wällen verb
Fundstelle: Lfg. 7 (1908), Bd. XIII (1922), Sp. 1296, Z. 5
aufkochen machen, s.wellen.
wallen
Fundstelle: Lfg. 7 (1908), Bd. XIII (1922), Sp. 1269, Z. 19
umfaszt zwei verba, die etymologisch wahrscheinlich nicht verwandt sind, ursprünglich auch verschieden flectiren, in ihrem nhd. gebrauch aber nicht immer streng auseinandergehalten werden können. namentlich verschwimmt auch in zusammensetzungen die grenze zwischen beiden verben. dazu kommt ein drittes, von wall abgeleitetes wort.
wallen verb
Fundstelle: Lfg. 7 (1908), Bd. XIII (1922), Sp. 1269, Z. 26
sprudeln, bewegt flieszen, aufkochen, innerlich erregt sein, im winde flattern u. s. w. ein westgerm. wort: mhd. wallen, ahd. wallan, fervere, scatere, bullire, undare, aestuare Graff 1, 797 f., asächs. wallan, sprudeln, flieszen (von blut, thränen), lodern, innerlich bewegt sein, mnd. wallen, aufkochen (im ndl. durch das ursprünglich nur transitive wellen ersetzt), afries. walla, kochen Richthofen 1124, ags. weallan, sprudeln, bewegt flieszen, kochen, lodern, erregt sein Bosworth-Toller 1174, mengl. wallen Stratmann-Bradley 666, engl. durch das abgeleitete well ersetzt (aber dialektisch noch wall Wright 6, 368). wallen reiht sich den zahlreichen, unter walen besprochenen bildungen an, bei denen von der grundbedeutung des sich drehens, wälzens auszugehen ist; in der bedeutung steht am nächsten got. wulan, sieden, ahd. walm, hitze, ags. wylm, wallung des wassers und feuers, und besonders, mit der gleichen ableitung, anord. vella, sprudeln, kochen, schwed. välla, dän. vælde (während ahd. wellan, mhd. wellen allgemein 'wälzen' ist, dazu aber wella, woge, s.welle). wallan ist durch assimilation aus *wal-nan entstanden. es gehört der klasse der reduplicirenden verben an, praet. mhd. wiel, part. gewallen; in der 2. 3. sing. praes. erscheint umlaut, der aber nicht durchgeführt ist, vgl. kaiserchron. 11110 wället, 8569 wellet, aber mystiker 1, 319, 36 wallet (im 16. jahrh. noch bei Thurneysser von wassern 147. 190 wellet, sonst z. b. bei Keisersberg, Murner, Luther, H. Sachs, auch bei Thurneysser 348 wallet). das starke praet. wiel kommt im 16. jahrh. bei Oberdeutschen noch vor (auch wüel), z. b. Liliencron 3, 282, 211, Wickram 7, 233, 770. 8, 181, 791 (wuͤl 7, 111, 730. 8, 116, 889), H. Sachs fab. u. schw. 2, 220, 15 wuͤel, sonst geht das verb. zur schwachen flexion über. bedeutung und gebrauch. die anwendung des wortes im mhd. stimmt mit der in den altgerm. dialekten noch im ganzen überein. das wort wird zunächst von der bewegung des wassers gebraucht, sowol von der natürlichen, z. b. einer sprudelnden quelle, des wogenden meeres, als auch von der des erhitzten wassers; die übertragung auf andre kochende flüssigkeiten und das feuer selbst liegt sehr nahe. in der altgerm. poetischen sprache ist es aber offenbar auch schon zu andren übertragungen gekommen, z. b. auf die hervorbrechenden thränen, das aus der wunde hervorbrechende oder in den adern kreisende blut und damit im zusammenhang auf innere erregungen. neben der grundbedeutung, die immer lebendig geblieben ist, bleiben auch diese übertragungen der neueren dichtersprache geläufig, wenn auch kleine verschiebungen wahrzunehmen sind. vom 17. jahrh. an erweitert wallen sein gebiet in der dichtersprache: es wird auch auf andre bewegungen in der natur bezogen (wobei zunächst der wind als die bewegende kraft gilt), z. b. das wogen eines kornfeldes, des grases, das schaukeln der äste, das flattern von segeln, fahnen, federn und anderem, das sich am körper befindet. mehr subjectiv aufgefaszt ist die bewegung, wenn man vom wallen von tönen, gerüchen, lichteffekten, erscheinungen spricht, die vom menschen wahrgenommen werden. der letzte schritt in der entwicklung ist der, dasz man vom bedeutungsmoment der bewegung ganz absieht und wallen nur in dem sinne von 'wellig sein' gebraucht so spricht man jetzt von wallenden haaren, kleidern u. dgl. in diesem erweiterten gebrauch ist wallen ein lieblingswort der neueren dichtersprache, wie es in älteren gebrauchsweisen in der altgerm. epik beliebt gewesen sein musz.die anordnungsweise der bedeutungen ergibt sich aus den eben entwickelten gesichtspunkten. zu beachten sind noch übertragungen durch metonymie, wie sie jederzeit vorgekommen sind, z. b. vom siedenden wasser auf den topf, in dem es siedet, von dem sich aus der wunde ergieszenden blut auf die wunde selbst.
A.
wallen von der bewegung des wassers und feuers.
1)
von dem wogen des meeres, einem strudel, durch sturm erregtem wasser u. dgl.: wellen werfen, wallen, fluttare, ondeggiare. Krämer 1226ᵃ; voll wellen, wallend, fluttuoso. ebenda; wenn das meer starck wallet, brauset, wütet, oder gegen das ufer aufschlägt, when the sea rises up in waves. Ludwig 2375; wallen, i. e. wellen aufwerffen. Kramer (1719) 258ᶜ; die wellen wallen, les flots ondoïent. Rondeau; wenn gleich das meer wütet und wallet, und von seinem ungestüm die berge einfielen. ps. 46, 4; der ich dem meer den sand zum ufer setze, darin es allezeit bleiben mus, darüber es nicht gehen mus, und obs schon wallet, so vermags doch nichts, und ob seine wellen schon toben, so müssen sie doch nicht darüber faren. Jer. 5, 22;
sie funden einen chreftigen sê,
braiten unt langen.
den het gar bivangen
ein michel ungewitere ...
si musen hin abe vallen
in den se den si sahen wallen.
Tnugdalus, Hahns ged. d. 12. u. 13. jahrh. 50, 76;
alle brunnen und wassergüsz
theten mit grossem ungstümm wallen
und die gantz erden überfallen.
Wickram 7, 25, 543 (met. 1, 282) Bolte;
fortfahren mag das meer mit macht
zu toben, wüten, wallen.
Weckherlin 1, 340 (ps. 46, 3) Fischer;
die fluht fieng an zu rasen,
bald stund sie wie ein hauff',
als ihre tieffe wallet,
dasz es sehr weit erschallet.
J. Rist, Fischers kirchenlied 2, 192, 7;
so mancherley wellen sich schwellen und wallen.
v. Birken Pegnesis 1, 40;
(das meer) braust, schäumet, wallt und tobt mit aufgethürmten wellen.
v. Besser schrifften (1752) 35;
und es wallet und siedet und brauset und zischt,
wie wenn wasser mit feuer sich mengt,
bis zum himmel sprützet der dampfende gischt,
und flut auf flut sich ohn ende drängt.
Schiller 11, 221 (der taucher);
ich liesz die kränze fallen
aus schrecken in den Rhein,
wo seine wasser wallen
wie most vom jungen wein.
Arnim 19, 61;
über dieses machte das in diesem abgrunde wallende wasser ein recht wunderlich und fürchterliches getöse. Felsenburg 3 (1739), 306. häufige verbindung das wallende meer:
in aines das allerschœnest lant,
darumb das wallent mer mit sant
begriffen was in inseln wisz.
H. v. Sachsenheim mörin 178 Martin;
das wallende weltmeer und ihr (der Ägypter) grab.
Zachariä 2, 360.
übertragen:
neu fühlt' ich in mir wallen
und wogen ein liebesmeer.
Platen 21 (lied. u. rom.);
an diese (liebe) dachte er mit aller freude seines herzens und dennoch — schlich ein tragischer hauch über die reinen wellen, welche in seinem busen wallten. Immermann Münchh.² 3, 107. anschlusz von richtungsbestimmungen:
auch wurden die fugen sehr weit
an disem schiff zu beyder seit,
so das die flut starck darinn wuͤl.
Wickram 8, 116, 889 (met. 11, 515) Bolte;
durch dein blasen theten sich die wasser auff, und die flut stunden auff hauffen, die tiefe wallet von einander mitten im meer. 2 Mos. 15, 8. selten mit dem acc. des inneren obj. verbunden:
eine harmonische bucht erstreckt, in die sichel geründet,
zwei vorlaufende arm' und wallete tieferes wasser.
Voss bei Campe.
im elsäss. findet es sich als 'das wasser durch schwimmbewegungen aufregen', z. b. von einem fisch. Martin - Lienhart 2, 811.
2)
in der neueren sprache wird wallen auch von dem ruhigen wogen des meeres, dem sanften rauschen eines flusses, baches gebraucht:
das meer, so fürchterlich
kaum aufgebirgt, sinkt wieder bis zur glätte
des hellsten teichs, wallt wie ein lilienbette.
Wieland 23, 23 (Oberon 7, 31);
das schiff bewegt mit seinem reisedrange
und stört empor die see aus glatter ruh':
doch ist es fort, schlieszt sich die welle zu,
gleichgültig wallt sie fort im alten gange.
Lenau ged. (1857) 1, 108;
die wasserström, die da rein wallen,
ins meer mit iren unden fallen.
Lobwasser Johannis entheuptung D 7ᵃ;
unsrer bäche silber wallet.
unsrer vögel musik schallet.
v. Birken Pegnesis 91;
still, Pegnitz! walle nicht zu laut
vor meiner schönen hause.
288;
beym rauschenden tenor der wallenden krystallen,
die über glatte kiesel fallen.
Brockes 1 (1739), 132;
wenn ich am bach,
der durchs gebüsch im abendgolde wallte,
auf blumen lag.
Hölty 39 Halm;
schweig, o chor der nachtigallen!
mir nur lausche jedes ohr!
murmelbach, hör' auf zu wallen!
winde, laszt die flügel fallen,
rasselt nicht durch laub und rohr!
Bürger 72ᵃ (das hohe lied von der einzigen);
vom gipfel einer rauhen felsenspitze
stürzt sich ein bach, und wälzt, gemächlich fallend,
sein wallend silber durch die ganze gegend.
Wieland suppl. 2, 162 (Melinde 232);
leise wallt und drängt die welle
sich am reichen ufer hin.
Göthe 3, 38;
liebe rauscht der silberbach,
liebe lehrt ihn sanfter wallen.
Schiller 1, 242 (triumf der liebe);
im abendschimmer wallt der quell
durch wiesenblumen purpurhell.
Matthisson ged. 15.
3)
übertragen von dingen, die im wasser herumgetrieben werden, schiffen und anderem das im wasser schwimmt:
sein jünger fragten in der ding,
wie die arch Noah het ein gstalt,
die ein jarlang im wasser walt.
H. Sachs 20, 324, 26 Keller-Götze;
was gar zu viel ist, fleuch: lasz wenig dir gefallen:
mehr sicher kan ein schiff auf kleinem wasser wallen (modico quae flumine fertur).
Opitz 1, 305;
unser nachen wallte leicht mit vollgeschwelltem segel über die nassen pfade. Heinse 1, 68 (Ardinghello 1);
im see ich dort ergucket
ein grossen kauffmans-pallen
hin und her wider wallen,
sich nach den wellen drehen.
H. Sachs 3, 311, 19 Keller;
durch die siedenden wasser wielen
die pferd, fast gschwind hindurchin fielen
und eileten schnell auff die fart.
Wickram 7, 233, 770 (met. 5, 405) Bolte;
so schreibet auch Mela ... dasz bey dem anfange des Nilflusses in Aegypten ein see gefunden werde, auff welchem eine insel herum walle. Behrens Hercynia curiosa (1712) 88. von zu schiff reisenden: so abwechselnd hin und wieder geschaukelt, angezogen und abgelehnt, genähert und entfernt, wallten und wogten sie verschiedene tage. Göthe 22, 136 (W. Meisters wanderj. 2, 7). bildlich vom menschen mit anlehnung an wallen II:
ich walle wie ein schiff, dasz in dem wilden meer,
von wellen umbgejagt, nicht kan zu rande finden.
Opitz t. poemata (1624) 27;
dann ist mein gantzer leib in einsamkeit verschlossen,
und wallet wie ein schiff auf seinem kummer-meer.
Hoffmannswaldau heldenbr. (1696) 136;
ihr wallet auf der see, ich bin in hafen kommen.
begräbnisz-ged. 37;
wir wallen in der welt, wie in der see die nachen.
48;
vgl.: hier ging mirs nun wie einem, der aus einem wilden meere wiederwärtiger meynungen in einen sicheren hafen einläuft und nach vielem wallen und schweben endlich auf ein festes land zu stehen kommt. Gottsched erste gründe der ges. weltweisheit 1 vorr.
4)
von einer sprudelnden quelle (auch einer heiszen): wasser so heisz aus der erden herfür wallet, a boilinghot well-spring. Ludwig 2375;
im gen ain prünlein er ersach,
das in aim geling fels aufwüel,
ganz silbervarb, clar, frisch und küel.
H. Sachs fab. u. schw. 2, 220, 15 Götze;
wo aus dem felsenspalt
am heiszesten und vollsten der edle sprudel wallt.
Uhland ged.² 365;
das wasser hat ein starken trieb, und wellet arms dick und noch dicker herfür. Thurneysser von wassern (1572) 190; auf der rechten seiten desz bachs entspringt dises herrliche badwasser und wallet über sich durch ein spalt desz felsens. Guler v. Weineck Raetia (1616) 81ᵇ. auch von einer in der erde rauschenden quelle: es hat zwischen Titelzell und Rottenschirnebach, auff dem gebirg, einen brunnen, der der enden auffquillet, und wider versitzt, und wallet wie ein kessel, welches ein sandeliches quecksilberwasser ist ... solcher brunnen die wallen, und doch kein auszgang nemen, sind viel hin und wider. Thurneysser von wassern (1572) 347. darnach übertragen: der boden wallet mit brunnen, ist voll brunnadern, solum fontibus scaturit. Maaler 483ᶜ; wallen, scaturiginibus impletum esse. der boden wallet da mit brunnen. Frisch 2, 419ᶜ. andre übertragung auf den von der quelle mitgeführten sand:
dem vorüberwandelnden fremdling
sprudelt aus wallendem kies unten am berge der quell.
