wähler m. nomen agenti
Fundstelle: Lfg. 3 (1903), Bd. XIII (1922), Sp. 561, Z. 5
zu wählen, schon im mhd. in einer bestimmten bedeutung üblich, dann in deutsch-lateinischen wörterbüchern zur wiedergabe von elector (meistens wohl als 'kurfürst' aufgefaszt, s. unten die stelle aus Kirsch) verwandt: wähler, elector Dasypodius 451ᵇ; wehler, elector, lator suffragii. Stieler 2467; wähler, elector Steinbach 2, 918. das wort scheint aber zunächst wenig eingebürgert, da es in den modern-sprachlichen wörterbüchern gar nicht angeführt wird, erst Rondeau verzeichnet: wehler, qui choisit. Adelung erwähnt es noch nicht, während Heynatz 2, 608 bemerkt, das wort komme 'für wählende person oder wahlherr' schon ziemlich oft vor, wie es dann auch von Campe angegeben wird.
1)
in der allgemeinen bedeutung 'einer der eine wahl trifft' kommt das wort nur vereinzelt vor:
gott, der frommste geister spinnen hiesz,
weben, knüpfen unsre loose ...
ist kein blinder wähler, blinder rather.
Arndt ged. (1860) 393.
2)
eingebürgert ist es als 'einer der jemand in ein amt wählt'. am frühesten findet es sich auf die den kaiser wählenden kurfürsten angewandt: wähler, churfürst, elector. Kirsch 2, 378;
nu seht vür iuch, des rîches welære,
den ir nû welt, daʒ er sî schanden lære.
Reinmar v. Zweter 147, 7;
mit rede macht er (der bischof) enwiht
die wal und die welære
und jach, der kunic gewesen wære
zuo der zît in dem ban,
dô im daʒ rîch wart undertân ...
Ottokar österr. reimchr. 13089 Seemüller;
die speisen trug der pfalzgraf des Rheins,
es schenkte der Böhme des perlenden weins,
und alle die wähler, die sieben,
wie der sterne chor um die sonne sich stellt,
umstanden geschäftig den herrscher der welt,
die würde des amtes zu üben.
Schiller 11, 382 (graf v. Habsburg);
besonders auch der erzbischof von Mainz,
des deutschen reiches erster fürst und wähler.
Grabbe 2, 319 Grisebach (k. Heinrich VI. 3, 1).
dann auch sonst: swanne der vorgesprochene tac der welunge kumet ..., sô sal der brûder, der an des meisteres stat is ... einen ritterbrûder zu commendûre under den weleren setzen. statuten des deutschen ordens 92, 34 (gewohnheiten 4) Perlbach; darnach geend der chamerer, inner und ausser rat, die erwelet sind, hinein in die clainen ratstuben ... und auch die weler mit in. urkunden z. städt. verfassungsgesch. 234 (Straubing 1472) Keutgen; das diese eher des ratgeens inen nur durch den tot und ie zu zeiten (wiewol selten) durch die weeler von geubter laster wegen benomen wirt. städtechr. 11, 789, 4 (Nürnberg 1516); nach absterben eynes papsts wartet man zehen tage bisz eyn anderer gewoͤlet wirdt, under des helt man begengknüs des verstorbenen, und beruͤffet die woͤhler zuͦsammen. Wenc. Linck bapsts gepreng (1539) A 1ᵃ. hauptsächlich geht es jetzt auf die wahl zu einer gesetzgebenden körperschaft. wähler für oder zu etwas: wähler für den reichstag des norddeutschen bundes ist jeder Norddeutsche, welcher das fünfundzwanzigste lebensjahr zurückgelegt hat. wahlgesetz vom 31. mai 1869, § 1; wähler zum landtage ist ... jeder Anhaltiner, welcher das 25. lebensjahr überschritten hat. anhaltisches gesetz von 1872, § 72. vereinzelt kommt wähler für wahlmann vor, ein von einer gröszeren wählerzahl gewählter, der sich dann an der hauptwahl betheiligt: hier auch geschieht die wahl der wähler; ihrer kommen fünf auf jeden wahlbezirk. Dahlmann gesch. d. franz. revol. 161.
3)
im rechtsleben und geschäftlichen verkehr ist das wort noch in einigen andren anwendungen üblich.
a)
bei der wahlschuld (s. d.): dasz ... der wähler eine solche wahlerklärung solle widerrufen dürfen. Litten die wahlschuld 149.
b)
bei der testamentsvollstreckung: steht die wahl mehreren legatoren zu, und sie können sich nicht vereinigen, so bestimmt das loos den wähler, der dann den übrigen den werth des auf sie kommenden antheils herausgiebt. Vangerow lehrb. d. pandekten⁶ 2, 620.
c)
an der Wiener börse beim sog. stellgeschäft heiszt so der käufer der 'stellage', der gegen eine prämie 'von dem verkäufer (steller) das recht erwirbt, diesem an einem bestimmten termine entweder eine bestimmte anzahl von stücken zu einem niedrigeren als dem tages-kurs zu liefern oder von ihm die gleiche anzahl stücke zu einem höheren als dem tages-kurs zu kaufen'. L. Rothschild taschenbuch für kaufleute⁴⁴ 1, 451; der prämiengeber (wähler) hat das recht, von dem prämiennehmer (steller) die waare zu beziehen oder sie ihm zu liefern; er hat aber nicht das recht des rücktritts, was wichtig ist, weil der tag der wahl und der lieferung regelmäszig nicht zusammenfallen. Beseler deutsches privatrecht² 944.
4)
in zusammensetzungen findet sich wähler auch in andren bedeutungen. so als 'einer der auswählt, aussucht' in tagwähler, s. theil 11, 87; speisewehler, nauseator, ciborum fastidiens. Stieler 2467. ferner: kindeswehler, adoptator. ebenda.
5)
übertragung auf ein concretum. Dürer nennt wähler ein instrument, wodurch eine figur in die länge oder breite gezogen werden kann; es besteht aus einem winkel, dessen einer schenkel drehbar ist und auf dessen anderm schenkel die zu verändernden linien senkrecht stehen und durch verschieben nach dem scheitelpunkt oder nach auszen verkleinert oder vergröszert werden: disz ob beschriben ist durch ein quadranten auch also zumachen, wie dann die zirkelrisz im weler an zeygen ... ich nenn auch darumb disen werckzeug denn weler, auff das erkuntlich sey, darumb das darausz zu welen ist, welchs einer wil umb vil oder umb wenig. von menschl. prop. O 3ᵇ; ein jedlich vorbeschryben masz der bild, die da verkert sind worden, es sey durch den verkerer, weler, zwiling, zeyger oder felscher. T 1ᵃ.
Zitationshilfe
„wähler“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%A4hler>, abgerufen am 10.12.2019.

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