wänken verb
Fundstelle: Lfg. 11 (1913), Bd. XIII (1922), Sp. 1857, Z. 56
nestel mit groszen klöppeln wirken Stalder 2, 433.
wanken verb
Fundstelle: Lfg. 11 (1913), Bd. XIII (1922), Sp. 1819, Z. 61
sich hin und her bewegen, schwanken, erschüttert werden, zu fallen drohen usw. eine gemeingermanische bildung, ahd. wankôn, mhd. mnd. mndl. wanken, anord. vakka 'umhertreiben (von einem schiff)' Fritzner 3, 842, abgeleitet von dem subst. wank, das mit winken (eig. 'zur seite biegen') gehört zu skr. vañjula 'ein rohr' (eig. 'das sich beugende, wiegende gewächs'), lit. vingùs 'krumm', vìngis 'bogen, krümmung', véngti 'ungern thun' (eig. 'ausbeugen'), vangùs 'träge', alban. vangu 'radfelge' (eig. 'krümmung') und (von einer wurzelform ohne nasal gebildet) altir. fán (aus vagno-) 'verkehrt', vielleicht auch lat. vagus 'umherschweifend' Uhlenbeck 163. Fick⁴ 3, 389. Walde 648. die zu grunde liegende wurzel in der bedeutung von 'krumm sein, sich biegen' steht mit der gleichbedeutenden, im auslaut abweichenden, die unter wange behandelt ist, wahrscheinlich in einem alten zusammenhang.das wort lebt jetzt auszer dem hoch- und niederdeutschen (auch ndl. wanken) auch im nordischen: schwed. vanka (ebenso in norweg. volkssprache Aasen 897), dän. vanke sind aber, wie die lautform und die bedeutungen (vgl. unten 4 a) zeigen, aus dem nd. entlehnt und stehen in keinem zusammenhang mit anord. vakka. bedeutung und gebrauch. von wank 'bewegung nach einer richtung hin' werden zwei verba abgeleitet: ahd. *wankjan, wenken (auch asächs. wenkean) und wankôn. wenken ist im ahd. 'abweichen (declinare bei Notker), weggehen, entgehen, fehlen', im mhd. ist es allgemeiner 'eine bewegung machen (mit änderung der bisherigen stellung, gehart usw.), einen wanc tuon' (oben sp. 1789) und steht nicht nur für 'zurückweichen', sondern auch von einer bewegung vorwärts oder seitwärts z. b. von einem, der vor seinen verfolgern flüchtet, von einem vorwärts stürmenden kämpfer, von den sprüngen eines rosses, hasen, eichhorns, wird auch gern mit richtungsbestimmungen verbunden, wie dar, fürder wenken, gegen, zuo einem wenken, auszerdem bedeutet es 'winken'. wanken ist dagegen überwiegend 'sich in bewegung befinden' oder 'wiederholt sich hin und herbewegen'; ohne iterative auffassung als 'eine bewegung machen' wird es sehr selten mit richtungsbestimmungen des zieles verbunden (von der jungen bedeutung 'schwankend wohin gehen' abgesehen), dagegen ist es mit ausgangsbestimmungen immer üblich gewesen. in der bedeutung 'hin und her schwanken', von dingen, die häufig oder immer in bewegung sind, hat sich wanken bis in die neuere dichtersprache hinein erhalten, doch läszt die gewöhnliche sprache es jetzt hinter schwanken zurücktreten; ähnlich ist wanken von seelischen schwankungen als 'zweifeln, unentschieden sein' zwar noch bei unsern klassikern üblich, jetzt aber ungewöhnlich geworden. die ausdehnung der bedeutung 'hin und her schwanken' auf das hin und her gehen des menschen (abgeschwächt auf das gehen überhaupt) beschränkt sich auf das niederdeutsche, wo auch noch einige andere besondere bedeutungen von wanken entwickelt sind. für das hochdeutsche war es wesentlich, dasz wanken dann auch von dingen gebraucht wurde, die für gewöhnlich fest und unbeweglich sind, es machte sich dann das anfangsmoment besonders geltend, während die iterative auffassung zurücktrat, also 'erschüttert werden, locker, unfest werden', übertragen 'schwach, haltlos werden', auch (mit hinblick auf das endmoment) 'zu fallen drohen, den einsturz befürchten lassen'. diese inchoative auffassung steht jetzt im vordergrund, sie ist auch bei seelischen vorgängen noch durchaus üblich. von der haltung des menschen gebraucht ist wanken nicht nur 'unsicher gehen, taumeln', sondern auch 'den halt verlieren, straucheln, zu fallen drohen', ebenso von körpertheilen nicht nur 'schwanken, zittern', sondern auch 'haltlos, schwach werden'. der jüngste schritt in der entwicklung ist, dasz wanken als 'unsicher gehen' dann auch mit richtungsbestimmungen verbunden wird; es nimmt dann (unter dem einflusz von gehen) bei der perfectumschreibung sein zu sich, während es sonst immer mit haben verbunden wird.
1)
a)
wanken als 'eine einmalige bewegung nach einer richtung hin machen' (ohne den nebensinn 'zu fallen drohen' vgl. unten 4 c) findet sich nur vereinzelt in der älteren sprache:
nu hoͤrt von den lantherren min,
den uʒerwelten Francken,
wie ritterlichen wancken
man sach in die selben schar!
Joh. v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 16, 698 Regel (so öfter);
als 'eine bewegung zur seite machen':
dem einen eʒ an die kalwen saʒ,
der ander der ersach daʒ,
und sluoc dar einen grôʒen plaz
dem gesellen ûf den glaz.
der vogel hâte guoten sin
und wancte einsît hin.
des hundes not 180 Reiszenberger
(wo aber wancte auch zu wenken gehören kann vgl. mhd. wb. 3, 707); las deinen fus gleich für sich gehen, so gehestu gewis. wancke weder zur rechten noch zur lincken, wende deinen fus vom bösen sprüche Salom. 4, 27; (vgl. H. Sachs 19, 241, 16 Götze:
wanck weder zur rechten noch lincken,
so gehst du gwisz on alles sincken,
wo sich die bedeutung 'schwanken' einmischt);
der haiden rạtschlege
got sélzamer wege
verrút uͦnt zerreist:
der voͤlker gedanken,
so zuͦ boͤsem wanken,
ær bricht uͦnt zerschleist.
Melissus psalmen 119 (33, 10) neudr.;
ein herze, das sich auch zu denen nahe thut,
die bald zu ihme (Jesus) zu, bald wieder seitwärts wanken.
v. Zinzendorf teutsche ged. 278.
an den folgenden stellen mit richtungsbestimmungen ist bei wanken bereits von der bedeutung 'schwanken, sich schwankend neigen' auszugehen: da sie aber einen baum schier durgehauwen, sehen sie nachgehents zu einem jeglichen streich übersich, wohin er wancken wölle Heyden Plinius (1565) 166; bekenn ich dasselbige bei mir etwas zweiffelig und ungleichsinnig noch zur zeit geschaffen, auch derwegen mich gleichsam in der wag stehend, nun auf dise, dan eyn andere seit wanckend Fischart ehzuchtbüchlin 306, 20 Hauffen;
und sih, ob mein thun hinderwerts
auff einig seit woll wancken.
Dannhawer catechismus milch 2, 18.
nd. wanken als 'sich wohin begeben' s. unten 4 a.
b)
von einer bewegung in wechselnder richtung (vgl. oben sp. 1790 einen wanc tuon vom wilde):
ein wackrer jäger findet oft
ein besser wild als er verlangte;
doch träf' es sich, dasz unverhofft
statt wild ein mädchen vor ihm wankte,
so lasz er es nur ja nicht aus.
Stephanie singspiele (1792) 151.
c)
entwickelt ist wanken mit ausgangsbestimmungen.
α)
von jemand wanken 'sich von jemand entfernen', übertragen 'von jemand abweichen, abfallen':
die sich nicht von sunden bewarn
und also sie vorgosszen goddes,
dasz sie nicht achten sines geboddes
und alzit von em wancken.
Alsfelder passionsspiel 27;
von mir soltu nicht wancken:
umb dich da leide ich not.
bergreihen 20, 26 neudr.;
die sprach: von dir, mein hertz, begehr ich nicht zu wancken.
Zinkgref auserles. ged. 32 neudr.;
o vatter ...
geleit' uns, bleib bey uns, lasz uns von dir nicht wancken.
Opitz teutsche poem. 194 neudr.;
du hast geschworen viel tausendmal,
niemals von mir zu wanken.
Heine 1, 246 Elster.
etwas wankt von jemand 'entfernt sich von ihm, verläszt ihn, läszt ihn im stich':
ich mein den fleischlîchen sin,
der mit gîtigen gedanken
daʒ herze tuot von gote wanken.
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 2408 Weinhold;
lasz deine hut nie von mir wancken,
so soll dir hier und ewig dancken
mein leib, hertz, seel und sinn.
mediz. maulaffe (1719) 28;
darum, denke ich, konntest du wohl auch schon vertrauen zu mir fassen, das meinige wird von dir nie wanken H. v. Kleist briefe an seine braut 26 Biedermann. von etwas wanken 'sich von etwas entfernen, wovon abweichen':
hüter ist vergiszmeinnicht,
der vom bette wanket nicht.
Rückert werke 3, 31;
der beste kann ja leicht vom tugendpfade wanken.
Gottsched schaubühne 1, 240;
lasz darüm nicht die gedanken
von des höchsten gnade wanken.
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 86;
die Deutschen holten gar der weiber ausspruch ein,
und wolten, ohne noth, von ihrem schlusz nicht wanken.
die vernünft. tadlerinnen (1725) anh. 31:
wer wirft nun nicht einen topographischen risz ins feuer, der der schönheit wegen von richtigkeit wankt, für das auge spielet und den verstand unsicher läszt? Herder 2, 94 Suphan. 'von etwas abfallen, ablassen':
es weisz fast iedermann
in teutscher nation,
wie in dem land zu Franken
vil christen muszten wanken
von der religion.
Hartmann hist. volksl. 1, 16, 1 (1609);
o freunde laszt uns nie von unsrer ehrfurcht wanken.
Schiller 1, 47;
von keinem brauch der vorzeit mag er wanken.
Geibel 2, 265 (Julian);
wanke nicht von deiner lieb' und treu' Göthe 8, 135 (Götz 4) Weim. ausg. mit-innerem object:
dann werd' ich nie vom heiligen gedanken
an gott und tugend nur ein haar breit wanken.
Seume ged. 98.
seit dem 18. jahrh. erscheint die verstärkung von jemand oder von etwas wanken und weichen (seltener weichen und wanken), immer in negativer (oder hypothetischer) wendung:
wo sind sie, die vom breiten stein
nicht wankten und nicht wichen.
Höfling bei Böhme volksth. lieder 426;
du wirst nicht wanken und nicht weichen
vom amt, das du dir kühn erhöht.
H. v. Kleist (1863) 2, 498 (Hermannsschl. 5, 14);
sie ... ist sich aber immer selbst gleich, wankt und weicht nicht von ihrer art und weise Göthe briefe 35, 283 Weim. ausg.; Adam, ein schuft bist du, wenn du je von einem solchen ausbund von weibe weichst und wankst, und wenn es in Paris ehre und dublonen regnete Heyse nov. 1, 68.
β)
aus etwas wanken 'aus etwas heraustreten, etwas überschreiten':
(Melantheus) stiesz mit der ferse vor bosheit
ihm (Odysseus) in die seit'; allein er wankte nicht aus dem wege,
sondern stand unerschüttert.
Voss Odyssee 17, 234;
bildlich:
do begunde er suoʒe dœnen ...
da begunden herze und ôren
tumben unde tôren
und ûʒ ir rehte wanken.
G. v. Straszburg Tristan 3593;
mein leib ist ein spital, darinn die seele kranckt:
lasz deine gütigkeit ein pflaster mir bereiten,
und mache, dasz mein geist nicht aus dem wege wanckt.
Hoffmannswaldau geistl. oden 10;
wo die natur aus ihren grenzen wanket,
da irret alle wissenschaft.
Schiller 12, 288 (Wallenst. tod 3, 9);
und zagt nicht auch des forschers geist,
wenn alles wankt aus den geleisen,
die faust den knoten wild zerreiszt,
den nicht gelös't der rath der weisen?
Heyse 1, 132;
aus diesem punkte der einheit und des all ... dürfen wir nicht wanken Solger Erwin (1815) 1, 209. an der folgenden stelle kommt auch das nd. wanken 'gehen' (unten 4 a) mit in betracht:
lasz mich nirgends hin
aus der unschuld wancken.
S. Dach 232 Österley;
in den nächsten mischt sich die bedeutung 'erschüttert werden' ein: die welt wankt aus ihren fugen! H. v. Kleist (1863) 2, 251 (Käth. v. Heilbr. 5, 2); unsere herzen zergingen uns vor ruhiger wonne über diesen heiligen abend ..., über diese schöne erde und ihren schönen himmel, die beide zuweilen wie eine mutter sich nicht regen, damit das an sie gesunkene kind nicht aus seinem schlummer wanke J. Paul unsichtb. loge 3, 67. aus etwas wanken und weichen: sonst wank' und weich' ich nicht aus dem zimmer F. L. Schröder dram. werke 2, 264 (der ring 4, 5); ich finde mich bey einem gleichen lebenswandel ganz wohl und thätig, und wanke und weiche nicht aus meiner bahn Göthe briefe 29, 19 Weim. ausg.
γ)
daran schlieszt sich wanken mit einem dativ der person 'jemand entgehen, im stiche lassen, verlassen':
waʒ meinen der rebocke kint,
di da beide zweselinge sint?
dar an wil ich uch nicht wanken:
her meinet gute werk und gedanken.
Brun v. Schonebeck hohelied 3606;
aber Christus, deyn gott, wirt dir nit liegen noch wancken, und der teuffel wirt yhm seyne wort nit umbstoszen Luther 2, 716, 10 Weim. ausg.; mein felsz, darauf ich baw, stet fest, wird myr auch nit wancken noch sincken 6, 477, 33;
euch hat noch nie gewanket
die göttin, die ein rad und leichte flügel führt.
Fleming 1, 75 (poet. wälder III, 6, 46) Lappenberg;
sie die ächte tugend des weisen wanket ihm nicht — fliehet ihn nicht — höhnet ihn nicht ..., wenn die scheintugend, wie vor dem winde spreu hinweg flattert Schiller 1, 66. wie bei Luther 6, 477, 33 mischt sich die bedeutung 'schwanken, erschüttert werden' namentlich dann ein, wenn der dativ sich auf das subject zurückbezieht:
thaʒ in thiu muat ni wankôn,   sîn fasto in thên githankon.
Otfrid 2, 24, 15;
daʒ mir mîn lîp nû becranket,
und mîn craft mir wanket.
livländ. reimchron. 3664 Meyer;
und käm' die hölle selber in die schranken,
mir soll der muth nicht weichen und nicht wanken!
Schiller 13, 278 (jungf. v. Orl. 3, 9);
bei gott, mir weicht und wanket die vernunft.
Tieck schriften (1828) 2, 111.
ungewöhnlich mit einem sächlichen dativ:
was ich dir schuldig bin, ich hab' es nie
verläugnet; tief und ewig ist mein dank ...
doch eines ist, was ich versagen musz;
der ehre wank' ich nicht und wärs dein tod.
Uhland (1863) 3, 243 (Ludw. d. B. 5, 1).
in dem folgenden steht wanken (unter einflusz von wanken und weichen) für weichen, in dessen construction es eingetreten ist:
diese trieben, so grosz er war, so tapfer und glorreich,
dennoch ihn von sich. er schritt, der übermacht wankend, zurücke.
Bürger 228 (Ilias 5, 626).
δ)
in der neueren sprache kommt wanken und weichen 'weggehen' auch absolut vor, immer in negativer wendung:
heute will ich ihn halten, er soll nicht wanken noch weichen.
Göthe 50, 151 (Rein. Fuchs 10, 479) Weim. ausg;
wir haben neulich einen jungen mann ... erst sachte nach Jena mit gutem rath und ermahnung, und als er daselbst nicht wanken und weichen wollte, zuletzt ungern polizeylich weiter gewiesen briefe 22, 102 Weim. ausg. weichen und wanken geht zeitlich voraus: er wolle sich da ins wirtshausz legen und auff ihn zehren, wolle auch nicht weichen oder wancken, bisz er seine ... unkosten wider hab Schupp schriften 169;
tritt zurück, ich weich' und wanke nicht.
Shakespeare, Heinrich VI. 1, 1, 3;
unbestechbar stehen sie da, ohne zu weichen und zu wanken Herder 23, 189 Suphan; erzählte (er) bis tief in die nacht, und Hyazinth wich und wankte nicht, und wurde auch nicht müde zuzuhören Novalis 4, 21 Minor;
du wichst, du wanktest nicht.
H. v. Kleist (1863) 2, 387 (Hermannsschl. 1, 2).
in freierer wendung:
wach' ich ernstlich an der pforte,
dasz euch hier am lustigen orte,
nichts verderbliches erschleiche;
weder wanke, weder weiche.
Göthe 15, 40 (Faust 2, 1 v. 5499) Weim. ausg.
zuweilen selbst positiv:
recht! weichet, wanket, reiszet aus, wenn's seyn musz.
Grabbe 3, 284 Blumenthal (Marius u. Sulla 1, 4).
auch von dingen: da musz man also einen riegel vorschieben, einen von denen, die nicht weichen und wanken Immermann Münchh.² 4, 156. Göthe, der wanken und weichen sehr liebt, braucht gelegentlich einmal auch einfaches wanken in gleichem sinne: ich bin mit herz, sinn und gedancken nur an dem roman und will nicht wancken, bisz ich ihn überwunden habe briefe 10, 315 Weim. ausg. bei Rückert in verbindung mit gehen:
nein, treibt mich nicht vom thor zurück,
ich will nicht gehn noch wanken.
ges. ged. 4, 150.
vgl. auch unten 3 g wanken 'nicht stand halten'.
2)
bis in die neuere sprache hinein bezeichnet wanken, im eigentlichen sinn von gegenständen gebraucht, meist ein wiederholtes oder fortgesetztes schwanken, sich hin und her bewegen, nach dem der gegenstand wieder in die ruhelage oder gerade richtung zurückkehrt; in der gewöhnlichen sprache ist dafür jetzt schwanken oder (von raschen, kurzen bewegungen) wackeln üblich. auf diese bedeutung wird schon in ahd. glossen mehrfach hingewiesen (doch setzen die glossirten stellen z. th. übertragene verwendung voraus): wankon, wanchon steht für 'agitari, fluctuare, nutare, vacillare' Graff 1, 692; ebenso in frühnhd. glossaren: wancken, fluctuare Diefenbach gl. 240ᵇ, nutare 385ᶜ, vacillare 604ᵇ; ich wanck, vacillo, titubo Alberus dict. t 3ᵃ. in den groszen wörterbüchern wird wanken seit Hulsius und Schönsleder aufgeführt und vielfach neben schwanken, wanckeln oder wackeln verzeichnet; wie es hier an scharfer bedeutungsabgrenzung fehlt, so werden auch die bedeutungen 'nutare, vacillare' und 'labascere, titubare' meist nicht von einander gesondert.
a)
der iterative sinn kann durch zusätze noch besonders hervorgehoben werden: hin- und wiederwanken, in utramque partem toto corpore vacillare Stieler 2431; wancken hin und her, fluctuari, nutare Kirsch 2, 380ᵃ; auf beide seiten wancken, in utramque partem vacillare Steinbach 2, 924; etliche (advocaten) seynd wie ein wiegen, die allezeit da bald hin, bald her wanckt Abr. a S. Clara etwas für alle (1711) 1, 63;
und wenn mir die gedanken
vergehen wie ein licht,
das hin und her thut wanken.
v. Hippel lebensläufe 1, 51;
die blätter so an den bäumen hin und wieder wancken Zend. a Zendoriis teutsche winternächte (1682) 200 (andre beispiele im folgenden, bei übertragenem gebrauch s. unten 5). ferner wird er durch verbindung mit andern verben, die ebenfalls eine hin und hergehende bewegung bezeichnen, verdeutlicht. so ablautend winken und wanken (winken hat hier die bedeutung 'schwanken' s. Lexer 3, 907):
den vogel winken wanken
sah man uf dem tahtier (kopfschmuck des rosses).