Voss 6, 306.
von im brunnen aufsteigenden wasser: min appet gebot mir und sprach: brinc mir das vas vol wassers. do wiel das wazzer obenan uf in den brun, und der bruder vulte sin vas ane seil. der veter buoch 8, 24 Palm.
5)
vom fallenden regen, nur im mhd.:
leyʒ got nidher vallen
eynen regen unte wallen.
Braunschweig. reimchron. 8930 Weiland;
und begunde ein regen wallen
dar under vil naʒʒer.
H. v. d. Türlin crone 16220.
6)
vom kochenden wasser (hier mit sieden, in der neueren sprache auch kochen wechselnd): wallen, sieden, bollire. Krämer 1207ᵃ; das wasser wallet im topfe, aqua bullit in olla. Stieler 2422; wallen, wie das wasser, wann es siedet, strudeln, bouillir. Rädlein 1028ᵃ; das wasser wallet, siedet oder brodelt, schon im topf, the water in the pot does already wallop, bubble up, rise up. Ludwig 2374; wallendes wasser, aqua bullans. Steinbach 2, 920;
der einen keʒʒel an die gluot
vollen waʒʒers getuot,
ob erʒ dar an gefrœret,
daʒ ist ungehœret:
wan eʒ diu hitze niht erlât,
diu eʒ von dem keʒʒel an gât,
eʒn walle dar inne.
Hartm. v. Aue 1. büchl. 471;
wer den stain in ain wallendeʒ waʒʒer wirft, sô vergêt der wal und dar nâch wirt daʒ waʒʒer kalt. K. v. Megenberg 446, 14. während dies wallen im allgemeinen wie sieden (jetzt das gewöhnliche wort, schon im voc. inc. teut. E 2ᵃ wallen, vulgariter siden) gebraucht wird, kann es auch einen geringeren grad des siedens bezeichnen: lasz das fewer nicht abgehen, sondern halt es in solcher sterck, das die leuterung im kessel nur wallet, und nicht starck seud. Erker (1574) 137ᵃ. auch von andren flüssigkeiten, sowie von dingen, die erst durch die hitze flüssig werden:
da in Dominicanus stieʒ
in wallende olei ze male,
daʒ tet ime keine widerdrieʒ.
Heinzelin, minnesinger 3, 412ᵃ Hagen;
man vloʒete pech unde harz
und lieʒ wallen die zwei;
man nam ouch sidende olei,
daʒ man uf die juncvrowen goʒ.
passional 30, 11 Köpke;
und dô daʒ blî wiel unde sôt,
dô wart Pantalêôn dar în
durch marterlicher nœte pîn
gesetzet nacket unde bar.
K. v. Würzburg Pantaleon 1304 (zeitschr. f. d. alt. 6, 230);
alsus quam er gestrichen
bi eine vlut harte groʒ,
die alsam wallende isen vloʒ
an stete burnender glut.
passional 239, 14 Köpke;
mit wallundem kalche
marterte man in die lîchnâmen.
kaiserchronik 6398 Schröder.
ferner von dingen, die fest bleiben, mit heiszem wasser aufkochen: den kohl wallen lassen, den kohl brühen oder abbrühen, to wallop, or boil, your cabbage. Ludwig 2374; die speise wallen lassen, faire bouillir la viande. Rondeau; treib es durch ein tuch in ein hafen, losz wallen und see wurcz dorauff. kuchenmeysterey b 1ᵇ. im part. wallend 'siedend' heisz:
inredes man brâhte
dem künege ein wiltprête her,
dâ mit einen pfeffer, der
was alwallende heiʒ,
den nam der tôre, als ich eʒ weiʒ.
H. v. Freiberg Tristan 5291 Bechstein.
mit richtungsbestimmung: ein topf ... war im überkochen begriffen, und drohte, seinen inhalt zu verschütten. schon war ein theil des letzteren in das feuer gewallt. Immermann Münchh.² 3, 13. mit einander wallen 'zusammenkochen':
häiss dir geben lilienbletter,
dar zuo zipern und auch gallen,
mit ein ander häiss gewallen.
Wittenweiler ring 15, 5;
so soltu nemen honig und geismilch und lass die zwei mit einander wallen. versehung eines menschen 87ᵃ; nim rots honig, ein wenig ungebrentes kalchs, gestossen pfeffer, das es alles walle mit einander zu einer salben. Albrecht roszarznei (1542) 11. hierher gehört wol, übertragen:
swer ist sô ganz und sô guot
und sô mit stæte ensamt gewallen,
daʒ du (mein buch) ûʒ im niht maht gevallen,
den soltu beʒʒern mit dîner lêr.
Thomasin v. Zirclaria d. wälsche gast 14743.
ähnlich zusammenwallen, das aber überhaupt auf das zusammenrinnen von flüssigkeiten geht: machen das ein ding zuͦsamen wallet und dick wirt, coagulare. Maaler 483ᶜ; zusammenwallen, coagulare. Frisch 2, 420ᵃ; vgl. auch: die gesichtsfarbe, sie ist nicht die blasse des erschaffenden und alles verzehrenden genius ... aber die weiszröthlichte, violette, so sprechend und so unter einander wallend, so glücklich gemischt, wie die stärke und schwäche des ganzen charakters. Lavater physiogn. fragmente 2, 246.
7)
übertragen auf das behältnis, in dem die flüssigkeit siedet, ein kessel, hafen, topf, tiegel wallt (so schon ahd. Graff 1, 798): die waʒʒerurteile, oder daʒ heiʒe isen ze tragene, oder in einen wallenden keʒʒel zu grifen unz an den ellenbogen. Schwabenspiegel, landrecht 39, 5 Gengler;
(sie) schäumt ab den kessel, wann er wallt,
und nährt die glut darunter.
Voss 6, 157;
si tet dem haven alsô heiʒ,
daʒ er vil krefteclîche wiel.
K. v. Würzburg troj. krieg 10707:
wan aber der hafen redlich wallet und südet, da kumpt kein flieg zu. Keisersberg narrenschiff (1520) 188ᵇ; wan dem herzen ist als dem wallenden havene, der über sich ûʒ wallet, sô sîn dannoch ein guot teil laere ist. mystiker 1, 319, 36 (David v. Augsburg); als wir sehen an dem dunst, der von dem wallenden hafen gêt ob dem feur: wenn der dunst die kalten eisneinne hafendecken rüert, sô entsleuʒt er sich in waʒʒerstropfen. K. v. Megenberg 81, 10; dar nâch lîʒ her si werfen in einen êrînen topf der dar zû gemachit was, der wiel mit harze und mit beche und mit blîe. mystiker 1, 135, 36 (Herm. v. Fritzlar);
er het ein esse dâ bereitet
und einen tegel geeitet:
mit lûterm golde
wiel er als er solde.
Enikel weltchronik 24564 Strauch.
8)
wallen wird dann vom feuer selbst und den flammen gebraucht:
endi duat sie (die engel die guten) an sinscôni,
hôh himiles lioht   endi thea ôdra an hellia grund,
werpad thea farwarhton   an wallandi fiur.
Heliand 2602;
dô in diu hitze tet sô wê
und daʒ fiwer gegen in wiel.
Ottokar reimchron. 83629 Seemüller;
dem lônent si mit der helle,
diu iemer mêr wellet.
kaiserchronik 8569 Schröder.
ebenso in der neueren sprache:
sah' ich feuerflammen wallen,
nächst dem schwarzen schornsteinhut
blinken eine kohlenglut.
v. Birken Pegnesis 1, 50;
es flimmt und flammt rund um ihn her,
mit grüner, blauer, rother gluth;
es wallt um ihn ein feuermeer.
Bürger 71ᵇ (der wilde jäger);
und wann die sturmglock' einst erschallt,
manch feuer auf den bergen wallt.
Uhland ged.² 34;
da wallt vom berg mit ungebrochnem lauf
die rote lohe hell zum himmel auf.
G. Keller 9, 151;
ausgebrannte felsen, ... deren überschwemmung oder entblösung von dem wallenden feuerelemente das abwechselnde erscheinen und verschwinden der sonnenflecken verursacht. Kant 8, 339. übertragen auf innere empfindungen:
daʒ fiur (der liebe) im in dem herzen sîn
tac unde naht wiel unde sôt.
K. v. Würzburg troj. krieg 15535;
das blendwerck schön- und eitler lust
gefällt den jungen jahren;
das feuer wallt uns in der brust
sich mit der welt zu paaren.
Günther ged. 66;
ich säume nicht.   es rührt der brand (dichterischer begeisterung)
witz, hertze, sinnen, mund und hand
und wallet feurig in den busen.
Hagedorn neben-stunden 36 (4, 30) neudr.
dann auch von dingen, die in flammen stehen; daher in älterer sprache auch von menschen, die im höllischen feuer brennen:
Juljânus viel nider tôt ...
sîn lîchnâme ...
wället ze Constenobele
in dem peche unt in dem swebele.
kaiserchronik 11110 Schröder;
daʒ wir darumb niht wallen
in der helle müeʒen.
Ottokar reimchron. 3234 Seemüller;
die lute sach er uf enpor
mit den vunken hervor
uʒ deme vuere wallen
und aber nider vallen
nach der tuvele willekur.
passional 238, 61 Köpke.
9)
mit dem vorgang des kochens ist der des gährens und schäumens des weins verwandt, der früher auch durch wallen bezeichnet wird:
swem er (der heil. geist) des wînes gît,
zehant sô man in gelist
unde die wîle er gist,
der enhât in sîner trunkenheit
deheine bescheidenheit.
wan daʒ lûter und daʒ trüebe
in einer gelîchen üebe
under enander wallet:
dâvon enweiʒ er waʒ er kallet.
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 2846 Weinhold;
ganzer most hât zwair lai hitz: ain von seiner aigen nâtûr, die andern von der stat seiner gepurt, dâ in diu sunn gemacht hât, und die zwivaltig hitz machet den most wallend in dem vaʒ. K. v. Megenberg 351, 26;
vil wol in der (sich mehrende) wîn geviel:
in dem vaʒʒe er ûf wiel
unz er oben ûʒ vaht.
Servatius 3076 (zeitschr. f. d. alt. 5, 168).
10)
die naheliegende übertragung von der bewegung des wassers auf die bewegung der luft ist schon im mhd. vorgenommen worden:
der luft bigunde wallen (vom getöse),
alse die berge wolden vallen.
Ulr. v. Türheim (bei Scherz-Oberlin 1930).
jetzt ist sie gewöhnlich: er sah seinen becher (im fenster) abwechselnd erscheinen und verschwinden! — lag dieses glanzspiel in seinen augen, wallte die luft von der sonne erhitzt? Arnim kronenw. 1, 222; vgl.:
was? was habt ihr euch da auf euer windgeschlecht, winde,
angemaszt, ohne des erderschüttrers gebot solch fürchterlich wallen
zu erregen, und erd und himmel zusammen zu mengen?
Schiller 1, 124.
11)
auch die übertragung des wortes vom wogen des meeres auf eine wimmelnde, in bewegung befindliche menschenmenge kommt im mhd. schon vor, bei vereinzeltem unpersönlichen und reflexiven gebrauch von wallen:
seht wie ûf mêres ünden kiel
walgent, alsô eʒ sich (im kampfe) under einander wiel,
den hin den her, als ie dem man dan vüeget.
der wolde hin, sô wold der her.
Lohengrin 5182 Rückert.
daran schlieszt sich der andere beleg für ein reflexives wallen, ebenfalls mit beziehung auf den kampf:
alleine er (Judas Maccabaeus) tête harte wê
den vîandin ûf den tac,
der dô manchir tôt gelac,
doch sich der strît sô lange wîl,
unz er ouch leidir dâ gevîl
und daʒ israhêlische her
wart dô vluchtic sundir wer.
N. v. Jeroschin 2232 Strehlke.
nhd. wallen 'wimmeln' ist häufiger:
als die frühe morgenwacht
ihre fackel aufgestecket ...
hört' ich ein getümmel wallen,
wo das helle jägerhift
durch die sümpf und thäler trift ...
sah' ich ein gewimmel wallen,
wo der nasse fischer schifft
und auf seine reusen trifft.
v. Birken Pegnesis 1, 48;
unwürdige begier, das schreckliche
zu sehn, bewegt die menge, strömend wallt
sie in sich selbst, neugierig mitleid treibt
in wogen sie um das gefängnisz her.
Göthe 7, 257 (Tancred 3, 3).
übertragung auf den ort des gewimmels:
und in weiszen gezelten wimmelt der wallende marktplatz.
Zachariä tageszeiten (1757) 23.
B.
wallen von bewegungen im körper und innerlichen erregungen.
1)
wallen von den hervorbrechenden thränen geht auf einen vergleich mit der sprudelnden quelle zurück, vgl.: nit anders dann ob ain brunn usz iren ougen wüle, übergos sy do das hertze Gwiscardi mit grossem flusze der trechern. N. v. Wyle translat. 89, 12 (nr. 2) Keller. der schon der altgerm. epik eigene gebrauch hat sich bis in die neuere zeit erhalten:
antat imu wallan quâmun
thurh thea hertcara   hête trabni
blôdage fan is breostun.
Heliand 5004;
daʒ ir die trehene bluotvar
von den ougen vielen
und über diu wangen wielen.
K. v. Heimesfurt Mariae himmelfahrt 176 (zeitschr. f. d. alt. 8, 167);
vil manic heiʒer trahen wiel
ûʒ sînen ougen liuterlich.
K. v. Würzburg Alexius 1026 (ebenda 3, 566);
zähere von ir herzen wielen,
die ze den ougen ûʒ brâchen.
Servatius 2240 (ebenda 5, 143);
vor leide er ab dem pferde viel.
daʒ waʒʒer im ûʒ den ougen wiel.
Mai u. Beaflor 135, 2;
zu der erden sie viel
in unmacht; kein waʒʒer wiel
ûʒ ougen der vil clâren.
H. v. Freiberg Tristan 6526 Bechstein;
ausz iren augen treher wielen.
Wickram 7, 101, 1397 (met. 2, 656) Bolte;
von vil der zeher, so ir wuͤlen
ausz iren augen wie eyn bach.
8, 111, 730 (met. 11, 413).
es kann auch vom auge selbst gebraucht werden:
ieweder ouge im wiel,
dô er an diz mære dâhte.
W. v. Eschenbach Parz. 472, 18;
sîn ougen begunden wallen,
dô er die magt sach vallen
nider an sîne füeʒe.
Willehalm 156, 1;
ir ougen über wielen,
die heiʒen trähene vielen
gedîhteclîche und ange
über ir vil liehtiu wange.
G. v. Straszburg Tristan 1207;
der edel furste hochgeborn
liesz die rathherren darumb fragen;
do dorften sie nit anders sagen,
dann was der gemeine wolgefiel.
manchem sein auge mit zehren wiel
und musten amen sprechen zu.
