Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

Es wurden mehrere Einträge zu Ihrer Abfrage gefunden:

wiechen, vb.

wiechen, vb.
(in der form wiechen zufällig nicht belegt). eine wunde mit einer wieche (s. d. unter B 3) ausstopfen, behandeln:
di wunde und daz eiter
und der slac, geloufen uf
von vil manchen grozen puf,
ist biz czu diesen stunden
gewiket noch gebunden
Tilo v. Kulm von siben ingesigeln 2176 Kochendörffer;
darnach, fragete er, was eyner vorbreche, der den andern wont slehit? dar vff antworten sie vnd sprachen, daz eyne wonde, die man wyken musz, die gyldet den herren zwo mark, die sal der geben, der sie machet (Taunus 1383) weist. 1, 548 J. Grimm; wiecken (Hunsrück 1407) ebda 2, 218; auch bedorffest du jm nichs meysseln adder wicken, wen das öll vnd dy salbe vnnd der wundtrangk lassen dy wunden nicht tzw heylen (1460) Heinrich v. Pfolspeundt bündth-ertznei 12 Haeser-M. anders fassen die bedeutung Stieler: wicken ... turundas torqvere, qvod tamen ab usu recessit, stammb. (1691) 2530; und Kramer: eine weiche ò wieche drehen, weichen fare, torcere, immollare una tasta, t.-ital. 2 (1702) 1291ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1497, Z. 44.

weichen1, starkes verb.

¹weichen, starkes verb.
'cedere' ahd. wîchan, weih, wichun, giwichan Graff 1, 709, mhd. wîchen mhd. wb. 3, 614; Lexer 3, 817, in allen germ. sprachen auszer dem got.: asächs. wîkan, mnd. wîken Schiller-Lübben 5, 712, mnl. wîken Verdam 693, nnl. wijken Franck² 794, afries. wi(a)ka Richthofen 1146, ags. wícan Bosworth-Toller 1213, mengl. wîken Stratman 683, anord. víkja, víkva, ýkva Fritzner 3, 942. 996, Gering Eddawb. 1142, norw. vikja, aschwed. wîcan. die germ. verbalwurzel wī͏̆q ist eins mit idg. *wī͏̆g in aind. vijátē 'er zittert, ist in heftiger bewegung, flieht', aslav. vêžen 'schief' neben *wīk in gr. εἴκειν, lat. vīcēs (vgl.wechsel, ¹weich, woche). unsicher bleibt das verhältnis einerseits zu gr. οἰγνύναι ('weichen machen, öffnen'), anderseits zu ahd. swîhhan und seiner sippe, die Wood idg. forsch. 22, 169 zur gleichen wurzel mit präfigiertem s stellt. die etymologie bei Stieler (1691) 82. 2531, der an zus.-hang mit bähen denkt, ist dilettantisch, ebenso die des brem. wb. 5, 255, das alts. wîkan mit weg verbindet. Schottel (1663) 684 bemüht sich um die abgrenzung von ²weichen 'mollire', ohne die flexionsart als unterscheidendes merkmal zu erkennen. die bez. zum adj. weich wird früh zum wortspiel benutzt:
wo waiches leben ist, da weicht der helden handlung
Laur. v. Schnüffis mirant. waldschalmei (1688) 276.
weichen ist im deutschen zu allen zeiten ungemein häufig, auch landschaftlich sind seinem gebrauch nur selten schranken gezogen: peu usité Henry Colmar 237; in beschränkterem gebrauch als schriftdeutsch Crecelius oberhess. 900; Weinhold beitr. zu e. schles. wb. 2, 104 kennt nur entweichen und verwichen.
form.
1)
die einsilbige form des imp. wird mhd. gern zur schallform wîchâ erweitert, im selbstgespräch Reinhart Fuchs 1678 Grimm; beim zus.-reiten im buhurt Mai und Beaflor 235, 11 Pfeiffer, und tjost U. v. Liechtenstein 237, 28 Lachmann, vom turnier auch G. Freytag 18, 32. sonst gilt mhd. wîch uneingeschränkt, neben nhd. weich (A. v. Eyb 2, 7, 21; Keisersberg bilg. 30ᵃ; Luther 10 iii 214 Weim.; Sachs 5, 66 Keller; Scheidt Grob. 1349; Rist himl. lieder 4, 44; Neumark lustw. 71; wunderhorn 1, 219; Klopstock oden 1, 229; Rückert 1 (1867) 145) tritt nach analogie der schwachen verba (von J. Grimm hart verurtheilt: vorrede zu Basile pentamerone, übers. v. Liebrecht 1, xxiv) das fast gleich häufige weiche, zuerst und zumeist bei Ostmd.n (Arigo decam. 56, 9; Luther 20, 423 Weim.; richter 6, 18; Neukirch ged. 54. 74; Jean Paul 7/10, 272 Hempel), demnächst bei hd. schreibenden Nd.n (Dedekind christl. ritter H 5ᵃ; Reinicke Fuchs (1650) 257; Herder 26, 64; H. v. Kleist Penth. v. 730), bei Obd.n nur im metrischen zwang (Schiller 1, 242). schon Schwan nouv. dict. 3 (1787) 1019 stellt weiche als gleichberechtigt neben weich.
