis xxiiii horarum spatio vollstreckt oder vollbringt seinen lauff Frisius dict. (1556) 223ᵇ; (mond) der in eim monat ... seinen lauff gantz vollbringt Sebiz feldbau (1579) 47; dasz der 8te himmel samt allen gestirn seinen lauff in vier und zwantzig stunden volbringet Prätorius Blockesberges verricht. (1668) 419.
horch — die gloken weinen dumpf zusammen,
und der zeiger hat vollbracht den lauf
Schiller 1, 226 G.;
und zwölfmal dreyszig mond in fremdem glanz
vollbrachten um den erdball ihren tanz (bild nicht bei Shakespeare)
Hamlet 3, 2;
vom menschlichen lebenslauf, in neuerer sprache besonders mit dem hinweis auf den abschlusz: guͦten streyt hab ich gestritten, meinen lauf hab ich volbracht und glaub gehallten Berth. v. Chiemsee theologey 28 R.;
Louyse hat den lauf vollbracht,
uns war zum abendmahl geblasen,
ihr zur vollendungsmitternacht
v. Zinzendorf teutsche ged. (1766) 213;
o mensch, der du den lauf vollbracht,
und gehest ein zur kühlen nacht
W. Müller ged. 127 H.
laufbahn: wer auf seine vollbrachte laufbahn aufmerksam zurückschauet v. Knigge roman meines lebens (1781) 3, 43. — in anderer vorstellung: und so wäre der kreislauf ihrer betrachtungen vollbracht A. W. Schlegel 9, 90. — eigenthümlich:
der fünffte löset ihr den leibes gürtel auff,
weil nun die jungfrauschafft vollbracht hat ihren lauff
Kirchner bei Zinkgref auserlesene ged. 30 ndr.
vgl. noch folgende verbindungen: das die Römer schon sicher die schiffart vollbracht Xylander Polybius (1574) 21; ein lobspruch, von der glücklichen und wolfertigen schiffart, einer burgerlichen gesellschafft ausz Zürich ... gen Straszburg, ... nicht vil erhörter weis vollbracht Fischart glückh. schiff, titel; (dasz der römische feldherr) solchen triumph mit weiszen pferden vollprachte Garg. 193 ndr.; die täntze wurden mit groszem tumult vollbracht Chr. Weise erznarren 158 ndr.
wer wird mich zwingen
solchen sprung ins meer zu vollbringen
griech. dramen 1, 257 lit. ver.;
du selbst vollbrachtest diesen übergang
Grabbe 3, 421 Bl.
d)
vorzugsweise der älteren sprache gehört an die verbindung mit krieg, heereszug, schlacht: dieser mannliche keyser welcher zwo und sechzig feldschlachten mehrtheils mit sieg vollbracht Zinkgref apophthegmata (1628) 26; (ein potentat) hätte auch hingegen keines (reich) verlohren, als wenn er den krieg durch befehlshaber vollbringen lassen v. Fleming teutsche soldat (1726) 263; weil sie jenen heereszug, den der ausdrückliche buchstabe der heiligen schrift auf sehr viele jahre hinausdehnt, in kurzer zeit v. läszt Göthe 7, 171 W.;
Friedrich selbsten voller freuden,
als die schlacht itzt war vollbracht,
thät ihm gleich entgegen schreiten,
hat ihm sein compliment gemacht
v. Ditfurth einhundert hist. volksl. d. preusz. heeres 11.
dagegen in freiem sinne mit betonung des abschlusses:
so freut euch nun, ihr mürben glieder:
der lauf ist aus, der kampf (des lebens) vollbracht
Günther ged. (1751) 112.
e)
veraltet ferner ist die beziehung auf festlichkeiten, mahlzeiten u. ä.: welche hochczeit bede zu Nüremberg in groszer kostlicheit volbracht wurden d. städtechron. (Nürnberg 15. jh.) 3, 273, 4; entschlossen sie sich eben auff derselben kampffmartischen walstatt auch die abendzech zu vollbringen Fischart Garg. 123 ndr.; setzet sich Clawert zu des hauptmans knechten, schweig still und gedachte die malzeit zuvolbringen Krüger Clawerts werckl. hist. 61 ndr.; kein götterfest kann ohne wohlthun vollbracht werden Nicolai Nothanker 1, 202; und so vollbrachten sie ihr kleines mahl von brod und äpfeln Immermann 3, 64 B.;
es ward kein hochzeit je vollbracht,
es werd eine newe dabey gemacht
Petri d. Teutschen weiszheit (1604ff.) 2, d d 3ᵃ.