Liliencron hist. volksl. 3, 282, 211 (1513/14).
auch vom thränen der augen durch eine beiszende flüssigkeit:
huobens an ze werfen dar
und erblenten si sô gar,
daʒ si nihtes gesâhen ...
von dem kalke in diu ougen wielen,
daʒ si der vînde sâhen niht.
Ottokar reimchron. 4492 Seemüller.
2)
vom blut, ebenfalls seit der altgerm. zeit.
a)
vom blut, das aus einer wunde entströmt:
he warđ an that hôƀid wund,
that imu herudrôrag   hlear endi ôre
beniwundun brast;   blôd aftar sprang,
wel fan wundun.
Heliand 4880;
daʒ pluot begunde wallen
sô starke von der wunden.
H. v. d. Türlin crone 6411;
dem daʒ heiʒe bluot von tiefen wunden wiel.
Lohengrin 4259 Rückert;
er sprang in einem sprunge snel
und viel dem morder in sîn kel,
den munt er vaste zuo slôʒ,
mit biʒʒen manigen herten stôʒ,
daʒ im daʒ bluot her nâch wiel.
gesammtabenteuer 1, 180 (v. 399).
dann auch übertragen von der wunde, schon ahd. Graff 1, 798 (die wunde wallt in anderer bedeutung unten 6):
ir œde kragen wurden vast verschrammet,
do sluogens' oberhalben vlarren wit ...
mangen œden gouch vîl sere vreiset,
da er die wunden gein im wallen sach.
minnesinger 3, 288ᵇ Hagen.
b)
vom regelmäszigen kreislauf des blutes in den adern:
ob zwar mein blut noch wallt,
starrt doch der schwache leib.
A. Gryphius (1698) 2, 419 (sonette 4, 53);
von Joachims geblüte,
das noch bis diesen tag in Anspachs herrschern wallt.
Uz werke 405 (112, 63) neudr.;
ich schwöre dir, bei meinem einzigen sohne, bey meinem blute, das in seinen adern wallet. Lessing 2, 105 (Philotas 5);
du warst mein einz'ger wunsch, du warst mein höchstes gut;
für dich schlug dieses herz, dir wallte dieses blut.
Göthe 7, 54 (mitsch. 1, 4);
so müssen sie (die eindrücke) um so matter sein, je schneller die säfte wallen. Schiller 1, 86. übertragen auf die adern selbst: der erste hieb gerieth mir dermassen glücklich, dasz ich meinem feinde sogleich die wallenden adern am vorder-haupt eröffnete. Felsenburg 1, 395 neudr. die adern wallen, dichterisch mit dem acc. verbunden:
selig, selig, der ich bin
in der welt voll leben gottes.
meine adern wallen
seinen strom;
meine seele trinket
gottes licht.
Herder 29, 115 (die natur) Suphan.
c)
häufiger bezeichnet aber wallen ein besonders lebhaftes ab- und zuströmen des blutes im körper. so als krankheitserscheinung: wallendes geblüthe, sanguis ebulliens. Steinbach 2, 920; da hingegen ein geschwinder puls ... hitziges, scharfes und wallendes geblüte, entzündung, fieber und andere gefährliche zufälle besorgen läszt. Grossinger pulslehre (1779) 16;
diesz, sonderlich die brust, die nimmer ruht,
bezeugt ein wallendes, ein angestecktes blut,
das einen schnellen tod hervorzubringen pflegt.
Hagedorn 2, 106.
vgl. auch E, 3 den beleg aus Gellert. namentlich in folge von erregtheit, leidenschaften, zorn, mitleid, sehnsucht, freude, schmerz (die ursache kann mit von, vor angeschlossen sein): das blut wallet ihm im leibe, sanguis fervet. Stieler 2422; das blut wallete mir schon im leibe, oder in den adern, my bloud was up. Ludwig 2375; das blut wallet in den adern. Rondeau. noch als vergleich empfunden (vgl. den entsprechenden gebrauch von kochen):
sein gebluͤt inn im fast sod und wuͤl.
Wickram 8, 11, 357 (met. 9, 171) Bolte;
wie siedend öl bey starcker gluth,
so wallt das väterliche blut
aus sehnsucht nach dem liebsten kinde.
Günther ged. 146.
ferner:
Alexander sîn blût wiel,
sîn zorn in der zû trûch,
daʒ er mit tem swerte umbe slûch.
Lamprecht Alexander (Vorauer handschr.) 430 Kinzel;
dô man mir seite er wære tôt,
zehant wiel mir daʒ bluot
von herzen ûf die sêle mîn.
Reinmar, minnesangs frühling 168, 16;
o schelmen zunfft, wem schadstu nit!
das dich der hertzjorritten schitt!
wen ich von dissen schelmen schreib,
so waldt meyn bluͦt in meynem leib.
Murner schelmenzunft voredt 89;
mit seinen zenen es griszgrammet,
zerbisz sein lefftzen allesammet.
sein blut sach ich in adren wallen.
auch loff im über sehr die gallen.
H. Sachs 3, 142, 15 Keller;
von dieser red' entbrant sein väterlich gemüthe,
und von barmhertzigkeit ihm walte das geblüthe.
Opitz poeterey 251;
all mein gemüth
all mein geblüt
mir thut für frewden wallen.
Spee trutznacht. 33;
gott und aller unschuld güte
sind ihm leben, seel und muth,
hievon wallt ihm das geblüte.
S. Dach 654;
wenn sich die kleppel der paucken bewegen,
wall't mein geblüte, die augen entbrennen.
A. Gryphius 1, 617 (Majuma);
mein blut erinnert sich der damahls reinen treu,
es wallt und jauchtzt vor lust und wehlt die alte liebe.
Günther ged. 300;
wallt dein blut von jugendtrieben.
Lessing 1, 43;
vom heftigen verlangen,
der wesen triebwerk zu umfangen
und jedes rad zu sehn, hat nie sein blut gewallt.
Gotter 1, 405;
Egle. leb wohl! du bist erhitzt!
Eridon. es schlägt mein wallend blut.
Göthe 7, 33 (laune d. verl. 8);
wie klopft mir das herze!
wie wallt mir das blut!
8, 189 (Egmont 1);
sage mir alles daher, warum du so heftig bewegt bist,
wie ich dich niemals gesehn, und das blut dir wallt in den adern.
40, 271 (Herm. u. Dor. 4, 153);
da wallt dem Deutschen auch sein blut.
Uhland schwäb. kunde;
hätten i. f. g. auch noch polnisch geblüte in ihr, welches wallet und eine zuneigung zu den Polen hätte. Schweinichen 2, 108; als ob er auf dem sterbebette läge, ohne leidenschaften, ohne wallendes geblüt. Abbt verm. werke 6 (1787), 121. auch von den adern: das hertz klopffet vor frewden, alle adern wallen auff vor frewde. Meyfart von dem himl. Jerusalem (1627) 2, 133. von den pulsen:
o fühl wie meine pulse wallen
und wie dein mund mich an sich zieht! —
Arnim 19, 43.
wallender puls heiszt ein krankhaft schlagender puls, vgl. unter wallicht 1 die stelle aus Thurneysser. dichterisch wallend rot für das in die wangen steigende blut:
stieg ihr kein wallend roth auf die beschämten wangen?
J. E. Schlegel 1, 232.
3)
wallen vom herzen schlieszt sich aufs engste an wallen vom blut an.
a)
es kann auch vom regelmäszigen kreislauf des blutes als der lebensfunction des herzens gebraucht werden:
lieb liebchen, was küssest, was liebst du an mir?
sprich, ist es nur leibes- und liebesgestalt?
sprich! oder das herz, das im busen mir wallt?
Bürger 59ᵃ;
erobrungssucht und nebenbuhlerei
liesz ihre seelen noch von neid und argwohn frei;
in zweien busen schien ein einzig herz zu wallen.
Wieland 21, 203 (Klelia 2, 72);
es wallt ein männer-hertz nunmehr in einem weibe.
Lohenstein rosen 49.
b)
gewöhnlich von der erregung durch leidenschaften (die ursache wird mhd. mit in, später auch von, vor angeschlossen): das herz wallet mir, j'ai le coeur gros. Rondeau;
sîn herze in houbetsorgen tief
und in jâmer vaste wiel.
ûf den tôten lîp er viel.
K. v. Würzburg Alexius 1039 (zeitschr. f. d. alt. 3, 566);
zehant wart er ân sin,
wan er en unmehten viel.
sîn herz in trûren wiel
und lac gar unversunnen.
Enikel weltchronik 11684 Strauch;
do schuf sin ungemaches brunst,
daʒ im sin herze in leide wiel.
passional 153, 41 Köpke;
und wan du selber soltest sehn,
wie grosser schaden sey geschehn,
dein hertz wird ohne zweiffel wallen
und dir solch unrecht nicht gefallen.
Wolkan lieder auf den winterkönig 6, 21;
noch liesz der grosse gott sein vatterhertze wallen
voll von barmhertzigkeit.
Opitz poem. (1629) 1, 55;
o selig, dem sein hertz von wehmuth leicht musz wallen,
der gerne leiht, und nichts so wol sich lesst gefallen,
als dasz kein armer mensch aus noth musz vor ihm stehn,
der von ihm unbegabt und trostlosz solte gehn.
S. Dach 116 Österley;
mein blutt und hertze wallt für schmertz-vermählter lust!
Lohenstein Sophonisbe 14;
kommt hertz und sehnsucht ins gedränge,
da wallt, da springt es in der brust.
Günther ged. 291;
wie dankbar
wallt mein freudiges herz in mir!
Klopstock 1, 184 (der verwandelte);
beym scheiden wallt sein herz,
und, um dem guten volk das freundliche mahl zu lohnen,
wirft Hüon eine hand voll gold
der wirthin in den schoosz.
Wieland 22, 60 (Oberon 2, 9, 3);
Kirke, jetzt vollende das wort mir, das du gelobtest,
heimwärts mich zu entsenden.   mein herz schon wallet vor sehnsucht.
Voss Odyssee⁵ 10, 484;
und sie stund auff und schmücket sich, und gieng hin ein für in, und stund für im. da wallet dem Holofernes sein hertz, denn er war entzündet mit brunst gegen ir. Judith 12, 17; ach herr, siehe doch, wie bange ist mir, das mirs im leibe davon weh thut, mein hertz wallet mir in meinem leibe, denn ich bin hoch betrübt, draussen hat mich das schwert, und im hause hat mich der tod zur widwe gemacht. klagel. Jerem. 1, 20; wenn dein kind, du christlicher vater, krank und elend ist, wenn es in einiger not stecket — wie bezeiget sich dein herz? ach, sprichst du, es wallet und blutet und sehnet sich ihm zu helfen. Scriver seelenschatz (1684) 633; welche seligkeit! hub er izt an, welche ströme von wollust; ach! kaum faszt sie mein wallendes herz! Geszner schriften 2, 76; sein herz wallete zerschmolzen im leibe, und je mehr er sagte, je mehr wollte er zu sagen haben. J. Paul Hesp. 1, 267. auch mit dem comparativ eines adj. verbunden: in dieser sturmglocke spricht mein Fiesko mit Genua. ... nie klangen mir flöten so süsz ... wie mein herz höher wallt! Schiller 3, 142 (Fiesko 5, 5);
ich sag' ihr: er ist gut, und sie beruhigt sich,
ihr herz wallt zärtlicher, und heiszer liebt sie dich.
Göthe 7, 33 (laune d. verl. 8).
das ziel der leidenschaft wird früher mit auf, nach, später mit für, gegen bezeichnet.
ir herze wiel
ûf dises ritters minne.
H. v. d. Türlin crone 23269;
alsô daʒ ir dar under
der ander misseviele
und daʒ ir herze wiele
von grunde nâch dem einen.
K. v. Würzburg Engelhard 1144;
mein hertz thut wüttn und wallen
allein nach deiner gunst.
Ayrer 2684 Keller;
nein, sondern lasz dein herz für einen sünder wallen.
Canitz 48;
mit was für feuriger liebe das churfürstl. hertz des groszmächtigsten landes-vaters gegen die Friedrichs-universität walle. Ch. Thomasius kl. teutsche schriften (1707) 665; was für aussichten für eine seele wie die seinige! sein ganzes herz wallte ihnen entgegen. Wieland 2, 213 (Agathon 6); ein offnes, heiteres, und gleichsam entgegenkommendes auge, und ein offnes, heiteres, uns entgegenwallendes herz sollen sich bey tausend menschen zufälliger weise beysammenfinden? Lavater physiogn. fragmente 1, 46. frei aus der brust wallen, wo vermischung mit wallen II eingetreten ist:
mein herz wallt aus der brust, wann ich sie innen werde,
ein klopfend ängstig weh erhebt mich von der erde.
Haller ged. 208.
4)
durch übertragung wird wallen dann auch vom gemüt, der seele, der brust, dem busen gebraucht (in ahd. glossen cogitationes, interiora, exta. Graff 1, 798); der grund der erregung kann mit von, vor angeschlossen werden:
thô warđ Erodesa   innan briostun
harm wiđ herta,   bigan im is hugi wallan,
seƀo mid sorgun.
Heliand 607;
das gemüt wallet ihm von vielen gedanken, vagis cogitationibus mens ejus agitatur. Stieler 2422;
si zi fuaʒe Kriste fial   unz thaʒ muat iru sô wial,
mit zaharin si thie bigôʒ,   thar si then bruader liobon rôʒ.
Otfrid 3, 24, 47;
diz mære in allen drîn geviel
sô wol, daʒ ir gemüete wiel
nâch dem hirten alzehant.
sus wart Pârîs von in besant.
K. v. Würzburg troj. krieg 10640;
der höchste lebet ja, es wallet sein gemüthe
noch für barmhertzigkeit und väterlicher güte.
Opitz 1, 1;
dein (gottes) wesen selbst ist güte,
von gnad und langmuth wallt dein liebendes gemüthe.
Haller ged. 142;
wie wird mir so herzlich bange,
wie so heisz und wieder kalt,
wann in diesem sturm und drange
keuchend meine seele wallt!
Bürger 44ᵃ (elegie);
ihre seele wallte, fluthete, es war ihr zu muthe, als stehe sie auf einem hohen berge, rothe wolken zu ihren füszen ... nun wuszte sie, was glück ist. Immermann Münchh.² 3, 69;
(Cleopatra schreibt an Cäsar:)
es weiht sich dir mein arm zur sanfften lager-statt.
für dich wallt noch die brust: für dich glühn noch die blicke.
Hagedorn neben-stunden 74 (11, 76) neudr.;
es wallet vor lust
auch weiblein die brust
im grünen!
