Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

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wöllen, vb.

wöllen, vb.
(jägerspr.): 'wöllen nennen die jäger das gefiederausspeyen derer raubvögel, welches mehrentheils in der frühe geschiehet, wo der raubvogel die von dem raub mit eingeschluckte federn und haare, so sich in einen runden batzen zusammen begeben, wiederum von sich giebt und aus dem kropf herauswirft' Heppe wohlred. jäger (1763) 337ᵇ. absolut und reflex.: der falke wöllet oder wöllet sich Adelung 4, 1607. vgl. mhd. willen, wüllen, wollen ekel, erbrechen verursachen, ahd. willôn, wullôn ahd. gl. 1, 357, 5; 2, 376, 63; 4, 326, 13; vgl. Wissmann nom. postverb. 1, 69. ferner mhd. mir wüllet bereitet ekel:
diu milte mac niht ersehen
daz mit unrecht genomen ist:
ir wüllet dâ von zaller vrist
Thomasin v. Zirclaria d. wälsche gast 14132 R.;
Schmeller-Fr. 2, 893; ir (der schwangeren frau) wuͤllet gern und ir pruͤstel werden hert Ortolff v. Bayrlandt 11ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1951), Bd. XIV,II (1960), Sp. 1365, Z. 18.

wollen1, adj.

¹wollen, adj.,
von, aus wolle. ahd.: wullinen laneis ahd. gl. 3, 418, 63; laniu uullinaz uestid 3, 12, 8; mhd. wüllîn s. Lexer 3, 985ᵃ. in den formen wullen, wüllen, wullein, wullin, wullyn, willen, woln, wollen, wöllen in wbb. des 15. bis 17. jh., s. Diefenbach gl. 317ᵃ; 590ᶜ; 619ᵇ; 635ᶜ s. vv. laneus, trabea, villosus, zona; wöllin Alberus dict. (1540) Cc 4ᵇ; wüllen Hulsius (1618) 2, 219ᵃ; Bellin hd. rechtschreib. (1657) 138; Schottel haubtspr. (1663) 331; wollen, wollin, wüllen Kramer 2 (1702) 1386ᵃ; wollen, wöllin sive wüllen Rädlein (1711) 1073ᵃ; wöllen Gottsched sprachkunst (1748) 112. die an das subst. wolle angeglichene form wollen setzt sich wie adj. golden für älter gülden in der 2. hälfte des 18. jh. durch und gilt seither schriftsprachlich allgemein. nur in dialekten erhält sich die lautgesetzliche form wüllen, wullen, z. b. Schmeller-Fr. 2, 893; Fischer schwäb. 6, 941; Martin-Lienhart 2, 817; Liesenberg 222; Bauer-Collitz 115ᵃ; Hentrich 37; Hertel 259; Schambach 307; Woeste 329ᵇ; Danneil 251ᵃ. archaisierend: wullen bei Göthe I 8, 153 W. (Götz), der sonst stets die form wollen verwendet. altertümlich wirkt wüllen bei Cl. Brentano ges. schr. (1852) 3, 393. vgl. noch: 'die form mit ü lebt nur noch in eigennamen wie Wüllenweber' Gombert bemerk. u. ergänz. (1879) 4, 18, der noch eine form wöllen aus Dan. Stoppe neue fabeln (1738) belegt, aber die ältere sprache und die dialekte hier nicht im auge hat.
1)
aus wolle gemacht: fatto, tessuto di lana Kramer a. a. o.; laneus Steinbach (1734) 2, 1018. mhd.:
si truoc ze nahest an ir lich
ein herte hemede hærin,
dar obe ein wullin rockelin ...
Gottfr. v. Strassrurg Tristan u. Isold 15658 Ranke;
wer ist in den vinger wunt,
wo die bosen bloteren sin,
da hort ein wullin fadin in
könig vom Odenwald 6, 110 Schr.
weitere belege s. mhd. wb. 3, 803ᵃ und Lexer a. a. o. nhd.: (die bürger sollen) auff kein leyhe noch pare nicht anders legen, denn eins gemeynen slechten wullin tuͦchs swartz oder grae (Nürnberg a. 1426) in: städtechron. 2, 14 anm. 4; sy ... lag auff einem stroh und het wülline tücher darauff d. summerteil d. heyligen leben (1472) 81ᵃ; 5 ellen wullin landtuch Tschudi chron. Helvet. 1, 62; es sollen ... alle tuͦch, die wüllin synd, von einer leng sein teutscher nation nodturfft (1523) d 2ᵃ; an den orten, so man sitzet, ist ein ... deppich ... oder wullin tuͦch unterpreyt Seb. Franck chron. d. Turckey (1530) d 4ᵇ; wüllen tuch Thurneysser magna alchymia (1583) 59; Harsdörffer secretarius (1656) 1, M m m 2ᵇ; wülline oder härine hemder antragen Hieron. Gebweiler lob Marie (1523) 31ᵃ; wöllen kleid Murner kl. schr. 2, 29 Pf.-B.; wenn an einem kleid eines aussatzs mal sein wird, es sey wüllen oder leinen, ... 3. Mos. 13, 47; wenn sie durch die thore des inneren vorhofes gehen wöllen, sollen sie ... nichts wüllens anhaben Ezech. 44, 17; wenn unser herr gott ... strafen wölle, so ziehe er wüllen socken an, dasz er leis gehen und man ihn nit hören mög Luther 3, 9 Erl.; etliche (mönchskleider) sind gantz wullin, etliche leinen Fischart binenkorb (1588) 26ᵃ; wollin schuch oder filtzschuch Calepinus XI ling. (1598) 1315ᵃ s. v. sculponeae; ein wollen kürschet Schweinichen denkw. 526 Ö.; sie (die alten Deutschen) fleiszigten sich einer gar schlechten tracht, ausz leinwath oder groben wüllenen harzotten J. H. Schill ehrenkranz (1644) 316; papst Urban ... (hat) ihnen wülline creutz auff die schuldern hefften lassen Dannhawer catech.-milch (1657) 4, 100; ein balle wüllen tuch Grimmelshausen 2, 421 Keller; wüllen gewand ebda 2, 386 K.; leinen und wöllin zeug zur nöhtigen kleidung Bucholtz Herkuliskus (1665) 836; bisz ... sie ... aus wöllenem gespinste ... segel ausgespannet ... haben Lohenstein Arminius (1689) 1, 129ᵇ; wüllenne hemder am leibe tragen A. Olearius vermehrte reisebeschr. (1696) 160; eine wollene decke Th. Abbt verm. werke (1768) 2, 29; Göthe I 33, 15 W.; Schiller 4, 74 G.; ein schöner wolner fuszteppich Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 3, 319; statt der strümpfe werden ... streifen von wollenem zeuge ... um das bein gewunden W. v. Humboldt ges. schr. 4, 190; blühende fabrication leinener und wollener stoffe Mommsen röm. gesch.⁴ 3 (1866) 219; wollene kleider tragen s'habiller de laine Schwan (1783) 2, 1069ᵇ; wollene strümpfe Holtei vierzig jahre (1843) 1, 179; G. Keller ges. w. (1889) 1, 356. wollene kleidung wird seit mhd. zeit auch speziell als busz- und fastenkleidung, trauerkleid, kleid der armut getragen, s. mhd. wb. 3, 803ᵃ und Lexer 3, 985ᵃ, ferner: also sag ich das es grossen radt bedarff, der einem von einer alten gewonheit wil bringen, wenn du schon disciplin nimpst unn ein wüllin hembdlin anlegst, es hilfft nit wenn es schon gantz herin wer Geiler v. Keisersberg brösamlin (1517) 1, 43ᵃ; da kamen die burger all in wüllen hembdern, plossen füssen und begerten gnad Seb. Franck chron. Germ. (1538) 130ᵇ;
in schwartz wülliner wat
rit kayserliche mayestat
Hans Sachs 2, 388 K.;
in wüllinen kleidern, mit bloszen füszen Z. Müntzer bepstl. gesch. (1566) 301; Binhardus thür. chron. (1613) 246; (es haben) Maximilians hausfrau ... und alles volck zuͦ Augspurg barfuesz und wullen beclaidt ainen kreutzgang gethan städtechron. 29, 20; in der kleidung eines büszenden, das ist, in einem wollenen hemde und mit bloszen füszen M. I. Schmidt gesch. d. Dtschen (1778) 2, 290; Tieck schr. (1828) 13, 31. formelhaft: wüllin und barfusz schon mhd.:
sî truogen ir heiltuom
wüllîn unde barfuoz
Hartmann v. Aue Gregorius 3769 B.;
alliz daz volc volgete ime wullîn und barfuz, got lobende und êrende Hermann v. Fritzlar in: dt. myst. 1, 199 Pf.; nhd.: (sie) giengen in das ellende wüllein und parfusz A. v. Eyb dtsche schr. 1, 97 H.; Wig. Gerstenberg chron. 175 D.; Cyr. Spangenberg mansfeld. chron. (1572) 217ᵃ; Hennenberger erclerung d. preusz. landtaffel (1595) 261; wullen unde barvot Schiller-Lübben 5, 785; wuͤllen und barfus Fischer schwäb. wb. 6, 941. wollen kleid als ausdruck der schlichtheit: (Karl V.) kam gezogen in einem schlechten schwartzen wollenen mantel Rätel Joach. Curäi chron. (1607) 560; ein schlecht wöllen kleidgen J. G. Schmidt rockenphilos. (1706) 1, 15. bildlich: die ledernen, wöllenen, zinnernen weiszheiten (wertloses wissen) Chr. Weise d. drey klügsten leute (1675) 181.
2)
wollig (17. und 18. jh.):
o schäflein unbeschoren,
du zartes wüllen kind,
ach, wo dann gehst verloren,
dasz dich so gar nit find?
Spee trutznachtigall 221 ndr.;
ihr hirten in hürden, nun machet euch auff,
verlasset die weiszlichen, wollenen heerden,
nun eilet zu suchen mit flüchtigem lauff,
den gütigen schöpffer der himmel und erden
Treuer Dädalus (1675) 1, 842;
der hirt geht ihnen sittsam vor,
dann folgt das ganze wollne chor
Triller poet. betracht. (1750) 4, 354.
3)
(landschaftlich) was sich wie wolle anfühlt, z. b. (schwäb.) 'ein überreifer rettich ist wüllen' Fischer schwäb. wb. 6, 941. metaphorisch 'von phlegmatischen menschen gesagt, die nicht viel leben zeigen, träge, schläfrig sind' ebda.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1951), Bd. XIV,II (1960), Sp. 1325, Z. 1.

wollen2, vb.

