Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

wählig, adj.

wählig adj
umfaszt zwei worte, die etymologisch verschieden sind, aber nicht immer ganz streng geschieden werden können.
1)
in der bedeutung 'kräftig, ausgelassen, üppig' u. s. w. ist wählig niederdeutschen ursprungs: as. welag (ditior, welagara in den Werdener Prudentiusglossen bei Wadstein 100, 25), mnd. welich Schiller-Lübben 5, 663, abgeleitet von as. wela wohl (s. auch wähl, wählde, wähltag) oder dem subst. welo, m. wohlsein, reichthum. übereinstimmend ist mnl. welech, nnl. welig üppig, ags. welig reich, wohlstehend (von städten, der erde), dän. (entlehnt) vælig mutig, feurig (von pferden); im ahd. entspricht welag reich (im keronischen glossar, Steinmeyer-Sievers gl. 1, 100, 39. 102, 1, welaker in Pa. und gl. K., wofür walaker in Ra.), mit der ableitung welagî. später tritt das wort im hd. zurück, mhd. kommt es nur im deutschen ordensland bei N. v. Jeroschin vor, im 16. jahrh. gebrauchen es B. Waldis (der auch nd. schreibt) und preuszische schriftsteller (Falk, Waissel, Henneberger). jetzt ist es im hd. sprachgebiet nur spärlich vertreten, in einem theile Hessens kommt gewelig heiter, munter, umgänglich vor Vilmar 447, im ungarischen bergland welich mutwillig Schröer 213. dagegen lebt es, mit reicher bedeutungsentwicklung, in den nd. dialekten: Richey 336. brem. wb. 5, 223. ten Doornkaat Koolman 3, 533. Strodtmann 283. Schambach 284. Woeste 319. Schütze 4, 349. Danneil 242. Mi 104. Dähnert 535. Frischbier 2, 454, auch nordfries. wealagh vergnügt, lebenslustig, übermütig. Johansen 29. in der schriftsprache erscheint das wort erst im letzten viertel des 18. jh. in der form wählich (die auf anlehnung an wahl beruht) und wird von schriftstellern nd. herkunft verwendet: Bürger und Voss haben es zuerst gebraucht, dann Gleim, Kl. Schmidt, Wächter, Matthisson, Jahn, Arndt. besonders hat Campe zur verbreitung des wortes beigetragen, er wies schon im 3. versuch über die reinigung und bereicherung d. d. spr. 336 (wehlich) darauf hin und nahm es (als wählig) in sein wörterbuch auf. später wurde es auch von dichtern obd. herkunft verwendet, so von W. Müller, Möricke, G. Keller, ohne sich indes in der allgemeinen schriftsprache völlig einzubürgern, es lebt im hd. im wesentlichen nur als dichterwort.
bedeutung.   a)    a) a) wählig geht zunächst auf das körperliche wohlbehagen, das der gesunde mensch empfindet. die bedeutung, von der auszugehen ist, ist also die von 'wohl bei kräften, frisch, gesund': ēn wälig kērl 'ein frischer, junger kerl', wälige beddler 'bettler die arbeiten können'. Dähnert 535; wedder welig warden 'wieder gesund werden'. Richey 336; he hadde bestellet en klen boet mit karschen, welighen knechten. Lübecker chron. 2, 272 bei Schiller-Lübben 5, 663; vulen boven, yungen weligen lüden ... schal men dat bedelen nicht gestaden. pommersche kirchenordnung 92ᵃ ebenda; sohne ... dicke, hüpsche, weelige, wackere, tüchtige, schmucke deern, asz im gansem lanne nich tho finnen ys. niederd. bauernkomödien 237 Jellinghaus;
luftiger kleid' ich indes den wähligen buben in nachtzeug.
Voss idyll. 13, 33;
... wer im sturm lustreiset, ist unklug.
nur ein wähliges paar, wie das unsrige, dammelt hindurch wohl.
16, 120;
jüngferchen. geb' ihr gott ein gedeihn, als gölt' es auf ewig! ...
aber zu allem ein nest rothbäckiger wähliger kinder,
wie aus dem teige gewälzt.
Luise 3, 464;
willst du gesund sein,
wählig und rund sein:
broccoli schlinge du,
klösze bezwinge du.