Voss 4, 117;
ich stand und sah das junge stolze blut
in seine wangen steigen, seinen busen
von fürstlichen entschlüssen wallen.
Schiller 5, 2, 144 (don Karlos 1, 1);
dulde nun aus, mein herz! noch härteres hast du geduldet ...
also sprach er, das herz im wallenden busen bestrafend.
Voss Odyssee 20, 22.
5)
im mhd. wird wallen auch mit bezug auf personen gesetzt 'bewegt sein', woran sich wie unter 3. 4 bestimmungen anschlieszen können; der gebrauch erfolgte von das herz, gemüt u. s. w. wallt aus, doch wird auch die vorstellung des innerlichen kochens (s. den beleg aus Partonopier) und des wogens eingewirkt haben:
herre, schout iwer muoter,
wie ir Gansguoter
an sînem videlen geviel,
dô sie nâch sîner minne wiel!
H. v. d. Türlin crone 23709;
die vier gesellen under in
von gotes geiste wielen.
an ir gebete si vielen
des si mit flîʒe pflâgen.
K. v. Würzburg Pantaleon 1801 (zeitschr. f. d. alt. 6, 244);
sîn keiserlîchiu süeʒe jugent
was aller missewende frî.
si wiel ûf milte alsam daʒ blî,
daʒ ûf der glüete siudet.
Partonopier 264 Bartsch;
in zorne vaste wielen
die Kriechen ûf Troiære schaden,
dâ von sô brâhten si geladen
mit liuten manic schif alsus.
troj. krieg 23902;
etslich liute sint sô swache,
ob si in der minne niht enwielen,
daʒ si villîhte in sünde vielen.
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 3016 Weinhold.
im nhd. ist dieser gebrauch nicht ausgeschlossen: vor zorn wallen, fervere ab ira. Nieremberger. doch wird eher unpersönliche construction gewählt, es wallt ihm, in ihm:
eben so wallete mir's von ahndungen, als nach der hochzeit
ich mein jugendlich weib heimführete.
Voss Luise 3, 276;
es wallte und wogte in ihr von niedergekämpften thränen der aufregung, des zorns, der leidenschaft und beschämung zugleich. Heyse nov. 1, 33 (anf. u. ende).
6)
wie vom blut, so wird auch von andren organen des menschlichen körpers gesagt, dasz sie wallen, d. h. in innerer bewegung sind:
er wart sô sêre überladen
mit übel und mit tobesuht
und mit zornes ungenuht,
daʒ er dâvon wart kranc ...
in ein siechtuom er geviel,
daʒ im daʒ hirne stæte wiel
unde selten stille lac.
Ottokar reimchron. 46658 Seemüller;
wie dasz dann die drachengalle
unter nahgesipten walle?
wie hat doch der hasz so hin
ganz durchbittert ihren sinn?
v. Birken Pegnesis 1, 16;
so der magen von hitz wallet, oder über sich gesztet, soll man auszwendig, an der statt, do der magen ligt, den bauch mit essich und rosenoͤle oder safft vilmals bestreichen. Celsus von Khüffer (1531) 49ᵃ. vom verwesenden körper: inge diu fiule in gebeinen minen unde unter mir walle (vulg.: ingrediatur putredo in ossibus meis et subter me scateat). zeitschr. f. d. alt. 8, 129 (canticum Abacuc 4, 16). hierher gehört wol auch, wenn nicht an wallen 'wimmeln', oben A 11, zu denken ist, von den aus faulem fleisch kommenden würmern: do scluͦge in got, daʒ er ab dem wagen viel und daʒ die würme ûʒ im wielen, und daʒ vor boͤsem smache nieman bi im mohte belîben. Grieshaber pred. 1, 18. wallen ist überhaupt ein kunstausdruck der älteren medicin, vgl.: effervescentia, ebullitio, das aufbrausen, wallen; wird hauptsächlich von einer starken innern bewegung zweyer mit einander vermischter säfte und materien gebraucht. onomat. medica (arzneywiss. 1772) 581. daran schlieszt sich auch die wunde wallt 'wächst zu, wird heil': vergebens wirst du so vil artzney brauchen, dann die wund wirdt nit wallen. Züricher bibel (1530), Jerem. 46, 11 (in der ausg. von 1551: heil werden im anschlusz an Luther). noch jetzt schweiz. überwallen, verwallen, überwachsen, zunächst von bäumen oder körpern, in die ein einschnitt gemacht war, das fleisch ist überwallt. Stalder 2, 432 (im elsäss. wird überwallen nur noch von der baumrinde gebraucht Martin-Lienhart 2, 811). auf dies wallen 'heil werden' weisen auch wallstein, wallwurz (s. d.). von einflusz auf die entwicklung des medicinischen ausdrucks war jedenfalls auch zusammenwallen 'coagulare' (oben sp. 1273). Maaler 483ᵃ gebraucht es auch von festen körpern: gebrochene ding wallend wider zuͦsamen, solidantur fracta; vgl. noch den unter wallung I, 2, d aus Braunschweig beigebrachten beleg.
7)
wallen von den leidenschaften und empfindungen selbst zu gebrauchen, ist schon in der altgerm. poesie üblich gewesen, ebenso im mhd., und auch die neuere dichtung und höhere schreibart hat es seit dem 18. jahrh. häufig. bildliche wendungen (vgl. oben A, 1. 5) zeigen, dasz sowol die anschauung eines innerlichen wogens wie die eines innerlichen kochens von einflusz gewesen ist, besonders wird aber die entwicklung vom wallen des herzens, des gemüts u. s. w. ausgegangen sein: dieser groll wallte mir im gemüt, questi rancori mi bollivano nell' animo. Krämer 1207ᵃ;
swaʒ ir gesehet daʒ iu gevalle,
daʒ iwer liebe walle,
lobt got sîner krefte
unt aller sîner geschefte,
daʒ erʒ sô wert gemachet hât,
dar umbe eʒ iu ze herzen gât.
warnung 2060 (zeitschr. f. d. alt. 1, 495);
der zorn inn irem hertzen wiel,
inn seine augen sie im fiel
mit iren fingern, neglen scharff.
Wickram 8, 181, 791 (met. 13, 562) Bolte;
die liebe gegen dich wallt noch in meinen brüsten.
Lohenstein Sophonisbe 50;
tief in mein herz hin
drang ein schauer wallender freuden.
Klopstock 1, 33 (Salem);
gieb sie dem bebenden bangen herzen!
dem süszen schauer, der ihr entgegen wallt.
1, 60 (an gott);
und wie bebt mir mein herz von süszen, wallenden freuden.
Messias 1, 108;
es quillet heller
nicht vom parnasz die ew'ge quelle sprudelnd
von fels zu fels ins goldne thal hinab,
wie freude mir vom herzen wallend flieszt,
und wie ein selig meer mich rings umfängt.
Göthe 9, 54 (Iphigenie 3, 1);
Hassans herz überflosz vom preise gottes. ich hoffe ihn bald zu sehen, sagte er: schon itzt hebt mich dieser wallende gedanke von der erde, sie sinkt unter mir. Haller Usong (1783) 54; wie wenig gefallen würden sie an den kriegsübungen finden, die heute jenseits der stadt vorgenommen werden, und um deren willen sie mich der einsamkeit überlassen. doch ich danke es ihrer wallenden neigung zum kriegswesen, dasz ich diesen tag ... mir selbst schenken kann. Mendelssohn philos. schriften (1777) 1, 56; ich beschwöre dich bei dieser liebe zum vergnügen, die in deiner brust wallet, bei den unsterblichen begierden deiner seele nach glückseligkeit. Wieland suppl. 3, 158 (sympathien 6); da sagte sie weiter nichts als: ah! — aber in diesem laute war alle wonne, die seit dem anfang der zeiten in menschlichen herzen gewallt hatte. Immermann Münchh.² 4, 93. mit richtungsbestimmungen: sonntags früh hörte man mit gleicher andacht und seelenlust die heiligen chöre des Palestrina ... alle gefühle der religion wallten nach und nach mit hohem leben in die herzen der zuhörer. Heinse 3, 95 (Hildegard 1);
der ahndung schauer wallen
durch mein beklommnes herz.
Gotter 2, 60.
C.
übertragung von wallen auf andre bewegungen, die in der natur wahrzunehmen sind.
1)
wallen von der bewegung des weiblichen busens in folge des atmungsprocesses (vgl.B, 4 der busen wallt als zeichen der erregung, was sich einmischen kann):
wie glücklich mag sich der nicht schätzen, ...
welchem einmahl zu gefallen
die feuer-reichen brüste wallen.
Günther ged. 178;
bebt der strausz dir
schon an der wallenden schönen brust auf?
Hölty 72 Halm;
Lucia, so webtest du 'nmal
in des frühlings wollüsten;
und kirschenblühte tanzt'
auf deinen wallenden brüsten.
Schubart 2, 280;
(die dame) spielt mit rosenfarbenen schleifen,
die den wallenden busen verschönern.
Zachariä tageszeiten (1757) 53;
wallt der busen dir? das gewand bebt.
Platen 74 (gas. 37);
ihr busen bezaubert, weniger weil milch und helfenbein und äpfel uns seine weisze und niedliche figur vorbilden, als vielmehr weil wir ihn sanft auf und nieder wallen sehen, wie die wellen am äuszersten rande des ufers, wenn ein spielender zephyr die see bestreitet. Lessing 6, 500 (Laokoon 21).
2)
wallen von dem vom wind bewegten getreide (der vergleich mit dem wogenden meere bildet hier den ausgangspunkt): das getreid wallet anmutig auf den feldern, le biade ondeggiano lietamente per i campi. Krämer 1207ᵃ;
diese von wallendem korn weit überflieszenden auen.
Klopstock Messias 3, 604;
wenn hier ein schattigt wäldchen rauschet ...
und hier der west mit sanftem sausen
auf wallendem getraide liegt.
Uz werke 334, 29 (99) neudr.;
getreide, manns hoch, allerwegen ...
die ähren so dicht, so reich und schwer,
es wallt und wogt wie ein halmenmeer.
Göthe 45, 86 (nachsp. zu den hagestolzen 2);
gleich einem guten acker giebt er nie
zurück wie man ihm gab, es sprosset gleich
aus jedem kern ein königlicher baum,
von jeder aussaat wallet, körnerschwer,
dem überraschten eine goldne ärnte.
Schiller 12, 103 (Piccol. 2, 4 im ms., später getilgt).
übertragen auf die felder:
seh' ich der felder gelbes meer
mit schwer- und schwancken ären wallen.
Brockes 1, 55;
da hinab langstreifige, dunkel und hellgrün
wallende korngefilde, mit farbigen blumen gesprenkelt!
o wie es wühlt, weitschauernd mit grünlichem dampf durch den rocken!
Voss Luise 1, 177;
vor meinem fenster rauschen eichenwipfel, und neben denen hin sehe ich auf lange, lange wiesen und wallende kornfelder. Immermann Münchh.² 1, 182. vom schwankenden gras:
vor freuden lacht das feld, es wallt das gras vor wonne.
Brockes 1, 87;
in dem kühlesten dickigt liegen die rudel im grase,
welches hoch über sie wallet, und sie verstecket, und ätzet.
Zachariä tageszeiten (1757) 39.
von den sich schaukelnden ästen und dem laub der bäume:
sie (die früchte) hängen längst geballet,
still, unbekannt mit sich,
ein ast, der schaukelnd wallet,
wiegt sie geduldiglich.
Göthe 5, 147 (Divan);
der schäferknabe horcht des baches rauschen,
der bach dem baume, dem die zweige wallen.
Platen 7 (lied. u. rom.);
die gipfel der eichen und kastanien liefen nur wie fruchthecken und geländerbäume wallend um den hohen tempel. J. Paul Hesp. 4, 174;
die ihr die wallenden blätter mit duft durchathmet und kühlung,
weht mir den rosenzweig, freundliche weste, zurück.
Voss 3, 30.
auf das bewaldete land übertragen:
der Meder gehölzreich wallendes fruchtland (silvae ditissima terra).
Voss Virgil 1, 178 (Georg. 2, 36).
gern mit richtungsbestimmungen verbunden:
es webet, wallt und spielet
das laub um jeden strauch.
Hagedorn 3, 69;
er (der teich) schläft auf seinem wolkenflaum
und über ihn läszt säuselnd wallen
das laubgewölb der alte baum.
A. v. Droste-Hülshoff 3, 59;
wo .., ein spiel den abendwinden,
welkes laub auf gräber wallt.
Matthisson ged. 27;
flieder wallen in die lüfte,
rosen blühn um euer grab.
Uhland ged.² 16;
die schlanke pappel spricht und hält
zum himmel die arm' erhoben:
'dort strömt ein lichter siegesquell,
der rauscht so süsz und glänzt so hell,
drum wall' ich sehnend nach oben'.
A. Grün 1, 103;
und der baum im abendwind
läszt sein laub zu boden wallen.
Lenau ged. 1, 111 (1857).
wallen nimmt so auch die bedeutung 'sprossen, wachsen' an:
dasz die frischen triebe wallen,
wird der todte stamm verbrannt.
Arnim 19, 133;
wie seine blätter fallen,
erbebt des lebens strauch,
und wie die neuen wallen,
erbebt er eben auch.
Rückert ges. ged. 5, 35.
3)
segel, fahnen, banner wallen, vom winde bewegt:
so lang' in dieses hafens arme segel wallen,
vom ostwind aufgeschwellt.
Ramler 1, 44;
das schiff fliegt im sturme, und die wallenden segel bedürfen des ruderers hülfe nicht mehr. Schiller 7, 12 (abfall der Niederl. 1);
wie lieblich klang das heergebot,
die hohen fahnen wallen!
Schenkendorf 22;
trommeln und trommeten schallen,
rothe fahnen festlich wallen.
Uhland ged.² 229;
wie in dem winde die fahne wallt.
Arndt ged. (1860) 277;
im kampfe, wo solch heilig banner wallet.
Uhland ged.² 162;
und ein voller siegeswind
lass' eur panner wallen!
Rückert ges. ged. 6, 170.
bei den fahnen wird oft auch nur an das wellige herabfallen von der stange gedacht:
hoch von langen stangen wallten
fetzen tuchs.
A. Grün 1, 117.
4)
beim helmbusch, bei federn und anderm kopfschmuck, gewändern, dem haar, kann, wenn sie wallen, zwar auch der wind die ursache sein, häufig aber auch die bewegung des menschlichen körpers; daneben gründet sich die bezeichnung auf die blosze form der den menschlichen körper umgebenden dinge, so dasz man von faltigen oder wellig herabfallenden gewändern, besonders auch von schwellenden, lockigen haaren sagt, dasz sie wallen. die neuere dichtersprache hat diesen gebrauch sehr entwickelt.
a)
im ... helm, dessen busch ein wallender roszschweif war. Beckers weltgesch. 1, 270;
und vier eherne helme, geschmükt mit wallendem roszschweif.