2)
als starkes verb. der 1. reihe bildet weichen den sing. des prät. mit anderem vocal als den plur.: ahd. weih, mhd. weich, mnd. wêk (Detmar Lüb. chron. 2, 75 Grautoff). bis ende des 15. jahrh. gilt die diphth. form uneingeschränkt: waich Richental concilchr. 100; Schiltberger reiseb. 19, 13, waichh Wyle transl. 259, 7, weich Suso d. schr. 49, 13; fastnachtsp. 391, 8; Kistener Jacobsbr. 865; Murner mühle A 5ᵇ; Boltz Terenz (1539) 5ᵇ; Zürcher bibel (1531) 1. Mos. 12, 9, 31, 40; Luther 18, 89, 7 Weim.; 2. Mos. 13, 22. 33, 11; Wickram 8, 199 Bolte; Tschudi chron. helv. 1, 47. die nach dem plur. ausgeglichene form wich beginnt seit ende des 15. jahrh. von Ostfranken her Mittel- und Oberdeutschland zu erobern: Steinhöwel Äsop 90; Sachs 22, 255 Keller - Götze; Franck chron. Germ. 81ᵇ; Eppendorf Plinius 7, 21; Scheidt fröl. heimfart C 3ᵃ; buch d. liebe 137ᵇ; Spreng Äneis 30ᵇ. 87ᵇ; Ilias 30ᵃ. schon vor 1600 gilt sie auf dem ganzen gebiet. beschränkt ist die geltung der 1. 3. sing. prät. ind. wiche: Franck chr. d. Türkei G 3ᵇ; Amadis 1, 35 Keller; buch der liebe 336ᵃ, dagegen wiech (möglich erst, als hist. schreibungen wie gieng und hieng aufgehört hatten, lebendigen lautwerten zu entsprechen) hält sich zäh: Steinbach 2, 989; Schubart 2 (1787) 327; Vischer auch einer 1, 70.
3)
nur selten ist in der übergangszeit das part. von der unsicherheit des vocalismus mit ergriffen worden: warumb du von uns geweychen Hutten 2, 221 Böcking. neue mundart kennt schwache part.-form: g'weicht und g'wich'n Schöpf tirol. 807.
4)
die mit weichen bez. handlung wird in der regel als perfectiv gefaszt. die umschreibung des part. mit sein ist darum die gegebene und herrscht zu allen zeiten vor:
em was al umbe wichen
dat swert in sîner hende
Karlmeinet A 84, 17 Keller;
wann baupst Johannes haimlichen hinweg gewichen wär Richental concilchr. 63; es ist irer schutz von inen gewichen 4. Mos. 14, 9; was hettestu gethan, wann ich dir nicht gewichen were? ... werestu nicht gewichen, so were ich gewichen Lehman floril. pol. 3, 494. in neuerer sprache ist sie auch bei imperfectiver actionsart schematisch durchgeführt:
denn derweil der tanz begonnen,
war sie nicht vom sitz gewichen
Heine 1, 45 Elster;
trauer um sie und treue zu ihr sind nie aus dem herzen des gatten gewichen Leszczynski bei Moltke 1 (1892) 157. die ältere sprache bringt die actionsart rein zum ausdruck: von 1412 bis 1660 ist die umschreibung mit haben belegbar, wenn auch relativ selten:
adir ist ein langir strich do dorch (durch das wappen)
mit einer andirn varwe gestrichin,
also dorch den ackir get ein forch,
so had sin adil zu erst gewichin
Rothe rittersp. 632 Bartsch;
ich bawt auff dich so vestiglich
der grund hat mir gewichen
Forster fr. t. liedlein 17 neudr.;
ihr hätte selbst die klare sonne
gewichen
Stieler geh. Venus 68 neudr.;
gern neben einem andern verb., das haben verlangt: wenn hat er yhe mals yemand gewichen odder gehorcht? Luther 18, 89 Weim.; die eselin hat mich geshen, und mir drey mal gewichen 4. Mos. 22, 33.
bedeutung. die grundbed. 'nachgebend platz machen' ist durch die idg. verwandten von weichen gesichert. wenn früh umfassendere bed. auftreten, wie in anord. víkva 'sich bewegen, sich zutragen', so ist das nicht ein rest alter freiheit, sondern relativ junge sonderentwicklung. von der grundbed. aus sind auch mhd. besonderheiten entwickelt, bedeutungen wie 'sich hinneigen, sinken, fallen lassen, stützen, meiden', die in neuer sprache ohne folge bleiben:
strîtis tu wider dînen gelîchen,
is ist zwîvel, wô der sic hin wîche
Wernher v. Elmendorf zs. f. d. a. 4, 304;
daʒ houbet im ûf die asseln weich
Herbort v. Fritzlar Troj. 1516;
ein waʒʒer, dar în er weich
Heinrich v. d. Türlin krone 8860;
mir ist zubrochen nû der stap,
da ich mit aller kraft ûf weich
passional 73, 27 Hahn;
Teurdank der sprach: tugentlichen
ich hab allezeit gewichen
falscheit und der bösen wesen
Teuerdank 27 (11, 42) Gödeke.
A.
die normale entwicklung von weichen läszt sich am absoluten gebrauch des wortes klarlegen. stets verändert die weichende masse als ganzes den ort: úbe díu corpora sô starh sint, táʒ síu wîchen nemúgen, erweget man íro éin téil, so wágônt álliu íro téil Notker kateg. 2, 5. das ist die einzige norm des wortgebrauchs, sonst ist innerhalb der grundbed. jede freiheit erlaubt.