²wollen, vb.,
fordern, wünschen, beabsichtigen.
I.
herkunft und formen.
A.
wollen ist ein gemeingermanisches wort und gehört mit wille, wohl, wahl zu einer idg. wurzel u̯el/u̯ol/u̯l̥, die in den idg. sprachen weite verbreitung hat. got. wiljan; an. vilja; dän. ville; schwed. vilja; ags. willan; engl. will; afries. willa; as. willian; mnd. willen; holl. willen. auf *waljan geht zurück ahd. wellen; mhd. wellen; dieses verbum wird auch im nordhumbr. (pl. wallađ, opt. welle, prät. walde, negierter inf. nallan, s. Sievers-Brunner altengl. gr. § 428 anm. 4, 5; Flasdieck Anglia 61, 20 ff.), altfries. (s. van Helten aofries. gr. § 240; Flasdieck a. a. o. 15) und altsächs. (im Cottonianus des Heliand, s. Gallée altsächs. gr. 272; Flasdieck a. a. o. 14) mit wiljan kombiniert. auszergermanisch ist etymologisch verwandt skr. vr̥ṇīté, vr̥ṇāte, vr̥ṇoti, vr̥ṇute 'wählt, zieht vor, wünscht, liebt, wirbt'; varaṇam 'das wählen, wünschen'; av. var- (3. sg. präs. vərənte) 'wählen, vorziehen, glauben, überzeugen, bekehren'; lat. volo, velle, volui 'wollen'; altlit. pavelmi, 3. pers. pavelt (= lat. vult) 'will, erlaubt, überläszt', s. Specht in: zs. f. vergl. sprachforsch. 62, 83; 87 f.; viltìs 'hoffnung'; lett. vẽlêt 'wünschen, gönnen, erlauben'; vẽlîgs 'begehrlich, verlangend, lüstern'; aksl. veljǫ, velěti 'wollen, befehlen, auftragen, heiszen'; voljǫ, voliti 'wollen, wählen', s. Trautmann baltoslav. wb. 348; cymr. guell 'besser'. βούλομαι = dor. δήλομαι gehört sicher nicht hierher, wohl aber griech. ἔλ-δ-ομαι, ἐλπίς mit dental-, bzw. labialerweiterung der wurzel, s. Walde-Pokorny 1, 294 f.
B.
wollen ist unregelmäsziges verbum. idg. wurde zur wurzel u̯el ein athematisches präsens gebildet: lat. vult = lit. pavelt, dazu der optativ lat. velit = got. wili. im germ. hat der optativ den indikativ verdrängt in attraktion an den optativ des zugehörigen nebensatzes, s. Behaghel dtsche syntax 2, 231; Wackernagel vorles. über syntax 1, 60 ('weil die wunschausdrücke den optativ haben, wird das verbum des wünschens selbst in den optativ gesetzt'). seine isolierte stellung und die in verschiedenen sprachperioden und dialekten auftretende neigung, einzelne oder alle formen von wollen an grosze verbalgruppen anzugleichen, macht die abwandlung von wollen sehr bunt. vgl. zum folgenden Flasdieck Anglia 61, 1 ff.
1)
im got. ist der stammvokal i für alle formen fest. indikativische präsensendungen sind got. nicht belegt. die optativformen übernehmen hier die funktion des ind., dies schon gemeingerm., wie einzelne formen im ahd., an. und ags. beweisen (s. u. 2, 3 und Streitberg urgerm. gr. 345). das opt.-formans ī tritt athematisch an den stamm. die endungen entsprechen daher im got. den endungen des opt. perf. ablautender verba: wiljau, wileis, wili, dual (*wileiwa), wileits, pl. wileima, wileiþ, wileina; sie übersetzen griech. ind. und konjunktiv, z. b. saei wili afar mis laistjan ὃστις θέλει Marc. 8, 34 und saei allis wili saiwala seina ganasjan ὃς γὰρ ἂν θέλη Marc. 8, 35. das prät. wird mit dentalsuffix gebildet, das ohne themavokal an den stamm tritt und die regelmäszigen endungen des schwachen prät. hat: wilda ἤθελεν, ἠθέλησεν; wildedum ἠθελήσαμεν; wildeduþ skeir. 47, 9; wildedun ἤθελον, ἠθέλησαν. vom optativ prät. sind in der got. bibel 3. sg. wildedi ἄν θέλοι und 2. pl. wildedeiþ εἰ θέλετε belegt, von nominalformen der inf. wiljan und das part. präs. wiljands.
2)
im an. sind wie im westgerm. (s. u. 3 und 4) bereits indikativische endungen im präs. gebildet: 1. sg. vil; 2. sg. vill (aus vilr), später vilt (analogisch nach skalt), selten vilr; 3. sg. vill (aus vilr); pl. viliom, vileþ, vilia. dichterisch findet sich aber noch 1. sg. vilia, eine optativform in indikativischer funktion, die dem got. wiljau lautlich entspricht. neue optativformen wie 2. sg. viler treten hier wie in andern germ. sprachen zu den ind.-formen. das prät. flektiert regelmäszig: vilda, -er, -e oder -i; pl. vildom, vildoþ oder -ot, vildo oder -u.
3)
im ahd. wird die flexion von wollen mit den stämmen wil-, walj-, wol- (aus wul- durch brechung) gebildet. über wal- und wol- in den andern germ. sprachen s. Flasdieck Anglia 61, 14; 15; 20 ff., 14; 17; 23; 28 ff. ahd. ist im sg. präs. ind. der stammvokal i wie got., an., ags., as. fest: 1. sg. willu; 2. sg. wili; 3. sg. wili. die endung -u in willu ist angleichung an die thematischen verba wie zellu. solche angleichungen sind seit dem 9. jh. auch für 2. und 3. sg. nachzuweisen, besonders auf rheinfränkischem und mittelfränkischem gebiete: 2. sg. wilis, 3. sg. wilit (diese form stets bei Otfrid). die 2. 3. sg. wili (später wile, wil) dagegen sind die lautgesetzlichen alten formen, die alten athematischen optative; sie entsprechen got. wileis, wili. die 1. sg. wille (Pariser und Casseler gloss., ferner 8 mal bei Otfrid), willa (Tatián und Otfrid) sind analogiebildungen nach den thematischen optativen, s. Flasdieck a. a. o. 10. in der zunächst spärlich bezeugten 1. sg. wili (Flasdieck a. a. o. 10 und 18) steckt vielleicht die alte athematische optativbildung (daraus spätahd. wile Notker). 2. sg. wilt (seit Williram; vgl. aber auch wil thu bei Otfrid und Tatian!) neben älterem wili ist angleichung an die präteritopräsentia. die spätahd. form 3. sg. wil versteht sich aus wili durch apokope. für 1. sg. wil (bei Williram 24 mal, nur einmal wille) gilt möglicherweise das gleiche, oder es liegt angleichung an die 3. sg. vor, es kann aber 1. 3. sg. wil auch als angleichung an das flexionsschema von skal gefaszt werden: wil, wilt, wil/skal, skalt, skal. der pl. und der neugebildete opt., ferner inf. und part. präs. sind im ahd. vom stamm walj- gebildet, also 1. pl. wellemês, wellên; 2. pl. wellet; 3. pl. wellent, wellant; opt. präs. welle, wellês(t), welle u. s. w.; inf. wellen; part. präs. wellenti. das e der stammsilbe ist umlauts-e (s. Franck in: zs. f. dtsch. alterth. 25, 221 und Sievers in: Paul u. Braune beitr. 9, 563 ff.). in den fränkischen dialekten verdrängt der o-vokal des prät. schon im 9. jh. die e-formen (anders Kluge in: Paul u. Braune beitr. 8, 515), daher bei Otfrid und Tatian pl. wollemês, bzw. -ên, wollet, wollent; opt. wolle, wollêst, ..., inf. wollen; part. präs. wollenti. das alem. und bair. halten die e-formen fest, am zähesten das bair. das prät. lautet im ganzen hochdeutschen gebiet wolta wie auch ags. (westsächs.-kent. wolde, s. Sievers-Brunner altengl. gramm. § 428; Flasdieck Anglia 61, 23) und (neben welda) as.; nur frühbair. findet sich vereinzelt auch welta, s. Schatz ahd. gramm. § 544. das prät. flektiert nach suohta, zalta. der vokal o der stammsilbe wurde als verdumpfung des e zwischen w und l erklärt, ist aber besser aus der schwundstufenform u̯l̥, also als brechung aus u zu fassen.
4)
im as. haben die i-formen im flexionsschema gröszere verbreitung, sie herrschen nicht nur im sg. des ind. präs. (1. sg. willio, bzw. williu; 2. sg. wilt, öfter wili; 3. sg. wili, vereinzelt wilit), sondern auch im pl. williad, bzw. willian) und im opt. präs. (willie, willies, willie; pl. willean), im inf. willean und part. präs. willeandi. e-formen, z. b. welleant und (sporadisch) 1. sg. präs. welleo, sind selten. im prät. findet sich welda, weldes, weldun, opt. weldi, weldin neben wolda, woldun, opt. woldi.
5)
das mhd. zeigt im stammvokal im allgemeinen dieselben verhältnisse wie das ahd.: i im sg. des indikativischen präs., e in den übrigen präs.-formen, im inf. und part. präs. alem. und bair.; dagegen o in diesen formen im md.; der prät.-vokal ist o auf dem ganzen hd. gebiet, nur tritt z. t. im konj. prät. umlaut ö (entrundet e) auf, das landschaftlich in den ind. übergreift. im einzelnen ist allerdings die flexion dialektisch stark differenziert. im fränk. finden sich i-formen durch das ganze präs., ja auch im prät. mit weitgehender angleichung an die flexion der themat. verba, also 1. sg. wille, 3. sg. willet; pl. willen, -et, -ent; opt. wille, willes(t), wille; pl. willen, willet, willen; prät. wilde ... (reimbelege bei Weinhold mhd. gr.² § 422). senkung des i zu e im md., synkope und apokope im obd., assimilation von lt zu tt, von ln zu n im alem., also witt für wilt, wen, went für weln, welnt, u für o (wulle ... für wolle ...) im rheinfr. variieren landschaftlich die abwandlung von wollen. die normalmhd. flexion ist: 1. 3. sg. wil; 2. sg. wilt und wil (aus ahd. wili, s. o. und Weinhold mhd. gr.² 457); pl. wel(le)n, welt, wel(le)n(t), bzw. md. wol(le)n, wolt, wol(le)n(t). opt. präs. welle ... und wolle ...; prät. wolde, wolte ... opt. wolde, wolte und wölte ...; inf. wellen, wollen; part. präs. wel(le)nde, wol(le)nde. ein imp., für den bis ins 13. jh. der opt. gesetzt wurde, wird neugebildet (zuerst bei Gottfried Tristan 9925, s. Erdmann syntax § 161): wolle.
6)
die abwandlung von wollen in der nhd. schriftspr. ist: ich will, du willst, er will, wir wollen, ihr wollt, sie wollen; konj. wolle, wollest, wolle, wollen, wollet, wollen; imp. 2. sg. wolle, vereinzelt will (s. u.); 2. pl. wollet; prät. ind. und konj. ich, er wollte, du wolltest, wir, sie wollten, ihr wolltet; inf. wollen; part. präs. wollend; ferner part. prät. (neugebildet nach den präteritopräsentien) gewollt, bzw. wollen (s. u.). im einzelnen.
a)
1. 3. sg. ind. will. 1. sg. ich wille (15. jh. z. b. Arigo decam. 14, 33 K.; 17, 11) ist zu beurteilen wie 1. 3. sg. prät. der thematischen verba mit epenthetischem -e: ich name, gabe. ich wille bei Ölinger gr. 73 (Scheel) ist bloszes versehen, ebda 76 richtig ich will. 1. 3. sg. konj. älterdeutsch welle, wölle, wöl, z. b. bei Murner narrenbeschwörung 229, 3 Sp.
b)
2. sg. willst ist junge angleichungsform und hd. erst seit dem 16. jh. zu belegen, z. b. bei Luther, s. Franke spr. Luthers² 2, 344. die alte form wilt gilt älternhd. allgemein bis ins 18. jh., findet sich auch noch im 19. jh., wird aber seit der 2. hälfte des 18. jh. allmählich aus der schriftsprache verdrängt. wilt gebraucht noch der junge Wieland, Herder, Göthe und Schiller, wilt neben häufigerem willst Tieck, H. v. Kleist, Uhland, Mörike, s. Paul dtsche gr. 2, 275, ferner Wieland w. 1, 41 akad.; Göthe I 16, 31 W.; Tieck schr. (1828) 2, 197; 209; H. v. Kleist 1, 412 Schm.; Uhland ged. (1898) 1, 422. mit nachfolgendem pers.-pron. wiltu oder wilt du. wiltu: A. v. Eyb spiegel d. sitten (1511) a 6ᵇ; erste dtsche bibel 1, 408 K. und oft; Murner; Luther Marc. 1, 40; Fischart flöhhaz 22 ndr.; Bellin rechtschr. (1657) 115; Prätorius saturnalia (1663) 6; Rachel sat. ged. 44 ndr.; Herder 15, 26 S. wilt du: A. v. Eyb a. a. o. a 3ᵃ; Zwingli dtsche schr. (1828) 1, 47; klugreden (1548) 26ᵃ; Bucholtz Herkuliskus (1665) 7; König ged. (1745) 334; Wieland w. 1, 146 akad.; 2, 359; Herder 26, 11 S.; Göthe I 4, 122 W.; H. v. Kleist 2, 197 Schm. die grammatiker schwanken in ihren vorschriften. Clajus läszt nur die form wilt zu: ich will ... ich soll ... abjiciunt s ex terminatione st in secunda persona singulari praesentis, du wilt, du solt pro du wilst, du solst dtsche gr. 106, 2 Weidling ..., ebenso Ölinger 73 Scheel; L. Albertus gr. 112 Müller-Fr. und 116 setzt wilst. Schottel haubtspr. (1663) 603 verzeichnet beide formen wilt und wilst, Adelung sprachlehre (1782) 253 nur mehr willst. zur mnd. form wist aus wilst (15. jh.) vgl. nd. jahrb. 8, 68 und A. Lasch mnd. gr. § 256. zu mnd. wult (ostfäl.) aus wilt ebda § 169 c. alem. und schwäb. witt, wit aus wilt, z. b. der ew. wiszheit betbüchlin (1518) a 2ᵇ; N. Manuel vom papst 56 B.; H. R. Manuel weinsp. v. 631 ndr.; schweiz. schausp. d. 16. jh. 3, 92 B.; Fischer schwäb. wb. 6, 941. auch oberhess. und pfälzisch du witt, widd, s. Crecelius 921; Autenrieth 153. waldeckisch, hamburgisch, holstein. wist, wust aus wilst, s. Bauer-Collitz 114; Richey (1755) 348; 339; Schütze holstein. id. 4, 372.
c)
im pl. präs. ind. und konj. sowie in den nominalformen bewahren besonders das alem. und bair. das alte e (gerundet ö) ziemlich gut, s. Schmeller-Fr. 2, 886; Bacher Lusern 233; Fischer schwäb. wb. a. a. o.; Martin-Lienhart 2, 812; Stalder die landesspr. der Schweiz (1819) 140; wir wellen Murner dt. schriften 2, 172 Spanier; wöllen ebda 131, 48. wir wöllent ebda 130, 6; 2. pl. wellet. im alem. assimiliert sich l an den folgenden konsonanten, ebenso pfälzisch, daher neben mer welle, ir welld, si welle auch mer, ir, si wen(d), bzw. wee, wei, s. Stalder a. a. o.; Seiler 313; Autenrieth 153. vgl. noch: deszhalb wend wir euch versicheren Frisius dict. (1556) 2ᵃ;
des künigs wendt wir nit vergessen
Murner schelmenzunft 39 ndr.;
wir wein die lôcher verbuwen
schweizer. volkslieder 2, 5 Tobler;
iaz lâfma (laufen wir) gē zum krippi
und wönt das kindel gschweigen
Hartmann volksschausp. (1880) 96.
3. pl. wöllen: die jungen wöllen so viel ... wissen als die alten Hulsius (1618) dict. 2, 175ᵇ. bei Luther neben häufigerem wollen: die sich wöllen angeneme machen nach dem fleische Gal. 6, 12; 13. 3. pl. went: ob si es (das geld) nemen went oberschwäb. stadtrechte 1, 25. dazu: inf. wöllen, wellen, part. wöllend, wellend, s. N. Manuel 462 (register) B. das mfr. und nfr. gleichen die pl.-formen an die i-formen des sg. an, also 1. 3. pl. willen, bzw. will(e)t, z. b. de up beiden stolen willen sitten, de ... Tunnicius sprichw. 1295 Hoffm.; dat de kinder leivest wilt, dat sult se minst krygen ebda 622. Köln hat durchgängig e: ich well, do wells, hä well, meer welle, ehr wellt, se welle Hönig 218. im allgemeinen aber gewinnen die md. o-formen an gebiet. wir, sie wollen, ihr wollt, bzw. mit assimiliertem l (z. b. thüringisch) wonn, wollt, wonn Regel Ruhla 116. die o-formen dringen allmählich ins obd., s. Schmeller-Fr. a. a. o., die schriftsprache hat sich für sie entschieden. der konj. präs. wird bei Luther meist (Franke grundzüge 2, 299), schriftsprachlich immer ohne umlaut gebildet, doch finden sich die formen wölle, wöllen nicht nur obd., wo sie auf lautgesetzliches welle, wellen zurückzuführen sind (welst Murner narrenbeschw. 144, 41 Sp.; wellest ders. kl. schr. 1, 66 Pf.-B.), sondern auch md.: niemand wölle Luc. 5, 39; was ich wöll Gilhusius gr. (1597) prol. 10; wer nit wöll Scheit Grobianus 1025 ndr.; Mich. Albinus bei Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 3, 54; hab ... gerathen, das ihr ... wellet ... Luther briefw. 8, 492 W.
d)
imp. 2. sg. lautet wolle, z. b. wolle nur! Harms past.-theol. (1834) 1, 51; M. Greif ged.⁵ 2. vereinzelt nach sprich, gib, nimm gebildet auch will (Grillparzer, Auerbach), s. Blatz nhd. gr.³ 1, 557, anm. 2. im nd. stets will: o schepper ... wil uns dat ... gunnen, dat wy ... Husemann spruchsamml. (1575) 207 Weinkauff; Tunnicius sprichw. 1279 Hoffm.
e)
im prät. ist der stammsilbenvokal o wie schon ahd. und mhd. auf hd. boden allgemein, nfr. aber wilde. das alem. assimiliert l an t, daher ich wott, de wottsch, er wott, pl. wotte, wotted, wotte(nd), s. Stalder a. a. o.; Seiler Basler ma. 313; ettlich ... wottend nit schweren Basler chron. 7, 297. niedersächs. ist o häufig zu u gesenkt und t an l in 1. 3. sg. assimiliert: ick, he wull, du wust (wolltest) Richey (1755) 339; Schmidt-Petersen 161ᵇ; Fischer samländ. 168. der konj. prät. hat in den maa. oft umlaut: ind. ich woll, do wollts, hä woll, meer, se wollte, ehr wollt, aber konj. ich wöll u. s. w. Hönig Köln. ma.; ähnlich Regel Ruhlaer ma. 116. vgl. noch 2. sg. prät. konj. welst, wölst in folgenden belegen:
jud, welst uns nicht über nacht behalten?
Endinger judenspiel 101 ndr.;
sperr das maul weit auff und gin,
als wölst du mucken fahen mit
Scheit Grobianus 284 ndr.
aber ohne umlaut wolst Fischart Garg. 165 ndr. 2. pl. wolten: wo ir so geschwind ... handlen wolten, so möchtet ir wol ... Vogelgesang-Cochläus trag. v. J. Hussen 15 ndr.; Fischart Garg. 25 ndr.
f)
ein part. prät. fehlte ahd. und mhd., es wurde erst 15./16. jh. neu gebildet. die schriftsprachlichen formen sind gewollt und wollen; bair. gewöllt und wöllen; alem. gewellen, gewellt; schwäbisch wél9 und gwolt, gwelt, gwet. zum gebrauch schreibt Clajus: ich habe gewolt, gesolt ... in contextu orationis abjicitur augmentum aut infinitivus pro praeterito usurpatur ut ich habe wolt vel wöllen das thun gramm. 106 Weidl. im allgemeinen wird entsprechend dem gebrauch der part. prät. der präteritopräsentien dürfen, können, mögen, müssen, sollen seit dem 16. jh. die form wollen in verbindung mit inf. (typus: ich habe reden, gehen ... wollen) angewendet, die form gewollt dort, wo der inf. fehlt (typus: ich habe es gewollt, ich habe fort gewollt), z. b.: het er wöllen ... mesz halten ... Murner kl. schr. 1, 51 Pf.-B.; weil aber ..., hab ich gegenwertige teutsche liedlein nicht wöllen darunder mischen Forster fr. t. liedl. 81 ndr.; 169; er lies ainem ratt sagen, er hett etlich korn, das hab er die becken verbachen welen lassen städtechron. 25, 74. aber: das wolt der Räm nicht thon, dasz sie darmit (die bäcker mit dem mehl) umbgangen weren wie sie gewelt hetten ebda; hettent sü gewellet, sü hettent dis lant ... abegebrant städtechron. 9, 819. auch Luthers gebrauch entspricht dem heutigen: darumb haben wir wollen zu euch kommen 1. Thess. 2, 18. aber: nu aber hat gott die glieder gesetzt ..., wie er gewolt hat 1. Kor. 12, 18. grenzfälle mit part. gewollt bei inf. s. Sanders in seiner zs. f. dt. spr. 7, 106; vgl. noch: welchen gott gewollt hat kund thun Col. 1, 27; ich habs also gewölt haben Frey gartenges. 31 B. literatur hierüber und zur historischen entwicklung dieser doppelformen überhaupt bei Behaghel dtsche syntax 2, 366 ff. die alem. form gewellen (neben gewellt) mit und ohne inf. ist häufig zu belegen, z. b. Leo Jud Erasmi ep. zu Tim. (1521) m 4ᵇ; Zwingli dtsche schr. 1, 267; Joach. v. Watt 1, 46 G.; H. Fründ chron. 18 Kind; Wurstisen Pauli Aemilii hist. (1562) 1, 268 u. a.
g)
die pass. umschreibung mit werden (z. b. er wird, wurde gewollt, verlangt, gerufen; es wurde so gewollt) erst seit dem 16. jh. belegt. im ganzen wenig üblich: der cardinal ... wolt neben k. maj. eingeritten sein, aber es ward ihm von den churfürsten nit gestat, sunder gewöllet, das k. maj. frei allein inn einem glid rithe S. Franck chronica (1536) 265ᵃ.
II.
bedeutung und gebrauch. die abstrakte bedeutung des begehrens, forderns, wünschens musz schon vorgermanisch entwickelt gewesen sein, wie die lat., slawischen und indischen parallelen zeigen. zu einer ihr vorausliegenden konkreten bedeutung vorzudringen, bleibt unsichere vermutung. am nächsten läge es, an 'wählen' anzuknüpfen. in der got. bibel wird mit wiljan das griech. θέλειν (105 mal) und βούλεσθαι (9 mal) übersetzt, in 3 fällen (Marc. 1, 11; 1. Kor. 16, 2; 2. Kor. 8, 17) tritt wiljan für andere wendungen der griechischen vorlage ein. in der ahd. übersetzungsprosa steht wellen für lat. velle, s. Graff 1, 964. wollen bezeichnet ein begehren, fordern, befehlen (in der curialsprache), geruhen, ein entschlossen, geneigt, bereit sein und abgeschwächt ein wünschen. die eigenbedeutung von wollen kann weiter zu einem auxiliar verblassen, das in verbindung mit einem inf. temporale oder modale funktion übernimmt, eine entwicklung, die nicht auf das deutsche beschränkt ist, sondern auch an. und besonders ags./engl. für die verbalflexion wichtig wird. ein rest der eigenbedeutung bleibt dem verbum wollen aber in der deutschen sprache immer, auch wo es hilfsverb ist.
A.
mit persönlichem subjekt. in der got. bibel und skeireins hat wollen in allen 121 belegen gott oder mensch als subjekt. ein unpersönliches subjekt ist auch ahd., mhd. und nhd. viel seltener als ein persönliches oder persönlich gedachtes subjekt. wendungen mit sachsubjekt, abstraktem subjekt oder dem impersonalen es sind sekundäre entwicklung (s. u.B), denn wollen bezeichnet als 'begehren, fordern' ein streben aus gefühl oder verstandeserwägung heraus, als 'entschlossen, geneigt, bereit sein' eine seelische reaktion auf fremde initiative und selbst das auxiliar wollen setzt häufig noch eine innere anteilnahme, also einen beseelten träger der handlung. voraus. wollen wird als transitives verb verwendet und verbindet sich mit reinem inf., akk. oder objektsatz. elliptische wendungen, in denen der inf. oder die akk.-ergänzung aus zusammenhang der rede oder aus der situation zu ergänzen ist, finden sich seit ältester zeit, absoluter gebrauch nur in neuerer sprache.
1)
wollen mit inf. wie in andern germ. sprachen verbindet sich wollen im deutschen mit reinem inf., geht hier parallel der konstruktion der prät.-präs. dürfen, können, mögen, müssen, sollen. hat wollen die bedeutung 'streben, wünschen', so hat der zu wollen tretende inf. finalen sinn; wo wollen 'bereit sein' bedeutet, ist der begleitende inf. ein inf. der richtung wie bei den prät.-präsentien; verblaszt wollen zum auxiliar, hat der inf. appositionellen charakter, s. Monsterberg-Münckenau in: zs. f. dtsche phil. 18, 1 ff. wollen mit inf. überwiegt alle anderen konstruktionen: in 99 von 121 belegen ist got. wiljan mit inf. gebunden, oder er ist in elliptischen fügungen aus dem zusammenhang zu ergänzen, ähnlich ist das verhältnis im ahd., mhd. und nhd., s. Graff 1, 964; mhd. wb. 3, 658 ff.; Lexer 3, 753.
a)
wollen als vollverbum mit inf. präs.
α)
den willen, die absicht haben, begehren:
thiz scal sin io thes githig (wunsch), ther wilit uuerdan salig
Otfrid V 23, 54;
er sprach: ich wil ze der verte   niemen mêre hân
niwan zwelef recken
Nib. 65, 2 Lachmann;
wert iuch, ob ir welt genesn
Hartmann v. Aue Iwein 730.