vgl. noch: und ward da grosze freud volbracht mit tantzen, singen und kostlich saitenspill gehört Fortunatus 71 ndr.; also ward der weinkauff in allen sprüngen und freuden vollbracht grillenvertreiber (1670) 127.
f)
das object ist ein zeitbegriff; mehr der älteren sprache gehört es an, wenn vollbringen im sinne unseres verbringen gebraucht wird, doch fehlt es nicht an beispielen aus der neueren zeit; beachte die belege aus Göthe; im allgemeinen aber liegt der ton auf dem abschlusz, daher ist das part. prät. und die mit ihm gebildeten verbalformen in verbindungen dieser art weit häufiger als die unumschriebenen. das abgeschlossensein der zeitspanne kann natürlich auch im gebrauch der älteren sprache zum ausdruck kommen: und dornach do viij. tag wurden volbracht, das daz kint wurde beschnitten erste d. bibel 1, 204 lit. ver.; (meint ihr,) das ich darumb nit wisse, wie euwer yetlichs dieweil hie sein leben volbringt Boltz Terenz (1539) 115ᵇ (quo quisque pacto hic vitam vostrorum exigat Hec. 216); (dasz er) sein zeit fast mit beschauen der gulden goltstuck und alten müntz ... vollbracht Fischart bienenkorb (1588) 233ᵇ; in diesem sinne hatte Lucidor seine schuljahre vollbracht Göthe 24, 130 W.; mit Zelter den vormittag vollbracht tageb. 5, 250; nach einem so lebhaft vollbrachten tag I 28, 5; habe ich den tag emsig und nützlich vollbracht Iffland theatral. w. (1827ff.) 4, 25; auch dünkte ihn dieser tag, als er vollbracht war, der schönste, den er bis jetzt erlebt hatte G. Keller ges. w. 6, 178;
der mensch, das kluge thier, pflegt zwar mit vielen dingen
die zeit, das kurtze pfandt des lebens, zu vollbringen
Opitz poemata (1645) 1, 23;
gott lob! es ist von meinen jahren das vier und sechzigste vollbracht
Brockes ird. vergnügen 8, 267;
was wäre zu thun in der herbstlichen nacht?
so hab ich doch manche noch schlimmer vollbracht
Göthe 1, 178 W.;
wir wollen aber ein herrlichs leben vollbringen
Meisl theatral. quodlibet 2, 61.
und ohne sein treuliebchen zu sehn,
sieben lange jahre hat er vollbracht
Arndt 6, 209 R.-M.
g)
antrieb, der von innen oder auszen kommt, in die wirklichkeit, in die that umsetzen; eigenen oder fremden willen vollbringen: sein lust und willen v., thuͦn was sein hertz begärt Maaler 472ᵇ; dann gott ist, der in üch vollbringt den willen Zwingli dtsche schr. (1828ff.) 1, 203; dein heiligster will von uns so wol vollbracht als erkant werden Dannhauer catechismusmilch (1657ff.) 1, 2; ich gehe des hertzogs willen zu vollbringen engl. comöd. 109 Creizenach; (ein reich, in dem) der wille gottes auf erden so willig und vollkommen vollbracht werde, wie ihn die seligen geister ausüben Herder 17, 299 S.;
wann einer ist ein böser man,
so sucht er ursach wo er kan,
damit er seinen willn vollnbring
Alberus fabeln s. 32 ndr.;
deinen willen
vollbringt sie allein (die walküre)
R. Wagner ges. schr. 6, 34.
prägnant: die frau sprach, du hast deinen willen mit mir volbracht, du muͦst mir meinen man erstechen Pauli schimpf u. ernst 155 B. mit verwandten begriffen verbunden: verlangen, wunsch, begehren, lust, gelüsten, mutwillen u. ä. auch hier ist die ältere sprache beweglicher in ihren verbindungen:
wær iwer gedanc volbrâht,
sone hetent ir niht wol gevarn
Hartmann Iwein 1494;
es zeigt sich besonders in der verbindung von vollbringen mit ausdrücken, die innere haltung oder stimmung bezeichnen (unkeuschheit, grimm, zorn): unkeuschait wirt nit allain mit wercken sunder auch mit worten und gedancken volbracht Albrecht von Eyb spiegel d. sitten (1511) c 4ᵃ; uff das er guͦt ursach het, seinen bösen muͦtwillen zuͦ volbringen Gebwyler beschirmung d. lobs Marie (1523) 32ᵃ; der herr hat seinen grim volnbracht klagel. Jer. 4, 11; wandelt im geist, so werdet ir die lüste des fleisches nicht volnbringen Gal. 5, 16; bisz der zorn volnbracht ist Sleidanus reden 34 lit. ver.; so geschah es in kürze, dasz mein wunsch vollbracht wurde Hafner ges. lustsp. (1812) 1, 34;
dan wan der stoltz nicht seinen muht
kan mit gewalt vollbringen
Wechkerlin ged. 2, 117 F.;
der todt vollbracht hat seine lust
Opitz teutsche poemata 137 ndr;
dasz er sein bös gelüsten nicht vollbracht,
hat gott und meine gute axt verhütet
Schiller Wilhelm Tell 1, 1.
