Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

vorzeigen, vb.

vorzeigen vb.
frühnhd. auch fürzeigen (s. teil 4, 1, 1, 954). mundartlich nur vereinzelt gebucht: vorzeijen Meyer d. richtige Berliner (1904) 129; vor-(für-)zeigen Fischer schwäb. 6, 2, 1967; vorzeigen Unger-Khull steir. 249; vurzagen Jakob Wien 212. — unfeste zusammensetzung mit temporalem und lokalem vor-, die seit dem frühen nhd. in mehreren, von den bedeutungen des simplex bestimmten verwendungen bezeugt ist; geläufige bedeutung des nhd. wird allein '(zur einsicht) vorweisen'.
1)
'etwas künftiges im voraus anzeigen, vordeuten' (zu zeigen II 7 a α teil 15, 505; s. auch unter vorzeigung [1] u. vgl. vorzeichnen A sowie got. fauragateihan Feist (1939) 204), in neuerem sprachgebrauch von vorherzeigen (s. teil 12, 2, 1195), vorauszeigen (s. teil 12, 2, 848) und anderen sinnverwandten bildungen zurückgedrängt: vorzeigen, voranzeigen, ein waarzeichen gäben praesignificare Maaler (1561) 477ᵃ; als so ein kind geboren wird, so wirdt mit jhm geboren das euestrum, vnnd alle mal in jhm gebildet, dasz es vom kind bisz in sein letzte tag alle ding des kindes vorzeigt Paracelsus opera (1616) 2, 15 Huser; ex ostentis motus (!) magnorum periculorum portenditur ausz den wunder-geschichten wird vorgezeigt die forcht grosser gefahren Aler dict. (1727) 2130. vereinzelt noch in neuerem sprachgebrauch: er sparte nichts, um ... mich aus dem nachsinnen über meinen zustand herauszuziehen und mir genesung und gesunde tätigkeit in der nächsten zeit vorzuzeigen und zu versprechen Göthe I 27, 189 W.; vorzeigen (vorauskündend anzeigen) to foretell, to forebode, to foreshadow, to presage Muret-Sanders 4, 2207.
2)
'jem. etwas zur einsicht zeigen, vorweisen (zu zeigen II 1 und 4 teil 15, 502. 505)'.
a)
mit objekten verschiedener sachgebiete.
α)
besonders häufig in der anwendung 'etwas als ausweis oder beweismittel vorweisen' (vgl. vorzeigung 2 a): ob icht ellter vrkunde oder briefe ... fürgezaigt oder gelesen würdent, dieselben ... sullent dem gagenwürtigen chauff noch briefe kainen schaden sagen (1418) monumenta boica 22, 427; werden nun sie selbige (legitimation) ... vorzeigen, hat es dabei sein verbleibens (1630) Freiburger diöcesanarchiv 23, 244; so bald der wechselbrief vorgezeiget ... wird Harsdörffer teutsch. secret. (1655) 560; er zeigte seinen pass vor Ludwig teutsch-engl. (1716) 2353; auch bitte ich hrn. dr. Erhardt in Nürnberg, gegen einen schein, den er ihnen (Cotta) vorzeigen wird, sein honorar für einen aufsatz in den horen auszubezahlen (2. 8. 1795) Schiller br. 4, 216 Jonas; der kaper ... zeigte ihm seinen kaperschein vor Fichte s. w. (1846) 8, 238; als sie die amtliche bestätigung ihrer witwenschaft schwarz auf weisz vorzeigte qu. v. j. 1926. in neuerem sprachgebrauch häufig auf formularen, ausweisen oder eintrittskarten in der wendung: auf verlangen (bzw. unaufgefordert) vorzuzeigen; auch sonst in mannigfaltiger anwendung; 'etwas zur belehrung, unterhaltung, prüfung, verehrung oder wahl darbieten': ... wurden die abbildungen der feuer-, lava- und aschenausbrüche des Vesuvs, die in Bertuchs bilderbuche stehen, vorgezeigt und der ... text gelesen (1805) mon. Germ. päd. 36, 340; der diener war gewohnt die fremden zu unterhalten und manches im hause vorzuzeigen Göthe I 24, 93 W.; wenn der deutsche eine maschine erfindet, wer giebt ihm was dafür? es ist schon sehr viel, wenn ein gnädiger cammerdiener das model unterthänigst vorzuzeigen verspricht Lichtenberg aphorismen 2, 159 Leitzmann; diese reliquien werden von den Armeniern sehr heilig gehalten, nur unter gebet und gesang vorgezeigt und sodann ehrerbietig geküszt W. Kühn beiträge zum verständnis der hlg. gesch. 