Kopisch (1856) 3, 245;
besser sie turnen sich müde, die wähligen knaben und jünglinge, dasz sie in das bett taumeln, als dasz sie am tage in stuben hocken. Jahn merke 299; auszer dem turnwesen, welches die körper und geister wählig macht. Lehmann bei Börne 3, 337. nur eine andre seite dieser bedeutung ist es, wenn wählig auf die gemütsstimmung bezogen wird, und 'lustig, munter', dann 'jugendlich übermütig, mutwillig, ausgelassen' bedeutet: de junge is allto wehlich 'allzu übermütig'. Richey 536; wir haben im n. d. auch das schöne wort wählig, welches aber muthwillig in gutem sinne, nämlich ausgelassen oder üppig aus einem übermasz von gesundheit und stärke bedeutet. Campe verdeutschungswb. 475ᵇ (unter petulant);
seht mir doch mein holdes kind!
nicht zu mürrisch, nicht zu wählig!
immer freundlich, immer fröhlich!
Bürger 58ᵃ;
die lieder sind mein spiegelbild,
bald düster und bald wählig,
einmal zu zahm, einmal zu wild,
bald tiefbetrübt, bald seelig.
Gaudy 1, 67;
solche geister trübeselig,
solche allgemeinen geister,
bannt ihr also, wie ihr seht,
wenn ihr fragt, was sie denn wollen.
merkt's euch knaben, froh und wählig!
Immermann 11, 269 Hempel;
da ich, der bräutgam, von den jungen, wähligen gesellen geneckt und verhindert wurde, der braut ins schlafkämmerlein zu folgen. Veit Weber sagen der vorzeit 3, 49; so ist das zusammenleben der wähligen jugend der beste sittenrichter und zuchtmeister. ihr witz ist ein fröhliches treibjagen auf mängel und fehler. Jahn turnkunst 170. wohlig und wählig: es war die 20 bis 25 jahre nach dem siebenjährigen kriege eine stille heitere zeit und die menschen fühlten sich auszerordentlich wohlig und wählig. Arndt erinnerungen³ 8. vereinzelt wählig mit dem gen.:
gott hab' ihn seelig
den alten gauch!
des sind wir wählich
und Amor auch!
Klamer Schmidt poet. briefe 30.
dann auch von thieren, besonders gern von pferden (Kindleben studentenlex. 213 neudr.): ēn wälig pērd 'ein mutiges pferd. Dähnert 535;
like nicht den welighen perden,
de biten unde slan mit den voten.
Josef v. d. 7 todsunden 1366 bei Schiller-Lübben 5, 663;
ein schönes rosz,
jung, welig, freidig, starck und grosz.
Waldis Esopus 2, 78, 2;
glyck als ein welig peert,
dat in den widen kreis sick künstlick tummeln leert.
Lauremberg 1, 205;
selbst auch der hunde gebell, selbst wähliger hengste gewieher
ist mir verhaszt!
Voss idyll. 8, 50;
da sprang er auf und tanzt' umher, und pupt' und lacht',
wie ein wählig sattes eselein, das der hafer sticht.
Droysen Aristophanes 2, 137 (wespen 3, 1);
wähliger ziegen und kühe mit strotzenden eutern.
Cludius bei Campe.
sprichwörtlich: so wählig wie ein füllen, das man mit eiern gefüttert hat; so wählig wie die laus im schorf. Wander 4, 1741. auf abstracta übertragen:
über einem blanken steine
wälzt sie sich im sonnenscheine,
und die strahlen kitzeln sie
in der haut, sie weisz nicht wie;
weisz in wähligem behagen
nicht, ob sie es soll ertragen,
oder vor der fremden gluth
retten sich in ihre fluth.
W. Müller verm. schriften 1, 250;
Jobst lag eben in wähligem behagen mit dem kopfe am fuszende und mit den füszen auf den pfülmen, als der fremde eintrat. G. Keller 4, 224. als adv.:
idt moet nu syn ein mesterman,
de dem ehebedde weliger vörstahn kan.
Lauremberg 3, 464;
jung ist alles heut und fröhlich,
denn der tag ist schön;
und die weiblein hüpfen wählich,
troz den jungen rehn.
Voss 5, 184;
auf des heil'gen landes hügeln
war's euch (eseln) wohl und angenehm;
wählig gingt ihr durch den Jordan,
hüpftet auf in Bethlehem.
Gleim 2, 204 Körte;
eine staude ..., worauf ein schmetterling die glänzenden flügel wählig auf- und zuzieht. Mörike maler Nolten³ 2, 63; ich schwang mich auf dem goldenen bienenpferde hochmütig in die luft, wo ich hoch über den münsterkronen kreiste wie ein falke, mich bald wählig niederliesz, bald wieder aufstieg und das kindliche traumvergnügen des fliegens und reitens zugleich in vollen zügen genosz. G. Keller 3, 118 (gr. Heinrich). b) eine tadelnde nebenbedeutung konnte bei wählig 'lebensfreudig, lebenslustig' leicht hervortreten, wenn sich damit der begriff der geschlechtlichen üppigkeit, des übermaszes im essen und trinken und überhaupt des irdischen wohllebens verband: en weligen kerl, ene welige hore. brem. wb. 5, 224; petulans, welich, vertart. Diefenbach gl. 432ᵇ (aus einem nd. glossar);
denn wenn en mann, de oldt und stiff,
nimpt ein sehr wehlich und jung wiff,
de junge wehlig starcke hudt,
de maket dar ein hanrey uht.
hanenreyerey 202;
want man sach dâ vellin
unde schrôtin in den sant
dî brûdre mit vrechir hant
dî weligen statvarrin (d. h. die bürger von Riga).