Joh. v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 8098 Regel.
übertragen:
din houbet sol der touben   sich gelichen an zuht geberde
niht winken wanken nouben (d. i. uoben).
j. Titurel 1860, 2 Hahn;
sunst war ich wincken wancken
her und dar mit meinen synnen!
Hätzlerin liederbuch 2, 45, 292 (s. 209);
dasz er nit winck und wanck dar van.
Murner vier ketzer C 3ᵃ.
bei Uhland ist aber winken in seiner gewöhnlichen bedeutung zu nehmen:
herr bruder! und hast du noch keinen strausz,
dort winken und wanken viel blumen heraus.
wohlauf, du schönste von allen,
lasz ein sträuszlein herunterfallen.
ged.² 222.
ferner alliterirend wackeln und wanken: der tisch ist des teufels, er wackelt und wancket, wie ein krumper bettler am kirchtag Abr. a S. Clara Judas 3 (1692), 36. übertragen: aber wenn sich das ende herzu nahet ..., da wackelt und wancket die vernunfft Luther 28, 611, 14 Weim. ausg.; und wieder bald darauf nehmen wir unsern vorsatz wieder vor, und thun nichts als wanken und wackeln Bode Montaigne 3, 7. wabern und wanken: wie er den ersten strich (auf der fiedel) that, fieng alles an zu wabern und zu wanken Grimm hausmärchen⁵ 2, 145 (in der 1. aufl. 2, 137: da wankte alles und bewegte sich). wagen und wanken: (die jungen hirsche) haben die recht stärck noch nicht, mögen derwegen die schwere desz leibs nicht stet noch vest tragen, sondern wagen und wancken mit der klauen hin und wider new jägerbuch (1590) c 8ᵃ. weben und wanken: man sah den silbergrauen nebel drauszen in sich weben und wanken O. Ludwig 2, 616. wanken und wallen: auf diesen wust von bildern und farben, noch dazu wankend und wallend in einem betäubenden lichterglanze Stifter werke (1901 ff.) 1, 84. wanken und wogen:
ihm (Götz) steht entgegen, selbstgewisz in pracht,
des pfaffenhofes listgesinnte macht,
gewandter männer weltlicher gewinn
und leidenschaftlich wirkend frauensinn.
das wankt und wogt, ein streitend gleichgewicht,
die ränke siegen, die gewalt zerbricht.
Göthe 16, 282 Weim. ausg.
von reimenden verbindungen kommt mhd. schranken und wanken (übertragen) vor:
der wolte eʒ widerreden ie;
nune wiste er aber rehte wie:
der veige der begunde
mit zungen und mit munde,
mit rede und mit gedanken
schranken unde wanken,
er enkunde sprechen noch gelân,
er enwiste, waʒ gebærde hân.
G. v. Straszburg Tristan 11258.
jetzt häufig wanken und schwanken (auch schwanken und wanken): vom stosze wankte und schwankte das gerüst; übertragen: früh mancherlei wegen des entschlusses — gewankt und geschwankt Novalis 2, 74 Minor; es schwankte und wankte damals in dem bestehenden Gutzkow 4, 235; der heilige Gallus kann seinen weisesten schüler nicht länger drauszen lassen in der wankenden schwankenden welt, ihr seid heimgerufen! Scheffel Ekkeh. 347;
du hast mich geliebt, doch du liebst mich nicht mehr,
und äugelst nach andern gesellen.
was soll mir dein schwankender wankender sinn?
Geibel 3, 14.
weiter werden verbunden: wanken und schweben, wanken und beben, wanken und schlottern, wanken und zittern, wanken und zappeln, frühnhd. auch wanken und pampeln (z. th. übertragen): ein solches wanken und schweben bewegte sich vor den augen seines geistes Göthe 24, 345 Weim. ausg.;
siehst du von jenem baum den raben fliegen?
von seinem fortschwung wankt und bebt der ast
ein weilchen noch.
Lenau ged. 1, 108;
und wer mit dem teuffel streyten wil, der musz nicht hyn und her wancken und schlottern, sunder musz der sachen gewisz seyn Luther 12, 598, 10 Weim. ausg.; nur ein frommer sinn und die zuversicht auf gott mögen den muth und die kraft immer aufrecht erhalten, dasz sie auch im gröszten unglück nicht wanken noch zittern Arndt schriften 1, 279; aber wyr sind allenthalben schuldig, den armen, schwachen gewissen tzu dienen, das sie uberall ym glawben getröst, fest und bestendig seyn, nicht tzappeln noch wancken Luther 8, 525, 37 Weim. ausg.; aber abgötterei schwebet in der lufft, pampelt und wancket wie ein rhor oder schwebende brücken Mathesius Sarepta (1571) 102ᵃ; wenn ir dem wort glaubet, so werdt ir gewisz stehen, ohne zweifel seyn, werdt nit wancken oder pampeln 52ᵃ.
b)
wanken steht zunächst von dingen, die sich um ihren schwerpunkt bewegen, so von der wiege, die in bewegung gesetzt wird: die hin und her wanckende wiegen zeigt allbereit die unbeständigkeit desz lebens Abr. a S. Clara mercks Wien (1680) 14;
als schon zärtlich die lallende schwester ...
oft mit kindisch sorgsamer hand die wankende wiege faszte.
Stolberg ged. (1779) 288.
vom schiff, das sich in den wellen schaukelt: das schiff wankt, le vaisseau tangue Rondeau;
daʒ sie (die betrunkenen) wânten alle dô,
si wêren iezû an dem mer ...
der vierde sprach: 'eʒ ist der kîl,
der sust wankende gêt'.
'ein sturmweter uns bestêt',
sprach der funfte sâ zehant.
Wiener merfahrt 314 (Pfeiffers class. XII s. 225) Lambel;
wie auff den rauen gassen
desz bösen oceans ein schwacher nachen wankt,
der keinen botsknecht hat.
Fleming 144;
und kein bestürmtes schiff wankt in den wellen mehr.
Lohenstein Ibrahim sultan 32;
mitten im schimmer der spiegelnden wellen
gleitet, wie schwäne, der wankende kahn.
F. L. Stolberg 1, 319;
dann zittern die bräute nicht mehr in wankender gondel, sie fliegen
beherzt auf gleitenden wagen dahin.
Ramler 1 (1800), 13;
aber gestüzt von der hand des jünglinges traten die eltern
über den wankenden bord.
Voss ged. (1802) 1, 33;
als unser wankendes schiff, ihr brüder! die glatte see durchschwamm S. Geszner schriften 3, 134. selten vom wasser selbst: die wogen schauerten in verschlungenen ringen im kalten winde der nacht und wankten in einer düsteren dämmerung Tieck schriften 8, 123. von der hin und her schwankenden wage, gern in bildlichen wendungen:
und wie zwo schalen wiegend wanken,
so zweifelhaft blieb mir dein blick.
Schwabe belust. 1, 21;
das schiefe fenster zu Trianon entflammte einen neuen krieg, in dem die schale schon wankte Herder 23, 40 Suphan;
und schon wankte der sieg: wie's zünglein wankt an der wage,
gleichem gewichte zum spiel. dreymal erhob sich der kaiser,
schauend die wankende schlacht.
Pyrker Tunisias (1832) 4, 411.
im anschlusz daran der sieg wankt, die schlacht wankt: der sieg wanket, ist zweifelhaft, the victory ist dubious Ludwig 2377; der streit fängt an, der sieg wanckt auf beyden seiten bis zur mitte des tages Ramler einl. in die schönen wiss. 2, 140;
und der sieg wankt hin und her.
Lichtwer fabeln (1748) 120 (3, 18);
denn dort an den bebenden ufern
wankt seit tagesbeginn, wie langsam wandelnd gewitter,
dort auf schäumenden wassern die schlacht.
Hölderlin 1, 221 Litzmann;
don Alfonso ward gefangen,
und gefangen ward don Sancho,
jener von den Castiljanern,
von den Leonesen dieser,
und noch wankt das glück der schlacht.
Herder 28, 450 (Cid 25) Suphan.
in der wendung das glück wankt bildet das schwanken des glückrades den ausgangspunkt (doch können sich auch andere bildliche vorstellungen einmischen):
allein das rad des glückes wankt.
Gottsched neueste ged. (1750) 27;
wir blüh'n, ich und mein haus. doch zweifelhaft,
in eitlem unbestande wankt das glück.
Fouqué held des nordens 1, 83;
aber nicht blosz im wellenreiche,
auf der wogenden meeresflut,
auch auf der erde, so fest sie ruht,
auf den ewigen, alten säulen,
wanket das glück und will nicht weilen.
Schiller 14, 50 (braut v. Mess. 1, 7);
das glücke wanckt, incerta fortuna fluctuat Steinbach 2, 924. auch mehr mit der bedeutung 'droht sich abzuwenden' (vgl. 3):
sein hertz verliesz ihn nicht, schien gleich das glück zu wancken.
v. Besser schriften (1732) 1, 46;
das wankende glück unterstützen, fortunam labantem sustinere Steinbach 2, 925. von dem auf- und abgehen der wagschale kann auch ausgegangen werden bei wanken von dem hin- und herschwanken der preise L. Weyl der prakt. kaufmann (1844) 2, 67. von dem hin- und hergehen der magnetnadel, bildlich:
denn dasz ich, Julia, dich würde wieder sehn,
läszt, weil du selber siehst die hoffnungs-nadel wancken,
das schicksaal nimmermehr auf dieser welt geschehn.
Amaranthes ged. (1710) 1, 94.
c)
häufig von elastischen, an einem ende festsitzenden körpern, besonders von pflanzen und pflanzentheilen; die bewegung wird gewöhnlich durch den wind bewirkt, 'geschaukelt werden'. so von den ästen eines baums, von sträuchern:
wankend schüttelt ihr haupt mit falben locken die esche.
Stolberg ged. (1779) 289;
da rauscht es! da wanken auf jeglichem baum
die äste.
J. G. Jacobi werke (1807 f.) 3, 40;
sanft wankt im winde,
an wurzeln fest,
der baum.
Rückert ges. ged. 6, 349;
weisze säulen hoben in der mitte der insel einen griechischen tempel unbeweglich über alle wankenden gipfel hinaus J. Paul Hesperus 1, 219;
der birkenbusch wanket am flüsternden hain,
G. W. Becker bei Böhme volksthüml. lieder 168;
ein rebennetz verbirgt das nied're dach
und ringsum blüh'nde jasminstauden wanken.
A. v. Droste-Hülshoff 2, 38 Kreiten;
die rothe wange war von dem wankenden buchlaube lieblich beschattet Ch. v. Schmid schriften 2, 208. von einem kornfeld, von kräutern, gräsern, vom schilfrohr:
wancken wie im feld die reiche sath,
wenn sie der wind gerühret hat.
Froschmeuseler Q q 5ᵃ (III, 1, 10);
wankende saaten umrauschen dich (die Donau) jährlich.
F. L. Stolberg 1, 207;
und sie freuten sich beide des hohen wankenden kornes.
Göthe 50, 252 (Herm. u. Dor. 8, 7) Weim. ausg.;
disteln wanken einsam auf der stätte.
Matthisson schriften (1825) 1, 50:
freundin! wankt, im abendwinde,
bald auch gras auf meiner gruft.
v. Salis ged. (1793) 33;
da sie einmal in dem dürren grase saszen, und die hohen halme wankten Stifter werke (1901 f.) 5, 1, 268; so keusch wie wankendes schilf, das auch vor dem geringsten windhauche sich zurückbiegt Fr. Müller 1, 143;
kaum noch wankte das rohr, und der see ward glatt wie ein spiegel.
Voss Luise 1, 502;
nun rauschen der quellen
entwinterte wellen
durch wankendes rohr.
Matthisson schriften (1825) 1, 23.
auf den flusz übertragen:
längs dem rauschenden flusz, der hinabschosz, wankend von schilfrohr.
Voss Ilias 18, 576.
auch von blumen:
seht, wie sie auf den schwanken stielen,
wenn laue westen-winde kühlen,
sanft wankend, glänzen, schimmern, spielen.
Brockes ird. vergnügen 8, 42;
blumen wanken unter grünen kräutern.
Hölty 106 Halm;
der wiesen heit're blümchen wanken,
wenn sie des zephyrs hauch geküszt.
Körner 1, 155;
im morgenwinde sah (ich) blumen wanken.
Hebbel 6, 526 Werner;
blumen, die all auf ihren feinen stielen im abendschein wanken Bettine Cl. Brentanos frühlingskranz 61;
perlen streut ihm der thau, färbt sich zum edelstein
auf dem wankenden tulpenkelch.
v. Salis ged. (1793) 76;
das beet schon lockert
sich's in die höh,
da wanken glöckchen
so weisz wie schnee.
Göthe 3, 38 Weim. ausg.;
rose, liebste mädchenblume!
an gesträuchen blühend dichte
wankst und zitterst mit den knospen.
Tieck schriften 2, 273;
ihr bunten schmetterlinge! haschet euch im blumenhain, und paart euch auf wankenden lilien S. Geszner schriften 3, 64;
der mohn
erhebt sein wankend haupt.
Herder 27, 41 Suphan.
auch von dem auf den blumen liegenden thau: der wankende thau erbebte mit tausend blendenden strahlen Tieck schriften 4, 328. die bewegung kann auch durch wasser bewirkt sein: sieh, wie der klare bach stäubend ins wankende gesträuche sich stürzt S. Geszner schriften 1, 16;
nur einzeln grünten noch im hain
die buchen und die jungen main;
und kresse wankt' in hellen
umblümten wiesenquellen.
Voss ged. 4, 87.
oder von der schwere einer frucht:
reben, hoch voll trauben rankend;
pflanzen, von der bürde wankend (bowing).
Shakespeare, sturm 4, 1.
zuweilen schlieszen sich richtungsbestimmungen an:
in des brombeergesträuches schatten
deckt sie (die trümmer) schutt und erde,
und hohes gras wankt drüber hin.
Göthe 2, 173 Weim. ausg.;
in den reben lieg' ich hier,
grün und gelb umrankt,
wo die schwere traube mir
um die lippen wankt.
W. Müller ged. 431 Hatfield.
d)
von federn, die durch den luftzug bewegt werden: 'wanken und spielen diese federn nicht zum entzücken?' sagte gestern mein geputztes Lottchen zu mir und nickte so freundlich mit dem hochgefiederten köpfchen Kretschmann werke (1784 f.) 5, 416;
die rechte läszt den grusz ergehn,
sein helmgefieder wankt.
Uhland ged.² 214;
und bunte fahnen fliegen durch das grün,
und federbüsche wanken, goldne rüstung.
Tieck schriften 1, 408.
von geweben, geflechten: aber etliche (markscheider) binden die schnuͤr (beim ausmessen der gänge) an die staͤb, damit sie desto minder wancken Agricola bergwerckbuch verd. durch Bech (1621) 107;
wann nun die jäger den forst mit wankenden netzen umkreisen.
Bürger 246 (Dido 136).
e)
von herabhängenden gegenständen, die hin und her geschaukelt werden:
guitarre, wie du hängst so traurig!
die saiten tönen nimmermehr,
die längst zerriss'nen wanken schaurig
im abendwinde hin und her.
Lenau ged. 1, 66;
er sah sein richtschwerdt, das allein in dem schrank an einem nagel hing, hin und her wanken Brentano 4, 197; um die herde, über denen die groszen kessel wankten, lagen die hirten mit ihren familien und schliefen Heyse nov. 2, 1.
f)
gern vom flackern einer flamme oder des feuers:
und wankt der kerze flatternd licht,
das ist mein geist, o zweifle nicht.
Matthisson ged. (1797) 156;
schon wieder, flämmchen, fängst du an zu wanken
und flackerst, wie vergehend, mit den strahlen.
F. Kind ged. (1817 f.) 4, 63
dann auch von dem hin- und hergehen eines lichtschimmers:
in meinem wald sind keine vogelchöre,
da nur verlorne schimmer drinnen wanken.
Geibel 2, 100;
ob denn vorhin mich wirklich nicht das gaukelnde morgenroth betrogen hat, oder jetzt der wankende feuerschimmer! Fouqué altsächs. bildersaal 4, 53; lange konnte er vor dem ungewissen wankenden schein die gestalten nicht näher prüfen Tieck ges. nov. 6, 242; dort sah ich ein licht was im grunde des holzes wankte Bettine Cl. Brentanos frühlingskranz 58; dann liesz er alle fensterlehnen niederfallen, dasz wieder nichts, als das geheimniszvolle spiegellicht auf dem estrich wankte Stifter werke (1901 f.) 2, 116; jetzt fiel der schein einiger hin und her wankenden lichter in das dunkle zimmer Heyse kinder der welt 2, 298;
das mondlicht wankt; des klosters spitzer bogen
hat fern im grund den schattenkreis gezogen.
F. Kind ged. (1817 f.) 2, 217.
mit richtungsbestimmungen:
gar seltsam bleich erschien mir das gesicht
des eremiten, der mir trat entgegen.
es wankt um ihn ein zweifelhaftes licht.
Lenau ged. 2, 367;
nun ging endlich drinnen hinter den holzhaufen eine thür, ein lichtschein wankte ihm entgegen Heyse kinder der welt 1, 325. ähnlich vom schwanken eines schattens:
itzt wird der südwind mich nicht mehr aus regen büschen,
davon der schatten wankt, in ihrem arm erfrischen.
E. v. Kleist (1766) 1, 65;
elfen, mit veilchen bekränzt, tanzeten reihentanz
durch die silberbesäumten
wankenden schatten des eichenhains.
Hölty 48 Halm;
schöner das sanfte gekräusel der flut, wenn ihr flimmernder schatten
wankt auf kiesigem grund' unter das rege gebüsch.
Voss ged. (1802) 3, 155;
wann mein liebchen mit dem schlanken
wuchse meinem grab sich naht,
wird zipressenschatten wanken,
wo ich schlummre, früh und spat.
Rückert ges. ged. 4, 207;
(er) sieht des waldes schatten wanken,
unstet wechselnd hin und her.
Lenau ged. 2, 402;
von des gebälkes sparren läszt
die leuchte irre schatten wanken.
A. v. Droste-Hülshoff 2, 381 Kreiten.
hierher auch:
und an der wand mit glut bestralt,
sich wankend laub und vogel malt.
Voss ged. 6, 193.
von dem hin- und herschwanken wahrgenommener bilder: wo ... kohlenleuchten und wanken finsterer priestergestalten die nähe eines ... götzenopfers verrieth Fouqué altsächs. bildersaal 2, 601;
dann zerstört auf ein mal der gedanken
flüchtigster an dich des festes glanz,
alles seh ich durcheinander wanken,
priester, kerze, rauchfasz und monstranz.
Bürger 99ᵇ.
bildlich:
aber die bilder, die ungewisz wanken
dort auf der flur der bewegten gedanken,
in des mannes verdüstertem blick.
Schiller 11, 34 (würde der frauen);
der teufel ging vorbei von fern;
ihn kümmert engel nicht und stern,
es mochten andre bilder und gedanken
durch seine düstre stirne wanken.
Pichler marksteine (1874) 16.
g)
von himmelskörpern 'sich hin und her bewegen':
die fixstern all' in bitt'rem hohn
betrachten mich (den kometen) wie einen verlorenen sohn,
sie sagen, ich thät wanken
und hin und wieder schwanken.
Scheffel gaudeamus³⁷ 18,
vgl. wankender stern unten 7;
am himmel ist geschäftige bewegung,
des thurmes fahne jagt der wind, schnell geht
der wolken zug, die mondessichel wankt,
und durch die nacht zuckt ungewisse helle.
Schiller 12, 373 (Wallenst. tod 5, 3).
mehr inchoativ 'in bewegung geraten':
könnte geschrey dich wecken; so schrie' ich,
dasz die sterne wankten.
