Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

wörtchen, n.

wörtchen, n.,
deminutivbildung zu wort. als ursprünglich md. (mhd. = (e)chen, mnd. = (e)kîn) bildung neben ursprünglich obd. wörtlein (s. d.). mhd. und noch bis zum ausgang des 16. jh. ganz vereinzelt: wortichen in einer nrh. hs. d. 14. jh. bei Seuse 536 Bihlm., vgl. dazu ebda *46; wordeken (1534) B. Rotmann restitution 75 ndr. im 17. jh. wächst der gebrauch und überflügelt bald in der schriftsprache das bis dahin vorherrschende wörtlein weit. neben wortichen, wordeken (s. ob.) vgl. noch wörtichen (1618) M. Rinckhart jubelcomödie 20 Rembe. im 17. und 18. jh. häufig als wörtgen, namentlich auf omd. boden: A. Ruehlmann krieg d. streits d. ehr u. liebe (1664) 124; Reyher thes. (1668) p 5ᵇ; Chr. Weise polit. redner (1677) 123; derselbe, d. gr. jug. überfl. ged. 234 ndr.; G. Arnold unpart. kirchenhist. (1699) 180ᵃ; J. G. Schmidt rockenphilos. (1706) 2, 200; Stoppe Parnasz (1735) 181; B. Neukirch ged. (1744) 166; einmal brieflich (1781) bei Göthe IV 5, 36 W. zur beurteilung dieser form beim jungen Schiller s. Paul-Braunes beitr. 28, 397. die pluralform wörterchen im 17. und 18. jh. nicht selten, vgl. z. b. zucker wörtergen Schwieger Ernelinde (1665) 62 in: Filidor trauer-, lust- u. mischspiele (1665) 1; wörterchen Gottsched dt. sprachk. (1748) 30; J. K. Wezel üb. geschmack (1781) 16; Baggesen poet. w. (1836) 2, 196; (1767) Herder 1, 233 S., s. auch zs. f. dt. wortf. 6, 3f.; 12, 135. mundartlich nur schwach verzeichnet, gelegentlich im westmd.: wîrtchen Luxemb. ma. 487; wö̹tche Hönig Köln 203ᵇ; Rovenhagen Aachen 165; wöhrdchen Laven ged. i. Trier. ma. 286. der gebrauch des deminutivs bleibt, seiner bedeutung entsprechend, auf gewisse anwendungen des grundwortes beschränkt.
1)
im bereich wort I A, hier durchweg zu I A 4 'kurze aussage, bemerkung, mitteilung, glied, teil eines gesprächs'. an stelle von wort dient wörtchen hier nicht nur dazu, die kürze oder die gewichtslosigkeit einer äuszerung zu betonen, sondern häufig umgekehrt auch dazu, die gewichtigkeit einer aussage ironisierend herauszustellen.
a)
allgemein, wie wort I A 4 a: so koment etliche lude und sagent van der groster vollenkomenheit, und begunden des neisten noch nye; si inkunden sich an eyme kleinen wortichen nye gelazen Seuse dt. schr. 536 Bihlm.; itzt noch ein wörtchen von unsern profilen Lavater phys. fragm. (1775) 1, 104;
man spricht ein wörtchen wohl im scherzen
Tieck schr. (1828) 1, 100.
speziell von kurzer brieflicher äuszerung: nur ein wörtchen erbitte mir Göthe IV 36, 148 W.; vgl. 28, 95. mit anschlusz an wort I D 1 c 'das reden', als 'erlaubnis zu kurzem reden':
da schlau hervor ein käuzlein trat,
und freundlich um ein wörtchen bat
J. H. Voss sämtl. ged. (1802) 6, 236.
b)
in gleichen verbalverbindungen wie unter wort I A 4 b: sie haben ja wohl die güte mir gelegentlich ein wörtchen darüber zu sagen Göthe IV 11, 82 W.; unter der hand liesz er ein wörtchen von einem sichern bidermann fallen Schiller 3, 561 G.
c)
in ironischer betonung für eine gewichtige, ernste, tadelnde aussage, entsprechend wort I A 4 e: zum beschlusz dieser vorrede will man endlich der hochweisen tadlerzunfft, ... annoch folgendes dreyfache wörtgen ins ohr sagen Heinichen generalbasz (²1728) ):( 3; ich hab ein wörtchen, das ihn rascher aufschröken soll, als des jüngsten tages posaunenruf Schiller 3, 78 G.; über das neujahrsgratuliren ... sprechen wir beide auch noch ein wörtchen zusammen Raabe Horacker (1876) 63. namentlich wie unter wort I A 4 e β: diese benamte freirichter machten vormals einen stand mit in der grafschaft aus, und hatten auch ein wörtchen mit zu sprechen Kahlo denkw. d. grafsch. Glatz (1757) 83;
das schöne kind, so reizend, so charmant —
und er — elender musikant!
darein werd ich ein wörtchen sprechen!
Bauernfeld ges. schr. (1871) 1, 208.
2)
viel seltener im pluralischen gebrauch wort I B, zu I B 4: ich mag freundlich thun, ich mag gute wörtgen geben Chr. Weise d. grün. jug. überfl. gedanken 191 ndr.; ich machte den verliebten, und sagt ihr lauter süsse wörtchen, so dass sie endlich glaubte, ich sey es wirklich Heinse s. w. 2, 271 Sch.
3)