Voss Odyssee 22, 111;
der helmbusch wallt ihr von der scheitel.
H. v. Kleist 1, 169 (Penthes. 1);
hastig schritt er aus dem dome,
jagte fort auf wildem rappen,
dasz im wind die feuchten locken
und des hutes federn wallen.
Heine 1, 144 Elster;
auf den eisenhut aber steckte er der wallendsten federn drei. Scheffel Ekkeh. 288.
b)
wer scherzt an ihrer (Thaliens) hand?
ists Clio, deren leicht gewand
nachlässig flatternd wallt und nicht mit golde prahlet?
Uz werke 85 (34, 33) neudr.;
ein schimmerndes gewand flosz, gleich der morgenröthe,
weit wallend um sie her.
Dusch bei Adelung;
warfen ein scharlachroth gewand
ihm an, das bis zum boden nieder
wallte.
Wieland 21, 121 (Gandalin 5, 151);
glücklich, wer sich am nächsten zu ihm hinandrängen und den saum seines wallenden purpurs berühren konnte! suppl. 6, 31 (Athenion). kühn von jemand wallen 'herabfallen':
und siehe! mantel und schleier wallen
von ihren schultern — und — Sonnemon
... Sonnemon
läszt sich in seine arme fallen!
Wieland 21, 160 (Gandalin 8, 562).
c)
bald rührt den gott ein wallend, lockicht haar,
ein runder arm, ein hals der fleischicht steiget ...
Hagedorn 2, 113;
weil kraus wie rebenringel
dein haupthaar wallt.
Voss 4, 91;
rasch war ihm der Abanter geleit, nachwallendes haupthaars,
schwinger des speers.
Ilias 2, 542;
und der epheu mischt sein ewiges blatt in die wallenden locken der dichter.
Platen 259 (verh. gabel 2);
die freiheit wandelt durch die nacht
mit wallend aufgelöstem haar!
Keller 9, 60;
und laszt die locken golden wallen.
Bierbaum irrgarten der liebe 431;
dieser ... in das poetische anschaun der sagenhaften wallend gelockten, zepter und krone tragenden könige des mittelalters versenkte mann. Wienbarg quadriga (1840) 254. häufig mit richtungsbestimmungen, in, um, über, zu etwas wallen:
auch wallte die bräunliche locke
dem jüngling ins schöne gesicht.
Schubart 2, 288;
der hohe stern des abends stralet
aus wolken, welche um ihn glühn,
wie der rubin am falben haar, das wallet
um's angesicht der königin.
Schiller 1, 28 (der abend);
vieles erlebt' ich, obgleich die locke
jugendlich wallet mir um die schläfe!
Göthe 41, 187 (Faust II, 2, v. 8698);
da wallen reiche locken
um ein zartes angesicht.
Uhland ged.² 285;
ich seh' es mit lust, wie mein grauer bart schneeweisz über meine brust herunter wallet. S. Geszner schrift. 3, 68;
die goldnen locken wallen
über das süsze gesicht.
Heine 1, 110 Elster;
von diesem haupthaar .., das von der Juno scheiteln
in üppigeren wogen nicht zur ferse wallt!
H. v. Kleist 2, 409 (Hermannsschl. 2, 5);
man sieht
von ihm fast nichts, als seinen langen bart,
der halb das antlitz deckt, von da hernieder
zum gürtel kräuselnd wallt.
Immermann 1, 1, 248 Koch (trauerspiel in Tyrol 4, 1);
vom heft'gen schwung
der leiber löst sich das geschlinge
des netzes, und der fesselung,
der purpurseidenen, entfallen,
bis zu den knien die haare wallen.
Tristan 243.
übertragen auf den schweif eines kometen:
wie ein verirrter wandelstern
mit seinen wallenden haaren.
Rückert ges. ged. 4, 245.
d)
wallender vorhang:
gleich eines vorhangs wallend langen falten.
Schücking in den briefen von A. v. Droste-Hülshoff und L. Schücking 29.
e)
wallende zügel:
dann gab er die wallenden zügel
der jungfrau in die hand und hob sie in den bügel.
Scheffel Ekkeh. 399.
f)
hier schlieszt sich an der der kunstlehre angehörende ausdruck wallender, d. i. wellenförmig verlaufender umrisz: auch in ihren sprüngen erhält sie eine unbeschreibliche grazie bei, und im mehr sanften tanz weisz das auge kaum, was es hauptsächlich fassen soll, die arme oder die füsze oder irgend einen andern zug des wallenden umrisses. Lichtenberg 3, 265; gemeine augen können eine bunte fläche mit einem wallenden umrisse schön finden. geübtere sinne hingegen fordern eine der wahrheit gemäsze vermischung von schatten und licht, und einen umrisz, der sich zu verlieren scheint. M. Mendelssohn in Nicolai's leben von Göckingk 192; nichts scharfes, nichts eckigtes an dem ganzen umrisse, alles wallt, alles schwebt, ohne zu schwanken, ohne unbestimmt zu sein. Lavater physiogn. fragmente 1, 266.
5)
wolken wallen, nebel, rauch, staub wallt 'bewegt sich wellenförmig':
wallend verschlangen
wachsende wolken, im zug, beide gestalten vor mir.
Göthe 1, 320 (elegien 2);
flügel, gleich den nachtigallen,
wann die rosen fliehn,
aus dem land, wo nebel wallen,
ihnen nachzuziehn.
Rückert ges. ged. 1, 324;
vor dem wanderer breitet sich's wie eine wogende wasserfläche, und es wallt, brodelt und ballt sich um die füsze, in endlosen nebelmassen, soweit das auge reicht. Freytag verl. handschr. 1, 5; eine nebelflocke, die sich von den bergen losgerissen und nun einsam über den see wallte. Heyse nov. 5, 249 (am todten see); dort wo der rauch aus den bäumen in die luft empor wallt. S. Geszner schriften 3, 26; es war um die zeit der roggenblüthe; der rauch ging von den ähren und wallte in den warmen sommerlüften, ein opfer der scholle. Immermann Münchhausen² 1, 157;
wirke! das ist das grosze gesetz ... von golde
in den parischen stein gesenket,
wie auf die lilie wallt
goldener staub.
Klopstock 2, 79 (der gränzstein);
ich sehe vielen staub
vom tempel niederwallen.
9, 140 (Salomo 5, 4);
es wallte der staub hoch
aus dem gefild', erregt von dem donnernden huf der gespanne.
Voss Ilias 11, 151.
6)
wenn von gerüchen und klängen gesagt wird, dasz sie wallen, so ist hier die angenommene wellenförmige bewegung keine sichtbare und wallen ist nur 'sich dem menschen wahrnehmbar verbreiten':
lodernd brannt' auf dem heerde die flamm' und fern in das eiland
wallte der ceder gedüft, der gespaltenen.
Voss Od. 5, 60;
blühten die riesenblumen, die dome, auf, in welchen andacht, askese, pracht des kultus und die magie der künste wie ein berauschender duft wallte und wehte. Immermann Münchh.² 3, 212;
dasz der posaunen ruf mir durch die lüfte wallet,
und ohne schwertesstreich obsieget manchem ort.
Harsdörffer frauenzimmer gesprechspiele 4, 42;
durch sanftes steigen, flücht'gen fall,
rollt, wallt, und wechselt klang und schall.
Hagedorn neben-stunden 19 (2, 6) neudr.;
jetzt trägt der müde wieder-hall
der thöne lauten ruf zum himmel.
es wallt und rollt der scharffe schall
in dem betäubenden getümmel.
25 (3, 73);
welche stimme schallet
vom gebirg und wallet
um mein lauschend ohr.
Schubart 1, 189;
und jammer, klagen, seufzer wallen,
wie wolken, um die bahre her.
1, 247;
laute seufzer wallen
durch die öde luft.
Gotter 3, 529;
in der waldung heiligthumen
wallet, klingt der liebe ton.
Tieck ged. 2, 27;
wie berauschend wallte mir schon der stolze zuruf zu ohren! Schiller 3, 153 (Fiesko 5, 13). der vergleich mit dem wogen des meeres wird auch hier gern gewählt:
wir glücklichen! es hallet
schon um die insel her!
bald fern, bald näher wallet
der zwillingstöne meer!
Voss 5, 152;
ein glockentonmeer wallet
zu füszen uns und hallet
weit über stadt und land.
Mörike 1, 288.
bei lichteindrücken ist wallen das vibriren der lichtstrahlen:
auf den glatten wellen wallen,
wie auf gläntzenden crystallen,
im beständig regen licht,
tausend strahlen, tausend blitze.
Brockes 4, 9;
lodernde flammen mit wallenden blitzen ...
circkeln sich, wirbeln sich, schiessen zusammen
4, 403 (das norder-licht);
in unermeszlichen ätherischen gefildern
(so träumt er) wallt ein licht, das, rein und unbegrenzt
von allem dunkel frey die ewigkeit durchglänzt.
Wieland suppl. 1, 69 (natur der dinge 2, 31);
der sonne wallend gold wirft dort ein zitternd licht,
auf grüne wipfel hin, und blendet dein gesicht.
125 (3, 343);
wie wallt, wie zittert dort der sonne licht!
Herder 29, 172 Suphan;
der aus wallendem licht und schatten zusammenschmelzende zug der augen oder der lippen. Lavater physiogn. fragmente 1, 234. so kann auch von sonne, mond, den gestirnen gesagt werden, dasz sie wallen 'strahlen aussenden' (in den belegen kann z. th. auch an wallen II gedacht werden):
der zitternd-funckelnde veränderliche schein
der sonnen, die, (schaut man sie in der Saal allein)
so wie man glauben musz, mit deren wellen wallt.
Hagedorn neben-stunden 79 (12, 98) neudr.;
der unbewölkten Luna silberschein
wallt lieblich durch der kirchhofbäume laub.
Matthisson ged., nachtrag (1799) 58;
sterne, die droben
blinken und wallen.
Göthe 11, 295 (was wir bringen 10);
beständigkeit haben die sterne gewählt, in stiller lebensfülle wallen sie stets und kennen das alter nicht. Hölderlin 2, 193 (Hyperion) Litzmann; so kann er ... unter einem am himmel wallenden nordschein spazieren gehen. J. Paul flegelj. 1, 26. auch der himmel wallt:
die jäger ziehn in grünen wald
und reiter blitzend übers feld,
studenten durch die ganze welt,
soweit der blaue himmel wallt.
Eichendorff 1, 190 Dietze;
7)
daran reiht sich wallen von dingen, die nicht deutlich gesehen werden, sondern in umrissen, z. b. von traumbildern, erscheinungen, also 'schweben, schwanken' (auch hier ist abgrenzung von wallen II nicht immer möglich):
und wallt
vor eurem (der theaterbesucher) blick nicht mehr, im traum elysischer scenen,
Alcestens herrliche gestalt?
Gotter 1, 270;
anfangs war die gestalt des so sehnlich zurückerwarteten geliebten wie ein traumbild vor ihr auf und nieder gewallt. Immermann Münchh.² 2, 11;
und wilder, immer wilder
schwingt sich der pfad empor;
bleich wallen todesbilder
aus jeder kluft empor.
Matthisson ged. 132;
du schauest in des tempels hallen,
wo alles heil'ge sich erschleuszt
und himmliche gebilde wallen.
Uhland ged.² 9;
weihend mich mit stillem beten
will den urwald ich betreten,
wandern will ich durch die hallen,
wo die schauer gottes wallen.
Lenau ged. 1, 170 (1857).
etwas wallt in den augen:
er glaubte seinem ohr den süszen wechsel nicht,
allein, er sieht das glück, das ihm der mund verspricht,
in ihren schönen augen wallen.
Wieland 9, 85 (Musarion 3).
8)
wallen steht schlieszlich auch allgemein für 'in bewegung sein', mit einer bedeutungsentwicklung wie bei wogen (vgl.A, 3 und A, 11 'wimmeln'): die grosse stadt wallte, wie ein meer im sturme, von der furcht fürs künftige, und von entsetzen über das vergangene. Haller Usong (1783) 230; eine leise rhythmische bewegung wallt wie mit zauberschlag über die menge. G. Keller nachgel. schr. 66;
in lebensfluthen, im thatensturm
wall' ich (der erdgeist) auf und ab.
Göthe 12, 35 (Faust I, v. 502).
ungewöhnlich mit dem acc. verbunden: ich sah ihn mit einer schlanken Römerin tanzen ... das süsze paar wallte in jeder bewegung neue entzückende schönheit von sich. Heinse 1, 269 (Ardingh. 3). von der natur, von einer landschaft 'bewegt sein, von leben erfüllt sein': wer eine nation darstellen wollte, in ihrem wesen und sein ..., müszte wenig reflexionen liefern, sondern rede, handlung, leidenschaft, unter verliebten, kindern, vätern, gatten, unter fürsten und knechten, gruppen aus der wallenden natur, so würde anschaulich, wie sie mit miteinander das leben genieszen, oder ertragen, wie sie leiden, wie sie sich freuen. Sturz 1, 107;
Sidon'scher äpfel gold strahlt ungepflanzt im wald,
der stets vom wettgesang der nachtigallen schallt;
der hügel breite schoosz grünt von Falerner-reben,
die ganze gegend wallt von innerlichem leben.
Wieland suppl. 1, 187 (natur der dinge 4, 484);
im hintergrund des wäldchens rollte vor ihm die natur ihr meilenlanges altarblatt auf ... eine wolke trunkner, spielender kleinwesen aus seidenstaub zog und hing über das wallende gemälde her. J. Paul Hesperus 1, 166. Jacob Böhme gebraucht wallen gern vom geist und von der gottheit: darumb wallet der h. geist und steiget auf von ewigkeit zu ewigkeit und zündet hinwiederumb alle kräffte des vaters an und macht sie räge. werke 5, 33; ein geist aber thut nichts, dann dasz er aufsteige, walle, sich bewege und sich selbst immer gebähre. 3 principien 1, 3; gleich wie vom vater und sohne auszgehet der heilige geist, und ist eine selbständige persohn in der gottheit, und wallet in dem gantzen vater: also gehet auch ausz den kräfften deines hertzens, adern, und hirn ausz die krafft, die in deinem gantzen leibe wallet. Aurora (1682) 23; vgl. auch E, 8, a.
9)
wallen tritt zuweilen für walen 'wälzen' ein (s. d.).
