Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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walen, verb.

walen, verb.
wälzen, sich wälzen. ein wort, das jetzt nur mundartliche verbreitung hat, im älteren nhd. aber auch litterarisch vorkommt, schon ahd. vereinzelt walôn.
1)
herkunft und verbreitung.
a)
walôn gehört zu der ungemein weit verbreiteten indogermanischen wurzel vel 'wälzen, drehen', die auch vielfach erweitert erscheint und deren bedeutung sich specialisiren kann (namentlich auf die bewegung des kalten oder heiszen wassers, ein gehen mit den füszen, eine thätigkeit mit den händen u. s. w. bezogen): skr. válati 'sich wenden, drehen', aslav. valiti 'wälzen', lit. vélti 'walken'. auf die einfache wurzel geht noch got. wulan 'sieden', ahd. walm 'hitze', ags. wielm 'wallung, von wasser oder feuer' zurück, sowie auch die unter dem zweiten wale (fem.) angeführten wörter mit der grundbedeutung 'gerundet', eig. 'gewälzt'. weiterbildung durch w zeigen got. walwjan 'wälzen', erweitert walwisôn 'sich wälzen', ags. wielwan 'wälzen', dazu lat. volvo, gr. ἐλύω 'winden, krümmen', εἰλύω 'wälzen, einwickeln'; weiterbildung durch d wälzen (s. d.). -ll- aus -ln- erscheint bei ahd. wellan 'wälzen', anord. vella 'wälzen, sieden', ahd. wella 'walze, walzenförmiges, woge', während ahd. wallan zunächst ausschlieszlich auf die bewegung von flüssigkeit (dann auch von andren dingen) bezogen wird; ferner stehen in der bedeutung ahd. willôn, wullôn 'ekel empfinden' (vgl. die gleiche bedeutungsentwicklung von 'wälzen' aus bei walgen). weiterbildung durch gutturale zeigen dann walgen und walken (s. diese wörter), von denen das zweite im deutschen überwiegend, wenn auch nicht ausschlieszlich, auf ein wälzendes, knetendes bearbeiten von stoffen eingeschränkt erscheint.
b)
das wort läszt sich aus dem ahd. nur einmal belegen: volitarent (linteamenta agente vento), walotin Steinmeyer-Sievers gl. 2, 748, 14; daran schlieszt sich das subst. walonti, manacio gl. 1, 38, 32 in Pa. (in gl. K. walondi). auch in einer quelle des 12. jahrh. (unten 2, b, β) kommt gewalot vor. sonst läszt sich das verbum aus dem älteren mhd. nicht belegen, erst vom 14. jahrh. an kommt es in alem.-schwäb. quellen häufig vor, während bair. und md. belege fehlen. auch im mnd. kommt sik walen vereinzelt vor Schiller-Lübben 5, 579, sowie im mndl. (Kilian 571 führt walen, waelen, wallen als 'mutare, vertere' und wallen, wellen als 'volvere, volutare' an). im 16. 17. jahrh. geben das wort alemannische wörterbücher an: evolvere, uszhin walen. Altenstaig nach Diefenbach gl. 213ᵃ; volvo, ich weltze, wale, wende umb. Dasypodius 263ᶜ; walen, volvere, rotare. 451ᶜ; walen, unden auf weltzen und trolen, subvolvere, volvere, circumvolvere. Maaler 483ᶜ; volvere, weltzen, trolen, wallen, rollen, umbtreiben. Dentzler 1, 886ᵃ; orbe volvi, se volvere, über und über kuglen, wallen. ebenda; wallen, weltzen, volvere, volutare. 2, 341ᵇ. auch Schönsleder prompt. Kk 4ᶜ verweist von walen auf weltzen. die andern wörterbücher kennen es nicht und erst Campe führt wieder walen aus dem schwäb. und aus dem nd. wallen für 'wälzen, rollen, walzen' an. litterarisch kommt das wort im 16. jahrh. bei Alemannen häufig vor, so haben es Paracelsus, Würtz, Forer, Heuszlin, Fischart, das schildbürgerbuch und noch Fel. Platter. einen vereinzelten beleg für wallen (diese schreibung gelegentlich auch im 15. 16. jahrh. und bei Dentzler) bietet noch Abr. a S. Clara, der das wort wol seiner heimischen, schwäbischen mundart verdankt.
c)
mundartlich lebt das wort jetzt vor allem im schwäb.-alem. gebiet, wo es theils transitiv als 'mit einer rolle platt machen', theils intransitiv (reflexiv) als 'sich wälzen' (z. b. von kindern, thieren) gebraucht wird. Stalder 2, 432. Tobler 438. Hunziker 285. Seiler 309. Martin-Lienhart 2, 811 (mit dem part. kwale). Schmid 515 (im part. auch mit spuren starker bildung, aufgewollen 'aufgedunsen'). Erbe 41. im bair. ist es nicht nachzuweisen, auch Schmeller² 2, 884 gibt es nicht aus der jetzigen sprache an, doch führt Unger-Khull 616ᵃ walen (part. gewollen) 'wälzen' als obersteirisch an; eine spur aus der Gottscheer sprache s. unten 2, a, β. im md. scheint es jetzt fast ganz durch die weiterbildungen (walgen, walzen u. s. w.) verdrängt, doch kennt es Schröer versuch 260 aus dem ungarischen bergland, es kommt auch im östlichen Mitteldeutschland in der bedeutung 'mit eiern spielen' noch vor (unten 2, a, β). verbreitet ist es in Niederdeutschland als 'wälzen': brem. wb. 5, 172 (wallen, auch wälen). ten Doornkaat Koolman 3, 500 (auch welen 533). Mi 104; auch in ndl. mundarten: Gallée 51. Molema 476 (woalen 'sich im gras herumwälzen von knaben und mädchen'); auch das seemännische walen (2, b, γ) beruht auf dem nd. mnd. walballen, walleballen Schiller-Lübben 5, 580, jetzt in verschiedenen formen verbreitet (oben sp. 1111), 'sich im bett herumwälzen, sich herumtreiben', ist vielleicht 'streckform' zu walen, mit einmischung von wallen.
2)
gebrauch. walen bezeichnet wie wälzen ursprünglich das hin- und herbewegen eines gegenstandes unmittelbar über einem andern. diese grundbedeutung ist nach verschiedenen seiten hin erweitert worden.
a)
transitives walen.
α)
durch wälzen, rollen platt machen, z. b. den acker mit der walze bearbeiten. Martin-Lienhart 2, 811 (vgl. walbloch, walholz und wale, f.). ferner den teig mit der rolle auswälgern: diesen teig solt du folgends umb einen seyden oder leynen bendel wicklen und walen, auff einem zinnern teller, der etwas schmutzig seye. Fel. Würtz practica der wundartzney (Basel 1612) 202. so jetzt in vielen alem. und nd. mundarten (1, c). elsäss. auch (mit bewirkendem acc.) die kueche wale. Martin-Lienhart a. a. o. im nd. sagt man von jemand, der eine glatte haut hat: he is so schier, as wen he ūt dem dege wälet is. brem. wb. 5, 173.
β)
wälzend fortbewegen, z. b. eine last: phalanga, eyn wale ... darauff man eyn last walet oder schaltet. phalangarius, eyn träger oder knecht der läste walet. Dasypodius 181ᵈ; die vierd walet ein block by dem kefyt .., darinn die atzel sasz. buch der beispiele 56, 18 Holland;
Diogenes zu siner zyt ...
hub an zu walen hin und her
syn scherbat vas, als ob es wer
isin und nit von härd gebrant,
geschefftig gar mit siner hand.
Weller dicht. des 16. jahrh. 111;
der himmel bewegt sich gleich als ein uffrecht fasz, das man uffrecht besyts walet von eim ort zuͦ dem andern. Keisersberg Marie himelfart 5ᵈ. besonders holz walen: welcher in den obgemelten höltzern und wäldern holtzen wil, der sol die höltzer nütt lǎssen walen, sonder das gonten oder aber das schlaipfen ald aber zuͦrugg dannen füren. rechtsquellen des kantons St. Gallen 1, 2, 381, 33 (Toggenburg 1493) Gmür; dasselbige (bauholz) ... bringens mit heben, lupffen, schieben, treiben, stossen, trollen, rollen, wallen, schleiffen ... den berg hinauff. Schildbürger 38. etwas abweichend 'rollend werfen', z. b. eine kugel walen: wer kugel walt oder in dem bret spilt. Schmeller² 2, 884 aus einer handschr. daraus hat sich walen in absolutem gebrauch als 'mit der kugel spielen' (d) entwickelt. ferner eier walen, ein kindervergnügen zur osterzeit (vgl. das erste wale [fem.] 3 und walei) in md. gegenden, von Scherz-Oberlin 1928 aus Naumburg angegeben, ferner neues lausitzisches mag. 39, 189. Schröer versuch 260. vgl. walgen 2, a, ε.
b)
intransitives walen.
α)
'sich wälzen', meist mit in verbunden: volutare, in pfuͦl wallen. Diefenbach gl. 628ᶜ; in dem bett umbhin walen, sich allenthalben dem bett hin strecken. Maaler 483ᶜ;
du bist vormals mee gwalet im dreck,
das möcht dir aber zhanden gon.
Eckstein concilium 720 Scheible;
ach weh, mein voller bauch
thät vor nach bösem brauch
in wollust umbher wahlen.
Wackernagel kirchenl. 5, 1356, 25;
schweiz. 's ross walet im boda n'omma 'wälzt sich auf dem boden herum'. Tobler 438; so aneinandergeklammert rollte und wälzte man sich (auf dem acker) herum und nannte dies walen. Strackerjahn aberglaube u. sagen aus Oldenburg 2, 78. allgemein 'sich drehen': 't wāld all mit mī in 't runde. ten Doornkaat Koolman 3, 500.
β)
'sich wälzend fortbewegen': mir ist getroumet, wie ain derbeʒ gierstins brot walete uʒ herrn Gedeons gezelt. Grieshaber predigten 2, 112; daʒ derbe girstin brot daʒ da ist gewalot in diu her. ebenda;
henckend üch an das römisch rich,
so gand üch zehand üwer sachen glücklich,
und sehend eben recht ins spiel;
es nieman weisst, wie die kugel walen wil.
vorspiel zu Etter Heini 467;
do man den (ehernen) ochsen uff den berg bracht, do hiesz der keyser, daʒ man den wirdigen edlen ritter darin stiesz und inn denn berg ab liesz wallen, houpt uber ars. deutsche volksbücher 321, 22 Bachmann-Singer; darumb so seind sie (die sterne) kugeln, die da für und für waltzen und walend, wie sie von der hand gottes geworffen werden. Paracelsus (1590) 8, 193. von menschen, wortspielend bei Fischart: Goten, Wandeln, Langparten, Nortmannen, Saracenen, Marckmannen, Wenden, Sclaven, Rugen, Walen, die untereinander gehurnauset, gewalet, gewandelt und gewendet haben. Garg. 27ᵃ (31 Alsleben). Hebel erweitert den gebrauch des alem. wale, indem er es wie schriftd. wallen gebraucht:
wie ne luftig gwülch am morgehimel im frühlig
schwebts (das tuch) der uf der brust, und stigt und fallt mittem othem,
wahlt der über d' achsle, und fallt in prächtige zipfle
übere rucken abe.
alem. ged. 20 Behaghel (die wiese 112);
's morgeliecht
es rieslet still in d' nacht, und endlich wahlt's
in goldne strömen über berg und thal.
84 (der wächter in d. mitternacht 98).
γ)
in der seemannssprache wird walen von einem schiff gebraucht, das nicht vorwärts kommt, sondern sich um seine längsachse dreht, schlingert; ebenso von der kompasznadel, wenn sie ihre magnetische kraft verloren hat und hin und her schwankt. Bobrik 716ᵃ (auch wallen). Stenzel 455ᵇ. so auch ndl. walen.
c)
reflexives walen 'sich wälzen', meist mit örtlicher bestimmung: volutabrum, eyn ort da man weltzen mag, da sich die schwein walen. Dasypodius 264ᵃ; wenne och unser herr der abbas seinen atze wil nemen ... so sol der marschalk varen mit den pherden über wunne und über weide, wie sich die pherde walent, das sol er bessern. Alsatia diplomatica nr. 980 (1339); sumerzyts walet er sich im sand am meer. Diogenes (Zürich 1550) B 5ᵃ; die fasanen verdärbend von den leusen, wo sy sich nit im staub walend. Gesners vogelbuch v. Heuszlin 52ᵃ; so sich die hennen über ir gewonheit im sand walend, so ist disz ein zeichen eines groszen rägens. 94ᵇ; so er (der vogel) auszgespaciert hat, walet er sich im staub und badet. 191ᵃ; so der bär nahend bey der hülin ist, walet er sich dareyn, damit der jäger sein gspor nit finde. Forer thierb. 16ᵃ; so ein rosz die würm bekompt, welches angezeigt wirdt, so es sich mit schmertzen offt wallet, den kopff zuͦ dem bauch schlacht, den schwantz vil hin und wider wirfft. 136ᵃ. von menschen: wo der kranck sich wallet tauber weisz auf dem boden, so ist nichts dann der tod zu erwarten. 89ᵇ. jetzt namentlich von kindern oder als ausdruck der lustigkeit: elsäss. er het si gwalt vor lache. Martin-Lienhart 2, 811. übertragen: sich in der huͦrey walen, gar unverschampt ein huͦrer seyn. Maaler 483ᶜ. verstärkt mit um: do diene selle diese briefe annegesach, do wart si gar fro ... und spranc fon freuden under diese briefe und walthe sich umbe und umbe in diesen briefen. Rulmann Merswin 127 Schmidt; die tesch walet sich umb eins uber das ander, bisz sie widerumb heim kam. Pauli schimpf u. ernst 109 Österley; de jungens un wichter walen sük in 't hei herum. ten Doornkaat Koolman 3, 500.
d)
von dem transitiven gebrauch aus hat sich walen (verdeutlicht: mit der kugel walen) festgesetzt als bezeichnung eines spieles, das im 14. 15. jahrh. in alem.-schwäb. gegenden sehr üblich gewesen sein musz; es kam dabei darauf an eine kugel durch einen ring rollen zu lassen (vgl. walgen 2, a, ε). der ausdruck kommt häufig in rechtlichen bestimmungen, zusammen mit andren spielen, vor: die vorgenant zunft hat die freiheit von dem gotzhus das si denselben tag mügent leben wi si wellent, mit spilen, mit walen und mit anderer kurtzewile. Alsatia diplom. nr. 1980 (2, 165) (Münster 1339); nieman sol walen noch spilen in denheinen weg uf der stuben noch in dem begriffe von der grossen vastnaht untze vierzehen tage noch ostern. urkundenbuch der stadt Straszburg 5, 430 (1360) Witte u. Wolfram; man (soll) ouch die messe usse nyergent anderwo kein spil halten dann in demselben huse des Heissen Steines; doch mag man in garten oder sust an andern enden wol walen, im brette spilen, karten und schochzabels und sust kein ander spil tuͦn. Straszburger zunftordnungen 343 Brucker; darumb so habent die herren gerotslaget, das hinnanfürder niemand von unsern burgern ... deheinerleye würfelspiele, hohe oder nyder, das den pfennig geschaden mag, nit triben noch spielen söllent; doch schochzabel, brettspiele, walen und karten mag man wol tuͦn. 470; walen ... und kegeln. 471; das man nun hinanfurme keinerley spyl, domitte man pfening gewynnen oder verlieren magk, ... tuͦn sol, uszgesat schoffzabel, schiessen, walen, kuwel werffen, kegeln und bal slahen. Schlettstadter stadtrechte 1, 352 (1460) Gény; es sol oͮch in dem geriht nieman spilan oder karten ... aber boͮszsan und walan und bretspiel ald schauchzebel und schiessen mit dem armbrost ist usgelassen. Alemannia 5, 226, 26 (stadtbuch v. Schaffhausen, 14. jahrh.); das nieman einkein spil nicht mehr triben noch tuͦn sol ... ussgelassen brettspil und bossen und mit der kugeln walen ungevarlich umb ein ürten. Zürcher stadtbücher 2, 261 Zeller-Werdmüller (1418); wer ouch der ist die hie zu Memmingen in sinem hus und gemach wissenklich spilen, walen. karten ... tuon lät. Birlinger schwäb.-Augsburg. wb. 425 aus dem Memminger stadtrecht;
wer walet oder spilt,
singet oder sprichet,
dem man sin hopt zerbrichet,
hört man ettlichen clagen.
liedersaal 3, 422 (v. 44);
wie sie tuond baitzen
und mit hunden jagen,
darzu walen und spilen.
des teufels netz 4027 variante;
darzuo lat er unfuor in sinem hus triben
mit mannen und mit wiben,
schelten und sweren
und die hailigen enteren
mit toban, walan und spilan.
12795;
nieman die zuͦvelle alle kan gezalen,
luͦderige, sweren, schelten, spilen uud walen
ged. vom jüngsten gericht bei Schmidt elsäss. wb. 411.
e)
in zusammensetzungen verändert sich mitunter die bedeutung des verbums, so in schwäb. aufgewollen 'aufgedunsen' Schmid 515, das aber vielleicht zu wallen I gehört. ferner zusammenwalen 'zusammenballen' (vgl. wallen I, B, 6, zusammenwallen 'coagulare', an das aber bei den folgenden belegen wegen des transitiven und reflexiven gebrauchs nicht gedacht werden darf): setzet ein pfannen mit wasser übers fewr, und mit dem teig darein. mit nichten aber wolt es sich schicken, es wolt sich eben gar nit zusammen wallen, das kuͤchlin daraus wurden. Schildbürger 50; in einem winter formiert ich ausz schnee zesamen gewalt ein bachofen im garten. Fel. Platter 138 Boos; eine wolcken ist nichts anders, als ein dunst .., welchen die sonne, wie auch andere gestirn, in die höhe ziehen, allwo er von der kälte in etwas zusammen gewallt wird. Abr. a S. Clara huy u. pfuy (1725) 43. hierzu aus Gottschee geballt (b aus w) 'gewickelt, geringelt'. Frommann 6, 521, 6.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1908), Bd. XIII (1922), Sp. 1216, Z. 9.

