Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

wörtlein, n.

wörtlein, n.,
in verkürzten nebenformen mundartlicher herkunft wörtli, wörtle, wörtel, wörtl, deminutivbildung zu wort. seiner bildung nach obd. ursprungs neben ursprünglich md. wörtchen (s. d.). häufig schon im mhd und im älternhd. sehr verbreitet, gibt wörtlein seit dem späten 17. jh. seine vorrangstellung in der schriftsprache an wörtchen ab, gewinnt aber im 19. jh. wieder an boden, namentlich in poetisch gehobener sprache. mhd. stehen nebeneinander wörtelîn, wortelîn, wörtlîn, wörtelî, wörtlî, wörtel, wortel, zu den nachweisen in den mhd. wbb. vgl. noch woͤrtelin Tauler 54, 17 V., woͤrtlin ebda 269, 33, woͤrtli Seuse 100, 30 Bihlm. u. ö., wörteli ebda 450, 12; 477, 11; Mone schausp. d. ma. 1, 148, woͤrtli Christus u. d. minn. seele 1925 B., worteli in: zs. f. dt. alt. 70, 68, wortel Hiob 12394 K. soweit im nhd. die vollform des suffixes begegnet, überwiegt noch im 16. jh. die undiphthongierte form bei weitem, mit dem 17. jh. verschwindet sie aus der schriftsprache. umlautlosigkeit ist im 16. jh. nicht selten: wortlin Knebel Kaisheim 5; Luther 10, 1, 1, 417 W.; 7, 391; 49, 147; Eberlin v. Günzburg 3, 202 ndr.; wortlein Luther 2, 88 W.; 105; Berthold v. Chiemsee t. theol. 443 R.; Nigrinus v. zäuberern (1592) 123; mit mittelvokal als wortelein Luther br. 8, 435 W. mit entrundetem stammvokal: wertlin Th. Platter 18 Boos. mit abgeschwächtem vokal der vollen suffix-form: worttlen Egranus pred. (1521) 60 Buchwald; wörtlen Gretter erkl. d. ep. S. Pauli a. d. Römer (1566) 193 (wörtlein ebda 51). in der gedehnten form wöhrtlein bei J. Rist in: Fischer-Tümpel 2, 237 (s.wohrt sp. 1467). pluralbildung mit dem suffix -erlein im 17. jh. gelegentlich, s. die nachweise für wörterlein in: zs. f. dt. wortf. 12, 137, wohl als analogiebildung zu entsprechendem plur. wörterchen, der verbreiteter ist. den obd. maa. ist wörtlein sehr geläufig, durchweg verkürzt als wörtli, wörtle im westlichen bereich, als wört(e)l, wert(e)l, wart(e)l (als wöaschtel Hartmann volksschausp. in Bayern u. Österr. 302) im bair.-österr. (s. die einschlägigen wbb.), welche formen in den entsprechenden regionalen bereichen auch in die literatur eindringen. nach bedeutung und gebrauch bestimmten anwendungen des grundwortes zugehörig, aber mit wörtchen insofern nicht völlig zusammengehend (s. bes. u. 1 a, b), als wörtlein im älteren gebrauch wie alle bildungen dieser form weithin keine eigentlich deminuierende bedeutung hat, s. auch A. Polzin stud. z. gesch. d. deminutivums im Deutschen (1901).
1)
aus dem bereich wort I 'ausspruch, rede'.
a)
wie unter wort I A 1 und 2 für einen wörtlichen ausspruch, eine sentenz, ein sprichwort, eine geprägte äuszerung, deren kürze damit besonders hervorgehoben wird, ein gebrauch, der bei wörtchen ungewöhnlich zu sein scheint:
ez ist doch war ein wortelin:
'schœne daz ist hœne'
Gottfried v. Straszburg Tristan 17 802 R.;
aber noch eynen trost gibt das worttlin (Luk. 2, 34) Luther 10, 1, 1, 402 W.; gott hat das wörtel vielleicht gar nicht geredt (das verbot an Adam und Eva, vom baum des lebens nicht zu essen) Abraham a s. Clara etwas für alle (1699) 2, 231; wenn du nur sagen wolltest, du seyst mein! ach diesz wär ein hell wörtlein, ... ach diesz wär ein süsz wörtlein! maler Müller w. (1811) 1, 127.
b)
vereinzelt wie wort I A 3 b 'losungswort': auf dem wörtle sei er (ein gespenstischer reiter) gerne geritten bei Fischer schwäb. 6, 959.
c)
namentlich einigen anwendungsweisen von wort I A 4 entsprechend, wo wörtlein die bedeutung 'kurze mitteilung, bemerkung, gesprächsäuszerung' sowohl im sinne ausgesprochener kürze und gewichtslosigkeit, wie umgekehrt ironisierend im sinne der gewichtigkeit modifiziert.