im bereich wort II.
a)
vom einzelnen wort als teil der rede, wenn es als klein, zierlich oder in seiner vereinzelung gekennzeichnet werden soll: solches aber (die schmeichelei) geschicht erstlich durch artige wörtgen, welche in der proposition mit eingemischet werden Chr. Weise polit. redn. (1677) 183; in dem dorfe Leite — steht hier, wenn nur noch zwei ganz kleine worte mehr daran gewesen wären, zwei ganz kleine wörtchen mehr, so wär es ganz leicht S. Brunner erz. u. schr. (1864) 2, 47. mit ironischem unterton:
und jeder pfropft sich voll den kopf
mit wörterchen von Kant
Baggesen poet. w. (1836) 2, 196.
in der anwendung auf ein bestimmtes einzelwort meist vor kurzem wort: welck wordeken ehe by vns so voͤle als gesette heit Rotmann restit. 75 ndr.; eben das gilt von dem wörtchen zu in der unbestimmten art Gottsched dt. sprachk. (1748) 296; antwortete sie: „ja“. nur: ja, — aber in dem einen wörtchen lag das freimüthigste eingeständnisz M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 50. aber auch vor längerem wort, mehr oder weniger in ironisierender hervorhebung:
woher mag wol das wörtchen hochzeit stammen?
Schiller 1, 266 G.;
das wörtchen eitelkeit Göthe I 24, 273 W.; das höflichere wörtchen steckenpferd ebda I 41, 1, 166.
b)
namentlich entsprechend wort II C 1, in den negativverbindungen kein wörtchen, nicht ein wörtchen u. ä., zur umschreibung des völligen schweigens oder des sichausschweigens über eine bestimmte sache: ... sprach kein wörtchen Gerstenberg Ugolino 220 Hamel; und zudem läszt ihr geliebter bis zur letzten zeile des — dritten akts kein halbes wörtgen von ihr fallen Schiller 2, 366 G.; sie sagt von jener sache auch nicht ein leises, leises wörtchen Stifter s. w. 1 (1904) 25. auf die sprechfähigkeit bezogen: ich wüste vor grossen jammer nicht ein wörtgen auffzubringen Chr. Weise d. grün. jug. überfl. ged. 234 ndr. als kleinster teil im ganzen einer rede:
so sagt die ganze stadt, die missethat scheint klar,
und wenns zum treffen kommt, so ist kein wörtgen wahr
Stoppe Parnass (1735) 181;
er hätte ihr nichts mehr verschwiegen, ... und wäre der tod ... auf jedes wörtchen gesetzt gewesen Holtei erz. schr. (1861) 24, 123. kein wörtchen umschreibend für 'nichts': wenn sie mich foltern, so weisz ich jetzt kein stumpicht wörtchen mehr H. L. Wagner theaterst. (1779) 114. auch auszerhalb der eigentlichen rede: dem fräulein hat ja der vater jetzt nachricht von ihm gebracht, aber er, er wuszte ja seit vielen tagen kein wörtchen von ihr W. Hauff s. w. (1890) 1, 131.
c)
wie wort II C 2 von der vorstellung des wortes als einer zählbaren grösze aus: ein wörtchen, noch, nur ein wörtchen, sowohl von einem tatsächlichen einzelwort wie von einer bemerkung oder mitteilung, deren kürze betont werden soll:
wist jhr nich, wies wuhl eh gegangn,
wenn sich ener hot vngerfangn,
nur jrn (irgend) ein wörtichen zusahn,
(1618) Rinckhart eisleb.-mansf. jubelcom. 20 Rembe;
dasz gott dieses rund der erden,
wie uns schrift und bibel lehrt,
durch ein wörtchen lassen werden
Brockes ird. vergn. (1721) 2, 286;
nur ein wörtgen antwort Göthe IV 5, 36 W.; (Kittelhaus:) lieber herr Dreisziger, noch ein wörtchen. ich möchte sie bitten G. Hauptmann d. weber (1892) 86.
4)
als element des sprechvorgangs, in der verbindung mit verben anschaulich-bildhaften gehalts entsprechend wort III B 1: es kan einem leichtlich ein wörtgen entfahren egli può scappare facilmente una parolina ad uno Kramer t.-ital. 1 (1700) 321ᵇ; so haben sie (die philosophen) doch allemal eine kindische freude, wenn einem derselben (der könige) irgend ein wörtchen entfällt, das für ihr system gedreht werden kann K. L. v. Haller restaur. d. staatswiss. (1816) 1, 183. uneigentlich: darneben entfähret ihr noch ein wörtgen von hinten, das weder sylbe noch buchstaben hat J. G. Schmidt gestrieg. rockenphil. (1706) 2, 200.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1951), Bd. XIV,II (1960), Sp. 1552, Z. 48.

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Zitationshilfe
„wörtchen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%B6rtchen>, abgerufen am 13.08.2020.

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