Schubart ged. (1825) 2, 253.
von der luft, den wolken: plötzlich ging es vom sterbebette der sonne kühl wie aus einem grabe daher, das hohe luftmeer wankte J. Paul Hesperus 2, 248;
allein die wolken sind bestellt zu wanken,
gleichgültig hoch, wie ruhige gedanken.
Immermann I, 2, 63 Koch (Merlin);
herbstnächtliche wolken, sie wanken und ziehn.
G. Keller 9, 61.
h)
zur folgenden bedeutung leitet es über, wenn es von gegenständen, die eigentlich festsitzen, von geräten, die eigentlich feststehen sollten, heiszt, dasz sie wanken 'wackeln': das bret wanket, the plank roks, it sits loose Ludwig 2377; das gitter scheint nicht besonders fest. (er rüttelt daran.) wahrhaftig es wankt! Raupach dram. werke kom. gattung 4, 192; wie er nahe an meines vaters sarg kam, wankte der deckel v. Hippel lebensläufe 3, II, 121; der tisch, der stuhl wanket Adelung ('in der edlern schreibart');
sieh, wie tisch und flasche wanken!
Lessing 1, 80;
als das geplagte bett' ohn ende wankt und tröhnt'.
Schwieger (Stieler) geharnschte Venus 121 neudr.
bildlich:
wird ...
niemals, weiszt du's gewisz, wanken das ewige steur?
Schiller 11, 70 (natur u. schule).
von dingen, die getragen werden:
rückt den korb, dasz er nicht wanke,
sich bequemer auf dem kopfe.
Brentano schriften 3, 77.
3)
wird wanken von dingen gebraucht, die für gewöhnlich fest und unbeweglich sind, so tritt in der bedeutung das anfangsmoment besonders hervor, also 'in bewegung geraten, erschüttert werden', auch 'unfest, locker, haltlos werden'; dagegen konnte der iterative charakter des wortes in diesem falle nicht zum ausdruck kommen, da die bewegung entweder wieder auf hört oder zum falle, einsturz, zur auflösung usw. führt, auf dies endmoment weist dann auch die bedeutung öfters hin, also 'sich zum falle neigen, den einsturz drohen, beginnen sich aufzulösen, auseinander zu gehen' u. dgl. diese bedeutung geht auch bis auf die ahd. zeit zurück. die wörterbücher deuten sie besonders durch 'labascere, inclinare se, titubare' (s. 4, b) an.
a)
von der erde, dem grund, dem boden 'in schwankungen geraten, erschüttert werden'; du diê erda gefestenotost ... non inclinabitur in seculum seculi, furder newanchot sî Notker 2, 434, 21 (psalm 103, 5) Piper;
er trat herab, da wankete die erde.
Herder 12, 314 Suphan;
es wanket grund und dach und pfeiler und gewölbe.
Gottsched ged. (1761) 295;
der boden wankt! das offene gewölbe zittert!
Ramler bei Gerstenberg (lit. denkm. 128) 84.
gern in bildlichen wendungen:
doch ach — es wankt der grund, auf dem wir bauten.
Schiller 14, 283 (Tell 1, 2);
da ich mich aber mit dem spezial Zilling ... durchaus nicht stellen wollte, so wankte bald der boden, auf dem ich stand Schubart leben und gesinnungen 1, 144; er sah sich da von einem netz umstrickt ..., fühlte den boden unter sich wanken Gutzkow ritter vom geist² 3, 126;
wie morsche, glühn'de asche ist mein leib,
und unter meinen füszen wankt der boden.
Heine 2, 252 Elster.
im folgenden ist die bedeutung mehr 'die festigkeit verlieren, in sich zusammensinken': sie näherten sich auf wankendem boden einem groszen stein Hauff märchen 2, 96 Hempel. ähnlich:
Stüssi. ein ruffi ist gegangen
im Glarner land, und eine ganze seite
vom Glärnisch eingesunken.
Tell. wanken auch
die berge selbst? es steht nichts fest auf erden.
Schiller 14, 392 (Tell 4, 3);
tausend gefahren (in den Alpen) bestehen — den glatten abhang, den wankenden schnee Hehn Italien⁵ 216.
b)
von einer stadt, einem haus, gebäude, einem pfeiler, einer säule: ein haus das da wanket, a tottering house Ludwig 2377; das gebäude wancket, aedificium titubat Steinbach 2, 924;
seht! Babel wankt, und sinkt, und fällt,
dasz grund und catacomben beben.
Gottsched ged. (1761) 293;
und türme wanken, städte sinken,
länder zerschmettern sich, wenn ich ergrimme.
Hölderlin dicht. 1, 46 Litzmann;
horch, wie er athmet! schnauft, sich wirft, dasz das zelt wankt Klinger neues theater 1, 248 (Pyrrhus 1);
deiner pforten letzte bogen
wanken unter epheulast.
Greif gedichte² 163.
in bildlichen wendungen:
ich sinn' umsonst, jedes rathes entrathen,
wo ich der sorge steuer
hin wenden soll, während wankt der pallast.
Droysen Äschylus (1841) 101;
es wankt das ganze haus,
du thust nicht einen streich, und gibst am meisten aus.
du lebst in tag hinein; fehlt dir's, so machst du schulden.
Göthe 9, 48 (mitschuldige 1, 2) Weim. ausg.;
viele häuser können falliren, andere wanken und den kredit verlieren Hauff 7, 135 (mem. des satan) Hempel;
mein vertrauen gründet sich
auf zwey pfeiler, die nicht wancken.
Günther ged. 90;
die grundpfeiler deiner stolzen weisheit wanken in meinem gehirne und herzen, alle die prächtigen palläste, die du bautest, stürzen ein Schiller 4, 34 (philos. briefe); an die stützen, die wir wanken fühlen, klammern wir uns doppelt fest v. Ebner - Eschenbach 1, 70; der liebende mann hat sein ganzes daseyn auf das herz eines weibes gestüzt, wankt und bricht nun diese säule unter ihm, dann stürzt er in den leeren raum Börne schriften (1829—34) 4, 65. an das wanken von geschäftshäusern schlieszt sich an: wanken, von firmen (auch in der bedeutung 'falliren') Eitzen wb. der handelsspr. 840ᵃ; wie viel wankende theaterkassen dadurch (durch den Freischütz) aufrecht erhalten worden sind, ist bekannt Kind Freischütz - buch 13; der kredit wankt Riehl d. deutsche arbeit (1861) 268 (vgl.wankend 7 a β).
c)
von einem baum, der umstürzt:
wie wenn ein cederbaum, der schirm und schatten macht,
durch donner oder sturm wanckt, splittert, sinckt und kracht.
Günther ged. 800;
bildlich: der mann mit den drei unterkinnen ... hat die axt an meine wurzeln gelegt und so mächtige hiebe darauf geführt, dasz ich meinen wipfel wanken fühle Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 254. von einem kegel, der getroffen wird: mit einer mächtigen kugel, welche die übrigen narren mit komisch heftigen gebärden herbei wälzten, versuchte nun mancher ritter und bürger nach den neun kegelnarren zu schieben, aber nicht einer wankte G. Keller 2, 195. von einem umfallenden fuhrwerk:
da reiszt es (das rosz) schüchtern aus. das goldne fuhrwerk
(der schlitten) wanket,
die schöne, die er fährt, wird in den schnee gelegt.
J. E. Schlegel 4, 69.
d)
von dingen, die locker werden z. b. von einem eingeschlagenen nagel: nun wird kein nagel so feste eingeschlagen, das er mit der zeit nicht einst solte wancken Butschky Patmos (1677) 145. von einem zahn (wankend nähert sich hier dem adjectivischen gebrauch): sie wolle sich einen vesten (zahn) heraus reiszen lassen, und euch dadurch überzeugen, wie leicht solches mit einem wankenden angehe v. Petrasch lustspiele 2, 142 (d. beruf 1, 4); diejenigen von unsern leuten, die zu Mallicolo vom rothen seebrachsen vergiftet worden, ... fühlten noch jede nacht schmerzen in den gliedern, klagten über wankende zähne G. Forster schriften (1843) 2, 195.
e)
übertragen steht dann wanken in der bedeutung 'den halt verlieren, gefährdet werden, schwach werden': eine sache, die wanket, keinen sichern grund hat, den einfall dräuet, château branlant Rondeau. von bildlichkeit kann noch ausgegangen werden beim wanken des throns, der krone:
er straft. es zittern königreiche, thronen wanken,
und städte, die er bis zum himmel hob,
versinken.
Giseke poet. werke (1767) 100;
es wankt zuletzt der thron.
Göthe 16, 24 (jahrmarktsfest zu Plundersweilern 331) Weim. ausg.;
setzten ihn (Italicus) noch einmal die Langobarden auf den wankenden herrschersitz Mommsen röm. gesch. 5, 132;
gewaltig über alle himmel fest,
wankt nie sein (Zeus) stuhl.
Fr. Müller 2, 236;
seine crone wanket, es scheint er werde nicht könig bleiben, his crown totters Ludwig 2377;
doch ewig wankt die kron' auf meinem haupt,
so lang sie lebt.
Schiller 12, 465 (Maria Stuart 2, 5);
die feder wuchs und wuchs: sie reichte bis nach Rom, sie berührte die dreifache krone des papstes und machte sie wanken Ranke werke 1, 211. dann auch ein reich, ein staat wankt:
ja farent wankônti   in anderên bi nôti
thisu kuningrîchi   joh iro guallîchî.
Otfrid ad Ludowicum 69;
zwey reiche fiengen an vor seiner macht zu wanken.
Neukirch ged. (1744) 228;
die geschichte weisz, dasz in der zweiten hälfte des vierten jahrhunderts unaufhaltsame schwärme von Gothen das wankende römische reich in allen seinen fugen erschütterten J. Grimm kl. schr. 5, 373; unter unendlichem gelächter einander zurufend, dasz die pferde schon, um derentwillen der staat wanke, an den schinder gekommen wären H. v. Kleist (1863) 3, 104;
die herzen dem regenten zu erhalten
ist jedes wohlgesinnten höchste pflicht,
denn wo er wankt, wankt das gemeine wesen.
Göthe 10, 265 (nat. tochter 1, 5) Weim. ausg.
auch autorität, ansehen usw. wankt: Philistus hielt davor, dasz eh ein solcher schritt gewaget werden dürfe, das volk beruhigt, und die wankende autorität des prinzen wieder fest gesetzt werden müsse Wieland Agathon (1766) 2, 137;
der bürger anzahl schmelzet, der städte ansehn wankt.
Dusch werke (1754) 94;
ja, herr Opitz, eurer kunst
mag es Deutschland einig dancken,
dasz der frembden sprachen gunst
mercklich schon beginnt zu wancken
und man nunmehr ins gemein
lieber deutsch begehrt zu sein.
S. Dach 713 Österley;
darumb mus das gesetze wancken, und kan keyn recht zum ende komen Luther 19, 361, 27 Weim. ausg.; wenn die religion in einem lande wankt, so wankt sie nicht allein Schiller 7, 104.
f)
an wanken, das im vorausgehenden behandelt ist, können sich auch noch verdeutlichende bestimmungen (mit in) anschlieszen:
bis dasz die welt in ihren fugen wanke.
Gottschall ged. (1849) 54;
eingefallen sind der herrschaft stützen,
und in seinen vesten wankt das reich.
Körner 1, 227;
wir hatten schon beim vorparlament ... die versuche zur republikanisirung Deutschlands vereitelt und die throne — die damals in ihrem tiefsten grunde wankten — gerettet K. Biedermann erinn. aus d. Paulskirche 288.
g)
hierher gehört auch wanken von einer schlachtreihe oder einer kriegerschar 'den halt verlieren, aus der ordnung kommen': und hierumb fieng der mehrertheil under den Frantzosen an zu wancken Amadis 1, 95; hette vermuthlich des feindes sämbtliche reuterey, so ... allbereit hefftig gewancket, in die flucht können gebracht werden v. Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 41; oft hatte er (Alfred) seine wankenden völker einzig von der flucht abgehalten, indem er die standhafte stirne dem eindringenden feinde entgegen sezte Haller Alfred d. gr. 91;
sobald der feind,
gedrängt von Truchsz, in seiner stellung wankte.
H. v. Kleist 2, 305 (prinz v. Homb. 2, 5);
schon wanken die feindlichen reih'n,
und das wanken wird flucht und die flucht wird lauf.
Geibel 4, 254.
unpersönlich es wankt:
die städter han vernommen das seltsam list'ge wort.
„wer flieht?“ so fragen alle, schon wankt es hier und dort.
das wort hat sie ergriffen gleich einem zauberlied,
der graf und seine ritter durchbrechen glied auf glied.
Uhland ged.² 374 (Döffinger schlacht).
dann auch von einem einzelnen 'im widerstand schwach werden, zurückweichen':
sucht Pallas liebling auf, der für sein erbe streitet,
und, eurer macht zu klein,
und von verschwornen barbarn überfallen,
einst wanken musz.
Ramler lyr. ged. (1772) 118;
des helden bogen liegt zerbrochen da,
und die da wankten, gürtet' er mit kraft.
Herder 12, 199 Suphan;
die landesgesetze waren sehr streng: wer in der schlacht wankt ..., dem wird ... der hals abgeschnitten Ritter erdkunde 2, 1136. übertragen:
wan Teutschland wolt witzig werden ...
nicht nach alamode gehn ...
Wälschland müszt' ohnmächtig wancken;
das es aber jetzt obsiegt,
euch in ewrem land bekriegt,
das habt ihr euch selbst zu dancken.
Philander 2 (1650) 176.
wanken und weichen (s. oben sp. 1823):
doch stehn wir wie die mauern
und wanken und weichen kein schritt.
v. Ditfurth volksl. d. bayer. heeres 92.
h)
leib, kopf, gemüt, sinn wankt 'wird erschüttert, nimmt ab, wird schwach' u. dgl. reiht sich den übertragenen gebrauchsweisen an (vgl. auch unten 5 b):
ave Maria! maget, min leben kranket,
min gebeine wanket.
minnesinger 3, 343ᵇ Hagen;
der sinnen hausz, das hirn, die werckstatt der gedancken,
ist zweyfach eingehüllt, so dasz es nit bald wancken,
noch schaden nemen kan.
Opitz poem. (1629) 1, 37;
so truckt des neides joch
das traurige gemüht in trangsal bis es wancket
und bisz auch wol der leib zuletzt darob erkrancket.
Rompler v. Löwenhalt reimgetichte 44;
dem Reiniken begunt sein müthlein fast zu wanken.
Reinicke fuchs (Rostock 1650) 285;
denn ohne dich zu seyn, ist ärger als der todt.
die sinne wancken mir, die feder wil nicht schreiben.
Hoffmannswaldau heldenbr. (1696) 127;
da er sieht die heil'gen rosen,
fühlt er seine sinne wanken.
Brentano schriften 3, 270.
i)
die gesundheit wankt, die kräfte wanken: meine jugend ist hin, meine gesundheit wankt Caroline hg. v. Waitz 1, 141; das harmonische gleichgewicht der körperlichen und geistigen kräfte war zerstört; die gesundheit begann zu wanken, seitdem ich mich dem sonst so gewohnten leben in der freien natur entwöhnte Gervinus leben 70; nehmt mir nicht übel, schulmeister! dasz ihr mich auf dem bette findet, ich bin alt und meine kräfte wanken Jung Stilling 1, 132;
doch wenn vernunft und witz, wenn geist und leben wankt,
so weisz die heylungs-kunst uns hülflich beyzuspringen.
Weichmann poesie d. Niedersachsen 1, 115;
mich hat ein groszer sturm gefaszt, er beugt
mein wankend leben tief zur gruft.
H. v. Kleist (1863) 1, 155 (fam. Schroff. 5, 1).
k)
alles wankt:
fluchwürd'ger argwohn! unglücksel'ger zweifel!
es ist ihm festes nichts und unverrücktes,
und alles wanket, wo der glaube fehlt.
Schiller 12, 265 (Wallenst. tod 2, 7);
jetzt war auch diese summe gefährdet, die letzte sicherheit war verschwunden, alles um ihn wankte Freytag 5, 470; ein fester groszer mann, der sicher stand als alles wankte Chrysander Händel 1, 19.
4)
besonders häufig wird wanken von den bewegungen des menschlichen und thierischen körpers gebraucht. es zeigen sich dabei mehrere (nicht immer scharf zu sondernde) bedeutungen, von denen einige erst in der neueren sprache hervortreten, andre dialektischen charakter haben und nur wenig in der litteratursprache eingang gefunden haben.
a)
die bedeutung 'hin und hergehen' gehört dem niederdeutschen an, aus ihr sind einige andre bedeutungen geflossen, die gleich hier mit angereiht werden sollen. dies nd. wanken wird im 16. und 17. jahrh. öfters von autoren niederdeutscher herkunft auch litterarisch verwendet, so von Heinrich Julius von Braunschweig, dem Altmärker Prätorius, dem Magdeburger Rollenhagen, dem Brandenburger Ringwalt, dem Hamburger Rist, den Preuszen Albert und Dach, aber auch dem Hessen Waldis (der auch nd. schreibt) und dem Rheinländer Spee. von lexicographen führen Schottel und Stieler dies wanken an (s. unter α), ohne ihm dialektischen charakter beizulegen. in neuerer zeit haben besonders Voss und Immermann, gelegentlich auch andre Niederdeutsche, von dem wort gebrauch gemacht, das trotzdem dem hochdeutschen im grunde fremd geblieben ist. dagegen kommt es im niederländischen vor und ist auch in die neunordischen sprachen übergegangen: dän. vanke om 'umherwandern', schwed. vanka 'gehen, trollen, laufen'.
α)
der iterative sinn 'hin und hergehen, umherwandern, reisen', tritt besonders im mnd. hervor. wanken wird gern mit bedeutungsverwandten verben verbunden und steht häufig von den fahrten der kaufleute: de ghemene kopman ... moge trecken, varen, wancken, keren unde vormeren (sich aufhalten) ane alle gheverde Cassel, Brem. 2, 297 bei Schiller-Lübben 5, 591; riden unde wanken to lande unde to wateren Lüb. chron. 2, 204 ebenda; moge fri reysen unde wanken in syner f.gn. landen meckl. jahrb. 3, 186 ebenda; mach eyn itlick part unde de ohre ... in des andernne lande unde gebedenne wancken, waghen, handeln, kopen unde vorkopen urkunde von 1500 ebenda; de wankende man 'kaufmann' Lübben handwb. 553. doch auch im allgemeineren sinne:
bi nacht to wanken bringet var.
Reineke vos 994;
dat he (der freigelassene) nu vortmer mach gan, stan, wesen, wonen unde wanken in allen vrigen wikbolden, sloten unde steten urkunde von 1485 bei Grimm d. rechtsalt.⁴ 1, 458; so he denne olders und unmacht halven synes lives buten unser stad nicht wanken kan urkundenbuch der stadt Halberstadt 2, 438 (1500) Schmidt. zu 'wohin gehen' abgeschwächt: ick wil dyn beschermer syn also wor du henne wankest oder wanderst Locc. erz. bei Schiller-Lübben 5, 591. in neueren belegen tritt der iterative sinn 'hin und her ziehen, hin und her gehen', der durch zusätze näher angedeutet werden kann, auch hervor: dann zu Dantzig mancher hand volck und leute verkereten und wancketen Schütz hist. rer. pruss. 8 Bb 1ᵇ;
denn wer itzt wancket in der welt
und weit zihen mus über felt
und weisz sich nicht mit mancher list
zu schicken wie die glegenheit ist,
der komt in bschwerliche noth.
Froschmeuseler J 8ᵇ (I, 2, 7);
ohn sinn und ohn gedancken
die Merg (Maria), ohn seel und hertz,
bald hin, bald her geht wancken,
geht schweben allerwerts.
Spee trutznacht. 59;
schier ohn sinn und ohn gedanken,
offt er auch ohn leben schier
geht in wilden wälden wancken,
nur beklagt disz einig thier.