nhd.: es ist nicht gut, das der mensch allein sey, ich wil im ein gehülffen machen 1. Mos. 2, 18; Herodes wil dich tödten Luc. 13, 31 (ähnlich erste dtsche bibel, s. Kurrelmeyer 1, 273 und schon ahd.: Herodes uuili thih arslahan Tatian 92, 1); wer ist aber unter euch, der einen thurn bawen wil und sitzt nicht zuvor und uberschleget die kost? Luc. 14, 28 (ahd. Tatian 67, 12: ther uuolle turra zimbron; vulg.: volens turrem aedificare); er (Joseph) wolt sy (Maria) haimlich lassen Matth. 1, 9 erste dtsche bibel (Luther: gedacht); wiltu aber zum leben eingehen, so halt die gebot Matth. 19, 17 (ähnlich erste dtsche bibel 1, 73 Kurrelmeyer und ahd.: oba thu uuolles zi libe ingangan; vulg.: si ... vis ad vitam ingredi); wende dich nicht von dem der dir abborgen wil Matth. 5, 42 (erste dtsche bibel: der do wöl entlehen; got.: þamma viljandin af þus leihvan); die da reich werden wollen 1. Tim. 6, 9 (got.: þaiei wileina gabigai wairþan οἱ δὲ βουλόμενοι πλουτεῖν); da mercket Jhesus, das sie in fragen wolten Joh. 16, 19 (ahd. Tatian 174, 3: sie uuoltun inan fragen); warumb went ir mich döten? Jac. Twinger v. Königshofen in: städtechron. 8, 309; do kom ain groz folk ... und sprachen, sie wölten ain zunft haben (Augsburg 15. jh.) städtechron. 4, 21; er bereyt were, wo und wenn die edel frawe mit im wölte reden Arigo decamerone 80 K.; wer wandlen wöl, der wandle ..., ich will hye zu Famagusta beleyben Fortunatus (1509) 96 ndr.; wer des fewers haben will, musz den rauch auch leyden Luther 10, 2, 291 W.; sie wöllen fliegen, ehr denn die feddern yhn gewachssen sind 26, 543 W.; daruff sich richter unnd urtheiller mit einnander underreden und beschlieszen, was sy zu recht sprechenn wollen Carolina § 81, s. 46 K.-Sch.; wer wil haben gmach, der bleib under seim tach klugreden (1548) 40ᵇ; leb als wöllestu all tag sterben, schaff als wöllestu ewig leben ebda 145ᵃ; keiner wirdt etwas verdammen, er wöll dann ein bessers an die statt machen Boltz Terenz deutsch (1539) a 2ᵇ; alle, die da gottselig leben wollen in Christo Jhesu, verfolgung leiden müssen B. Krüger anfang d. welt (1580) a 2ᵇ; gott ... will es haben v. Schweinichen denkw. 4 Ö.; als hab ich mich ... wider den erbfeind nach meiner kraft beweisen wöllen Ringwaldt lauter wahrheit a 5ᵇ; J. Rist friedewünsch. Teutschland (1648) 21; in dem ersten (teil des buchs) wird ... erwiesen, dasz er (Jesus) mit einer falschen religion weder habe betriegen wollen noch können Lessing 7, 3 L.-M.; die zuschauer saszen da und wollten etwas sehen Göthe I 21, 37 W.; ich will meinen hasz an eurem untergang sättigen, die ganze brut ... will ich meiner ... rache opfern Schiller 3, 417 G.; die ehe wird dadurch geschlossen, dasz die verlobten vor einem standesbeamten ... erklären, die ehe mit einander eingehen zu wollen bürgerl. gesetzb. 1317; was ich gethan habe, habe ich thun wollen M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 1, 99. mit gekapptem auxiliar: bekennt der gefragt, das er jemands vergifft habe oder vergifftenn wollen, man soll ... Carolina § 50, s. 34 K.-Sch.; habe dank, dasz du mich daran erinnern wollen Göthe IV 32, 243 W.; 24, 245;
vil mancher hat noch sym geduncken
noch dem villicht er hatt getruncken
nuw rymen wellen daran (an das gedicht) hencken
Seb. Brant narrenschiff 1, 9 Z.;
dein wil ich sein,
dieweil ich hab das leben
Forster frische t. liedl. 20 ndr.;
willkomn, du liebes kind,
dich will ich bey mir haben
und ewig reichlich laben
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 3, 322;
und diesen brief willst du
ihr zeigen? willst du das? ...,
Schiller 5, 1, 163 G. (don Karlos 3, 2);
wir wollen alle tage sparen
und brauchen alle tage mehr
Göthe I 15, 13 W. (Faust 4853).
häufig mit adv. gern(e):
daz wil ich harte gerne sehen
Hartmann v. Aue Iwein 6708; 8031;
wir wollen gern die rosen brechen,
doch dasz kein dorn uns möge stechen
S. Dach 386 Ö.;
denn dasz du gerne glöuben woltest, das ist schon ein glaube, den der heilige geist in dir würcket Joh. Quirsfeld geistl. myrrhengarten (1717) 184;
gleich läuft ein diener hin, klopft an das kloster an ...
'der pater Andres wird zu meiner frau begehret,
die gerne beichten will, weil sie bald sterben kann'
Lessing 1, 187 L.-M.
redensartlich: aber, was ich sagen wollte, alte liebe rostet nicht Fontane ges. w. I 5, 160; 120. bei wirklicher oder vorgeblicher korrektur der rede: ein unnützer wesscher (ein legat wolt ich sagen) Luther 30, 2, 132 W.; so lange sie solche leute (ich wolt sagen) esel sind ebda 636;
deine wunder nur
bedürf ... verdienen, will ich sagen, glauben
Lessing 3, 14 L.-M. (Nathan 1, 2);
als sich die herrn de Pigli Modena
erraubt — nicht doch, erobert wollt ich sagen
Gaudy s. w. (1844) 2, 8.
β)
mit negation nicht wollen, nolle, sich weigern: da ward er zornig und wolt nicht hineingehen Luc. 15, 28 (got.: ni wilda inngaggan; ahd.: ni uuolta ingangan Tatian 97, 6); do jemand nicht wil erbeiten, der sol auch nicht essen 2. Thess. 3, 10 (got.: jabai hvas ni wili waurkjan); da ers schmecket, wolt er nicht trincken Matth. 27, 34 (ahd. Tatian 202, 3: ni uuolta trinkan); sie wöllen nicht achten auff das thun des herrn ps. 28, 5; welchem (Moses) nicht wolten gehorsam werden ewre veter apostelgesch. 7, 39; wer vater und mutter nicht hören wil, der mus den hencker hören Luther 19, 161 W.; nicht wöllen sündigen, da einer möchte, ist recht; nicht mögen sündigen, da er gern wolt, ist keine grosze tugent Petri d. Teutschen weiszheit (1605) 1, e 6ᵇ; in einem lande ..., in welchem man mich in meinen rechten nicht schützen will H. v. Kleist w. 3, 162 Schm.;
du willst mir nicht nach Themiscyra folgen?
du willst mir nicht zu jenem tempel folgen,
der ...
ders. 2, 126 Schm.
wollen im perf. und plusquamperf.: ich hab es mit fleisz nicht thun wollen Schupp schr. (1663) 2; Chineser, die der ... gewalt des Ming sich nicht hatten unterwerfen wollen A. v. Haller Usong (1771) 10; bei der stadtschule hat mich der geheime rath nicht annehmen wollen Lenz ges. schr. 1, 3 T. mit gekapptem auxiliar:
möglich, dasz der vater nun
die tyranney des einen rings nicht länger
in seinem hause dulden wollen!
Lessing 3, 94 L.-M. (Nathan 3, 7).
in der redensart von etwas (nichts) wissen wollen: Luther ist ... derjenige, der am wenigsten von gewalt und krieg hat wissen wollen Ranke s. w. (1867) 3, 30;
jungfern, wann sie mannbar seyn, wollen dennoch nichts nicht wissen,
was ein mann sey für ein ding
Logau sinnged. 336 E.
in der umgangssprachlichen wendung etwas nicht wahr haben wollen 'nicht zugeben' gehört die negation zu wahr haben: ich glaube, sie denkt so was, wenn sies auch nicht wahr haben will Fontane ges. w. (1905) I 5, 119.
γ)
in der bedeutung 'entschlossen, geneigt, bereit sein' (ohne feste grenze gegen 'willen, absicht haben, begehren'): was wolt ir mir geben? Matth. 26, 15 (ebenso erste dtsche bibel und ahd. Tatian); auctio (ist) ein verkauffung ... aller haab und guͦt ... mit dem auszruͦffen wil niemants mer geben Frisius dict. (1556) 141ᵇ; und sprach, das er und die sinen nit sicher wärind ze Constenz ... und wölt das concilium legen, da es bas ... läg v. Richental Constanzer conzil 61; (richtereid:) ich soll und will inn peynlichen sachen recht ergen lassen Carolina § 3, s. 8 K.-Sch.;
ob yederman dich mir nicht gan,
ich wil dich dennoch nimmer lan
Forster frische t. liedl. 49 ndr.;
ich will ihn brechen, diesen starren sinn,
den kecken geist der freiheit will ich beugen.
ein neu gesetz will ich in diesen landen
verkündigen — ich will —
Schiller 14, 399 G. (Wilhelm Tell 4, 3).
δ)
wollen kommt der bedeutung 'müssen' nahe, wenn ein tier subj. ist: auch ein langsamb pferd wil sein futter haben Lehman floril. polit. (1662) 1, 30; fis (fisch) wil swemmen W. Lüpkes seemannsspr. (1900) 7, nr. 70ᵇ.
ε)
in der bedeutung 'meinen, glauben, sich einbilden' (s. auch sp. 1342 unter γγ):
wie, du willst die heilgen bücher kennen
und bist stolz, dasz du sie hast gelesen?
lies noch einmal ...
B. v. Münchhausen balladen 103.
b)
mit inf. perf. ist wollen in der älteren sprache häufiger verbunden als in der neueren. zwei anwendungsgebiete sind hierbei zu scheiden, der echte und der stellvertretende inf. (s. Paul-Braune beitr. 25, 31 ff.).
α)
bei letzterem vertritt der inf. perf. den irreal der vorvergangenheit von wollen, ein hätte ... wollen, bzw. gewollt, das die ältere sprache nicht bilden konnte, da dem verbum wollen das part. prät. fehlte. wollen ist hier meist in auxiliarer funktion, daher folgen belege unten. es findet sich stellvertretender inf. aber auch auszerhalb hypothetischer perioden in fällen, wo durch den inf. perf. das nichteintreten der gewollten handlung ausgedrückt wird. mhd. belege bringt Grimm gr. 4, 171; Blatz nhd. gr.³ 2, 545. vgl. ferner: do im dise indruk von got beschah, do erhuͦben sich bald etlich vorstrite in ime, mit dien in der fient sines heiles wolt han verierret Seuse dt. schr. 8 B.; do se den stoven vor dem Vallerslêven döre wolden schindet hebben (als sie die badstube hatten plündern wollen) städtechron. (Braunschweig 14. jh.) 6, 49; 65; 347; darna leit der keiser Ereken und sine selschap, de on wolden erslagen hebben, ore hovede afslan unde wolde greven Lutharium ok hebben dodet laten Magdeb. schöppenchron. in: städtechron. 7, 59; 73; 184; 203; 260; 276; 340; (so) wil ich das übrig so ich wyter dir geschriben haben wolt, in der fädern stecken lassen Niclas v. Wyle translat. 12 K.
β)
das zweite anwendungsgebiet liegt vor, wo durch den perf. inf. ausgedrückt wird, dasz sich der willensakt auf das vollzogensein der gewollten handlung richtet, wo also dadurch eine steigerung der willensenergie zum ausdruck kommt:
und swer iu daz gerâten hât,
dem ist iuwer leben leit
und wil sich mit der wârheit
vil wol an iu gerochen hân
Hartmann v. Aue Iwein 5000; 2045; 4292; 5846; 6591;
(ich) will ine (den Nürnbergern) also zugeeygent, geschickt und gesendet haben dises püchlein A. v. Eyb dtsche schr. 1, 4 H.; hiemit will ich auff diss mall deynem ... geschwetz geanttworttet haben, nur das ich dich nit vorachtet Luther 7, 687 W. weitere belege bei Franke sprache Luthers² 3, 233; solliche ... miszbreuch ... wollen wir ... hiemit uffgehaben unnd abgethon haben Carolina § 100, s. 54 K.-Sch.; deshalb wir auch ... den zollern und wächtern ... hiemit ernstlich bevolhen haben wöllend des fürstenth. Wirtemberg newe landsordn. (1536) d 2ᵇ; mitler zeit will ich mich in ... der ... gesellschaft huld und gunst befolhen haben Scheit Grobianus 7 ndr.; Forster fr. t. liedl. 5 ndr.; 81; 82; darumb will ich alle gelerten gebetten haben, das ... Boltz Terenz (1539) a 3ᵃ; H. R. Manuel weinspiel v. 1010 ndr.; Wickram w. 1, 6 B.; wir wollen den ... leser ... an Tacitus gewiesen haben Lohenstein Arminius (1689) 1, b 5. in der neueren sprache redensartlich beschränkt: ich will euch gebeten haben vi prego Kramer dict. 2 (1702) 1387ᶜ; (ein geschäft,) zu dessen ... förderung ich mich erboten haben will Göthe IV 41, 61 W.; IV 32, 145 W.; das will ich noch festgestellt haben; das wollte ich einmal deutlich erklärt haben u. ä., s. Paul-Braune beitr. 25, 31. zum typus er will gesehen haben s. u. wollen mit pass. inf. perf.: (sie) edel wirdig person geheiszen wellen sein (vogliono essere) Arigo decamerone 48 K.; curtisanen ..., die geistlich genennet sein wöllen Hutten op. 1, 406 B.; mutwilliglich wil der verloren sein, der ... Luther 26, 427 W.; die wuͦcherer ... wellend bezalt seyn Frisius dict. (1556) 175ᵃ, s. v. calendae; das er sein hausz ... trewlich versorge, wil er anders nicht ein ... rabenvatter ... gescholten sein Mathesius Sarepta (1571) 26ᵃ; (unehrliche kaufleute) wollen ... erbar genennet seyn Lehman floril. polit. (1662) 1, 451. der bedeutung 'müssen' nähert sich wollen in wendungen wie disz thier wil vom wind unbekümberet sein Herold-Forer C. Gesners thierbuch (1563) 13; galeerensklaven wollen hart gehalten seyn Schwan dict. 2 (1784) 1069. beteuerungsformeln ich will verdammt sein, wenn ... s. u.
c)
die konstruktion des akk. c. inf. nach wollen findet sich fast nur in der alten übersetzerprosa. Grimm gr.² 4, 131 bringt belege aus dem got., ahd. (Tatian, Notker) und drei aus dem mhd.; die neuere sprache hat diese undeutsche fügung fallen lassen: Luc. 19, 14 nolumus hunc regnare super nos übersetzt der ahd. Tatian unfrei ni uuollemes thesan rihhison obar unsih, die Mentelbibel wählt inf. mit zu (wir wöllen nit disen ze herschen uber uns), Luther (und schon die Zainerbibel, s. Kurrelmeyer 1, 296) einen dasz-satz: das dieser uber uns herrsche, vgl. noch Tatian 4, 12; 199, 7; 239, 13 und aus dem 16. jh.: den allerreinisten leib (Christi) ... hab ich gewelt zerrissen und dem creutz angenagelt werden (lacerari volui et cruci affigi) offenb. d. hl. Birgitte (1502) buch 1., cap. 1.
d)
auch die konstruktion wollen + part. prät., wofür bei Grimm gr.² 4, 150 eine sammlung mhd. belege, findet sich nhd. nicht mehr. die konstruktion stellt sich zu wollen mit inf. perf. (s. o. b):
waz wold ich swerts umb dich gegurt?
du solst noch kûme ein sprinzelîn
tragen
Wolfram v. Eschenbach Willeh. 67, 10;
diu aventiure spottet mîn,
waz wolte si mir sô getiuret
Otto v. Botenlauben, s. minnesinger 1, 27 v. d. H.
e)
wollen in auxiliarer funktion. wollen gibt dem beigesetzten inf. ingressive aktionsart oder futurische zeitstufe oder aber modale (optativische, potentiale) färbung. die eigenbedeutung ist geschwächt, doch nicht gänzlich verblaszt, wenigstens nicht, soweit wollen bei persönlichem oder persönlich gedachtem subjekt steht. über auxiliares wollen bei unpersönlichem subjekt s. u.
α)
wollen bezeichnet die ingressive aktionsart des durch inf. ausgedrückten geschehens oder handelns, im sinne 'sich anschicken, im begriffe stehen'. etwas thun wollen andar à fare una cosa Kramer dict. 2 (1702) 1386ᵇ. schon mhd. häufig:
alsô si wolten rîten   von Wormz über Rîn,
Hagne von Tronje   der muose scharmeister sîn
Nibelungenlied 171, 3 Lachmann;
dôs urloup nemen wolden,
her Gâwein der getriuwe man
vuorte hern Iweinen dan
Hartmann v. Aue Iwein 2765;
got gebe dir, frowe, guote naht,
ich wil ze herberge varn
Walther v. d. Vogelweide 101, 22;
item 5 m Andrys deme reitsmede geben, alzo her ken Rome wolde gen, am montage zu vastnacht Marienb. treszlerb. 68 Joach.; darnach des morgens frw lud man die puhsen und wölt arbeyten. do die das ... sehen, do ruften sie ... umb frid städtechron. 2, 38; do sie aber zu tische sitzen wöllen, legt Clawert das seil B. Krüger Hans Clawert 44 ndr.; Wilhelm wollte seinen spruch beginnen, als ... Göthe I 23, 8 W.; eben als ich endigen wil, kommen ... revisionsblätter bey mir ein IV 33, 324 W.;
do ich zu nachts wolt schlaffen gan,
man wisz mich in die schewren
Forster frische t. liedl. 132 ndr.;
es hofft der oft betrogne thor;
doch will er sich ein biszchen unnütz machen,
hält sie ihn kurz als wie zuvor
Göthe I 2, 91 W.
besonders deutlich wird die auxiliare funktion von wollen empfunden, wo die materielle bedeutung des inf. eine willensbeteiligung unwahrscheinlich macht, z. b. sterben, fallen wollen u. ä. vgl. moribundus der grad an todt gadt oder sterben wil Frisius dict. (1556) 839ᵇ; wöllen fallen, anfahen fallen esser disposto à cadere Calepinus XI ling. (1598) 264ᵇ; 784ᵃ s. v. collabasco: so eins sterben will, ist nit not das ein pfaff zuͦ eim kum Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 114 ndr.; Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 54; wer den herrn nit nahe ist, der will ersticken, und wer weit von inen ist, der wil erfrieren Tappius adag. (1545) r 4ᵇ. in der redensart sich zu tode lachen wollen: da sie sich über den ... spectakel ... fast zu tode lachen wollte Göthe I 22, 274 W.; und beide wollen sich zu tode darüber lachen Mörike w. 3, 15 Göschen. ähnlich: darauff fingen sie alle an zu lachen, als hätten sie toll und thöricht werden wollen Grimmelshausen 2, 354 K.
β)
die bildung des futurums mit wollen schlieszt sich an die ingressive funktion an. für futurumschreibung mit wollen findet sich im got. noch kein beispiel, wohl aber im ahd. bei Otfrid (nach Kelles gloss. 9 belege), bei Notker und Williram. mhd. ist wollen (neben sol und muoz) in dieser funktion allgemein, s. mhd. wb. 3, 659ᵃ; Grimm gr.² 4, 210 ff., auch noch frühnhd. (neben werden) geläufig: Germani duo tantum habent tempora, nempe praesens et praeteritum imperfectum. reliqua circumloquuntur ... futura per verba wöllen et werden Alb. Ölinger gr. (1573) 66 Sch.; auch J. Clajus gr. (1578) 81 W. übersetzt im paradigma der konjugation amabo mit ich will oder werde lieben; ebenso Laur. Albertus (1573) 122 M.-F. der brauch, das futurum mit wollen zu umschreiben, ist (im gegensatz zum engl.) von der ersten person ausgegangen, 'denn nur wer von sich selbst redet, ist seines entschlusses und willens so gewisz, dasz er eine künftige handlung zu melden vermag' Grimm a. a. o., doch findet sich die futurumschreibung für 2., 3. person auch schon im 9. jh. die eigenbedeutung von wollen verblaszt in dieser periphrastischen funktion nie völlig, am meisten bei sachsubjekt (s. u.B) und bei inf. von verben, die eine willensäuszerung ihrem bedeutungsgehalt nach nicht voraussetzen lassen wie er will krank werden. eben darum, weil ein rest der eigenbedeutung von wollen meist erhalten blieb, siegte schlieszlich als fut.-auxiliar das in seiner eigenbedeutung schwächere werden. im nd. scheint wollen als futurumschreibung länger üblich geblieben zu sein: legam ick wil edder ick schal lesen edder alse de Averlender seggen ick werde lesen bei Lasch mnd. gr. 223. 1. sg. mhd.:
ich vertrage als ich vertruoc
und als ichz iemer wil vertragen
Walther v. d. Vogelweide 50, 8;
stêt ez als übel ûf der strâze,
sô wil ich mîne tür besliezen
62, 5.
nhd. nabo ich wil schwimmen Diefenbach gl. 374ᵃ: bitte von mir, was du wilt, ich wil dirs geben Marc. 6, 22 (vulg.: dabo tibi. got.: jah giba þus); und ich wil feindschafft setzen zwischen dir und dem weibe 1. Mos. 3, 15 (vulg.: inimicitias ponam); ähnlich Matth. 12, 18; ich hab dir ... gelobt, das ich dir dancken will (1524: das ich dich mit danck bezale; vulg.: reddam) ps. 56, 13; ich will dich erheben ps. 30, 2 in ausg. 1524 (ab 1531: ich preise dich; vulg.: exaltabo); ich wil thuͦn wie ich kan Vogelgesang-Cochläus J. Huss 15 ndr.; ich wil im entgegen geen ebda 14; ich wil dir sagen, wer du bist Eyering prov. (1601) 3, 73; ich wills mit einem kopffstück schon richtig machen Grimmelshausen 1, 333 Keller; ruhe wohl, heiliger staub! bald will ich deiner würdiger seyn Gerstenberg Ugolino 243 Hamel; man gebe mir einen kleinen schreiber ... dienst und ich will mich glücklich schätzen Göthe I 21, 80 W.; ich weisz nicht, wie ich alles leisten will, was mir dieses jahr bevorsteht IV 29, 48 W.;
kan ich dich anderst nit erretten,
wil ich mit eygner hand dich tödten
Hans Sachs 2, 15 K.;
ich wil bald wider bey dir sein
Forster frische t. liedl. 14 ndr.;
jetzt will ich dich die mores leren,
die eim dischdiener zuͦgehören
K. Scheit Grobianus 406 ndr.
in der gegenwartssprache stark eingeschränkt, z. b. redensartlich ich will sehen, was sich tun läszt; ich will es noch erleben, dasz ...; besonders in emotionalen wendungen: warte, ich will dir ... geben, du ... spötter! Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 160; ich will euch lehren, mir mein haus zu sperren ebda 5, 34; Gaudy s. w. (1844) 2, 54. 1. pl.: las uns leben, so wöllen wir deinen namen anruffen ps. 80, 19 (1524: ruffen wyr deynen namen an: vulg.: invocabimus); wir wollen bey ... rückkunft jedem ... das seinige mittheilen Göthe IV 8, 30 W.; wenn du kommst, wollen wir das weitere behandeln IV 33, 55 W.; wir wollen der schönen schon auf die spur kommen 23, 26 W.; wir wollen sehen 43, 55 W.; 21, 64; IV 28, 1; IV 41, 30; wir wollen dich schon fassen! Bettine dies buch gehört d. könig (1843) 1, 42;
und wenn wir nu das sechen,
so well wir im dann maysterschaft jechen
Wackernell altdtsche passionssp. 97;
wirdstu uns ausz gefahr und noth
erretten thun, so wöllen wir
ein stattlichs opffer halten dir
Spreng Äneis (1610) 9ᵇ.
3. sg. und pl.:
wan er (gott) wil zestunden rihten,
so ez ist an dem lesten tage
Walther v. d. Vogelweide 16, 17;
got wil mit heldes handen
dort rechen sînen anden
77, 40;
die den gegenwürtigen brief mit iren aignen ... innsiglen versiglt haben oder noch versiglen wellen (a. 1323) Brandis landeshauptleute v. Tirol 45;
er übertuͦtt,
er will es nit lang treiben!
liederb. d. Hätzlerin 150 H.;
kumbt her on alle sorgen!
der wirt der wil uns borgen
den abent als den morgen
Forster frische t. liedl. 84 ndr.;
zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
wer will des stromes hüter sein?
M. Schneckenburger dtsche lieder (1870) 19.
in der hypotaxe (mit optativischem oder potentialem nebensinn): laszt uns noch fünff tage der hülffe erharren von gott, ob er uns wolt gnade erzeigen Judith 7, 23 (vulg.: forsitan enim indignationem suam abscindet); sie spricht, sy wölle mich in kleiner zeit ... gesunt machen Arigo decamerone 227 K.; der kutscher (gestand,) er sei ... irre gefahren, wolle sich aber bald ... zurecht finden Göthe I 23, 36 W.; 33, 5 W.; sie sagte, dasz sie die kosten (des prozesses) schon beitreiben wolle H. v. Kleist w. 3, 155 E. Schm. futurische und potentiale bedeutung flieszen häufig in einander, schon mhd., vgl.:
ir welt iuch alle vliesen,   welt ir die recken bestân
Nibelungenlied 972, 4 Lachmann.
γ)
wollen gibt der aussage modale färbung, und zwar optativische oder potentiale. die erstere steht der eigenbedeutung von wollen näher.
aa)
wollen umschreibt den adhortativ: so wöll wir das ander tail dieser cronick beschlieszen und das dritte anfahen städtechron. 3, 121; gott sprach: wir wöllend menschen machen ynn unserer bildtnusz 1. Mos. 1, 26 Zürcher bibel (Luther: laszt uns menschen machen; vulg.: faciamus hominem); das wir aber sehen, wie gotes name geheiliget werde yn uns, wollen wir vorhin sehen, wie er vorunheiliget ... wirt Luther 2, 87 W.; muͦter, wir wellen andere weiber bitten ... Vogelgesang-Cochläus J. Huss 24 ndr.; laszt uns ein stück wählen, wir wollen es ... spielen Göthe I 22, 20 W.; hier wollen wir halt machen IV 27, 220 W.; br. Grimm dtsche sagen (1891) 1, 76; wir wollen sehen ..., wer heute das beste liefern wird Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 108; komm, wir wollen uns drin an den herd setzen Fontane ges. w. (1905) I 5, 151; 158; 127;
des wöll wir schlemmen, weil wir mügen
Hans Sachs 6, 138 K.;
als bald die katz kumbt ab dem weg,
so wellen wir dapffer mausen
Forster frische t. liedl. 31 ndr.;
sant Marten wöllen loben wir,
der uns ausz most kan machen schir
den wein
ebda 83 ndr.;
so wüll mar üns gê aufmacha
und wülln den kindel â waͤs bringa