walen, verb.

walen, verb.
wälschen, rotwälsch reden, s. wahlen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1908), Bd. XIII (1922), Sp. 1219, Z. 65.

wälen, verb.

wälen, verb.
fächeln, abgeleitet von wale, fächer, nur im mhd.:
swer ein viur wil erkücken,
der muoʒ die brende vüegen ê,
daʒ ime diu flamme niht engê:
sone mac er niht gevælen
und tuoc ime sîn wælen,
daʒ er tuot, hinden nâch.
H. v. d. Türlin crone 6354.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1908), Bd. XIII (1922), Sp. 1219, Z. 66.

wälen, verb.

wälen, verb.
austrocknen, s. welen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1908), Bd. XIII (1922), Sp. 1219, Z. 75.

welle, f.

welle, f.,
in der bedeutung 'wallende flüssigkeit, quelle' (¹welle) ableitung von ²wellen, verb., 'zum wallen bringen', in den drei bedeutungen '(reisig)-bündel' (²welle), 'cylindrischer körper' (³welle) und 'wasserwelle' (⁴welle), deverbativum zu ³wellen 'wälzen, rollen', jedoch nicht einmalig, sondern offenbar an verschiedenen orten und zu verschiedenen zeiten mehrfach gebildet. in der bedeutung 'bündel' gehört es fast ausschlieszlich dem hochdeutschen westen (besonders dem Elsasz) an und hat auch nur in diesem gebiet schriftsprachlichen wert erhalten; als 'cylindrischer körper' ist es dagegen seit mhd. zeit dem hochdeutschen wie dem niederdeutschen gleichmäszig geläufig und auch dem niederländischen nicht unbekannt. als 'wasserwelle' ist es ursprünglich nur oberdeutsch (zuerst bei Notker bezeugt) und dringt erst spät, im 15. und 16. jh., in das übrige sprachgebiet, und zwar nur in der schriftsprachlichen oberschicht. das vereinzelte auftreten in hochdeutschen mundarten ist jung und geht wahrscheinlich auf einflusz der schriftsprache zurück.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1940), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 1394, Z. 42.

welle

welle,
s.wellen-.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1940), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 1421, Z. 68.

welle1, f.

¹welle, f.,
wallende, brodelnde flüssigkeit, quelle, natürlicher brunnen; bach. der bedeutung und herkunft nach nahe verwandt mit walle, f. (s. teil 13, sp. 1268) und wall, m. (ebda sp. 1263). welle (˂ *walljōn-) ist identisch mit ags. wielle f. Bosworth-Toller 1228 und älterndl. welle 'bullitio, ebullitio' Kilian (1605) 663ᵃ. daneben stehen in den einzelnen germ. sprachen mehr oder minder jüngere substantivbildungen zu wallan: im an. der ōn-stamm vella 'sieden, wallen, sprudeln, kochen, kochende masse' (vgl. Wessén n-deklination 65; von andern wird vella als jōn-stamm welle und ags. wielle gleichgesetzt, so Franck-v. Wijk 785, Holthausen etym. wb. d. aengl. 393; Torp 856), im aschw. der m. i-stamm välder 'ebullitio' Söderwall 2, 1030, im ags. der m. i-stamm wiell und der jan-stamm wiella Bosworth-Toller 1225, im afries. der an-stamm walla 'brunnen, quelle' Richthofen 1124ᵃ (von v. Helten idg. forsch. 19, 176 als jan-stamm angesehen) sowie die oben genannten deutschen wall und walle. von hohem alter und zwar schon vorgerm. ist allein eine bildung mit mi-suffix: ahd. walm = ags. wielm, mnl. walm, aind. ūrmí, m. f., avest. varəmi 'welle', vgl. Walde-Pokorny 1, 302. das wort ist im englischen und niederländischen, seinem ursprünglichen kerngebiet, schriftsprachlich geworden und auf deutschem boden nur in den ans niederländische grenzenden maa. noch lebendig: welle quelle Strodtmann id. Osnabr. 283; welle stelle, wo das wasser aus der erde hervorbricht oder -sprudelt und sich sammelt, quelle, natürlicher brunnen Doornkaat-Koolman ostfries. spr. 3, 533; es fehlt bei Woeste westfäl. ma.; im bremischen war es bereits im 18. jh. ausgestorben: 'well vor zeiten bedeutete diesz wort eine quelle, in welcher bedeutung es die Engländer und Holländer noch brauchen' brem. niedersächs. wb. 5 (1791) 225. in keinem zusammenhang mit dem niederdeutschen verbreitungsgebiet steht ein bel (pl. beln) quelle Schmeller cimbr. wb. 172. die literarischen belege zeigen, dasz welle dem hochdeutschen nicht unbekannt war:
wie in der bitteren helle
mit vuweres heizer welle
ein wonunge ist der sunde
väterbuch 31 618 R.;
der posen val
ist hin zu tal
in di fewres well.
da beleibt ir gesell
der tewfel in der hell
ebda 41 026;
dazu vgl. noch mhd. bechwelle und unten ²wellig; schriftsprachlich sonst nur noch belegt in zusammensetzungen, wie grundwelle (s. d.), langwelle (s. d.) und winterwelle(n) 'kleine verborgene quellen nahe der oberfläche, welche auch im winter fortflieszen' Adelung 5 (1786) 247. weiterentwickelt zu der bedeutung 'flieszendes wasser' im älteren niederdeutschen: der averste moge de welle oder becke vorerst woll geneiten und verdan in de vorige strate lopen laten und der nedderste, sofern em daran gin schade geschicht, solches tho verhinderen gine macht hebben (1579) landrechte des Münsterlandes 1, 36 Philippi.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1940), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 1394, Z. 61.

welle2, f.

²welle, f.,
'bündel holz, stroh u. ä., tuchballen, butterrolle', zu ³wellen 'rollen, wälzen', eigentlich 'etwas durch drehen, ballen, rollen, raffen zusammengerundetes', doch erscheint die abstracte bezeichnung der äuszeren form kaum irgendwo von den bestimmten sachbezügen gelöst.
1)
'zusammengerolltes, geschnürtes bündel', in dieser bedeutung fast nur hochdeutsch.
a)
'das reisigbündel', in obd. und md. maa. reich bezeugt. kerngebiet ist das schwäbisch-alemannische, s. Martin-Lienhart elsäss. ma. 2, 811 und Fischer schwäb. 6, 666; doch auch in den angrenzenden md. gebieten (Lothringen, Hessen und Thüringen) üblich, vgl. Follmann deutsch-lothring. ma. 536; Crecelius oberhess. wb. 903; Regel Ruhlaer ma. 122; Hertel Salzunger wb. 51. über die md. randgebiete reicht es auch ins nd.: Jecht Mansfelder ma. 121ᵃ; Liesenberg Stieger ma. 217; Hofmann niederhess. wb. 261; Schambach Göttingen 293. hierhin fällt auch der einzige historische niederdeutsche beleg: pro virgulis staken et wellen (1400) Göttinger urkundenbuch 1, nr. 385. im übrigen nd. nicht bezeugt, daher auffällig: 'wellen im preuszischen, was hier (an der küste der Nordsee) buschbund' Benzler wb. der beim deichbau vorkommenden kunstwörter (1792) 2, 275. ebenso fehlt es heute gänzlich dem östlichen md. (Sachsen, Schlesien), weniger bekannt ist es in Bayern, s. Schmeller-Fr. 2, 887. das österreichische kennt welle nur in einer sonderbedeutung (s. u.d); vgl. zum folgenden auch die bereits behandelten zusammensetzungen: dornwelle (teil 2, sp. 1301), futterwelle (teil 4, 1, sp. 1101), holzwelle (teil 4, 2, sp. 1785), rebwelle (teil 8, sp. 338), reiswelle (teil 8, sp. 752), ferner die bei Martin-Lienhart 2, 811 angeführten composita aus den elsässischen maa.
α)
mit inhaltlicher bestimmung im abhängigen genitiv oder nominativ wie welle holz(es), vgl. fascis cocularius ein welln reisigs Zehner nomencl. (1645) 392; fascis lignorum vel virgultorum eine welle oder gebund reisig, ein reiszbund Corvinus fons lat. (1646) 329; eine welle holz fascis lignorum Stieler (1691) 2423:
ein altwip, das wolde lauffen,
eine welle holtzes zu verkauffen,
si uff irem halse trug
pilgerfahrt des träumenden mönchs 11 721 B.;
ein kriegsknecht ..., welchem die hend an einer wällen holtz gefroren und erstarret waren Micyllus Tacitus (1535) 207ᵃ; (er befahl) seinem steckenknecht, der ihm ettlich wellen ruten und ein beihel an einem stecken vortrug Heyden Plinius (1565) 46; (er) muste mir eine welle scharpfer dörner zuwegen bringen Grimmelshausen Simplicissimus 2, 279 Keller;
und auf die nasse schwelle
humpelt ein altes weib, dem eine welle
gefallnes holz auf krummen rücken hängt
Münchhausen balladen u. ritterl. lieder (1933) 92.
mit angabe des zweckes; als brennholz (so auch meist in den oben und unten angeführten belegen): sie sollen irn herrn ... jerlichs 100 wellen brennholz gebben (Speyer 1487) d. dt. bauernkrieg, aktenband 20 Franz; als brennholz besitzen die wellen vorzügliche güte v. Schlechtendal flora (1880) 28, 132; Axel erhob sich von der welle brennholz, auf der er ... niedergesunken war P. Alverdes Reinhold (1931) 166. ein wellen reiff, seie grosz oder klein, gibt ein pfenning (1555) Schlettstadter stadtrechte 2, 1091; auch: ein wellen raif haltet 100, 50, 40, mehr oder weniger raif, nachdeme sie grosz oder klein sind, bis auf 5 stück, so die gröste sind (18. jh.) zeitschr. f. gesch. des Oberrheins 11, 279. allgemein ohne inhaltliche festlegung: die erlen in den alten wasserflüssen (soll der küchenmeister) leuthern und schneideln und die stangen ausschneideln und ... die este zu wellen machen lasszen und verbrennen bei Michelsen der Mainzer hof in Erfurt 23; guthe wellen machen ebda 31; an einer grünbewachsenen stelle, wo reisig zu wellen ... gebunden lag Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 7, 31; das reisholz zu wellen aufgearbeitet Schwappach hdb. d. forst- u. jagdgesch. (1886) 1, 191.
β)
jedoch überwiegt die anwendung auf das reisigbündel so sehr, dasz welle in dieser bedeutung nicht eines zusatzes bedarf, vgl. 'für sich allein bedeutet das wort immer nur reisbündel' Ch. Schmidt Straszburg. ma. 116; vornehmlich ist es das bündel brennholz, lexikographisch seit dem 15. jh. bezeugt, vgl. fasciculus welle, burdelin (hd. voc. 15. jh.) Diefenbach nov. gloss. 167ᵇ; fascis ein well, bürd Alberus dict. (1540) R 4ᵇ; un petit fagot, una fascina welle, ein bündlein holz Hulsius-Ravellus (1616) 404ᵇ: den spittel ... leite men obenan voll wellen und stro; were es das die bösewihte werent hinzukumen, so hette men es anegestoszen städtechron. 9, 818 (Straszburg); dratt sie neben sich in einen hagendornen von einer wellen Frey gartengesellschaft 74 Bolte; so müszte ... der oberst ketzermeister ... sampt feur und schwerdt, stock und stecken, stro und wellen ihnen zu hülf kommen Fischart binenkorb (1588) 69; wir fanden mitte wegs wellen und reisig eines abgeschlagenen birkenhölzchens Göthe I 33, 50 W.;
auch manche hausfrau sah ich, die wellen schüttete
in ihres herdes feuer, das brannte davon klar
Rückert ges. poet. werke (1873) 11, 503;
auch kann man das holtz davon, wenn mans in die höhe wachsen läszt, brauchen zu pfählen, stangen, wagenzeug usw. und die wellen darvon zu brennholtz Casp. Schröter hauszverwalter (1712) 10; jedes haus bekommt jährlich aus den stadtforsten ein halbes schock wellen Rüling beschreibung von Northeim (1779) 91; häufige wendungen: wellen machen Frankf. rechenbuch von 1414 (handschriftlich); wellen binden Sebiz feldbau (1579) 461; Schwan dict. (1784) 1030ᵇ; wellen anzünden Widmann Fausts leben 149 Keller; eine welle anlegen, anzünden Kramer 2 (1702) 1314ᵃ. der art nach unterschieden: die grossen wellen die man nennet füllewellen ... darnoch die erlin wellen ... darnoch die eichin wellen (1468) Straszburger zunftverordn. 143 Brucker; von wellen, es sigend füllewellen, schutterwellen, hammelwellen oder alle andere wellen, do git ie die hant von eim hundert wellen 1 [[undefined:curundefined3sch]] ze zolle (um 1442) bei Eheberg verfassungsgesch. der stadt Straszburg 1, 118; vgl. auch die zusammensetzungen bei Martin-Lienhart 2, 812. unterschieden von sonstigem brenn- oder nutzholz: es mag jedermann wol sin burneholtz und sine wellen legen uzwendig der ringmure uf die almende (14. jh.) Straszb. zunftverordn. 143 Brucker; keinerhande holtz, es sient wellen oder schiter ebda 145; do wart ouch ufgesetzet desselben jores, in welem koufe men solte das bürneholtz geben, zaleholtz (s. unten zagelholz) und wellen städtechron. 9, 865 (Straszburg); wieviel er (der stamm) brauchbare und unbrauchbare scheidte und wellen gebe Göchhausen notabilia venatoris (1741) 167. bildlich: du sichst, das sie alle ... ein jeder nach allem seinem vermügen matery, bürdin und wellen, zu disez feuer anzuzinden mit einander zutragen, ... ich sag wellen und bürde nit von holtz oder stro ... sunder sie tragen harzu unbilliche und unrechte werck irer selen und ires leibs Jac. Wimpheling Joh. Chrysostomi tröstl. pred. (1514) 9ᵇ.
γ)
in bestimmter technischer verwendung.
αα)
'faschine im festungs- und wasserbau' Adelung 5, (1786) 157:
füerent holtz und wellen zu,
wir wein die löcher verbuwen
(1443) bei Tobler schweizer. volksl. 2, 33;
(wir schlugen bei der abwehr der belagernden Türken) darin starke grüene pfel von frischem holtz mit zäher weicher erden und mit bürden holtz und wellen der rüser oder gerten, die wir darzwischen warffen Joh. Adelphus die türckische chron. (Straszburg 1513) D 6ᵇ; man (die belagerten) schlug pfäl in die erd von starckem holtz, schüttet ein grundt drüber und legt zweig und wellen darzwischen H. v. Lewenklau chron. türck. nation (1590) 293; die deutschen knechte wollen auch im notfall nicht schanzen, beuschen oder wellen machen und halten auch so schlechte wacht (1597) zeitschr. des hist. ver. für Schwaben 28, 248.
ββ)
in der fischerei eine art feststehender reusen aus reisigbündeln, vgl. u. wellhame, ⁵weller, m.: es solle auch keiner (der fischer) kein welle ziehen (Rastatt 1505) in zs. f. gesch. d. Oberrheins 4, 93; es soll auch kein (fischer) dem andern sein geschirr oder wellen freventlich erheben, weder bey tag noch bey nacht (1596) Schlettstadter stadtrechte 2, 549 Gény; er meinte, die wellen werind ietz zogen und gemacht (1489) dokumente zur gesch. des bürgermeisters H. Waldmann 2, 152 Gagliardi;
schiff und geschir wie man es sol bruchen,
wellen und wartolff, schnür und ouch angel
(um 1514) bei Hampe ged. vom hausrat (1899) 18ᵇ;
neben wellen ziehen auch wellen legen bei Fischer schwäb. 6, 666.
b)
häufig meint welle nicht das reisigbündel, sondern ein bund stangenholz, schlieszlich auch das einzelne stück stangenholz, das holzscheit, ein gebrauch, der nach ³welle hinüberweist: des cotrets wellen oder bund von bengeln Duez nomencl. (1652) 87; ein wellen oder holtzpüschel kan man nicht brechen, aber ein stecken nach dem andern gar leicht Lehman flor. pol. (1662) 2, 834; an stangenholz wird auch meistens gedacht sein, wenn von der herrichtung von zäunen die rede ist, vgl. vallum blancke, blang, blancken vel welle (15. jh. md.) Diefenbach gloss. 606ᵃ: ein fronebannwart ... soll ouch jerlich in des closters walt ... howen zweihundert wellen, damit er den brugel (die matte) befrieden soll (1423) weist. 5, 487; als stück stangenholz: wollt dann einer ein stacketen zaun ... machen, der soll ein viertheil einer ruhten von den steinen oder furchen damit weichen, und so er denselben mit wellen decken will, sollen dieselben nach der länge, ein well nach der andern, geschlagen werden Frankfurter reformation (1578) 270ᵇ; bei Schambach Göttingen 293 steht diese bedeutung voran, vgl. welle 'stangenholz, auch ein bund solches holzes', ferner 'ein stück rundholz': wî krîget up't hûs hundert wellen ebda; im schwäbischen ganz geläufig: als 'prügelholz' Erbe schwäb. wortschatz 41; 'runder prügel' Fischer 6, 666; 'holzscheit' Meisinger Rappenauer ma. 228.
c)
mit einiger häufigkeit begegnet welle auch als bündel stroh, vorzüglich in oberdeutschen texten und mundarten, bedarf aber dann des zusatzes:
wan sich hete vil snelle
des dürren strouwes welle
ûz einander gelâzen
Heinrich v. d. Türlin krone 19 935 Scholl;
Wilbaldus ... entschlafft auff einer wellen strow Wickram w. 6, 329 Bolte; in der linken handt ein brennende fackel, unter dem selbigen arm ein wällen stroh Casp. Ensz fama austriaca (1627) 353ᵇ; geschwind deckte er jetzt einen ecken vom heu mit so viel strohwellen, als er nur hatte ... 'ist hinter diesen wellen stroh kein heu mehr?' Pestalozzi schr. (1819) 2, 159; lockerer: in dem kumpt ein buer mit einem fuder strow, ..., dem koufften sie etlich wellen ab Eulenspiegel (1515) 99 ndr. vgl. das lothring. sprichwort: besser e well stroh em dorf, als e well hau ussem dorf bei Follmann 536. in mundarten ist welle häufig das (mit der harke, dem rechen zusammengezogene) bündel heu bzw. stroh; welle zusammengebogenes heubüschel; mit der mistegge zusammengeraffter strohwulst Fischer schwäb. 6, 667; als deminutiv: wellein schichte zusammengerechelten heus ebda; wäll zu einem runden bündel gebundenes, verworrenes abfallstroh (auch walm) Heinzerling-Reuter Siegerländer wb. (1938) 308; so auch wohl: welle an einigen orten eine garbe (nur beim rauhzeug ?) Schambach Göttingen 293.
d)
seiner herkunft entsprechend ist welle auf jede art bündel anwendbar. diese möglichkeit ist nie ganz verloren gegangen:
aber Debora trug von den blättern des baumes papyrus
unter dem arm zwo sanft zusammengerollete wellen
Bodmer Noah (1752) 238;
dem Ostmitteldeutschen Schönaich muszte der ausdruck unverständlich bleiben: wellen sind wellen, nicht wahr? wer henker hat je wellen zusammengerollet? der herr rath! die ganze ästhetik 377 Köster; als feste bezeichnung für ein geschultertes bündel: wenn eine besorgte mutter ihre tochter ermahnte, sich nicht zu viel aufzubürden, so wird diese nachher unter ihren mitschwestern verspottet, die ihre verwunderung darüber zu erkennen geben, wie wenig sie in ihrer 'welle' (so nennen sie das gepäck) habe J. G. Kohl deutsche volksbilder aus dem Harz (1866) 307; vielleicht dazu als mundartliche metapher für 'rausch': sellen abend hat er auch ei schö well heimgschlept V. Traudt winkelbürger (1917) 176; wenn (er) allemal ne rechtschaffene welle geladen hat, dann wackelte er schwerfällig die strasze entlang J. H. Schwalm ous ellervotersch eppelkist (1917) 14; dazu vgl.: der soll e well han 'ist der betrunken' Follmann lothr. wb. 536; ä hät ä wällen Regel Ruhlaer ma. 122; der het nächt wieder e wellen heimgeschleift Martin-Lienhart elsäss. ma. 2, 812. im Elsasz ist welle auch ein bündel rettige, rüben, ferner 'ein bündel tabak, bestehend aus 25 einzelnen büscheln' Martin-Lienhart 2, 812; im steirischen ein 'armvoll frisch geschnittener halme, eine halbe garbe' Unger-Khull steir. 630ᵃ: die magd rauft und dreht das band aus stroh, schneidet einen armvoll halme heraus, eine 'welle' und legt sie auf das band ... der magd folgt der knecht nach, der schneidet ... die zweite welle, legt sie ... auf die erste von der magd, bindet sie mit dem unterliegenden band zusammen und legt nun ... die fertige garbe aufrecht über die stoppeln. so eine garbe nennen sie ein kind, eine einzige, offen daliegende welle aber ein 'unausgemachtes kind' P. Rosegger in: heimgarten 5 (1881) 65; in der kornernte, wenn die leute meines vaters ... der reihe nach am wogenden getreide standen und die wellen herausschnitten P. Rosegger ausgew. schr. 2 (1883) 16.
2)
stoffballen. im bereich des alem.: warumb die schuld erwachsen sig, nemlich wer es umb thuͦch, wie vil des an gantzen thuchern, an wellen, an wardel oder an elnen gwesen sie H. Geiszler prakt. rethoric u. briefformul. (1498) b 3ᵇ; was dann aber den dacht anlangt, wo die well bis in vierzig pfund wigt, soll ein halber batzen von jedem theil ... und von jeder wellen durch den verkäufer ein creuzer waggelt ... erstattet werden (v. j. 1609) bei Schmoller Straszb. weber 239; ein gra tuoch, das hie Zürich gewürket wirt, ... ensol abe der wellun verkaufet werden richtebriev d. bürger von Zürich 55 in helvet. bibl. 2 (1735); ane wellen verkaufen ebda 56; dasz die groszmutter eine welle tuch nach der andern zu zeigen brachte, ... wunderte mich weniger Jer. Gotthelf ges. schr. (1855) 1, 20; vgl. Fischer schwäb. 6, 666.
3)
länglich ausgeformte butterrolle, im bereich des westl. nd.: die butter ist teuer und kostet fünf groschen, dafür ist aber auch jede welle mit einem blumenkranz besteckt M. Krummacher unser groszvater (1891) 172; vgl. Woeste 319.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1940), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 1395, Z. 43.