238;
man sagt: so mancher kopf, so mancherley gedancken,
so mancher sinn und muht, so manches stehn und wancken.
Rist poet. lustgarte D 4ᵇ;
Celinde. nun, mutter, warum wankst du bei der nacht?
Tyche. ich will Johanniswasser schöpfen gehen.
Immermann Cardenio und Celinde 1, 5;
weil ... Sebaldus ... in der nachbarschaft von Bremen eine zeit lang herumgewankt hat Nicolai Sebaldus Nothanker² 1, vorrede 4ᵃ. von einem hin- und herziehen im körper:
er (Amor) wird wancken hin und her,
nehmet sein wol war!
in den augen, ohngefehr,
wird er offenbahr,
drinnen der geschwinde schütz
seinen bogen spannt ...
auf der zungen wird er offt
auch zu finden seyn ...
dem hand-drücken keiner traw'! ...
H. Albert, Königsberger dichterkreis 97 (3, 22) neudr.
um einen wanken:
(gott) ... ihn gnediglich erlös
von den pfaffen und mönchen bös
und von andern papisten mehr,
die teglich wancken umb ihn her.
M. Agricola musica instrum. deutsch 147 neudr.
daneben tritt auch die bedeutung 'sich wohin begeben, wandern' hervor: wanken, compluries pro ire, gradi, et spatiari sumitur. wo wankstu hinaus, quo vadis? Stieler 2431;
ja sie (die seligen) vermügen schnell zu wanckn,
wo hin sie haben ir gedanckn
und wo sich nur ir leichter sinn
im augenblick thut wünschen hin.
Ringwaldt christl. warnung (1590) E 5ᵃ;
lässt gottes eifer sich
in aller welt nicht finden?
er kömmt zuvor den winden
und kan viel schneller wancken,
als menschen mit gedancken.
S. Dach 369 Österley.
übertragen die gedanken wanken 'richten sich' auf etwas:
nimm du mich, mein gott, mir selbst,
und gib heilige gedancken,
dasz bey dieser andacht sie
nicht auf fremde sachen wancken.
B. Schmolcke schriften 1, 66;
wie ich denn auch recht frey und glat
viel freyer und liebkoser hat,
die ire augen und gedanckn
gar nerrisch lieszen auff mich wanckn.
Ringwaldt christl. warnung (1590) H 8ᵃ;
so lies ich meine meist gedanckn
auff ecker, pferd und ochsen wanckn.
J 4ᵃ;
sondern es sol ein jeder christ
nur das allein was droben ist
ersuchen und all sein gedanckn
uff gottes freundschaft lassen wanckn.
laut. warh. (1598) 18.
von der seele eines sterbenden: liegt ein mensch in den letzten zügen, dasz leib und seele sich bald scheiden müssen und hat er dann noch einen wunsch, entweder seinen freunden lebewohl zu sagen oder sonst irgend etwas zu verrichten, so geht seine seele wanken Jahn volkssagen aus Pommern u. Rügen² 501. aus den neueren dialekten wird meist die bedeutung 'hin- und hergehen, umherwandeln', auch spec. 'spazieren gehen', doch auch nur 'gehen' angegeben, so für das südl. Hannover Schambach 285 (düt is en schöæne winter, ein kan doch jümmer wanken, wer in der stad rüm wanket, doch auch se wanket wol mal wêer hen), Bremen brem. wb. 5, 178, Hamburg Richey 333, Lübeck C. Schumann wortschatz v. Lübeck 80, Holstein Schütze 4, 337, Ostfriesland ten Doornkaat Koolman 3, 509, Vorpommern Dähnert 537, Brandenburg Danneil 243. Mi 105, mittheil. des hist. vereins zu Frankfurt a. O. 9—12, 63, zeitschr. f. d. mundarten 1910, 37 (Neumark), Preuszen Frischbier 2, 455 (hier wankt selten einer, auch unpers. es hat noch nichts gewankt auf der strasze). der inf. wanken, wankend erscheint als 'verkehr von fuszgängern': jetzund is wanken in'n felle; in der strate is nich vele wankend Schambach a. a. o.; uppn marcht is väöl wankn Danneil 243. sprichwörtlich: da ist kein wanken und kein danken, 'ganz einsam' Schambach a. a. o. dahin gehört: wanken, verhanden sein, frequenter adesse. der ort wird bewanket, frequentatur saepe hic locus Schottel 1440, darnach Stieler 2431.
β)
aus der bedeutung 'hin- und hergehen' hat sich (wie bei wandeln, wandern) auch die bedeutung 'umgehen (von gespenstern), spuken' entwickelt, auch unpersönlich: es wankt (wandert) in dem hause, il revient des esprits dans cette maison Rondeau. schon mnd: se menden dat de selen der lichamme wanken Lüb. pass. bei Schiller-Lübben 5, 591; hat ... ein gespenst in dem schlosse angefangen zu wancken und zu regieren Schütz hist. rer, pruss. 3, T 4ᵈ:
Sabine. ich komm' als höllischer geist, bu!
Henning. aber du wankst, wie ein engel des lichts.
Voss ged. 2, 72;
selbst ja entschwebt unruhig dem irwischmoore der kopflos
wankende wicht mit gekreisch, den ein mönch hinbannte vom richtplatz.
idyll. 8, 24;
wankt denn vielleicht auch nachts in der burg die zauberin Hela?
11, 169;
Petrarca. fort, nachtgespenst!
Jeanneton. gespenst? was solln gespenster
so spät noch wanken? ihre stund' ist um!
Immermann 16, 289 Hempel (Petrarca 5).
dialektisch wird die bedeutung angegeben aus Vorpommern Dähnert 537 (de dode wanket 'läszt sich sehen', dat sall dar so wanken 'spuken'), Stiege am Unterharz Liesenberg 217 (darnach Hertel 253) und Preuszen Frischbier 2, 455. vgl. auch unter α) Jahn.
γ)
an 'weiter kommen' schlieszt sich dann die bedeutung 'fortgang haben, gedeihen', persönlich 'sich wohl befinden' an: dat mot noch beter wanken (z. b. vom spinnen) Schambach 285, he is nog im wanken, 'bei ziemlicher gesundheit' brem. wb. 5, 178; he kummt wedder an't wanken, 'wieder zu beinen' Richey 333. hierher gehören wol folgende litterarische belege:
herr du weyst alles was ich thuͦ,
und kennest mein gedancken,
ich sitz, steh, geh, wach oder rhuͦ,
on dich kan ich nit wancken.
Waldis psalter (1553) 248 (139. ps.);
o wie stund es so wol in der welt, da die liebe einfalt und auffrichtigkeit noch wanckete, da schelmstück ein schelmstück, rollwage ein rollwage und ein rock eine gaupe genant ward Prätorius philosophia colus 86;
doch, zum glück! ist diese zeit,
mit den grillen uns herumzuzanken,
nur im fall der möglichkeit;
da, wo sich die tugend freut,
pflegen sie nicht leicht zu wanken.
Goekingk 1, 60.
vielleicht auch (das wanken abgeschwächt zu 'verhalten, treiben'):
thue einig diesz, nimb vor die welt,
durchsuch ihr wesen, thun und wancken,
schau, ob sie auch was anders sey
als eitelkeit und triegerey.
S. Dach 177 Österley;
o gott ich thu dir dancken,
dasz du durch deine güt (gedr. güte)
mich hast für teuffels wancken
inn diser nacht behüt.
Ringwaldt handbüchlein (1598) 95,
wo auch an wanken 'spuken' angeknüpft werden könnte;
empfangt mich, ihr höhn,
wo dunkle zipressen
ein grabmal umwehn;
wo, tief zwischen ranken
der wildnisz versteckt,
kein menschliches wanken
den träumenden weckt!
Matthisson ged. 126.
δ)
damit steht nun wol ein andres wanken in zusammen hang, das die bedeutung 'vorhanden sein' oder 'bevorstehen' hat: dar wanket noch niks 'ist nichts zu thun, fällt nichts vor' Richey 333. brem. wb. 5, 178. Schütze 4, 337; dar wanket wat 'ist etwas zu thun, steht etwas bevor' brem. wb. 5, 178. ten Doornkaat Koolman 3, 509, Molema 465; preusz. eine krankheit wankt, 'zeigt sich hie und da' Frischbier 2, 455; wfries. wanke, wankje 'in aussicht sein, drohen (von etwas unangenehmem), vorkommen' Dijkstra 3, 405. ten Doornkaat Koolman bringt dar schal wat wanken von einer bevorstehenden strafe mit wenken 'winken' in zusammenhang, indem die strafe eigentlich drohend im hintergrund steht. eher wird (falls die bedeutung nicht aus der von 'fortgang haben' entwickelt ist) davon auszugehen sein, dasz dies wanken namentlich von drohenden schlägen gesagt wird (vgl. Molema a. a. o.), auch dän. heiszt es der vanker prygl, schwed. det vankas stryk 'es gibt schläge' (dann wird dän. vanke, schwed. vankas allerdings auch von andern dingen gebraucht, die zu haben sind); wanken müszte dann eigentlich das hin und herschwingen der rute bezeichnen, vgl.dar wanket de rode 'da gibt es streiche' Dähnert 137, ähnlich der tater wird wanken Frischbier 2, 455. belege: ja, was sagstu? wollen filtze wancken? wer wil die austeilen? Heinr. Jul. v. Braunschweig 340 Holland (ungerat. sohn 1, 5);
damit schlosz man bald den schranken,
dasz sie schauten was drauf mügt wanken.
Reinicke fuchs (Rostock 1650) 400;
Reinke dacht: was wird nun wanken?
404.
b)
im hochd. bezeichnet wanken nur eine bestimmte art des gehens, die im gegensatz zum geraden, gleichmäszigen, aufrechten gang steht; es ist 'sich schwankend auf den beinen fortbewegen, taumeln'. auf diese bedeutung weist im ahd. neben 'vacillare' besonders 'titubare' (s. c.) hin, auch in engerer begrenzung: claudicatis, wanchot vel hinchet, wanchit Steinmeyer-Sievers gl. 1, 440, 23, im mhd. tritt sie nur zufällig nicht häufig hervor. nhd. wörterbücher weisen (ohne streng von c) zu scheiden) darauf hin: wancken und ungewisz stehen, in utramque partem toto corpore vacillare Henisch 1604, 5; wanken, inclinare se, titubare, vacillare Stieler 2431; wancken, schwancken, titubare v. wanckelen, taumelen Krämer 1207ᵇ; vacillo, wancken, gnappen mit den füszen Dentzler 1, 835ᵇ; wanckeln, wancken, von einer seite zur andern schwanken, chanceler, comme font les ivrognes et malades Rädlein 1028ᵇ.
α)
der grund des schwankenden ganges ist gewöhnlich der, dasz die körperkräfte noch nicht oder nicht mehr vorhanden sind oder dasz sie zeitweilig aufgehoben sind, so wird wanken von einem kind, wie von einem alten, gebrechlichen gebraucht:
ist euch nicht der geist verirrt,
nicht schwach die seele, wie dem knaben,
der an der mutter arme noch wankt!
Klopstock 1, 271 (warnung);
allein, ein thier zum reiten kann
mir dienste thun; ich kranker mann
fang ziemlich früh schon an zu wanken.
Goekingk ged. zuschrift A 5;
am krückenstabe wankt ihr einst.
Z. Werner Martin Luther (1807) 66;
wer ist der, dessen haupt von alter so grau ist, ... der bei jedem schritte wankt? Göthe 37, 72 Weim. ausg. der ermüdete, der seelisch erschütterte, besonders aber der betrunkene wankt: er wankt vom weine, ex vino vacillat Stieler 2431; er wanket vom schlafe und vom trunke, ille mero somnoque gravis titubare videtur Nieremberger; von müdigkeit wanken, pedibus lassitudine vacillare Stieler 2431;
Medina Sidonia nähert sich wankend und kniet vor
dem könige nieder, mit gesenktem haupt. das, groszer könig,
ist alles, was ich von der span'schen jugend
und der Armada wiederbringe.
Schiller 5, II, 295 (Don Karlos 3, 7);
nun weint' er sein vaterland wieder,
wankt' umher am ufer des lautaufrauschenden meeres
und wehklagete laut.
Voss Odyssee 13, 220;
das ire seele für angst verzagte. das sie daumelten und wancketen, wie ein trunckener, und wusten keinen rat mehr psalm 207, 27;
seht, er (der trunkene) taumelt, wankt im gehn.
Lessing 1, 75;
wird betrunkner stammelnd wanken,
mäsz'ger wird sich singend freuen.
Göthe 6, 243 Weim. ausg.;
und so geblendet blieb ich von dem bilde,
dasz lang ich wie ein trunkner muszte wanken.
Uhland ged.² 149.
bildlich:
die matte finsterniss flieht wankend, wie betrunken,
von Titans pfad, besprüht von seiner rosse funken.
Shakespeare Romeo u. Julia 2, 3;
du sprachst, sie wankten, die Sardanapale,
vom taumelkelche deines zorns berauscht.
Hölderlin dicht. 1, 137, 59 Litzmann.
β)
auch sonst wird wanken im gegensatz zu einem sicheren, aufrechten gehen gebraucht:
sein angsicht (ist) gfaltet wie ein sewmagen,
geht wancken wie ein alter wagen.
H. Sachs 9, 123, 12 Keller;
dorten wankt der mohr Alkanzor
lichtscheu schon auf dunkler au.
Herder 25, 148 anm. Suphan;
bemerkte ich, dasz ein spindeldürrer mensch vor meinem wagen auf der landstrasze hin und her wankte Immermann 2, 125 Hempel. in folge von schwierigkeiten des terrains: recensent giebt ... dem kupferstiche gewicht, worauf ... das heer schon bis über die knöchel im sumpfe wanket Laukhard leben u. schicksale 3, 159.
γ)
mit innerem object einen schritt wanken:
auf gebahnten weges mitte
wankt er tastend halbe schritte.
Göthe 15, I, 310 (Faust II v. 11474) Weim. ausg.;
mit jedem schritt, den der scheue fus vorwärts wankte, näher und fürchterlich näher die verfluchte maschine (der galgen) Schiller 2, 93 (räuber 2, 3 schausp.).
δ)
seltener wird wanken von der schwankenden bewegung auf dem rücken eines rosses oder im schiff gebraucht: auf dem pferde wanken, succuti in equo atque in eo vix haerere Stieler 2431; er wancket schon, er sitzt nicht mehr fest im sattel, he already begins to totter Ludwig 2377;
sie wankt dahin! der helle vollmond zittert
aus jeder well' hervor.
Hölty 168 Halm.
bildlich:
wank ich gleich an meines kahns
morschem steuer;
eingehüllt in Ossians
augenschleyer;
dennoch bleibt mein frohsinn mir.
Pfeffel poet. versuche (1812) 1, 11.
ε)
auch auf thierische bewegung weist wanken hin; an der folgenden mhd. stelle ist die bedeutung die von 'unsicher gehen':
swenn eʒ (das rosz) der wilde Dodines
stolzlîche ûf daʒ kes
und über daʒ mos rande:
dâ sîne vîande
von tiefe muosen swanken,
dâ sach man eʒ niht wanken,
daʒ eʒ im iht möhte werren.
Ulrich v. Zatzikhoven Lanzelet 7112.
jetzt wird mit wanken eine bestimmte art des ganges oder flugs bei den vögeln bezeichnet: ihr gang (der lumme) sieht ... schwerfällig aus ... weil sie bei jedem schritte etwas wanken Naumann naturgesch. d. vögel 12, 488; ihr (der nachtigall) flug ist ... auf kleinen räumen flatternd und wankend 2, I, 380; nur wenn sie (die zwergmeerschwalbe) gemächlich gerade fortstreicht, wird etwas wankendes oder unstätes darin (im fluge) sichtbar 10, 156. vom watscheln der gans:
solt er an der bekandnusz tantz,
so wanket er gleich wie ein gansz
von einer seit zur andern bald
und förcht sich vor der menschen gwalt.
Spangenberg dicht. 123 (ganszkönig 6, 376).
allgemeiner: strenger ist der contrast in der menschlichen bewegung, wenn sie von ihrem organe nicht besitz zunehmen wuszte, sondern in das rudern, wanken, schleichen, hüpfen von thieren ... sinkt Vischer ästhetik 1, 354.
ζ)
seit dem 18. jahrh. werden an wanken auch richtungsbestimmungen angeschlossen, so dasz dies die bedeutung 'sich schwankend wohin bewegen' annimmt:
wankt' an die frische gruft, den dolch
dem herzen zugekehrt,
und sank.
Hölty ged. 18 Halm;
durch dieses Eden ... wankte Viktor geblendet — überströmt — zitternd — und weinend hin J. Paul Hesp. 1, 118; Verrina hält beide hände vors gesicht und wankt in den sopha Schiller 3, 34 (Fiesko 1, 10); Faust wankte betäubt ... nach dem wirtshaus Klinger werke 3, 191;
ein mütterchen mit dem laternchen
wankt über die strasze dort.
Heine 1, 109 Elster;
wie sie geht und steht, stürzt sie zur thür, schlieszt auf, ... wankt vor die stube, wo die eltern schlafen, pocht diese wach, fleht um einlasz v. Holtei schriften 3, 84;
als graue fürsten zu dem handkusz wankten,
und jetzt in einem — einem niederfall
sechs königreiche ihm zu füszen lagen.
Schiller 5, I, 8 (Dom Karlos 1. verw., später: sich drängten);
der bürger
hörts, wankt mit gezwungenem schritte zur wohnung und hänget
schaudernd die rostigen waffen um sich.
Lenz ged. 13 Weinhold;
der alte mochte etwas von dem bedauern vernommen haben, denn er legte die sense hin und wankte zur seite in den schatten des gebüsches Freytag 11, 122. heran, herbei, herunter usw. wanken:
seht, seht! da wankt, geführt von Prothoe,
sie selbst, das bild des jammers, schon heran!
H. v. Kleist (1863) 1, 219 (Penthes. 9);
wird uns Medea noch anschauern, wenn sie die treppen des pallastes herunter wankt, und der kindermord jezt geschehen ist Schiller 3, 515; indem sie zitternd und auf den zehen hervor wankt H. L. Wagner theaterstücke (1779) 131 (Evchen Humbrecht 5, 2);
ich setze träumend weiter meinen stab,
und wanke, müder, als wohl mancher glaubt,
entgegen meinem ziele, meinem grab.
Chamisso werke 3, 3;
wie viel du auch am pilgerstab
ihr nachrennst, wankend auf und ab.
Arndt werke 5, 177.
η)
übertragen wird wanken so auch von dingen und erscheinungen gebraucht, denen eine schwankende bewegung beigelegt wird: die kleinen handlaternen wankten wie irrlichter durch die dunklen gassen Storm werke (1899) 3, 83;
die nacht wankt finster in das land herein.
G. Keller 9, 29;
lasz es zurück zum abgrund wanken
das bild der blut'gen mordesschuld!
Z. Werner der 24. februar (1815) 140;
doch nun aus weiszem (nebel-)meere, kalt und schwer,
wankt ein verblichnes jünglingsbild daher,
und langsam naht's der kluft mit ernstem schritte.
A. v. Droste-Hülshoff 2, 10 Kreiten.
θ)
wanken (mit und ohne richtungsbestimmungen) steht namentlich auch von dem sich schlängelnden lauf eines baches oder flusses, wobei ein vergleich mit dem weg, den ein taumelnder zurücklegt, zu grunde liegt:
frisch hin und her gehn wancken
die klare bächlein krumb.
Spee trutznacht. 113;
auch werden gahn herummer
spatziren immerdar,
in ewig grünen summer
die wanckend wässer klar.