D.
ein transitiver gebrauch von wallen ist ganz ungewöhnlich, doch wird zuweilen in der neueren sprache ein acc. des inneren objects angefügt (s.A 1. B 2, c. C 8). früher wird zuweilen wallen 'kochen' transitiv gebraucht (für sonstiges wellen): die milch wallen lassen, die milch wallen oder aufsieden, to wallop your milk. Ludwig 2374; wallen, wällen, bouillir, bouillonner. Rondeau; die jhenigen pfenner, die itzundt gegenwertiglich das talgutt sieden und wallen. denkwürdigkeiten des Hallischen rathsmeisters Spittendorf 419 Opel; allen ... burgern in unser stadt Halle, die uff diese nechstkunftige jhar zu pfannwercken und talgutt ... zu sieden und zu wallen vermeynen. 426. auch im älteren nd.: so scullen dy silven borgere tǒ deme salte dat solgud dar silves tǒ sik nemen mid enandern unde scullen dat baden, siden unde wallen. urkundenb. der stadt Magdeburg 1, 418 (1390) Hertel.
E.
der substantivirte inf. wird in den bedeutungen des verbums gebraucht: das wallen oder strudeln, le bouillonnement. Rädlein 1028ᵃ; das wallen, die wallung, bouillon, bouillonnement. Rondeau. ins wallen kommen: mein geblüt kam in heftiges wallen. Rabener schriften 1 (1751), 75.
1)
der nahen Saale rauschend wallen.
Hagedorn neben-stunden 84 (12, 275) neudr.;
indem erhebt sich aus der flüszgen ebne
mit groszem wallen hoch ein wasserberg.
Schiller 15, 1, 79 (Phädra 5, 6);
der wind und des meeres wallen
gaben sie frischen klang?
Uhland ged.² 215:
und hör' im wind und in der woge wallen
ein lied eintöniger melancholien.
Rückert 301;
besehen hat sie berg und thal
und unsrer ströme wallen.
G. Keller 9, 94;
wie das wallen des ruhigen meeres, flieszend erhaben, und in einer sanften abwechselnden schwebung. Winkelmann 4, 106; (wir) setzten das meer wieder in sein gewöhnliches wallen und wogen. Wieland Lucian 2 (1788), 112.
2)
indesz in dieser flammen glühndem wallen
des stammes mark und leben sich verzehrt.
Grillparzer 1, 3.
3)
das wallen eines hitzigen geblüts, the boiling of cholerick blood. Ludwig 2375; ich habe schon etliche tage ein starkes wallen im geblüte gemerkt. Gellert 3, 386 (kranke frau 1);
er kommt, du zitterst schon
vor freude, das ist nichts; willst du ihn je bekehren,
muszt du ihn ruhig sehn sich nahn, ihn ruhig hören.
das wallen aus der brust! die röthe vom gesicht!
Göthe 7, 10 (laune d. verl. 2);
und kein hären kleid ersticke
dieser brust gelindes wallen.
Platen 12;
und des herzens wallen
wird im liede laut.
Rückert ges. ged. 6, 399;
o nichts befriedigt die seele, als was sie mit der geliebten theilt, darum schau ich den frühling mit so süszem wallen an; denn sie genieszet ihn auch. J. Paul Hesp. 3, 121; du, der sich bewegt fühlt durch das ewige wallen des göttlichen in dir, du habest keine religion? Bettine briefe 1, 304;
dein gram musz unter thränen
sich zeit'gen erst und dehnen
im wachen und im traum;
dann kommt ein himmlisch wallen,
und von dir wird er fallen,
so wie die reife frucht vom baum.
Geibel 3, 45 (neue ged.).
4)
doch seh ich dieses busens wallen wieder,
verrätherisch durchs neid'sche kleid gebläht.
Grillparzer 1, 9.
5)
ja, indem sie (die luft) haut und fleisch mit so sanftem wallen streichelt,
und durch spielendes gesäusel überall uns rührt und schmeichelt.
Brockes 4, 82;
und auch bei deinem wallen
fühle nun mich ungehemmt,
herbstluft.
Rückert ges. ged. 5, 376;
doch geht durchs thal im dunkeln
ein säuseln lau und sacht.
geheimniszvolles wallen
kommt von den wipfeln her.
Geibel 2, 37 (Juniusl.);
das rauschen dieser bäume, das wallen dieser gräser. Grillparzer 9, 70 (zur ästh. im allg.).
6)
der haare krauser pracht kan noch vor werk gefallen ...
wer preist, im nacken, nicht der haberkörner wallen?
v. Birken Pegnesis 1, 116;
hier dieses schleiers eilig wallen,
verbirgt es nicht die theure braut?
Uhland ged.² 257.
7)
der erst im paradiese sasz (der paradiesvogel) ...
hielt schwebend jetzt die schwing', und sog
hier ein mit wohlgefallen
der frühlingsdüfte wallen.
Rückert ges. ged. 3, 385 (1837).
8)
wenn uns das leben sich durch pulsschlag, durch wallen und feine merkmale auch in der sprache äuszert: so offenbarte es sich jenem (dem Morgenländer) laut othmend. Herder 5, 70 (urspr. d. sprache) Suphan; was gottes wallen und wille ist. J. Böhme 3 principien vorr. 15; gott hat in seinem wallen die heiligen engel auf einmahl geschaffen, nicht ausz fremder materia, sondern ausz ihm selber, ausz seiner krafft und ewigen weisheit. Aurora (1682) 30; der h. geist ist das wallen oder der ausgang aus den kräfften des vaters und des sohnes und formiret und bildet alles. 49.
wallen verb
Fundstelle: Lfg. 7 (1908), Bd. XIII (1922), Sp. 1287, Z. 39
von ort zu ort ziehen, wallfahrten, wandeln u. s. w. wie wallen I auf das westgerm. beschränkt: mhd. wallen, ahd. wallôn, ambulare, volutare, meare, pervagare (so bei Notker, die glossenstellen s. unten 1), auch mnd. mndl. wallen, umherziehen, ags. weallian, wandern, als pilger gehen. Bosworth-Toller 1175 (im engl. später ausgestorben); anord. vallari, bettler, landstreicher und schwed. valla, weiden (eigentl. von ort zu ort ziehen) sind entlehnt. Schade altd. wb.² 1083 stellt wallôn als aus *walnôn entstanden zu wallan, wofür zu sprechen scheint, dasz auch die mit diesem wort nahe verwandten walgen und walken die bedeutung 'gehen' annehmen können; doch bezieht sich unser wallen ursprünglich nicht auf die gehbewegung mit den füszen, sondern ist 'umherziehen' (auch z. b. auf dem meer), so dasz der von J. Grimm gesch. d. d. sprache³ 249 vermutete, von Sievers indogerm. forsch. 4, 337 durch lautliche erwägungen begründete zusammenhang mit ahd. wadalôn 'umherstreifen', wadal 'egenus' (ursprünglich 'vagus'), mhd. enwadele varn 'umherziehen' (s. o. sp. 241 wadel) keinem zweifel unterliegt. wallôn ist also aus *wađlôn entstanden und von wallen I, dem es sich in der bedeutung später nähert, ursprünglich ganz verschieden. die flexion des verbums ist immer die schwache gewesen. bedeutung und gebrauch. die grundbedeutung 'von ort zu ort ziehen' überwiegt in der älteren sprache und die bedeutung 'wallfahrten' ist nur als eine abzweigung derselben anzusehen. daneben macht sich das bestreben geltend (zuerst bei Notker), das wort in allgemeinerem sinn als 'wandern, ziehen, fahren' zu verwenden, doch führt das zu keiner entschiedenen bedeutungsänderung und als wandern und wandeln in diesem sinne aufgekommen waren, trat wallen zunächst wieder zurück. bei Diefenbach steht es für 'peregrinari' gl. 425ᵇ, nicht aber für begriffe wie 'ambulare, meare, migrare' u. dgl. (einmal ambulare, teyn, wanderen, wallen. nov. gl. 20ᵃ). im 16. jahrh. ist neben der ursprünglichen bedeutung am häufigsten die von 'wallfahrten'. auch Luther ist sie geläufig; am fruchtbarsten für die weitere entwicklung sind aber zwei bedeutungen, die seine bibelsprache kennt, die von 'auf erden pilgern' und 'feierlich ziehen', und die sich in der späteren sprache fortsetzen. die alten bedeutungen starben allmählich ab, obgleich sie in den wörterbüchern bis ins 18. jahrh. angeführt werden (auch wallen neben wallfahren) und auch jetzt in der poetischen sprache noch nicht ganz verschwunden sind. Adelung bezeichnet die bedeutung 'gehen, zu fusze reisen' als im hochdeutschen veraltet, doch im oberdeutschen noch hie und da üblich, z. b. in der fremde herum wallen; doch lebe sie noch bei den dichtern, ungeachtet sie auch hier (nach Adelungs meinung) wenig am platze sei. Adelung weisz hier nicht gehörig zwischen der altherkömmlichen, sich in resten fortsetzenden und einer neuen, in der dichtersprache vordringenden verwendung des wortes zu scheiden. das schon im kirchenlied des 17. jahrh. nach Luthers vorbild viel gebrauchte wallen hatte nämlich durch Klopstock eine erweiterte anwendung gefunden, indem es, auch ohne den nebenbegriff des feierlichen schreitens, für 'gehen, wandeln' (eine bedeutung, auf die Lessing im wb. zu Logau noch besonders hinweisen zu müssen glaubt) gesetzt wurde, auch übertragen von leblosen dingen, wodurch es sich mit wallen I mischt; wie dies wird es ein lieblingswort der dichter. Campe trägt der veränderten stellung des wortes rechnung, indem er es für nicht veraltet erklärt; seine beurtheilung des wortes leidet aber darunter, dasz er (um wallen II an wallen I anzuschlieszen) vom grundbegriff der wellenförmigen bewegung ausgehen zu müssen glaubt.
1)
wallen als 'von ort zu ort ziehen': exulo, wallon. Steinmeyer-Sievers gl. 2, 369, 13; errabat, wallota. 2, 503, 8; peregrinantes, wallende. 2, 608, 3.
a)
da sich oft der nebensinn des heimatlosen wanderns in der fremde einstellt, ist dem wort ein besonderer gefühlswert eigen:
ih wallôta sumaro enti wintro   sehstic ur lante.
Hildebrandslied 50;
ouh thên, thâr after lante   farent wallônte,
thaʒ man thên in nôti   mit thiu ginâdôti.
Otfrid 4, 2, 25;
in hûs mih ouh intfiangi   theih wallônti ni giangi.
5, 20, 74;
sie wálloton (pertransierunt) fóne diête ze diête, fone rîche ze rîche. Notker ps. 104, 13;
syd ich uff dirr elenden ban
var als ain frömder wegman,
der niemer ruwe sol phlegen,
die wil er wallet under wegen,
untz er beruert sins vatters land.
liedersaal 3, 23 (v. 4);
'lâ mih selbe sehen,
ob mîniu kint in der werlte iender leben' ...
nû mir laide sule gescehen
unt dû gerne welles wallen,
nû wel dir ûʒer mînen mannen,
die dih behuoten unt bewaren
unt samt dir varen.
kaiserchronik 1532 Schröder;
reht als ein mensche ûʒ wallen gât (Matth. 25, 14 peregre proficiscens).
md. evangelienwerk aus S. Paul 41ᶜ. 66ᵇ (Schönbach, sitzungsber. der Wiener ak. 137, 154);
ain slecht gewant   tet mir die schant,   als oft geschicht.
mein mantel sprach,   wes liestu nicht   dein wallen?
Oswald v. Wolkenstein 100, 33 Schatz.
der wallende mann 'der fahrende, heimatlose':
eʒ kam ein durftiger gevarn,
er was ein armer schemelêre,
er bat durch den got den ich gloubet an,
daʒ ich im ein gâbe gêbe ...
mich hât betrogen der wallende man.
Salman u. Morolf 683, 2 (v. 3677) Vogt;
dô gienc er holz und heide   vollen siben tage ...
dar nâch der degen küene   sêre müeden began ...
dô sach si ûf dem steine   ligen den wallenden man.
Wolfdietrich B 426, 4.
auch bei Luther und sonst im 16. jahrh. tritt die bedeutung 'in der fremde weilen' noch öfters deutlich hervor: zur zeit da die richter regierten, ward ein tewrung im lande. und ein man von Bethlehem Juda, zog wallen in der Moabiter land, mit seinem weibe und zween sönen. Ruth 1, 1; ist das ewre fröliche stad, die sich yres alters rhümet? yre füsse werden sie ferne wegfüren zu wallen. Jes. 23, 7; wir sind aber getrost alle zeit, und wissen, das, dieweil wir im leibe wonen, so wallen wir dem herrn (ἐκδημοῦμεν ἀπὸ τοῦ κυρίου). denn wir wandeln im glauben, und nicht im schawen. wir sind aber getrost, und haben viel mehr lust ausser dem leibe zu wallen, und da heimen zu sein bey dem herrn. darumb vleissigen wir uns auch, wir sind da heim oder wallen, das wir im wolgefallen. 2 Cor. 5, 6—9; wallen ist bei den alten hin und her laufen und ziehen in frembde land ..., Walweis, der ein volk in frembde land füert. Aventin 4, 20, 22 Lexer; wie auch wir elende kinder Eve noch heutigs tages müssen das elende bawen und wie bilgram und zigeuner in dieser welt wallen gehen. Mathesius historie Christi 2 (1571), 40ᵇ. vgl. die wörter bücher: wallen, peregrinari, proficisci, extorrem esse, extra patriam morari. Stieler 2422; in der fremde wallen, exulem esse. ebenda; in der fremde wallen, herum wallen, oder umher wallen, to be upon peregrination; to travel abroad; to travel up and down. Ludwig 2374; in der fremde wallen, errer de province en province. Rondeau.
b)
der nebensinn des wanderns in der fremde kann aber auch zurücktreten, so dasz es schlechthin 'hin und her ziehen' ist: súme wúrten dâr ze léibo únde hîeʒen Achademici, súme begóndon wállôn únde hîeʒen Pheripatetici. Notker Boetius 5, 26 (1, 339, 15 Piper);
dô ich dich loben hôrte,
dô hete ich dich gerne erkant.
durch dîne tugende manige
fuor ich ie wallende (C, welende B), unz ich dich vant.
Meinloh, minnesangs frühling 11, 4.
mit örtlichen bestimmungen: tô Ulixes fóne Troio erwíndendo, wîto des méres wállôta. Notker Boetius 4, 23 (1, 252, 11 Piper); nóh tô newállota nîoman úber mére (nondum secabat hospes alta maris). Boetius 2, 38 (1, 97, 21 Piper);
ich hân lange gewallet umbe den wilden sê,
uber die berge und durch die dal.