1)
weichen bezeichnet in der regel, aber nicht nothwendig, eine willkürliche und bewuszte handlung: sodasz diese im unwillkürlichen weichen vor der Heiterethei weiter ... zurückgedrängt wurde O. Ludwig Heit. 2, 177. die verschiedenen bed.-elemente können mit verschiedener stärke hervortreten: nur 'nachgeben', nicht 'platz machen' bed.: nichten welt weichen noch enfúrcht sy 1. deutsche bibel 5. Mos. 20, 3. der ton liegt auf dem schwächlichen zug in der nachgiebigkeit: als were nicht viel dran gelegen, wenn man gleich etwas umb friedens willen weicht und nachgibt Luther 18, 269 Weim., andere male wird sie gelobt: hat sich doch David allzeit mit gedult und weychen auffgehalten Schmeltzl Samuel 5 neudr.;
sie (Luther und Melanchthon) störten beide Babels reich,
theils durch gewalt, theils durch ein kluges weichen
Gottsched ged. 1, 297.
das ende eines zustands des beharrens kann betont sein: was ewig ist von keinem anfange, das hat kein weichen auszeinander, sondern es stehet als ein radt J. Böhme 5, 7. das bed.-element der beweglichkeit kann sich zum lockeren, luftigen wandeln:
sie sinkt aufs lager hin, hoch schlägt ihr volles herz
durchs weichende gewand
Wieland 23, 13 (Oberon 7, 15);
ein weichendes, durchsichtiges, in rosenduft getauchtes fleisch Jean Paul 3, 156 Hempel. das zögernde, allmähliche des vorgangs kann bald hervortreten: die wölfin wich langsam und überliesz die kinder sanfterer pflege Niebuhr röm. gesch. 1, 151, bald schwindet es ganz:
ich ... floh geschwind, und liesz im weichen
geschickt ihm zeit, mich zu erreichen
Gellert 1, 223.
der druck, der nöthig ist, um eine ortsveränderung hervorzubringen, erscheint verstärkt in fügungen wie zum weichen bringen, zugleich wird hier eine construction mit acc.-object ermöglicht: hat man den feind zum weichen gebracht und will ihn weiter verfolgen, so wirft man ihm tirailleure nach Wilhelm i. milit. schr. 1, 242; kriegstechnisch wie hier schon Chemnitz schwed. krieg 1, 465; Heilmann Thuk. 58, dann auch von ideellen gegnern: es war ein widriger auftrag; aber wir müssen alles zum weichen bringen, was der guten sache widerstrebt Forster 8, 331, in mehr abstracter wendung als nicht recht passend empfunden: gebete wurden in der nacht gehalten, um das verderben zum weichen zu bringen Ritter erdkunde 8, 612. andere fügungen mit gleicher absicht sind nicht zur formel erstarkt: zum weichen nöthigen M. I. Schmid gesch. d. Deutschen 1, 91. 2, 301; zwingen F. Müller 1, 362. der absolute gebrauch bricht auch in den formeln öfters durch:
ihnen steht ein glück bevor — ein glück ohne gleichen.
zeit wärs einmal, denn bis jetzt wars immer in weichen
Meisl theatr. quodl. 1, 33;
er überzeugte mich ... dasz der grafenschwindel im weichen begriffen war Holtei erz. schr. 1, 34. anderseits kann die vorstellung eines drucks, der zum weichen zwingt, ganz verdunkelt sein: weichen bed. dann 'aus dem land, dem ort, dem zimmer, dem amte scheiden': man stirpt fast by mir: wer (nit) daz hailig zit für, ich wett wichen privatbr. d. mittelalters 2, 56 Steinhausen;
weicht alle die ir in der statt Rom
begert zu leben recht und from
Fischart binenk. (1588) 255ᵃ;
ein jude brachte einem könig kostbare kleinodien in gegenwart seiner räte und hofdiener, und ward ein köstlicher demant abhändig. der könig entrüst sich, sagt, es solt niemand weichen Lehman flor. pol. 2, 754; so ein prediger weiszt, das er on mercklich ursach nit darff weichen, muͦsz er meer sorg haben, dasz er sich eerlich und früntlich halt mit seinen zuͦhörern Eberlin 1, 48 neudr.
2)
das verhältnis zu bed.-verwandten verben ist entsprechend wandelbar. weichen kann gegensatz zu kommen, nahen, etw. aufgeben sein:
o wie oft kam sie geschlichen ...
ist auch eher nicht gewichen
Stieler geh. Venus 34 neudr.;
es (das ungeheuer) naht der erde, riesen liefen.
es wich, und es erschrack die see
Lichtwer äsop. fab. 95;
hatte er auch oft weichen müssen, so hatte er nie etwas aufgegeben Ranke 1, 64. neben synonymen steht weichen in buntem wechsel: hasten heiszt gleitten, weichen, fortgehen Schottel haubtspr. 1138;
in dieser welt,
da alles wechselt, weicht und fällt
Stoppe Parnass 7.
es wechselt mit sienen eigenen compositis: da ich nicht nach Jena entweichen konnte, so muszten die meinigen weichen Göthe IV 14, 146 Weim.; weichen oder zurückweichen kann vorliegen:
er kommt mir entgegen;
ich weiche verlegen,
ich schwanke zurück
I 1, 39.
im verkehrsleben steht vom 15. bis 18. jahrh. und mundartlich heute noch weichen, wo neue schriftsprache ausweichen vorzieht:
weicht und tret hin dan verr:
hye get Pillatus, mein herr
altd. passionssp. 81 Wackernell;
als der fuͦrman nun daher fuͦre, sach die frawen im weg stehn, und nicht weichen wolt Schumann nachtb. 26 Bolte; hunderterlei eigenes und requirirtes gepferde, weichend, anstoszend, hinderte sich rechts und links Göthe I 33, 133 Weim.; wiekt jo Wirmers, de Riesumers kamen Kern u. Willms Ostfriesl. 13. neben fliehen steht weichen nicht selten scheinbar synonym:
da weicht und fleucht die böse rott
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 350.