202;
er (der flusz) wendet sich bald zu dem rechten, bald zu dem linken ufer, als würde die wahl ihm schwer, und wankt, wie vor entzücken, und schlängelt sich ... durch das freundliche thal H. v. Kleist briefe an seine braut 185 Biedermann; die Elbe ..., die bald zu dem einen, bald zu dem andern ufer flieht, ... und in tausend umwegen ... durch die freundlichen fluren wankt briefe 2, 202 Herzog; rechts, wo ein teil der wasser von dem andern sich trennte, um nach kleinen umwegen wie verirrt zwischen schattigem gebüsch hin und her wankend nach dem see sich hinzufühlen O. Ludwig 2, 431.
c)
nur eine andre seite der eben behandelten bedeutung ist es, wenn wanken nicht das unsichere, haltlose, schwankende gehen an sich bezeichnet, sondern das verlieren des halts, ins schwanken geraten, straucheln beim gehen oder auch sich zum falle neigen beim stehen. im ahd. weist 'titubare' auch auf diese bedeutung hin (wobei nach den glossirten stellen z. th. schon übertragene bedeutung vorliegt): titubat, wanchot Steinmeyer-Sievers gl. 1, 587, 32; titubabant, wanchotun 2, 302, 37; titubet, wancho 2, 440, 24; titubat, wanchot 4, 22, 14; einmal steht das deutsche wort sogar für 'cadere': cadat, wancho 2, 440, 23. aus dem mhd. ist diese bedeutung nur in übertragener verwendung belegt.
α)
wanken für sich stehend: indem ich mich nach dieser bekannten stimme umsehen wollte, gleitete mein fusz; ich wankte und sollte eben in den abgrund herab stürzen, als ich mich ... zurückgehalten fühlte Lessing 2, 9 (miss Sara Sampson 1, 7); du zitterst, dir wird bange, du stehest still, wankest, nun fällst du Th. Abbt verm. werke 6, I, 60; der inspektor ... zieht ihm aus leibeskräften eine ohrfeige ... der knabe wankt Bahrdt gesch. seines lebens 1, 97; (ich träumte) mein vater stand wankend; auf einmal warf er sich auf die erde und blieb todt liegen Lenz schriften 1, 50 Tieck (hofmeister 4, 2); aber er, nicht geübt auf einem beine zu stehen, fängt an zu wanken Göthe 7, 195 Weim. ausg.; er ... wankte, denn er konnte schwer das gleichgewicht halten Bettine die Günderode 1, 354; ein schwindel überfiel ihn, er verlor den haltpunkt, er wankte v. Holtei erzähl. schriften 11, 11;
der dichter, dem es noch nicht da sich entschleyerte, ...
der wanket schon an der schwelle des heiligthums.
aber der unanstoszenden schrittes
in den tempel trat der kunst ...
Klopstock 2, 18 (wink);
da gab sie einen stab mir,
und sprach: „wen dieser stützt, der wanket nicht! —“
Z. Werner Martin Luther (1807) 312.
β)
mit bestimmungen:
(Ajax) sach umb mit eytel forcht bewegt,
zaghafftig wie ein wildes thier,
und wancket auff den beinen schier.
Spreng Ilias (1610) 149ᵃ;
da hub sich in dem saale ein scharfes weinturney.
bald lallte manche zunge, die sonst viel ruhm gewann,
bald wankte in den knieen manch heldenkühner mann.
Scheffel Ekkehard 398 (Waltharilied).
örtlich, auf etwas wanken; bildlich:
wenn dein verhängnüsz mich liesz auf dem glatten wanken,
hilf gott.
Fleming 1, 7 (poet. wälder 1, 3, 45) Lappenberg;
dem degen hab ichs nur und meiner faust zu dancken,
dasz ich mich noch nicht schau auff disem gläteisz wancken,
da mancher sich erhöht durch meinen fall wil sehn.
Gryphius trauersp. (1663) 383;
dasz ich auf deinem wege
nie wanken möge.
Cramer ged. 3, 14.
causal, von etwas wanken: und da der könig des harten stosz empfunden, davon gewancket und durch einen seiner pagen ... gehalten Kirchhof wendunmuth 2, 83 Österley;
so fühlt auch der soldat die dürre brust erschüttert,
er wankt vom starken stosz, und tritt zurück, und zittert.
Zachariä poet. schriften 1, 91;
sie wankte von müdigkeit Arnim werke (1857) 18, 296.
γ)
auch von thieren:
das wild wird athemlos, es lechzt, es wankt, es sinkt.
J. E. Schlegel 4, 53;
bis sie (die nachtigall) für wehmuth zuletzt halbtodt zum hecken herabfällt,
worauf sie gleitet und wankt mit niedersinkendem haupte.
E. v. Kleist 1, 195 (frühling 321) Sauer.
d)
wanken kann aber auch von andern bewegungen des menschlichen körpers gebraucht werden, die einen gegensatz zur ruhigen haltung bilden. es kann ein sich hin und her biegen, eine bewegung zur seite, ein neigen (wie lat. nutare) sein. soweit hier der mensch subject bleibt, handelt es sich nur um vereinzelte gebrauchsformen, die sich nicht allgemeiner einbürgern. hierher gehört auch and. wanco, vacillo, vagor membris (S. Petrier glossen) Wadstein 83, 17. wanken ohne angabe des bewegten körpertheils oder werkzeugs ist in dieser verwendung ungewöhnlich: der dummling aber setzte sich auf den stein und weinte, und wie er so hin und her wankte, schob sich der stein fort Grimm märchen (1812) 1, 300;
da zittert sie und wanket
'feinsliebchen frierest du?'
Brentano schriften 2, 99.
häufiger ist anreihung einer bestimmung durch mit: nec muliebriter deducenda sunt latera, nóh wîblîcho newánchôe mit tén sîtôn Notker 1, 683, 16 (de arte rhetorica 58) Piper; mit dem leib hin und her wancken Güntzel 830; all dummes zeug! sagte Hinrich und wankte mit dem kopfe Frenssen Jörn Uhl (1902) 15; man darf nur mit der hand wanken Schubart ästhetik d. tonkunst 287;
beschämt und glühend vor zorn, doch immer meisterin
von ihren bewegungen, wankt die tugendvolle vestalin
mit ihrer kleinen hand nach Blömuranten hin.
Wieland 5, 141 (d. neue Amadis 18, 26);
Lenäus steigt vom wagen ab,
er wanket mit dem thyrsustab.
Hagedorn (1769) 3, 196.
für dies mit der hand oder mit dem stab wanken kommt gelegentlich auch nur wanken vor:
heil dem könig! heil dem könig!
ruft das volk, der könig dankt,
schnell der rothe marschall wankt,
winkt mit goldnem stab ein wenig,
gleich die weihrauchbecken schwingen
und ich hör' die pfeife klingen.
Arnim (1857) 5, 2, 14;
als musikalischer ausdruck erwähnt: wancken, wie die wellen (hin und her), ondeggiare, wird vom tactgeben gesagt: wenn man nehmlich die hand, nachdem sie niedergelassen worden, nicht gerade aus — sondern also herumführt, dasz das zweyte und dritte tempo, durch einen umschweif, kenntlich gemacht, und vom völligen niederschlagen und aufheben, oder vom ersten und letzten tacttheile unterschieden werde Zedler 52, 1927. auch: mit den augen wancken, svariar cogli occhi Krämer 1207ᵇ (mit verweis auf die augen verwenden);
da trat das falsche meidlein herfür,
es wanckt im mit den augen.
mit den augen es ihm wanckt,
es was ihr nicht umbs hertze.
bergreihen (1531) 70, 31 neudr.
(wo wol eher von wenken 'winken' auszugehen ist); wenn man eine blume gerad ansieht, so kommt die erscheinung (das blitzen gewisser blumen im sommer bei abendzeit) nicht hervor; doch müszte es auch geschehen, sobald man mit dem blick wankte. schielt man aber mit dem augenwinkel hin, so entsteht eine momentane doppelerscheinung Göthe naturwiss. schriften 1, 24 Weim. ausg.
e)
häufig wird von den gliedern des menschlichen körpers selbst ein wanken ausgesagt, auf den menschen weist ein persönlicher dativ oder das possessivpronomen hin. die bedeutung ist die von 'schwanken', meist mit dem nebenbegriff des schwachseins oder -werdens (dieser nebenbegriff fehlt bei die beine wanken unten γ bei Rückert und die augen, die züge wanken, wo es vielmehr der von unstät sein, hin und hergehen ist).
α)
die glieder wanken und das herz zerbricht.
nichts bin ich, als ein armer vater.
Freytag 3, 273 (Fabier 5, 2);
ire augen müssen finster werden, das sie nicht sehen, und ire lenden las imer wancken psalm 69, 24.
β)
labant (genua), wanchotun Steinmeyer - Sievers 2, 655, 34 (zu Aeneis 5, 432);
ihr brüder! auf! verjagt den ernst,
weil wir noch grünen, und uns
noch die kniee nicht wanken.
Ramler lyr. ged. (1772) 211;
so wie ein pflüger sich sehnt zur nachtkost, welcher den tag durch
mit zween bräunlichen stieren den pflug hinlenkt' auf dem brachfeld;
... und dem gehenden wanken die kniee.
Voss Odyssee 13, 34;
ihr zittert,
die hand erbebt euch, eure kniee wanken —
Schiller 14, 361 (Tell 3, 3);
aber meine arme beben,
meine kniee wanken sehr.
Uhland ged.² 266 (d. rosenkranz);
seine kniee wanken, er hält sich an einen stuhl, und verhüllt das gesicht Schiller 5, II, 240 (Don Karlos 2, 8); sie umhalste ihn zärtlich, aber ihre knie wankten vor furcht wegen der augenscheinlichen gefahr, worin sein leben schwebte Musäus volksmährchen 1 (1804) 37.
γ)
wenn mein fus wancket, würden sie sich hoch rhümen wider mich psalm 38, 17;
mir stockt das wort
im mund', und meine füsze wanken.
v. Collin Regulus (1802) 40 (1, 8);
schon war sein fusz dem unglück wankend nah.
Lessing 1, 33;
er ist so schwach, dasz ihm die füsze wanken, wenn er einen tritt thun will Rondeau;
die verschrobnen mützen schwanken,
hangen nur an einem haar;
steife bein' im tanze wanken,
alte stimmen singen klar.
Rückert werke 6, 295.
auch der schritt, tritt, gang wankt:
du gehst, und deine schritte wanken,
und hinter dir hinkt reue her.
Gotter im Gött. musenalmanach 1770, 51 (73, 11) neudr.;
bemerktest du, wie ihre schritte wankten,
wie bleich und wie verstört ihr antlitz war!
Schiller 13, 298 (jungfrau v. Orleans 4, 8);
ewig aus der wahrheit schranken
schweift des mannes wilde kraft,
und die irren tritte wanken
auf dem meer der leidenschaft.
11, 32 (würde der frauen);
des wandrers tritte wanken,
auf schmaler kieselbahn,
durch wildverschlungne ranken,
den fichtenberg hinan.
Matthisson ged. 129;
kein mittel giebt's, das mich dir näher brächte,
und einsam siehst du meine tritte wanken
den Markus auf und nieder alle nächte.
Platen 98 (son. 38);
hat deine brust nicht gebebt, dein gang nicht gewankt? Zimmermann über die einsamkeit 1, 319.
δ)
die hand wankt, s. unten 7 a, α wankend:
doch ach! am grimmen richtenden saitenspiel
hinunter wankt die zitternde rechte mir.
Hölderlin 1, 91 Litzmann.
ε)
das haupt ... kan nicht stracks auff seynem nacken bestehen, sondern muͤsz von einem ort zum anderen wancken Ambach vom zusauffen und trunckenheit C 3 b; schon wankte sein haupt in schlaftrunkenheit Waiblinger die Britten in Rom 38 Zoller;
der kopff ihm wancket hin und her.
Spreng Aeneis 94ᵇ.
ζ)
die augen wanken: ob sich das (angesicht) nit entstellen noch entferben wolt, ob ir das näszlin nit spitzig und weis werden und die augen in dem haupt hin und wider wancken wolten Wickram 2, 216, 31 Bolte; darumb auch ihre augen nicht hin und her wancken Paracelsus op. (1616) 2, 542; ich hielt meine predigt ... ohne rührung, indem ... mein auge herum wankte und bei N. 5 sich lagerte Hippel 1, 126 (lebensl. 1);
das aug nicht viel herumb thut wancken:
sein leib ist hier, doch stets wo anders sein gedancken.
G. Treuer deutscher Dädalus (1675) 1, 76.
η)
die stimme wankt:
nun brach mein knie, nun wankte mir die stimme.
v. Collin (1812) 2, 141 (Bianca della Porta 1, 2);
Virgil, der seine verse ... vorlas, und in dieser arbeit von dem staatsminister des kaysers unterstützet wurde, wann seine stimme zu wanken anfieng Zimmermann von dem nationalstolze 152; meister Ronemus, ihr seid alt geworden! ... ist's ein wunder, herr Kurander, sprach Gebhard, und die stimme wankte, weil er zum ersten male zu einer menschenseele von dem leide sprach, das er verschlossen in der eigenen brust trug W. O. v. Horn aus der Maje 1, 24; seine stimme wankte, und seine augen ... waren wie versteinert Storm werke (1899) 7, 124.
θ)
von den gesichtszügen:
nur heiter, sir.
denn wo die züge schnell verändert wanken,
verräth sich stets der zweifel der gedanken.
Schiller 13, 30 (Macbeth 1, 12).
5)
von jeher ist wanken auch von seelischen vorgängen gebraucht worden, es zeigt sich auch hier in seinen beiden hauptbedeutungen 'schwanken' und 'erschüttert werden'. die erste tritt im nhd. bis in die neuere zeit hervor, die zweite ist noch durchaus lebendig. dies wanken wird entweder vom menschen selbst ausgesagt oder von seinem herzen, gemüt u. s. w. oder von äuszerungen seines wesens und seinen eigenschaften. dasz es sich um geistige vorgänge handelt, wird bisweilen durch zusätze wie in, mit den gedanken angedeutet:
thaʒ io bi themo meine   thaʒ muat sî fasto heime,
then hugu in thên githankon   ni lâʒet wergin wankôn!
Otfrid 2, 21, 8;
nu begund sîn herze wanken
in manegen gedanken.
Hartm. v. Aue Gregorius 313 Paul;
und wande er aber gewisheit
ir willen niene hæte,
in welher wîs siʒ tæte,
durch haʒ od aber durch minne,
daʒ machete sîne sinne
in zwîvele wanken.
er wancte mit gedanken
wîlen abe und wîlen ane.
G. v. Straszburg Tristan 831;
und mit fürwitzigen gedancken
thet er in seinem hertzen wancken.
H. Sachs 17, 219, 8 Götze.
ähnlich:
mit disen beederley gedancken
thet sein gemuͤt in zweiffel wancken.
Spreng Ilias (1610) 5ᵃ;
der geist, der mich beherrscht, soll nicht von zweifeln wanken Bürger 311 (Macbeth 5, 2); sie stand am fenster in unentschlossenheit und thränen wankend Stifter studien⁵ 1, 95; wer aber ynn die gedancken kompt und bey sich selbs wancket: lieber, meinstu, es sey auch war Luther 32, 94, 26 Weim. ausg.
a)
den übergang machen fälle, wo die auffassung von wanken noch eine mehr sinnliche ist.
α)
wanken als 'hin und her schwanken'. das geistige schwanken wird verglichen mit dem wanken des rohrs, grases, eines baums:
und (Jesus) sprach, meint ihr das mein legat
Johannes sich gewendet hat
und thar nicht, als ein wanckent rhor,
von mir so zeugen, wie zuvor?
Ringwaldt evangelia B 7 a;
du selbst hast hin und her gewancket wie ein rohr.
Lohenstein (1680) Sophonisbe 22, 66;
wenn jede gelegenheit beweiszt, dasz sie fest stehn, wie ein fels, wenn alle um sie, wie rohre wanken! Lavater verm. schriften 2, 12;
ich wancke wie das gras, so von den kühlen winden
umb vesperzeit bald hin geneiget wirdt, bald her.
Opitz t. poemata (1624) 27;
es wankte sein gemüth, wie, durch den herbst entlaubt,
die schwache weide wankt, wann Eurus zornig schnaubt.
Uz werke 305 (50) neudr.;
ferner mit dem wanken eines schiffs im wasser:
reht als des gastes bilde
sich hôher stætekeite wert
und irreclichen umbe vert
dan unde dar, hin unde her,
sus wanket sîner minne ger
ouch z'allen zîten ûf unde abe.
si vert in ungewisser habe
ûf einem grundelôsen sê.
K. v. Würzburg troj. krieg 22138;
mein geist wancket biszweilen wie ein schiff mitten im meer, reiche du mir der unbeweglichen hoffnung sichern und starcken ancker J. Gerhardt tägliche übung der gottseligkeit (1628) 262;
die liebe thut wanken,
wie ein schiff auf der see.
wunderhorn 3, 125;
getreue liebe kan nicht wancken,
sie liegt zu ancker iederzeit.
Opitz ged. (1690) 2, 194 (poet. wälder);
auch mit den wellen selbst:
denn sieh, der mensch wenn er erzogen
geht wancken als die wasserwogen
und mus auff erden immerdar
seins glücks und unglücks nemen war.
Ringwaldt christl. warnung (1590) L 2ᵇ;
mit einem wetterhahn im winde:
aller minschen doent, gedanken,
rede, mening, sin und waen
als ein wind- und wedderhaen
hin und her unstedig wanken.
Lauremberg 3 (inholt 10) Lappenberg;
mit dem auf- und abgehen der wage: doch sein rechtsgefühl, das einer goldwaage glich, wankte noch; er war vor der schranke seiner eigenen brust noch nicht gewisz, ob eine schuld seinen gegner drücke H. v. Kleist (1863) 3, 13 (Kohlhaas). die sinnliche grundlage schimmert auch noch durch bei hin und her, hin und wieder wanken:
er begund in den gedanken
hin und her wanken.
Ottokar reimchr. 2064 Seemüller;
hie stillen sich die sinnen,
die hin und her gewankt.
Neumark poet. u. mus. lustwäldchen (1652) VIIᵃ;
warum thust du wanken bald hin und bald her?
bald gefällt dir nun dieser, ein andrer gleich mehr.
Arnim (1857) 14, 178;
du wankst eine zeit her immer hin und her ... du weist selbst nicht recht, was du haben willst Miller briefwechsel (1776) 197; wie lang steht ihr und wancket hin und her, entschlieszt euch zu etwas gewisses Ludwig 2377; weh denen, die an gott verzagen, und nicht fest halten, und den gottlosen, der hin und wider wancket Sirach 2, 14;
also was er in schweren gdancken,
sein gmuͤt thet hin und wider wancken.
Wickram 4, 221 (pilger 2982) Bolte;
als nun die burger manigfaltig
zerrüttet waren und zwyspaltig,
auch hin und wider theten wancken.
Spreng Aeneis 23ᵃ;
das tolle lieben ist, im steten tode leben ...
jetzt grosz, bald wider klein, nicht keiffen, dennoch zanken,
bestendig, ebenwohl stets hien und wider wanken.
Philander (1650) 1, 111;
ists möglich, dacht' ich, wohnt solch klingen
so einem kleinen seel'chen (der nachtigall) bey? ...
in solchen forschenden gedanken
vertiefte sich mein muntrer sinn.
ich schlosz, nach hin- und wieder-wancken,
es sey was himmlisches darin.
Brockes ird. vergnügen 1, 66;
nicht dem deutschen geziemt es, die fürchterliche bewegung
fortzuleiten, und auch zu wanken hierhin und dorthin.
Göthe 50, 267 (Herm. u. Dor. 9, 306) Weim. ausg.
β)
wanken als 'erschüttert werden, die festigkeit, den halt verlieren, zu fall kommen': columnę fidelium (dero geloûbigon sûle) sint apostoli. joh die wánchoton in passione (in Christis mártiro). sie wúrden aber gestâtet in resurrectione (in Christis urstende) Notker 2, 301, 11 (psalm 74, 4) Piper;
hilf nur, dasz wir ja nicht wanken,
hilf nur, dasz wir feste stehn.
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. 1, 49;
das gerechte thun der frommen
steht gewisz und wanket nicht.
P. Gerhardt 130, 18 Gödeke;
nun halt' ich immer mich an dich,
der, da ich wankte, bei der rechte mich ergrif;
führ' immer mich, wie du nur wilt.