α)
allgemein, wie wort I A 4: und zu mir ist komen ein heimlich wort, und mein ohre hat ein wörtlin aus dem selben empfangen Hiob 4, 12;
mit einem leichten wörtlein (der entbindung vom treueid), ehe blut
geflossen ist, denkst du die beste stadt,
aus Frankreichs herzen weg zu geben?
Schiller 13, 203 G.;
während Christian Wilhelm dies so hurtig und dringlich von sich gab, dasz die städtischen abgeordneten kaum ein wörtlein einflieszen lassen konnten Ricarda Huch d. grosze krieg (1920) 2, 293.
β)
mit adjektivischem attribut wie unter wort I A 4 c:
das er kains durch got wil rechen
noch ain bös wörtli herwider sprechen
Christus u. d. minnende seele v. 1925 Banz;
wan ihm eine (jungfrau) nur ein gutes wörtlein gibt,
so meint der stümper gleich, sie sei in ihn verliebt
J. Grob dicht. versuchgabe (1678) 27;
er gitt aim ekai bös wörtli 'ist stets artig, wird nie heftig, braust nie auf' Seiler Basler ma. 318.
γ)
in ironischer hervorhebung drückt das deminutiv die unter wort I A 4 e geläufige und vielfach formelhafte bedeutung 'ernste, gewichtige, kritische aussage' aus:
ein ehrlich hertz und fester muth,
fürcht mehr ein wörtlein, denn die ruth
Petri d. Teutschen weish. (1605) 2, T 2ᵇ;
nein, sondern wenn die frau ein ernstes wörtlein sprach,
die zunge war verlähmt (dem sonst so mutigen mann)
Rachel satyr. gedichte 33 ndr.;
auf der stelle entsage daher dieser hinterlistigen und kontraktwidrigen mässigkeit, oder ich werde ein wörtlein mit dir sprechen! G. Keller ges. w. (1889) 4, 277; ich gebe meine väterliche einwilligung nimmermehr dazu — ich habe doch auch ein wörtle zu rede K. Meisl theatr. quodlibet (1820) 3, 262; Fischer schwäb. 6, 659; jetzt bleib drin, Tonie; das letzte wörtlein sage ich der gnädigen frau draussen W. Raabe schüdderump (1870) 2, 19.
d)
seltener im plural, dann vor allem mit adjektivischem epitheton, entsprechend wort I B 4, namentlich im sinne des verzierlichenden:
wie luter und wie reine
siniu (Hartmanns) cristallinen wortelin
beidiu sint und iemer müezen sin!
Gottfried v. Straszburg Tristan 4629 R.;
den linden, weychen, geschmückten wörtlein Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 8; er sagte ihr etliche verliebte wörtlein ins ohr Kramer dict. 2 (1702) 1397ᵇ.
2)
zu wort II 'einzelwort', in älterer sprache ungemein häufig und oft ohne eigentlich deminuierende bedeutung.
a)
als teil des wortschatzes einer sprache, wie wort II A 2; vgl. wörtlein vocabulum Reyher thesaur. (1668) p 5ᵇ; vocabulum, vocula Stieler (1691) 2576: ich muss mich in der benamsung ettlicher fische, der griechischen wörtlin vilmal gebrauchen Heyden Plinius (1565) 337; gehn von zeit zu zeit wörtlein (modewörter) in schwange, die da gleissen, und doch nichts, denn schlacken bey sich führen Klopstock gelehrtenrepubl. (1774) 103; das liebe Deutsch redeten sie voll welscher brocken, war ja von jedem soldatenmund ein wildfremd wörtel hängen geblieben wie fauliges heu im sturm am rosenstrauch Leppa herzenssachen (1923) 53.