welle3, f.

³welle, f.,
drehbarer cylinder; mühlenwelle, ackerwalze. auf dem gesamten sprachgebiet bekannt, auszerhalb jedoch nur im nl. (s. u. A 3), wie ²welle und ⁴welle zu ³wellen 'rollen, wälzen' gehörend. ein vereinzeltes denominativ wellen 'etwas auf eine welle winden' bei Fischer schwäb. 6, 667.
A.
im eigentlichen sinne 'der cylinderförmige körper, der um seine längsachse gedreht wird, um bestimmte arbeitsleistungen zu ermöglichen oder zu erleichtern'. vielfach gleichgesetzt mit achse (vgl. unten 1 [ende]), grindel (teil 4, 1, 6, sp. 373), haspel (teil 4, 2, sp. 544), rolle 3 (teil 8, sp. 1139), spill 3 (teil 10, 1, sp. 2484), wale (teil 13, sp. 1215), walze 2 (teil 13, sp. 1404), winde (teil 14, 2, sp. 275), vor allem mit wellbaum (s. o.). lexikographisch seit dem 15. jh. bezeugt: wäll axis stratus Frischlin nomencl. (1586) 145ᵃ.
1)
'ein um seine achse bewegter cylinder, sofern er ein rad oder andere teile einer maschine in bewegung setzt' Adelung 5 (1786) 157; vornehmlich verstanden von wind- und wassermühlen: welle der schwere, auf seinem zapfen sich umwendende holzklotz an welchem in wassermühlen das wasserrad und bei windmühlen die flügel befestigt sind Hübner (1828) 4, 904; vgl. axis rotae molaris die welle oder der wellbaum Zehner nomenclator (1645) 342; Ludwig (1716) 2443; Zincke (1744) 3182; Jacobsson 4, 633ᵃ; seit mittelhochdeutscher zeit literarisch bezeugt:
darinne (in dem burggraben) ein tiefez wazzer ran,
dâ was ein grôz wunder an,
daz ez die mûre umbe treip ...
sie lief alsô snelle
umb und umbe, als ein welle
sie treip, daz sie nie entwelt,
reht als ein mül, diu dâ melt
Heinrich v. d. Türlin krone 12 963 Scholl;
waterradhe, camprade, wellen, spillen, drifrinnen (als zubehör zur mühle) urkundenbuch der stadt Lübeck 1, nr. 671 (a. d. j. 1298); 4 m ... vor 15 zappen zu den wellen (einer mühle) Marienburger treszlerbuch 1399—1409, s. 11 Joachim; pro ligno wel ad rotam et kremlingh (krümmling) flor. 1 (a. d. j. 1520) qu. z. gesch. d. st. Kronstadt 1, 239; pro ligno quercino well ad molendinum (1521) ebda 1, 304; derhalben bestellt werden musz nach anzahl der mölengäng steine zu boden und läuffern, eichenholtz zu allerlei wellen Berth. v. d. Beke soldatenspiegel (1605) 25; sie hat vier wasserräder, jedes ... treibt eine grosze welle Nicolai reise d. Deutschland (1783) 1, 265; wüthend faszte der böse feind das gebäude (einer mühle), risz flügel, räder und wellen herab Grimm dt. sagen (1891) 1, 136. seit alters in schmelzwerken und schmiedewerkstätten: es schmelzt sich übel, wenns rad die welle bricht oder der balck glüende kohlen in sich zeucht Mathesius Sarepta (1571) 158ᵃ; zum andern werden des orts nicht mehr als zween schmeltzöfen an eine welle gebawt; es halten aber die schmeltzer dafür, wo mans desz wasserfals halben haben köndte, dasz ein jeder schmeltzofen sein eigen rad und wellen hette, were es besser L. Ercker beschr. aller mineralertzt (1580) 116ᵇ. in der pulvermühle: es wird ein eichener balken mit löchern ausgehauen, darein die stampfen vermittelst der welle und zapfen fallen Stahl gewehr-gerecht. jäger (1762) 24. bei aufzügen in bergwerken: die spille (beim schachtaufzug) hat am underen theil ein scheiben, ..., an dem oberen theil ein kamprad, disz kamprad treibet umb die wellen, die da aus spindelen ist Ph. Bech Agricolas bergwerckbuch (1621) 125; im salzwerk: in den andern drei bornen zeucht man die sahl mit groszen redern an einer welle, da tretten ir zwen die reder Mathesius Sarepta (1571) 125ᵇ; zwölff radetreter, die da in einem groszen rade ... gehen und treten, darmit sie eine daran gemachte welle ... umbtreiben Fr. Hondorf saltzwerk zu Halle (1670) 31; als 'welle des steuerrades' Beil technol. wb. (1853) 653; 'eines uhrrades' Campe 5, 666, 'am schleifstein' Lübben-Walther 571ᵃ; bildlich: auf seinen augenliedern lag die schwere hand des todes. mit mühe konnte das rad am born um seine welle laufen Bode Tristram Schandi 6 (1777) 46; von der vorstellung einer roszmühle aus: der litterator verachtet meistens den poeten und der poet lacht gemeiniglich über den litterator. jeder begnügt sich, um seine welle zu gehen, wie ein geblendeter gaul Lessing 11, 325 M. in der orgel: mer sol er machen ... ain nuwe registratur oder wellen und die stäbe und wellen mit pergamen uberziehen ... ain durchgeendt positiflad on wöllen (1504) bei Obser quellen zur baugesch. des Überlinger münsters (1917) 40; dazu vgl.: an den orgeln sind die wellen die cylindrischen stäbe von holz, welche verursachen, dasz die canzellen geöffnet werden Voigt hdwb. f. d. geschäftsführung (1807) 2, 561; vgl. die eingehende sachbeschreibung bei Jacobsson 4, 633ᵃ; anders: der wichtigste teil an der balgmaschine ist die welle, die die bälge treibt Töpfer lehrb. d. orgelbaukunst (1855) 1010. — als 'glockenjoch', obschon hier die bewegung der welle nicht kreisförmig, sondern nur ein hin- und herwälzen in den lagern zusammen mit dem schwingen der glocken ist: impendibulum, in quo campane pendent welle (15. jh. nd.) Diefenbach gloss. 288ᵇ; impendibolum welle (lat.-nd. voc. von 1417) nov. gl. 211ᵃ; (15. jh.) bei Schiller-Lübben 5, 665ᵃ; 2 rthl. 12 gr. vor beyde wellen (der glocken), vor holz und des zimmermanns arbeit (Freiberg 1614) mittheil. d. ver. f. gesch. d. Deutschen in Böhmen 40, 157; an einem balken oder einer welle hängende glocken Fontane I 4, 102; ähnl. bei der waage: die welle (axis librae), welche in einem durch den waagebalken gehenden, walzenförmigen stücke bestehet, woran derselbe hängend oder schwebend erhalten wird Bürja gröszenlehre (1799) 125. im allgemeinen bleibt welle getrennt von achse, die den ruhenden cylinder bezeichnet, um den sich ein rad dreht. nur gelegentlich finden berührungen statt: der strich der allgemeinen bewegung über die obgedachte ax oder welle der welt, wenn man sich gegen den arctischen poluspunkt wendet, gehet von der rechten hand über unser häupt gegen der lincken E. Weigel forts. d. himmelsspiegels (1665) 8; indem sie (die erde) aber also läufft, wird sie ... um ihre welle, ax oder spindel geworffen Er. Francisci luftkreis (1680) 1422.
2)
winde, winde-, haspelbaum, überhaupt ein drehbarer cylinder, der ein seil, eine kette u. s. w. aufwickelt und die daran befestigte last in vertikaler oder auch horizontaler richtung bewegt. an brunnen, aufzügen, krähnen u. ä.; sucula welle, die man mit heblen umbtreibet Dasypodius (1536) 454ᵃ; rechamus idem quod trochlea ein wällen an einem aufzug oder einer winden Frisius dict. (1556) 1120ᵃ; ductarius funis ein seil durch ein wellen gezogen, als an der winden, an den söden (brunnen) ziehseil 452ᵇ: item 4 m. 14 scot vor ysenwerg zur slusen als keten, zappen, ringe, wellen, nail Marienburger treszlerbuch d. j. 1399—1409, s. 118 Joachim; (ich) nimb demnach ein wellen oder rollen, ... straub sie oben in thurm, lasz mich alsdenn am seil sonder gefahr meines lebens hinab und komme darvon J. Wetzel reise d. drei söhne Giaffers 94 lit. ver. (v. j. 1583); mit unterweiss aber, wie man sich des hebels, wellen und räder künstlich gebrauchen solle, ist es sehr leicht, (einen schweren stein zu heben) Harsdörffer frauenzimmergesprächsp. (1641) 1, C 4ᵃ; so vergessen sie (die torwächter) in der eile das bret, das auff der welle der zogbrogken lag, und reiszen an der ketten der laden Chr. Falk elb.-preusz. chron. 82 Töppen.am spinnrad die spule, am webstuhl der webebaum (vgl. wellbaum), in maa., vgl. Mensing 5, 587; Bauer-Collitz 111ᵃ; Fischer 6, 666; ebenso im drahtzug die drahtrolle, s. Beil technol. wb. (1853) 1, 653; 'ankerwinde' Hoyer-Kreuter 1, 843; auch senkrecht stehend: 'welle heiszt auch aufm bergwerck das stehende holz an dem kunstgeschleppe' Hübner convers.-lex. (1717) 1755; G. R. Lichtenstein entdeckte geheimnisse (1778) 132; im uhrwerk, s. walze 2 g (teil 13, sp. 1406): als er aber den spanner ansetzte, als wolte er sie (die uhr) aufziehen, zerbrach die welle J. H. Widerhold beschr. d. sechs reisen (1681) 1, 233ᵇ; spannholz hinten am heuwagen, mit dem der wiesbaum festgespannt wird, nur in südd. maa., s. Fischer 6, 666; Staub-Tobler 4, 1373. als kunstausdruck der älteren medizin für einen augenmuskel, vgl. walze 3 g (teil 13, sp. 1407): 'trochlea winde, welle, ist am innern theil des auges ein krosplichtes wesen, durch welches sich das gröszere, längere und oberste augenmäuszlein bei dem innern augenwinkel ziehet' Joh. Jac. Woyt thes. (1696) 364; ähnl. Blancard (1710) 545.
3)
walze, mit der etwas flach gewalzt wird, vornehmlich die ackerwalze; in dieser bedeutung hd. nicht belegt und im nd. heute nur im westen lebendig, s. Woeste westf. wb. 319; für das ältere nd.: occa ein welle, dae men die cluten mit bricht (niederrhein. gemma von 1507) Diefenbach gloss. 391ᵇ, von einem obd. lexikographen nicht verstanden und zur sinnlosigkeit entstellt: occa welle do man grosz lut mit bedecket Diefenbach a. a. o.; dagegen in obd. sprachgebrauch richtig umgesetzt: occa ein wale da man die schollen im acker mit bricht (obd. gemmen 1512—1518) ebda. auch im benachbarten niederländischen, vor allem im südniederländischen gebräuchlich, s. Verwijs-Verdam 9, 2120; vgl. zu den dort angeführten lexikalischen belegen: occabulum een welle daer men die grote cluten mede brect (Deventer 1500) Diefenbach nov. gloss. 269ᵃ; erpica griitsele vel welle (ndl. 14.—15. jh.) Diefenbach gloss. 208ᶜ. — das obd. kennt welle als 'cylinder zum wellen, walzen des kuchenteigs' Fischer schwäb. 6, 666; gebräuchlicher ist dafür wellholz (s. unten) und welgerholz (s. oben). ursprünglich auch im niederländischen bekannt, s. Verwijs-Verdam 9, 2120.
4)
walze, auf der eine last rollend vorwärts bewegt wird, vgl. phalanga eine wale, welle, ein rundholtz oder stange, darauf man ein last walet oder schaltet Dasypodius (1536) 175ᵇ; weiterhin bezeugt von Garth (1657) 603ᵇ; Dentzler (1716) 347ᵇ: (wenn jemand sterben sollte, hörten die chorherren) ein wäsen, gerümel und rumplen von bichlen, howen, schufflen, hebisen, wellen und andern, uff wiss und maass, wie das gebrucht würdt, so man jemanden in derglychen begreptnussen begrebt Renward Cysat § 105 Brandstetter; im mndl. 'walzen, um neue schiffe ins wasser zu rollen', s. Verwijs-Verdam 9, 2120; hierher auch schlittenwelle (teil 9, sp. 758) u. wagenwelle (teil 13, sp. 479).
B.
cylinderförmiger körper, losgelöst von der vorstellung der bewegung um die eigene achse.
1)
stück cylinderförmiges holz, vor allem bauholz; vgl. wellbaum 5: (unter verschiedenen namen von bauholzarten) wellen, ein bretbaum, unterzug Döbel jägerpractica (1754) 3, 39; welle, engl. shaft; frz. arbre Hellwig wb. d. fachausdrücke 97ᵃ; Beil technol. wb. (1853) 1, 653.
2)
welle als geometrische figur, terminologisch bei Kepler als verdeutschung von cylinder: wann es rund ist und nider, so wöllen wirs ein täller nennen oder ein rad, ist es aber hoch oder lang, so heisst es ein runde seule, wann es aufrecht stehet; ligt es aber, so haist mans einen walger, eine waltzen, eine wellen opera omnia 5, 520 Frisch; ein wellen oder walger, so hoch als brait am boden, und ein kugel gleicher höhe oder dicke mit ihr, haben gleiche rundungen 5, 519; nicht anders helt es sich auch dann zumal, wann der schnitt nach der wellen abwärtz circkelrund ist, wie in einem aussgeborten teichel 5, 535; vgl. dazu germ. studien 1 (1919) 209.
3)
wulst, cylinderförmiges rundstück an einem säulenkapitell u. ä. neben anderen deutschsprachigen ausdrücken für architekturformen im 16. jh.: auch mag man in die dicken der blatten mancherley machen von fasen, wellen, holkelen und anderen linien, dardurch sie auszgehauen und etwas darein geschnitten wirdt A. Dürer unterweysung d. messung (1538) G 5ᵃ; darvon (von der säulenplatte) wird ein viertheil genommen zum öbern toro (säulenwulst) oder wellen Rivius Vitruv (1575) 250; item 2 gehauwen thüren ... mit holkelen und ainer wellen, jede 3 schuch wit (in einem vertrag mit einem steinmetzen a. d. j. 1517) württemberg. geschqu. 12, 123.
C.
in der turnersprache, welle am reck u. ä. abgeleitet aus welle 'drehbarer cylinder'. 'welle heiszt jeder fortgesetzte aufschwung aus dem lieghang oder abhang, welcher den turner ein oder mehrere male um das reck treibt' Fr. L. Jahn w. (1884) 2, 62; vgl.: wie lebte und webte es auf dem turnplatze, wenn die jungen ... ihre unerhörten künste übten ... die bein-, bauch- und rückenwellen und die krone von allem, die riesenwelle Treitschke dtsch. gesch.² (1883) 2, 385.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1940), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 1399, Z. 14.