2 (1869) 24; da madame Kestner ihren schwarzen umhang abgelegt hatte, stand sie in einem kleide da, eben so weisz wie das freilich gesellschaftlichere, das man ihr vorzeigte Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 30 (ebda 479 auch: der vorzeigende); wir muszten heraustreten, schuhe, wäsche, hose und geschirr vorzeigen E. Kunter weltreise nach Dachau (1947) 179; die anderen fahrgäste ... zeigten ihre karten vor Loest jungen, d. übrig blieben (1950) 248. im sinne von 'hervortreten lassen, zur geltung bringen': ihre jacke war der beweis, dasz der schneider mit einem beträchtlichen teil ihres monatsgehaltes für die mühe belohnt wurde, ... ihre geraden schultern möglichst genau vorzuzeigen A. Seghers d. toten bleiben jung (1950) 341. — vereinzelt findet sich auch die bedeutung 'aufweisen' (zu zeigen II 2 b): vieles in uns war unklar, ein reiner wille war vielleicht das beste, was wir vorzuzeigen hatten Alfred Bergeler in: das german. seminar der univ. Berlin (1937) 36; redensartlich: erst vorzeijen! auch: abschrauben, vorzeijen! ausdruck des unglaubens Meyer d. richtige Berliner a. a. o.
β)
in besonderer anwendung des frühen nhd. (obd.) 'jem. etwas zeigend (zur nutzung) anweisen' (s. auch unter vorzeigung 2 b und vgl. gleichbedeutendes aus-zeigen dt. rechtswb. 1, 1146; vielleicht auch mit konkretersonst nicht nachweisbarerbedeutung des simplex etwa 'bezeichnen, markieren'): die manspersohnen (sollen) sich in ihren der zeit fürgezaigten stüllen des chors, so vill ausz ihnen orth und plaz haben könen, stöllen und ohne sonderbahr erhebliche ursach nit aussen (der predigt fern-) bleiben (1579) österr. weist. 6, 454. vor allem als juristischer terminus im forstwesen: allda (bei der waldbeschau) man meinem gepietendsten herrn etlich holz fuͤrgezaigt hat (1574) Hartwig Peetz volkswissenschaftl. stud. (1880) 137; (die förster sollen) auf ihr, der handwerker, bloses anmelden nit erlaubnus geben holz zu hacken, sondern auf ihr anmelden und begehren das holz vorzeigen an ainem solchen ort, der dem gwild nit schädlich ... ist (1675) österr. weist. 6, 98; mehr denen träxlern, bindern und wagnern sollen die forster bei peen 1 thaler jedem sein arbeitholz selbsten vor und auszzeigen ebda 98; substantiviert: es soll sich kainer ... underfangen, ain holz ohne vorzaigen des forsters ... abzuhaken (17. jh.) ebda 1, 59. noch mundartlich bezeugt bei Unger-Khull steir. 249: vorzeigen ... durch zeichnen bäume als zur nutzung bestimmt bezeichnen.
b)
selten mit persönlichem objekt: nach ausgestandenen lehrjahren soll er (der lehrjunge) ferner geben 6 mrc. ausschreibegeld, nachdem ihm (!) der meister vorhero den gantzen amte vorgezeiget und vor meistern und gesellen frey und losz erkand hat (1619) schragen d. gilden u. ämter d. st. Riga 434 Stieda-Mettig.
3)
'jem. etwas (zur nachahmung) vorführen (zu zeigen II 7 a δ teil 15, 505 und vor teil 12, 2, 809 [VI])'; vereinzelt bei Duez dict.: vorzeigen ... monstrer devant comment il faut faire, praemonstrare (1664) 2, 647ᵃ, vgl. vorzeichnung (2 c).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 13 (1951), Bd. XII,II (1951), Sp. 1991, Z. 67.
Zitationshilfe
„vorzeigen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/vorzeigen>, abgerufen am 25.02.2020.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch (¹DWB)