Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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walgern, wälgern, verb.

walgern, wälgern, verb.
wälzen, rollen, sich wälzen, ekel empfinden. frequentativbildung von dem gleichbedeutenden walgen (oben sp. 1227 f.), im md. verbreitet und auch der schriftsprache nicht ganz fremd.
1)
formen und verbreitung.
a)
anfangs kommt nur die umlautlose form walgern vor, seit dem 15. jahrh. aber wälgern — meist welgern geschriebendaneben und fortan wechseln die beiden formen mit einander. im ganzen wird in den litterarischen belegen walgern bevorzugt, die mundarten aber haben meist welgern, doch vielfach walgern daneben. nur in der bedeutung 'ekel empfinden' kommt welgern kaum vor. das gleichbedeutende wargeln, wärgeln ist wol zunächst auf walgeln (oben sp. 1227) zurückzuführen, dann aber auch für walgern eingetreten.wie das einfache walgen, so kommt auch walgern mit ablautsformen vor. wilgern ist thüringisch (Hertel 258. Schultze 46, auch bei Stieler 2420 und Rondeau erwähnt), wulgern kommt in ostmd. mundarten vor. Spiesz 280. Hertel 260. Neubauer 107. Knothe 124. Weinhold 103. Anton (1844) 9, auch nd. Bauer - Collitz 115. auch in der bedeutung 'ekel empfinden' kommt wulgern, wolgern vor: Diefenbach gl. 376ᶜ nauseare.die verhärtung des g, die walken (das sich aber in der bedeutung meist abzweigt) neben walgen zeigt, kommt auch bei walgern, welgern vor: walkern hat Stieler und Hohberg, welkern wird aus Nordböhmen, der Lausitz und Posen (s. walkern), wilkern aus Nordthüringen (Liesenberg 114) angegeben.
b)
walgern findet sich zuerst bei H. v. d. Türlin crone 15842, wo es aber nicht im reim steht (der dichter gebraucht sonst walgen). abgesehen von diesem beleg, kommt das wort mhd. ausschlieszlich in mitteldeutschen und elsässischen quellen vor, so beim Meiszner, im passional, in der Stuttgarter handschrift von Megenbergs buch, bei Mynsinger, in den Leipziger predigten, in den 'rheinländischen' glossen zu S. Hildegardis physica (Diefenbach nov. gl. 385ᵇ volvere). auch im 16. jahrh. erscheint es bei Elsässern (Keisersberg, Wimpfeling, Micyllus, Wickram, Frey, Fischart) und Mitteldeutschen (Alberus, Wicel, Scheidt, Kirchhof, bei Luther nur in den tischreden). von wörterbüchern verzeichnet es nur Alberus dict. V 3ᵇ torqueo, volvo, ich weltz, welger, schrot, volutatus in coeno, im kot gewelgert, Vv 1ᵇ voluto, ich welger. im 17. jahrh. gebrauchen es noch einige, so Zincgref, Grimmelshausen, Scherffer, Hohberg. die wörterbücher haben es jetzt allgemein (doch hat Stieler nur walkeren, Frisch kennt es nicht), besonders vom teig: welgeren, walgeren (den teig), distender, distirar (la pasta). Krämer 1226ᵃ; welgern den teig, étendre la pâte. Rädlein 1045ᵃ; den teig welgern, to spread your dough with a rolling pin. Ludwig 2443; den teig welgeren, den deeg rollen, uytrollen. Kramer (1719) 264ᵃ; welgern, wilgern, rouler, étendre la pâte avec le rouleau. Rondeau. doch auch in allgemeinerer anwendung: ich walgere, manibus comprimo, in offas convolvo. Steinbach 2, 920; gewalgert, manu volutus. ebenda; etwas walgern, convolvere aliquid, mit den händen, volvere aliquid manibus. Hederich (1753) 2575. Nieremberger (als provinziell); walgen, walgern, rouler q. ch. avec les mains. Rondeau (als idiotisch). Adelung kennt walgern, wälgern aus dem 'gemeinen leben' als 'hin und her rollen', doch nur von weichen körpern. jetzt erscheinen die worte vor allem in technischen werken, doch hat auch W. Grimm in den märchen walgern gebraucht.
c)
das wort hat sich im elsässischen und den md. mundarten durchweg erhalten. Martin - Lienhart 2, 821 (walichere, wæljere). Autenrieth 149 wäljere (181 welgere). Crecelius 891. Kehrein 437 (wälgern). Schmidt 320 (wälgern, walgern ist 'unbehilflich gehen'). Spiesz 280 (welgern). Hertel 252 (walgern, wälgern). Albrecht 235. Göpfert 116. Müller-Fraureuth 94 (welchern). Weinhold 103 (walgern, welgern). Bernd 342 (welgern). Frischbier 2, 453 (walgern). auch siebenbürgisch Kramer 138 (walgern) und in Waldeck Bauer - Collitz 181 (welgern). über die nebenformen s. oben a. auch im deutsch der russischen Juden (ferwalgert umhergetrieben). Gerzon 119.
