vorspiegelung f.
Fundstelle: Lfg. 11 (1939), Bd. XII,II (1951), Sp. 1608, Z. 63
zum vorhergehenden verb. gebildet Adelung; Campe; vgl. fürspiegelung teil 4, 1, 1, sp. 830; da das wort, als fürspiegelung zwar schon von Dasypodius verzeichnet, doch erst im 18. jh. sich im gebrauch festsetzt, so folgt es fast durchaus der verschlimmerten bedeutung des verbums (3), entweder die handlung des täuschens (vgl. unten 5) oder, wie Adelung bemerkt, das 'blendwerk selbst' bezeichnend.
1)
nur vereinzelt in milderem sinne ohne die vorstellung einer trügerischen absicht: nur von den vorspiegelungen der oberflächen ... wuszte er nichts (ein blindgeborener) Herder 8, 116 S.; dasz es der sinnlichen vorspiegelung (auf der bühne, vgl. unter vorspiegeln 1) gar nicht einmal bedarf, uns diese gattung von poesie (die dramatische) vorzüglich zu empfehlen Schiller 2, 5 G.; vgl. auch die stelle aus Lessing unter 5.
2)
gewöhnlich aber in verschlimmertem sinne von vorspiegeln 3: vorspiegelung und intrique Lessing 18, 236 M.; durch list und ränke, vorspieglung und täuschung, lug und trug Klopstock gelehrtenrep. (1774) 92; jede vorspiegelung des herzens ist schon zweifel, schwanken und untreue Novalis 2, 86 Minor; aber das geräusch hat er gehört, das war keine vorspiegelung der phantasie O. Ludwig (1891) 1, 281.
3)
auszerordentlich oft im plural: vorspiegelungen der unkunst Herder 23, 381 M.; durch vorspiegelungen und scheingründe Sturz (1779) 2, 76; ich bin ein freund der wahrheit und ein feind des scheins und der vorspiegelungen Nicolai reise (1783) 6, 434; gaukeleien und vorspiegelungen eines thörichten eigendünkels Hippel über d. ehe (1792) 192; durch drohungen schrecken, durch vorspiegelungen bezaubern Klinger (1809) 4, 119; vorspiegelungen des satans Ranke (1867) 2, 24; vorspiegelungen der feindlichen zersetzungspropaganda Winnig heimkehr (1935) 201.
4)
gern verbunden mit charakterisierenden adjektiven: eine armselige vorspiegelung Brentano (1852) 5, 434. — bis zu den ausschweifendsten vorspiegelungen der wollust Klinger (1809) 3, 169. — eine blosze vorspiegelung D. Fr. Strausz (1876) 5, 390. — mit den ehr- und pflichtvergessensten vorspiegelungen Göthe 38, 273 W. — eine elende vorspiegelung Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 6, 92. — falsche vorspiegelung, lug und trug G. Forster (1843) 7, 211; durch falsche vorspiegelungen Bismarck polit. reden 1, 111; hier verstärkt das adj. eine schon im subst. liegende vorstellung. — zur erfüllung der glänzenden vorspiegelungen Gutzkow (1872) 5, 288. — durch grundlose vorspiegelungen zu hintergehen G. Forster (1843) 8, 236. — handgreifliche vorspiegelung Häuszer dt. gesch. (1854) 2, 602. — mit leeren vorspiegelungen W. v. Scholz erz. (1924) 255. — durch listige vorspiegelungen K. Fr. Becker weltgesch. (1801) 9, 252. — Deinhardsteins lügnerische vorspiegelungen Hebbel tageb. 3, 148 W. — eine aufgeklärte physik, welche ... allen magischen vorspiegelungen sich widersetzt Europa (1809) 2, 60.
ein phantom,
das er hat hingegaukelt, uns zu täuschen
mit nekromantischer vorspiegelung
Rückert (1867) 10, 628.