Hartmann volksschausp. in Bayern 146.
abgeschwächt und dem dubitativ (s. u.cc αα) nahe in frageform: ja ... wollen wir in nit fragen? Vogelgesang-Cochläus J. Huss 7 ndr.; wollen wir jenen sarg nicht entfernen? Gerstenberg Ugolino 246 H.; wollen wir uns setzen? Fontane ges. w. (1905) I 5, 146;
und wöl ... wir auff den berg gan,
mein auszerweltes meydelein?
Forster frische t. liedl. 104 ndr.; 101.
bb)
wollen umschreibt imp., jussiv und optativ.
αα)
in wendungen wie die von Wunderlich d. dtsche satzbau² 2, 318 besprochene aus Freytag journalisten ich habe 6 flaschen ... wein mit gebracht, ich will sie herhaben ist wollen nicht auxiliar, sondern vollverb. eher empfindet man wollen als auxiliar für optativischen modus in beteuerungen wie:
ich wil des immer sîn ein zage,
daz ich im sîniu wort vertrage
Hartmann v. Aue Iwein 869;
ich will sterben, wenn ich weisz, wie ich ... hierher gekommen bin Gerstenberg Ugolino 230 H.; dann will ich als lügner zur hölle fahren ... F. M. Klinger w. (1809) 3, 59. mit inf. perf.: verwünscht will ich seyn, wenn ... Gerstenberg a. a. o. 261; verdammt wolle er sein, antwortete G., wenn er den teuren gottesmann ... schandieren lasse R. Huch d. gr. krieg (1924) 3, 203.
ββ)
2. sg. und pl. konj. wölst, wollest mit inf. für imp.; die umschreibung ist z. t. dem einfachen imp. gleichwertig, z. t. aber ein geschmeidigerer, höflicherer ausdruck als dieser: nichten wölst dir furchten Matth. 1, 20 erste dtsche bibel (Luther: fürchte dich nicht, vulg.: noli timere); solichs wöllest ingedenck sein o christlicher herr Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 2 ndr.; o Leo, wollest dich nit uff deynen teufelischen gewalt verlassen Hartmuth v. Cronberg schr. 36 ndr.;
und ob du lenger leben sölst,
all tödtlich sünd vermeyden wölst
Joh. v. Schwarzenberg Cicero (1535) 114.
gott ist subjekt:
ach got, schöpfer aller ding,
din volk wellist selber fristen
N. Manuel v. papst u. s. priesterschaft 1024 B.;
herr ... wöllest meine red verstan
Schede-Melissus ps. 21 ndr.;
o herr Christe wollest meiner schonen
und mir sünder nach verdienst nicht lohnen
H. Albert in: Königsberger dichterkreis 78 ndr.;
so wollstu nun vollenden
dein werck an mir
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 3, 297.
im konjunktionslosen nebensatz: ich bitt, mir sollichs offenbaren wöllest Wickram w. 1, 6 B.; so bitte ich, du wollest von deroselben hohen verstand ausz ... unverstand nit urtheilen Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, a 4ᵇ. im dasz-satz: ik bidde dat du dat willest dön Diefenbach nov. gl. 387ᵃ s. v. ut;
min gott und herr, ich bitten dich
das du ietz welst erhören mich
schweiz. schauspiele d. 16. jh. 3, 278 B.
2. pl.: wöllendt acht auff mein schreiben haben Paracelsus op. (1616) 2, 318 H.; was nu ewer judicium ist ..., wöllet mir freuntlich ... zu erkennen geben Vogelgesang-Cochläus J. Huss 3 ndr.; ihr schreibschülers, wellent also dysz mein klein wercklein ym besten annemen H. Fabritius büchl. gleichstimmender wörter 39 Meier; ich bitte ..., wollet diesem armen Hans Clawerten seine missethats ... vorziehen B. Krüger Hans Clawert 12 ndr.;
bitt: wölt mit verhör mich gewern
Hans Sachs 2, 10 K.;
demnach ihr freund und brüder mein,
wollt noch disz jar gedultig sein
Spreng Ilias (1610) 18ᵇ.
mit negation: in der übersetzungsliteratur des 15. jh. wird nolite häufig mit nichten wölt wiedergegeben, z. b. nolite putare nichten wölt wenen Matth. 5, 17 erste dtsche bibel 1, 18, 35 u. o.; unde wollit euch des nit waigeren seczen noch wideren (a. 1477) lehnsurk. Schlesiens 2, 161;
wollt nicht euch um die mörtelsteine raufen!
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 8.
in der hypotaxe: wir ... begeren, ir wellend uns ... laun wissen, wie es ... gestalt sey städtechron. 5, 367; (es) ist zuͦ uch myn flyssig bitt, ir wöllen dis ... bild schowen Riederer rhetoric (1493) a 2ᵇ; bittend ..., ir wöllen dasselbig (buch) mit frölichem gemüth auffnemen Scheit Grobianus 7 ndr.; ich bitte, ihr wollet mir einen reichsthaler geben Grimmelshausen 2, 23 Keller;
ich pit, ihr welt hören mein clag
Endinger judensp. 45 ndr.
γγ)
3. sg. konj. zur umschreibung des jussivs und optativs: das derselbe solche mein erbschafft ... ubergeben und zuestellen welle (a. 1319) Brandis landeshauptleute v. Tirol 44; so ewer fürstliche gnade red mit mir vermeint haben, so ist Anthoni Tucher ... auszgeschickt, den wolle euer gnade ... vordern (a. 1453) städtechron. 2, 527; ich bitte, ew. majestät wolle ihm verzeihen Creizenach schausp. engl. com. 79; ich beantrage, die nationalversammlung wolle beschlieszen ... beleg bei Wunderlich d. dtsche satzbau 2, 317, wo weitere beispiele. gott ist subjekt: gott wöll uns erfröwen A. v. Eyb spiegel d. sitten (1511) e 4ᵃ; darzuͦ wöl dir gott glück ... verleyhen Hutten op. 1, 449 B.; got wöl im verzeien Hier. Gebweiler d. lob Marie (1523) 8ᵃ; O. Clemen reformationsflugschr. 1, 9;
gott wöll mein jammer wenden
Forster frische t. liedl. 178 ndr.;
solchs wöll ihm gott vom himel gebn
B. Krüger Hans Clawert 6 ndr.;
gott der höchste wölle dich
und dein liebes hertz gesegnen
S. Dach 776 Ö.;
der himmel wolle dir die heldenschultern stärken
König ged. (1745) 133;
der himmel wolle kraft und nahrung ihr verleihn!
v. Ayrenhoff w. (1874) 18.
3. pl.: ich bitte nicht mehr denn sie wöllen Christum ... bey ihnen auffnemen Mathesius Sarepta (1571) vorr. 4ᵇ; die herren, welche dafür sind, wollen sich gefälligst erheben beleg bei Wunderlich a. a. o. 2, 312. im kurialstil für 3. sg.: e. may. wollen ihr disen ruhm nit misgönnen Brandis ehrenkräntzel (1678) 189.
δδ)
durch konj. prät. von wollen wird in alter und neuer zeit der optativische (nicht jussive) modus ausgedrückt. der voluntative sinn kann dem potential stark genähert sein, z. b. mhd.:
ân edeler frouwen minne   wold ich immer sîn,
ich enwurbe dar mîn herze   grôze liebe hât
Nibelungenlied 53, 2 Lachmann.
rein voluntativ, aber im ausruf:
owê, woldest dû mir helfen, frowe mîn!
Walther v. d. Vogelweide 69, 14;
wold er mich vermîden mêre!
ebda 114, 5;
hei wolten si ze froiden sinnen!
ebda 98, 4.
in der hypotaxe:
der wirt begund in starke biten, ...
daz er dâ ruowen wolde
Hartmann v. Aue Iwein 5095; 5955.
nhd.: e. k. f. g. wolten ein auge veterlicher sorge auff diese sache haben Luther an d. kurfürsten von Mainz bei Franke spr. Luthers² 3, 224; wenn ich blos meinen wünschen folgen wollte! Gellert s. schr. (1839) 4, 195; o, wollten euer hochwohlgeboren ... groszmut ... an mir zu üben unternehmen Pückler briefw. (1873) 1, 122. sehr häufig in der unterordnung: ewr bott ... hat ... gepetten, ob wir icht von dem her von Beheim hetten, daz wir daz ewrer weisheit verschreiben wölten ratsschreiben Nürnbergs an Straszburg a. 1421 in: städtechron. 2, 40; sy paten, das sie (die jungen männer) in (den frauen) ... wölten geselschaft tuͦn Arigo decamerone 12 K.; (sie) bat gott, das er sie von der schmach erlösen wolt Tob. 3, 12; Barnaba ... ermanet sie alle, das sie ... an dem herrn bleiben wolten apostelgesch. 11, 23; und bat in ..., dasz er ine zu einem hertzogen ... verordnen welte Tschudi chron. Helv. 1, 13; 1, 24; sein meister ... begert, er wolt sich ... zuͦ ihm verdingen Wickram w. 2, 63 B.; es befahl auch Carolus ... beiden fürsten, das sie ... Brandenburgk ... schützen wolten Ch. Entzelt altmärk. chr. (1579) 118; (er) begert ..., dasz sie still halten ... wolten Lorichius pädag. principum (1595) 374; unser allergnädigster kayser ... begehret, das dieselben (fürsten) eine hülffe an bahrem gelde dargeben ... wolten acta publ. 1, 3 Palm; ein bauer ... bat, dasz er (der schreiber) ihn ... anmelden wolte Grimmelshausen 2, 371 Keller; 420;
(Jesus) bat, dasz sein gott der bösen schaar
wolt ihre sünd erlassen
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 3, 334;
also ist unsre bitt an dich,
dasz du, o herr, genädiglich
noch ferner woltest walten
J. Chr. Arnschwanger ebda 5, 271.
der optativische modus wird noch durch gern, lieber u. ä. stärker hervorgehoben:
gerne wolde ich, möhte ez sîn, bî eigenem fiure erwarmen
Walther v. d. Vogelweide 28, 3; 99, 14;
ich wolt geren wissen, wa gott sant Peter hett erlaubt, das ... Hutten op. 3, 549 B.; wir wolten Jhesum gerne sehen Joh. 12, 21; wir wolten lieber nicht entkleidet, sondern uberkleidet werden 2. Kor. 5, 4.
cc)
zur umschreibung des potentialen modus werden andere auxiliare wie können, mögen, dürfen, sollen, werden häufiger gebraucht als wollen, doch dient auch wollen oft dazu, um die realität ungewisz zu lassen oder sie anzuzweifeln, bzw. einer aussage oder frage eine höflich-bescheidene form zu geben.
αα)
in dubitativ-deliberativer frage: wer wille der sein, der nit spreche ... Arigo decamerone 17 K.; wer wil aber dises denen, die ... vom wein ... verletzt sein, sagen? (griech. τίς εἴπη) Ambach vom zusauffen (1544) c 3ᵇ; was wöllen wir anfahen? Fortunatus (1509) 96 ndr.; wie wollen deine kinder ... geberdig sein, so du selbst ein ... tropff bist Moscherosch insomnis cura par. 87 ndr.; wer will die satyrische art zu schreiben der jetzigen zeit verbieten? Chr. Weise erznarren 4 ndr.; wie will aber einer ... urtheilen, wann ihm die regeln ... verborgen sind? Bodmer abh. v. d. wunderbaren (1740) 8; wie will der weltmann ... die innigkeit erhalten, in der ein künstler bleiben musz? Göthe I 22, 19 W.; was will ich besseres erleben, als dasz ... IV 36, 78 W.; wer will den soldaten zügeln, wenn es gott nicht thut? E. M. Arndt schr. für u. an s. l. Dtschen (1845) 1, 279;
sprachen: wie wöllens mir fahen ahn,
schlagen wir d frauen, so schreit der man
Endinger judenspiel 22 ndr.;
was wil ich armer aber machen?
Simon Dach 462 Ö.;
sol mich gottes fülle laben,
woran wil ich mangel haben?
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 3, 444ᵇ;
wie wolt ihr doch bestehen
vor gottes richterthron,
wenn schier in angst vergehen
wil sein gerechter sohn?
A. Gryphius ged. 299 P.;
und wenn sein zorn erwacht, wie willst du ihm entgehn?
Giseke poet. w. (1767) 7 Gärtner.
in bescheiden-höflicher frage: wollen sie mir erlauben, edle Lina, ihren gesang zu secundiren? Pfeffel pros. vers. (1810) 5, 184; vielleicht wollen der herr graf sich ein neues petschaft stechen lassen? Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 56. ähnlich im vordersatz eines hypothetischen gefüges:
welt ir, künec, erlouben, daz wir iu mære sagen,
diu wir iu dâ bringen, son sulen wir niht verdagen ...
Nibelungenlied 142, 1 Lachmann; 79, 1;
will er nicht mit zufriden bleiben,
so lasz dich doch nit ubertreiben
K. Scheit Grobianus 558 ndr.
im eingeleiteten vordersatz: wenn ihro majestät mir erlauben wollen, so will ich hingehen ... Göthe I 21, 9 W. in imperativischen fragen: wollt ihr ruh haben! tausend schwerenoth! Göthe I 8, 7 W.; will der schlingel, der tambour, wohl still stehen! feldwebel, er thut eine strafwache! Gaudy s. w. (1844) 4, 115. in abhängigen (indirekten) fragen:
si frâget ...
wie lange ich welle bî ir belîben
Walther v. d. Vogelweide 121, 20;
gee hin und sich, ob ... sand Julian dir wöll guͦte herber geben (ti darà buono albergo) Arigo decamerone 61 K. mit konj. prät.: herre, zuͦ wem wollt ich gon, du hast das wort des lebens Zwingli dtsche schr. 1, 75; o du armer narre, was woltu doch breit einem weibe zu schaffen geben bei Creizenach schausp. engl. com. 24; wer wolte einen solchen ... nicht in hohen ehren halten? Grimmelshausen 2, 357 Keller; wolltest du nicht indessen mich ... mit deinen ... gesprächen erquicken? maler Müller w. (1811) 1, 9; wer wollte alle die präbenden aufzählen, zu denen ... begünstigte des kaisers gelangt waren? Ranke s. w. (1867) 1, 232. im nebensatz: Judas ... redet ... mit den haubtleuten, wie er in (Jesus) wolte inen uberantworten Luc. 22, 4 (in welcher weys er in antwurt erste dtsche bibel; vulg.: quemadmodum illum traderet eis); ich wüszte nicht, wie mans einem ärger machen wollte Göthe I 22, 29 W.
ββ)
auch dem behauptungssatz verleiht die umschreibung mit wollen häufig potentialen modus oder bescheiden-höfliche aussageform; besonders in wendungen wie ich will bitten, hoffen, meinen, will nicht leugnen u. ä.:
ich will üch bitten, merckends äben, ...
schweiz. schausp. d. 16. jh. 1, 17 B.;
die (pflanze) ... halt ich für ..., wil doch nit streitten Bock kreutterbuch 2; wil ich doch mainen, Paulus habe mit seinem leiblichen munde gepredigt Gretter erkl. d. ep. Pauli an d. Römer (1566) 33; 502; Müllner dram. w. (1828) 2, 86;
es ist dem herrn gerichtsrat, will ich hoffen,
nichts böses auf der reise zugestoszen
H. v. Kleist w. 1, 335 Schm.;
Müllner a. a. o. 3, 25; leugnen will ich nicht, dasz ... Göthe IV 27, 219 W.; ich will dir es nur gestehen, ... oft ... stellte ich mich krank Cl. Brentano ges. w. (1852) 5, 7; ich will nicht sagen, dasz ... Fontane ges. w. (1905) I 6, 12. vgl. noch zu merer verstentnus ... hab ich die genealogiam der grafen von Andechs ... hieher sezen wellen (= habe ich hier angesetzt) Brandis landeshauptleute v. Tirol 18. er will (nicht) kommen, scheint (nicht) zu kommen, kommt (nicht): der ritter ... seines gesellen gewartet, der aber nit kummen wolt Wickram w. 1, 5 B.; der knabe ... schien sobald nicht fertig werden zu wollen Göthe I 21, 146 W. im abhängigen satz: leidet doch ... kein seemann (sämann), das ihm einer wolt einreden in sein seewerck M. Hayneccius Hans Pfriem 5 ndr.; gehe nur hinein, sprich, ich wolte gleich kommen Chr. Reuter Schlamp. krankheit u. tod 95 ndr.
γγ)
der potentialen funktion nahe steht der gebrauch von wollen, wo der sprecher durch diese umschreibung andeutet, dasz er für die realität des geschehens oder die richtigkeit einer behauptung nicht eintritt, z. b. mhd. sie wolden daz gewis hân, s. mhd. wb. 3, 658ᵃ. wollen nähert sich oft in solchen wendungen der bedeutung 'glauben, meinen' (s. Heynatz antibarb. 2, 649) oder der bedeutung 'behaupten'. nhd.: fischlin inn brunnen werffen ist bedencklich, wiewols etlich dadurch wöllen erfrischen Sebiz feldbau (1579) 16; man will ... wissen, dasz ihn (Struensee) die richter verurtheilt hätten, lebendig geviertheilt zu werden Lessing 18, 31 L.-M.; Ranke s. w. (1867) 1, 137 anm. 1; Steub wanderungen (1862) 37;
ach, spricht sie, unser herr ist hin,
und niemand ist, der, wo man ihn
hab hingelegt, wil wissen
P. Gerhard bei Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 3, 341ᵃ;
jedoch dein weib, so will man sagen,
die hast du nicht allein
Kretschmann s. w. (1784) 2, 266;
einige meiner freunde wollen behaupten, es sei ... Göthe I 23, 52 W.; IV 32, 83 W.; die wolln behaupten, de weber kennten ... auskommen G. Hauptmann d. weber (1892) 40. häufig mit inf. perf., durch den der hypothetische (irreale) charakter noch deutlicher hervorgehoben wird, z. b. er will es gesehen, gehört haben Fischer schwäb. wb. 6, 944: wir kennen verschiedene, die einen ... luxus ... in den verzierungen unsrer neuesten schriften bemerkt haben wollen Gerstenberg recensionen 37 lit.-denkm.; Göthe I 21, 162 W.; 22, 49 W.; 25, 281 W.; man bezeichnete ... den ort, in welchem der graf ... bei frau Littegarde seinen besuch heimlich abgestattet haben wollte H. v. Kleist w. 3, 399 E. Schm.; Justinus wollte ... an den tag gebracht haben, dasz ... Kerner bilderb. (1849) 2; mehr als einer wollte gesehen haben, wie die ... frau ihn über einen stuhl gelegt O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 12.
δδ)
in hypothetischen gefügen dient konj. prät. von wollen + inf. als konditionale umschreibung seit mhd. zeit. mhd. belege bei Grimm gr.² 4, 214f.; mhd. wb. 3, 659ᵃ. nhd. belege Fischer schwäb. wb. 6, 944. in der neueren sprache, die neben wollte(n), wolltest, wolltet + inf. die umschreibung mit würde(n) ... in breitem umfang verwendet, haftet der umschreibung mit wollen fast immer ein optativischer nebensinn an, allerdings abgeschwächt, an der rein voluntativen funktion von wollen (s. o. e γ bb) gemessen. vgl. hierzu Behaghel syntax 2, 242 f.; 436. der optativische nebensinn schwindet vollkommen bei unpersönlichem subjekt (s. u.B) oder wo pass.-konstruktion vorliegt. umschreibung mit wollen im vordersatz: und ob ir einer nit erlich ... fürston wölt, das man ein andern an seyn stat verordnen mag teutscher nation nodturfft (1523) a 2ᵇ; wollt aber ein solicher gefanngner der verdachten missthat ... durch peinlich frage nit bekenntlich sein, so ... Carolina § 9, s. 11 K.-Sch.; § 69, s. 40 K.-Sch.; wan wir so reden wolten und schreiben wie die alten Sachsen, so weren wir nicht die ietzigen zierliche hoch Deutschen Gueintz rechtschr. (1666) 8; wenn die frau bürgermeisterin sich ... entfernen wollte, ... so sollte er ihr den adelsbrief zustellen F. M. Klinger w. (1809) 3, 75; wollte nun einer fragen, ... so dient ihm hierauf zur antwort: ... Jung-Stilling w. 3, 17 Gr.; wollten die häscher widerstehen, so sollten sie gewalt brauchen Göthe I 43, 139 W.; wolltest du mir ... die erlaubnis geben, so würde ich ... IV 41, 49 W.; Ranke s. w. (1867) 1, 21; man würde sehr irren, wenn man in dieser restauration nichts weiter sehen wollte, als ein zurückgleiten der staatsmaschine Mommsen röm. gesch. 2 (1874) 125; wir würden Pauli sinn weit verkennen, wollten wir annehmen, dasz ... Besser bibelstunden (1877) 3, 714;
gnediger herr, das wer zu streng,
wolt ir in darumb lassen tödten
Hans Sachs 2, 33 K.;
ich thet euch gerne, was ich solt, ...
wann irsz von mir annemen wolt
Forster frische t. liedl. 18 ndr.;
es brechte mir unehr und scham, ...
wann ich wolt also liderlich
meines geschencks verzeyhen mich
J. Spreng Ilias (1610) 4ᵃ;
eins bitt ich nur, das hätt ich gern,
wenn mirs gott wolte geben
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 3, 363;
des pabstes bote ...
verhiesz mir, wenn ich schweigen wollte,
als cardinal den rothen hut
N. Lenau s. w. 523 B.
im relativsatz: ain sünder, der ... die sünden durch gottes lieb ... nitt meiden wölt, der solt sie doch meiden durch sein aigen lieb A. v. Eyb spiegel d. sitten (1511) a 3ᵃ; Carolina § 143, s. 75 K.-Sch.; anderen, die mir dergleichen mittheilen wollten, würde ich ... dank dafür sagen Ritter erdkde (1822) 1, einl. 7. umschreibung mit wollen im nachsatz. mhd.:
und hulfez iht, ich woldez clagen
Hartmann v. Aue Iwein 49; 7541;
wess ich, obe siz noch gerûwe, ich wolde mich durch got erbarmen
Walther v. d. Vogelweide 73, 34;
möht ich die lieben reise gevaren über sê,
sô wolte ich denne singen wol und niemer mêr ouwê
ders. 125, 10; 90, 18; 125, 5;
heyt ich eynen goyden vruͦnt, den wolt ich vuͦr uch wayrnen bei Steinhausen privatbr. d. mittelalters 1, 6. nhd.: vil ... da meinten, wenn sie reich bern (wären), wol on sorg ... leben wölten Arigo decamerone 105 K.; mag ich das nit erlyden, wie wolt ich dan erlyden die ... pyn der hellen Keisersberg bilgersch. (1512) b 3ᶜ; ich wölt es umb frides ... willen gern hingeen lassen, wenn nitt gröszere fele do weren Vogelgesang-Cochläus J. Huss 174 ndr.; so er (Hannibal) einen eigenen ... historienschreiber hätte gehabt, wollten wir viel grosze, herrliche thaten von ihm haben Luther tischreden 2, 608 W.; wenn Nürnberg mein wer, so wolt ichs zuͦ Bamberg verzeren klugreden (1548) 82ᵃ; warum wolte gott sein ... wesen (die erde) verfluchen, so nicht etwas wäre darein kommen, das dem guten zuwider sey Jac. Böhme mysterium magnum (1682) 50; wann ich ... wüste, dasz der bernhäuter ... geschlaffen, ich wolte ihn prügeln Grimmelshausen 2, 338 K.; 372 K.; den finger meiner rechten hand wollt ich drum geben, dürft ich sagen, er ist ein lügner Schiller 2, 15 G. (räuber 1, 1); ich wollte viel drum geben, wenn ... Göthe I 23, 90 W.; IV 40, 250 W.; wüszte ich, dasz er aus einem hohen geschlechte sei, so wollte ich ... hoffnungen auf ihn setzen Tieck schr. (1828) 4, 308;
het ich die wal gantz überal,
ich wolt nicht weiter fragen
Forster frische t. liedl. 65 ndr.;
könnt ich nur durch der mauer ritze schauen,
mit meinem blick wollt ich die schlacht regieren
Schiller 13, 329 G. (jungfrau v. Orleans 5, 11).
auch bei exzeptionalem oder vergleichenden vordersatz wird der hypothetische konj. im nachsatz häufig durch wollen umschrieben:
ich hân ir gedienet vil,
der werlte, und wolte ir gerne dienen mê,
wan dazs übel danken wil
Walther v. d. Vogelweide 117, 16;
ê ich im lange schuldic wære, ich wolt ê zeinem juden borgen
100, 29; 76, 9.
die umschreibung des konditionals mit wollen findet sich auch bei parataktischem vordersatz: du hast nicht lust zum opffer, ich wolt dir es sonst wol geben ps. 51, 18 (si voluisses sacrificium, dedissem utique); des newen königs ... befehlich were, sie solten ... stille halten, oder (er) wolte die kirche versiegeln acta publica 1, 65 P.; du solltest immer mit mir seyn, wir wollten gut leben Göthe IV 8, 4 W. hierher auch ich wollte gerne essen, gehen ..., aber ... Kramer dict. 2 (1702) 1387ᵇ: ich wolt auch woll also antworten, der text aber kans nit lyden Vogelgesang-Cochläus a. a. o. 17 ndr. scherzhaft: wollen wollte ich woll, aber können kann ich nich Brendicke Berliner wortschatz 194ᵃ. oft kommt der vordersatz nicht zu sprachlichem ausdruck, die hypothetische natur der wollen-umschreibung bleibt doch deutlich: wie bald wollt ich ein kleines schauspiel beisammen haben (scilicet: wenn ich geld hätte) Göthe I 21, 171 W.; 45, 55 W.; ich wollte mirs absparen am mund ..., o wie wollten wir leben! ... dich füttern wollt ich ... und mästen! maler Müller w. (1811) 1, 132; ich wollte wetten, dasz ... Neukirch ged. (1744) 29; ich wollte wetten, sagt Jarno, sie haben heute ihr zärtliches herz wieder auf die probe gestellt Göthe I 23, 82 W.; ich wollt mit dem finger auf den zeigen, der die stadt ... hat abgebrennt O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 68. seltener findet sich umschreibung mit wollen in vorder- und nachsatz zugleich: da vand ich einen inne ... und sprach zu dem: wölt er mich nit vermelden, so wolt ich die von Stroszburg warnen (14. jh.) städtechron. 9, 1041; ich wolt dich etwas bitten, woltestu es mir nit versagen Keisersberg evang. (1517) 50ᵃ; weltend ir nit zürnen, ich wellte reden, ir lügind Zwingli dtsche schr. 1, 77 Sch.-Sch.; wollst du mir ... die strasze ... zeigen, ich wollte mich dort ... verdingen Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 461;