das ist möglich, wenn das bed.-element der allmählichen bewegung verdunkelt ist. dennoch bleibt weichen auch hier der gelindere, ehrenhaftere ausdruck: nun geschahe es, das herr Tristrant aber weichen muͦst, doch flohe er allweg ritterlich und mit ehren buch der liebe 96ᵈ; wer fleucht, der leit, wer weicht, der verliehrt Lehman flor. pol. 1, 222; ausziehen ... wird ... von einem gesaget, der schulden halber aus der stadt gewichen und flüchtig geworden ist Gottsched beob. 56; als auch die cavallerie der verbündeten ... erschien, verwandelte sich das weichen der Franzosen in flucht Ranke 11, 169;
sie wandten treulos ihre schritte,
und einer nach dem andern wich
Schiller 11, 29.
die einzige feste formel, die das verb eingeht, weichen und wanken, ist nicht streng synonymisch, denn nur selten kommt weichen der bed. '(sch)wanken' nahe:
und gleichsam wie der schatten wer,
der nach dem leib weicht hin und her
Fischart ehezuchtb. 137 Hauffen.
die formel tritt meist absolut, selten positiv auf: bei gott, mir weicht und wanket die vernunft Tieck 2, 111. sonst ist sie fast immer negiert. die beiden verba ergänzen sich in ihrer bed., wenn sie von bauwerken gebraucht werden: συγκύπται, capreoli, stützen desz seulins, dasz es nicht kan weichen oder wencken Frischlin nomencl. 268. von da geht der gebrauch über auf menschen: diese ... bewährtesten, welche statt einer mauer weder wichen noch wanckten Fleming vollk. t. soldat 279 § 6, auf die angewendet es bald zur bed. eines emphatischen weichen einsinkt:
ich weich und wank um keines willen, ich
Schlegels Shakespeare 1, 86.
gern wird die formel so gebraucht vom geduldigen zuhörer: Hyazinth wich und wankte nicht und wurde nicht müde zuzuhören Novalis 4, 21 Minor, sowie vom ausdauernden gast: Jule ... sasz auf der wasserbank und wich und wankte nicht Frenssen Jörn Uhl 18. von lebenden wesen auch mundartlich: dat beist woll nit wieken un wanken Bauer-Collitz wald. 249. von vornherein nur emphatisch ist die anwendung auf abstracta:
und käm' die hölle selber in die schranken,
mir soll der muth nicht weichen und nicht wanken
Schiller 13, 278.
die umkehrung wanken und weichen ist selten vor Göthe:
sey wie ein fels im meer, der weder wankt, noch weicht
Triller poet. betr. 3, 502,
bei ihm die bevorzugte formel: Laertes ... versicherte, dasz er nicht wanken noch weichen wolle I 22, 33 Weim. sie gilt auch sonst im westl. Mitteldeutschland: da kam auf einmal einquartierung, ein hessischer ardollerist, der nicht wanken und weichen wollte W. an J. Grimm 18. Jan. 1814 briefw. 222. das nd. zieht andere verbindungen vor:
will men wiken, edder will men wenden,
se skölen etwas hebben in den henden
Lauremberg scherzged. 1373 Schröder;
't mütt wik'n oder bräk'n Danneil altmärk. 247.
3)
in seiner unbestimmtheit ist weichen geeignet zu euphemismen, z. b. für 'sterben':
Canus baut ein neues haus, baut ihm auch ein grab zugleiche;
scheint, dasz er ans weichen denckt, aber doch nicht gerne weiche
Logau 3, 4, 44,
oder für 'geboren werden':
warumb wainet ein kindlin gleich,
wann es von muterleibe weicht?
Fischart ehezuchtb. 158 Hauffen.
a)
seine unbestimmtheit kommt dem verb zu gute auch in der anwendung auf bewegungen, deren art man nicht näher zu bezeichnen wünscht, so bei physiologischen vorgängen am menschen:
wann ein furtz ein krümpt vieleicht,
dasz er in truckt, bisz dasz er weicht
Fischart Eulensp. 100 Hauffen;
mit jedem schritte weicht das blut
Droste-Hülshoff 2, 36;
schwindelnd wich sonst das auge Gött mauserung 65. noch öfter ist eine krankheit subject: welche gebrechen nit leichtlich weichen Ryff sp. d. gesundh. 37ᵃ; der aussatz weicht Ringwaldt evang. B 6ᵇ; schmerz und krankheit waren kaum erst gewichen Göthe I 10, 179 Weim.; gottlob, dasz ihr augenübel weicht Dahlmann an J. Grimm 19. märz 1838 briefw. 1, 142; ich ... hatte ... mir eine sehr schwer weichende entzündung der lungenhäute zugezogen Hebbel br. 2, 3. von thieren wird weichen gebraucht, wenn sie keine füsze haben: wenn die kinder im ehebruch erzeuget, so wichen die schlangen nicht Heyden Plinius 8, von pflanzen, wenn ihre theile sich bewegen:
(der dichter Rost, der) was er da erblickt,
durch einen busch verbirgt,   woran die blätter weichen
Bodmer krit. ged. 70, 219 neudr.