welle4, f.

⁴welle, f.,
unda.
herkunft und form. auf das deutsche beschränktes wort, das wohl deswegen nicht wie die ablautenden lit. vilnìs 'wasserwelle', dial. vilnià, lett. vilna, f., vil̂nis, m., aksl. vlъna, čech. vlna, russ. volna (s. Trautmann bsl. wb. 359) als *welnā- unmittelbar zur wurzel u̥el- zu ziehen sein wird, sondern eher zum st. vb. wellen 'rollen, wälzen' (aus *u̯elnan mit präsensbildendem -n-); vgl. Walde-Pokorny 1, 302. die bezeichnung entsprach dem sinnlichen eindruck, wie die häufige anwendung der verben mit der bedeutung 'rollen, wälzen' auf die bewegte wasseroberfläche zeigt, s. die belege unter ³wellen 1 b, walgern (teil 13, sp. 1238), walzen (ebda sp. 1411), wälzen (ebda sp. 1422, 1428). welle ist heute wie bei Notker und im mhd. femininum, doch findet sich in der übergangszeit zum frühnhd. auch das masc. vereinzelt bezeugt in der form well, vgl. fluctus decumanus ... groszer well Junius (1577) 281; fluctus decumanus groszer wäll Frischlin (1594) 16. unsicher: ain wel procella (obd. gloss. 14. jh.) Diefenbach gl. 461; wel procella (voc. rer. o. j. schwäb.) Diefenbach nov. gloss. 304; unda, fluctus wäll, wasserwäll Emmelius (1592) 1, 30 u. ö. vgl. auch wall, m., fluctus, teil 13, 1263, und zum schwanken des genus walle, m. neben f., ebda 1268.
verbreitung. die frühste lexikalische aufzeichnung (mit der umschreibung procella) stammt aus einem mnd. glossar des klosters Marienfeld in Westfalen (13. jh.), ist aber schon durch die form wella, die ebenso im vocab. optimus auftritt, deutlich abhängig von einer älteren vorlage, die durch den sachzusammenhang mit dem voc. optimus für das hd. anzusetzen ist. sonst ist das wort nur hd. belegt, ohne dasz es mit sicherheit einem bestimmten obd. dialekt zugewiesen werden könnte. die mangelnde überlieferung, die auch innerhalb der mhd. sprachperiode auffällt, macht sich für die ältere zeit in den gröszeren mundartenwbb. deutlich bemerkbar. auch heute ist es dialektisch nur sporadisch verbreitet und wenig eingewurzelt, z. t. aus der gemeinsprache übernommen, vgl. Schmeller-Fr. 2, 887; Unger-Khull steir. 630; Schöpf tirol. 811 ('wölbige wasserwoge'); Fischer schwäb. 6, 666; Christa Trier 213; luxemb. ma. 483; Hertel Salzunger wb. 51. im as. und mnd. war welle als 'wasserwoge' unbekannt; daher: eyn gelue off storm van den watter gemma gemmarum (Köln 1512) R 4ᵃ (in der hd. ausgabe ungestym wellen in dem wasser [Straszburg 1508] v 1ᵃ); einzelne nd. von hochd. vorlagen abhängige vocabularien ersetzen das wort noch im 16. jh.: unda, fluctus eine bülge, undosum flumen ein water dat veel bülgen hefft Chyträus (Rostock 1585) 73 (abhängig von Golius [Straszburg 1579] 61: unda, fluctus, wasserwell, undosum flumen ein wasser das vil wellen hat). die Lübecker bibel von 1533 setzt in allen fällen, in denen Luther welle schreibt, bülge ein, vgl. Hiob 38, 11; ps. 107, 29; Matth. 8, 24; Marc. 4, 37; apostelgesch. 27, 41 u. ö.; ebenso weicht die Halberstädter biblia dudesch von 1520 durch nd. synonyme begriffe an den entsprechenden stellen aus (vgl. Hiob 38, 11: vn hyr schaltu breken dyne heuende floed). heute ist das wort in einige nd. maa. aus der gemeinsprache, in die südlichen nd. randgebiete vom md. her eingedrungen, vgl. Tonnar-Evers Eupen 224; Hönig Kölner ma. 200; Woeste westfäl. ma. 319ᵇ; Frederking Hahlen bei Minden 34; Schambach Göttingen 293ᵃ; Mensing schlesw.-holst. wb. 5, 587; Fischer ma. im Samland 97.
bedeutung. welle, ahd. und mhd. (neben ünde und spätem tünne, vgl. auch unter woge) ein noch sehr seltenes wort, gewinnt zu beginn der nhd. zeit zu der bedeutung 'stürmische, hochgehende woge' die allgemeinere 'wasserwoge' überhaupt (damit auch 'flusz-, bachwelle') und erweitert dadurch den anfänglich engen anwendungskreis im eigentlichen und besonders im übertragenen sinne über die ursprünglichen grenzen hinaus so sehr, dasz es der häufigste ausdruck für die bewegte wasseroberfläche wird. auffällig ist eine anwendung von welle als 'sturm, heftiger wind', die erst in frühnhd. zeit bezeugt ist; denn Notker: exaltati sunt fluctus eius des uuindes uuella bureton sih 2, 462 P. ist eindeutig von der vorlage her bestimmt. dagegen: ein well oder ein bewegung des windes steig ab in den see (descendit procella venti in stagnum Luc. 8, 23) cod. Teplensis 87 (windwirbel Luther); das gering und hoch ertrich, das da den ungestimmen wellen verbunden ist (vehementibus procellis obnoxia est) Österreicher Columella 1, 253; ähnlich 1, 166; mit den wellen des winters (hiemis procellis) 1, 35; vgl. ebenda auch wellig 1 sp. 1449; ferner den gebrauch der selbständigen verbalen bildung gewell, n.: ignis et sulphur et spiritus procellarum fiur, suebel unde der geist der gewelle Windberger psalmen, ps. 10, 7 Graff.
A.
hochgehende meereswoge, stürmische welle. ältere sprache kennt nur diese bedeutung. das wort ist bei Notker als übersetzung von fluctus (mit ausnahme einer interlinearglosse: Petrus kieng in undis an dien uuellon 2, 146 Piper) in voller bedeutungsentfaltung des lat. grundbegriffes vorhanden: michel ist ter mere, unde in uuella sih heuendo alde in cessa uuirfet er uz taz er ioner guan Notker 1, 756 Piper; ut avidum mare ... coerceat fluctus certo fine ... taz ouh ter mere ... eruuende ze guissero marcho sine unstaten uuella 1, 125; rector comprime rabidos fluctus stille rihtare die zaligen uuella 1, 40; nemo miratur flamina chori tundere litus frementi fluctu aber daragagene neist tes niomannen vuunder, so der uuint uuahet, taz tiu uuella an den stad slahet 1, 271; in übertragener anwendung: 2, 259; (vgl. unten sp. 1419); ferner vom bild des kirchenschiffes: ecclesia, diu in mitten fluctibus seculi uueibot (als interlinearglosse uuellon uuerlte) 2, 91; dieser umfassende, dabei aber sichtlich durch die vorlage bedingte gebrauch setzt sich im mhd. nicht fort, sondern das wort wird für die folgezeit aus nicht durchsichtigen gründen eher gemieden. stehendes epitheton ist grôz (sieh auch unter A 2 sp. 1405).
si sahen die grozzen wellen (beim durchzug durchs rote meer)
Exodus D 162, 35 Diemer;
ich han got alle zit gefúrtet als dú schiflút die grossen wellan Seuse dt. schr. 182 B. in seltener paarformel:
die welle und ouch die ünde
gent mir groz ungemüete
Tannhäuser bei v. d. Hagen minnesinger 2, 95.
bildlich: ich weisz einen bredier, so der von menger starken wellen waz hinder sich getriben und nach sinem dunke genzlich entsezet waz dez rehten ernstes und herzkliches andahtes, so gieng er in sich selb und sprach: 'eia got, wie ist es mir ergangen ...' Seuse dt. schr. 365 B., vgl. 436. vereinzelt als meeresströmung, flut: in dem mer sint vil grose berge, und gant in daz gebirge groze lǒcher. so daz wazer an dem grunde vihtet in die lǒcher, so hebet sich die welle an dem grunde. die welle tribet daz mer über den staden Lucidarius 19, 16 Heidlauf; vgl. dazu grundwel aestus Diefenbach nov. gl. 157ᵃ und grundwallung ebda (sieh auch vocab. optimus 56 Wackernagel; voc. theut. Nürnberg 1482 n 1ᵇ). gruntwelle Kudrun 85, 3; 1173, 3 steht in der bedeutung weiter ab, vgl. grundwelle teil 4, 927.
B.
im laufe des ausgehenden 15. und beginnenden 16. jh. gewinnt welle über 'sturmwelle' hinaus auch die allgemeinere bedeutung 'wasserwoge' und löst damit das geläufige mhd., auch noch frühnhd. belegte unde ab. ein frühes anzeichen dieser in den literarischen belegen nur ganz allmählich sichtbar werdenden bedeutungserweiterung ist das bemühen der frühnhd. schreiber und drucker, die älteren synonyma auszumerzen und durch das jüngere welle zu ersetzen: so slahent die unden uf das schif Tauler predigten 172, 3 Vetter, statt unden von jüngerer hand wellen in hs. E; vgl. ebda 172, 6; 173, 22; also daz das schifflein wart bedeckt mit den unden (Matth. 8, 24) erste dt. bibel 1, 30 (Straszburg 1466), für unden wellen sog. Schweizerbibel o. o. u. j.; Nürnberg 1483; Augsburg 1518; wann das schifflein wart geworffen von den unden in mitzt des meres (Matth. 14, 24) erste dt. bibel 1, 56 (Straszburg 1466), für unden wellen Augsburg 1475; Augsburg 1518; also treibet mich der wint, ich swimme dahin durch des wilden meres flut, die tunnen haben uberhant genumen, mein anker haftet niergent ackermann aus Böhmen 3, 18 B., für tunnen wällen im Straszburger druck von 1520. dieser vorgang hebt sich in den vocabularien und wörterbüchern jener zeit noch deutlicher ab: die lateinische entsprechung des deutschen begriffes ist seit Notker 'fluctus', seltener 'unda' (sieh oben sp. 1403 die interlinearglosse), vgl. fluctus wella voc. optim. 56 Wackern.; fluctus, wellen, flus des wassers, so sich das wasser uber sich erhebt und geschwilt Melber (1482) R 7ᵃ; Alberus (1540) Y y 4ᵇ; vgl. Diefenbach gloss. 240; nov. gl. 177. sogar 'procella' ist in einer anzahl von gloss. u. vocabularien zu welle als 'stürmisch erregte wasserwoge' so in beziehung gesetzt, dasz beide zur gegenseitigen erklärung verwandt werden (wie schon früh das verbale gewell: geuuel si tentationum procellas cum difficultate salutis tolerant, coniugii portum petant ahd. gl. 2, 236, 32 [9. jh.], sieh auch oben sp. 1403): procella wella ahd. gl. 3, 715, 10 (glossar aus Marienfeld in Westfalen, 13. jh., wohl abhängig von einem älteren obd. glossar, vgl. procella, fluctus wella vocab. optimus [Basel 14. jahrh.] 56 Wackernagel); procella die wellen, die lunden vel ungewitter sicut in aquis fiunt Melber (1482) X 3ᵇ; welle im wasser oder wasserwelle oder unne oder wassersturm procella vocab. theut. (Nürnberg 1482) nn 7ᵃ; vgl. auch Diefenbach gl. 461; nur bis in den anfang d. 16. jh. weitergetragen: procella ē tempestas fluctuum ungestym wellen in dem wasser gemma gemmarum (Straszburg 1508) v 1ᵃ; vgl. dazu noch mnl. wellinghe procella Kilian (1605) 663. erst im laufe des 16. jh. beginnen die wörterbücher neben 'fluctus' auch das umfassendere 'unda' mit welle wiederzugeben, z. t. beide nebeneinander, vgl. unda ein wasserwelle, wasserfluͦt Dasypodius (1536) 255ᵇ; (vgl. ebda undosus wellächtig); unda ein wasserwell, undisonus rauschig von wellen Serranus (1540) E 6ᵇ; unda wasserwäll. wasserflut Frisius (1556) 1400ᵃ; wällen, schwanck auf dem wasser fluctus, unda Maaler (1561) 481ᵇ; unda, fluctus wasserwell, undosum flumen ein wasser, das vil wellen hat Golius (1579) 61; unda, fluctus wäll Frischlin (1586) 9ᵇ; fluctus, unda eine bülge, welle nomenclator lat.-germ. (Hamburg 1634) 35; Stieler (1691) 2423. entsprechende belege in Diefenbachs glossarien fehlen erklärlicherweise noch. diese neue umfassendere bedeutung von welle spiegelt seit dem 16. jh. auch der literarische gebrauch wieder. mit der anwendungsmöglichkeit des begriffes welle für die leichte und sanfte bewegung des wassers, für das spielerische und tänzerische in ihrer erscheinung, ist die ältere bedeutung jedoch nicht erloschen, obwohl die vorstellung 'hochgehende meereswoge, sturmwelle' seit Luther allmählich mehr durch woge ausgedrückt wird; gerade das frühnhd. und die anschlieszenden jahrhunderte sahen in welle noch immer vorerst die stürmisch erregten wassermassen und waren keineswegs dazu imstande, den unterschied von woge und welle durch das isolierte substantivum auszudrücken, wie es seit dem 18. jh. möglich ist (sieh unten C 3). die nhd. entwicklung von welle vollzieht sich demnach in zwei bahnen: anschlieszend an die ältere periode ist welle zunächst die grosze woge, daneben aber, allmählich mehr hervortretend, auch die sanfte, leichtbewegte bach- und fluszwelle (s. u. C). bis in die gegenwart verbindet sich mit welle zunächst die vorstellung der groszen woge, auch sturmwoge.
1)
die mhd. tradition, die meer und welle in unmittelbare beziehung zu einander brachte, setzt sich in der folgezeit weiter fort: du herrschest uber das ungestüme meer, du stillest seine wellen, wenn sie sich erheben ps. 89, 10; mit disen worten schlug er seinen dreiecketen scepter in das mör, daruon sich grosse fortun und wällen des wassers mit ainem erschröcklichen sturmwind erhuben Scheidenraisser Odyssee (1537) 22ᵃ; du soltest gehen durch ein weites wildes meer zwischen eitel groszen welen und wasserwogen Dannhawer katechismusmilch (1657) 4, 73. daher auch bisweilen dichterisch in der fast tautologisch anmutenden verbindung meer und wellen:
wind und wetter, meer und wällen
mahltens ihm für augen dar
Spee trutznachtigall (1649) 104;
und wie ein schiff entweicht, wenn meer und wellen schäumen
B. Neukirch gedichte (1744) 161;
lasset meer und wellen rasen
Achim v. Arnim werke 13, 163.
2)
typisches adj. bleibt grosz, doch beginnt diese verbindung im frühnhd. gleichzeitig eine bewuszte differenzierung auszudrücken: mit grimmigen und groszen wellen Val. Schumann nachtbüchlein 126 Bolte;
als ich auffs mittel (des sees) kam,
wurd der see (der vorher ruhig war) ungestümb
und schlug umb mich herümb
vil starker wellen grosz
H. Sachs 3, 311 K.;
ein starker ungestümer wind machte grosze wellen B. Ringwaldt evangelia (1581) H 6ᵇ; lexikalisch bei Joh. Güntzel teutsch. u. ital. sprache (1598) 858; M. Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1314ᵃ. die vertikale richtung bleibt daher die bevorzugte sicht seit Notker: uuazzer ... huoben uf iro uuella (elevaverunt flumina fluctus suos) 2, 392 P.; die wasserflüsz erhebend ire wällen Zürcher bibel (1531) 2, 40ᵃ (die wasserströme heben empor die wellen ps. 93, 3 Luther); da fangen die wellen desz meers sich also auffzubaumen, als wolten sie gegen den wolcken ein duell führen Abraham a s. Clara Judas (1686) 1, 52; die wellen sein thurmhoch in den himmel auffgstiegen Stranitzky lustige reyszbeschreibung 25 Wiener ndr.; in einem nu war seine lichtblaue farbe in schwarzes dunkelgrün gewandelt, die wellen stiegen bald mannshoch empor Fürst Pückler briefwechsel und tagebücher 2, 115; da der wind immer stärker weht und der see höhere wellen schlägt Göthe III 1, 182 W.; häufiger haushohe wellen bei schilderung eines seesturmes; auch übertragen: hohe wellen schlagen unten sp. 1414 A. Winnig frührot (1926) 225. anders gesehen: wallende, tiefe wellen werffende see Kramer hoch- und niderteutsches dict. (1719) 2, 258ᶜ; von den tiefen wellen des Rheines G. Keller ges. w. (1889) 6, 27.
3)
vorstellungsgehalt und sprachgebrauch sind von der heftigkeit und gewaltsamkeit der bewegung her bestimmt und setzen damit die schon im ahd. und mhd. vorliegende bedeutungslinie fort: omnes suspensiones tue et fluctus tui super me transierunt alle dine ufslagunga unde dine uuella habent mih uberfarin Notker 2, 156 P.; wer entwychet den wellen der kumpt hin (ans ziel) und tut die ungestümikait überwinden Niclas v. Wyle translationen 62 K.; der felsz steet mitten in dem mör, do geen die wällen do her und stürmen, glitzen, doben und wietten do gegen Luther 10, 3, 215 W.; durch die ungestümmigkeit der grimmigen wellen J. Prätorius winterflucht der sommervögel (1678) 395;