wolstu mich dann nit zechen lan, ...
so wolt ich zu eim andren gan
Forster a. a. o. 93 ndr.
wollen mit inf. perf. umschreibt mhd. und nhd. den konditional (irreal) der vergangenheit im vordersatz:
und wolt er lônes hân gegert,
des wærer dâ gewert
Hartmann v. Aue Iwein 3797; 7334.
im nachsatz:
wan dûht siz alle missetân,
si wolt in doch genomen hân
ebda 2402; 7436;
man wolt in die augen haben auszgestochen, wer die grosz pet nit gewesen städtechron. 11, 625; wo er mich aber besucht het, wolt ich ihm mein wort nicht vergunt haben Hutten op. 2, 180 B.; ich wollte (würde) es ihm gegeben haben ..., wenn er mich drum angesprochen hätte Rädlein 1074ᵃ; wenn er aber erst meister wäre, dann wolte er bald so viel erworben haben, um sich ... einzubürgern G. Keller ges. w. 4 (1889) 220.
2)
wollen ohne inf. in gleicher bedeutung 'willen, absicht haben, begehren, wünschen'. wie mit inf. wird wollen in elliptischer redeweise auch ohne inf. gebraucht, der dann aus dem satzzusammenhang oder der gesamtsituation zu ergänzen ist: akk.-, dat.-, gen.-objekte sowie adverbiale bestimmungen des zu ergänzenden inf. übernimmt wollen. hier geht, wie die übersetzerprosa zeigt, die deutsche (und schon die got.) sprache mit griech. θέλειν und lat. velle parallel.
a)
sehr häufig ist in alter und neuer sprache die ellipse des inf. in nebensätzen, besonders in verallgemeinernden (typus: sie seien wer, wie, wann, wo sie wollen), wo der inf. aus dem hauptsatze sich leicht ergänzt.
α)
in konditionalsätzen. ahd. oba thu wili, thu maht mih gisubiren (si vis, potes ...) Tatian 46, 2; 85, 4; 91, 2. mhd.:
daz muget ir kiesen, ob ir welt
Hartmann v. Aue Iwein 2570;
frowe, gebt im hôhen muot!
welt ir, sîn trûren ist verkêret
Walther v. d. Vogelweide 113, 20.
nhd.: wiltu, so kanstu mich wol reinigen Marc. 1, 40; Luc. 9, 54; wenn ir wollt, könntet ir inen guts thun Marc. 14, 7 (cum volueritis, potestis illis benefacere; ὅταν θέλητε; got. þan wileiþ, maguþ im waila taujan);
magst, ob du wilt, ein weil zuvor
lan sehen dein kolschwartzes har
K. Scheit Grobianus 1072 ndr.
formelhaft: ob got wil, z. b.: Iwein 1812; 2382; so gott will, s. o. teil 10, 1, sp. 1379 (so es gott will s. u. sp. 1349). ob er will oder nicht nolens volens: er wolle oder nicht, er mag wollen oder nicht wollen Kramer dict. 2 (1702) 1387ᶜ:
et es mir lange wale kont,
dat he (Eneas) sî (Laviniam) hebben solde,
ich wolde ofte enwolde
Heinr. v. Veldeke Eneit 3966 B.;
zwing mich zuͦ der straff, ich well oder well nit Keisersberg bilgersch. (1512) b 3ᶜ; ik wil of nicht, ik mot sterven Tunnicius sprichw. 109 H.; du wöllest oder wöllest nit, so muͦst du sterben J. v. Schwarzenberg Cicero (1535) 55; das yhr herren ewern steyffen mut herunter liesset, wilchen yhr doch müsset zu letzt lassen, yhr wöllet oder wöllet nicht Luther 18, 333 W.; sie (die seele) ... musz, sie will oder will nicht, gestehen, dasz ... Chr. Scriver seelenschatz (¹¹1737) 1, 600ᵃ; er musz poet sein, ... er mag wollen oder nicht Göthe I 46, 57 W.; 45, 94.
β)
in vergleichsätzen. ahd.:
ih allaz, soso ih uuolta, tharforna ni gizalta
Otfrid II 6, 1; 9, 77; V 8, 42.
mhd.:
nû tuo mir, swie dû wellest
Walther v. d. Vogelweide 55, 6; 94, 34; 109, 15.
nhd.: derselbige ... geist ... teilet einem iglichem seines zu, nachdem er wil 1. Kor. 12, 11 (prout vult; καθὼς βούλεται; got.: swaswe wili); du gangest wie fast du wellest, magstu doch nit kummen zuͦ der besitzung des himelischen vatterlandes Keisersberg bilgersch. (1512) b 1ᶜ; der teufel stelle sich wie er wöll, so ... klugreden (1548) 86ᵃ; nim gerstenmeel, schlehen und hauszwurtzsafft, wie du wilt Wirsung artzneyb. (1588) 550ᵃ; der fuchsz sey so arg als er wolle, so frist ihn der wolff Lehman floril. polit. (1662) 1, 249; der charakter ... sey ... so ungeschickt als er nur will, ... Lessing 10, 158 L.-M.; das ist, es mögen es so grosze philosophen sagen als da wollen, ... unsinn Herder 5, 29 S.; sie mögen sich aufs leugnen legen wie sie wollen, so verrathen sie sich gar balde Göthe IV 1, 4 W.; nenn es ... trägheit, zaghaftigkeit oder wie du willst ... Tieck schr. (1828) 4, 8;
herr, felt das urteyl, wie ir wölt
Hans Sachs 2, 14 K.;
er sey so heilig wie er wol
A. Lobwasser Calumnia (1583) b 4ᵇ;
herr, wie du willst, so führe mich
Th. Körner w. 1, 130 F.
γ)
in subjekt- und objektsätzen. ahd.: biti fon mir thaz thu uuili (pete a me quod vis) Tatian 79, 5; 91, 5. mhd.:
ich mac nû sprechen swaz ich wil
Hartmann v. Aue Iwein 7380;
hêr Walther singet swaz er wil
Walther v. d. Vogelweide 18, 11; 86, 8;
got gît ze künege, swen er wil
ebda. 12, 30.
nhd.: rede ... wer da wölle Arigo decamerone 12 K.; das glaube, wer do wöll, ich nicht Luther w. 18, 305 W.; (es) seye wer der wölle ordn. wie sich handtwercker ... verhalten sollen (Heidelberg 1579) b 3ᵇ; es tobe wer da wolle Logau s. sinnged. 253 E.; ich hab mich vor ... einem yeden curtisanen, er sey wer er wölle, zuͦ hüten Hutten op. 1, 408 B.; alle münch, pfaffen, nonnen ..., sy seyen wer sie wöllen teutscher nation nodturfft (1523) a 2ᵇ; es mag sein wer es will Göthe I 43, 340 W.;
sey getrost mein suhn,
du seyest wer du wöllest nun
J. Spreng Äneis (1610) 25;
dem volck einen gefangenen loszugeben, welchen sie wolten Matth. 27, 15 (quem voluissent; ὃν ἤθελον; got. þanei wildedun); ähnlich Marc. 3, 13; 9, 13; nenn ein richter ... welchen du wilt Frisius dict. (1556) 111ᵇ s. v. arbiter; (der mensch) esse was er well Zwingli v. freiheit d. speise 9 ndr.; sie zogen welche straszen sie wolten Götz v. Berlichingen lebensbeschr. 71 B.; du magst sagen was du willst A. v. Arnim s. w. (1846) 14, 98;
ich lasz ien reden was er will
Forster frische t. liedl. 22 ndr.;
ich lan dich schryen was du witt
schweiz. schausp. d. 16. jh. 1, 40 B.
δ)
in lokal- und temporalsätzen: die brüder ... reichsneten überall umb wa si wend B. Zink in: städtechron. 5, 117; du kömmest hin wo du wilt, so wirstu den wirt daheim finden Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) d 2ᵃ; auch mag ein amptman ... gerichte haben, wanne er wiel und auch als dicke als er wiel weist. 6, 20; seine tochter und frau können sterben wann sie wollen Göthe I 45, 11 W.;
far wo du wilt, der dienst ist ausz!
Forster frische t. liedl. 62 ndr.;
du magst seyn, wo du willst, ihm kannst du nicht entgehn
Giseke poet. w. (1767) 5 Gärtner;
denke nur immer an die besten,
sie mögen stecken, wo sie wollen
Göthe I 3, 301 W.
b)
elliptische redeweise liegt oft auch dann vor, wenn sich zu wollen kein bestimmter materieller inf. dem hörer unmittelbar ergänzt. wollen kommt dann dem absoluten gebrauch nahe: dieselben (frauen) wo du wilt, da wöllen sy nit und wo du nit wilt, da wöllent aber sy Niclas v. Wyle translat. 43 K. 'willig, bereit sein': die not fürt den, der wil; wer nit wil, den zeuchts beim har klugreden (1548) 62ᵇ; so ich nicht will, da wird kein spiel K. Rother schles. sprichw. 303ᵃ. 'willen haben, willenskraft betätigen': ein geschöpf ..., das ... nicht blos erkennet, will und würkt, sondern auch weisz, dasz es erkenne, wolle und würke Herder 5, 31 S.; er (gott) dachte und es ward, er wollte und es stand da ders. 16, 523 S.; nur wollen muszt du, nichts weiter W. Fischer lebensmorgen (1912) 119. wollen 'den willen haben', dem können gegenübergestellt: wan men nicht en mach als men wil, so mot men doen als men kan Tunnicius sprichw. 503 H.; er will, aber er kann nicht sine pennis volare difficile est Serz idiot. (1797) 178ᵇ;
ist fürwahr ein armer mann,
der offt will und selten kan
Chr. Weise d. grünenden jug. überfl. ged. 117 ndr.;
könnt er nur immer wie er gerne wollte!
Schiller 12, 66 G. (Piccol. 1, 1).
c)
wollen mit orts- oder richtungsadv. ohne inf. es sind solche elliptische wendungen der umgangssprache besonders geläufig (s. u.). auf, durch, herab, heraus, herein, herunter, hervor, herzu, hin, hinab, hinauf, hinaus, hinein, hinüber, mit nach, vor, zurück wollen; fort, heim, weiter wollen, s. Kramer dict. 2 (1702) 1392f. schon ahd., s. Tatian; 119, 4; 238, 4. mhd. belege im mhd. wb. 3, 659ᵇ und bei Wiessner PBB 26, 549f., z. b.:
vil gerne wold ich von dan
Hartmann v. Aue Iwein 417;
wil er her od sol ich dar?
ebda. 8034.
nhd.: der hertzog von Gullich und Kleff haben nicht dar wellen J. Unrest chron. Carinth. (1724) 616. daran wollen sich an etwas heranmachen wollen: niemand wollte mehr dran Mozart bei O. Jahn Mozart (1856) 3, 501; er hätte zuerst gar nicht dran gewollt Alexis Roland v. Berlin (1840) 2, 156. hin wollen: wo wiltu hin? Diefenbach gl. 481ᵃᵇᶜ s. vv. quo, quorsum, quovis; wo wöllen ir hyn, da ir mer fröd ... möchten haben dann hye? Fortunatus (1509) 76 ndr.; ey, sanct Paule, wo wiltu hyn? Luther 10, 1, 1, 656 W.; H. R. Manuel weinspiel v. 173 ndr.; wo wollt ihr denn hin, Grethe? Lenz ges. schr. 1, 49 T.; Göthe I 17, 184 W. hindurch wollen: einesmals sihet er zwene zimmerleute mit einem langen zimmer, das sie auff den achseln tragen zu einem geszlein zu, da sie die quier mit dem holtze hindurch wollen M. Hayneccius Han Pfriem 4 ndr. nach wollen: Rehaar (läuft ab, Pätus will ihm nach, Fritz hält ihn zurück) R. M. Lenz ges. schr. 1, 59 T.; maler Müller w. (1811) 1, 110; Göthe I 23, 14 W. hinüber wollen: ich will doch gleich hinüber und sehn, was es gegeben hat Lenz a. a. o. 1, 66 T. fort wollen: ich, der ich auf alle weise fort wollte, war genöthigt, die pferde anzunehmen Göthe I 43, 281 W.; IV 8, 22 W. obenaus wollen: wer mit dem kopff wil oben aus, der thut viel schaden und richt nichts aus Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) F 2ᵃ; werden mich doch nicht für des dummkopfs leiblichen schwager halten, dasz ich oben aus woll mit dem mädel? Schiller 3, 363 G. mit wollen:
am Ganges nur giebts menschen ...
wollt ihr mit?
Lessing 3, 72 L.-M. (Nathan v. 707).
davon wollen:
genug, ihm wird nicht wohl dahier,
ich fürcht, er will davon
Göthe I 4, 40 W.
vorüber wollen:
nun kommt in holprigem galopp ein hund:
er will vorüber, nein, er stellt sich, knurrt
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 114.
reich an solchen wendungen ist auch die affektsprache, z. b. in imperativischen fragen wie wollt ihr zurück, ihr unverständigen menschen! Tieck schr. (1828) 1, 88; will er woll auf (aufstehen)! Fontane ges. w. (1905) I 5, 136; wisste weck (willst du weggehen)! Brendicke Berlin 194ᵃ; dann ohne ortsadv.: (die rittmeisterin trennt ein sich küssendes paar) wollt ihr gleich! Jean Paul w. 1, 118 H.
d)
mit adverbial der richtung:
ich wil selbe zwelfter   in Guntheres lant
Nibelungenlied 60, 2 Lachmann;
dô sprach der voit von Rîne   'ich wil an den sê
hin zuo Prünhilde'
328, 1;
'ich bin heime' ode 'ich wil heim' daz trœstet baz
Walther v. d. Vogelweide 31, 30;
nhd. ins haus wollen voler entrare; aus dem lande wollen voler (fuggire) dal paese; vor den richter mit einem wollen Kramer dict. 2 (1702) 1388ᵃ; wiltu zur lincken, so wil ich zur rechten 1. Mos. 13, 9; wier wend über feld Th. Platter 71; 86 Boos; ich will hin auf die schöne insel maler Müller w. (1811) 1, 92; Wilhelm wollte ... nach hause Göthe I 21, 146 W.; wollt ihr mit uns? 24, 7 W.; ich will zu meiner lieben mutter zurück Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 99; 171;
die selben groszen fürsten
sie wettend ins Schwizerland
hist. volksl. 2, 392 Liliencron;
ha! ha! zu euch wollt ich nun eben wieder
Lessing 3, 68 L.-M. (Nathan v. 634);
die regimenter wollen nicht nach Flandern
Schiller 12, 214 G. (Wallensteins tod 1, 3).
in der redensart an jemanden wollen, an ihn herankommen, ihn angreifen wollen, schon mhd.:
wan woltens an die heidenschaft!
Walther v. d. Vogelweide 12, 28.
nhd. er greifft dich ane, er wil an dich stringit in te ferrum Er. Alberus dict. (1540) Y 4ᵇ; der wirt will an unsern beutel Kramer dict. 2 (1702) 1388ᵃ: er erlöset meine seele von denen, die an mich wöllen und schafft ir ruge ps. 55, 19; Luther w. 34, 2, 71 W.;
Emmerich komm! an die wollen wir!
Schiller 12, 15 G. (Wallensteins lager 1).
ähnlich jemandem ans leben wollen u. dergl.: wer dem Antonio ans leder wolle, müsse erst durch seinen eignen koller hindurch Eichendorff s. w. (1864) 3, 239;
wie? sollte man mir gar ans leben wollen?
Schiller 13, 449 G. (Turandot 4, 7);
einmal wollte uns der feind im sturmschritt zu leibe D. v. Liliencron s. w. (1896) 5, 174. über einen her wollen: Adam will über mich her? maler Müller w. (1811) 1, 69; wir wollen über sie her wie die sündflut Schiller 2, 98 G. (räuber 2, 3). in imperativischer frage:
wollt ihr vom platz! verwünschtes volk der weiber!
Schiller 14, 350 G. (Wilhelm Tell 3, 3).
ist ein transitives verbum zu ergänzen, so findet sich oft auszer der richtungskonstruktion ein zum sprachlich unterdrückten inf. gehöriger akk.:
(ehre, reichtum, gottes huld,)
die wolte ich gerne in einen schrîn
Walther v. d. Vogelweide 8, 18;
die ärzte wollen mich nach Carlsbad, ich gehe ungern hin Göthe IV 29, 158 W.; 219; wenn ich ihn (den staub) fort wollte, so könnte ich ihn ja ... abstreifen Stifter s. w. 5, 1 (1908) 88. jemanden zur ehe, zum manne wollen u. ä. s. unten 3 d.
3)
wollen mit akk. nicht jeder akk. bei wollen ist durch ellipse des inf. eines trans. verbums zu erklären. auszer den oben (2d) gegebenen beispielen sind als elliptische redewendungen leicht zu erkennen fälle wie: ich will dich, du galgenvogel, so ich anderst leb! Boltz Terenz (1539) 56ᵃ; sie sind mir ... revange auf dem schachbrett schuldig. wollen wir eine parthie, herr von Walther? Schiller 3, 495 (kabale u. liebe 5, 7);
wetter! wir wollten sie!
Göthe I 16, 16 W.
sodann umgangssprachliche ausdrücke er will etwas (sc. haben), vielleicht auch das wolle gott nicht! Schiller 13, 271 G. u. a.; s. auch u. 3 d. in vielen fällen aber, in denen wollen einen akk. der person, der sache oder akk. eines abstraktums als ergänzung neben sich hat, liegt nicht ellipse eines transitiven inf. und übernahme des ihm zugehörigen akk. durch wollen vor, sondern echtes akk.-objekt, denn wollen verbindet sich seit ältester zeit wie ein transitives verbum mit akk. Ulfilas übersetzt z. b. den inf. der griech. vorlage durch ein subst. actionis τῷ θέλοντι σοι κριθῆναι þamma wiljandin miþ þus staua Matth. 5, 40. vgl. noch armahairtiþa wiljau jah ni hunsl Matth. 9, 13, wo allerdings auch die griech. vorlage substantiva act. hat (ἔλεον θέλω καὶ οὐ θυσίαν). ebenso ahd. ih uuili miltida, nalles bluostar Tatian 56, 4 für vulg. volo misericordiam ... und erste dtsche bibel ich wil derbarmd 1, 33, 58f. K. mhd. belege im mhd. wb. 3, 659ᵇ. zum teil kann elision eines inf. angenommen werden, z. b.:
ich wil aber miete
Walther v. d. Vogelweide 56, 18;
kaum aber in folgenden belegen:
welt ir mîn lop, sô sint bescheiden
79, 14; 32, 13; 82, 14; 86, 21.
a)
nhd. etwas wollen, verlangen, begehren, wünschen: (eine) newerung, die niemand will noch begehrt Lehman floril. polit. (1662) 1, 342; 90; so ist er ... die gerechtigkeit selbst, der unmüglich kan unrechtes wollen oder thun Spener leichpredigten 8 (1698) 18; er (Adamas) wollte menschen, und, um diese zu schaffen, hatt er seine kunst zu arm gefunden Hölderlin ges. dicht. 2, 72 L.; hätte gott nur thiere gewollt ..., wozu machte er den menschen? E. M. Arndt schr. für u. an s. l. Dtschen (1845) 1, 254; Cato wollte ... nicht die unterwerfung, sondern den untergang der ... stadt Mommsen röm. gesch. 2 (1865) 23; das vermögen, das gute ... zu wollen und zu wirken Dittrich gesch. d. ethik (1926) 2, 131;
wi vinden geschreben also vel,
daz got des sunders tot nicht wel
spiel v. d. zehn jungfrauen 100 B.;
wer arbeyt wil, der kriegt die füll
Forster frische t. liedl. 70 ndr.;
was will der sultan? was? — ich bin
auf geld gefaszt; und er will — wahrheit. wahrheit!
Lessing 5, 89 L.-M. (Nathan 3, 7);
die götter wollen dein verderben
Schiller 11, 233 G.; 10, 84;
er, der einzige gerechte
will für jedermann das rechte
Göthe I 6, 9 W.;
ein schwedischer gesandter will gehör
Grabbe w. 1, 29 Bl.
mit akk. und dat.: denkt nur immer, dasz ich euer freund gewesen bin der euch stets gutes gewollt hat A. Stifter s. w. 2 (1908) 154; niemand will dir böses E. Colerus Tiberius auf Capri (1927) 168. mit akk. und prädikatsnomen:
ja, ihr könntet ihn,
weil ihr ihn (Wallenstein) schuldig wollt, noch schuldig machen
Schiller 12, 197 G. (Piccol. 5, 3).
mit akk. und adv. jemanden oder etwas so, anders wollen: wozu das böse, warum das böse? er wollte es so F. M. Klinger w. (1809) 3, 286;
du willst es so! du zwingst uns!
Schiller 13, 327 G. (jungfrau v. Orleans 5, 10);
hätte gott mich anders gewollt,
so hätt er mich anders gebaut
Göthe I 3, 270 W.
b)
wollen + akk. 'etwas planen, beabsichtigen': das requiem, wie es Mozart theils vollendet, theils gewollt hat O. Jahn Mozart (1856) 4, 786. 'durch willenskraft schaffen, beeinflussen': erfährt man ..., dasz ein mensch auch seine gesichtszüge wollen kann, so traut man seinem gesicht ... nicht mehr Schiller 10, 84 G.
c)
häufig ist ein neutrales pron. (demonstr., interrogat., relativ) objektsakk. von den 25 belegen in Kelles Otfridglossar mit wollen und akk. haben fast alle pronominales obj.:
thû quist, thaz thu iz ni uuolles
Otfrid III 13, 24;
uuaz uuollet ir nu ... thes?
III 20, 123;
ih wane therer fulle   allaz, thaz ih uuille I 25, 20.
auch mhd.:
welt ir allez, taz ich wil?
Hartmann v. Aue Iwein 2291.
α)
gott will es: was gott will, das musz sein G. Keller bei C. Schulze bibl. sprichw. 88, wo auch mhd. belege hierfür. im konditionalen vordersatz: ob es der herre wil Jac. 4, 15 erste dtsche bibel, wo Luther ohne akk. übersetzt so der herr wil. die formel ohne akk. ob gott will ist häufig, schon mhd., s. Iwein 1812; 2382. nhd.: Hutten op. 1, 419 B.; Luther 7, 9 W.; 26, 487; Wickram w. 1, 6 B.; so gott will Müllner dram. w. (1828) 3, 62. in der form wills gott: wills gott ist ein gutes wort von alters her Schellhorn sprichw. (1797) 82; wills got, so beschicht es zuͦ gelegner zeit J. v. Schwarzenberg Cicero (1535) 80ᵃ; Hutten op. 1, 450 B.; wills gott komme ich nicht zurück als mit gutem gewinnst Göthe IV 8, 1 W.; 4, 58. zu einem wunschausruf, synonym mit 'hoffentlich', verblaszt: als du wils got palde sechen solt Arigo decam. 82 K.; 272; darumb wöllen wir (wils got) dich bezwingen Xylander Polybius (1574) 73; ihr werdet, wils gott, bald gar catholisch werden Grimmelshausen 2, 359 Keller; künftigen frühling ... sehn wir uns, wills gott, wieder Pfeffel pros. vers. (1810) 6, 184; wills gott, ist Wilhelm jetzt wieder völlig genesen Dahlmann in: briefw. (1885) 1, 36; selten ohne akk.: es wird will gott nun mit des babsts reych ... gar aus seyn Luther 18, 256 W.
β)
nichts wollen: unser gesetz soll seyn nichts zu wollen, nichts zu denken, nichts zu empfinden Zimmermann über d. einsamkeit (1784) 1, 371; er wollte nichts, er begehrte nichts Göthe I 23, 51 W. in der umgangssprache: đa war nichts zu wollen da liesz sich nichts machen: Hesse-Wartegg zw. Anden u. Amazonas (²1915) 50.
γ)
interrogativ:
hêrre waz wil der leu?
uns dunket daz er uns dreu
Hartmann v. Aue Iwein 6693;
er (Jesus) sprach zu ir: was wiltu? Matth. 20, 21; um des himmels willen ... was wollen sie? wer sind sie? Pfeffel pros. vers. (1810) 5, 197;
was wöllet und gebietet ihr?
Hans Sachs 2, 24 K.; 6, 140;
(Nathan:)
sieh doch! — wer kömmt denn dort? ein klosterbruder?
geh, frag ihn was er will.
(Daja:) was wird er wollen?
Lessing 3, 133 L.-M. (Nathan 4, 7).
deutlich empfunden wird die ellipse eines inf., wo weitere ergänzungen zu wollen treten: was willst du von mir? J. M. R. Lenz ges. schr. 1, 59 T.; A. v. Arnim s. w. (1839) 1, 136; Platen w. 1, 14 H. mit dativ:
was willst du mir?
Klopstock oden 2, 8, 44 M.-P.;
was wollt ihr mir? besinnt euch, theurer Golo!
Tieck schr. (1828) 2, 104;
was wollen diese Amazonen uns!
H. v. Kleist w. 2, 21 E. Schm.;
mit präp. ergänzung: was will der prophet mit diesen worten? Kramer dict. 2 (1702) 1388ᵃ; J. E. Schlegel w. (1761) 5, 185; was will das mädchen denn auch mit ihm (sc. anfangen)? Lenz ges. schr. 1, 40 T.; ich begreife nicht, was der prinz mit der puppe will Göthe I 17, 54 W.; 25, 103; was Sophokles mit den 'Trachinierinnen' gewollt hat, (wird) ... klar werden Dittrich gesch. d. ethik (1926) 1, 84;
was wollen sie mit diesem sonderbaren
und feierlichen vorbericht?
Schiller 5, 41 G. (don Karlos 1, 5);
was willst du jetzt mit deiner fastenpredigt?
Göthe I 15, 15 W. (Faust 4924).
δ)
der akk. ist ein neutrales relativpronomen. schon got. entsprechend der konstruktion von griech. θέλειν: ni þatei wiljau þata tauja ak þatei hatja þata tauja Röm. 7, 15, ebenso die bibelübersetzer des 15. jh. und Luther: ich thu nicht, das ich wil, sondern das ich hasse, das thu ich. auch unabhängig von der lat. vorlage, z. b. ich hab nit erfült, das ich wollt erste dtsche bibel 3, 31 vorr. K. und allgemein: offt geschichts was einer gern wolt, das man sich stelt als wolt mans nicht, und was man nicht will, das musz man wider seinen willen wollen Lehman floril. polit. (1662) 2, 913; was einer selber wil, kan ihm nicht unrecht seyn Spanutius (1720) 632; man kann, was man will F. M. Klinger w. (1809) 3, 172; die alten wuszten, was sie wollten Fr. v. Schlegel s. w. (1846) 4, 133; Eichendorff s. w. (1864) 3, 122; Fontane ges. w. (1905) I 6, 4;
ich weisz nicht was ich will, ich will nicht was ich weisz,
im sommer ist mir kalt, im winter ist mir heisz
Opitz teutsche poem. 48 ndr.; 71.
d)
wollen mit akk. der person in der bedeutung 'jem. haben wollen', sodann 'jem. lieben', aus elliptischer redeweise entstanden. vos volo euch wil ich haben, euch wil ich Er. Alberus dict. (1540) Cc 3ᵃ; hertzog Albrecht ... understund ... selbs künig ze werden ... aber die churfürsten woltend in nit Tschudi chron. Helv. (1734) 1, 207;
wolltet ihr
wohl eine tochter, die hier ruhig wäre?
Lessing 3, 56 L.-M. (Nathan 2, 4);
der gott, der eisen wachsen liesz, der wollte keine knechte
E. M. Arndt bei Böhme volksth. lieder d. Dtschen 42.
