Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

vulgär, adj.

vulgär, adj.,
aus frz. vulgair(e), 'allgemein verbreitet, gewöhnlich, gemein', das seinerseits (nach Gamillscheg im 16. jh.) aus dem zu vulgus 'volk' gebildeten lat. vulgaris entstanden und dann auch ins ndl. (vulgair), dän. (vulgær) und schwed. (vulgär) übernommen worden ist; engl. vulgar (1391 zuerst belegt, s. Murray 10, 2, 326) geht unmittelbar auf lat. vulgaris zurück. ins dt. wurde vulgär wohl schon im 17. jh. entlehnt (s. Seiler d. entwickl. d. dt. kultur im spiegel d. dt. lehnworts 4, 2 (1925) 167), es wird jedoch erst im laufe des 18. jhs. üblich, anfangs noch in der frz. form vulgair (s. Sperander handlex. (1728) 799 sowie encycl. wb. (1803) 10, 49).
1)
'allgemein verbreitet, (im volke) üblich' (vgl. ordinär und populär): und ohne die bündigkeit der beweise zu schwächen, hätte ich von der strenge der (abstrakten) schreibart nicht wohl etwas nachlassen können. fändest du indessen ein wort oder eine wendung, die mit etwas vulgärerem ausgetauscht werden könnte, so mache mich ja darauf aufmerksam (5. 1. 1795) Schiller in: briefw. m. Körner (1847) 3, 235; übrigens ist nach meiner tiefen überzeugung die sozial konventionelle freie theologie und kirchlichkeit nicht haltbar, und der vulgäre glaube 'etwas müsse sein wegen der plebs', wird wie jede selbstanlügerei unter umständen ein schlimmes ende nehmen (29. 6. 1875) G. Keller br. u. tageb. 3, 138 Erm.; auch des starken gegensatzes, in den er (Luther) damit zu der vulgären frömmigkeit seiner zeit geraten war, war er sich schon längst bewuszt Heinr. Boehmer der junge Luther (1939) 160; keine bequeme theorie wie die vulgäre von der 'erlaubten notlüge' Nic. Hartmann ethik (²1935) 422; ebda 356 auch: die sehr vulgäre (allgemein bekannte) tatsache, dasz es auch unedle rache ... gibt. den übergang zur pejorativen bedeutung (2) verdeutlicht: die bibelübersetzungen entsprangen der notwendigkeit, die heiligen schriften den einfachen leuten ... zugänglich zu machen; sie enthalten daher sehr viel vulgäres sprachgut Stolz-Debrunner gesch. d. lat. spr. (1922) 113.
2)
'gemein, gewöhnlich (im gegensatz zu vornehm, fein, edel)'; diese pejorative bedeutung, die auch sinnverwandtes ordinär (s. Schulz-Basler dt. fremdwb. 2 (1942) 262) früh erhielt, findet sich wohl schon bei Sperander: vulgaris, vulgair 'gemein, schlecht, gering, it. gewöhnlich' handlex., in welchem die meisten aus fremden sprachen entlehnte wörter und gewöhnliche redens-arten ... klar und deutlich erkläret werden ... Nürnberg (1728) 799ᵃ; ebenso bei Campe 2 (1801) 664 und Kaltschmidt (1834) 1041: vulgär 'alltäglich, gemein, gering, niedrig, pöbelhaft'. sie allein wird in neuerem sprachgebrauch allgemein üblich: alles andre steht auf erheblich niedriger stufe und fällt mehr oder weniger ins vulgäre Fontane ges. w. (1920) II 4, 515; zugesehen hatte ich oft (bei prügeleien zwischen jungen) und mit grausender lust diese vulgären, urtümlichen flüche und schandworte angehört Hesse Klingsors letzter sommer (1920) 35; E. Hanslick hat recht, wenn er Verdi eine vulgäre natur nennt (aus einem pamphlet gegen Verdi) Werfel Verdi (1930) 213; ihr (der sängerin) gesicht war ... fast reizlos; das vulgäre der züge trat im gaslaternenlicht scharf hervor ebda 540; gewisse feine herren, denen hauptmann Trebon zu vulgär war, (hatten) bedenken geäuszert Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 156; was wird madame sagen, wenn sie zusammen mit Maurice und dem vulgär aussehenden mädchen ins café Napoleon geht? ders., Simone (1950) 157. zur bezeichnung eines niedrigen sprachstils (vgl. vulgärsprache): vulgärer oder gemeiner stil: die ungebildete sprechweise, die unbewuszt oder bewuszt ... angewandt wird ...; nuancen: die 'burschikose' sprache, die pöbelsprache, die 'gaunersprache' ... die studentensprache und die sprache der hafenarbeiter Noreen-Pollak wiss. betrachtg. d. spr. (1923) 23; es war sicher nicht die vornehmheit der sprache (von Brockes passionsdichtung), die sie (die musiker) anzog, denn die verse sind geradezu vulgär A. Schweitzer Bach (1948) 86.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 13 (1951), Bd. XII,II (1951), Sp. 2021, Z. 19.

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Zitationshilfe
„vulgär“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/vulg%C3%A4r>, abgerufen am 17.06.2021.

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