Salman u. Morolf 255, 2 (v. 1341) Vogt;
wannen hâstu gewallet?   des muoʒ mich wunder haben.
hâstu iht verre gewallet   durch diu fremden lant?
hâstu iht vernomen von einem   der ist Wolfdietrîch genant?
Wolfdietrich B 400, 3.
auch im nhd. lebt die bedeutung noch und wird in den wörterbüchern angeführt, obgleich meist durch adverbia verdeutlicht: herümm u. umherwallen, sive hin und wieder wallen, terram terra mutare. Stieler 2422; hin und her wallen, huc inde migrare. Steinbach 2, 920; hin und her wallen, errer. Rondeau; wallen, wanderen, peregrinari. Dentzler 2, 341ᵇ; wallen, wandern, fahren, streiffen, to walk, wander. Ludwig 2374; wallen, herumziehen, peregrinari, huc inde migrare. Nieremberger; wallender ritter, eques errans, vagabundus. Stieler 1601; von ... Luciano wird fabuliret, dasz desz philosophi Pythagorae seele durch allerhand leiber, männer und weiber, vierfüssigter und zweyfüssigter thiere gewandert und gewallet habe. Schupp schriften 404;
flieh' ich, Lili, von dir! musz noch an deinem bande
durch fremde lande,
durch ferne thäler und wälder wallen!
Göthe 1, 107;
ach, wie lang ist's, dasz ich walle
suchend durch der erde flur!
Schiller 11, 199 (klage der Ceres).
c)
die ausdehnung des hin- und herziehens kann eine beschränkung erfahren. bei angabe des endpunktes ist wallen 'wohin ziehen', bei angabe des anfangspunktes 'woher kommen'.
α)
dô frâcten si di burgære,
wannen si wære ...
oder war si wolte wallen.
kaiserchronik 12418 Schröder;
der fürste dâ von Brâbant,
des ir ze vater muostet pflegen,
der ist nû lange tôt gelegen ...
dar umbe sult ir wallen
wider heim gar balde dan.
K. v. Würzburg Engelhard 1348;
also daʒ si Pylaten
senten zu Pontos insulam ...
die Romere sprachen alle,
eʒ ist gut daʒ er walle
zu den bosen durch die list,
wande er selbe unselich ist.
passional 84, 10 Hahn;
dann wie ein fremder du dich hast
bisher gen uns erzeiget,
der nur wollt übernächtig sein
und wallen zu einr andern gmein.
Hartmann hist. volksl. 1, 57, 5 (1629);
du solt nit in Egipten gân. gang in das land daʒ ich dir sag und walle (var.: var) darin. historienbibeln 1, 157.
β)
er wállota fóne obenáhtigemo himile (a summo celo egressio eius) unde erwánt aber dára ze óbenahtigemo. Notker ps. 18, 7;
ich hæte gerne daʒ vernomen,
von wanne ir wallet in daʒ lant.
Biterolf 223 Jänicke.
d)
eine abschwächung der grundbedeutung zeigt sich auch, wenn wallen übertragen gebraucht wird, z. b. von thieren und abstracten, was schon bei Notker vorkommt: únde wállont siu (die thiere) gândo in hólze joh in felde (gaudent vel transmittere virides campos gressibus vel subire silvas). Notker Boetius 5, 32 (1, 347, 10 Piper); tóh tér líument wállôndo síh kebréite, hina únder férre líute. 2, 48 (1, 118, 18 Piper).
e)
diese entwicklung hat schlieszlich dazu geführt, dasz schon im mhd. und älteren nhd. wallen gelegentlich so gebraucht wird, wie unser 'wandeln, gehen', wenn das auch nicht gerade häufig ist:
ensamt si do begunden
aber furbaʒ wallen
die selben notgistallen.
Tnugdalus, Hahns ged. des 12. u. 13. jahrh. 51, 2;
so derret oder swechit den lip luzil essen unde vil trinken, unde vaste arbeiten, unde vil wallen oder gan. Wackernagel altd. leseb. 772, 12 (14. jahrh.); das sol sich der man nit laszen bekuͦmeren, so er hat ein zornig und unleidenlich weib, als Petrarcha spricht: wann als dann hat er ursach, zu wallen und zu wanderen und langksam wider zukumen. A. v. Eyb ehebüchlein 30, 28 Herrmann; nehmen den schlangen-könig gefangen und holen Kechosrow, welchen sie unter den wilden thieren wallend gefunden, mit groszem jubel - geschrey wieder herzu, und setzen ihm die krone auff. Olearius pers. reise 257. auch schon mit angeschlossenem acc.:
die den stec solden wallen,
die musen alle vallen.
Tnugdalus, Hahns ged. des 12. u. 13. jahrh. 48, 71;
übertragen:
an dem gelouben vaste stant, unt wirb mit allen liden ümbe gotes hulde;
gank unde wal uf gotes wege, habe tusentvaltik arebeit.
minnesinger 3, 106ᵃ Hagen.
von dingen und abstracten:
guet frid ist im zerunnen,
gar snell walt sein (des todes) gevert,
wär ich im nit entrunnen,
er het mich lang verzert.
Oswald v. Wolkenstein 111, 14 Schatz;
reichthum wallet ihm ins hausz, opes effuse affluunt. Dentzler 2, 341ᵇ; bona omnia nobis influunt, das glück wallet uns zur thüren ein. 1, 281ᵃ (diese stellen aber vielleicht zu wallen = walen).
2)
eine häufige specialisirung der grundbedeutung ist die von 'wallfahrten, als pilger nach einem heiligen ort ziehen'.
a)
wan er gesiget hæte,
sô wolte er wallen etewar,
gote zeinem dienste gar,
der im geholfen hæte dô.
K. v. Würzburg Engelhard 5033;
in sîn hant nam er ein stap,
unde wart ein pilgerîn,
in buoʒe leit er grôʒe pîn,
wallend gieng er durch diu lant.
gesammtabenteuer 1, 311 (v. 1109);
dô kam ein armer wallender man,
der wolt zuo dem heilgen grabe gân.
Orendel 103 Berger;
wallen hat etswa böse tücke,
mit vil mangerlaye dingen,
die ich niht alle wil fürbringen,
vil muscheln und auch spenglein
bedeckent mangen bilgrein,
der durch kaufschatz uʒ ist komen
mere danne durch der sele frumen.
H. v. Trimberg renner 1363;
ob dantzen nutzer sey dann wallen.
Keller alte schwänke 1, 6;
wallen das ist loblich und gut,
wer im anderst recht tut,
got und seiner werden muter zu eren.
Liliencron hist. volksl. 2, 148, 25 (1476);
dann will ich ainen hailigen eren,
on als verkeren,
zu dem so will ich wallen.
Hätzlerin 1, 93, 15;
für etlich jarn,
da noch die leut unsinnig warn
und häuffig han dahin (zur kapelle) gewallt,
als noch des bapstes narrnwerck galt.
Alberus fab. 20, 21 Braune;
nun will ich mich wider erquickn,
wenn mein mann zeicht zu wahlen ausz.
Ayrer 2667 Keller;
(der löwe) lies dem bären abziehen ein lasch,
dem fuchs zu einer pilgramstasch.
und dem wolff und seiner hauszfrawen,
jedern ein pahr schuh mit den klawen,
die Reinick anzög auff der reisz,
wenn er nach Rom gieng wallen weisz.
Rollenhagen froschmeuseler 2, 1, 6;
wiltu dich nuͦ mit got versunen, so solt du wallen 331⁄2 tag und solt niemer guͦten dag noch naht gewinnen ... dis huͦb an der künig von Sicilien und vollebrahte die wallefart mit sime volke gemeinliche. Closener, städtechron. 8, 116, 24; ain ieclich purger ..., wil der varn in sein selbs geschefte oder in der stad geschefte, oder ob er wil wallen oder varn in kaufmannschaft. Nürnberger polizeiordnungen 16 Baader; elend wallend briester, die sich eins erbern briesterlichen wesens halten, mogen zimlich das almusen eraischen vor den kirchen. 318; vil menschen umb kranckeit oder ander betrübung willen sich zuͦ im (dem heiligen) gelobten, mit ieren wechsen opfer zuͦ im walten. Decameron 28, 16 Keller; nu sich yn der menschen leben, es seyn ir viell, die fasten, beeten, wallen und der gleychen übung haben. Luther 2, 734, 35 Weim. ausg.; fasten, beten, wallen, messen, vigilien. briefe 2, 376; Zwingli ... namm an die pfarr zuͦ den Einsidlen. darzu bewegtend inn zwey ding. das erst das zu den Einsidlen beschicht ein grosz wallen, vilervölcker, usz der tütschen nation fürus. Bullinger 1, 8; die Beyer seind ein gut römisch andächtig volck, das gern wallet. S. Franck weltb. (1542) 54ᵇ; unser prediger sagt, man dürff nymmer beten, den hayligen dienen, fasten, beichten, wallen, mesz hören. H. Sachs 22, 74, 28 Keller - Götze; zum vierdten will Reinicke wallen. mit denselben wallfahrten ists auch thoͤrlich. Reineke fuchs 48;
b)
häufige verbindungen sind wallen sein, wallen fahren, ziehen, gehen: kam der könig von Tenmarkt von Rom, da (für dar) er wallen gewesen was, für Neüs in das här. Wilwolt v. Schaumburg 26 Keller; seinem volck zu verstehen gab, wie er wallen farn wölte, sich ... in kauffmanns form auf den wege gen kristenlichen landen machet. Decameron 642, 21 Keller; ein guͦt frumb einfeltig mann ausz dem Schwabenland zog gen Rom wallen. Wickram 3, 82 (rollw.) Bolte; alle abgötterung unter ... dem bapsthum mit dem stifften, wallen gehen etc. komet her vom mammon. Luther 28, 657, 19 Weim. ausg.; eine frome ehefrau, wenn sie christen ist, und gottes wort weis und gleubt und darnach ires stands wartet, so thut sie die allerköstlichsten werck auff erden, das sie nicht darff etwas anders suchen, noch in ein kloster oder wallen gehen, sondern bleibe nur fest bey dem. 5, 512ᵃ Jen. ausg.; und solt gen Chrimmental alle jar waln ghen dein leben lang im winter. Alberus widder Jörg Witzeln mammeluken M 6ᵃ; das weib aber, ehe sie köstung (hochzeitsfest) machten, ging wallen gen Welseneck zum heiligen blut: denn solche walfahrt hatte sie von ihrem vorigen manne im todbette angenommen. Hennenberger landtafel (1595) 81;
weil man vor disen jaren allen
vil gieng hin und her wider wallen
zun viertzehen nothelffern zumal ...
gen Ainsidl, Ötting, Deurn und Ach,
gen Sanct Jacob und nein gen Rom.
H. Sachs 15, 510, 29 Keller-Götze;
mein fraw wil morgen frü auffstahn
und saget, sie wöll wallen gahn
zu dem heiligen creutz hinnab,
welch kirchfahrt sie verheissen hab.
17, 135, 27.
c)
obgleich das wort in diesem sinn in der folgenden zeit (neben wallfahren, besonders wallfahrten) wenig mehr üblich ist, wird es doch von den wörterbüchern bis ins 18. jahrh. angeführt: wallen, wallfahrten, wallen gehen, einen pilgram geben. Güntzel 828; wallen, wallfahrten, andar in pellegrinaggio per divozione o voto. Krämer 1207ᵃ; wallen, wallfahren, auf die wallfahrt gehen, aller en pélerinage. Rädlein 1028ᵃ; wallfahrten oder wallen, to go upon pilgrimage. Ludwig 2375; wallen, wallfahrten, pilgerfahrten, beede-vaaren. Kramer (1719) 258ᵃ; wallen, aller en pélerinage. rondeau. den andren wörterbüchern des 18. jahrh. fehlt die bedeutung. wenn sie in der neueren dichtung wieder auflebt, so geschieht es unter dem einflusz der älteren litteratur, aber auch der allgemeinen bedeutung, die wallen jetzt zeigt:
schickt zu seinen mannen allen
in dem lande Schweiz;
nach dem heil'gen grab sie wallen
auf der brust das kreuz.
Schiller 11, 236 (ritter Toggenburg);
zählt der pilger meilen,
wenn er zum fernen gnadenbilde
wallt?
12, 357 (Wallenst. tod 4, 11);
reich ist die christenheit an gnadenbildern,
zu denen wallend ein gequältes herz
kann ruhe finden.
14, 122 (braut v. Mess. 4, 9);
dem pilger, der zum gotteshause wallt, ...
gieb reichlich.
14, 287 (Tell 1, 2);
als mächtigen gangs zu des heilands gruft die gepanzerten Friedriche wallten.
Platen 302 (Oedip. 5);
zu dir wall' ich, mein Jesus Christ.
R. Wagner 2, 17;
nach Cöln zu der heiligen könige grab, hab' ich noch eine wallfahrt angelobt, da wallet hin. Arnim 5, 93. übertragen:
stehen nicht Amors tempel offen.
wallet nicht zu dem schönen die welt?
Schiller 14, 49 (braut v. Mess. 3, 7);
(du) fragst, warum zu mir, dem fernen, pilgernd
deine heimlichsten gedanken wallen?
Platen 84 (gas. 111).
d)
eine erweiterung der bedeutung zeigt sich, wenn wallen allgemein für eine fahrt nach Rom (nicht für eine eigentliche pilgerreise) steht: sein die alten haiden von weit dahin (nach Dodona) gelofen, alda antwurt entpfangen, wes si nur irr gangen sein, ist ein wallen dahin gewest wie bei uns gên Rom. Aventin 4, 277, 9 Lexer; oder einen heerzug gegen die ungläubigen:
sie wâren vrô und lobeten got,
daʒ sie kein Semegallen
durch got solden wallen.
die von Revele quâmen dô
des kuniges man und wâren vrô,
daʒ sie solden reise varn.
livländ. reimchron. 5318 Meyer.
besonders steht es auch für einen bittgang, eine procession, die sich nicht in die ferne und über längere zeit zu erstrecken braucht:
(der fuchs) hatt nicht weniger all jar
dann sechsthalb hundert hüner falln,
die musten teglich zu ihm walln
mit herlicher procession.
Alberus fab. 36, 24 Braune;
und stellten überall
viel wallen und procesz durch reiner jungfern zahl
ausz Vesta kloster an.
Logau 1, 109, 59;
sie kamen just zurück, als nah' am klosterbühl',
indem sie paar und paar in schönster ordnung (in der procession)
wallten,
der rest des sturms sie überfiel.
Wieland 22, 73 (Oberon 2, 33).
übertragen:
wo du (der wein) rast, da ist gros kirwei
und aplasz aller gelerten und layen.
zu dir wöllen wir wallen und rayen
und grossen glauben in dich haben.