wenn ...
die erde bärstend bebt, das meer ein wild getümmel,
von Aeolus gepeitscht, durch strenge wellen macht
(1716) Brockes bei Weichmann poesie der Niedersachsen 1, 11;
das kriegsschiff Aldborough ... trieb auf den felsen, wo es die wellen zerschmetterten G. Forster sämtl. schr. 1 (1843) 31. in diesem sinne gern durch typische verben wie schlagen, werfen, treiben charakterisiert: uuella uuidirslagin interlinearglosse zu darana uuerdent fluctus collisi Notker 2, 437 P.;
daz nie die wellen ûf dem mer
gesluogen sô geswinde
ze stade vor dem winde
Konrad von Würzburg Trojanerkrieg 35 960;
es kumet wol das die unden (wellen hs. E) in sturmwetter uf sin schiffelin etwie dicke von ussen slahent Tauler predigten 173 Vetter; in dem kömpt D. Faustus auff ein gros unnd ungestümb wasser ... und schlugen also die stromen unnd wellen auff Doct. Faustum zu, dasz er rosz unnd wagen verlohr (1589) Faustbuch 47 Fritz;
und wenn der aufruhr sich noch regen möchte,
so sind es wellen, die das ufer schlagen,
wenn heitrer himmel schon von oben glänzt
Göthe I 9, 352 W.
wan daz schiefflein wart geworfen von den wellen in mitt dez merz (Matthäus 14, 24) cod. Teplensis 20 (var.);
hier warfen mich die wellen an das land
Lessing 1, 17 M.
ein schiffmann hin und her getrieben wird von den wellen J. Arnd Thomas a Kempis (1631) 15; Lehman florileg. polit. (1662) 4, 138. fester geworden ist die verbindung mit welle als object (das meer schlägt, wirft wellen):
schaw, wie thut das meer auffgeschwellen
und schlecht so hoch erschröcklich wellen
H. Sachs 11, 83 K.-G.;
er seh ...
der deutschen muth, wenn du (Donau), wie sie,
empöret, wellen schlägst
Blumauer gedichte (1782) 160;
daher (das wasser) sich mit unbeschreiblicher heftigkeit wirbelt und die gefährlichsten wellen schlägt Nicolai reise durch Deutschland (1783) 2, 542;
da fand ich ein meer, das wellen schlug
Rückert werke (1867) 3, 14.
die erde zittert und ihre grundfeste, das meer wirft seine wellen 4. Esra 16, 12. lexicalisch: wellen werffen bei Güntzel hauptschlüssel (1598) 858; Kramer 2 (1702) 1314; wellen schlagen bei Rädlein (1711) 1, 1045. die sinnentleerung der formelhaft gewordenen verbindungen mit schlagen und werfen wird sichtbar bei der neuaufkommenden bedeutung der spielerischen fluszwellen:
ja der Rein wurf auch auff klein wällen,
die dantzten umb das schif zu gsellen
Fischart glückhaft schiff 397 ndr.;
wenn sie (die Elbe) gelinde wellen schlägt
Triller poetische betrachtungen (1750) 4, 530.
heute sogar mit dem völlig neutral gewordenen wort verbunden: (der see) warf nicht eine einzige welle Stifter s. w. (1904) 1, 155. im bilde: ein freundlicher kreis, in welchem ich aufgetaucht war, schlug ... weitere wellen und wellchen G. Keller nachgelassene schr. u. dicht. (1893) 19.
4)
die vorstellung der heftigkeit und gewalt bestimmt die wortwahl bei wiedergabe der akustischen eindrücke: sonum fluctuum eius quis sufferet? uuer irlidet dero uuellono doz? Notker 2, 244 P.; so spricht der herr ... der das meer bewegt, das seine wellen brausen Jeremia 31, 35; undisonus von wüten (plur.) und wellen tösend Decimator thesaurus (1608) 1461ᵃ; brüllende wellen klettern den entlegenen felsen hinan Göthe I 37, 66 W.; da mein ohr ... geweckt war, so vernahm ich nun auch aus der ferne das branden der wellen Storm w. 1 (1899) 91. daher ist auch stillen der vorherrschende ausdruck für die beschwichtigung der brausenden wellen: motum autem fluctuum eius tu mitigas vuanda aber du sine uuella stillest Notker 2, 368 P.; der du stillest das brausen des meers, das brausen seiner wellen und das toben der völcker ps. 65, 8;
umb dich, herr, wohnt dein wahrheit sehr.
du herrschst uber das ungstümm meer,
du stillest sein wällen, wenn sie wüten
H. Sachs 18, 348 K.-G.
5)
dem entspricht die vorliebe für affecthaltige verba und attribute. vorstellungsverbindungen wie toben und wüten der wellen, die ursprünglich vom menschlichen gefühlsausbruch her übertragen sind, wurden durch häufigen gebrauch so abgegriffen, dasz sie wie unmittelbare sinneswahrnehmungen wirken: ich bin der herre, dein gott, der das meer bewegt, das seine wellen wüten Jesaia 51, 15; ob seine (des meeres) wellen schon toben, so müssen sie doch nicht drüber (über den ufersand) gehen Jeremia 5, 22. in verbindung mit attributen: so werden wir von den wüttenden wällen desz grundlosen meres verschlunden Stainhöwel de claris mulieribus 181 lit. ver.; ähnlich Eberlin von Günzburg s. schr. 2, 139 ndr.; wilde wellen des meers (fluctus feri) Judas 13;
zwinge, Neptunus, die rasende wellen
A. U. von Braunschweig Octavia 1 (1677) 920;
du rührst sie auf (die tiefe des ozeans), dasz seine wogen brüllen,
und zornige wellen den rief (das riff) schlagen
Schubart sämtl. ged. (1825) 2, 302;
nur das dach schaute aus dem gelben schaume der empörten wellen Holtei vierzig jahre 1 (1843) 170. entsprechende empfindungen auslösend: (das meer) schlecht so hoch erschröcklich wellen H. Sachs 11, 83 K.-G.; daher es ... die gefährlichsten wellen schlägt Nicolai reise durch Deutschland (1783) 2, 542; lexicalisch: grosze, ungestümene, erschreckliche wellen bei Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1314ᵃ.
6)
auch die häufigen verbindungen mit dem genitiv plur. wellen gehen von derselben vorstellung aus: das forderteil (des schiffes) blieb fest stehen unbeweglich, aber das hinder teil zubrach von der gewalt der wellen (a vi maris) apostelgesch. 27, 41; es erhob sich ein sturm, also dasz wir auch die mast abhauen und das schiff dem willen und gewalt der wellen lassen musten Grimmelshausen 1, 947 Keller;
damit der wellen macht das schiff nicht kan bedecken
B. Neukirch anfangsgründe zur teutsch. poesie (1724) 45;
ein wunder hat für sie der götter arm gethan,
er liesz sie mitleidsvoll der wellen wuth entgehen
neue schauspiele (1771) 8, 1, 77.
von hier ausgehend sind einzelne verbindungen fest geworden:
bis mit durchbohrtem rand auf einmahl reich und hausz
ein raub der wellen wird
Lohenstein Ibrahim Sultan (1680) 19;
wenn das vierte (schiff) sich verirrt,
und ein spiel der wellen wird
Triller poet. betrachtungen (1750) 3, 156.
7)
ebenso die allitterierenden paarformeln und sonstigen verbindungen. alt ist die zwillingsformel wind und welle: ius est mari, nunc blandiri strato equore, nunc inhorrescere procellis ac fluctibus, ter mere muoz ouh stille sin mit slehtero ebeni, uuilon ouh struben sih fone uuinde unde fone uuellon Notker 1, 60 P.; ich schiffe durch wellen und wind im namen der heiligen S. Gerdrud Carlstadt von gelubden unterrichtung (1521) B 4ᵇ;
was fragt ein fels im meer nach winden und nach wellen?
Logau sinnged. 46 lit. ver.;
mit dem schiffe spielen wind und wellen;
wind und wellen nicht mit seinem herzen
Göthe I 2, 73 W.;
die geliebte, die wind und wellen um ihn (den geliebten) befragt Fontane ges. w. I 4, 25. vereinzelt auch well und wetter:
dem bruder, der (obschon ihn well und wetter treibt)
doch dieser länder fürst und euer könig bleibt
A. Gryphius trauerspiele 393 Palm.
well und flut:
denkt, dasz euch well und flut bisz an die lippen geht
Chr. Gryphius bei Lohenstein Arminius 1 (1689) e 4ᵃ;
well und woge (vgl. woge):
ein tugendhaffter mann ruht zwischen well und wogen,
wenn einem thoren auch im hafen ruh gebricht
G. Stolle in H. v. Hofmannswaldau u. a. Deutschen ged. 5, 287 B. Neukirch.
zwischen wag und wellen schiffen ratlos, unsicher sein (sprichwörtlich?): der hohmeister als der zwischen dem wag und wellen schiffete und ime selbest nicht rathen kündte, gab dem winde das siegel, liesz es gerade gehen, wie es gieng, bewilligte solches begeren, und legete einen tag gen Elbing Schütz hist. rer. pruss. (1592) B b 3ᵃ. sturm und wellen: ob ich wohl weisz, dasz der Deutschen und Gallier schiffe ... mit fleisz wider sturm und wellen sehr starck gebauet sind Lohenstein Arminius 1 (1689) 131;
ich kann nicht steuern gegen sturm und wellen
Schiller 14, 277 G.
im bilde:
und mit der schaar der frommen
ausz sturm und wellen kommen
zu dem gewünschten port
S. Dach bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 72;
erhaben stehn auf höchster stelle,
die welt regieren, ihr zum heil,
am steuer herrschend über sturm und welle,
sei wenigen, den würdigsten zu theil
Göthe I 16, 254 W.
C.
mit dem 18. jh. hat welle auch die bedeutung 'sanfte meeres-, flusz- oder bachwelle' gewonnen; frühere belege bleiben ganz vereinzelt.
1)
die leichtigkeit der bewegung wird hervorgehoben:
ja der Rein wurf auch auff klein wällen,
die dantzten umb das schif zu gsellen
Fischart glückhaft schiff 397 ndr.;
nun war der see gantz still ...
im see ich dort ergucket
ein groszen kaufmanspallen
hin und wider wallen,
sich nach den wellen drehen
H. Sachs 3, 311 K.;
die wellen spielen an fluctus alludunt Stieler stammbaum (1691) 2423;
die regen wellen (des springbrunnens) wallen
Brockes ird. vergnügen (1721) 4, 214;
leicht bewegte wellen (1765) allg. deutsche bibl. 1, 2, 221;
bauen wir auf der tanzenden welle
uns ein lustig schwimmendes schlosz
Schiller 14, 50 G.;
in einem ruhigen ... flachen thale, dessen eine felsige seite von wellen des klarsten sees leicht bespült sich widerspiegelte Göthe I 25, 227 W.;
in deinen thälern (des Neckars) wachte mein herz mir auf
zum leben, deine wellen umspielten mich
Hölderlin s. w. 3, 59 v. Hellingrath;
wie des Rheines kräuselnde wellen
flieszen dahin in sonnentagen
S. Brunner erzähl. und schr. (1864) 1, 159.
auch:
die wellen in rauschenden bächen
Brockes ird. vergnügen (1721) 2, 77;
oder du, sprudelnder bach! ...
ich will deinen wellen folgen
S. Gessner schr. (1777) 1, 105.
2)
ebenso wie das adj. grosz (vgl. oben B 2) dient nun auch klein als differenzierungsmittel für den in hinsicht auf die grösze neutraler werdenden begriff:
der Rein wurf auch auff klein wällen
Fischart glückhaft schiff 397 ndr.;
keine der kleinen sich haschenden wellen
weilet
Denis lieder Sineds (1772) 198;
der mond ... warf einen lichtschein über den strom und liesz das zittern seiner kleinen wellen erkennen Fontane ges. w. I 5, 202.
3)
so kann welle jetzt in einen bedeutungsgegensatz zu woge treten:
wo, nach leiserem spiel der sanften welle,
wogen branden, dasz dumpf das felsgestad kracht
Klopstock oden 2, 31 M.-P.;
schneller schwellte sich schon zur hochaufbrausenden woge
die sich kräuselnde schaar der kleinen rauschenden wellen
Lavater verm. schr. (1774) 1, 281;
vieles lassen sie,
wenn wir gewaltsam wog auf woge sehen,
wie leichte wellen, unbemerkt vorüber
vor ihren füszen rauschen
Göthe I 10, 148 W.;
wind ist der welle
lieblicher buhler;
wind mischt vom grund auf
schäumende wogen
I 2, 57 W.;
vgl. auch Stosch gleichbedeutende wörter 3, 157.
4)
neue verbindungen mit adjectiven, verben u. s. w. unterstreichen die vorstellungserweiterung innerhalb des begriffs welle.
a)
das erwachende naturgefühl des 18. jh. sieht die lieblichkeit und sanftmut der erscheinung:
da ist auf klarer fluth ein dichter wald zu spüren,
da schwimmet eine stadt auf sanften wellen her
Gottsched ged. (1751) 1, 388;
nymphen, wo flohet ihr hin? wo sind die rieselnden wellen,
die hier flossen, die nie tilgte der brennende strahl
Herder werke 26, 16 S.;
die liebliche welle Göthe I 1, 329 W. u. ö.; wo des meeres wellen die ufer sanft bespülen A. v. Humboldt kosmos (1845) 1, 6.
b)
durchsichtigkeit und schimmer der wellen sind auch erst dieser zeit zum naturerlebnis geworden:
in des bachs durchsichtgen wellen
Dusch s. poet. w. 3 (1767) 75;
crystallne wellen Gerstenberg ged. eines skalden 2, 361 lit.-denkm.;
glänzen sah ich das meer, und blinken die liebliche welle
Göthe I 1, 329 W.;
vgl. auch I 24, 360;
und auch dem weiher linden grusz,
der ihm mit seinen blanken wellen
will tausendfach entgegen schwellen
Annette v. Droste-Hülshoff ges. schr. 2 (1878) 118.
festes adj. in diesem zusammenhang ist klar, vgl. längs der klaren welle Gries Bojardos verliebter Roland (1835) 2, 383; aus klarer welle O. Ludwig ges. schr. (1891) 1, 38.
c)
die sanft gebrochene, leicht bewegte welle spiegelt ihre umgebung wieder:
und die gestade sahen
all ihm (dem Neckar) nach, und es bebte
auf den wellen ihr lieblich bild
Hölderlin s. w. 3, 56 v. Hellingrath;
dort zieht der Rhone hin, stolz auf Lyon,
das sich in seiner wellen spiegel schmückt
Grabbe werke 2, 102 Blumenthal.
sogar scheinbare bewegungslosigkeit kann sich jetzt mit dem begriff welle verbinden:
auf den glatten wellen wallen
wie auf gläntzenden crystallen ...
tausend strahlen, tausend blitze
Brockes ird. vergnügen (1721) 4, 9;
die verbindung glatte wellen vgl. auch s. v. glatt, teil 4, 1, 4, sp. 7721, und unter wellenspiegel, s. d.
d)
der sinn für die färbung der wellen ist erwacht:
treuer zärtlichkeit voll, in den umschattungen,
in den lüften des walds, und mit gesenktem blick
auf die silberne welle
Klopstock oden 1, 85 M.-P.;
Amor ... steigt als ein schön geflecktes meerkalb über die blaue welle empor maler Müller w. (1811) 1, 156; auf die dämmernd gerötheten wellen C. F. Meyer Jürg Jenatsch (1901) 140; die schöne Kunigunde verschlosz sich zuletzt ganz in ihr festes wasserhaus, das rings von den tiefen grünen wellen des Rheines umschlossen war G. Keller ges. w. (1889) 6, 27.
e)
auch das akustische moment erfährt eine sinngemäsze bereicherung:
man höret die wellen in rauschenden bächen,
wann jede sich fröhlich bald hebet, bald senkt,
sanft murmeln und sprechen
Brockes ird. vergnügen (1721) 2, 77;
denn mit leichtem gesäusel mildert ein sanftes wehen die glut der schon zum abwege gewandten sonne, und stimmt in das behagliche geplätscher der wellen ein Solger Erwin (1815) 1, 6;
und entschlummert überm lauschen
auf der wellen leises rauschen
Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 32.
sogar:
wenn auf Lethes leiser welle
sich mein nebelbild verliert
v. Salis gedichte (1793) 34;
meine ufer sind arm (spricht die Ilm), doch höret die leisere welle,
führt der strom sie vorbey, manches unsterbliche lied
Schiller 11, 111 G.
f)
gelegentlich zeigen auch vom menschen her gesehene attribute eine wandlung der vorstellung: die bangen wellen L. A. Gottsched br. (1771) 2, 51 Runckel; auf den erschrocknen wellen Schiller w. 4, 110 G.; die buhlenden wellen Novalis schr. 4, 209 Minor; in frohen wellen E. M. Arndt w. 3, 24 Rösch-Meisner.
D.