schr oft steht dieses weichen von gebilden und erscheinungen der anorganischen welt: da schewet und weichet gleichsam die natur Spee güld. tugendb. 501; denn es sollen wol berge weichen und hügel hin fallen, aber meine gnade sol nicht von dir weichen, und der bund meines friedes sol nicht hin fallen Jes. 54, 10; im citat bei Schmolcke 1, 1105 und Neumark fortgepfl. lustw. 1, 89; der sandstein weicht und stürzt ins meer hinab Moltke 6, 247; auch übertragen:
gesetzt, dasz auch die erde bricht,
so weicht doch dieser felsen (Gott) nicht
Günther ged. 5;
so hab ich auch das (meer) ... gesehen und bin auf der schönen tenne die es weichend zurückläszt ihm nachgegangen Göthe III 1, 271 Weim.;
die welle sprüht, und staunt zurück und weichet
I 2, 3.
alt und stets gern von der sonne: accessus et discessus solis .,. das zuͦhingon und weychen der sonnen Frisius dict. (1556) 14ᵇ;
hier spiel ich zwischen luft und bäumen,
so oft die sonne kommt und weicht
Günther ged. (1764) 179;
sie (die sonne) rückt und weicht, der tag ist überlebt
Göthe I 14, 56 Weim.
von den sternen das. I 9, 192, von wolken Logau 2, 3, 59, auch bildlich: des schicksals wolken weichen Wieland Anti-Ovid 2, 215, vom nebel Göthe I 1, 3; Moltke 6, 154, von der dämmerung Brockes ird. vergn. 2, 60, vom dunkel Platen (1839) 13, von wind und luft Neukirch ged. 249; Arndt 3, 182 Rösch und Meisner. nur poetisch endlich von gebilden der menschenhand:
der vorhang weicht
Uz 27 neudr.;
des gespannes einzger dienst bestand im weichen
Spitteler olymp. frühling 1, 190.
b)
um seiner unbestimmtheit willen wird weichen gern von körperlich gedachten dämonischen wesen gebraucht, deren gangart man nicht näher bezeichnen will: satan nicht weicht, es sey den ernst Luther 29, 80 Weim.; der tüfel sprach, ich wil selber weichen, das man nit sprechen kan, man hab mich vertriben Pauli schimpf und ernst 113 Österley; als der unrain gaist weichen must Zimm. chron. 1, 115. von engeln Gryphius trauersp. 75 Palm; Schiller 4, 11, von Fortuna Sachs 17, 73 Keller-Götze; Götz verm. ged. 1, 56, Mars Logau 1, 3, 94, localen gottheiten Ranke 37, 7. von hier aus ist die anwendung auf abstractionen entwickelt, die von vornherein nicht körperlich gedacht waren: es war als wenn mit ihm alle guten geister gewichen wären Göthe I 25, 240 Weim.; der böse geist Zschokkes (ist aus der Aarauer zeitung) gewichen Görres 2, 7.
c)
unkörperliches ist subject, eine meinung, ein affect, zustände und vorstellungen: die wort ligen klar da und weychen nit Luther 8, 102 Weim.; also weicht des tods bitterkeyt 1. Sam. 15, 32 (erste niederschrift);
weiche alle traurigkeit,
und kehr wieder fröhlichkeit
wunderhorn 3, 99 (aus Demantinus tänze, 1601);
furcht und zweifel müssen weichen
Gottsched ged. 1, 175;
nur meine armuth, nicht mein wille weicht
Schlegels Shakespeare 1, 154;
da schienen mir beinahe alle hoffnungen gewichen und alle sterne untergegangen J. Grimm kl. schr. 1, 27; alle gedanken flohen dem bilde der geliebten nach, welches, ohne einen einzigen augenblick zu weichen, überall um mich her schwebte G. Keller 3, 209. namentlich sind die vorstellungen gern zeitlicher natur. zu zeitlichem gebrauch kann überleiten:
wenn man der stunden werth nach seiner tafel miszt,
und wann die tafel weicht, schon wieder durstig ist
Neukirch ged. (1744) 112.
er ist schon früh erreicht: alle stünd, tag, monat und jare weichen Schwarzenberg Cicero (1535) 36ᵇ; meyne tage sind gewichen wie eyn schatten Luther 18, 508 Weim.; die weichende nacht sagts dem kommenden tage Herder 6, 268;
der sommer weicht, der herbst fällt ein
Gottsched ged. 1, 252;
der winter weicht, ein neues jahr
steht an der krippe hochaltar
Novalis 1, 82 Minor;
da kamen schwere zeiten, die nicht weichen wollten W. Grimm an Gervinus, briefw. 2, 54.
4)
unbestimmt ist von haus aus auch die dimension, in der das weichen erfolgt. meist, aber nicht nothwendig, bestimmt sie sich aus dem satzzusammenhang: eine flaumfeder fällt nicht wie eine bleikugel; doch kommt diesz vom medium her, welches weichen musz Hegel 7 i 99.
a)
sie bleibt stets frei, wenn. weichen das verlassen einer normalen oder gewollten oder ruhelage bezeichnet. so früh anatomisch: wann einem der ruckgradt krumm würdt oder ein schulter weicht Gäbelkover arzn. 1, 203; (den hufen der türkischen rosse ist auf steinigem boden) gewohnlich der keren und bug gewichen Seutter roszarznei 12; das weichende zahnfleisch Hohberg georg. cur. 1, 524. noch öfter technisch: damit der flos, so man darauf mit dem steigzeug erbeiten würde, für weichen solt gehalten werden W. v. Schaumburg 154 Keller; sparren, damit man etzliche höltzer creutzweis voneinander sperrt, damit sie nicht weichen können Corvinus fons lat. (1646) 346; (die böschungen eines wegs mit) gemäuer einfassen, dasz die erden davon zusammen gehalten nicht weichen möge Hohberg georg. cur. 1, 532; bühnlöcher werden ins gestein gehauen, dasz die stempel darinnen gewisz liegen und nicht weichen können Schönberg berg-inf. 2, 18; die wand ist ein wenig gewichen: le mur s'est un peu assaissé Schwan n. dict. 3, 1019;
das schiff ächzt auf der wellen höhn ...