die ergänzung des inf. ergibt der zusammenhang. einen wollen kann nach situation und redezusammenhang bedeuten 'ihn sprechen, fragen wollen', 'ihn rufen'; domandare uno Kramer dict. 2 (1702) 1386ᵇ: Sosia kumm her da, ich will dich ein wenig Boltz Terenz (1539) 3ᵃ. jem. wollen heiraten wollen, oft determiniert: jem. zur frau, zum mann, zur ehe wollen: wiltu die junkfraw zuͦ der ee? und junkfraw, wellent ir den jüngling zuͦ der ee? Fortunatus (1509) 56 ndr.;
er wolte sie zur braut
Zinkgref auserles. ged. 15 ndr.;
er fasset das händchen so kräftiglich an:
die will ich, so ruft er, aufs leben!
Göthe I 3, 4 W.
die spezielle bedeutung gibt sich auch ohne determinierung aus dem satzzusammenhang oder der situation: und namen zu weibern, welche sie wolten 1. Mos. 6, 2; jede sagt nimm du in, ich will in nicht Scheit Grobianus 147 gl. ndr.; sie ist ein braves mädchen ..., wir lieben uns und wollen uns — da ist also nichts aufzuschieben Mozart an seinen vater bei O. Jahn Mozart (1856) 3, 156; ich wollte sie (anrede) nicht, ... aber dasz sie mich ganz und gar nicht wollten, das verzeiht kein mädchen Göthe I 24, 172 W.; da verdenk ich ihrs jetzt selber nicht, wenn sie mich nicht hat gewollt O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 131. schon mhd.:
man vrâgte si ob sie wolde   den vil wætlîchen man
Nibelungenlied 568, 4 Lachmann;
(Laudine zu Iwein:)
ich wil iuch gerne, welt ir mich?
Hartmann v. Aue Iwein 2333; 2116;
sô ist mîn hâr vil lîhte alsô gestalt,
dazs einen jungen danne wil
Walther v. d. Vogelweide 73, 20.
begehren, gern haben, lieben: die knaben sind bösartig, ich habe keinen gewollt Göthe I 24, 90 W.; mit geist und charakter wollen die frauen selten einen mann ..., sie wollen fast immer nur, wer ihnen schmeichelt Gutzkow zauberer von Rom 1 (1858) 288;
und willst du ihn (gott) von herzen,
gleich hat ihn deine brust
E. M. Arndt w. 5, 106 R.-M.
ein kind wollen, 'sich ein kind wünschen', sodann landschaftlich in euphemischer ausdrucksweise für 'schwanger sein': se sal en kin willen Schambach Göttingen 303; as ek Wilhelmînen wolle als ich mit W. schwanger ging ebda.
4)
mit gen. mhd. und älternhd., meist in negativer wendung oder in der frage, wo also der gen. zu nicht oder dem inter rogativ pron. gehört:
dô sprach der helt von Berne   'des sol niht wellen got'
Nibelungenlied 2182, 1 Lachmann;
dâ wil man, des man niht enwil
Gotfried v. Straszburg Tristan 12;
swer mîn ze bruoder niht enwil
Walther v. d. Vogelweide 22, 7;
waz wil du mîn?
Rudolf v. Ems Barlaam 38, 1 Pf.
weitere mhd. belege im mhd. wb. 3, 659ᵇ. nhd.: die kirche will ir nit Arigo decamerone 21 K.; wenn uns das vorgehalten wirt, szo wollen wir sein nit theol. deutsch 24 M.; und wollen doch solcher predigt nicht Jes. 28, 12 (Franke spr. Luthers² 3, 104); do sprachend etlich ... was er doch des ... ungestalten wibs welt? Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 460; Hans Sachs 8, 61 K.;
ich wil dein nit,
ich mag dein nit,
du bist ein alter greyse
Forster frische t. liedl. 98 ndr.;
die meisten wollen deiner nicht
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 3, 416ᵃ;
ich will der ketten nicht,
die meine freyheit würgt
Rachel satyr. ged. 23 ndr.
vereinzelt findet sich partitiver gen. bei wollen: niemand ist, der vom alten trincket und wölle bald des newen Luc. 5, 39 (vulg.: vult novum; griech. θέλει νέον; got. ni suns wili jugg); Luther 30, 2, 618 W.; G. R. Weckherlin ged. 1, 181 F.;
wer des vollen borns will,
will die verwirrung
E. M. Arndt w. 5, 151 R.-M.
5)
wohl, übel wollen. schon ahd. (Otfrid I 1, 123; III 15, 41) und mhd. (Walther v. d. Vogelweide 11, 34). nhd. meist mit dat. der person: einem wohl, übel wollen Rädlein 1073ᵃ; einem wohl wollen favoriser quelqu'un, lui être bien affectioné Frisch nouv. dict. (1730) 677: wems glück wol will, dem wil niemand übel klugreden (1548) 95ᵇ; 69ᵃ; 106ᵇ; maler Müller w. (1811) 1, 140; jedoch hat ihm (Placidus) das glück so wol gewolt, dasz ... Brandis ehrenkräntzel (1678) 66; Ranke s. w. (1867) 1, einl. 6; Karl der Fünfte ..., der dem knaben (Oranien) ... wohl wollte, nahm ihn ... an seinen hof Schiller 7, 81 G. selten variiert: das glück will der jugend besser als dem alter Hebel w. 3, 201;
dann der sein vil
in solchem spil,
die mir nicht günstig wöllen
Forster frische t. liedl. 158 ndr.
mit auslassung des adverbs wohl: das glück hat ihm gewollt Kramer dict. 2 (1702) 1388ᵇ; Fischer schwäb. wb. 6, 944: wann mir got wolte, so ... Moscherosch insomnis cura parentum 65 ndr.; wenn ihm das glück will und ihn sein genius nicht verläszt, so ... Göthe IV 5, 229 W. übel wollen: wenn ich dir übel wölte Stumpf Schweizerchron. (1606) 322ᵃ;
kein feind verfolgt euch, niemand will euch übel
Schiller 12, 259 G. (Wallensteins tod 2, 6);
da ist kein feind, der ihnen böses will
Tieck schr. (1828) 1, 82.
selten passiv: wol von einem gewolt sein essere ben voluto da uno Kramer a. a. o.: er ist aber so wol gewöltt von dem künig ... Fortunatus (1509) 144 ndr.
6)
wollen mit abhängigem satz. der satz kann in parataxe folgen oder untergeordnet sein. parataxe liegt z. b. vor Matth. 8, 3 ich wil wird gereinigt erste dtsche bibel (auch ahd. Tatian 46, 3: uuilla, wis subiri und got. wiljau, wairþ hrains). die hypotaxe ist häufiger, besonders der mit konjunktion eingeleitete indikativische oder optativische objektsatz, schon got. (Ulfilas bietet für wiljau, ei ... 12 belege), ahd. (uuillu, thaz ... 9 mal bei Otfrid, 7 mal im ahd. Tatian) und mhd., s. mhd. wb. 3, 660ᵃf.; Lexer 3, 754; vgl. noch:
wir man wir wellen, daz diu stætekeit
iu guoten wîben gar ein krône sî
Walther v. d. Vogelweide 43, 29;
und were dan welt, das sein testament ... stand im rechten hab, der soll ... urk.-buch d. stadt Heilbronn (a. 1313) 3, 349.
a)
fordern, verlangen, wünschen.
α)
du wilt, daz ich dir beschrib ... Niclas v. Wyle translat. 20 K.; ich wil, das du mir gebest ... das heubt Johannis des teuffers Marc. 6, 25 (volo, ut ... des); er wolte nicht, das es jemand wissen solt Marc. 9, 30 (nec volebat quemquam scire); Marc. 10, 35; Luc. 19, 14; 27; Joh. 17, 24; 18, 39; 1. Kor. 10, 20; Gal. 4, 20; 6, 13; 1. Tim. 2, 4; 8; 5, 14; (es) hab Diocletianus gwellen, dasz man im die füesz küszt Joach. v. Watt 1, 46 G.; Freiburger stadtrechte (1520) 71ᵇ; derwegen wil er, daz ein artzt nit allein mit kreutern ... gerüst sein sol ... sondern auch ... Fischart Garg. 11 ndr.; Sokrates ... hat das gold nicht verachtet sondern allein gewöllen, dasz man ihm sein jahrgelt nicht bezahle Ph. Bech Agricolas bergwerckbuch (1621) 12; der vater wollte, dasz wir ... so leben sollten, wie unsere arbeiter lebten A. Stifter s. w. 5, 1 (1908) 112;
sie wolte, dasz ihr sohn hier bey mir solte bleiben
Opitz teutsche poem. 162 ndr.
ohne konjunktion: (die bäcker) wolten, der Räm solt in das mel geben, so welten si im es bachen städtechron. 25, 74; sie wolten, es were das bier widder ym fasse Luther 23, 72 W. der parataxe nahe: du willst, ich soll meinen sohn verfluchen? Schiller 2, 21 G. (räuber 1, 1).
β)
häufig findet sich gliederverschiebung in der form, dasz ein satzglied aus dem nebensatz in den hauptsatz hinüber gezogen und als objekt oder adverbialergänzung zu wollen gestellt wird. so in alter und neuer zeit im fragesatz. got. nach griech. vorlage: hvana wileiþ ei fraletau izwis? Matth. 27, 17 (τίνα θέλετε ἀπολύσω ὑμῖν); hva þus wileis ei taujau? Luc. 18, 41 (τί σοι θέλεις ποιήσω). ahd.: uuar uuili thaz uuir garauuemes thir zi ezzanne ostrun? (ubi vis paremus tibi comedere pascha?) Tatian 157, 1. ebenso mhd., s. mhd. wb. a. a. o., vgl. noch:
waz wil er anders daz ich tuo?
Walther v. d. Vogelweide 42, 2.
nhd. ganz allgemein, z. b. entsprechend den angezogenen got. belegen Matth. 27, 17: welchen wolt ir, das ich euch losgebe (quem vultis dimittam vobis) oder Luc. 18, 41: was wiltu, das ich dir thun sol? (quid tibi vis faciam). vgl. noch Marc. 10, 36; 51; 15, 12. auch im behauptungssatz bis heute: solchs wil ich, das du fest lerest Luther bei Franke spr. Luthers² 3, 308.
γ)
der auxiliaren funktion nähert sich wollen in wunschformeln wie ich wollte, dasz ...; wolle (wollte) gott, dasz u. ä., die dem nebensatz optativischen sinn geben, s. Grimm gr.² 4, 87. mhd.:
ich wolte daz ir ougen an ir nacke stüenden
Walther v. d. Vogelweide 56, 3; 44, 19.
nhd.: ich wolt aber, das ich jtzt bey euch were (vellem autem esse apud vos) Gal. 4, 20; ich wolte aber lieber, alle menschen weren wie ich bin (volo enim omnes vos esse sicut me ipsum) 1. Kor. 7, 7; Zwingli dtsche schr. 1, 133 Sch.-Sch.; ich wolte, das man solchen buͦchschreibern die finger abhawet Vogelgesang-Cochläus J. Huss 7 ndr.; o wie wolt ich so gern, das wir unser heil ... möchtind schaffen utinam saluti nostrae consulere possimus Frisius dict. (1556) 1417ᵃ; ich wolt das dich die raben fressen Eyering prov. copia (1601) 3, 75; ich ... wollte, ich hätte dich bei mir Göthe IV 8, 21 W.; ich wollte, er hätte über den trefflichen text ... etwas gesagt O. Ludwig ges. schr. (1891) 5, 499;
ich wett die straal schluͦg in das husz
schweiz. schausp. d. 16. jh. 3, 265 B.
negativ: ich wölt nicht, das ir gedächt, das ich ... Arigo decamerone 24 K.; ich wollte nicht, dasz ein alter Grieche ... diese behauptung läse Herder 3, 21 S.; Göthe IV 42, 74 W. formelhaft wolle (wollte) gott, dasz utinam Diefenbach gl. 631ᶜ:
got welle, daz ichz niht gelebe
Hartmann v. Aue Iwein 4490; 4046;
her Iwein sprach: 'nu enwelle got,
daz mir diu unzuht geschehe'
4782;
der bischoff von Mentz ... sprach: nu well gott, daz kaine des richs stat ... beschedigt werd (Augsb. 15. jh.) städtechron. 4, 94;
got wöl, das ichs volendt!
Hans Sachs 6, 26 K.;
wolle gott nicht, dasz ich je meinen erstgebohrnen hasse maler Müller w. (1811) 1, 55. variiert:
der himmel wolle, dasz ich falsch gesehn!
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 116.
mit anaphorisch auf den dasz-satz hinweisendem pron.: des wölle got nicht, das ich dich gen lasse Arigo decamerone 83 K.; das wöll gott niemmer, dasz ich ... Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 166;
das wolle gott nicht, dasz wir, an uns selbst
verzweifelnd, diesem reich den rücken wenden
Schiller 13, 204 G. (jungfrau v. Orleans 1, 5).
ohne nachsatz mit bloszem akk. des neutralen demonstrativpron. synonym mit 'gott behüte', s. Kramer dict. 2 (1702) 1387ᵇ; Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) d 1ᵇ. im konj. prät. für erfüllbaren und auch für unerfüllbaren wunsch (irreal): wölte got, das ... utinam Calepinus XI ling. (1598) 1575ᵃ; o das got wölt, das ... o pro utinam Frisius dict. (1556) 889ᵃ; wolte got piaccia à dio Hulsius (1618) 279ᵃ. mhd.:
wolt et got, wan wær daz wâr!
Wolfram v. Eschenbach Parz. 149, 11.
nhd.: o wolt got, das wir ... den Türcken underthenig weren Hutten op. 1, 389 B.;
o wollte gott, dasz wir um beszrer ursach
uns hier beisammen fänden!
Tieck schr. (1828) 1, 72.
häufiger mit konjunktionslosem objektsatz: o Phedria, wolt got, du möchtest ... etwas überkommen Boltz Terenz (1539) 35ᵇ; wölt gott, sie (die trinker) verderbeten nur den wein und nit sich selbst Ambach vom zusauffen (1544) e 2ᵃ; wolte gott ..., dieser unmensch hätte nur ihr leben, nicht aber ihre tugend auszuleschen sich bemühet Lohenstein Arminius (1689) 1, 11ᵇ; wollte gott! sie blieben unerkannt bei mir! Gellert s. schr. (1839) 4, 215; wollte gott! die ... miszbräuche würden abgestellt allg. dtsche bibl. (1765) 1, 1, 213; wollte gott du hättest die ... schurken erschlagen Göthe I 43, 107 W.;
wett got er (amtmann Reding) wär verbrunnen!
Schweizer volksl. 2, 36 Tobler;
wolt got ich solt heint bey ir sein
Forster frische t. liedl. 156 ndr.; 126;
wolte got, dein gantzes leben
wäre nichts als sicherheit
Simon Dach 659 Ö.
variiert: wollte der himmel, es gäbe viele solche in unserer stadt! Göthe I 43, 47 W.; Schröder dram. w. (1831) 1, 5.
b)
in der älteren urkundensprache ich will, wir wollen, dasz ... es ist mein (unser) wille, befehl: und ob das wer, das ..., wellen wir, das derselbe gülte ... bei dem ampt beleibe (a. 1354) Lori bergrecht 15; (wir) setzen, ordnen und wöllen, dasz nun hinfür ein jeder ... Sattler phraseologey (1658) 327; darnach mache ich, secze, schaffe und wille, dasz Sirischo ... sey unser auszgeber und einnämer unsers schaczes Arigo decam. 14 K.; wir ... setzen und wellen darauff, das sie sich derselbigen privilegien ... gebrauchen sollen (a. 1504) lehnsurk. ... Schlesiens 2, 163; dardurch (mit diesem freiheitsbrief) wir wellend und vestigklich gebietend, dasz ... Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 52; erstlich setzen, ordnen und wollen wir, das alle ... gericht mit richtern ... besetzt werden sollen Carolina § 1, s. 7 K.-Sch.
c)
wollen nähert sich öfters der bedeutung 'behaupten', 'glauben'. es liegt hierbei eine elliptische ausdrucksweise vor: der inf., dem durch wollen potentiale färbung gegeben werden sollte (s. o. sp. 1342 unter γγ), ist sprachlich nicht ausgedrückt worden.
α)
mit abhängigem satz:
sî wellent daz sî (die wunde) langer swer,
dan von swerte ode von sper
Hartmann v. Aue Iwein 1549; 1554; 3309;
si wellent daz daz iht witze sîn,
swer rôtez golt under diu swîn
werfe und edel gesteine
Wirnt v. Grafenberg Wigalois v. 75 K.;
(da schon ein blick von ihr glücklich macht,)
wie welt ir danne daz der var,
dem ander liep von ir geschiht?
Walther v. d. Vogelweide 92, 35.
nhd.: man wil, hettent suͦ in (den ammanmeister) funden, es were ime ubel ergangen städtechron. 8, 129; 62; 63; Luther will ye, Christus hab auch mesz gethan J. Dietenberger miszbrauch d. mesz (1526) b 2; Galenus will sambt Plinio, wie dasz gehenck und kutteln im affen wie in dem menschen gelegen (seien) Herold-Forer C. Gesners thierb. (1563) 1; zu der zeit wollen etliche, das die Schulenburgen seind ins land komen Ch. Entzelt altmärk. chron. (1579) 167 B.; der doktor will, er sei im umkehren — das leben eines alten ist doch eine ewigkeit! Schiller 2, 57 G. (räuber 2, 1).
β)
im vergleich- und konditionalsatz: sy sprechen ... nach dem als wil Tertulianius, aber die andern sprechen, das ... erste dtsche bibel 2, 2 (vorr.) Kurrelmeyer; (Konstantinus IV. hat) eyn ... concilium ... mit hundert und fünfftzig oder, als etliche wöllen, zweyhundert und neun und achtzig bischoffen versammlet M. Herr feldbau (1551) 4ᵃ; Fischart Garg. 19 ndr.; sol vor zeyten (als etlich wöllen) die Heilig Ow genent seyn worden Stumpf Schweizerchron. (1606) 444ᵇ; Calepinus XI ling. (1598) 941ᵇ s. v. nepeta; ich bin wenn sie (anrede) wollen, der erste zu behaupten, dasz ... Gerstenberg schleswig. lit.-br. 125 lit.-denkm.; sie hatte ... ihren schönen tag, oder wenn ihr wollt, ihre schöne stunde Göthe I 25, 157 W.; 23, 164; 24, 20; IV 16, 84.
B.
wollen bei nicht persönlichem und nicht persönlich empfundenem subjekt. die grenze zwischen persönlich und nicht persönlich gefühltem subjekt ist schwer zu ziehen. persönlich mag z. b. Otfrid herza (II 11, 66), muat (II 16, 1), maht (V 24, 9) als subjekt bei wollen empfunden haben, sicher geschah dies mhd. bei vielen abstrakten und konkreten, nicht nur bei den geläufigen personifikationen von minne, êre u. ä., vgl.:
swes munt mich triegen wil, der habe sîn lachen dâ
Walther v. d. Vogelweide 30, 17;
diu unkünde (das nichtwissen)
sî wil daz ein geselle
den anderen velle
Hartmann v. Aue Iwein 7059.
auch nhd. liegt häufig bildliche ausdrucksweise vor, wo wollen bei nichtpersönlichem subjekt steht, z. b. mein diemütigkeit ein söliches ze thuͦn nitt hat vertragen wollen Arigo decamerone 99 K.; der hochmut des pabst Paschalis und der bischoffen wolten den todten lichnam ... nit ruwen lassen Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 48; (ein) vorschlag, dem zeit und umstände ... nicht haben zulächeln wollen J. M. R. Lenz ges. schr. 2, 318 T.; die reformation wollte den menschen von dem bilde zu gott selbst erheben Solger nachgel. schr. (1826) 1, 41; die nachfolgende dichtung will ... warnen, will ermuntern Gutzkow zauberer von Rom (1858) 1, einl. 6. besonders deutlich ist die bildliche ausdrucksweise in folgendem belege:
so wiltu dennoch jetzt ausz meinen händen scheiden,
du kleines buch
Opitz teutsche poem. 20 ndr.
aber wollen bindet sich darüber hinaus auch mit nichtpersönlich gefühltem subjekt, und mit unpersönlichem es. Otfrid bietet hierfür die ersten belege. bildlich mag vielleicht gemeint sein:
nist burg, thaz sih giberge, thiu stentit ufan berge
in hohemo nolle, thoh siz gerno uuolle
II 17, 14,
aber kaum mehr
thaz uuir firnemen alle uuaz thiu racha uuolle
joh uuaz siu hiar bizeine inti uns zi frumu meine
V 12, 53.
bei nicht persönlich gefühltem subjekt ist wollen meist auxiliar und gibt dem inf. ingressive, futurische bedeutung oder umschreibt den potential. wo es eigene bedeutung behält, nähert diese sich der von 'müssen, sollen, dürfen, brauchen'.
1)
wollen mit inf. diese bindung überwiegt auch bei impersonalem subjekt den gebrauch von wollen ohne inf. weitaus.
a)
als vollverbum in der bedeutung 'verlangen', 'die tendenz haben', 'müssen': übelthun will kein feyertag haben Arigo decamerone 161 K.; der christmont wil warm speisz han betbüchlein (1518) 5ᵃ; hôst, bôlschap, vür unde smerte wil nicht vorborgen syn Tunnicius sprichw. 1319 H.; guͦt ding wil weile haben klugreden (1548) 76ᵃ; der todt wil ein ursach haben ebda 14ᵃ; alle ding wollen ein anfang han Eyering prov. copia (1601) 1, 12; gute tag wollen starcke beine haben Lehman floril. polit. (1662) 3, 131; alles will bleiben, was es ist, und stellet sich wieder her Herder 22, 65 S. mit pass. inf. für 'müssen'. 'sollen': so befinden ... die fürsten und stende, das ihrer kays. mayt. dieses will eingebildet werden, das ... acta publica 1, 248 P.; gewisse züge (malerische melismen in liedern) wollen ... sparsam genutzt werden Gerstenberg recensionen 41 lit.-denkm.; die poesie will ... als strenge kunst getrieben werden Novalis schr. 4, 168 M. mit inf. perf. in der bedeutung 'müssen', 'sollen', mit negation 'dürfen', 'können'. mhd.:
die heiligen gotes wort
wollen in allen stunden
nindert sin gebunden
passional 28, 47 K.
nhd.: die schuld wil heut bezalt sein diescedit Er. Alberus dict. (1540) L4ᵇ; ehr wil geehrt sein klugreden (1548) 159ᵃ; leynwat soll fünfftzig eln an leng habenn, will es anders ein gantz tuͦch genandt seyn teutscher nation nodturfft (1523) d 2ᵇ; ihre zarte natur nit wil uberladen seyn Lorichius pädag. princ. (1595) 9; (so) hab ich mich ... der ... audacia ioculari müssen gebrauchen, ... es hat sonst das spiel ungestochen nicht wöllen erhalten seyn Fischart Eulensp. 18 H.; ein jonisches ohr will nicht nur ergözt, es will bezaubert seyn Wieland Agathon (1766) 1, 47; Shakespear will studiert, nicht geplündert seyn Lessing 10, 95 L.-M.; (die kunst) will gelernt ... sein Göthe I 21, 109 W.; 25, 215; das schicksal ... will still erwartet sein Immermann w. 1, 83 B.; jeder bissen will erworben sein Holtei erzähl. schr. (1861) 1, 407;
ein guter wein
wil ja getrunken sein
Stieler geharnschte Venus 150 ndr.;
das glück will seyn gesucht
mit urteil und verstand
Rachel satyr. ged. 30 ndr.;
so was
will ausgeführt seyn wies erfunden ist
Lessing 3, 84 L.-M. (Nathan 3, 4);
solch gut will schwer errungen sein
Th. Körner w. 1. 137 H.
b)
wollen als auxiliar.
α)
wollen gibt dem inf. ingressive aktionsart:
dô die burgære sâhen
daz in helfe wolde nâhen
Wolfram v. Eschenbach Parz. 354, 23;
sît daz uns wil vröude nâhen,
sô süln wir mit vröuden singen
Gotfrid v. Neifen, s. minnesinger 1, 42 v. d. H.
nhd.: dasz hausz wil einfallen domus minatur ruinam nomenclator (1634) 438; das schiff will sincken la nave stà per ò pericola di affondarsi Kramer dict. 2 (1702) 1386c; Vlenspiegellacht und gedacht, das spil wil sich recht stellen Eulenspiegel 12 ndr.; siedet man sie (die fische) mit wasser, so musz man sie letzlich, wann sie einsieden wollen, mit weinessig abschrecken fischbüchlein (ca 1660) 12; wann aber das fasz fast voll will werden, ... Sebiz feldbau (1579) 134; darbey zue mercken ..., das doch deswegen (wegen des geldes) striett ... sich erregen wihl acta publ. 1, 46 P.; der rauch ... gehet vorher, wenn ein fewr brennen wil Jesus Syrach 22, 30; so in (das eichhörnchen) die sonn zuͦ heisz anscheynen wil im summer, braucht er seinen schwantz als ein obtach Herold-Forer C. Gesners thierb. (1563) 13ᵃ; ein nasser summer will werden Mathesius Sarepta (1571) 23ᵇ; desz morgens siehet man, ob der tag schön wil werden Lehman floril. polit. (1662) 1, 23; ich kam eben hin, als der marck am grösten wolte werden Grimmelshausen 2, 369 Keller; in dem mittelpunkt der österreichischen lande will sich ein gefährlicher aufruhr entzünden Schiller 8, 202 G.; dort wollten ihm die knie versagen Göthe I 24, 160 W.; fast wollte seine geduld reiszen, als ... 21, 266 W.; das wetter will umschlagen J. V. v. Scheffel ges. w. (1907) 2, 157;
mein hertz wil mir versincken
Forster frische t. liedl. 11 ndr.; 25; 44; 45; 152;
darob fürst Hector sich entsetzt,
die schenckel wolten werden schwach
Spreng Ilias (1610) 88ᵇ; 15ᵃ;
ich neigte mich zur erden,
so gar, dasz mir zu eng die hosen wolten werden
Rachel satyr. ged. 88 ndr.
mit unpersönlichem es als subj., schon mhd.:
diu naht was ergangen: man seite ez wolde tagen
Nibelungenlied 980, 1 Lachmann;
ir sehet wol, edel knehte, wie ez umb uns wil gân
ebda 1867, 2; 2190, 4.
nhd.: es wil regnen coelum minatur pluviam nomenclator (1634) 31; imbres impendent 32; bleib bey uns, denn es wil abend werden (quoniam advesperascit) Luc. 24, 29; ein gesüchtiger krancker ... weisz, wann es schneyen oder regnen will Paracelsus op. (1616) 2, 457 H.; wo ich hin komme, da ist es guͦt gwesen oder wil bald bösz werden klugreden (1548) 88ᵃ; o gott ... es will mir als ohnmechtig werden Amadis 1, 389 lit. ver.; sie zogen sich zurück und sagten 'hier wills ernst werden' Göthe I 43, 236 W.
β)
aus der ingressiven entwickelt sich die futurische funktion von wollen (s. o. und Behaghel syntax 2, 256 mit literaturangaben). mhd. in weitem umfange, z. b.:
dîn (der welt) jâmertac wil schiere komen
Walther v. d. Vogelweide 67, 17;
sô sol ich lâzen kiesen, daz die hende mîn