2)
bedeutung und gebrauch.
a)
transitives walgern, wälgern.
α)
etwas rundliches hin und her rollen:
er walgerts hin, er walgerts her (das zu zerlegende huhn).
Scheidt Grobianus 3434 neudr.;
sie ... sahen zwen junger bären ... mit grossen steinen spilen und an der sonnen hin und her welgeren. Wickram 2, 82, 19 (knabenspiegel cap. 24) Bolte; nicht lange, so wurden sie ganz vertraut, und trieben muthwillen mit dem unbeholfenen gast (dem bären), zausten ihm das fell mit den händen, setzten ihre füszchen auf seinen rücken und walgerten ihn hin und her. Grimm märchen (1843) 2, 339. in Leipzig ist welgern 'ein kind kosend hin und her kollern'. Albrecht 235. einen (etwas) in etwas walgern: je mer sie gewelgert und gewaltzet werden in disen stinckenden unsauberkeiten. Wimpheling predigt Chrysostemi 10ᵃ bei Schmidt els. wb.; und auch die ... motwilliger weyse darneder geressen und inn dreck gewelgert. urfehde v. pfaff Heinz Johann v. Kleinrechtenbach v. 1546 (im archiv zu Büdingen); tauch ein grobes tuch in zerlassen schweffel, wälger es in dieser materey umb und wickels zusammen. Fronsperger kriegsbuch 2, 205ᵃ; die ayer in operment welgern und eins nach dem andern dem rosz in den hals stossen. Zechendorfer zwei bücher von gebrechen der rosz 1, 51.
β)
namentlich etwas weiches mit den fingern rollen, zusammendrücken (so jetzt mundartlich, vgl. 1, b die angaben der wörterbücher):
inn dem so greift die flöh-unru
nach mir mit baiden händen zu,
walgert und plotzt mich heszlich ding,
das auch der wust wüst von mir ging.
Fischart flöhhatz 2274 Hauffen;
wann ers (der pfaff das oblatküchlein) lang genug herumb gerollt und gewalgert, wie ein hund das bein, warumb ers wider entdeckt, und darmit inn eim schnaps das maul zuwischet. Fischart bienenkorb (1588) 174ᵃ; und welger die kuchlein wol czusammen. kuchenmeysterey a 7ᵃ; man musz den teig nicht lange in den händen herum wälgern. Hohberg 3. th. 1. abth. 167ᵃ;
mit fingern du die peps
umbwalger und zerdrück.
Scherffer Grob. 151 bei Drechsler 268.
westerwäld. auch z. b. weichen käse in den händen formen. Schmidt 320. sonst von schmutz, lehm u. dgl., den schnee welgern. Vilmar 446. technisch 'aus thon die cylinder zu den thönernen pfeifen verfertigen'. Krünitz 233, 205.
γ)
im Westerwald auch 'im munde hin und her werfen', z. b. sachen, die zu heisz sind oder nicht schmecken wollen. Schmidt a. a. o.
δ)
mit einer rolle platt machen, namentlich kuchen- oder nudelteig mit dem wälgerholz überfahren (jetzt die gewöhnlichste bedeutung, s. auch 1, b die angabe der wörterbücher): (eine salbe soll man) walgern uff dem tischbrett, bisz es würt zweier finger lang. Brunschwig pest. 24ᵃ bei Schmidt els. wb.; man knettet es (das zuvor beschriebene teigartige gemeng, holohippen) mit fingern gar fest ab, walgerts auf das allerdünneste aus. Hohberg 1, 232ᵇ; walgern oder welgern, den thon zu dünnen platten walzen. Brosenius 2, 34; ein, dem gewicht der ... kerze angemessener, bis auf den gehörigen grad erweichter wachsklumpen wird auf der glatten tafel mit einem glatten rollbrette zu der verlangten länge und dicke gewalgert. Poppe volksgewerbslehre (1834) 2, 445. hess. auch den leichten boden nach der aussaat mittelst der ackerwelger befestigen. Vilmar 446. ferner die wäsche rollen, plätten. Schmidt 320. Crecelius 891.