die bohlen weichen mit gestöhn
Droste-Hülshoff 1, 319.
von hier aus übertragen: (fürsten sind) schwache hülfflose stänglein; wan man meynet man stehe fest, so weichen sie Moscherosch ins. cura 62 neudr.; die letzten stützen des thrones weichen Dahlmann gesch. d. franz. rev. 325.
b)
die richtung des weichens kann vertical sein, selten nach oben:
sie sprichts — und aufwärts denkt sie, da weichen
der halle bogen, die gewölke fliehen
Uhland ged. 1, 119 Schmidt u. Hartmann;
oben wich die decke weit und weiter O. Ludwig 3, 307, öfter nach unten: namentlich der boden weicht, unter dem liegenden: (der heilige) legt sich auf einen schneeweiszen felsen, welcher alsobalden wie ein lindes wasser gewichen und ihme solcher gestalten ein herrliches grab abgeben Abr. a S. Clara Judas 4, 35, unter dem sitzenden: (wenn der seekranke) bald den himmel, bald die see in die augen bekommt, wodurch die täuschung eines unter ihm weichenden sitzes noch mehr gehoben wird Kant 10, 292, vor allem aber unter dem gehenden und stehenden: gewönlich seyen die alten hirsch vest und wolgesetzt, und weicht inen der tritt nitt new jäger buch (1590) 28ᵃ;
von dir geführt, werd ich kaum innen,
wie unter mir der boden weicht
König ged. 91;
die einzige feuchtigkeit, die den heiszen, unter seinen füszen weichenden boden benetzte, waren die thränen Klinger 7, 215; weil der baum aber am rande eines morastes stand, so war das erdreich unter ihm gewichen Grimm d. sagen 1, 162. von hier aus übertragen: wer dieses alles umbildet, wird die historischen unmöglichkeiten wegschaffen. aber der boden weicht dann ganz unter seinen füszen Niebuhr röm. gesch. 1, 243, und der kaufmännische euphemismus für fallen: weichen vom preise, niedriger werden Weyl prakt. kaufm. (1844) 2, 68, seit 1833 belegt bei Schirmer wb. der kaufmannsspr. 210.
5)
dasz weichen in der regel doch auf eine bewegung in der horizontale bezogen wird, liegt an der rolle, die das wort in der sphäre des kampfes spielt. es steht unter allen verwendungsarten am häufigsten vom krieg, dem körperlichen ernsthaften kampf der massen zu lande:
die schar begunden wîchen
Nibel. 207, 4 Lachmann;
sie mûsten wîchen durch die nôt
livl. reimchr. 2259 Meyer;
sy kerten die ruͦcken und wichen durch zwen wege 1. d. bibel, richt. 20, 31; dasz das volck alles weichen muszt buch der liebe 334ᵃ; der feld marschalck ... rieff ... der feind thete weichen, man müste ihn verfolgen Chemnitz schwed. krieg 2, 160;
wie man den feind durch weichen auch besiegt
Hanke ged. 1 (1731) 396, im citat bei Neukirch ged. 111;
die weichenden völker blieben nun stehn Haller Fabius 48;
nun so werden wir
bald wissen, ob wir weichen oder siegen
Schiller 13, 200;
ihr könnt's nicht läugnen, euer flügel wich
zuerst
13, 226;
es hat der feind die waffen in der hand,
und nicht fürwahr in frieden wird er weichen
14, 333;
nur der Franzmann zeigt sich noch
in dem deutschen reiche;
nun so nehmt die keule doch,
dasz er gleichfalls weiche
H. v. Kleist 4, 34;
in diesem augenblick erschien auch die besatzung von Pavia im rücken der weichenden: eine allgemeine flucht begann Ranke 2, 222; so geschah es, dasz sich schrecken und weichen und flucht über die ganze linie ... verbreitete 4, 48; bei eintritt der dunkelheit wichen die Franzosen auf der ganzen hochfläche Moltke 3, 24. entspr. vom seekrieg: die zweite art (des durchbruchs) hat den zweck, die feindlichen schiffe am weichen zu verhindern Alten handb. f. heer und flotte 3, 261, vom manöver: die zum rückzuge bestimmten wollten durchaus nicht weichen G. Keller 1, 156, vom zweikampf:
herr doctor, nicht gewichen! frisch!
Göthe I 14, 187 Weim.,
vom kampf der zecher: ich streich dich, ich weich nit: ich stich dich, ich wehr mich Fischart Garg. 128 neudr., vom kampf zwischen mensch und thier: der crocodil ... umbschrieben: denen weichenden grausam Treuer Dädalus 1, 351, sowie zwischen thieren:
und bang beginnt das rosz zu keuchen,
und bäumet sich und will nicht weichen
Schiller 11, 279.