prägnant wie oben seinen willen vollbringen mit: die unzucht mit einer vollbringen Kramer teutsch-ital. dict. 1, 165ᵃ (1700); fürhabens, seyn wollust mit ihr zuvolbringen Amadis 222 lit. ver.; wan sie in den häusern und auf den gassen offentlich ihren muthwillen mit ihnen vollbracht v. Chemnitz schwed. krieg 1, 159. in besonderer verbindung auf traum bezogen, insofern in ihm ein begehren enthalten ist:
die unschuld, die nur halb erwacht,
wann lieb und wollust sie erregen,
hat öfters manchen traum vollbracht,
den spröde sich zu wünschen pflegen
Hagedorn poet. w. (1764) 3, 37.
vorhaben, anschlag, ratschlag, gelübde u. ä. vollbringen: der wirst schlief aber nit, sondern er gedacht sein fürnemen zu v. Fortunatus 57 ndr.; und so muszte ich mein gelübde vollbringen Hauff w. (1890) 1, 70;
sy wil ouch leben in der gemein
und die dry gelübt volbringen
Murner narrenbeschwörung s. 89 ndr.;
befehl, geheisz, gebot, auftrag, wort, rat u. ä. vollbringen: eines andern befehl vollbringen Steinbach 1, 176; er volbracht das gebote und erschluͦg in erste d. bibel 4, 380 lit. ver.; so sie doch sein geheysz folbracht hetten Dürer unterweysung d. messung (1525) n 4ᶜ; bereit, den befehl ihres herren und schöpffers zu vollbringen Moscherosch gesichte (1650) 298; vollbringend die befehle Jehovahs Herder 26, 356 S.; und dann werde ich meinen auftrag vollbringen Göthe 43, 176 W.;
mitt ernst volbringen, mitt der that
din bott und gheisz
schweiz. schauspiele d. 16. jh.s 3, 155 Bächtold;
wenn dein gebot
nicht wird vollbracht,
was krieg und schlacht
uns denn für groszen jammer macht
Königsb. dichterkreis 117 ndr.;
anzubeten, eh er die befehle Jehovahs vollbrächte
Klopstock Messias 10, 1008;
wort als befehl:
geister, die gut und rein gehorsamlich dein wort
vollbringen
Weckherlin ged. 1, 368 F.;
vorausbestimmend: von stund an ward das wort volnbracht uber Nebucadnezar Daniel 4, 30. feststehende normen: gesetz, lehre, pflicht, recht vollbringen u. ä.: männer ..., die das recht vollbringen Hesekiel 23, 45; das von natur eine vorhaut ist und das gesetz volbringet Röm. 2, 27; die durch den glawb ... überwunden haben weltliche reich und volbracht die gerechtikait Berth. v. Chiemsee theologey 19 R.;
ich vollbringe meine pflichten
Knittel poet. sinnenfrüchte (1677) 22;
sein wort dringt durch das marck, die lehren sind vollbracht
Pietsch geb. schr. (1740) 132;
(wenn ihr) die ruhmlose pflicht christlicher milde vollbringt
Schiller 11, 44 G.;
vollbringt der elfen schönste pflicht,
gebt ihn zurück dem heiligen licht
Göthe 15, 1, 4 (Faust 4632) W.
in älterer sprache auch auf amt und stand bezogen, insofern sie pflichten auferlegen: officiari ein ampt volbringen Diefenbach 394ᵃ; damit die schergen ungeirret ihr ampt vollbringen möchten buch d. liebe 136ᵃ; mönchsstand: die conventbrüder, so alda den münchenstat nach S. Benedicti regul volbringen werdind Tschudi chron. helveticum (1734ff.) 1, 10; ritterdienst: dasz nieman schuldig ist ze triben und ze volbringen ritterschaft ane gebung sunderliches soldes bibl. ält. schriftwerke d. Schweiz I 1, 44; freier:
der her hat mit groszem wunder
seines lebens ampt volnbracht
Wackernagel d. kirchenlied 3, 80;
solch ein rächeramt vollbringend
Rückert (1867ff.) 1, 159.