— dich durch oberflächliche vorspiegelungen hieher zu locken A. Ruge briefw. u. tageb. (1886) 2, 111. — lasz dich nicht durch räthselhafte vorspieglungen ... blenden Knigge umgang mit menschen (1796) 3, 200. — keine noch so schlaue vorspiegelung Holtei erz. schr. (1861) 14, 95. — alle diese schönen vorspieglungen Wieland Agathon (1766) 2, 17. — durch die süszesten vorspiegelungen weggelockt Nicolai Seb. Nothanker (1773) 3, 45. — dich mit seinen thörichten vorspiegelungen zu berauschen Tieck (1828) 18, 145. — überall, wo man wahrheit und keine trübe vorspiegelung der phantasie will Gutzkow ritter v. geiste (1850) 3, 336.
war eine sclavin hier,
mit trüglicher vorspieglung euch zu blenden?
Schiller Turandot 4, 10.
— dasz die wunder Jesu nur zauberhafte vorspiegelungen, er selbst ein magier ... gewesen sei D. Fr. Strausz (1876) 4, 81. — durch zerknirschende vorstellungen Klinger (1809) 1, 341.
5)
vorspiegelung als handlung mit dem genit. des objects: durch vorspieglung meiner bedürfnisse Lessing 18, 174 M. (hier soll nicht gesagt sein, dasz die bedürfnisse überhaupt nicht vorhanden seien, sondern nur, dasz sie hier nicht zu er wähnen waren); durch allerlei vorspiegelungen einer anständigen versorgung Göthe 21, 315 W. (Campe meinte, dasz vorspiegelung in diesem sinne eines plurals nicht fähig sei); die vorgelogene herrlichkeit des gemüthes, die selbsttäuschende vorspieglung der eigenen tugend und vortrefflichkeit Hegel (1832) 10, 1, 310; vorspiegelung einer inneren begeisterung Gervinus gesch. d. dt. dicht. (1853) 5, 529; eine jetzt häufig gebrauchte verbindung ist vorspiegelung falscher tatsachen. — ersatz des genit. durch von: durch die vorspiegelung von mord und plünderung Droysen gesch. Alexanders d. Gr. (1833) 314.
6)
mit abhängigem satz: durch die vorspiegelung, dasz die milderung der fremden leiden ... zu seinem eigenen vortheil gereiche Schopenhauer 3, 636 Gr.; vorspiegelungen, dasz es anderswo besser sei als hier W. v. Polenz Grabenhäger (1897) 1, 108. — sie machten hier vorspiegelungen, wie ich ... auf die universität gehen könnte A. v. Arnim 11, 71; mit wünschen und vorspiegelungen ..., was noth thäte, und was man vielleicht, wäre es dabei, wählen würde und was nicht Stifter s. w. 1, 226.
7)
häufig ist die verbindung unter der vorspiegelung: unter der vorspiegelung ..., die person ... sey in geldverlegenheit Hippel lebensl. (1778) 2, 449; unter vorspiegelung eines nahen untergangs (der literaturzeitung) Göthe IV 16, 279 W.; unter der vorspiegelung, dasz er nur auf nachrichten harre H. v. Chézy erz. u. nov. (1822) 1, 272; unter vorspiegelung der ehe Gaudy (1844) 2, 138; unter der vorspiegelung, ihm sein heer verrathen zu wollen Mommsen röm. gesch. (1854) 2, 235. — unter falschen vorspiegelungen H. v. Kleist 3, 311 E. Schm.
8)
ganz vereinzelt, wobei es zeitliche bedeutung hat, im sinne einer vorausdeutung: Deutschland scheint nach und nach der journale etwas müde werden zu wollen. gott gebe, dasz dieses vorspiegelungen zur besserung sind Lichtenberg br. (1901) 2, 367.
Zitationshilfe
„vorspiegelung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/vorspiegelung>, abgerufen am 07.12.2019.

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