Herder 12, 238 (73. psalm) Suphan;
steh, stehe fest, wie das gewölbe steht,
weil seiner blöcke jeder stürzen will! ...
nicht aber wanke in dir selber mehr,
so lang ein athem mörtel und gestein
in dieser jungen brust zusammenhält.
H. v. Kleist (1863) 1, 229 (Penthes. 9);
wir nicht durch zweiffel im streit wancken oder straucheln Dedekind christl. ritter (1590) B 5ᵇ; sie dann auf dem fall, da es dem Antenor und seinen eltern ein ernst seyn solte, auch schon wankete und auf dessen seite fiele Ant. Ulr. v. Braunschweig Octavia (1677) 3, 71; in dem zählen (der geldstücke) sucht der geist durch ... schreckliche gesichter irre zu machen, denn wenn der zählende im geringsten wankt und stolpert, wird ihm der hals umgedreht Grimm d. sagen (1891) 1, 73 (nach älterer quelle); Selinde wankt; aber dennoch fiel sie nicht, ihr schutzgeist stärkte sie Dusch verm. schriften (1758) 35; die wollust raste in seinem herzen, er strauchelte, wankte, blickte auf die reitze der zauberin Klinger werke 3, 90; ich bedaure meinen freund, ich beweine seine schmerzen und noch mehr seine tugend, die am schwindlichen rande des tiefsten falles wanket Wieland werke 3, 48 Berl. ausg.; werd' ich wohl jedes noch wankende system von tugend vollends zu boden stürzen, ... wann ich sie ... weises wohlwollen heisze? Schiller 1, 97; die gerechtigkeit wankt, ja sie ist schon gefallen Nieremberger.
γ)
wanken ist 'vom richtigen wege abweichen, zur seite schweifen': mittelmäszig war er in allem; allein warum sagen wir: die mittelstrasze die beste, und wanken doch so gern v. Hippel lebensläufe 3, 1, 355; ein guter Christ soll so wenig zeichendeuter selbst seyn, als den deutungen andrer glauben ... aber, wenn wunder zum wunder kommt, so wankt auch der andächtige und überzeugte, und verläszt auch wohl einmal, ohne ein allzugroszer sünder zu werden, die bis dahin stets verfolgte bahn Tieck novellen (1853) 4, 23;
nur bei dem Franken war noch kunst zu finden,
erschwang er gleich ihr hohes urbild nie,
gebannt in unveränderlichen schranken
hält er sie fest und nimmer darf sie wanken.
Schiller 11, 324;
so komm ich endlich zu sanct Peter's stuhle müde ...
und sehn' mich, dasz ein hirt die lämmer hüte,
die rings umher in wüster irre wanken.
Brentano schriften 2, 603.
ein angeschlossener acc. kann die abweichung von dem eingenommenen standpunkt genauer bezeichnen: yhn ist allis vorgeben, wie sie liegen und narren, so ich ein harbreyt wancket, must es allis ketzerey sein, was ich yhe gesagt het Luther 7, 627, 3 Weim. ausg.; so wird mein errathen eurer entdeckung zuvorkommen und eure verschwiegenheit gegen den könig und die königin braucht keinen zollbreit zu wanken Shakespeare Hamlet 2, 2. hierher ist auch wol zu ziehen: die erfahrung lehrt uns, dasz vollkommen ausgebildete säugethiere über eine gewisse grösze nicht hinausschreiten, und dasz daher bei zunehmender grösze auch die bildung anfange zu wanken und ungeheuer auftreten Göthe naturwiss. schriften 8, 41 Weim. ausg.
b)
auch losgelöst von sinnlichen vorstellungen wird wanken für geistige vorgänge häufig gebraucht. die neuere sprache verwendet es so meistens absolut, doch vgl. c) in etwas wanken und früher zwischen zwei dingen wanken.
α)
von personen gebraucht wird wanken auf mangelnde geistige festigkeit oder auch nur auf unsicherheit in einem bestimmten fall oder auf unentschlossenheit bezogen. inchoative auffassung tritt (auch abgesehen von zu wanken anfangen) häufig hervor, ohne sich scharf von der iterativen abzuheben: wanken, metaphor. dubitare, ancipitem, volubilem, dubium esse Stieler 2431.
1))
mit groʒer vorht und mit tro
uberwindet er (der Endecrist) die kranken,
daʒ sie muͦszent wanken.
die driten werdent verkort:
valsche rede und suͤsze wort
kan er in wol reichen.
H. v. Neustadt gottes zukunft 5239 Singer;
halt fest, und leide dich, und wancke nicht, wenn man dich davon locket. halt dich an gott Sirach 2, 2; und lasset uns halten an der bekentnis der hoffnung, und nicht wancken, denn er ist trew, der sie verheiszen hat Hebräer 10, 23; so sy dich (Erasmus) nu also werden sehen wancken, wʒ werden die sagen oder gedencken? Hutten op. 2, 191 (cum videbunt sic decumbere). 'mutlos werden':
es folget blitz auf blitz. in solchen ungewittern
bleibt eine tapfre brust nicht ohne furcht und zittern.
ein unerschrockner held, der muth und feuer hegt,
wird in dergleichen noth zu wanken leicht bewegt.
Gottsched d. schaubühne 1, 3;
(gieb) trost, wo man nach trost verlangt,
rath und stützung, wo man wankt.
Becker Mildh. liederb. (1799) 72;
nur die hoffnung festgehalten!
wanke nicht bei gram und qual!
Hoffmann v. Fallersleben 1, 99.
wanken im glauben: jemehr ich anfing zu wancken, je träger ward ich in meinem gebet Simpl. 36 Kögel;
ach heyland! lass mich nu nicht wancken,
nun mir der letzte feind zusetzt
und alle marter auf mich hetzt!
Gryphius trauersp. (1663) 158 (Cath. v. Georgien 4, 289);
der gelehrte herr P. T. hat nur die absicht, wankende zweifler in der geoffenbarten religion dadurch zu befestigen allg. d. bibl. 1 (1765), 131. vgl. auch unten 2)) wanken und zweifeln. wanken im gelübde, in der treue:
die bürge die du mir gwünne
unde mir mit dîner kraft
die herren mahtest diensthaft,
in Swâben unde in Franken,
die beginnent nu harte wanken: ...
sine furhtent niht mê dîne hant.
Stricker Karl 10624 Bartsch;
ich glaube, dasz du für nichts weniger gemacht bist als für's kloster. nur noch ein paar worte und er hätte ganz gewankt Miller Siegwart (1777) 1, 125; jene festen, unerschütterlichen, dem reiz und der schönheit unzugänglichen sind eben keine ächten männer, ... wer gar nicht, gar nicht wanken könnte, den dürfte man doch eigentlich auch nicht treu nennen Tieck novellen (1854) 12, 245; schon gestern hab' ich einen brief erwartet. gott! wenn sie wanken könnte Raimund (1855) 2, 34 (der verschwender). wanken in der tugend: sie (die nonne) hat anfechtungen, sie wankt, sie sehnt sich nach freyheit Gotter 3, 69; freilich kann auch der ehrlichste mann für's brod dienen. allein ... die versuchung, worin er beständig leben musz, (ist) fast zu grosz, um nicht wenigstens einmal zu wanken J. Möser werke 3, 124; um desto grösser müsse deine schmach bei iedem rechtschafnen seyn, wenn du ietzt wankest! Meiszner Alcibiades (1781) 2, 101. nicht wanken 'unerschüttert, fest bleiben':
so truͤtzig ist, dàs ær al seine feind
nuͦr mit aim blạst zù stụrtzen sich versicht.
nimmer ich wird, in seinem hærtzen spricht,
wanken etwo: dan bin gewies, dàs nirget
kan ụber mich fallen ain uͦnglụk irget.
Melissus psalmen 39, 6 neudr.;
und ob mein herz darüber bricht,
so sollen meine feinde sagen:
er war ein mann und wankte nicht.
Hauff werke (1890) 1, 166;
standhaft, werther freund, war ich immer im studium der historie von früher kindheit an; nie wankte ich, von langer mühe geschreckt Gleim briefwechsel 2, 78 Körte.
2))
in eine schlinge stürzen beide. — jetzt
ein solcher wink dem könige gegeben,
bewiesen oder nicht bewiesen — viel
ist schon gewonnen, wenn er wankt. wir selbst,
wir zweifeln beide nicht. zu überzeugen
fällt keinem überzeugten schwer.
Schiller 5, II, 252 (Don Karlos 2, 10);
wer ward nicht irr' an ihr und hätte nicht
gewankt an diesen unglücksel'gen tage,
da alle zeichen gegen sie bewiesen!
13, 321 (jungfr. v. Orl. 5, 7);
in religiösen fragen:
du solt glewben und nicht wanken,
das eyn speyse sey der kranke.
Luther, Wackernagels kirchenlied 3, 9;
wenn sie denn gewanckt und aller erst von mir fragen und lernen haben wöllen, habe ichs inen nicht wöllen rathen beider gestalt zu nemen werke 6 (1557) 16ᵇ Jen. ausg. wanken nähert sich so im begriff zweifeln, mit dem es auch vielfach zusammengestellt wird (vgl. auch unten 8 d): so vergisz nicht, dasz zweifeln nicht mehr heisze als wancken, oder fragen Thomasius auszübung der vernunfftlehre 30; zymet sich auch nicht, das wir uns forchten solten, oder etwan zweifeln odder wancken, so wir die warheyt beschützen Hutten op. 2, 248 (at timere nescimus aut ambigere); wie wol es ferlich ist, ynn sachen ... des glaubens wancken, zweyffeln odder allererst disputirn Luther 18, 454, 7 Weim. ausg.
3))
einen so wanckt auf eine feste meinung bringen, fluctuantem confirmare Steinbach 2, 924;
Iphigenia. du schweigst? du wankest noch?
Pylades. wohlan! ich bin entschlossen.
J. E. Schlegel 1, 46;
ernster, in tieferer todesbetrachtung, meid' ich die halle
stets noch, in welcher dem thron Friederichs trümmer entsank! ...
aber warum wank' ich, und säume noch stets, zu dem grabe
hinzugehen, wo er einst mit den todten erwacht?
Klopstock 1, 202 (Rothschilds gräber);
überlegt ihr noch? wankt ihr noch? ist es so schwer zwischen himmel und hölle zu wählen? Schiller 2, 106 (räuber 2, 3 schausp.). von einem lande (personificirt):
es tönt in allen landen
ein ruf zum heil'gen streit ...
und du nur könntest wanken,
sonst hochgepries'ne Schweiz?
v. Schenkendorf ged. 65.
β)
vom menschlichen herzen, gemüt, sinn 'schwanken, der festigkeit entbehren, unsicher sein' oder 'ins schwanken geraten' (vgl. auch oben 3 h): so sind wyr, so da gewis sind, doch schuldig den selbigen wankenden und fragenden hertzen zu helffen Luther 18, 454, 12 Weim. ausg.;
der jungen hertz zu wancken pflegt,
wirdt leichtlich hin und her bewegt.
Spreng Ilias 31ᵇ;
sprich, klaget man mit recht wohl meinen zweifel an?
wo ist ein menschlich herz, das hier nicht wanken kann?
J. E. Schlegel 1, 191;
vaters bitten
überwältigten mein wankend herz.
Müllner dram. werke 1, 40 (29. februar 6);
dánnan sîn mûot wánchôe (cum anxia sententia nutat in trepidis rebus) Notker Marc. cap. 1, 16 (1, 714, 20 Piper); wankender muth, esprit irrésolu Rondeau; die gemüther wanken, animi labant Steinbach 2, 924;
Peter. er ging nur eben nach der stadt.
Simon. und du,
du lieszest ihn?
Peter. warum?
Simon. dasz uns sein wort
die furchtsamen, die wankenden gemüther
abwendet völlig, da der könig nah?
Grillparzer 4, 277 (treuer diener 5);
so bald nu das ynn zweyffel gestellet wird, ... so ists verloren. gott wil nicht eine wanckende seel haben, die da sage: ja wenn es war were Luther 24, 86, 14 Weim. ausg.;
o felsen-fester sinn! der, als ihm übel dankte
der bundsgenoszen pflicht, und alles von ihm wich,
bey seinem recht und muth allein nicht rathlos wankte.
Heräus gedichte u. inschriften (1721) 9;
was wankt dein feiger sinn?
Gottsched d. schaubühne 4, 17;
jener sprachs; da entbrannte der Peleion', und das herz ihm
unter der zottigen brust rathschlagete, wankendes sinnes:
ob er, das schneidende schwert alsbald von der hüfte sich reiszend,
trennen sie sollt' aus einander, und niederhaun den Atreiden;
oder stillen den zorn, und die mutige seele beherrschen.
Voss Ilias 1, 189.
wille, vorsatz, entschlusz wankt:
die ehre mein, die hab' ich noch,
sankt Thomas sey's gedankt!
mein mund brach sein gelübde nur,
mein wille hat gewankt.
Schwab ged. 2, 287;
sie ist nicht unempfänglich für das gute; allein ihr wille wankt und ihr geist ist gebunden Forster schriften 3, 240; mein ehmals fester vorsatz wankt, labat consilium meum quod fixum erat Nieremberger; dieser entschlusz wankte nie Jung Stilling 2, 23; ich musz fort! ich danke dir, Wilhelm, dasz du meinen wankenden entschlusz bestimmt hast Göthe 19, 80 Weim. ausg.; aber gott, da er wolte den erben der verheiszung überschwenglich beweisen, das sein rat nicht wancket, hat er einen eid dazu gethan, auff das wir durch zwey stück, die nicht wancken (denn es ist ummüglich, das gott liege) einen starcken trost haben Hebräer 6, 17. 18. glaube, hoffnung, mut, standhaftigkeit wankt 'wird erschüttert, läszt nach': ir kleiner glaube fehet an zu zappeln und wancken Mathesius Sarepta (1571) 3ᵇ;
und will mein glaube wanken,
so gieb ihm wieder festigkeit.
Schubart ged. (1825) 1, 30;
wir leben in einer schrecklichen zeit — schier wanket aller glaube an ruhe und glückseligkeit Zschokke schriften 1, 375;
dreh dich zum lager jenes tödtlichkranken.
leben und hoffnung fangen an zu wanken.
Schwabe belustigungen 1, 47;
wankende hoffnung, spes claudicans, incisa, labans Stieler 2432; ich habe wieder mut gefasst, der anfangs mehr wankte J. Grimm im briefwechsel mit Dahlmann u. Gervinus 2, 93; ihre standhaftigkeit fieng an zu wanken Rabener werke 4, 218. 'hin und herschwanken': hofnung und furcht wankt, spes labat misto metu Nieremberger.
γ)
von tugenden 'gefährdet sein, aufzuhören drohen': ich habe eine wankende tugend befestigt Cramer nord. aufseher (1758) 1, 52; sie sind wahrlich nicht das erste mädchen, das ich in seiner wankenden tugend befestigt v. Thümmel reise 4, 65 (1794); wann die weltberühmte redlichkeit unter uns zu wancken und eigennutz die oberhand zu gewinnen angefangen hat C. F. v. Moser beherzigungen (1763) 248; für die eröffnung des feldzugs konnte Preuszen allein auf Kursachsens mitwirkung rechnen, und dieses einen freundes treue wankte schon längst Treitschke d. gesch.³ 1, 244;
Phillis schwebt mir in gedancken,
Phillis, das getreue kind:
jetzund will die groszmuth wancken,
o was hoffnung geht in wind!
Günther ged. 119;
rechter danck
wird nicht kranck,
pflegt im dancken
nie zu wancken.
Logau 2, 5, 35 (s. 317 Eitner).
liebe, freundschaft, gunst, gnade wankt:
selbst die pflicht der liebe wanke,
steht des dankes pflicht entgegen.
Platen 64 (verm. ged.);
sie sollen sehen, dasz meine liebe nicht wanken wird, es mag auch geschehen, was da wolle Nicolai Seb. Nothanker 1, 217; eine heuchlerische verstellte liebe, die, so bald die gnade des fürsten wankt, ... zum offenbaren hasz wird Sturz 2, 135; die freundschaft scheint zu wanken, vacillare videtur stabilitas amicitiae Nieremberger. die ehre wankt: der alte herr durfte ..., wenn seine ehre aufrecht zu erhalten war, auch nicht erfahren, dasz sie gewankt habe O. Ludwig 1, 242.
δ)
von der vernunft, dem verstand bezeichnet wanken einen mangel an festigkeit und sicherheit:
weil die vernunft im schlieszen wancke,
so sey die witzigste gedancke,
die man von gott macht, tadelns werth.
Lichtwer fabeln 2, 3;
drum so schleusz mein herz das thor
der vernunft und ihrem wanken!
Heräus ged. u. inschriften (1721) 187;
ein mensch, der herzlich überzeugt ist, bleibt auch dabei und läszt sich drüber tödten, da der verstand immerdar wankt, nie zum schlusz kommt und wenn er reden will, mit seinem kalten abwägen der bewegungsgründe keinen todten hund überzeugt Herder 15, 149 Suphan;
der menschen gedanken
seynd eytel und wancken.
Abr. a S. Clara etwas für alle 2 (1711) 38.
eine meinung, überzeugung wankt: szo wisset yhr, wie des bapsts urteil pflegen zu wancken, heut setzt er etwas, morgen zustort er es widder Luther 7, 292, 13 Weim. ausg.; wehe mir ..., wenn meine überzeugungen mit meinem aderschlag wanken! Schiller 4, 36; eben wie auf der evangelischen seite organisationen im sinne der neuerung unternommen wurden, so war man auf der andern bedacht, die wankenden katholischen überzeugungen neu zu begründen Ranke werke 3, 35.
ε)
von aussprüchen, reden, erzählungen ist wanken 'unsicher, haltlos sein' (vgl.wankend 7 a ζ): nun wäre ich wol besinnt, dero meinungen von gott, die wir sprecher, die Latiner und Griechen poeten nennen, auszzuͦlassen, umb desz willen, dasz ir sag nicht hafft, und ire sprüch wanckend J. Herold heydenweldt (1554) b 2ᵇ; also lasz er desz Putiphoras kundtschafft, und da Lucifer höret, dasz sie auch zimlich wancket ... Ayrer hist. processus juris 677; eyner sagt, er (Petrus) sey mit s. Paulo auff eynen tag und jar, der ander, auff zwey jar gemartert. und wanckt alles, was davon geschrieben ist Luther 7, 672, 36 Weim. ausg.; denn wo die historische erzehlung selbst wanket, ... so wanken auch die ... schlüsse Arnold kirchen- u. ketzerhist. (1699) vorr. 34; ward Ardea nicht belagert, dann wankt die ganze erzählung von Lucretias schicksal Niebuhr röm. gesch. 1, 334.
c)
wanken in der übertragenen bedeutung von 'schwanken, unsicher, unbeständig sein oder werden' kommt auch in fester verbindung mit präpositionellen bestimmungen vor.
α)
an etwas wanken beschränkt sich auf die ältere sprache, wo es nicht selten ist:
biʒ daʒ sin aber enzunde,
daʒ er ab wider begunde
mit muote und mit gedanken
an sîner liebe wanken;
er zwîvelte an Isolde,
ob er wolde oder enwolde.
G. v. Straszburg Tristan 19252;
heim ze lant nâch êren wart ir vart gewant,
dâ von daʒs niht an manheit kunden wanken.
Lohengrin 6076 Rückert;
hîvon er ouch zu jungist wart
ein teil in den gedanken
an dem gelubde wanken,
des er hatte sich vorpflicht,
ob er iʒ leiste oder nicht.
N. v. Jeroschin 22541 Strehlke;
die an dem gelouben wanken,
die pruven in ir gedancken
daʒ manic tusent waʒʒer gen
und muͤʒen niht stille sten.
kleinere mhd. erzählungen 3, 70, 65 Rosenhagen.
β)
in etwas wanken tritt nicht vor dem 17. jahrh. auf, ist aber in der neueren sprache sehr entwickelt; die auffassung ist überwiegend inchoativ (doch z. b. nicht in sehr in etwas wanken).