bestimmte amtspflicht: (es soll) ir ieder sein wochen (seine wache) alle nacht ordenlich volbringen d. städtechron. (Nürnberg 1449) 2, 275, 24.
h)
für das entwickelte nhd. ist charakteristisch die beziehung auf das n. eines adj. (groszes, etwas groszes, das gröszte vollbringen): wollen habe ich wol, aber volnbringen das gute finde ich nicht Röm. 7, 18; wer mit den lippen deutet, volbringet böses sprüche 16, 30; wenn er seine lefzen zusammen beiszet, so vollbringt er böses Lavater physiogn. fragmente (1775ff.) 1, 23; naht sich mir das gräszliche, das fern auf mein geheisz vollbracht wird Göthe 13, 1, 347 W.; wenn es leicht wäre, etwas groszes zu vollbringen Arnim 8, 181;
war es mein arm gleich, der dieses wüthenden krieges
schwerstes vollbrachte (τὸ πλεῖον πολυάικος πολέμοιο Il. 1, 165)
Bürger 187ᵇ Bohtz;
der frevel hat sein ärgstes
vollbracht
Schiller Macbeth 2, 8.
i)
dem nhd. gebrauch entspricht es besonders, wie schon Adelung (s. oben unter 2) bemerkt, dasz sich vollbringen auf eine handlung, eine thätigkeit bezieht. daher sind verbindungen wie die folgenden ungewöhnlich und veraltet: du dan jetz warhafftig in deinem hertzen die marter vollbracht habest Spee güldenes tugendbuch (1649) 16;
ruhn in frieden alle seelen,
die vollbracht ein langes quälen
J. G. Jacobi (1807ff.) 3, 95.
bedarff man nicht fragen, ob er nicht grosze klage vollbracht habe buch d. liebe 263ᶜ; seines leybs notturfft vollbringen Stumpf Schweizerchron. (1606) 250ᵇ; und also die effecta und wirckungen ... in des wolffes leib wircke und vollbringe Prätorius saturnalia (1663) 69;
der teuffel wird seinn hohn und spot,
an euch mit nicht vollbringen
Ringwaldt handbüchlin (1586) b 6ᵇ.
der sprachgebrauch zeigt vorliebe für gewisse verbindungen, allgemeine ausdrücke, die ein thun und wirken bezeichnen, werk, handlung, that, geschäft u. ä. treten gern, allein oder näher bestimmt, als object zu vollbringen, so auch ding, bes. im plur. mit attribut oder in zusammensetzung (grosze dinge, wunderdinge vollbringen). pensum absolvere sein tagwen oder tagwerck vollbringen Frisius dict. (1556) 10ᵃ; er hat das gantze werck in zweyen tagen durch einen knecht vollbracht Steinbach 1, 176; das sy ir werk mit der hilff des hailgen gaistes vollbrächtind Richental Constanzer conzil 118 lit. ver.; wie sie tugendryche werk in barmherczigkait gütiglich volbringe Steinhöwel de claris mulieribus 18 Dr.; das ander, das wir guͦtte werck volpringen Keisersberg granatapfel (1510) f 2ᶜ; das kleinoth und taglon gehört uff den sig und volbracht tagwerck Franck sprüchw. (1545) 1, 91ᵇ; ein frommer andächtiger mensche ordnet seine wercke zuvor inwendig, ehe er sie auszwendig vollbringet J. Arndt Thomas a Kempis (1631) 5; können sie ... wercke der liebe oder des hasses vollbringen Bodmer samml. crit. poet. schr. (1741ff.) 1, 27; die sonne hatte ihr tagewerk halb vollbracht O. Ludwig ges. schr. 2, 363 E. Schm.;
so hat manch schlechter mensch ein groszes werk vollbracht
Neumark neusp. teutscher palmbaum (1668) 164;
halb ist schon mein werk vollbracht
Göthe 1, 55 W.;
dann ist des todes groszes werk vollbracht
Lenau w. 41 Barthel;