die stetig fortschreitende aushöhlung des ursprünglichen begriffskerns von welle führt zu einer allmählichen angleichung an den inhaltsverwandten, sachlich übergeordneten und darum allgemeiner gehaltenen begriff der bewegten wasseroberfläche. zu dieser entwicklung ins allgemeinere tritt von anderer seite her ein auf poetischer umschreibung beruhender gebrauch des wortes welle für wasser schlechthin (des meeres, flusses u. s. w., soweit es im stande ist, wellen zu bilden).
1)
sachgemäsz steht die pluralische verwendung im vordergrund.
a)
charakteristische adjectiva zeigen in einzelfällen noch die ursprüngliche bewegtheit des begriffes:
so wie der ölbaum zwar an ungestümen wellen
am allerliebsten steht
Chr. Fr. Henrici ged. (1721) 1, 75;
jetzt hatten sie noch eine kleine weile zu fahren und die burg der schönsten Fides stieg, vom monde beschienen, unmittelbar aus den ziehenden wellen G. Keller ges. werke (1889) 6, 105. auch der sachliche zusammenhang bleibt gewahrt: aber deine fursichtigkeit, o vater, regiere es (das schiff), denn du auch im meer wege gibest und mitten unter den wellen sichern laufft weish. Salom. 14, 3;
so gib, dasz unser schiff, das auf den wellen stund,
nicht geh auf stiller see und in dem port zu grund
a. Gryphius trauerspiele 216 Palm.
b)
die vorstellung der bewegtheit tritt zurück oder ist für den sinnzusammenhang unwesentlich: die zweygekerzte mondfackel ware auch schon in die wellen gesunken und verloschen S. v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 6;
heilig ist mir der ort, an beiden ufern, der fels auch,
der mit garten und haus grün aus den wellen sich hebt
Kerner bilderbuch (1849) 35;
sie gingen von den wellen hin einwerts in das land
Rückert ges. gedichte (1837) 3, 516.
rein inhaltlich: was mir die wellen von meinem vermögen übrig gelassen haben, ist zwar leider ein geringes v. Petrasch lustspiele (1765) 1, 166. in festen wendungen oder sinnzusammenhängen:
doch dasz er sich dem schoohs des höchsten hofs entzieht,
den wellen anvertraut, kein unglückswetter flieht
Heräus gedichte u. inschrift. (1721) 30;
obgleich von der cavallerie, hat er bei entschiedener vorliebe für die marine sich auch auf den wellen versucht Göthe IV 36, 102 W. — unter den wellen liegen wir begraben Herder s. w. 23, 135 S.; viele fanden den tod in den wellen L. Häusser deutsche geschichte (1854) 9, 338.
2)
im 18. jh. wird in gehobener sprache auch der singular als poetisches ausdrucksmittel in diesem gebrauch fest; die entwicklung geschieht vielleicht unter dem einflusz von woge, oder doch in wechselwirkung mit diesem wort, das zur gleichen zeit in dichterischer umgebung ebenfalls als pars pro toto auftreten kann. die verbindungen well und wetter, well und flut, die bei Andreas und Christian Gryphius belegt sind (vgl. oben, sp. 1407), zeigen einen ähnlichen gebrauch schon für das 17. jh.
a)
in der allgemeineren vorstellung 'wasser' (von meer oder flusz).
α)
sinnfällige adjectiva oder genitivverbindungen betonen den sachlichen zusammenhang:
vom windhauch schwoll des segels mitt empor,
und um den boden unten rauschte laut
die schwarze well, indem das fahrzeug fuhr
Bürger Ilias 148 B.;
wir blickten in die grüne welle des Rheins, jetzt bey dem niedrigen wasser wirklich erquickend grün G. Forster briefe 2 L.;
so fand Aias den tod, ersäuft von der salzigen welle
(ἐπεὶ πίεν ἁλμυρὸν ὕδωρ)
Voss Odyssee 71 B.;
der rest der flotte endlich ...
kehrt nun auf der mittelländschen welle
voll trauer heim nach Napel
Shakespeare 3, 24
(upon the mediterranean flote);
und des meers rings umgebende welle
sie verräth uns den kühnen korsaren
Schiller 14, 23 G.
β)
alleinstehend:
als der schiffende frosch mich auf dem rücken zur wohnung
forttrug und den bebenden leib aus der welle emporhielt
(ὑψώσας ὠχρὸν δέμας ὕδατι λευκῷ)
Dusch verm. krit. u. satyr. schr. (1758) 111;
alles dieses, was wirkt es denn mehr, als ein buntes farbenspiel auf der fläche, gleich dem lieblichen zittern des sonnenlichts auf der welle Schiller 2, 341 G.;
den du durch well und wasser, den du durch busch und dorn
gesucht, zu see und lande, vor dir stehet Horn
Rückert ges. ged. (1837) 3, 508.
personifiziert: und die welle (ein bergbach), der schäumende knappe, schärfte den tagbau, grub die strasze, lachenden gefälles Kolbenheyer Paracelsus (1926) 3, 342. die bedeutung des bewegten wassers kann sich ganz verlieren:
mir wird unfrei, mir wird unfroh,
wie zwischen gluth und welle
Göthe I 5, 186 W.;
vgl. dazu ähnlich I 41, 1, 298.
b)
die poetische sprache kennt den singular auch mit der vorstellung der einzelnen welle, der sich innerhalb des sinnzusammenhangs mit der pluralvorstellung verbinden kann. mit älterer bedeutung vereinzelt schon im mhd.:
noch balder kam ûf in geflogen
Trôilus der snelle,
dan ûf dem mer diu welle
ze stade schieze ân underbint,
sô si der wilde sturmewint
vor im trîbet unde jaget
Konrad v. Würzburg Trojanerkrieg 31 424.
neuzeitlich:
diese quelle
niemals plaudert ihre welle
J. N. Götz verm. ged. (1785) 1, 7.
häufig bei Göthe:
die welle sprüht, und staunt zurück und weichet,
und schwillt bergan, sich immer selbst zu trinken
Göthe I 2, 3 W.;
wenn dort mit dumpfem rauschen
die welle steigt
I 1, 58 W.;
frag du die welle nach namen,
mich aber frage nicht
Münchhausen balladen und ritterliche lieder (1933) 5;
wahrheit und schönheit beugten sich über den strom
und erkannten in jeder welle staunend ihr bild
grafen zu Stolberg ges. w. (1820) 1, 121.
c)
feste verbindungen erwecken bei singularischem gebrauch durch wiederholung des begriffes die pluralvorstellung: eine welle schlägt die andere Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1314ᵃ;
und hättest du den ocean durchschwommen,
das gränzenlose dort geschaut,
so sähst du dort doch well auf welle kommen,
selbst wenn es dir vorm untergange graut
Göthe I 15, 71 W.;
welle um welle schlägt auf und verrinnt im sand
Agnes Miegel herbstgesang (1933) 10.
E.
welle im vergleich.
1)
für eine den menschen bedrohende und überwältigende macht, der ursprünglichen bedeutung entsprechend: ich han got alle zit gefúrtet als dú schiflút die grossen wellan Seuse dt. schr. 182 Bihlmeyer; wir in unseren hertzen all augenblick ansehen miessen gottes forcht, als die wyetenden wällen des mörs uber uns Eberlin v. Günzburg sämtl. schr. 2, 139 ndr.; ich wil vil heiden über dich (Tyrus) herausbringen, gleich wie sich ein meer erhebt mit seinen wellen Hesekiel 26, 3; die ... bosheit meines verfolgers reiszt mich dahin, wie eine schäumende welle kahn und menschen in den abgrund reiszt S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 2, 235. mit anderer sicht in dem gern hervorgehobenen gegensatz zu fels u. dgl.: das mein hertz nicht mehr zappelt, sondern sich widder die argument der papisten, als ein steinen uffer widder die wellen aufflenth und ihr drawen und sturmen verlachet Luther 8, 483 W.;
sie prallen ab von dir,
wie wellen sich an rauhen klippen schlagen
Schubart s. ged. (1825) 2, 56.
häufiger für etwas ziellos bewegtes, unbeständiges, willenloses: der nach irdischem gut strebt, ... wird bewegt als die thünnen oder wellen des meres Albrecht v. Eyb spiegel d. sitten (1511) P 1ᵇ; den so er zweiffelt, ist er gleich wie ein welle oder bulge des mehres Luther 7, 319 W.;
er will, er will auch nicht, er baut, er reiszet ein,
ist leichter als der wind, wie wellen unbeständig
samml. v. schausp. (1764) 1, 12;
wie die wellen des meers durch einen heftigen wind sich empören, so wallen die gemüther der gedankenlosen menge nach der richtung, die ihnen ein gefälliger redner gibt A. v. Haller Alfred (1773) 170;
des menschen thaten und gedanken, wiszt,
sind nicht wie meeres blind bewegte wellen
Schiller 12, 250 G.;
der spanische landsturm ..., unzuverlässig wie die welle und der wind Mommsen röm. gesch. 3 (1866) 33, oder für etwas flüchtig davoneilendes, vergängliches: da schlagen sich die gedancken untereinander, wie die wellen des meers brausen, und eine die andre jagt Ph. J. Spener leichenpredigten 8 (1698) 593;
wie die welle die welle, treibt eine
stunde die andre
Herder w. 27, 28 S.
da die glänzendste meiner hoffnungen vorübergerauscht ist wie eine welle Fr. v. Gentz schr. 1, 79 Schlesier. als zahllos: wie tausend wellen gegen die felsen rollen, so kam Sworaus heer heran H. P. Sturz schr. (1779) 1, 218.
2)
nur von der äuszeren erscheinung, der art oder stärke der bewegung her: undantem chlamydem facere den mantel lassen fliegen und wadlen im gon, grad wie die wällen Frisius dict. (1556) 1400ᵇ;
so sieht der hirt ...
die weisze brust, die alabaster schien,
mit rosen sich auf einmal überziehen,
und sanft, wie leicht bewegte wellen, ...
... sich jede muskel schwellen
allg. dt. bibl. (1765) 1, 2, 221;
Klopstocks manier, so ausmahlend, so vortreflich, empfindungen ganz ausströmen und, wie sie wellen schlagen, sich legen und wiederkommen, auch die worte, die sprachfügungen (sich) ergieszen zu lassen Herder s. w. 5, 160 S.; wie wellen flieszen unsre brünstigen seelen in einander Tieck schr. 3, 303.
F.
übertragener und bildlicher gebrauch. ältere sprache kennt ihn nur in religiöser sphäre (s. u. 2 c α) (Notker: des windes wella s. oben sp. 1403); darum rechnen mhd. welle und bechwelle, beides von der hölle, zu ¹welle 'brodelnde, heisze flüssigkeit' (vgl. auch unten ²wellig 'kochend'). im 18. jh. setzt die verwendung im übertragenen sinne voll ein und entwickelt z. t. ganz selbständige bedeutungen.
1)
von gegenständlichem.
a)
hyperbolisch von flüssigkeiten:
nun stürzten sich aufs neue des bieres braune wellen
aus dem zu vollen glas
Zachariä poet. schr. (1763) 1, 119;
der wein mag flieszen; aber auf seinen wellen sollen liebesgötter sich schaukeln Holtei erz. schr. 3, 56; der thränen welle Müllner dramat. w. (1828) 4, 28; Wieland (1796) 22, 38 (Oberon 1, 62); dann stürzten ganze wellen von regen nieder Beumelburg Mont Royal (1936) 85.
b)
vom feuer: der schwefelhagel, der (von den engeln) nach uns (den teufeln) geschossen wurde, hat sich zerstreut und sich in feurigen wellen geleget Bodmer samml. krit. poet. schr. (1741) 1, 12; mithin wird aus der jählingen entzündung, die dem blitze sehr ähnlich sieht, aus ... den feurigen wellen ... der einflusz der electricität in die nordscheine sehr wahrscheinlich das neueste aus der anmuthigen gelehrsamkeit (1751) 9, 677 Gottsched;
was leckt so wütend
die lodernde welle zum wall
R. Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 6, 292.
vom artilleriefeuer, in kreuzung mit ³welle A 3 'walze': hinter der gewaltigen welle stärksten trommelfeuers ... traten morgens ... mindestens 9 britische divisionen ... zum angriff an amtl. kriegs-depeschen (21. 9. 1917); einige wellen vergeltungsfeuer Beumelburg sperrfeuer (1929) 125.
c)
von einer durch den wind bewegten fläche, einer wiese, einem getreidefeld u. ä.:
da treiben die weste manch fröhliches spiel.
ihr spiel in den wellen des grases ist schön
R. Z. Becker mildh. liederb. (1799) 63;
das wogen der ähren, welle auf welle Cl. Brentano ges. schr. 5, 250; ... im getreide ..., wenn dasselbe in wellen wogt oder 'wolkt' Laistner nebelsagen (1879) 10;
ich schreckte auf und lag
am grund, um mich des haidekrautes welle
A. v. Droste-Hülshoff w. (1878) 1, 95;
dort hockt hinterm schierling der riesenpan ...
der strotzige lose geselle,
jetzt sieht er verstohlen die Liese nahn
und lacht und wälzt durch den wiesenplan
des windes wallende welle
R. M. Rilke ges. w. 1, 146;
man sah nichts als himmel und wald, der wie ein grünes meer im frischen winde wellen schlug Eichendorff s. w. (1864) 3, 452. ähnl., aber unter verzicht auf die vorstellung einer bewegten ebene: die birke ... wogte ihre grünen wellen freudig in den blauen himmel Bettine Günderode (1840) 1, 92.
d)
von atmosphärischen erscheinungen, bes. von luft- und windbewegungen, vorzüglich solchen leichter, flüchtiger art: mein ganzes wesen verstummt und lauscht, wenn die zarte welle der luft mir um die brust spielt Hölderlin 2, 68 Litzmann; die eiskalte luft drang in wellen herein E. Zahn die da kommen u. gehen (1909) 65; die letzte welle dufts, von schlehdornsträuchern abgeweht E. Stadler aufbruch (1914) 41. — von dem wechsel der lichterscheinungen am himmel u. ä., oft mehr dichterisch erfühlt, als geschaut, vgl. lichtwelle (teil 6, sp. 894):
aus roten wellen strömt das licht
Gerstenberg ged. eines skalden 1, 359 lit.-denkm.;
bis die wellen des abendroths über dem fröhlichen zusammenschlugen Eichendorff s. w. (1864) 3, 127; ihre (der glocken) klänge fluten durch das fenster, von den wellen der vollen morgensonne getragen R. Hohlbaum mann aus d. chaos (1933) 168; der ... gewölbte himmel in blauen wellen hinflieszend Schubart leben u. gesinnungen 2 (1793) 101;
in der mondnacht linde wellen
senk ich still mein glück und sorgen
Eichendorff s. w. (1864) 1, 275.
von dem wechsel der temperatur:
ihre sommerlichen düfte fliegen
wie der wärme wellen auf zum himmel
Bierbaum irrgarten d. liebe (1901) 178;
mit jeder neuen wärmewelle erweitert sich die blütenflut O. Gmelin frühling (1933) 40; vgl. hitze-, kälte-, wärmewelle, fachsprachlich in der wetterkunde für wiederkehrende witterungsabschnitte: (wenn) der zufall (es) so fügt, dasz eine 7 tägige welle gerade an sonntagen schönes oder schlechtes wetter bringt forsch. u. fortschr. 16 (1940) 154ᵇ; kalendermäszig gebundene atmosphärische wellen ebda.
e)
von akustischen vorgängen, vgl. schallwelle (teil 8, sp. 2096), bes. von gesang und musik: meine gedanken und phantasieen werden gleichsam auf den wellen des gesanges entführt Wackenroder bei Tieck schr. (1828) 2, 12;
wenn schwebend ihrer lieder wellen
empor zu gottes lobe schwellen
Seume ged. (1804) 105;
der töne wellen Gaudy s. w. (1844) 2, 31; die orgel umspielte in immer zarteren wellen ... das wunderbare geheimnis (des abendmahls) Meschendörfer stadt im osten (1933) 67; in groszen schallenden wellen stürzte es (das geläut) jetzt auf ihn ein Ina Seidel Lennacker (1938) 8. vom rhythmus:
hüpft der gelehrige fusz auf des takts melodischen wellen
Schiller 11, 40 G.
abgeleitet: Martius, dessen ruf bald in gröszeren wellen sich verbreiten sollte K. E. v. Baer reden u. aufsätze (1864) 1, 6. vergleichbar: in wellen rollte der donner (der geschütze) herüber H. Zillich urlaub (1933) 9. von der rhythmischen bewegtheit der sprache: die empfindungen unseres herzens ... blieben in unserer brust vergraben, wenn der melodische strom (der sprache) sie nicht in sanften wellen zum herzen des andern hinüberbrächte Herder 13, 362 S.; anders, wenn die erregten, rauschenden wellen bildhafter ausdruck für eine heftige, laute rede sind: als wöllestu uns mit wellen und bülgen eitler, hocher, prechtiger wort ... niderschlagen Jonas bei Luther 18, 660 W.; ähnl.: ich bin auf der flucht vor den brausenden wellen ihrer (anrede) beredsamkeit Bettine dies buch gehört dem könig (1843) 2, 412; sobald sie (die Franzosen) in leidenschaft reden, entstehen wellen und wogen Heinse 14, 278 Schüddekopf; dann schlug das gespräch sogleich hohe wellen und wurde erregt A. Winnig frührot (1926) 255; als ... sich die tobenden wellen des lachens einigermaszen gelegt hatten, ... Göthe 25, 174 W.