1))
im glauben wancken, in fide perturbari et languescere vel nutare Stieler 2431; damit ihr nicht wancket im glauben, in der hoffnung Ludwig 2377;
ach herr, mein heyland, frewd und licht,
lasz uns im glauben wancken nicht.
G. Weiszel, Fischers kirchenlied 3, 9;
damit ihr nicht ... im glauben irre werdet und wancket Moscherosch ins. cura parentum 120 neudr.; herr Nachtigall wankte hier abermals in seinem glauben, und begann geneigt zu werden, seinem freunde zu trauen Bode gesch. des Thomas Jones 6, 260;
dasz mein sinn und mein gedancken,
hin und her, nimmehr, in liebe wancken.
Venusgärtlein 9, 7 neudr.;
die fingen auch an, in ihrer liebe und freundschafft zu wancken Simpl. 236 Kögel; ja diese theilnahme, die er der unglücklichen in diesem augenblicke der noth schenkte, wirkte selbst sehr vortheilhaft auf die meinung des in seinem wohlwollen für ihn sehr wankenden volks H. v. Kleist (1863) 3, 278.
2))
sie haben, so viel ich weisz, nie im guten gewankt Gentz kl. schriften 2, 121; nichts ..., dasz mich in meinen daselbst gelegten principiis zu wancken hätte vermögen können Ch. Thomasius einleitung in die vernunfftlehre (1691) 68; ich finde euch von zeit zu zeit wankend in euern grundsätzen Göthe 45, 102 Weim. ausg.; wancken in seinem vornehmen, to flinch and quit an undertaking Ludwig 2377; wenn du mich in meinem vorsatz wanken siehst Klinger 2, 66; mit jedem tage längerer zögerung wankten die männer mehr in ihrem vorsatz strenger pflichterfüllung G. Keller 5, 323; Itzenplitz wankt in seinen ansichten sehr Bismarck ged. u. erinn. 1, 377 volksausg.
3))
einer der da wancket in dem was er zugesaget hat, one that flinches in what he promised Ludwig 2377;
mit liegen du bericht
des keysers kammergericht ...
doch in dein reden (hast du) gewancket.
geschichtl. volksdichtung Braunschweigs (1606), zeitschr. des Harzvereins 35, 85;
in der rede wanken, hésiter dans le discours Rondeau; der zeug wancket in der red Denzler 1, 835ᵇ, vgl. der zeuge wancket, er bleibt nicht bey einerley aussage, the witness changeth of deposition Ludwig 2377 und oben wankelbar sp. 1801, wankeln sp. 1817.
γ)
mit etwas wanken ist selten:
gleich wie ein narr von manchen gdancken,
so thut er auch mit reden wancken,
von schweren treumen fabulirt.
Eyering prov. copia 1, 816.
δ)
ob etwas und über etwas wanken kommen auch nur vereinzelt vor:
gnediger herr, glaubt mir fürwar!
der könig wancket gantz und gar
ob unserm obsig und dem glück,
dasz ich sorg, er steh uns zurück,
thu sich mit den Römern vertragn
oder villeicht gar zu in schlagn.
Ayrer 410, 30 Keller;
übrigens ist es kurzweilig und lehrreich zu betrachten, wie die neueren philosophen über die bestimmung ihres staatszwecks wanken und schwanken K. v. Haller restaur. d. staatswiss. 1 (1816) 453.
ε)
zwischen zwei personen oder dingen wanken kommt vor dem 17. jahrh. nicht vor, im 18. (auch bei Wieland, Schiller) und im anfang des 19. (Boyen, Arndt, Niebuhr, F. Th. v. Schubert) ist es ziemlich häufig (doch gebraucht es z. b. Göthe nicht), später kommt es nur bei einzelnen (Bluntschli, Moltke) noch vor.
1))
Galba ... nunmehr zwischen der Acte und dieser käiserin in seinem herzen wankte Ant. Ulr. v. Braunschweig Octavia (1677) 3, 649; mein stolz ward nicht beleidigt, da sie zwischen mir und ihm zu wanken schienen Klinger werke 1, 247 (Elfride 4, 3);
der entsagt mir schon,
der zwischen mir und meiner feindin wankt.
Wieland 26, 180;
schon wankt er (der könig) zwischen uns und dem infanten.
das war das werk von einer stunde — nahe
ist zwischen sohn und vater die versöhnung.
Schiller 5, I, 136 (Don Karlos 2, 13);
du wankst zwischen der welt und deinem vater — du muszt partey nehmen ... einem von beiden muszt du ganz entsagen oder ganz gehören 6, 300 (menschenfeind 8); diese (oberstatthalterin), immer ungewisz, immer zwischen allen partheyen her und hinüber wankend, zu muthlos dem könig zu gehorchen, und noch viel muthloser ihm nicht zu gehorchen ... tritt zuletzt immer derjenigen meinung bei, die für sie die allermiszlichste ist 7, 173 (abfall d. Nied.); zwar wankte die stadt noch mehrmals zwischen den Eidgenossen und Österreich, je nachdem die eidgenössischen oder österreichischen interessen ihr ... näher zu liegen schienen Bluntschli staats- u. rechtsgeschichte von Zürich 1, 317.
2))
zwischen furcht und hoffnung wanken, floter entre la crainte et l'esperance Rondeau;
lange wankt' er zwischen lieb' und grimme.
Kretschmann 1, 178;
Faust ... wankte zwischen dem kitzel zu lachen, und dem gefühl des unwillens Klinger werke 3, 219; herrscht der leichtsinn ihres kopfs, oder der ernst ihres herzens da, wo ihre heftigste leidenschaft spricht — wanken sie zwischen beiden Caroline hrsg. v. Waitz 1, 53 (1789); wie ich Theresen taufte, wankte ich zwischen den beyden nahmen 1, 60; die Römer hätten zwischen dieser schmach und der unmöglichkeit sich zu vertheidigen unschlüssig gewankt Niebuhr röm. gesch. 2, 286; wankend zwischen einer übertriebenen weltverachtung und der sucht emporzusteigen, liegt in meinen handlungen und entwürfen noch keine feste einheit Boyen bei Meinecke leben d. generalf. v. Boyen 1, 137 (1803).
3))
und dieser morgen war vor sechs tagen, wo mein herz zwischen vorschlägen und entschlieszungen wankte, und endlich auf den gedanken befestigt wurde ... Sophie v. La Roche gesch. des frl. v. Sternheim (1771) 2, 153;
wann meine seele traurig ist
und muth und lust in mir verzagen,
wann wankend zwischen wahn und list
sich welt und sünde hart verklagen. ...
Arndt werke 5, 58.
von der stimme (vgl. oben sp. 1841): mit einer stimme, die ich nie vergesse, die zwischen lebhaftem gefühl und mädchenhafter schüchternheit wankte, bot sie mir lebewohl Moltke ges. schriften 1, 48.
4))
ein land (Flandern) ... dessen sprache, sitten und karakter zwischen Gallien und Belgien wanken Schiller 7, 107 (abfall d. Niederl.); der französische karakter ist leichtsinnig, unstät, unruhig, ungerecht, immer zwischen dem zuviel und zuwenig wankend Arndt schriften 2, 34; (gläser mit wein, die) oft den ermüdeten geist, aus dem behaglichen, zwischen schlaf und wachen wankenden zustand, zu neuer aufmerksamkeit reitzen F. Th. v. Schubert verm. schriften 4, 118.
d)
um etwas wanken (die bedeutung ist hier 'sich schwankend wohin wenden, schweifen'):
sine hertze begunde wancken
umbe sine gevangen.
er blichte ie belangen
die frowen und daʒ chint an.
kindheit Jesu, Hahns ged. 86, 74;
ich Danyel lies wanken
pruvelich die gedanken
um des gesichtes verstan.
poet. bearb. des buches Daniel 5951 Hübner (cogitationibus meis conturbabar);
des trauernden gedanken
entschweifen bang dem schoosz
der alpenwelt, und wanken
um ferner gräber moos.
Matthisson schriften (1822) 1, 122.
e)
ungewöhnlich ist es, dasz an wanken ein abhängiger satz angeschlossen wird. im mhd. kommt unterordnung eines conjunctivsatzes vor: alle die wile das du stest in einem wankende, du súllest oder ensúllest, so engelat der vigent niemer ab Tauler predigten 325, 28 Vetter. im nhd. kommt zuweilen anreihung eines ob-satzes vor: ich wank zu weilen ja, ob ich soll beten an noch immerfort der Fillis felsenherz Ant. Ulr. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 588; jetzt sehe ich es schon anders, und wancke wirklich, ob ich reise oder Spanien auf den nächstfolgenden winter verschiebe W. v. Burgsdorff briefe (d. lit-denkm. 139) 148; ich habe lange gewankt, ob ich deinen harten brief beantworten sollte A. v. Droste-Hülshoff briefe 32.
6)
wanken in abhängigkeit von andern verben.
a)
etwas wanken lassen, seit dem 17. jahrh. vorkommend. im eigentlichen sinn: darauff habe der mann seine liebe ... ihr zu erweisen sich bald erbitten, und die peitsche frisch wancken lassen Olearius reisebeschr. (1696) 111ᵃ. übertragen (vgl. sinken lassen):
freund! liebst du redlich in gedanken:
so lasz dabey den muht nicht wanken.
Liscow schriften 401;
drum, lieber sohn, lasz nicht die hoffnung wanken!
A. v. Droste-Hülshoff 2, 73 Kreiten;
absolut:
tugend läszt nicht wanken, tugend läszt nicht fehlen.
Zesen Helikon (1656) 1, 171.
b)
einen (etwas) wanken sehen, wanken finden: mein armer freund Heckler, ich habe deinen charakter wanken gesehen bei einem einzigen blicke deiner frau Castelli werke 14, 259; Aleander fand .. auch den clerus wanken: namentlich die niedere geistlichkeit, welche den druck der hierarchischen gewalten ... nicht wenig empfand Ranke werke 1, 308.
c)
am gebräuchlichsten ist wanken machen (seit dem 16. jahrh.). im mhd. kommt dafür wanken thun vor:
noh mit andere unzuhte,
daʒ den geist tut wanken
mit unrehten gedanken.
litanei 940 Maszmann.
α)
eigentlich: wie sanft rieselst du vorüber, kleine quelle! durch die wasserkressen und durch die bachbungen, die ihre blauen blumen emportragen; du schwingest kleine funkelnde ringe um ihre stämme her, und machest sie wanken S. Geszner schriften 1, 108. im bilde: ist diese eiche Europa so ausgewurzelt, dasz das blosze lüftchen einer sage sie schon wanken macht? Börne ges. schriften 6, 93.
β)
übertragen:
gelt macht des königs hertz offt wancken.
H. Sachs 6, 352, 17 Keller;
das übel reist um sich, ohn alle maas und schranken,
die fremde wörter-sucht macht unser sprach-recht wanken.
Harsdörffer frauenz. gesprechsp. 4, C vᵇ;
viele (haben) das ansehen der regel wanken machen wollen Mendelssohn philos. schriften 1 (1777) 20; diese unerwartete wendung machte die adeligen wanken G. Forster schriften 8, 133. vgl.wankend machen, was jetzt vorgezogen wird.
7)
das part. praes. wankend löst sich öfter vom verbum mehr ab und geht in adjectivischen gebrauch über, es zeigt dann die bedeutung 'die art des wankens an sich habend, zum wanken geneigt' und wird so wie wankel, wankelbar, auch wankelmütig, verwendet: vacillans, wanckend, wanckelmühtig, ungewisz Dentzler 1, 835ᵇ; wanckend, wancklend, wanckelbar, wanckelmütig, unbeständig Kramer (1719) 259ᶜ; fluctuans, ungewisz, wanckend, zweiffelhaftig Kirsch 1, 508ᵇ; wankend, incertain, irrésolu, indécis Rondeau.
a)
attributiv.
α)
vom gang und der körperhaltung 'haltlos, unsicher' (z. th. sich noch participialer auffassung nähernd):
ein wankender saufei, dem nie das rathhaus stehet,
der von dem tisch in rath, vom rath zu tische gehet.
Haller ged. 95 (9, 175) Hirzel;
auch diese bleiche, wankende gestalt,
dies schattenbild vergang'ner erdenschöne.
A. v. Droste-Hülshoff 2, 11 Kreiten;
ihre (der trinker) fuͤsz sind wanckende wie der kinder Ambach vom zusauffen u. trunckenheit C 2ᵃ. mit wankendem fusze:
leitet den sterbenden greis! ich will mit wankendem fusze
gehn ...
Klopstock 1, 30 (an Ebert);
sie ... gieng mit wankenden füszen aus dem zimmer Sophie v. La Roche gesch. des frl. v. Sternheim (1771) 1, 346; ich (Charon) bin des lichtes ... ungewohnt, ich würde mit wankendem fusz ... herum tappen Wieland Lucian 2 (1788) 165; übertragen 'zaudernd': auf diesem kritischen punkte steht jetzt Adrast; aber noch mit wankendem fusze Lessing 1, 418 (freigeist 3, 1). auch wankender gang, schritt, tritt: ein wanckender, oder hinckender gang, a hobling, or waddling, pace Ludwig 2377; wankende tritte, gressus succidui Kirsch 2, 380ᵃ;
mag nicht jugendlich mehr in berg' und thal verlieren
sich der wankende schritt,
mein ist die ebene bahn.
Hegener schriften 136;
sie schleppt mit keichend wankenden schritten
eine grosze tafel in holz geschnitten.
Göthe 16, 125 Weim. ausg.;
Adriano geht wankenden schrittes auf Irene zu R. Wagner 1, 81; wenn meine hand des plappernden kindes wankenden fusztritt leitete Geszner schriften 3, 59. wankende hand, wankender arm: ach, ein bild von meinem leben, das ich dir mit wankender hand vorzeichnen will Schubart leben u. gesinnungen 1, 2; und mein mit wankender hand erbautes häuschen stürzte in den sand 1, 227;
wie wenn der freund mit wankender hand,
mit irrenden zügen ein blatt mir schriebe.
Rückert werke 1, 460;
während die linke ausgestreckt ist, um den wankenden rechten arm ihres geliebten zu unterstützen archäolog. zeitung 1, 80. an wankende hand schlieszt sich wankende schrift, wankende schriftzüge an: ich besitze von ihr noch eine anzahl briefe, und zwar erst deutlich geschrieben, dann, wegen abnehmender sehkraft, mit wankender schrift Kind Freischützbuch 83; brief, der mit wankenden buchstaben gezeichnet ist, epistola scripta vacillantibus litteris Nieremberger. frei wankende jahre 'jahre mangelnder kraft':
vor den jammernden kindern
sterben ältern, ihr trost, und die stütze der wankenden jahre.
Klopstock Messias (1780) 151 (5. ges.).
β)
von gebäuden, geräten 'hinfällig, gebrechlich': ist es nicht besser ohne glanz ... in der stille dahin zu leben, als durch zerstümmelte statuen und wankende obelisken die nachwelt zu belehren Zimmermann von dem nationalstolze (1758) 107;
ich folg' ihr und mein auge schweift
mit graus die wankenden ruinen durch.
nun steht sie wieder und ich sehe mich
an den versunknen stuffen eines morschen
altars mit ihr.
Lessing 2, 350 (Nathan 5, 6);
über den wankenden tisch wurde eine feine damastdecke gelegt und ein silberner theekessel aufgesetzt Freytag 5, 66. übertragen wankende erde, welt:
ein leichtbewegtes herz
ist ein elend gut
auf der wankenden erde.
Göthe 4, 185 Weim. ausg.;
sehet schon helden bey tausend entsprieszen,
zieren und schützen die wankende welt!
Ant. Ulr. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 920.
wankende lage, wankende sache u. dgl.: endlich, nach einem ... ungeheuern verlust, ward seine wankende lage bekannt Archenholz England u. Italien (1785) I, 1, 254; zubald nimmt der dichter einseitige parthei, und thut der besten sache, (geschweige einer schwachen, wankenden), mit dem besten willen schaden Herder 17, 67 Suphan; eine wichtige angelegenheit, die wankende sache der hohen pforte, welcher ich immer besondere aufmerksamkeit geschenkt habe Hauff 7, 224 Hempel; (die) summe dem vermögen der steuerpflichtigen zu entziehen, um sie in den bodenlosen brunnen der bedürfnisse einer wankenden industrie zu schütten Bismarck reden 1, 56 Kohl.
γ)
vom glück 'unbeständig' (vgl.wankelbar sp. 1802): sehen und mercken wir, wie das wanckende glück spielet, einen erhöhet, den andern zu boden stöszet Schupp schriften 536; Darius ... jammerte, dasz er noch lebe, und klagte das wankende glück an Gervinus gesch. d. d. dichtung 1, 222. vgl.(noch sinnlich aufgefaszt): die durch das wankend glükrad ward betrogen Steinhöwel de claris mulieribus 64 Drescher.
δ)
von menschen 'unbeständig, unzuverlässig': welch' ein wankender mensch, wie ungetreu seinen grundsätzen, wie ganz der knecht seiner leidenschaften! G. Forster schriften 7, 151; ja hier sahe man ein rechtes beyspiel des wanckenden pöbels, wie wenig sich auff dero beständige treue zu verlassen sey v. Ziegler asiatische Banise (1689) 361.
ε)
vom menschlichen herzen, geist, von geistigen vorstellungen 'unsicher, schwankend':
dich, könig, fleh ich an, es steht in deinen händen,
der völker wankend herz auf sichre ruh zu wenden.
J. E. Schlegel 4, 59;
noch reiszt uns wahn und irrthum fort!
und unser wankender verstand
hat, abgewandt
von gott, oft gottes rath verkannt.
Klopstock 7, 69 (geistl. lieder);
denn in der seele schlief
vom gut und bösen noch der wankende begrif.
Lessing 1, 190;
wie nun? wenn ein spötter die zwey nicht gewagte schritte auch zurückträte, und nach einem so wankenden begriff von schwärmerey fragte Herder 20, 279 Suphan; diese denkart, die lieber in der wankenden welt der möglichkeiten schweifen, als auf das nothwendige sich heften mag Fichte reden an die deutsche nation 23.
ζ)
von menschlichen worten, äuszerungen, schriften 'unbestimmt, ungewisz' wie lat. ambiguus (so bei Luther undwol nach ihmim 18. jahrh.): aber weil er nicht gewis ist, ... gibt er seine weissagunge mit solchen wanckenden worten eraus, das, so es geschehe odder nicht, er dennoch war habe Luther 23, 10, 30 Weim. ausg.; mit ungewissen und wanckenden worten reden, die man deuten und drehen kan, wie man wil ... wie man zu hofe saget: mit geschraubten worten tischreden 295ᵃ, vgl.wankelwort; aber solch frey urteyl gibt die liebe und naturlich recht, des alle vernunfft voll ist. ausz den büchern komen gespannen und wanckende urteyl werke 11, 279, 34; aus mangel dieser eintheilung ist das wort harmonie wankend und unbestimmt Ramler einl. in die schönen wiss. 4, 177; uns dünkt, der schlüssel der offenbahrung müsse im zusammenhange des ganzen liegen, nicht in abgebrochnen stellen, die dem zweifler höchstens für kraftvolle citationen eines poeten, oder für wankende anspielungen gelten werden Herder 9, 465 Suphan; dartzu, wo man umb den glauben streitet, musz man nit mit wanckenden schrifften streiten, sondern die do gewiszlich, einfeltiglich, klerlich zur sach dienen Luther 6, 306, 20 Weim. ausg.; die fladdergeister und schwermer verstehen nichts in der schrifft, sondern gehen dieweil in der irre, mit ihren wanckenden, unbestendigen und ungewissen büchern, die sie erdacht haben tischreden 2ᵃ. von der poesie: die dichtkunst, die die stürmendste, sicherste tochter der menschlichen seele seyn sollte, ward die ungewisseste, lahmste, wankendste Herder 5, 183 Suphan.
η)
besondere bedeutungen.
1))
von einem ton 'tremulirend': so begann die lallende todtenzunge eines orgeltremulanten, durch die öde stille den seufzer des menschen anzureden, und der wankende ton wand sich zu tief in ein weiches herz J. Paul Hesperus 1, 221.