vom unkörperlichen kampf der ansichten, lehrmeinungen, forderungen und rechte:
nu wîchit ûwers gemôtis
k. Rother 1685 Rückert;
es gilt hie nicht weichen noch etwas einreumen dir odder einigem menschen zu liebe Luther 34 ii 387 Weim.; in wichtigen sachen soll man leyden, in geringen weichen Lehman flor. pol. 2, 556, von da Wille sittenl. 155; denn einer musz doch weichen, wenn ruhe werden soll Babo schausp. 80;
ich hoffe,
der herzog wird in keinem stücke weichen
Schiller 12, 67;
allmählich wichen die bisherigen lehrbücher Ranke 1, 176; die weichenden erben (sind) nicht mehr gezwungen die heimath zu verlassen Leipziger tageblatt 1898 nr. 597. aus dem satzzusammenhang kann das verbum sittliche färbung erhalten, 'nachlassen in der anspannung des willens zum guten': wir sollen ouch nit wychen, obschon ein grosze anfechtung libs und der seel uns überfiel Keisersberg bilgersch. 16ᵃ; 'falsche nachgiebigkeit zeigen': ein richter sol einen verbrecher gehörig strafen: tuht er es nicht, so weicht (decliniret) er zum ersten mahl Butschky Pathmos 378; 'an werth zurückstehen':
wo sich graf Dünois in die schranken stellt,
musz jeder andre mitbewerber weichen
Schiller 13, 251.
6)
vom absoluten gebrauch führen übergänge zu weichen mit dativobject: ynn solchen fellen ... sol das recht weichen und an seine stat die billichkeit regiern Luther 19, 631 Weim.; wenn einer ein bett hat gefunden, so musz der strohsack weichen Lehman flor. pol. 2, 793; bei zusammenziehung in je einen satz wäre beidemal die syntaktisch höhere form erreicht: das recht soll der billigkeit weichen, der strohsack musz dem bett weichen.
B.
weichen mit dativobject ist seit beginn des 13. jahrh. häufig:
in (den winden) wîchet, swaʒ sie rüerent
R. v. Ems Barlaam 235, 9 Pfeiffer,
und hat seither den absoluten gebrauch überflügelt.
1)
präpositionale wendungen treten daneben zurück, nur vereinzelt findet sich fügung mit an: die staffeln sollen 12 schuch lang sein, auff das man weiten genug habe an einander zu weichen Dürer unterr. z. befest. C 4ᵃ. eine rolle spielt einzig vor, dessen gebrauch hier älter als der des bloszen dativs ist:
ther stal vore ime weih,
sam er pli ware
pfaffe Konrad Rolandslied 5116 Bartsch,
und bis heute concurriert: während er, rückwärts schreitend, vor etwas zu weichen schien, stiesz er ... halbverständliche worte ... hervor Hauptmann bahnw. Thiel 52, bei unverkennbarer gleichwerthigkeit:
der marmor weicht der zeit, der winter vor dem lentzen
Günther ged. 577,
wie denn diese fügung in prächtiger anschaulichkeit dem zurückgehen vor einer andrängenden masse gerecht wird: hat nur der deich hinreichende höhe und schrägung, so wird er nicht vor einer flut weichen Allmers marschenb. 1/2, 34. sachgemäsz wird die fügung meist vom kampf gebraucht, dabei ist der gegner ein mensch:
sie theilt die haufen — alles weicht vor ihr,
die Franken stehn, sie stellen sich aufs neu
Schiller 13, 332,
oder ein menschliches geräth: heere weichen vor wenig lanzen Seume ged. 180, selten ein thier: es ist einem jäger ein schand, vor einem schwein zu weichen, aber nicht vor einem hirsch Duez nomencl. 198. widerum sind auch dämonische wesen an diesem gebrauch betheiligt:
davor (vor dem kreuz) musz sünde, höll und tod,
ja selbst der teufel weichen
Schenkendorf ged. 24,
desgleichen unsinnlich gedachte subjecte: alle schreckensgestalten ... weichen wie nebel vor ihm Europa hg. v. Schlegel 2 (1803) 180. selten weicht vor in die bed. 'wegen' aus: dasz auch manchen tag etliche tausend dreckschüten auf der bauer reihe dort halten, und keine vor der andern weichen kann Reuter Schelmuffsky 122 neudr. nach festen gesetzen wechselt vor mit für (s. th. 4 i 617 f.):
gefahr ist ehre gleich,
folgt dem, der für ihr weicht
Logau 2, 9, 25 Eitner.
2)
weitaus in der mehrzahl der fälle wird die ursache des weichens durch dativ bezeichnet, dabei widerholen sich die möglichkeiten des absoluten gebrauchs ziemlich treu.
a)
weichen ist auch hier bewuszte und willkürliche handlung: lassen sie uns mit einander brechen wie leute von vernunft, die der nothwendigkeit weichen Lessing 2, 323. die beiden elemente der bed. 'nachgebend platz machen' können gleichmäszig betont sein: doch wil ich hiemit nicht begeren, das die ienigen, so bereyt yhre gute ordnunge haben ... die selbigen faren lassen und uns weychen Luther 19, 73 Weim. nur 'nachgeben', nicht 'platz machen' bed.: liebe überwindet alle ding. dar umb wychen wir der liebe N. v. Wyle transl. 32 Keller, umgekehrt kann auch die bed. 'platz machen' allein gelten: (die verschiedenen mahlzeiten) an einander hencken wie paternoster ... also das kein schlamp dem andern weichen kan Fischart Garg. 74 neudr.; da stieg der vater ab und wich dem müden knaben Ramler fabellese 1, 190. wider wandelt sich das element der beweglichkeit zum lockern, luftigen:
die brust mit flor bedeckt,
der jedem lüftchen wich
Lessing 1, 82.
das zögernde des vorgangs kann wider betont werden: er beschwor sie, der flamme nur schritt vor schritt zu weichen Göthe I 27, 215 Weim. neu stellen sich bei weichen mit dat. die bed. 'zurückstehen vor, entgehen, sich entziehen' ein: (ihr druckt) Brentii ecclesiasten ... welchem ich auch von hertzen weichen wolte Luther 26, 621 Weim.;
niemand lebt wohl ohne feind,
keiner kann der miszgunst weichen
Günther ged. 18;
nur thoren tadeln gern, was ihrer einsicht weichet
Gottsched n. ged. 60.