verhüllend: du solt auff den tag feyren, uff den tag kain eelich werk volbringen Fortunatus 36 ndr. superesse labori die arbeit überwinden oder vollbringen Frisius dict. (1556) 1273ᵃ; eyner ist burge vor den andern, dy arbeit zu volbrengen Marienb. treszlerb. 149 Joachim; also ward alle erbeit vollenbracht, die Salomo thet am hause des herrn 2. chron. 5, 1; den rest ihrer heutigen vormittagsarbeit zu vollbringen G. Keller ges. w. 1, 79;
der Eulenspiegel bey im dacht:
die arbeit, die ist baldt volbracht
Fischart 2, 285 H.;
ein aufgetragenes geschäft vollbringen Adelung; alle geschäffte werden durch die embsigkeit gering gemacht und vollnbracht Lehmann florilegium polit. (1662) 3, 52; bis das geschäft (der verfassung) vollbracht ist Görres ges. schr. (1854ff.) 2, 93;
ist das geschäft vollbracht, kommt zeit zum schmuck
Göthe 11, 3 W.;
handlung (händel), thun, that: nu aber volbringet auch das thun 2. Cor. 8, 11; das menschlich gsatz richt erst, so die unbillich that vollbracht ist Zwingli deutsche schr. (1828ff.) 1, 308; als sie noch jung und in irem blüenden alter war, da hat sie solche händel alle vollbracht Frey gartenges. 41 B.; wir müssen ihn seine handlung nicht blosz v., sondern auch wollen sehen Schiller 4, 63 G.;
so grob hastus noch nicht gemacht
noch so viel ubelthat vollnbracht
Alberus fabeln s. 50 ndr.;
ich müszte
die that vollbringen, weil ich sie gedacht?
Schiller Wallensteins tod 1, 4;
mit groszer müh und arbeit ein ding vollbringen Maaler 472ᵇ; und also do alle ding wurden volbracht, die Lucas schreibt in dem obengeschriben buͦch erste d. bibel 1, 194 lit. ver.; diejenigen dinge ... hätte ich am liebsten zu vollbringen gewünscht Göthe 43, 324 W.; die presse, vom vorkostenden schriftschauer erlöset, wird wunderdinge vollbringen Jahn w. 2, 1066 E.;
gar schnell er in do fragen liesz,
ob er vollbracht hät dise grosze dinge
Gengenbach 50 G.;
nur muth! durch kühnheit wird gefährlich ding vollbracht
Lohenstein Agrippina 446.
andere verbindungen mit an sich unbestimmten ausdrücken (stück, streich u. ä.), die durch zusätze verdeutlicht werden können; streich kann natürlich auch im eigentlichen sinne verwendet sein; emphatisch: er hat stückchen vollbracht; ein bubenstück, ein meisterstück vollbringen; tolle streiche, einen gewaltstreich vollbringen u. ä.: diese augen, an denen die schaffende natur ihr meisterstück vollbrachte Meiszner skizzen (1778ff.) 1, 129; er ... versteckte sich, dasz er vollbrächte das bubenstück W. v. Humboldt ges. schr. 6, 45 ak. ausg.;
dann Aiax hat bey finster nacht
im unsinn ein bösz stück vollbracht
griech. dramen 2, 76 lit. ver.
kaum dasz sie selber es weisz! vollbrachte sie eben ein stückchen,
dasz die engel sich freun
Vosz ged. (1802) 1, 201;
(ich musz) die hand verbergen, die den streich vollbringt
Göthe 9, 310 W.
ein wunder vollbringen, oft in dem sinne, dasz etwas völlig unerwartetes verwirklicht wird: die nächste zeit werde das wunder der einigung vollbringen v. Arnim w. 15, 22.
k)
sünde als object zu vollbringen gehört wiederum mehr der älteren sprache an; geläufiger ist vollbrachte sünde, die sünde ist vollbracht. — daz er vor groszer scham der volbrachten sünd des öwigen tods begeret Steinhöwel de claris mulieribus 91 Dr.; die sünde (wird) in viererlay weisz volbracht Albr. v. Eyb spiegel d. sitten (1511) a 1ᵇ; nach vollbrachter sünde frug sie ihn br. Grimm deutsche sagen (1891) 2, 28;