ε)
rollend fortbewegen: huben das fäszlein mit dem bier fein säuberlich vom wagen und walgerten es ein guten weg hindan in das korn. Kirchhof wendunmut 3, 165 Österley; was ich von steinen ihrer grösse und schwere halben nicht ertragen mogte, das walgerte ich herbey. Simpl. 2, 54, 17 Kurz.
b)
intransitives walgern, wälgern. dieser gebrauch ist viel seltener als bei walgen (da sich walgern vorgezogen wird), hat sich aber jetzt noch in bestimmten wendungen erhalten.
α)
sich wälzen, von menschen und thieren, meist mit angeschlossenem in: prüef auch des tawes edel nâtûr dar an, daʒ eʒ menschleicher nâtûre sô eben kümt und güetleich zuolacht, wenn eʒ reudik ist worden in dem lenzen; sô eʒ sich dann wescht mit tawe und dar inne walgert (text welzet) des morgens .., sô wirt eʒ sleht an seiner haut. K. v. Megenberg 84, 12 in der Stuttgarter handschrift; diu swein habent die art, daʒ si daʒ ertreich umbwüelent und daʒ si mit den mäulern in wusten unlustigem ertreich walgernt (text: rüedent, andere variante: wüelen). 121, 31 ebenda; (eine sau) lustet sich zu erwülen und zu walgern in irem mist. Wimpheling predigt Chrysostemi 10ᵃ.
β)
hin und her gehen, vom glücksrad:
dâ saʒ in ir magenkraft
ûf einem rade hôch erhaben,
von golde geslagen und gegraben,
vrou Sælde und daʒ Heil, ir kint ...
sîn walgern was manegem schade
und wart ouch vil manegem vrum:
swelher kom an daʒ winster drum,
der wart arm unde blôʒ;
swelher aber her umbe geschôʒ,
der wart rîch unde glanz.
H. v. d. Türlin crone 15842.
γ)
wie walgen (2, b, β) ist walgern in Nassau 'unbehilflich gehen' Schmidt 319. Kehrein 437.
δ)
rollen, von runden gegenständen:
der apfel der ist sinewel al umb unde ümbe,
swie verre er von dem stamme walgert in sliht' unde in krümbe,
doch hat er nach dem stamme sinen smak.
minnesinger 3, 86ᵇ Hagen;
rund ist das geld,
walgert durch die ganze welt.
sprichwort bei Albrecht 235.
ε)
sich wälzen, vom wasser, wellen bilden. im Elsasz Martin-Lienhart 2, 821 und in Siebenbürgen Kramer 138 (von der trüben flut eines angeschwollenen flusses). entsprechend in Waldeck wulgeren Bauer-Collitz 115.
ζ)
im boot hin und her schaukeln. in Ostpreuszen Frischbier 2, 453.
η)
die bedeutung 'ekel empfinden' ist aus 'sich im magen bewegen' hervorgegangen (s. walgen 2, b, η) und ist im wesentlichen nd.: unser sele walgert nu vor de allerlichtesten spise. nd. bibel, 4 Mos. 21, 5 bei Schiller-Lübben 5, 579; Diefenbach gl. 376ᶜ nauseare, walghern, wolgern vel spigen, wulgern, swulgern, schwulgern; n. gl. 362ᵃ nauseare, walgeren, welgern, walgern. Stieler führt in diesem sinn walgern neben walgen an, doch scheint ihm der reflexive gebrauch am geläufigsten: sich walgern, stomachum evertere, fastidire, nauseae molestiam suscipere, nausea segni et sine exitu torquere se. 2420 (auch in zusammensetzungen). noch Rondeau führt neben walgen auch walgern in dieser bedeutung an.
c)
reflexives walgern, wälgern.
α)
sich wälzen, von menschen und thieren:
und gienc zu eime pusche groʒ,
der was albetalle ein dorn.
uf sich selben was im zorn,
des welgerte er sich her und dar,
unz im sine hut vil gar
der dorn mit scharfen zacken reiʒ.
passional 219, 79 Köpke;
do gienc Franciscus in den sne,
der in den geziten lac.
vor der kelde er nicht erschrac,
wand er sich welgerte bloʒ.