wellent vil gewaltic hie zen Burgonden sîn
Nibelungenlied 121, 4 Lachmann.
nhd.: wen wil des tzorns ein end sein, hymlischer vater? Luther 6, 241 W.; das königreich wil noch sein werden 1. Sam. 18, 8; was meinestu, wil aus dem kindlin werden? (quis putas puer iste erit?) Luc. 1, 66; zur futurbildung mit wollen bei Luther s. Franke² 2, 364; 3, 210 ff. es schwingt bisweilen ein potentialer, in der frageform (z. b. in obigem beleg Luc. 1, 66) ein deliberativer nebensinn mit, so auch in folgendem belege:
o Teutschland, wie wil es dir ergehen?
Rist friedewünsch. Teutschland (1648) 52.
rein futurisch ist die bedeutung in sprichwörtern: er würt zeitlich krumm, was ein hack wil werden klugreden (1548) 366; hart anhalten wil zuletzt etwas zu wegen bringen Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) x 1ᵇ und in festen redewendungen:
wie ists? wills fördern? wills bald gehn?
Göthe I 14, 150 W. (Faust 3025).
γ)
wollen gibt dem inf. potentiale färbung.
aa)
wollen in deliberativen fragen; was will das sagen, bedeuten? Kramer dict. 2 (1702) 1387ᶜ: erbarm es got das ein ungelerter ... munch das gantz römisch reich regieren sol, wie will unss immer hayl geschähen? Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 11 ndr.;
o gott, wie will mir nur geschehen,
wan ich auch ietz nit mehr kan gehen!
Endinger judenspiel 49 ndr.;
was wil noch darausz werden?
Forster frische t. liedl. 19 ndr.;
herausz du lümmel! fort! was guts wil ausz dir werden?
Rachel satyr. ged. 47 ndr.;
ach! wie will die welt bestehen,
wenn ...
B. Neukirch ged. (1744) 65;
ach, was will das helfen, mischt die liebe
nicht ein tröpfchen ihres balsams drunter?
Göthe I 2, 92 W.
redensartlich: was will das heiszen? Schiller 12, 22 G.; Göthe I 43, 321 W.; IV 27, 52 W. stärker wird die potentialität (irrealität) betont, wenn wollen im konj. prät. steht: wie wolt nit unglück zuͦ solchen unbillichen sachen schlahen! Hieron. Gebweiler lob Marie (1523) 35ᵇ; wie wolt da ein fewr angehen, da nicht ein füncklein zu finden Lehman floril. polit. (1662) 1, 170.
bb)
im vordersatz eines hypothetischen gefüges:
wan sol iemer frâgen
von dem man, wiez umb sîn herze stê.
swen des wil betrâgen,
der enruochet wie diu zît zergê
Walther v. d. Vogelweide 103, 8;
wilz iu niht versmâhen, sô wil ichz iuch lêren
35, 31;
wellen dich die suppen zuͦ hert ankommen ..., so bruch die spetzerey und würtzen Keisersberg bilgersch. (1512) 18ᵃ;
will hier und da noch was gebrechen,
wollen wirs ein andermal besprechen
Göthe I 16, 152 W.
cc)
in der vorsichtig zweifelnden oder höflich-bescheidenen behauptung (oft mit ingressiv-futurischem nebensinn):
diu liebe und diu leide
wellen mich beide
fürdern hin ze grabe
Heinr. v. Morungen, s. minnesangs frühling 129, 34.
nhd.: und will dieses um so viel nöthiger seyn, da periculum in mora ist Heynatz antibarb. (1796) 2, 649; dat gewitter wil wol kômen Schambach Göttingen 303; dahin wollte es fast kommen, dasz ... E. M. Arndt schr. für u. an s. l. Dtschen (1845) 2, 65. besonders in redensartlichen wendungen wie es will von nöten sein, will gebühren, will mir scheinen, will mich bedünken u. ä.: wiewol ... gott selbs über sie erzörnet ist, so wil doch ... gebüren, sie meinenthalben anred und rach nit zuͦ erlassen Hutten op. 1, 416 B.; es will uns unsere fähl mit ander leuten lastern zu beschönen nicht wol gebüren Scheit Grobianus 4 ndr.; Creizenach schausp. engl. com. 19, 11; Grimmelshausen 2, 338 Keller;
darumb will es gebüren sich,
das wir ihm helffen ausz der not
Spreng Ilias (1610) 61ᵃ;
so will mich jetzt geduncken zeit
das unser kampff werd eingestellt
ebda 89ᵃ;
ich sehe helden, dasz michs will gemahnen,
als säh ich meinen alten Ziethen reiten
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 13;
mir will scheinen, dasz ... Göthe I 24, 125 W.; 6, 33 W.; wunderlich wollt es ihm nun ... bedüncken, als ... E. T. A. Hoffmann s. w. 10, 9 Gr.; es will von nöten sein: (Spalatinus:) sie sollen euch guͦten bescheid geben. (Martinus:) es wil von nöten sein Vogelgesang-Cochläus J. Huss 15 ndr.; acta publica 1, 53 P.;
nun will es hoch von nöten sein,
das du gar wol fürsehest dich
Spreng Ilias (1610) 56ᵇ; 97ᵇ.
es will gehen: ich will suchen, sie (die musik), so gut es immer gehen will, zu hören Göthe IV 19, 18 W.; IV 33, 239 W.; sehr verblaszt ist der potential in redensarten wie das will sagen 'das heiszt': siloe: daz wil sagen gesant (quod interpretatur missus; Luther: das ist verdolmetscht, gesand) Joh. 9, 7 erste dtsche bibel; emanuel das wil sagen gott mit uns Matth. 1, 23 erste dtsche bibel; ich hab mich im hotel Brandenburg einquartiert, will sagen an alter stelle Fontane ges. w. (1905) I 5, 153; 152. das will viel sagen, bedeutet viel: O. Ludwig ges. schr. (1891) 1, 155; es will schon etwas heiszen ... seine aufmerksamkeit auf sich zu ziehen Göthe I 23, 214 W.; sie (die bücher) wollen nicht viel sagen F. M. Klinger w. (1809) 3, 40. ind. prät.: er schob in eine ... stube, was sich von tischen im hause ... nur finden wollte Göthe I 21, 36 W.; im winter ... muszten sie ... kämme machen, was das zeug halten wollte G. Keller ges. w. 4 (1892) 216.
dd)
im hypothetischen gefüge und in indirekter rede konj. prät. wollte(n) für 'würde(n), sollte(n)': von den ... untrewen, so die bäpst ... bewisen, grundtlich zuͦ sagen, wolt lange zeyt nemen Hutten op. 5, 382 B.; solten sie das kapitulum auff den predigstul bringen, so wolt es mehr mühe kosten Bugenhagen Braunschweiger kirchenordn. (1531) a 3; n 1; so in denselbigen (relationen) ... undienstliche allegationes ... wolten gebraucht werden, ... gerichtsordn. Friedr. pfaltzgraven bey Rhein (1573) 10; er (Heinrich Finckler) bracht die bösen Bayern und kyfenden Sachssen zusamen ob fride wolte werden, es half aber was es mochte Ch. Entzelt altmärk. chron. (1579) 202 B.; man wird das feuer zuschüren, wenns ja verlöschen wollte Iffland theatr. w. (1827) 1, 52;
(Jupiter) thet schawen auff die erden rund,
wie es wolt zugehn in der schlacht
Spreng Ilias (1610) 94ᵃ.
ee)
besonders häufig ist die potentialumschreibung durch wollen in sätzen mit negation: in aversa charta scribere ... schreyben ... auff das rauch teil da die dinten nit lassen wil Frisius dict. (1556) 139ᵇ; repugnantia cicatrici ulcera die nit wöllend zuͦwachsen ebda 1397ᵃ; die ... reiterey ... thäte ... schaden, weil ... der Catten ... höltzerne schilde nicht den stich halten wolten Lohenstein Arminius (1689) 1, 38ᵃ; die wurzeln (der kranken zähne) wollten nicht mehr in ihren einfassungen bleiben Göthe I 43, 359 W.; IV 27, 119; ich quälte mich ... lange mit einer wunde, die nicht heilen wollte Göthe I 24, 53 W.; ihr (der bauern) zuströmen wollte kein ende nehmen M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 2, 127;
die füsz ihn nit mehr wolten tragen
Spreng Ilias (1610) 176ᵃ;
speis und tranck wil ihm nicht schmäkken
Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch s. reimget. (1647) 196;
die rede wil mir gantz nicht flieszen
Simon Dach 448 Ö.;
etwas will mir nicht gefallen: die melodie ... hat uns nicht gefallen wollen Gerstenberg recensionen 230 lit.-denkm.; könig Saul (figur des puppentheaters) wollte Marianen gar nicht gefallen Göthe I 21, 14 W.;
es sygind vil under üch allen,
denen diser schimpff nit wöll gfallen
H. R. Manuel weinspiel v. 1932 ndr.;
das ist es, was mir nicht gefallen will
Schiller 13, 175 G. (jungfrau v. Orleans, prolog 2);
weil aber ich kein stimm hört schallen,
wollt mir das ding nicht recht gefallen
Cl. Brentano ges. schr. (1852) 2, 16;
das will mir nicht ganz gefallen, dasz ... E. T. A. Hoffmann s. w. 14, 159 Gr. es will nicht sein, gehen, gelingen u. ä.: es wil sich ynn keinen weg leiden, das ... Luther 26, 484 W.; ehe ich aber zum vorhaben schreitte, will nit aus dem weg sein, zuvor was wenigs von khaiser Friderico vorlauffen zu lassen Brandis landeshauptleute von Tirol 16; gott, du hast ... mich mit dieser ... kranckheit heimgesucht ... und will daran kein ende sein J. Quirsfeld geistl. creutzhöle (1717) 84; wo dieses sprüchelchen steht, will mir nicht gleich beyfallen Lessing 10, 83 L.-M.; kindlein, liebt euch, und wenn das nicht gehen will, laszt wenigstens einander gelten Göthe IV 27, 220 W.; mir will nun nicht mehr wohl werden als in meinem hause IV 31, 161 W.; diese menschenrace ... begreift nicht warum es mit ihr nicht rucken will IV 27, 52 W.; (es) will nicht viel bedeuten Immermann w. 1, 9 B.;
so sichs (das lügen) nit will reimen wol,
ie nach zwey worten huͦst einmal
Scheit Grobianus v. 313 ndr.;
kurtzumb es wolt nit gan von statt
H. R. Manuel weinspiel v. 3029 ndr.;
aber es wolt ihm nicht gelingen
Spreng Ilias (1610) 37ᵃ;
zu erklären solchen streit
will ein gleichnisz nicht genügen
Müllner dram. w. (1828) 2, 46.
2)
wollen bei unpersönlichem subjekt ohne inf.
a)
der inf. fehlt sehr oft im hauptsatz in elliptischen redewendungen, z. b. wie wills, mein goldschatz? (wie will es gehen?) Weise grünende jugend 241 ndr.; wils wol, so wirst bald voll Lehman floril. polit. (1662) 3, 476. das will (scil. bedeuten, heiszen): einem stillen ... geist ist balde gesagt, das die wort Luce auff deudsch so viel wollen: dieser becher ist ein newe testament Luther 26, 465 W.; Seb. Franck sprichw. (1541) 1, 109ᵇ. mit akk.:
was wöllen dise deine waffen?
Spreng Ilias (1610) 125ᵇ;
Hatem! sich mir ins auge!
den schencken, den eilfer
lasz sie fahren! diese küsse sie sind von heute,
was will der eilfer!
Göthe in: Göthejahrb. 11, 6.
mit akk. der sache und dat. der person entsprechend der konstruktion von lat. velle bei den übersetzern des 15. jh.: so ... euwer süne fragend ... was wellent im (Zainerbibel richtig in) dise steine, antwurttent in ... dise stein (sind gesetzt) zuͦ einer manung Jos. 4, 6 erste dtsche bibel (vulg.: quid sibi volunt isti lapides; Luther: was thun dise steine da?); aber do sie ... begeret czu wissen, was im das wölt, do sprach der herre zu ir ... d. buch geistl. gnaden (1503) 75ᵃ. noch in der neueren sprache:
o weh! was will mir das!
Göthe I 16, 25 W.
b)
ellipse des inf. ist wie bei persönl. subjekt auch bei unpersönlichem häufig in (verallgemeinernden) nebensätzen. den inf. ergänzt der hörer aus dem satzzusammenhang, z. b. mhd.: swenne daz antlütze geworfen wirt für den spiegel. sô muoz daz antlütze darinne erbildet werden, ez welle oder enwelle meister Eckhart in: dtsche mystiker 2, 68, 19 Pf. nhd.: es geschehe was will u. ä.: es begegne mir gleich ... was immer wölle Amadis 14 lit. ver.; es treffe mich, was da wolle F. M. Klinger w. (1809) 4, 77; mag geschehen was will Göthe IV 29, 41 W.; es möge daraus folgen was da wolle Ranke s. w. (1867) 2, 13; mag kommen, was will G. Hauptmann d. weber (1892) 42. wo ein transitives verbum zu ergänzen ist, kann zu wollen ein akk. treten; typus es koste was es will: es koste gleych was es wölle Frisius dict. (1556) 1055ᵇ s. v. quoquo; es kostete was es wolt Fortunatus (1509) 17 ndr.; Göthe I 44, 2, 29 W.; IV 13, 305 W. im komparativsatz: es sei nuͦn gleich zuͦgangen wie es wöll Er. Alberus dict. (1540) o 2ᵇ; es gange wie es wölle Frisius dict. (1556) 168 s. v. cado; es sey auch wie es wolle qualiscunque B. Faber thes. (1587) 668ᵇ; es geschehe gleych in welcher gestalt es wöll Hutten op. 1, 407 B.; es gehe wie es wolle, so heist es, bawer lang herausz Lehman floril. polit. (1662) 1, 57; es ende sich wie es wolle Schröder dram. w. (1831) 1, 4; es mag ... sein wie es will Göthe I 21, 50 W.; mags aussehen wies will Schiller 3, 358 G.; Dahlmann gesch. d. franz. revol. (1845) 23;
es gesche wie es wöll
S. Brant narrenschiff 2 var. Z.;
die welt sey wie sie wil, ...
Fr. v. Logau s. sinnged. 161 E.
mit dat.: doch sey im wie im wölle Arigo decam. 81 K.; nun sey dem wie im wölle, so ist doch gläublicher ... Herold-Forer C. Gesners thierbuch (1563) 16ᵇ; dem sey, wie ihm wolle Chr. Weise polit. redner (1677) 152; Lessing 8, 30 L.-M.; Göthe IV 1, 192 W.; 32, 67; Pfeffel pros. vers. (1810) 7, 18; Cl. Brentano ges. schr. (1852) 6, 428 anm.; Holtei erzähl. schr. (1861) 1, 7; in keiner sach, sie sey als gering als sie immer wölle d. keyserl. majestat cammergerichtsordn. (1555) 17ᵇ; ein bösz ding nimpt ... bösen auszgang, es were so lang als es wölle Petri d. Dtschen weiszheit (1605) 2, S 8ᵃ; ein leben, es sei wie gut es wolle, so weret es eine kleine zeit (a. 1615) Flaskamp hausinschr. d. stadt Wiedenbrück 48. wann, wo es will: der wind wejet, wo er will Zwingli dtsche schr. (1828) 1, 232 Sch.-Sch.
c)
wollen mit richtungsadverb oder adverbialer bestimmung. ein verbum der bewegung läszt sich meist leicht ergänzen, s. mhd. wb. 3, 660ᵃ und oben A 2 c. nhd.: sy (die schiffe) werdent umbtragen von eim lützelen ruͦder, dohin die gech des richtenden wil ep. Jac. 3, 4 erste dtsche bibel (vulg.: ubi impetus dirigentis voluerit; Luther: wo der hin wil, der es regiert). redensartlich wo will das hinaus? was soll, bedeutet das? s. Er. Alberus dict. (1540) Cc 3ᵃ; Frisius dict. (1556) 16ᵃ s. v. accido: Petrus aber folgete im ... auff das ers sehe wo es hinaus wolte Matth. 26, 58 (Zürcherbibel 1531: wölle); wo wöllen die red hinausz? Eberlin s. schr. 1, 57 ndr.; will doch nur sehen, wo das all hinaus will maler Müller w. (1811) 1, 143; Jung-Stilling s. schr. (1835) 3, 215; Göthe IV 35, 53 W.; ich weisz ... worauf das alles hinaus will Fontane ges. w. (1905) I 5, 160. das will mir nicht ein, das begreife ich nicht: wil euch diser schlusz nicht ein? Grob dichter. versuchgabe (1678) 44; Lessing 3, 137. L.-M. es will nicht fort, vorwärtsgehen: mit der orthographie wills nicht fort Göthe IV 1, 112 W.; es will nicht recht mit mir fort IV 5, 45 W.; 20, 23; die füsze wollen nicht nach (scilicet: kommen) Nestroy ges. w. (1890) 1, 115. mit präp.-ausdruck. mhd.:
iwer leben wil in den tôt
Wolfram v. Eschenbach Parz. 557, 10; 706, 20.
nhd.: es wolt an galgen mit im (Polycrates) Er. Alberus dict. (1540) i 4ᵇ; die sach (die geburt) nicht von statt wolte Wirsung artzneybuch (1588) 555ᵇ; wann ein fraw in groszen kindsnötten ist unnd es nicht von ihr will Gäbelkover artzneybuch (1595) 2, 45; so bald er merckt, dasz das fieber an ihn will ebda 2, 155; der wagen will nicht von der stelle Miller pred. fürs landvolk (1776) 1, 5; ârt enwil van ârde nicht Tunnicius sprichw. nr. 1291 H.; überhaupt will mir das blosze zählen der verhältnisse ... wenig zu sinn Herder 22, 66 S.; Stifter s. w. 3 (1911) 281; es will mir nicht zu kopf, dasz ... Schiller 3, 399 G.; Göthe IV 17, 240 W.; etwas ..., was ihm immer über die zunge wollte O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 331. redensartlich: das fatale rechnen wollte ... mir gar nicht mehr von der hand Eichendorff s. w. (1864) 3, 18.
d)
wollen mit akk. 'verlangen, begehren'. persönlich gefühlt ist das subjekt in belegen wie vom bäumlein, das andere blätter hat gewollt Rückert ges. poet. w. (1867) 3, 5; so hat es die natur gewollt Göthe I 25, 179 W. die bildkraft ist aber verblaszt in belegen wie:
die stunde drängt und eile will die flucht
Uhland ged. (1898) 1, 365;
schuld will sühne
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 140;
(Ventidius:) wann darf Quintilius jetzt die Lippe überschreiten?
(Hermann:) wann es sein vorteil will
H. v. Kleist w. 2, 344 Schm.
wollen kommt in dieser bindung oft der bedeutung 'brauchen' nahe: alles was kunst ist, will übung Herder 22, 106 S.; die kräfte meines herzens wollen raum F. M. Klinger w. (1809) 3, 15; ein verzweifeltes übel will eine verwegene arznei Schiller 3, 114 G.; zu einem spizbuben wills grüz ders. 2, 82 G.; es will nichts als muth ebda 2, 39. weitere belege aus Schillers jugendschriften in Gödekes wörterverzeichnis 5, 1 cxcviif.
e)
wollen mit abhängigem satz in der bedeutung 'verlangen': nun wille das recht, das ein iglich persone die do übels ursache ist der pein ... verfallen ist Arigo decamerone 208 K.; die politik wolle, dasz ... F. M. Klinger w. (1809) 3, 73. redensartlich das glück, der zufall wollte, dasz ...: das glück wollte, dasz ... Lucas Cranach zu Wittenberg wohnung nahm Ranke s. w. (1867) 2, 59; das unglück wollte, dasz er ... nicht zu hause war Eichendorff s. w. (1864) 2, 230; da will der zufall, dasz ... G. Freytag ges. w. 14 (1887) 29.
C.
in zweigliedrigen formeln mit und ohne inf. fast immer bei persönlichem oder persönlich empfundenem subjekt. 1) sollen und wollen. mhd. belege s. mhd. wb. 3, 659ᵃ, z. b.:
ich sol unde wil
gedienen immer mêre,
daz ...
Hartmann v. Aue Iwein 4788.
häufig in der urkundensprache: wir wollen und sullen yeden man lazzen ... in seinen wirden als wir in vinden (a. 1356) lehnsurk. Schlesiens 1, 505; dagegen wir ... zu thun erbötig und geflieszen sein sollen und wollen acta publica 1, 84 P.; die burgermaister ... der stat zuͦ Auspurg ... tuͦn kunt, daz wir ... hern Karln, römischem kaiser ... verbunden und verpflichtet sin wellen und süllen (15. jh.) dtsche städtechron. 4, 41; 42; 159; personen ... die wir ... jederzeit zu setzen macht haben sollen und wöllen hovegerichtsordn. Fridr. pfalntzgr. bey Rhein (1573) 2. bei nicht persönlichem subjekt der bedeutung 'müssen' nahe: die ... artickel des glawbens sollen und wollen alleyn durch gotlich schrifft gegründt ... werden Luther 8, 484 W. 2) wollen und können: (die jungen enten) lassen die hennen ... am ufer schreyen ... wie lange sie immer wil und kan viehbüchlein (1667) 113; wollen und können sie mich ... aus einer augenblicklichen verlegenheit reiszen, so thun sie es Mozart bei O. Jahn Mozart 3, 493; wir, die wir den glauben ... weder brauchen wollten noch konnten F. M. Klinger w. (1809) 3, vorr. 8; (so) fing ich an ... mein geistiges wesen, wie es konnte und wollte, für sich walten zu lassen Göthe IV 37, 7 W.; mögen sich ... jene ... geltent machen, wo sie wollen und können Holtei vierzig jahre (1843) 1, 2. 3) wollen und mögen: der zorn wil und mag kein verzug haben moram non capit ira Frisius dict. (1556) 184ᵇ s. v. capio; schreibe mir ... was du gerne willst und magst Göthe IV 29, 88 W.; 24, 106 W. 4) wollen und müssen:
beide ich wil und muoz sî wern
Hartmann v. Aue Iwein 7713
ich wil und musz dein eygen sein
Forster frische t. liedl. 40 ndr.
5) wollen und dürfen: lehrbücher, mit denen ich nichts gemein haben darf noch will Gerstenberg schleswig. lit.-br. 226 lit.-denkm. 6) in alliterierender formel: ohne zu wissen und zu wollen O. Ludwig ges. schr. (1891) 5, 466. pleonastisch wollen und wünschen: so entschieden wurde damals verkannt, was man wollte und wünschte Göthe II 6, 167 W.;
was sein hertze wündscht und wil,
das wird gott mit gutem willen
schon zu rechter zeit erfüllen
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 3, 367ᵇ.
D.
das part. präs. wollend (wollende volens Diefenbach gl. 682ᵇ) wird als adj. und subst. in älterer und neuerer sprache gebraucht, ist aber in dieser funktion nie sehr sprachüblich geworden.
1)
die verbale natur bleibt deutlich, wo zu wollend noch der inf. oder eine richtungskonstruktion tritt, z. b.: der do schlecht einen menschen wellent in derschlachen, der sterb des tods exod. 21, 12 erste dtsche bibel nach vulg. volens occidere; Lucifer ... wollend ... als ein eigener gott über ... allen herrschen Jac. Böhme mysterium magnum (1682) 44; gott ... und ihrem fleisch zugleich dienen wollende menschen Chr. Aug. Crusius moraltheol. (1772) 1, 795; der feiner seyn wollende theil der heyden ebda 859; ein seyn wollendes original Herder 3, 67 S.; ein nicht enden wollender beifall Storm s. w. (1898) 4, 201;
ich strebte einst, mit kraft das schicksal zu bestreiten,
selbst gründen wollend mein geschick
Schiller 11, 375 G.
mit ellipse des inf.: der in den tempel wollende adel Lohenstein Arminius (1689) 2, 876ᵃ. mit akk.: die sich selbst wollende gebärung aller creatur Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 390; nichts übertriebenes wollend, aber viel und vielerlei wollend Göthe I 20, 15 W.
2)
der adj.-funktion steht wollend näher, wo es ohne inf., akk. oder richtungskonstruktion gebraucht ist: der ewig will, der in got ursprünglich und wesenlich ist, ... der selb will ist in dem menschen oder in der creatur wurcklich und wollende theol. deutsch 93 M.; (weil gott die sündhaftigkeit der menschen voraus sah,) daruth volget, dat godt ein willende orsake der sünden were Rotmann restitution 67 ndr.; mein denkendes ich ist im kopf, mein empfindsames, begehrendes, wollendes oder moralisches ich im herzen Lavater physiogn. fragm. (1775) 1, 34; die ... haushaltung ... seiner erkennenden und wollenden natur Herder 5, 28 S.; die produktion der wollenden intelligenz Novalis schr. 3, 168 M.; das wollende subjekt L. Boltzmann populäre schr. (1905) 387. mit adv.: die seele des gewaltig wollenden Josephs (kaiser Joseph II.) G. Forster s. schr. (1843) 6, 166. substantiviert: dem wollenden geschicht nicht unrecht Kramer dict. 2 (1702) 1388ᵇ; (es) bedarf der grosze wollende (Joseph II.) keiner ehrensäule mehr Herder 17, 63 S.; Göthe I 7, 205 W. in der übersetzung hekón, der 'wollende' in dem sinne, daß das um und auf seines wesens der wille ist, ... der ákon, der nichtwollende in dem sinne, dasz sein wille, mag er auch vorhanden sein, als ursache der handlung nicht in betracht kommt Dittrich gesch. d. ethik (1926) 1, 269.
E.
part. gewollt adjektivisch und adverbiell in der neueren sprache für 'beabsichtigt', 'absichtlich':
so pfleget doch zuweilen
die sorgen meiner qual der schlaf zu übereilen
und kehrt mir meinen schmerz
in ein gewolltes spiel und lächerlichen scherz
P. Fleming dtsche ged. 1, 176 L.; 455;
in gewollter wahrung seiner ehre hat er sie ... aufs neue bloszgestellt Fontane ges. w. I 4, 12; allerdings erscheint solche härte (in der musik) ... bei Mozart ... stets als eine ... gewollte O. Jahn Mozart (1856) 3, 383. substantiviert: wir thun nur das gewollte und nie das gesollte Kramer dict. 2 (1702) 1388ᵇ; ... da er (der verfasser) aus seinen arbeiten zuletzt doch immer nur das gewollte heraus lieset, nicht das gewirkte Stifter s. w. 1 (1904) 5.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1951), Bd. XIV,II (1960), Sp. 1326, Z. 67.