f)
von der bewegung unruhiger, drängender menschenmassen u. ä.: wenns nur glücken will, mischt er sich als einzelnen bittren tropfen in eine welle willkommener gäste, die hineinströmt Hebbel w. 8, 259 Werner; da kam eine lichte stelle in dem stummen flieszen der welle von gespenstischen wesen P. Ernst geschichten (1928) 11. — früher bei Luther, jedoch mehr mit der vorstellung der laut rauschenden menschenmassen: der herr verstöret Babel, er verderbet sie mit solchem groszen geschrey und getümmel, das ire wellen brausen wie die groszen wasser Jeremia 51, 55; neuzeitlich:
wer ists, der auf des hügels haupt
das volk in murmelnden wellen heranzieht
Herder s. w. 28, 1 S.
von tierherden:
doch keines hornes schaufelförmge krone
versank, getroffen, in des truppes welle
Freiligrath ges. dichtungen (1870) 1, 171;
zu dunkler schwemme ziehn aus breiter lichtung ...
hin durch die wiesen wellen weiszer lämmer
St. George teppich d. lebens (1908) 47.
von einem volke als masse, in der der einzelne untergeht: wer poetischen drang in sich fühlt, folge ihm ... und hüte sich vor dem groszen publicum, in dessen wellen er sehr bald verschlungen wäre Göthe IV 29, 131 W.; ein ganzes volk rauscht auf wie ein meer. niemand will etwas anderes sein als welle R. Hohlbaum Stein (1934) 6. besonders von ziehenden, kämpfenden, angreifenden truppen, schützenlinien u. ä.:
da schaut er die beweglichen
zelten, durchwimmelte thäler,
das wetterleuchten der waffen zu fusz,
die welle reitender männer
Göthe I 3, 207 W.;
sieh wellen sich an wellen schlieszen
und allesamt von blankem stahl,
den speerwald sieh zusammenschieszen
Fouqué zauberring (1812) 1, 135;
beinahe hinter jeder kampfdivision stand eine zweite als hintere welle Ludendorff kriegserinnerungen (1919) 392; die letzte welle, die noch jenseit der kuppe lag, sollte beginnen, ..., dann traf welle auf welle ein K. Hesse mein hauptmann (1938) 86; ein am späten nachmittag in mehreren wellen durchgeführter luftangriff auf Stavanger bericht d. oberkommandos d. wehrmacht v. 13. april 1940.
g)
von der wellenförmigen gestalt, die ein körper in der bewegung annimmt:
er (der wurm) windet die lasurne länge
in triumphierenden wellen nach einem nahen gebüsche
Bodmer Noah (1752) 2, 35;
die fortschreitenden wellen eines gespannten seiles Gehler phys. wb. 1278; der fähnrich ... liesz das tuch in kunstvollen wellen durch die luft sausen G. Freytag ges. w. (1886) 11, 8. schon im 17. jh.:
hier breitet seine wellen
der tugend hauptpanier
Logau sinnged. 281 Eitner.
vom menschlichen körper: man musz ... das fundament der erscheinung (in d. menschlichen gestalt) sich einprägen, wenn man dasjenige ... nachahmen will, was sich ... in lebendigen wellen vor unserem auge bewegt Göthe 47, 13 W.;
und kindisch hüpfet
in des zarten leibes schönen wellen
unschuld, anmuth, muthwill frei verknüpfet
Cl. Brentano ges. schr. (1852) 2, 498;
ein walzer beginnt; sie tanzen ihn, als ginge bei jedem schritt und wenden eine welle durch ihre beiden leiber W. v. Scholz erz. (1924) 29. von einer gruppe:
hüpft in wildem trab,
mädchen, auf und ab;
wendet euch in schnörkel, kreis und wellen
Voss s. ged. (1802) 5, 174.
vom atem: die weisze blendende brust, wie angenehm noch von des athems lezten wellen gehoben! Schiller 3, 76 G. so auch:
doch fühlt er kaum ihn (den busen) sanfte wellen schlagen
Gökingk ged. 2, 222;
und stets verrieth der gase leichtes spiel
des jungen busens sanfte wellen
Wieland s. w. 21 (1796) 176.
h)
von den gewandfalten, wie sie durch die bewegungen des körpers entstehen: hieroglyphisch sprachen flatternd die wellen ihres graziengewandes zu meiner seele Cl. Brentano Godwi (1801) 1, 104;
gewänder, wie nebel, umgossen
in üppigen wellen den blühenden leib
Fr. Kind ged. (1817) 2, 136;
ein schwarzes gewand umschlosz ihren leib ... und folgte ihrem schritt in dunklen wellen als schleppe O. Ludwig 2, 446 E. Schm.-St.
i)
terminologisch in der physik, bes. in der lehre vom schall, vom licht und von der elektrizität, s. auch unten wellenbewegung, wellenförmig und wellenlehre. schon die stoa kennt die übertragung von der ringförmigen ausbreitung der wasserwellen auf die art der ausbreitung des schalles, vgl.ἀέρος ... κυματουμένου, ὡς κυματοῦται τὸ ἐν τῇ δεξαμενῇ ὕδωρ κατὰ κύκλους ὑπὸ τοῦ ἐμβληθέντος λίθου stoic. veter. fragm. II 872 u. 425, darnach auch bei Vitruv: vox ... movetur circulorum rotundationibus infinitis, uti si in stantem aquam lapide immisso nascantur innumerabiles undarum circuli de architectura 5, 3; die früheste deutsche übersetzung (Rivius Vitruv [1548] 165ᵇ), die das damals wenig gebräuchliche wort welle wohl noch nicht kannte, begnügt sich damit, undarum circuli mit einfachem zirckel wiederzugeben. die wissenschaftliche fachspracheerst seit dem 18. jh. deutschverwendet (auch in der lehre vom licht und der elektrizität) anfänglich nur die ausdrücke undulation, vibration, undulierende, vibrierende bewegung, schwingung der luft u. ä.; der gebrauch von welle liegt um 1800 vor: man findet den abstand einer solchen welle von der andern, wenn die weite, durch welche der schall in einer gewissen zeit geht, durch die hälfte der schwingungen, welche der klingende körper in eben der zeit macht, dividiert wird E. Fl. Fr. Chladni akustik (1802) 217; die wellen nehmen bei wachsendem durchmesser der ringe an intensität ab Helmholtz wissenschaftl. abhandlungen 1 (1882) 237; vgl. auch schallwelle bei Campe, noch nicht bei Adelung. hierhin vielleicht schon, wenn nicht rein bildlich: jedes wort, das wir ausstoszen, ein hauch, den wir athmen, ein schall, den wir hören, ist, wies der stein im wasser erregt, welle (1774) Herder 6, 245 S. bei der begründung der wellentheorie des lichtes greift auch Huyghens zum bild von der ringförmigen fortpflanzung der wasserwellen: il s'ensuivra que ce mouvement (de la lumière) ... s'etend ainsi que celui du son par des surfaces et des ondes spheriques: car je les appelle ondes à la ressemblances de celles que l'on voit se former dans l'eau quand on y jette une pierre traité de la lumière (1690) 4; unmittelbar daran angelehnt: Huygens nimmt ... an, dasz jedes teilchen des von dem leuchtenden körper bewegten äthers kleine wellen errege, wovon es der mittelpunkt ist G. S. Klügel Priestleys geschichte der optik (1776) 262; (die entscheidung), ob es (das licht) vielmehr blosz das erzeugnisz von wellen eines sehr lockeren und sehr elastischen mittels sei, welches die physiker übereingekommen sind, äther zu nennen annalen der physik 46 (1839) 28; (sie haben) je eine longitudinale gespiegelte und gebrochene welle zu den bisherigen transversalen hinzugenommen 238 (1878) 84; könnte nicht der äther, welcher die wellen des lichtes leitet, auch fähig sein, änderungen aufzunehmen, welche wir als elektrische und magnetische kräfte bezeichnen? Heinrich Hertz ges. werke 1 (1895) 343 Lenard. in den allgemeinsprachlichen gebrauch ist welle am stärksten eingedrungen aus der lehre von der elektrizität. die fachsprachliche verwendung ist hier noch jung: in der that können wir nach dieser (undulations-) theorie wie beim lichte annehmen, dasz der durch den silberdraht gegangene stromteil im moment, da er das federthermometer erreicht, um eine halbe welle gegen den durch die flüssigkeit gegangenen theil zurückstehe annalen der physik 45 (1838) 436; um die phänomene deutlich zu zeigen, (gehört) erstlich ein unterschied in den von den wellen durchlaufenen wegen und zweitens eine nahezu gleiche intensität der wellensysteme (dazu) ebda 48 (1839) 420; bei der prüfung ... der behauptung ... von einer undulatorischen fortpflanzung der elektrizität in zwanzig fusz langen wellen und deren interferenz (hat der verfasser) auch nicht das mindeste bestätigt finden können ebda 52 (1841) 506; so zeigt sich, dasz sich in einem solchen falle die elektrizität in longitudinalen wellen ausbreiten kann Helmholtz wissenschaftliche abhandlungen 1 (1882) 554; nur fehlt den elektrischen wellen (im unterschied von den lichtwellen) die fähigkeit, das auge zu affizieren, wie diese auch den dunklen wärmestrahlen fehlt, deren schwingungszahl dazu nicht grosz genug ist Helmholtz vorträge und reden 2 (1896) 374; die geschwindigkeit elektrischer wellen in drähten ist seit langer zeit direkt gemessen Heinrich Hertz ges. werke 1 (1895) 351 Lenard; die gröszten entfernungen wurden bis vor kurzem mit sehr langen wellen überbrückt Kürschners Jahrbuch (1928) 524; einen wesentlichen anteil an der entwicklung der kurzen wellen haben die amateure gehabt ebda 525. diese anwendung von welle ist in neuester zeit auch durch den rundfunk in allen sprachschichten geläufig geworden, auch in zahlreichen zusammensetzungen wie wellenabstand, -empfänger, -länge u. s. w.
k)
von der wellenförmigen gestalt eines körpers, die den eindruck einer bewegung hervorruft. sehr üblich vom menschlichen haar. die bewegungsvorstellung wird häufig noch vom verbum festgehalten: ihre lockichten haare, welche um ihr haupt gleichsam mit wellen spielten Ziegler asiat. Banise (1689) 236; an seine brust ..., über die sich ihre blonden aufgelösten haare in wellen ausbreiteten Göthe 22, 60 W.;
ein graulich schwarzer bart hing ihm in krausen wellen
bis auf den magen herab
Wieland s. w. 22 (1796) 14 (Oberon 1, 19);
er selbst den zarten zweig des lorbeers in dem haar,
durch dessen wellen sich ein goldnes band gezogen
Schiller 6, 392 G.;
sie lag halb auf dem gesicht, ihr haar flosz in einer schweren welle von ihr fort P. Alverdes Reinhold (1931) 197. von der wellenförmigen bodenform: jenseits erhebt sich hinter dem grünen ufer die ebne in leisen wellen A. W. Schlegel im Athenäum 2, 24; die wellen des Haagengebirges H. v. Barth kalkalpen (1874) 68; wo die Brennerstrasze noch eine welle schlug Kolbenheyer Paracelsus (1926) 3, 346; auch von anderen stellen des grabens ... war nicht hinter die welle zu sehen E. Jünger das wäldchen (1928) 102; einen höhenzug, den das gebirge als letzte seiner wellen herabgeschickt Carossa doct. Bürger (1930) 5;
hinter uns welle auf welle das deutsche land
G. Schumann fahne und stern (1934) 66;
warnungstafel an der strasze von Leer nach Oldenburg: achtung, wellen!; vgl. als compositum: hinter der erdwelle von Valmy mit verkehrter front aufmarschiert H. Stegemann d. kampf um d. Rhein (1939) 389. von wandernden sanddünen: in der landtschafft sindt grosse hohe sandhübel unnd sandwellen zusammengetrieben von den grossen winden ... die sandberge, bühel und wellen stehen nicht alwege an einem orth, sondern wo der wind her wehet, da stieben sie hin Fel. Fabri eigentlich beschreibung (1556) 128ᵇ, wohl in anschlusz an die wasserwellen, wie die ausführlichere lat. fassung an dieser stelle nahelegt: accurrit arena tamquam procella in aqua super terram, .. involuti procellis arenarum, sicuti in mari obruti procellis aquarum ders. evagatorium 2, 425 Hassler, daher kaum zu vergl. mit ⁵welle. sodann von festen gestaltungen in der architektur, im kunstgewerbe u. ä.: 'welle rinnleiste' Otte archäol. wb. 266; 'karnies welle, ... aus einem konkaven u. konvexen theil zusammengesetztes glied' Müller-Mothes 3 (1876) 132; wellen 'streifen ... im glase' Hoyer u. Kreuter technol. wb. 1, 743; ringsum wellen als einfassung (eines spiegels) E. Gerhard akad. abhandlungen (1866) 2, 282; 'farbige streifen', häufig bei beschreibungen von tieren und pflanzen. vgl. unten wellenförmig 2 c u. ¹wellig 3: kehle (des rotkehlchens) schmutzig gelblich mit unordentlichen schwärzlichen wellen Naumann naturgesch. d. vögel (1822) 2, 397; (der lorbeer) ein wenig dunkler als alles andere grün, mit kleinen wellen an jedem blattrand R. M. Rilke ges. w. (1927) 3, 297; vgl. bildungen wie wellenpapagei, -sittich.
2)
von unsinnlichen, besonders geistig-seelischen vorgängen. das bild ist bisweilen unscharf geworden oder hat seinen eigentlichen sinn verloren. der sinnzusammenhang mit ausdrücken der sprachgruppe wasser, meer, flut, strom bleibt auch im bilde meist gewahrt.
a)
der ablauf der zeit wird mit dem lauf der wellen verglichen. im hintergrunde dieses vergleichs steht das bild des dahineilenden stromes, das in verschiedenen wendungen zum zeitablauf in beziehung gesetzt wird (vgl. teil 10, 4, sp. 26f.): teilnehmen müszen wir; wir stehn im strom der zeit, wo eine welle die andre treibet Herder s. w. 16, 42 S.;
kann nichts dich, fliehende! verweilen,
o meines lebens goldne zeit?
vergebens, deine wellen eilen
hinab ins meer der ewigkeit
Schiller 11, 27 G.;
wenn drauszen mir
mit ihren wellen alle die mächtige zeit
die wandelbare fern rauscht und die
stillere sonne mein wirken fördert
Hölderlin s. w. 4, 12 v. H.;
es war ihm, als sei das alles lange versunken, und über ihm ginge der strom der tage mit leichten klaren wellen Eichendorff sämtl. werke (1864) 3, 124;
wie die stunden leise fluten,
well auf well im ewgen lauf
Geibel neue ged. (1856) 328.
die flüchtigkeit der erscheinung wird hervorgehoben: bis auch dieser abend verbrauste und verschwamm, wie jede heitere stunde dahingeht — schaum, der eine welle der ewigkeit krönt H. Seidel vorstadtgeschichten (1880) 70; für sekunden stieg die alte zeit herauf, sah mich verwundert an und wälzte auf flüchtiger welle einen schwarm von gesichtern herauf Herm. Hesse Gertrud (1910) 86. die vergänglichkeit des lebens und zeitgeschehens wird charakterisiert:
das unsrige (leben) vollend zerrinnt
und stäubet wie wellen und wind
Zesen vermehrt. Helikon (1656) 2, 114;
vergänglichkeit!   wie rauschen deine wellen
dahin durchs lebenslabyrinth so laut!
Lenau gedichte (1857) 1, 121.
b)
anschaulich und darum häufig gebraucht ist die übertragung auf geistige, kulturelle und politische strömungen, die wellenartig sich erheben oder ergieszen können.
α)
die alle widerstände überflutende gewalt der welle ist ebenso mitbestimmend für das bild wie das zögernde erfasztwerden von den letzten ausläufern einer welle: jedes volkstumsmerkmal hat ein bestimmtes ausbreitungsgebiet, eine tatsache, für die man nicht unpassend die bezeichnung welle gewählt hat, damit zugleich die entstehungsart einer solchen verbreitung andeutend. die äuszersten geschlossenen grenzen wären dann die wellenränder, über welche hinaus noch manche woge, noch mancher wellenschaum vorgeflutet ist, um auf fremdem boden sich abgesondert zu erhalten oder zu versickern W. Pessler in wörter und sachen 1, 49; ununterbrochen drangen namentlich von osten her in sanfter einströmung und überströmung breite wellen fremden wesens über Griechenland Rohde psyche² 1, 111. unbestimmter als 'zeitströmung': er liesz sich in widerstandsloser hingebung von den wellen der zeit tragen W. H. Riehl musikal. charakterköpfe (1899) 1, 98.