522, 93;
so es (das pferd) nach der arbait in den stal komt, so velt es pald nyder und welgert sich und schickt sich zu der ruͦe. Mynsinger von den falken 60 Haszler; das pferde (das würme hat) welgert sich von ainer seiten zu der andern. 79; ja, lieber Deutscher, also kündts sein, wenn das edadde seinen ursprung vom hoda hat, welchs bekennen odder dancksagen ist, aber von nidded kömpts, welchs bewegen heist, odder den kopff schütteln, odder sich hin und wider welgern. Wicel annotaten 2 (propheten), 36 (1536); auf den waichesten sanftesten pflumbetten sich errammeln, strecken und walgern. Fischart pod. trostb. 72, 26 Hauffen.
β)
sich in etwas walgern:
do begunde sich walgern der münech Ilsân
in dem rôsengarten.   nieman greif in an
in den liehten rôsen.
rosengarten 429, 1 Holz (nach der Straszburger handschr.);
er (der pelican) walgert sich in dikkem pfuole oben und under,
und læt den slim an im erdorren, daʒ ist war.
minnesinger 3, 101ᵃ Hagen;
swer aber dar quam mit bosir andacht, der gink besuͦlit als ein swin, daʒ sich gewelgert hat in dem phuͦle. Schönbach altd. predigten 1, 123, 20; zoch sich nackent usz, und welgert sich in nesseln, in dornen also lang untz im sin lyb vol wunden und bluͦts was. Keisersberg bilg. 58ᵇ; so du villeicht gewont hast wie ein saw in einer mistlachen dich in unküscheit zuͦwalgern. Hier. Gebwyler beschirmung des lobs und eren der hochgelobten hymelischen künigin Marie (Straszburg 1523) K 1ᵇ; welgert sich im schnee. Alberus Eulenspiegel nr. 120; das thierlin ... welgert sich im kot. Luther tischreden 93ᵃ; schütt darnach ein beth ausz und walgert sich allenthalben in den federn. Frey gartenges. 10, 98 Bolte; damit die fraw ... sich also in dem külen taw erfrischet und walgeret ... und wie die fraw sich im külen taw waltzet und erfrischet. Kirchhof wendunmuth 2, 526 Österley; erkläre mir, was es (den knaben) zur tugend helfen könne, sich in koth und staub miteinander herum zu walgern. Wieland Lucian 4, 342. elsäss. er hat sich uf dem bode rum gewalichert. Martin-Lienhart 2, 821. hess. sich welgern namentlich von dem kindervergnügen sich einen steilen abhang herunter zu wälzen. Vilmar 446.
γ)
mit richtungsbestimmungen: er musz auf der erden sich wieder hinaus weltzen oder welgern. Micyllus Tacitus 449ᵃ; wisset ihr nicht, dasz ein stein in einem augenblick sich selber einen hohen berg hinab welgert, da man ihn in einem gantzen tag nicht wider hinauff waltzen kan. Zincgref apophth. 216.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1908), Bd. XIII (1922), Sp. 1236, Z. 43.

wolger, m.

wolger, m.,
für walger, f., m. (s. oben teil 13, sp. 1234). a) lehmpfropf zum besetzen der bohrlöcher; pl. wolgern Gätzschmann samml. bergmänn. ausdr. (1881) 118. b) länglichrund gedrehtes teigstück, nudel: wolger, wulger turunda Frisch (1741) 2, 456ᶜ, vgl.gänsewolger nudel oder zusammengewölgertes mehl, damit man die gänse oder hühner schoppet und mästet Kirsch cornucopiae (1718) 1104; wolger een deegbrok Kramer-Moerbeek (1768) 425ᵇ; massa manibus compressa Steinbach (1734) 2, 1018; stopfnudel Schrader dtschfranz. wb. (1781) 2, 1649: ihre speise sol sein wolgeren oder kleien mit knoblauch Heyden Plinius (1565) 482; Amaranthes frauenzimmerlex. (1715) 602. c) cirmenta est illud quod natat super liquores in vase ut recens maneat potus ein wölger (md. 15. jh.) Diefenbach gloss. 123ᵃ (zu walgen, vb., in wallender bewegung sein). d) wölger fasz, das gerollt wird Frischbier 2, 479. nicht schriftsprachlich.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1951), Bd. XIV,II (1960), Sp. 1281, Z. 41.

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wölflein
Zitationshilfe
„wölger“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%B6lger>, abgerufen am 30.07.2021.

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