wolle2, wollen2, f.

²wolle(n), f.,
häufiger wulle(n), wülle(n), wul, name einer wolligen pflanze, meist der königskerze, verbascum (Eifel), aber auch für seifenkraut saponaria und für triticum repens (Göttingen) Pritzel-Jessen 412; 430. ahd. wllina blandonia ahd. gl. 3, 172, 55; wullena lanea 3, 174, 38; wllina lanaria 3, 481, 25; W. Grimm in zs. f. dt. altert. 6, 331; Schiller-Lübben 5, 785. mhd. wullene mhd. wb. 3, 803ᵃ. im 15. und 16. jh. in den formen wüllin, wiln, wullen, wulle, wolle Diefenbach gl. 535ᵃ; 557ᵇ; 573ᵇ s. vv. symphytum, struthium, tapsus; nov. gl. 176ᵇ; 227ᵇ; 358ᵇ s. vv. flamor, lanaria, tapsus: in tütscher sprach wül oder künigskörtz H. Braunschweig kunst ... zu distillieren (1500) 115ᵇ, s. auch wollblume, wollkraut.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1951), Bd. XIV,II (1960), Sp. 1324, Z. 56.

wollen3, n.

³wollen, n.,
substantivierter inf. zu wollen, vb., synonym mit wille, m., doch der verbalen bewegtheit näherstehend.
a)
'willensakt', in der rechts- und urkundensprache 'anordnung, verfügung': nach wöllen gemeiner keiserlichen geschriben rechten (a. 1525) chron. d. stadt Bamberg 2, 23 Chroust; und dieweil ..., ist unser ernstlicher bevelch und wöllen, ... Wirtemb. newe landsordn. (1536) g 4ᵇ; darumb ist unser sonderlich meynung unnd wollen, dasz ... Jac. Ayrer hist. processus iuris (1600) 537.
b)
als philosophischer terminus bedeutet wollen den willensakt, durch den man sich nach vorausgegangener überlegung der handlungsmöglichkeiten zu bestimmter zielsetzung entscheidet, dann aber auch die seelenkraft zu solchem entschlusz, im gegensatz zum denken und fühlen: das subjekt und dessen wollen Kant 3, 128, 36 akad.; die lebendige kraft des wollens Lotze mikrokosmos (1856) 1, 3; um zu wollen, was er soll und was zu wollen ihm frommt, also zur rechtheit (rectitudo) des wollens hat der mensch die freiheit des willens Dittrich gesch. d. ethik (1926) 3, 60. mit differenzierung des seelischen aktes von seinem inhalt: unbedenklich leitet ... Anselm nicht nur das wollen an dem bösen wollen, sondern sogar dessen inhalt ... von gott ab ebda 3, 63.
c)
im freien gebrauche 'das streben, begehren', auch 'das vornehmen, planen' im gegensatz zum 'tun': solches ist euch nützlich, die ir angefangen habt für dem jare her nicht alleine das thun, sondern auch das wollen 2. Kor. 8, 10; unser wollen ist ein vorausverkünden dessen, was wir unter allen umständen tun werden Göthe I 28, 50, 18 W.; dasz seinem (Opitzens) wollen sein thun vielfach nicht entsprach, das ... hinderte die zeit und ihr charakter Gervinus gesch. d. dtsch. dichtung (1853) 3, 214; manches leben ist nur ein stetes wollen und mancher weisz vor lauter wollen am ende selbst nicht, was er will E. T. A. Hoffmann s. w. 12, 113 Gr.;
o Jesu gib doch selber du
das wöllen und das thun dazu
Joh. M. Dilherr bei Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 5, 175;
laszt nach viel geprüftem leben
hier den edlen pilgrim ruhn!
ehrt sein wollen und sein streben,
wie sein dichten und sein thun
Göthe I 4, 62 W.;
statt heiszem wünschen, wildem wollen,
statt lästgem fordern, strengem sollen
sich aufzugeben ist genusz
ebda 3, 81 W.; vgl. 3, 96
mit attribut. adj.: gutes wollens ist die hölle voll di buona volontà stà pieno l'inferno Kramer 2 (1702) 1387ᵃ; ein ernstliches wollen sprach sich aus, ein edler sinn und zweck Göthe I 33, 222 W.; und weil das irdische wollen nur immer ein beschränktes sein kann ders. II 4, 100, 12 W.; bewusztes wollen O. Jahn Mozart (1856) 1, 618; (asketische übungen) sollen ... zu ... pflicht- und überpflichtgemäszem wollen ... disponieren Dittrich gesch. d. ethik (1926) 2, 160; sittliches wollen 2, 25; politisches wollen Kerner bilderbuch (1849) 205. vom willensentschlusz und der willensrichtung sozialer gruppen: die ... gemeinde mit ihren guten sitten und ihrem groszen wollen L. Steub wanderungen (1862) 205. mit gen.-attribut: so ligt es nu nicht an jemands wollen oder lauffen sondern an gottes erbarmen Röm. 9, 16 (vulgata: non volentis neque currentis sed miserentis est dei); (dies) glaubte der kritiker ... von dem wollen einer persönlichkeit abhängig machen zu können? R. Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 3, 229.
d)
vom wollen gottes: gotlicher will ... ist nit abgestumpft von der macht gottes, gleich als sey gotlich wellen mynder dann gotlich vermoegen Berth. v. Chiemsee teutsche theol. 156 R.;
es hat ja gott sein liebreich wollen ...
durch die vernunft uns offenbahrt
Brockes ird. vergnügen (1721) 8, 57;
dem gegner da half Brynhilds hand ...
und Odins wolln zerstob in wolken
Fouqué held d. nordens (1810) 1, 61.
e)
vom tier gesagt: die grenzen wo blosze pflanzenempfindlichkeit und thierisches wollen sich scheiden, sind unsern ... verstandeskräften schwerlich offenbar G. Forster s. schr. (1843) 4, 315.
f)
in mehrgliedrigen wendungen wie denken und wollen, wollen und tun, wollen und können: die seele wirkt in ihrem denken und wollen nie anders als ... Musäus volksmärchen 1, 7 H.; das menschengeschlecht ... mit allen seinen eigenthümlichkeiten des denkens und wollens Schopenhauer w. 1, 129 Gr.; sein (Mozarts) wollen und können O. Jahn Mozart (1856) 4, 747;
was ist unser leben ...
was ist unser tichten,
wollen und verrichten?
eitel müh und streit
Chr. Tietze bei Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 5, 317;
o Jesu, gib doch selber du
das wöllen und das thun dazu
Joh. M. Dilherr ebda 5, 175;
wollen und vollbringen
sind dinge, die bey mir in keinem bunde stehn
Günther ged. (1735) 587;
ohne sein wollen und trachten Göthe I 24, 336 W. besonders in alliterierenden wendungen: so ist alles sin ... wellen und würken ein stillú ... friheit H. Seuse dtsche schr. 350 B.; seine (Jesus Christus') nahe zukunft (sei) das ziel alles unsers wollens und wirkens Jung-Stilling w. 3, 411 Gr.; Dittrich a. a. o. 2, 220. wissen und wollen: da doch wissen und wollen ohne können wenig nütze (ist) M. I. Schmidt gesch. d. Dtschen (1778) 3, 342; K. L. v. Haller restaur. d. staatswiss. (1816) 1, 362; wider sein selbsteignes wollen und wissen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 2, 343; das wider mein wissen und wollen publicirte urtheil Lavater verm. schr. (1774) 2, 47; ohne ihr wissen und wollen Jung-Stilling w. 3, 336 Gr.; J. H. Voss Odyssee 309 Bernays; sonder wissen und wollen Holtei erzähl. schr. (1861) 1, 91; man ... tut das dümmste oft allem besseren wissen und wollen ... zu trotz Mörike schr. 3, 134 Göschen. wollen und willen, wollen und wunsch u. ä.: dasz allenthalben gottes wollen und willen geschehe Jac. Böhme menschwerdung Jesu Christi (1682) 147; mit freundlichem willen und wollen Göthe IV 37, 282 W.; nach aller wunsch und wollen König ged. (1745) 11; nach eignem wünschen und wollen Göthe IV 16, 378 W.; Pückler briefw. (1873) 3, 127.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1951), Bd. XIV,II (1960), Sp. 1363, Z. 32.

wollen4, vb.

⁴wollen, vb.
(term. der tuchmacher), schafwolle zur tuchbereitung verfilzen: (es) wurde ... ein schaf geschoren, dann die wolle gewollt beleg (Hebel) bei Heyne 3, 1404; in den ma.-wbb. nicht verzeichnet.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1951), Bd. XIV,II (1960), Sp. 1365, Z. 4.

wollen5, vb.

⁵wollen, vb.,
wolle auszupfen:
... sprak dat schâp: vrouwe krâ,
de wulfhunt ligget ju vil nâ,
gi mochten on ôk gerne wullen,
went he heft hares wol de vullen
Gerh. v. Minden 58, 9 S.;
lebenden gänsen die weichen federn abnehmen Flemes wb. Kalenberg, nachtr. 111; Block idiot. v. Eilsdorf 102. in der redensart sich wollen, sich in die haare fallen, zausen, raufen bei Schambach Göttingen 307ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1951), Bd. XIV,II (1960), Sp. 1365, Z. 8.

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„wöllen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%B6llen>, abgerufen am 11.08.2020.

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