β)
auf bestimmte einzelerscheinungen bezogen: Halle, wo sich ... die wellen der verfolgenden orthodoxie zuerst gebrochen hatten Justi Winckelmann 1 (1866) 60; das militärische Preuszen war stark und intact genug, um die revolutionäre welle zum stehen zu bringen Bismarck gedanken und erinnerungen 1, 59 volksausg. schlagwortartig: ungefähr zwischen meinem achten und neunten jahre erreichte die erste welle des politischen lebens meinen kreis August Winnig frührot (1926) 47; die ententeregierungen verlassen sich darauf, dasz Deutschland der blutigen welle des kommunismus herr wird W. Beumelburg sperrfeuer um Deutschland (1929) 535; nicht nur die nationalistische welle, auch die welle der wirtschaftlichen autarkie flutet über die weisze menschheit hin Kolbenheyer arbeitsnot und wirtschaftskrise (1935) 13.
γ)
daher gewinnen bestimmte verbale verbindungen wie wellen schlagen, wellen werfen (vgl. oben B 3, sp. 1406) auch die bedeutung 'einflusz haben, wirkung hervorrufen'. in unfester form schon bei Herder: jedes (geschöpf) treibt immer eine grosze oder kleine welle: jedes verändert den zustand der einzelnen seele, mithin das ganze dieser zustände; würkt immer auf andre s. w. 5, 135 S.; oft wirft diese geheimnisvolle zeit ihre wellen noch weiter in die jugendjahre der jungen Australier Ratzel völkerkunde (1885) 2, 83; doch erst seit Rhigas in feurigen liedern die freiheit der Helenen besungen hatte, begann die nationale bewegung stärkere wellen zu schlagen Treitschke deutsche geschichte im 19. jh. (1897) 3, 187.
c)
leben und schicksal unter dem bild der welle. die übertragung gehört nach bedeutung und gebrauch verschiedenen vorstellungskreisen an.
α)
am frühesten in religiöser sprache von den kämpfen und widerwärtigkeiten des lebens. vom bild der kirche als schiff ausgehend (vgl. auch die belege aus Notker, oben sp. 1403): darumb wiewol der herr S. Peters schifflin etwan laszt unter den wellen der ketzerischen anfechtung geangstiget werden Joh. Diettemberger wider das unchristl. buch Martin Luthers von dem miszbrauch d. messe (1526) A 1ᵇ. in festen verbindungen: es thut aber dem alten Adam von hertzen wehe. er gibt sich nicht gern in wind und wellen und auffs mher (innerer und äuszerer anfechtungen), wolt lieber eraussen bleiben (1531) Luther 34, 1, 136 W.;
und dasz in allen fällen
er mir zur rechten steh
und dämpfe sturm und wellen
und was mir bringet weh
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 987.
von den heimsuchungen des lebens als auswirkungen des göttlichen zorns:
deines (gottes) zornes fluthen sausen
mit gewalt auf mich daher,
dein gericht und eyver brausen
wie das tiefe, weite meer;
deine wellen heben sich
hoch empor und haben mich
mit ergrimmten wasserwogen
fast zu grund hinab gezogen
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 378;
lasz deines wortes stern
in unsern hertzen blincken,
sonst möchten wir versincken,
nun deines eifers wellen
sich uns entgegenstellen
Simon Dach 312 Österley.
in den religiösen vorstellungsbereich gehören auch ausdrucksverbindungen wie wellen der welt, wellen der sünde u. ä. (im ahd. als lehnübersetzung von fluctus saeculi, fluctus vitiorum bei Notker, vgl. oben sp. 1403): truhten gibet herti sinemo liute ze irlidenne die uuella unde die duniste dirro uuerlte Notker 2, 91 P.;
denn ich wil mich, o mein leben,
in dein offnes hertz begeben,
als den besten felsenstein:
weil man vor dem grimm der höllen,
vor der welt und jhren wellen
kan darinnen sicher seyn
Angelus Silesius heilige seelenlust 86 ndr.;
die bewegungen der gnade entzogen sich von mir: da rauschten die wellen der natur über meine seele und machten sie unruhig Chr. Fr. Richter ursprung und adel der seele (1739) 241. dixit dominus ... ih nimo sie uzer dien fluctibus uitiorum (als interlinearglosse: uuellon achusto) Notker 2, 259 P.;
dû (Maria) widerstâst den wellen
ûf tobender sünden sêwen
Konrad von Würzburg goldene schmiede 574 Schr.;
der hellen wellen gehen vber mich her Mathesius de profundis (1571) B 3ᵇ.
β)
auszerhalb der religiösen sphäre. im ewigen strom des lebens kommen und gehen die wellen des einzelschicksals: das leben ist ein strom von wechselnden gestalten. welle treibt die welle, die sie hebet und begräbt Herder s. w. 29, 133 S.; das ist der gang der natur bei entwicklung der wesen aus einander; der strom geht fort, indesz sich eine welle in der andern verliert 13, 55 S.;
was unterscheidet
götter von menschen?
dasz viele wellen
vor jenen wandeln,
ein ewiger strom:
uns hebt die welle,
verschlingt die welle,
und wir versinken
Göthe I 2, 82 W.
die alles mitreiszende gewalt des lebens, die den menschen ergreift, trägt oder zerschmettert, ist der welle vergleichbar:
lebenswoge, well auf wellen,
einen wie den andern trägt sie
Göthe I 3, 234 W.;
warum verliesz ich meine stille zelle,
da lebt ich ohne sehnsucht, ohne harm! ...
ergriffen jetzt hat mich des lebens welle,
mich faszt die welt in ihren riesenarm
Schiller 14, 52 G.;
mein leben umspülten mit lautem jubel und bangen
tiefe wellen, die manchen andern verschlangen
Börries v. Münchhausen balladen (1933) 177.
in anderer sicht vom einzelleben: das bewusztsein, eine brausende welle in einem fortreiszenden strome zu sein Fr. Meinecke Boyen 1, 41. die neugewonnene bedeutung der leicht und anmutig bewegten welle (siehe oben C) spiegelt sich auch hier:
fröhlich auf des lebens welle
schifft ich stets von land zu land
Fr. Kind gedichte (1817) 5, 209;
in solchen wellen eines anmuthig aufgeregten lebens Fouque altsächs. bildersaal (1818) 2, 603; das wiegt sie wie ein wellenschlag, die grosze, warme welle des lebens, die sie trägt Kahlenberg Eva Sehring (1901) 4. mehr objectiv gefaszt als schicksalswelle, deren gewalt der mensch preisgegeben ist: ach arbeitseliges kindt, nu hast du gleich ... des glückes bitterkeit versucht und der ungestümen wällen gefahr genugsam empfunden Amadis 1, 40 lit. ver.; alle wellen des schicksals stieszen itzt auf Obereit Zimmermann über die einsamkeit 3, 63; du (Hans Unwirrsch) bist am ufer geblieben, und die wellen (des schicksals) haben dir gnädig mitgespielt W. Raabe der hungerpastor (1864) 2, 148. auf näher bestimmte lebenserscheinungen bezogen (streng bildhaft): schau doch die felsenseele in den stürmenden wellen des glückes und unglückes Lavater physiogn. fragm. (1775) 1, 118;
mir gefällt ein lebendiges leben,
mir ein ewiges schwanken und schwingen und schweben
auf der steigenden, fallenden welle des glücks
Schiller 14, 48 G.
von den formenden einwirkungen des lebens: der ich wohl weisz, dasz ein groszer steter verkehr mit den wellen der welt dazu gehört, um stets als glatter gefälliger kiesel aus dem fluszbett geholt zu werden Görres briefe (1858) 3, 222; abgegriffener: kurz, es ist mir entflogen, welche wellen meine kleinigkeit (hier) angespült und aufgespült haben Fr. Arndt bei E. M. Arndt schr. f. u. a. s. lieben Deutschen (1845) 1, 4. von der andringenden fülle der arbeitslast: seit ich wieder hier bin schlagen die wellen der geschäfte mir über dem haupte zusammen Bismarck briefe an s. braut und gattin (1900) 558; aber ich war ganz in einer neuen welle von arbeit und korrespondenzen R. M. Rilke briefe (1907) 392.
d)
wellen des inneren. der bildhafte bezug auf die eigentliche bedeutung, der vielfach durch sinnfällige verben oder attribute unterstützt wird, ist einmal in der aufwallung zu sehen, die eine seelische erschütterung verursacht, dann aber auch in der wellenartigen unruhe des auf und ab einer gefühlsempfindung. andere vergleichsmomente wie das erfaszt- und getragenwerden von der gewalt der leidenschaften, oder auch das flieszende und gleitende des seelischen zustandes, der ja recht eigentlich in einer folge unaufhörlicher innerer bewegungen besteht, spielen mit hinein. bisweilen will das bild der welle nur die ungewöhnliche intensität des affektes schildern.
α)
wellen von empfindungen, gemütsbewegungen und gefühlserregungen gehen durch das innere des menschen: der gewöhnliche lauf unsrer gedanken geht so schnell; die wellen unsrer empfindungen rauschen so dunkel in einander Herder 5, 61 S.; ihre hofdebütrolle verbarg zwar jede welle (der empfindung) und jeden schimmer des geistes und gesichts unter der eiskruste des anstandes Jean Paul werke 7—10, 142 H. vom zustand des inneren gehobenseins: das feierliche gab seinen inneren wellen die stärke und höhe, um die äuszeren zu überwältigen Jean Paul w. (1826) 3, 14; (ich) lasse mich treiben von den wellen, welche von meinem innern hinausströmen in die umwelt kriegsbriefe gefallener studenten (1928) 289. in den frühen belegen einzelner inhaltlich bestimmter affectempfindungen wird der bildzusammenhang noch streng gewahrt: ihr seyd gleich einem wütenden wasserstrom, wann der uber das ufer auszlaufft, so reiszet es alles umb, was er antrifft. also wenn die wellen der rachgier in eurem hertzen auffsteigen, so wolt ihr alles überschwemmen Schupp schriften (1663) 283; an diese (dämme der seele) prallen die wellen (des schmerzes) an und zerschellen briefe, die neueste literatur betreffend 13 (1762) 72; so steigt der kummer auf den höchsten gipfel, und dann bricht die welle auf einmal — man ist auf einige zeit völlig ruhig — Knigge roman meines lebens (1781) 2, 74. später dienen verbale verbindungen der veranschaulichung: jetzt (bei einer furchtbaren krankheit seiner frau) schlugen ihm die wellen des jammers über dem kopf zusammen Jung-Stilling sämtl. schr. (1835) 1, 365; als eine erwiderung von eisiger kälte kam, da freilich schlugen alle wellen der leidenschaft über ihm zusammen Dahlmann geschichte der franz. revolution (1845) 177. wellenartig wogen die empfindungen auf und ab: solche wellen von furcht und hoffnung habe ich all mein lebenlang verspürt Lichtenberg verm. schr. (1800) 1, 31;
und wie leise sich der schmerz
well um welle schlafen leget
Storm werke (1899) 8, 215.
sinnfälliger unter dem bilde physischer vorgänge: ich lasse euch nachdencken, in was für wellen das hertze Muränens über so seltzamen zufalle gewallet haben müsze Lohenstein Arminius (1689) 1, 394; da hielt mich eine feine, doch kräftige hand, und drückte mich in den sessel zurück, und strich mir leise und zärtlich über das haar, dasz mich feine heisze wellen bespülten, dasz ich die augen schlosz und die tränen verbisz H. Hesse Gertrud (1910) 67; dann schiebt er das fremde blatt unter den waffenrock, und es treibt auf und ab auf den wellen seines herzens Rilke ges. werke (1927) 4, 15. rein abstrahierend in der bildbezogenheit und nur noch gefühlsmäszig empfunden:
s' ist nicht die welt, die ihn herüberzieht,
doch sinds auch nicht der andacht reine wellen
Annette v. Droste-Hülshoff werke (1879) 2, 257.
β)
wellenartig strahlen äuszeres und inneres einflusz und wirkung aus. wahrnehmungen dringen in das innere des menschen: (der mensch) schwimmt in einem meer von eindrücken der gegenstände, wo eine welle leiser, die andre fühlbarer, ihn berührt Herder s. w. 15, 523 S.;
nur sein (des blinden) fühlen rührt sich, so als finge
es die welt in kleinen wellen ein
Rilke ges. werke (1927) 3, 174.
ebenso übertragen sich gefühlswerte auf den menschen. vielleicht ist das bild abhängig von der vorstellung elektrischer oder magnetischer wellenströme, doch vgl. den vorhergehenden abschnitt. die belege beschränken sich auf die moderne literatur: sicherheit flieszt auf ihn über in stärkenden wellen R. Hohlbaum mann aus dem chaos (1933) 75; ihr blick war so voller ruhe, dasz eine welle von kraft ihn überflutete Ina Seidel Lennacker (1938) 216. heute sehr verbreitet von der wellenartigen ausbreitung der gefühlsregungen über eine menge hin: jede welle fröhlichkeit, die von drüben kam, wo einige kameraden den humpen kreisen lieszen, benahm ihm den atem P. Ilg die brüder Moor (1912) 5;
tief in dem saal schlägt ihre (der Bojaren) ehrfurcht wellen
Rilke ges. werke (1927) 2, 101;
die welle einer tiefen erschütterung geht durch das ganze volk W. Beumelburg sperrfeuer um Deutschland (1929) 496; eine welle der erregung läuft durch die dichtgedrängte masse O. Gmelin der ruf zum reich (1936) 126.
γ)
auf biblischer grundlage beruht die redensartliche wendung die stolzen wellen sollen (werden) sich (schon) legen: bis hie her soltu komen und nicht weiter, hie sollen sich legen deine stoltzen wellen (usque huc venies, et non procedes amplius, et hic confringes tumentes fluctus tuos) Hiob 38, 11; (wie die Holländer dem könig von Frankreich) einen damm vorschieben, und gleichsam sagen dürften: hier sollen sich legen deine stolze wellen Leibniz deutsche schriften 1, 213 G.; allein ich glaube, wann erstlich die Österreicher tüchtig auf die ohren werden gekriegt haben, so werden sich die stolze wellen legen (1756) Friedrich der Grosze polit. korrespondenz 14, 139 akad.-ausg.; das thut die jugend. werden sich schon legen, die stolzen wellen Göthe I 11, 136 W. davon abhängig: dasz sich die wellen unseres hochmuths legen müssen Joh. Riemer der polit. stockfisch (1681) 288.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1940), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 1402, Z. 16.

welle5, f.

⁵welle, f.
sandbank; 'in manchen gegenden wird auch eine hervorragende sandbank in einem flusse eine welle, sandwelle genannt, wofür an andern orten häger, horst u. s. f. üblich sind' Adelung 5 (1786) 157. wie weit hier eine selbständige bildung vom vb. ³wellen 'rollen, wälzen' oder eine übertragung von ⁴welle 'unda' vorliegt, läszt sich nicht mit sicherheit sagen; das ahd. kennt ein häufiger bezeugtes compositum santgewelle, die unmittelbar vom verb. abgeleitete bildung: in crepidine (alvei) santgewelle ahd. gl. 1, 326, 20 (12. jh.); santgwel, -gwelle, santwel 4, 60, 45 (11.—13. jh.); sirtes santgwelle 4, 217, 59 (12. jh.). vgl. noch unten wellsand.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1940), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 1421, Z. 56.

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Zitationshilfe
„wälen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%A4len>, abgerufen am 22.01.2022.

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