als mutter Evens lüsternheit
den sündenfall vollbrachte
R. Z. Becker mildheim. liederb. 20 (1799).
tausendt und tausendt schelmerey und rauberey hab ich vollenbracht schausp. engl. comöd. 22 Creizenach; die verrichte und volbrachte zauberey Prätorius Blockesberges verrichtung (1668) 115;
wie sy ein eebruch hab vollbracht
schweiz. schauspiele d. 16. jh.s 2, 11 Bächtold;
wie fürchterlich! die degen blinken,
wie schnell ist jeder mord vollbracht
Löwen schr. (1765) 3, 149;
freier: de sik schande berômt, de heft se vullenbrocht Tunnicius sprichw. nr. 818 H.;
als er sich nun hat wol bedacht,
was er für laster hett vollnbracht
Alberus fabeln s. 53 ndr.;
l)
weitere beispiele für die verbindung von vollbringen mit subst., die eine handlung oder einen vorgang bezeichnen: (dasz er) die rache, so ich dir nachgelassen han, erst an dir volbring Niclas v. Wyle translat. 34 lit. ver.;
wenn rache, wie die vollbracht ist,
darf sich taumelnd die freude freun
Klopstock oden 2, 98 M.-P.
(es ist besser, dasz man) im früling erst den rechten schnitt vollbringe (an der rebe) Herr feldbau (1551) 84ᵇ; dann ist die weihe vollbracht Göthe 41, 1, 6 W. oft in neuerer sprache mit wörtern auf -ung: die därm, die do gemacht seint mit zweyen fellin, zu vollbringen die abdowung Gersdorff wundartzney ix 2ᵃ (1517); weil sie (karpfen) auch damaln ihre begattung haben und volbringen fischbüchlein 128; aber war denn dadurch die versöhnung der menschen schon vollbracht, das Christus litte und starb? Dusch verm. krit. u. satyr. schr. (1758) 194; wenn die beleidigung bereits vollbracht ist K. L. v. Haller restaur. d. staatswiss. (1816ff.) 1, 363. vereinzeltes und ungewöhnliches: Zeus hat seinen tödtlichen besuch bei Semele vollbracht Göthe 49, 110 W.; mit dem alten Mozartianer von gestern vollbrachte ich ein verständnisvolles händeschütteln Storm w. (1899) 4, 202;
heute noch
vollbringen wir die wahl
Raupach dram. w. ernster gattung (1835ff.) 5, 36.
7)
consummatus vullenbracht Diefenbach nov. gl. 110ᵇ; perfectus vollenbracht 287ᵇ. — der verbale sinn wird fast immer festgehalten, der sinn kann sich auf den abschlusz allein beziehen, oder zugleich auch die vorhergehende handlung einschlieszen: so ward mir das angefangene werth und das vollbrachte kostbar Göthe 24, 295 W.
vor dieser linde sasz ich jüngst wie heut,
das schön vollbrachte freudig überdenkend
Schiller Wilh. Tell 1, 2.
als prädicativ-attribut: weil sie (die kritik) schon vollkommen in unserer vollbrachten arbeit liegt Göthe II 4, 373;
ein andres antlitz, eh sie geschehen,
ein anderes zeigt die vollbrachte that
Schiller 14, 94 (braut v. Messina 3, 5) G.
das man nach vollbrachter rhu ein mund voll wassers abschlucke Sebiz feldbau (1579) 80; nach fast vollbrachter mahlzeit Lohenstein Arminius 1, 17ᵃ; nach vollbrachter predigt Herder 3, 340 S.; ihnen mündlich zu glücklich vollbrachter cur meine freude zu bezeigen Göthe br. 21, 50 W.;
doch muszt du der verwesung graus
vor halb vollbrachter arbeit schauen
Gottsched ged. 1, 284.
mhd. vollebrâht kann wie vollendet und vollkommen den sinn annehmen, dasz etwas zur vortrefflichkeit ausgebildet und gediehen ist, s. Lexer 3, 436; ebenso im mnld., s. Verwijs-Verdam 9, 798; im nhd. ist diese entwicklung nicht fortgeschritten, ansätze dazu sind vorhanden: denn in dieser zeit ist die frucht und das kind vollbracht und auszgewachsen Ruoff hebammenb. (1580) 43.
8)
selten erscheint das verbum in reflexivem gebrauch (vgl. sich vollziehen): so vollbrachte sich der kreislauf überall in drei jahren Dahlmann Dänemark 3, 81; der umschwung, der sich in Italien während des lebens und wirkens der vier künstler vollbrachte Herm. Grimm Michelangelo 1, 40;
läst du ihn immerhin in seinem dünckel siegen,
und sorgest nur dafür, dasz sich das werck vollbringt
Besser schr. (1732) 1, 76.
Zitationshilfe
„vollbringen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/vollbringen>, abgerufen am 15.09.2019.

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