Weller dicht. des 16. jahrh. 43.
ironisch von einer wanderung zu sehr trivialem zweck:
all tag mit winteln uber den pach wallen
und den ruck krump an schusseln waschen.
fastnachtsp. 267, 12.
3)
aus der bibelsprache stammt der gebrauch von wallen für das menschliche leben, das (mit anschlusz an die grundbedeutung) als ein weilen fern von der heimat angesehen wird: auf der erde wallen, in terra peregrinari. Stieler 2422; so lange wir hie auf erden wallen, as long as lasts our pilgrimage here upon earth. Ludwig 2374; er hat sechzig jahr in dieser welt gewallet, il a vécu soixante ans. Rondeau;
daʒ er vor ir minne
kein ander vrouwen hæte erkorn bî sînes lebens wallen.
Heinrich v. Meiszen sprüche 29, 6 Ettmüller;
sondern sollet in hütten wonen ewer leben lang, auff das ir lange lebet im lande, darinnen ir wallet. Jerem. 35, 7; sintemal ir den zum vater anruffet, der on ansehen der person richtet, nach eines jglichen werck, so füret ewren wandel, so lange ir hie wallet, mit forchten. 1 Petri 1, 17; ah meyns leyds, das sich meyn wallen so lang zeucht. Luther 15, 74, 8 Weim. ausg. (ein trostbrieff an die Miltenberger ... aus dem 119. psalm, in der bibel: weh mir, das ich ein frembdling bin unter Mesech. ps. 120, 5); ich mus so lang hie wallen und gast seyn, 75, 23. später erscheint das wort häufig im kirchenliede und verbleibt auch später der dichtersprache:
(gott,) lasz uns doch nicht mehr wallen
in solcher krieges last.
Opitz 2, 13;
mein hertze wündschet nicht den mägden zu gefallen,
die in der laster wust' und üppigkeiten wallen.
2, 165;
ach wacht (die jünger) und im gebete wallet,
dasz ihr nicht in anfechtung fallet.
St. Sasz, Fischers kirchenlied 3, 56, 4;
(ich) bin durch sündlichs wallen
ausz deiner gunst gefallen.
Rist himl. lieder 6;
gute nacht, o welt, sambt allen,
die noch wallen
hie auff deinem trüben meer!
S. Dach 146 Österley (hier mit einmischung von wallen I, 3);
so lang ich hier im leibe walle,
bin ich ein kind, das strauchelnd geht.
Gellert 2, 108;
kühl war ihr lebensthal und dem geräusch entlegen;
zufrieden wallten sie auf ihren stillen wegen.
Gotter 1, 140;
du wallest, und sie (die toten) ruhn.
Rückert ges. ged. 6, 165.
mit richtungsbestimmung, wo keine scharfe scheidung von 5) möglich ist:
lasz mich sein, o ewges heil,
deines hauses kleines theil,
auch den kleinsten unter allen,
die nach deinem reiche wallen.
P. Gerhardt 328, 72 Gödeke;
nun wall' ich hinab mit ruh zu dem grabe!
Klopstock Messias 15, 1137;
wenn zum grabe wallen
entnervte greise.
Schiller 14, 108 (braut v. Mess. 4, 4).
auch mit dem acc. des inneren objects:
lasz deinen weg mich wieder freudig wallen
und lehre mich dein heilig recht.
Gellert 2, 181;
gott, rief ich, der du das gethan,
du lässest uns nicht fallen,
so lange wir des lebens bahn,
als brave leute, wallen.
Langbein schriften² 1, 58.
4)
ebenfalls auf der bibelsprache beruht wallen vom feierlichen schreiten oder vereinten dahinziehen einer menge, wo von wallen 'wallfahrten, in procession gehen' auszugehen ist; die bedeutung bleibt auch in der neueren sprache, ohne dasz sie von der folgenden scharf abzugrenzen ist: ich wolt gerne hin gehen mit dem hauffen, und mit inen wallen zum hause gottes, mit frolocken und dancken. ps. 42, 5; als es ruchbar worden, das der junge wiederkommen, ist in der stadt Königsberg so ein wallen zu Ungermans hause gewesen, das er in den dritten tag vor der volksmenge in der stuben von morgens bis auf den abend mit frieden nichts essen können. Hennenberger landtafel (1595) 229;
wer nun zu diesem sarg (Melanchthons) thut wallen,
der lasz ein sehnlichs threnlein fallen.
Mathesius, Wackernagels kirchenlied 3, 1349, 31;
nach seinem hause sehn' ich mich
mit leuten, die da frewen sich,
dasz sie zum tempel wallen.
G. Werner, Fischers kirchenlied 3, 36, 3;
jetzt haben wir noch zeit und raum,
thut guts und dienet allen,
hauptsächlich denen, die mit uns
zu einem tempel wallen.
Günther ged. 42;
dir jauchzet der abgrund!
gegen dich wallen in feyrenden chören seelen und götter!
Klopstock Messias 2, 608;
schwarzbeflorte trauerleute wallen.
Hölty 42 Halm;
nun ordnet die züge,
dasz jeder sich füge
und einer mit allen,
zu wandeln, zu wallen
die fluren entlang.
Göthe 2, 32;
und eh ihm noch das wort entfallen,
da sieht mans von den schiffen wallen,
und tausend stimmen rufen: sieg!
Schiller 11, 231 (ring des Polykrates);
das weite Rheims faszt nicht die zahl der gäste,
die wallend strömen zu dem völkerfeste.
13, 283 (jungfr. v. Orl. 4, 1);
zur kathedrale wallend strömt das volk,
es schallt der reigen und die glocken tönen.
13, 287 (4, 2);
kommt alle, kommt, nach seinem (Tells) haus zu wallen.
14, 415 (Tell 5, 1);
und bald aus ihrem (der weltburg) doppelthor
ein langer kreuzzug wallte.
Rückert ges. ged. 3, 380 (1837);
5)
aus dieser bedeutung hat sich schon in der dichtersprache des 17. jahrh. vereinzelt die allgemeine von 'wandeln' entwickelt, wie die folgenden stellen mit übertragener verwendung zeigen (wo indes vielleicht von wallen I auszugehen ist):
Kartago muste fallen,
als sie den frieden liesz ausz ihren gräntzen wallen
und frasz sich selber auf.
Rist Parnass (1652) 59;
ein ruhm, den fama läst durch tausend länder wallen.
387;
es bleibet unentrükt,
mir wallt nicht aus den sinnen,
was raubt der zeiten frasz.
v. Birken Pegnesis 1, 72;
auf ihren lippen hört man die Sirene spieln,
in augen den Vesuv, auff ihren brüsten binen,
weil sich die liebes-strahln in diesen thälern kühln,
umb diese gegend wallt und weidet seine seele,
die dort die glutt beseelt, und hier der schnee erfrischt.
Lohenstein rosen 75.
häufiger wird seit Klopstock wallen dichterisch vom gehen eines einzelnen gebraucht. der ausdruck gilt noch als feierlicher als das ähnlich gebrauchte wandeln. daher steht er z. b. von den engeln:
also sieht ein wallender (1749 ein reisender) seraph der blühnden erde
halbunkenntliches antlitz an frühlingsabenden liegen.
Klopstock Messias 1, 541;
wollen wir neben ihm wallen, und seinem geiste begegnen,
wenn er, o seraph, die hütte verläszt, die jetzt ihn belastet?
11, 1510;
sodann such' ich den wilden, launigen
schutzengel auf. und wenn ihm noch beliebt,
hiernieden unter uns zu wallen, ...
Lessing 2, 197 (Nathan d. weise 1, 1);
o garten, du, sonst ihren fusztritt tragend,
in tausend draus entsprung'nen blumen sagend,
dasz nur ein engel also könne wallen.
Rückert ges. ged. 2, 67 (1836);
mein schutzengel .,. wie er da um mich wallt, unsichtbar dem werktagsauge! Hippel 4, 65 (lebensl. 4). ähnlich von schwebenden geistern:
an der quelle sind's Najaden,
sind Sylphiden in der luft,
leichter fühlt ihr euch im baden,
leichter noch in himmels-duft;
und das plätschern und das wallen
ein und andres zieht euch an.
Göthe 3, 132 (Tischbeins idyllen).
bei menschen bezeichnet wallen zunächst ein feierliches gehen, gemessenes schreiten, lustwandeln:
o säht ihr Lauren unter bluhmen wallen,
ihr gang wär einer göttinn gang!
Uz werke 172 (77, 9) neudr.;
im dichtrischen entzücken
wallt ich durch jene flur,
und sah, mit trunknen blicken,
die blühende natur.
Chr. Fel. Weisze im Gött. musenalmanach 1771, 16 (9, 2 neudr.);
man bringt
den sarg daher, der küster wallt
der bahre vor und singt.
Hölty 12 Halm;
welch ein himmel! Juliane wallet
durch den überreiften lindengang!
106;
die liebenden ... sie wallen, hand in hand,
den doppelreihen durch.
Wieland 23, 294 (Oberon 12, 71);
wenn du dort an der hand deiner Emilia
wallst im schimmer des monds.
Voss 3, 17;
heilige grazien ihr, ihr hulgöttinnen der menschheit,
welch ein fröhliches bild mahlte der künstler in euch!
nicht mit blumen, er band euch mit der kette des lebens;
muntere kinder ziehn wallend hinauf und hinab.
Herder 29, 128 Suphan;
walle! walle
manche strecke,
dasz, zum zwecke,
wasser fliesze.
Göthe 1, 237 (zauberlehrling);
schenke! lasz uns munter zechen ...
wenn wir nach dem garten wallen,
wollen lärmen wir und tosen.
Platen 158 (übersetz.);
die zweige wölbten sich, wie mit gepränge,
hoch über mir, und lieszen so mich wallen
durch ihre dunkeln, langen bogengänge.
187 (gläs. pant. 3);
hier pflegt' ich in der rosenzeit ...
mit meinem lieb zu wallen.
Uhland ged.² 71;
es war in traurigen novembertagen,
ich war gewallt zum stillen tannenhaine
und stand gelehnet an der höchsten eine.
140;
ich sah manch hohen kirchthurmknopf,
und unten leutlein wallen.
Rückert ges. ged. 3, 198 (1837);
dasz mir ganze rosenhallen
sind zu wallen aufgethan.
4, 6;
lasz uns auf der wiese wallen.
5, 338;
nach der seite des dorfs, wo jener alternde zaun dort
ländliche gräber umschlieszt, wall' ich in einsamkeit oft.
Mörike 1, 99.
seltener wird es vom zurücklegen gröszerer entfernungen gebraucht als 'wandern, ziehen' (mit richtungsbestimmungen):
denn Zeus
ist gestern über'n ocean zum mahl
der tadellosen Äthiopier
gewallt.
Bürger 147ᵃ (Il. 1, 424);
was ist dir übrig, freund, als, selbst an güthern leer,
zu einem freyern volke wallen?
Gökingk 3, 155;
er reiszt sich aus den väterlichen hallen,
aus lieben armen los,
nach jener stolzen bürgerstadt zu wallen,
vom raub der länder grosz.
Schiller 11, 361;
so ist es wahr, wie's in den liedern lautet,
dasz wir von fernher in das land gewallt?
14, 325 (Tell 2, 1);
in jenem groszen jahr (1812),
als des tyrannen wallen
gen Moskau schaurig war.
Arndt ged. (1860) 346.
ungewöhnlich vom reiten: wie der mensch sich körperlich niemals freier, erhabener, begünstigter fühlt, als zu pferde, wo er, ein verständiger reiter, die mächtigen glieder eines so herrlichen thiers, eben als wären es die eigenen, seinem willen unterwirft und so über die erde hin als höheres wesen zu wallen vermag. Göthe 39, 198 (Tischbeins idyllen). übertragen vom lebenswandel (vgl. 3):
schon waren zwei
geschlechter sterblicher verweset, die
mit ihm erzogen waren, und zugleich
mit ihm auf Pylos seligem gefild'
einst wallten.
Bürger 145ᵃ (Il. 1, 251);
zerrissen sind des lebens bande
für den, der fremd, auf ödem strande,
in tiefer schwermuth wallt.
Gotter 3, 455.
in freierem gebrauch steht wallen auch von thieren:
dasz ihres nests die schwalbe nun gedenket,
weit über's meer zur trauten hütte wallt.
Lenau ged. 1, 79 (1857).
von gestirnen, den wolken:
wenn entwölket wallet der mond.
Klopstock 1, 227 (Stintenburg);
still, wie der friedsame mond in der hohen dämmernden wolke
über uns wallt, so ging in diesen versammlungen Joseph.
Messias 4, 22;
als sie der wallenden monde
rauschen nicht mehr vernahmen.
16, 343;
wann still der mond am himmel wallt.
Uhland ged.² 236;
wie die gewitter in einem jahr
nicht éiner strasze wallen.
Rückert ges. ged. 5, 160.
von der seele u. s. w.:
dann wall' empor aus deiner dumpfen gruft
o seele, wie gottes goldne luft.
G. Keller 9, 221;
von thür zu thüre wallet
der traum, ein lieber gast.
Geibel 1, 143.
ungewöhnlich von den augen, ohne äuszere bewegung:
jetzt auf das fräulein jedes auge wallt,
sie trägt's mit gleichmuth und gesetzter würde.
A. v. Droste-Hülshoff 2, 44.
ein acc. des inneren objects kann sich anschlieszen:
und dennoch wallten wir, da hoch schon
strahlte die sonne, den späten heimweg.
Klopstock 2, 231 (der wein und das wasser);
meiner reisen letzte bin ich gewallt.
Gerstenberg Iduna;
den (pfad) mögt ihr selber wallen.
Wieland 10, 248 (Kombabus);
wie neben mir der schweiszbedeckte pilger
die strasze wallt.
R. Wagner 2, 46;
dasz in geharnischtem verein
wir wallen einen siegeslauf.
G. Keller 10, 41;
doch die sonne wallt wie gestern ruhig lächelnd ihre bahn.
Geibel 4, 241 (heroldrufe);
glorreich, wie des äthers bogen,
weich gefiedert, wie der schwan,
auf des wohllauts silberwogen
majestätisch fortgezogen,
wall', o lied, des ruhmes bahn!
Bürger 72ᵃ (das hohe lied von der einzigen).
6)
im hannöverschen kommt wallen gân 'nach dem tode als gespenst umgehen' vor. Schambach 284.
wallen verb.
Fundstelle: Lfg. 7 (1908), Bd. XIII (1922), Sp. 1296, Z. 3
einen wall herstellen. brem. wb. 5, 172. ten Doornkaat-Koolman 3, 502, vgl.wallung III.
Zitationshilfe
„wällen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%A4llen>, abgerufen am 17.10.2019.

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