Nic. v. Jeroschin 21048 Strehlke;
we iw, de gy mechtich unde welich ghewest sin in eten unde drinken. proc. Belials M 5 bei Schiller-Lübben 5, 663; ungenadighe prelaten, welighe monnike. horolog. 98 ebenda; in der zeit der jare hat sich auch derhaben eine entporonge mang dem lantvolcke om der wellichen freiheit willen, dovon vele pauren auff dem lande vortreben worden in dem Beierlande. Chr. Falk elbingisch-preusz. chronik 92 (v. j. 1524) Toeppen; denn man nicht junge welige und unkeusche leute (zu priestern), sondern alte leute genommen. Hennenberger preusz. landtafel (1595) 464; das machte ir grosse geyrigkeit, und ir wehliges leben, das sie begerten zu herrschen. Waissel chronik (1599) 153ᵇ; da sie nu wehlig worden, ubergaben gottes recht, und seine gebott, da worden sie wider aus dem heiligen lande getrieben. 159ᵇ. diese bedeutung 'üppig' steht auch wol mit der im altgerm. vorwiegenden von 'reich' im zusammenhang, die in der späteren zeit eine verschlechterung des gefühlswerts erfahren hat (vgl. wähl). in der neueren litteratursprache tritt diese bedeutung wenig hervor. Campe schlug im verdeutschungswb. 404ᵃ für luxuriös vor: schwelgerisch, üppig, wählig. kaum gehört hierher als 'geit':
die spröden zu haschen:
das ziemet in wäldern,
in grotten und feldern,
dem wähligen volke,
bocksöhrig und leicht.
Matthisson ged. 158 (1821).
c) wählig wird auch von pflanzen gebraucht, die geil in die höhe wachsen oder ins kraut schieszen: welig kōrn, gras. brem. wb. 5, 224; de bōm steit welig 'hat lust zu wachsen'. Richey 336. Schütze 4, 349; das getreide steht sehr wählig. Campe verdeutschungswb. 403ᵇ; dat waszt so wälig. Dähnert 535. d) wählig gilt auch von andren dingen, die stark und zäh sind: welig holt 'das frisch und schlank ist', welig tau 'ein fester und zäher strick, der nicht leicht abreiszt'. Richey 336. Schütze 4, 349. es liegen hier übertragungen von wählig 'lebensfrisch' vor, vereinzelt auch auf etwas unorganisches. 2) zu dem subst. wahl gehört ein adj., das in verschiedenen bedeutungen erscheint. a) 'gewählt' bedeutet wählig in einwählig 'einstimmig gewählt', s. theil 3, 337, schon mhd. einwelig. an 'gewählt' (neben 'zu erwählend' und 'auf wahl beruhend') wird auch Stieler denken, der das wort neben andren bildungen anführt: wehlig, wehlerisch, wehlhaft, wahlhaft, wahlbar, electilis, vulgo electicius, delectitius. 2468, wo auch das compositum vorwehlicht, eximius, magis expetendus, erwähnt wird. b) 'zur wahl geeignet, passend, bequem' ist wählig an folgender stelle: welchs Rodisz an widersprechen der wehlichst pass, daraus dem Turgken ... sein einbrechen gegen der christenheit am meysten gewent werden mag. Diefenbach-Wülcker 892 aus dem Weimarer archiv (Nürnberg 1522). hier wird auch das von Stieler 2527 erwähnte und fälschlich auf wägerlich zurückgeführte wälig ('sive wallig'), tolerabilis, commodus, aptus, idoneus anzureihen sein; in dem gegebenen beispiel es ist wällig in der stuben, sat commode callidum est, gehört aber wällig nicht hierher, sondern entweder zu wallen, an das auch Stieler denkt, oder zu wädeln sich vor hitze bewegen, s.wedeln undwedelwarm (kaum zu wählig 1 als 'behaglich'). c) den gröszten umfang hat wählig 'wählerisch' gewonnen, das erst im 18. jahrh. auftritt. es wird zuerst von Rondeau (als ungebräuchlich) angeführt: wählig, gewählt (dies hier activisch zu nehmen, s. theil 4, 1, 4758), délicat, dégouté, difficile sur le choix, dann von Moerbeek 535: gewählt, teer (verzärtelt), zwak, onlustig; Adelung und Campe erwähnen das wort, halten es aber mit rücksicht auf das andre wählig nicht zum ersatz von wählerisch geeignet. das