b)
auf ein bestimmtes, ausdrücklich genanntes einzelwort bezogen. im älteren nhd. stehen hier wort und wörtlein völlig synonym, indem das deminutiv kaum minder häufig zu längeren, schwereren als zu kurzen, leichten wörtern tritt: in dem fürnamen, oder wörtlin 'er' lyt der span Riederer spiegel d. waren rhetoric (1493) c 3ᵇ; darumb ist hie not, das letste wortle zu mercken 'got' Luther 7, 555 W.; es ist wol war, das das wörtlin destillieren sich etwas weiters erstreckt Sebiz feldbau (1579) 399; von dem lobe und würde desz wörtlein nichts Schupp schr. (1663) )(ᵇ titel; ich habe mit absonderlichem fleisz die h. bibel durchblättert, und in derselben gefunden das wörtl ackersmann 36 mal Abraham a s. Clara mercks Wien (1680) 76. erst seit dem 18. jh. tritt eine deminuierende bedeutung in der benennung bestimmter einzelwörter deutlicher heraus:
ach! wäre doch das wörtlein: wenn,
nicht auf der welt gebohren
Henrici ernst-scherzh. u. sat. ged. (1727) 4, 261;
das wörtlein mit Bürger s. w. 1, 193 fuszn. Bohtz; 'gott! gott! was ist gott?' sagte er schroff. 'gott ist vielleicht nichts als ein eitles, ohnmächtiges wörtlein' quelle a. d. j. 1930.
c)
als kein, nicht ein wörtlein u. ä. in verbalverbindungen wie unter wort II C 1, zur umschreibung des schweigens überhaupt oder des schweigens von oder zu etwas:
man wirt in fuͤren in den tod
als ain unschuldigs laͤmli,
das man nuͤmmer woͤrteli
gehoͤrt von sinem munde
Mone schausp. d. mittelalters 1, 148;
von ... gotsforcht, lieb, glaub, demuͦt, gedult im truͤbsal, verzeihung seins selbs, leiden vnd creutz saget er nit ein woͤrtlin Seb. Franck German. chron. (1538) 60ᵃ; frl. Sibylla hörete solches alles nicht ohn schamröte an, dürfte doch kein wörtlein darzu sagen Bucholtz Herkuliskus u. Herkuladisla (1665) 1171; ich antwortete nichts hierauf, kein wörtlein Storm s. w. (1899) 2, 13. verstärkt: er spricht kein stummes wörtlein Spiess henneberg. id. 248. die unfähigkeit zu sprechen umschreibend:
wie blei lag meine zung im mund,
dasz ich kein wörtlein sprechen kunnt
H. Heine s. w. 1, 18 Elster.
nicht ein wörtlein glauben: fur sein person wolt ich jm nicht ein wortlin gleuben, ich gleube aber meinem herrn Christo Luther 49, 147 W. nicht ein wörtlein 'soviel wie nichts', auszerhalb eigentlicher rede:
jetz hat er disz, yetz gynsz gethon,
do er nie wörtlin wiszt dar von
Murner narrenbeschwörung 57 ndr.;
von deinen projecten ... ist mir niemahls 'n wörtlein in den sinn kommen Claudius s. w. (1775) 3, 63.
d)
entsprechend wort II C 2, in verbindung mit dem zahlwort ein, um tatsächlich ein einzelnes wort oder betont die kürze einer rede zu bezeichnen:
thut er uns doch nicht,
das macht er ist gericht,
ein woͤrtlein kan jn fellen
Luther 35, 457 W.;
mein bruder! ach lass mich doch nur ein wörtlein hören!
Gryphius trauerspiele 704 lit. ver.;
so wirst du doch nur ein wörtle können sagen (zu jmd. gesagt, der nicht reden will) O. Ludwig ges. schr. 2, 78 Schm.-St.
e)
selten wie mit einem wort unter wort II C 2 f β: mit eim wörtl allen und iden, denen einmall d' noth ankumt J. J. Schwabe volleingesch. tintenfässl (1745) titelbl.
f)
auch mit unbestimmtem zahlwort nur vereinzelt, s.wort II C 5 a: hätt ein paar wörtel mit dir zu reden, ehe du mir davongehst P. Rosegger schr. (1895) II 3, 247.
3)
zu wort III besonders in der verbindung ein wörtlein entfährt, entschlüpft u. ä., wie unter wort III B 1: enpfert úch ein hert woͤrtlin Tauler pred. 269, 33 Vetter;
manch guter mann recht ehren fest
beim trunck ein wörtlein faren lest
Ringwaldt d. lauter wahrheit (1597) 64;
und wär
mir auch ein rasches wörtlein übern hof
entschlüpft zuweilen, in der lust des weins
Schiller 12, 254 G. (Wallensteins tod 2, 5).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1951), Bd. XIV,II (1960), Sp. 1596, Z. 72.

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wölflein
Zitationshilfe
„wörtlein“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%B6rtlein>, abgerufen am 11.08.2020.

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