vormals adv.
Fundstelle: Lfg. 9 (1937), Bd. XII,II (1951), Sp. 1307, Z. 40
in älterer schreibung vormahls (s. oben vormal, vormalen, vormalens); vgl.fürmals th. 4, 1, 1, sp. 771; mhd. vormâles Lexer 3, 474; Diefenbach-Wülcker 588 (14. jh.); olim vormals Diefenbach gl. 395ᵃ; vormals, vergangner zeyt, in praeteritum, olim, antehac Maaler 476ᵃ; Stieler 1223; Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 16ᵃ; vormahls, antehac, antea, olim Steinbach 2, 16; in gleicher schreibung bei Frisch 2, 407ᵃ; Adelung und Campe. Heynatz antibarb. 2, 602 will statt vormals ehemals gelten lassen. vor males ist gebildet wie mhd. ê mâles, über vor mit genit. zeitbestimmungen s. vor IV, sp. 804; vormal ist am ehesten als adverb. acc. zu vormals aufzufassen, vormalen als dat. pl., der dann nochmals mit genitiv. s versehen wurde. mnl. voremaels Verwijs-Verdam 9, 1020. — vormales noch bei Steinhöwel: das sy auch wol vormales ... erkant hette decamerone 419 Keller.wunderliche, sonst nicht zu belegende zusammensetzung: im übrigen war auf demeselben hof ein knecht vorhermals oft von der trud gedrückt worden br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 172.
1)
Adelung gibt als bedeutung des adv. an: 'in einer unbestimmten vergangenen zeit'. es hängt vom zusammenhange und der umgebung ab, ob das adv. eine ferne, nähere oder auch nächste vergangenheit bezeichnet; zu beachten ist aber, dasz bei unmittelbar vorangehendem v. allmählich von vorher verdrängt zu werden scheint.
2)
weit zurückweisend: aber jetz gefalt es got, das in teutscher nation wider ein ursprung hab in alle wält ein christlich wäsen, wie v. ausz Judea geschehen ist Eberlin v. Günzburg 1, 3 ndr.; dergleichen proben ihrer tugend ..., als Joseph v. überstanden d. vernünft. tadlerinnen (1725) 2, 47; wo v. skalden und vikinge mit schwert und liede auf ihren rossen des erdegürtels (schiffen) das meer durchwandelten Herder 5, 169 S.; die stimme des vaterlandes, die v. in den versammlungen der Griechen und Römer so mächtig ertönte Abbt (1768) 6, 2, 7;
der vormals das gesetz auff Sina hat befohlen
Opitz t. poemata 188 ndr.;
zu hause mäszig seyn, zum felde stets bereit,
das brachte vormals Rom zu pracht und herrlichkeit
Gottsched ged. (1750) 44;
vormals redete gott durch offenbarende träume
unsern vätern
Klopstock Messias 4, 59.
3)
unbestimmter oder eine nähere vergangenheit bezeichnend; auch hier zieht in manchen fällen der neuere sprachgebrauch vorher oder früher vor: praejudicium ... ein urtheil, so v. gefellt ist in einem gleichen handel Calepinus dict. XI ling. (1589) 1132ᵃ; darumb du uns so unzimblichen handelst, des wir v. ungewonet sein d. ackermann aus Böhmen s. 5 B.-B.; der selbe knecht war vormols her Wulffs kemerer d. Marienb. treszlerb. 65 Joachim; do ich v. in Seeland war Dürer tageb. (1884) 80; es kam aber auch Nicodemus, der v. bey der nacht zu Jhesu komen war Joh. 19, 39; kame der kaiser ... wieder in das cabinet, da er den könig v. gesprochen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 26; (Erasmus verläugnete in Basel Hutten,) den er v. zum himmel erhoben hatte Herder 16, 290 S.; schon v. ärgerte mich diese composition genug Göthe 21, 50 W.;
und darnach, wie er gieng an den perg Olivet,
als er vormals gewönlich tet
altdt. passionssp. aus Tirol 4 Wackernell;
und halt dich fein einsam allein,
wie du vormals hast gethon
H. Sachs 17, 113 K.-G.;
neue gedanken, von denen mir vormals keiner gedacht war
Klopstock Messias 4, 792;
höre mich endlich einmal, da du vormals (πάρος) nimmer mich hörtest,
als der gestad anstürmende gott mich zürnend umherwarf
Voss Od. 6, 325 Bernays;
o Octavian? du vormals mein gemahl
Tieck (1828) 1, 92.