2))
von einem planeten: ist es aber nicht besser, wann ich in meiner teutschen sprach kan sagen, irr- oder wanckende stern, als planet? der unartig teutscher sprachverderber (1643) 38.
3))
von einem monat, in dem das wetter unbeständig ist (wie im frühling und herbst):
wenn zumal der strom in den wankenden monden
(incertis mensibus) die ufer
schwellend verläszt, und alles umher mit schlamme bedeckt hält.
Voss Virgil 1, 131 (georg. 1, 115).
4))
ein wankender cirkel 'ein unvollkommener': denn also kan das maasz ihrer (der krüppel) glieder so wenig als ... ein wanckender circkel oder eine ungleiche wage ... eintreffen Lohenstein Arminius 2, 226ᵃ.
5))
wankende rippen heiszen in der anatomie die elfte und zwölfte rippe, weil sie beweglicher sind, als die zehn oberen Zedler 31, 1205.
b)
prädicativ.
α)
wankend sein.
1))
von dingen 'unfest, hinfällig': sein pallast ist wie das hausz der spinne und wanckender, wie ein schauer, das der wächter sich gemacht hat v. Hippel lebensläufe 1, 299. bildlich: der grund (der untersuchung) ist wankend: wie wird das gebäude sein? Herder 3, 137 Suphan; die christliche lehre von der auferstehung gründet sich auf die auferstehung des Jesus von Nazareth, ... wie nun? wenn dieser grund wankend wäre? 19, 79.
2))
von personen 'unbeständig, unzuverlässig': sind die deutschen fürsten vielleicht wankend und in der noth unzuverlässig und leicht dem feinde zufallend Arndt über Preuszens rheinische mark 35. an jemand (vgl. mhd. wanken an oben sp. 1848):
und doch mit sîme râte ergie,
swaʒ mîne süne getâten ie,
des ich gegen sîner state doch
vil kleine hân genoʒʒen noch:
wan er ie wankend an uns was.
K. v. Würzburg troj. krieg 46731.
'unentschlossen': seine stimme brachte auch die zum entschlusz, die bisher noch wankend gewesen waren Ranke werke 1, 263.
3))
von menschlichen empfindungen, willensäuszerungen u. dgl. 'unbeständig': sie weichen hinter ihm ab seine getreuen — rebellentreue ist wankend Schiller 3, 141 (Fiesko 5, 5); was ... die freundschaften mit adelichen ... betrift, so sind die à la mode-wankend Laukhard leben u. schicksale 2, 54; die geringste veränderung ... wäre von der gröszten wichtigkeit, weil da die entschlüsse die wankendsten wären Schiller 4, 165.
β)
wankend scheinen:
und (wenn er) nun blos einer treu und nicht mehr
wankend scheint.
J. E. Schlegel 4, 104.
γ)
wankend stehen:
ich stehe wankend, weisz nicht was ich soll.
Schiller 12, 317 (Wallenst. tod 3, 21).
δ)
wankend werden.
1))
ein ding wird wankend 'unfest': so ist bei ihm ein boden gefunden, der nimmermehr wankend werden kann O. Ludwig 5, 171; aber ich fürchte, seine gesundheit fängt an wankend zu werden v. Knigge roman meines lebens 3, 205.
2))
von personen 'nicht beharrend' z. b. auf seiner meinung: 'sie ist groszartig gut mit mir' ... aber gleich wurde er wieder wankend ... 'ich kann mir's nicht denken' Frenssen Jörn Uhl 458. in etwas: wie ich einst, ... ihn flehend am zopf ergriff, ohne dasz er nur auf einen augenblick in pflicht wankend geworden wäre v. Holtei vierzig jahre 1, 4; es gehörte die ganze ehrliche und vornehme treue des königs für seinen ersten diener dazu, dasz er in seinem vertrauen zu mir nicht wankend wurde Bismarck ged. u. erinn. 1, 283 volksausg. ungewöhnlich zu etwas wankend werden 'sich wohin neigen': die erinnerung an meine mutter und ihre tugend ist bei mir gleichsam zum cordial geworden, das ich immer mit dem besten erfolg nehme, wenn ich irgend zum bösen wankend werde Lichtenberg (1844) 1, 26.
3))
von menschlichen meinungen, vorstellungen, eigenschaften 'erschüttert. beeinträchtigt': so verwirrt sind die gränzen der wissenschaft und der kunst, des wahren und des schönen, dasz sogar die überzeugung von der unwandelbarkeit jener ewigen gränzen fast allgemein wankend geworden ist Fr. v. Schlegel werke 5, 23; er (Newton) musz den leser, den schüler im dunkeln erhalten, damit ihr glaube nicht wankend werde Göthe naturw. schr. 2, 73 Weim. ausg.; dasz der glaube an die perfektibilität der menschheit ... höchst wankend geworden ist Grillparzer 9, 45; an mir ist seine treue und liebe nimmer wankend geworden Arndt wanderungen mit Stein 261.
ε)
wankend machen.
1))
ein ding wankend machen 'erschüttern, der festigkeit berauben: musz er sich ein geschäft daraus machen, denen, die da wissen, oder zu wissen glauben, ihre gewiszheit zu erschüttern, ihnen den boden, auf dem sie stehen, wankend machen zu wollen? Heyse kinder der welt 1, 216; auch die mächtige zeit, die sonst alles wandelt, alles wankend macht Herder 26, 177 Suphan; diese methode kann alte lehrgebäude ..., wankend machen J. J. Engel schriften 1, 73; das ist die macht des gedankens, er behandelt alles dialektisch, macht es wankend Hegel werke 14, 26; er bleibt aber deswegen, dünkt uns, doch fehler, der den ganzen plan wankend macht Herder 5, 380 Suphan; wann man die rechte des herkommens wankend macht C. F. v. Moser beherzigungen³ 73; impietät, die erlittenes unrecht nicht wankend, vielmehr fester macht O. Ludwig 5, 276.
2))
von personen 'in der festigkeit erschüttern': so kan er (satan) auch das leben nicht mit friden lassen und hat kein ruge, bis er dich wanckend mache Luther 34, II, 376, 10 Weim. ausg.; du weiszt es bruder ich liebe Blancan und habe meine ehre zum pfande gegeben dasz ich sie besitzen wollte — aber diese thrähnen (des vaters) machen mich wankend Leisewitz Julius von Tarent 74, 19 (3, 3) abdruck des originalmanuscripts; prophezeiten sie ihm den tod, wenn er bei uns bleiben würde. alle diese drohungen machten ihn zwar nicht wankend ... G. Forster schriften 1, 295. in etwas: das ist es alles, was mich jemals in meinem glauben von Yoricks abkunft wankend gemacht hat Bode Tristram Schandi 1, 58; und dieser wird gewisz nicht dadurch im guten wankend gemacht werden, weil nicht alles gleich idealisch werden ... will Thibaut üb. d. notwendigkeit eines allg. bürgerl. rechts (1814) 444; ich habe es gelobt (treue zu halten) und nichts soll mich in meinem vorsatz wankend machen! G. Keller 2, 87.
3))
von menschlichen vorstellungen und eigenschaften: die Venediger kriegen mer mit guldin püchsen, dardurch man alles fellet und ernieder scheüszet, auch etwan ein fest gemüt wanckend macht, dann andere mit waaffen S. Franck chron. Germaniae (1538) 261ᵇ; man den soldaten schuldigen gehorsam durch erdichte zeitungen ... wanckend machet Harsdörffer d. teutsche secretarius (1656) 1, Vu 8ᵃ; ob ... gleich ... verschwenderische präsente ihre keuschheit wankend zu machen suchten d. Leipziger aventurier (1756) 1, 184; sie versäumten nichts, um ihre treue gegen die volkssouverainität wankend zu machen G. Forster 6, 378.
c)
als adverb:
schrecklicher, wankend gesinnter!
Göthe 50, 280 (Achilleis 268) Weim. ausg.
8)
der inf. wird häufig substantivirt gebraucht in den bedeutungen des verbums. die wörterbücher seit Krämer und Stieler geben so das wanken, meist neben wankung, an.
a)
das hin- und hergehen von etwas beweglichem, z. b. einem schilfrohr:
die rohre ...
entweichen ihm (dem sturm) durch kluges schmiegen,
behendes wanken, tiefes biegen.
Ramler fabellese (1783) 1, 237;
das schwanken eines schiffes, einer schiffbrücke v. Hoyer u. Kreuter technol. wb.⁵ 1, 830ᵇ; die seitliche bewegung einer lokomotive ebenda; von gegenständen, die sich frei schwebend durch die luft bewegen: das wancken, oder schwancken, eines abgeschossenen pfeils Ludwig 2377; astronomisch das wanken der erdachse, die nutation: das vorrücken der nachtgleichen und das wanken der erdachse, durch deren gemeinsame wirkung neue sterne am horizont aufsteigen, andere unsichtbar werden A. v. Humboldt kosmos 3, 264; auch das schwanken des mondes, libratio Campe.
b)
die erschütterung von etwas festem: nach einem minutenlangen starken wanken ... stürzte die eiche auf ihr antlitz hin mit gebrochenen ästen, dasz das weisze holz hervorstarrte G. Keller 5, 281;
der alte thurm fällt ein,
man merkt es an seinem wanken.
Rückert werke 1, 546.
c)
das schwanken beim gehen oder in der körperhaltung, z. b. das wanken des greises, des betrunkenen; das sich zum falle neigen, z. b. das wanken des in der schlacht getroffenen; sonst von körperbewegung: man sieht (in der arie) das zittern, wanken, wie sich die schwellende brust hebt Mozart bei O. Jahn Mozart 3, 104. zu nd. wanken 'hin und hergehen' gehört das n. wanken 'verkehr auf der strasze', auch 'leben und treiben' s. oben sp. 1835.
d)
das schwanken in der menschlichen seele: dubitatio, haesitatio Stieler 2432; incertitude, irrésolution Rondeau;
ich vergeh im stäten wanken,
lebe tag und nacht ohn ruh,
mich abkränkend in gedanken.
Ant. Ulr. v. Braunschweig Octavia (1677) 2, 781;
o menschensinn voll unbestand und wanken!
Ariosto ras. Roland übers. v. Gries 3, 203;
was dann sonst, was noch geschehn,
verwirrt sich mir in meiner sinne wanken.
Grillparzer 5, 278 (Melusina 1);
die harmonie der treue, die kein wanken,
der freundschaft, die nicht zweifelsorge kennt.
Göthe 3, 44 Weim. ausg.
mit bestimmungen: das hin und herwanken, fluctuatio, animi agitatio Stieler; endlich aber, nach vielem hin und her wanken ... wagt' ich's doch mich zu melden U. Bräker schriften 1, 209;
hier (auf der erde) aber ist's wanken
von freuden zu leiden.
Arndt ged. (1860) 329;
im häufigen wanken zwischen begier und genusz briefe an freunde (1810) 141. namentlich 'unentschlossensein, zaudern':
in des jünglings letztes wanken
bricht des werbers rauhes zanken,
lacht des werbers bittrer hohn:
'bist wohl auch kein heldensohn!'
Lenau ged. 1, 285;
nach langem wanken unterzeichnete Karl ein testament J. v. Müller werke 3, 225. das wanken wird so häufig mit schwanken verbunden: die fünffte anzeigung ist die unbestendigkeit, das wancken und schwancken der zäuberin Nigrinus von zäubereren, hexen (1592) 301; der fluch des gegenwärtigen geschlechts ist aber, sich auch ohne alles besondre leid unselig zu fühlen. ein ödes wanken und schwanken, ein lächerliches sich-ernststellen und zerstreutsein, ein haschen, man weisz nicht, wonach? Immermann epigonen² 1, 131; ich fürchtete mich, mit Göthe einen ganzen abend allein zu sein, und ging, nach manchem wanken und schwanken nicht hin Grillparzer 10, 176 (selbstbiogr.). ähnlich das wanken und zweifeln: das ruffen fulet man aber denn, wenn das gewissen on alles wancken und tzweyffeln festiglich sich vormutet und gleych gewisz ist, das ... seyn sund yhm vorgeben seyn Luther 10, I, 370, 23 Weim. ausg.; ach in einer welt, wo das geringste wanken und zweifeln an seiner hofnung schon fall und untergang ist Lenz vertheidigung des herrn W. (1776) 42.
e)
die wendungen ohne wanken, sonder wanken (vgl. oben sp. 1794 ohne, sonder wank) kommen schon im mhd. in der übertragenen bedeutung 'beständig, unerschütterlich, gewiszlich' oft vor:
swer sich ze friunde gewinnen lât,
und ouch dâ bî die tugende hât
daʒ er sich âne wanken lât behalten,
des friundes mac man gerne schône walten.
Walther 79, 27;
alsus der margrave von Paden
tet den vienden groʒen schaden;
dem gelich, an alleʒ wanken,
grave Poppe mit sinen Franken,
ich meine den herren von Hennenberc,
er worchte da menliche werc.
Ludwigs kreuzfahrt 2042 Hagen;
mit helffe sunder wancken
musz ich uch der truwen dancken,
das ir mir helffet myne leit
sust rechen und myn laster breit.
herzog Ernst 1451 Hagen;
des is war al sunder wanken,
daʒ alle ding komen von gedanken.
Brun v. Schonebeck hohelied 12576.
im nhd. kann wanken hier noch seine eigentliche bedeutung zeigen:
wie voll gramgedanken
blickt er ohne wanken,
ohne wort und athemzug, mich an.
Langbein schriften 2 (1841) 38;
auf einem bret, was auf der erde liegt, kann man ohne wanken fortschreiten; liegt es aber über einem abgrund ..., so wird oft die leere besorgnisz der gefahr wirklich gefährlich Kant 10, 292. in bildlichen wendungen:
wenn stand, wenn ehr' und güter verschwunden sind,
so stehet sie (die tugend) ohn alles wanken,
bleibet beständig in ihren schranken.
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 159;
Winkelmanns weg, zum kunstbegriff zu gelangen, war durchaus der rechte, Meyer hat ihn ohne wanken streng verfolgt Göthe briefe 29, 12 Weim. ausg.; (die) aussicht seines berufs, als des göttlichen rufs an ihn (den regenten) ... macht seinen gang sicher, entschieden und ohne wanken Fichte wesen des gelehrten (1806) 163. übertragen 'ohne bedenklichkeit, ohne zögern, ohne zagen': sy on alles wancken stanthaftiglich bekant haben Hedio chron. Germ. F 6ᵃ;
gleich ohn wanken   sie (die hirten) zum schrancken
tretten mütig (zum wettgesang)   a uff die baan.
Spee trutznacht. 298;
einen nachen seh' ich schwanken,
aber, ach! der fährmann fehlt.
frisch hinein und ohne wanken,
seine segel sind beseelt.
Schiller 11, 335 (sehnsucht);
ein tapfrer krieger sonder furcht und wanken.
Ariosto ras. Roland übers. v. Gries 2, 146.
'ohne unbeständigkeit':
ehr wird man schwarze schwanen schauen ...
als eine jungfer sonder wanken.
Schwieger (Stieler) geharnschte Venus 37 neudr.
meistens liegt die bedeutung 'unablässig, unerschütterlich' vor:
gott vertrawen on alles wancken.
H. Sachs 11, 467, 8 Keller;
Floridan halt' in gedanken
Dafnis der dich redlich meint,
dessen hertz ohn' alles wanken
sich erklärt für deinen freund.
Rist Parnass 189;
weisz ich eins doch fest zu halten
ohne wandel, ohne wanken.
Tieck 1, 328;
euer war ich ohne wanken.
Uhland ged.² 295;
wenn ihr suchet ohne wanken,
was das leben kann erfrischen,
bleiben jung euch die gedanken.
Platen 26 (lied. u. rom.);
in einer orthodoxen, ohne wanken festgehaltenen meinung liegt eine unglaubliche gewalt Ranke werke 38, 142;
schon focht' er wider mut'ge Franken
durch lange jahre blutgen streit,
und grollte sonder wanken
dem herrn der christenheit.
Platen 33 (balladen);
o madonna! sonder wanken
trug ich deine schmerzensprüfung.
Heine 2, 111 Elster;
dein bis zum tode, dein nur sonder wanken.
A. v. Droste-Hülshoff 2, 14 Kreiten.
mit angeschlossener bestimmung: wie ich so ruhig in dir bin, so still, so ohne wanken in meinem gefühl Bettine briefe 1, 157.
f)
in verbalen verbindungen.
α)
ältere wendungen sind die bei Luther vorkommenden im wanken stehen 'zweifeln', in ein wanken ziehen oder setzen 'in zweifel ziehen', ferner in ein wanken leiten.
1))
als Heva ynn dem wancken stehet und er hat beschlossen, es sey nicht widder gott, da hat er (der teufel) gewonnen, der glaub ist aus und erwürgt Luther 24, 88, 30 Weim. ausg.
2))
das er (der teufel) den glauben hinweg reisze, und zihe in in ein wancken, oder in einen faulen, schwachen gedancken 5, 335 Jen. ausg.; man soll die warheit nicht in ein wancken ziehen Lehmann II, 953.
3))
alles darumb, das er uns, die wir so faul und schwach sind zu gleuben, auffwecke, das wirs nur in keinen zweivel noch wancken setzen, sondern so gewis halten, als sehen wirs itzt gegenwertig für augen Luther 6, 203ᵃ Jen. ausg.
4))
damit vil arms unverstendigs volcks ... eintweder verfuͤren oder in ein zweyfelig wancken, irrung und ergernusz layten flugschr. a. d. ersten jahren d. reform. 2, 352.
β)
dagegen ist ins wanken kommen oder geraten, im eigentlichen und übertragenen sinn gebraucht, nicht vor dem 19. jahrh. nachzuweisen:
1))
von den sieben säulen, welche, nach dem alten ordensbuche, das hospital von S. Marien stützten, waren gefallen oder in's wanken gekommen Armenien, Apulien und Romanien Treitschke hist. u. pol. aufsätze⁵ 2, 26; in den tagen, da Napoleon's herrschaft ins wanken kam 1, 157; nachdem meine bis ins alter festgebliebene gesundheit ... stark ins wanken gekommen war Schäffle aus meinem leben 1, XI.
2))
ihm war, als ob alles ins wanken geriete, der boden unter seinen füszen, die wände Ebner-Eschenbach das gemeindekind 261; er (Capponi) hatte nichts unversucht gelassen, die anhänger Savonarola's für sich einzunehmen und war trotzdem zu anfang des jahres in's wanken gerathen H. Grimm Michelangelo (1890) 2, 27.
γ)
ebenso sind jung zum wanken bringen (zuerst bei Göthe 1787 belegt) und ins wanken bringen:
1))
es soll dein degen
mich nicht zum weichen,
zum wanken bringen.
Göthe 11, 233 (Claudine 716) Weim. ausg.;
der prätor ... eilte ... die stufen des hügels hinunter: ein fehltritt brachte ihn zum wanken Niebuhr röm. gesch. 2, 510;
seit meiner flucht war diesz der erste mann,
der meinem herzen neigung abgewann,
der erste, sag ich dir, der mich zum wanken brachte,
neu ist die glut erwacht, die einst mich selig machte.
Schiller 6, 385 (Dido);
wer bringt meine pflicht zum wanken?
Brentano 3, 269;
aber weder mauern noch thürme konnten den entschlusz des jünglings zum wanken bringen Klinger werke 10, 56.
2))
dasz sie mit dem ... gatten zusammenprallte, ihn ... in's wanken brachte und ihn veranlaszte, die beine gen himmel zu richten Seidel vorstadtgesch. 144; trotzdem hat dieser feldzug ... die feste siegeszuversicht des napoleonischen heeres ins wanken gebracht Treitschke d. gesch.³ 1, 258; ich frage mich, Strozzi, ob eure leidenschaft nicht gelegentlich euren gehorsam ... ins wanken bringen könnte C. F. Meyer Angela Borgia 70.
Zitationshilfe
„wänken“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%A4nken>, abgerufen am 15.11.2019.

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