wort scheint mehrfach boden in der volkssprache zu haben, so in Preuszen Frischbier 2, 454 (er ist sehr wählig im essen und trinken) und in der Schweiz. das wort ist von Lessing in die litteratursprache eingeführt worden, dem Herder auf dem fusze folgt: warum wollen wir eckler, in unsern vergnügungen wähliger, und gegen kahle vernünfteleyen nachgebender seyn, ... als selbst die Römer und Griechen waren? Lessing 7, 81 (hamb. dramat.); je unzüchtiger man denkt, desto mehr (wird man) vielleicht die keuschheit seines ohrs schonen, desto ekler, desto wähliger und üppiger in der wortwürde werden; desto eher nach zweideutigkeiten haschen. Herder 3, 292 Suphan (krit. wälder 2). später überwiegt die beziehung des wortes auf die ansprüche, die im essen und trinken und überhaupt in den lebensgewohnheiten gestellt werden: Clemens. ... hat er brav appetit? schmeckt's ihm? Susanna: o er ist recht wählig manchmal; wenn er lustig ist, will er auch wohl sprechen, aber das wird ihm noch sauer. Tieck 1, 153 (Octav. 1); auch eine edle rasse möchte ich sie (die Tiroler) nennen, weil sie sich in ihren nahrungsmitteln sehr wählig und in ihren gewöhnungen sehr reinlich zeigen. Heine 3, 236 Elster; nachdem ich meine stelle aufgegeben hatte, gieng ich zwar alsbald hieher, mich nach einer wohnung umzusehen, war aber äuszerst wählig, und als mir keine völlig zusagte, gieng ich wieder heim. D. F. Strausz ausgew. briefe 28 Zeller. daraus entwickelt sich die bedeutung 'verzärtelt, zimperlich, empfindlich' (vgl. oben die bestimmungen des wortes bei Rondeau und Moerbeek), in der sich das wort mit wählig 1 als 'luxurians' berührt: täglich einige stunden auf dem ministerium als freiwilliger arbeitend und im übrigen ein etwas wähliger reicher muttersohn, liesz er sich mit aller gemächlichkeit raum, zum entschlusse zu kommen. G. Keller 7, 145;
Primislaus. auch, sah ich eure betten gar so weich,
dacht' ich: ihr schlaf ist schlecht wohl, weil so wählig.
Grillparzer 6, 204 (Libussa 4);
Zanga. seht ihr?
da kommt euer weiches herz
und der vorsatz ist zum henker ...
herr, ich war mal auch so wählig,
als ich, freilich jung genug,
meine ersten waffen trug,
ging im kopf mir hin und her,
war das herz mir zentnerschwer;
als es hiesz: dem feind entgegen!
schlug's da drin mit harten schlägen,
und die nacht
vor der schlacht
ward gar bange zugebracht. —
doch beim ersten sonnenstrahl
ward mir's klar auf einem mal ...
da fühlt' ich mein herz sich wandeln,
jeder zweifel war besiegt;
klar ward's, dasz im thun und handeln,
nicht im grübeln 's leben liegt. —
5, 144 (der traum, ein leben 1).
daneben kommt das wort als 'wählerisch' auch in andren beziehungen vor: die letztere nahm mich ... wie einen kourmacher 'auf probe' an ... die tochter des hauses war nicht so wählig; dieser schien ich ganz willkommen zu sein. Holtei 40 jahre 1, 390; denn wie sie auch die kreuzer abmödelete, hier konnte sie nach ihrer weise verschwenden, schienen die kreuzer sie nicht zu reuen, hier kaufte sie nicht immer vom wohlfeilsten, hier konnte sie wählig sein. Gotthelf erz. u. bilder aus d. Schweiz 4, 313;
ihm (dem schmetterlinge) war am strand das leise flüstern
von west und blüthe nicht genug,
es trieb hinaus ihn, wählig lüstern,
zu wagen einen weitern flug.
Lenau ged. (1857) 2, 19.
wählig als 'tadelsüchtig' wird von v. Rütte im wb. zu Gotthelf ohne beleg angeführt.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1903), Bd. XIII (1922), Sp. 572, Z. 1.
Zitationshilfe
„wählig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%A4hlig>, abgerufen am 17.02.2020.

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