4)
vor adj. und part.: das wir in v. an e. kay. maj. unsern abgegangenen schreiben gemeldet verh. d. schles. fürsten u. stände 1, 164 Palm; wie? v. tapfferer printz, sagte er Ziegler d. asiat. Banise (1689) 31; die v. geltende kritik Herder 22, 144 S.; einer v. berühmten schönheit Wieland Agathon (1766) 1, 279; eine still gelegene, v. geistliche wohnung Mörike (1905) 3, 35.
5)
ausdrücklich einem späteren oder dem gegenwärtigen zustande gegenübergestellt; es kann eine weiter zurückliegende vergangenheit gemeint sein, meist aber die nächste: das glück macht den menschen subtil ..., der v. ist grob geweszt A. v. Eyb spiegel d. sitten (1511) e 2ᵃ; redest doch anders davon, dan du v. pflegest Hutten 2, 185 B.; mancher reutet daher auff einem groszen gaul, der vormahls zu fusz gieng Lehman florileg. polit. (1662) 3, 228; so bist du nicht das biedere mädchen mehr, das du v. warest Musäus volksm. 1, 26 H.;
und sih der schöne himmel klar,
der vormals wie beschlossen war
Ringwalt evang. (1581) f 2ᵇ;
da speise vormals sucht ein rind,
da ruht itzt der jungfrauen kindt
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 438ᵃ;
und zog vor deinem blick den nebel weg,
der vormals (πρίν Il. 5, 127) ihn umgab
Bürger 160ᵃ Bohtz;
die vormals deines gleichen waren,
die zwingt jetzt deines scepters macht
Schiller 11, 230 G.
festgeworden ist v. zur bezeichnung des früheren namens einer firma: Albert Müller, vormals Schulzes erben.
6)
wie v., als v. u. ä.: wie dauchstu mich yetz so vil schöner dann v. Boltz Terenz (1539) 49ᵃ; seitdem ist sie gar nicht mehr wie v. Miller briefw. dreier akad. freunde (1778) 1, 300; an der brust dieser lieben liegt noch der himmel wie v. Göthe 11, 81 W.;
wenn, wie vormals, dein ohr, zur zeit des goldenen alters,
stammelnde seufzer vernähm
Klopstock oden 1, 76 M.-P.;
sie hatten von schweinen die köpfe, stimmen und leiber,
auch die borsten; allein ihr verstand blieb völlig, wie vormals
(ὡς τὸ πάρος περ)
Voss Od. 10, 240 Bernays.
7)
in älterer sprache bei rückverweisung in einem schriftwerke: so es doch solt umbgekert sein, wie v. gesagt ist Luther 34, 1, 68 W.; wie v. steht im ersten tractat Paracelsus (1616) 2, 27 Huser; hier schicke ich das gespräche, dessen ich v. gedacht Chr. Weise d. drey klügsten leute (1675) 115. — in der folgenden stelle in dem sinne, dasz etwas vorausgehen musz, bevor etwas anderes zu erwarten ist: (gott) will es eben nicht thun, sondern will, das du im die ehr v. thun solt Luther 17, 1, 19 W.verstärkt durch einst: es hat sich ouch v. einest zuͦ tragen Th. Platter 85 Boos. — zu vormals: (zinse,) die sie doch zuͦ v. geben hetten d. fürstenth. Wirtemberg n. landsordnung (1536) g 3ᵃ. — Fischer schwäb. wb. 2, 1664 belegt aus einer quelle des 14. jh. v. als conj. im sinne von ehe, bevor.
Zitationshilfe
„vormals“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/vormals>, abgerufen am 23.05.2019.

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