b)
das häufigste gegenwort dieses weichens ist widerstehen: alles weicht ihm; nichts wagt es ihm zu widerstehn Ramler einl. in die schönen wiss. 2, 155. mit wechselnden synonymen verbindet es sich stets so, dasz es eine neue färbung in die gesamtbed. bringt: weichen, schweygen und recht lassen Luther 6, 264 Weim.; weychen, leyden und nemen lassen 18, 309; volgen und weichen Murner an d. adel 28 neudr.; einreumen und weichen Agricola sprichw. (1534) D 6ᵃ; weichen oder nachgeben Albertinus Luc. königr. 53 neudr.; weichen, nachgeben, mitteln und vergleichen Lehman flor. pol. 1, 364. auch dieses weichen tritt im wechsel mit seinen eignen compositis auf: Faustus aber gieng in den fahrweg, dasz jn also der bauwer nothhalben ansprechen muste, er solte jm entweichen ... d. Faustus, der bezecht war, antwort jm: nun wil ich sehen, ob ich dir oder du mir weichen müssest. hörstu bruder, hastu nicht gehört, dasz einem vollen mann ein häuw wagen auszweichen sol? Faustbuch (1587) neudr. die stelle des Sachsenspiegels, die hier letzten endes vorausliegt, bietet das simplex: der rîtene wîche deme wagene, und der gênde deme rîtene 2, 59, 3 Hildebrand, desgleichen alle alten citate: Altprager stadtrecht 151, 170 Röszler; Luther 18, 297 Weim.; 19, 418; Franck sprüchw. 2, 72ᵇ; sprichw. klugreden (1548) 26ᵇ; 89ᵇ; Spanutius (1720) 515. auch sonst im verkehrsleben hat altes weichen jüngerem ausweichen platz gemacht: er (der esel) weicht niemand, der im begegent K. v. Megenberg 119, 34 Pfeiffer; weichens halb sein 'ausweichen' Th. v. Absberg 13 Baader; ein fuszpfad, schmal, dasz an gewissen orten eben einer dem andern weichen konte Moscherosch ges. 1, 342. desgleichen anatomisch: sollichs rhor erstreckt sich ... etwas gebogen, dann es muͦsz der groszen leber adern weichen Ryff anatomi D 5ᵃ. gegen fliehen bleibt weichen auch hier der gelindere ausdruck:
dar umme duchte my dat beste wesen,
dat ik wolde wyken syneme torn
Reinke de vos 5751 Prien;
ha! schreyt sie, heiszt das redlich kämpfen,
wenn man dem feinde flüchtig weicht?
Gottsched neuestes a. d. anm. gel. 3, 17.
c)
widerum begünstigt die unbestimmte bed. den gebrauch des verbs überall da, wo man die gangart nicht näher zu bezeichnen wünscht.
α)
von sinnlich wahrnehmbarem sagt man, es weiche, wenn man von der art seiner bewegung keine klare vorstellung geben kann:
(du sollst) den vördern gschmack (geruch) mit deim vertreiben ...
und muͦsz der erst dem letsten weichen
Scheidt grob. 4576 neudr.;
dasz ein solches übel einem worte ... auf einmal und für immer gewichen sei, ist gegen alle wahrscheinlichkeit Strausz 4, 168; man sah das feuer als ein lebendiges, mit der zunge leckendes thier an ... das nicht dem wasser weicht J. Grimm kl. schr. 5, 253;
ich dringe zu, tret alle sträucher nieder,
die büsche fliehn, die bäume weichen mir
Göthe I 2, 90 Weim.;
dasz hier die cörper fest und undurchdringlich seyn,
sie den veränderungen fast unaufhörlich
sind ausgesetzt, und ihnen müssen weichen
Brockes ird. vergn. 4, 97;
wacken und lagerwenden, welche niemand weichen Mathesius Sarepta 25ᵇ; da kaum das eis den frühlingsblicken weichet Pietsch 5 Bock; aber der schnee schien ihr nicht weichen zu wollen G. Keller 5, 164; sonne, mond und gestirn wichen dem herrlichen glanz gottes Herder 16, 62; die dickste finsternisz weicht dem lichte 18, 307;
die seidenen gardinen rauschen los,
dem strahle musz die grüne dämmrung weichen
Droste-Hülshoff 2, 243.
auffallend oft steht dieses weichen von gebilden der menschenhand: der ambosz weicht dem hammer nicht Lehman flor. pol. 1, 103; von da Wille sittenl. 156; leckerey und spielwerk weicht der aufkeimenden begierde Lessing 13, 427;
während nun unter sich selbst in heilsamer gährung sie (die gifte) kämpfen,
weichet der tödtliche trank endlich dem heilsameren
Göthe I 5, 45 Weim,;
das alte waldschlöszchen, das ihm hat weichen müssen Mörike 3, 30; der pfropfen wich verständig der höhern strategischen intelligenz (des pfropfenziehers) Raabe Horacker 35. auch in symbolischem gebrauch:
von einem münchen-stifft werdt ihr ein hertzogthum:
der chor-rock weicht den purpur-röcken
Besser 1, 6 König.
β)
widerum gern von übermenschlichen, dämonischen wesen, die zunächst körperlich gedacht waren: got aber weicht nicht dem nehsten Franck sprüchw. 2, 3ᵇ. so von Christus Fischart Dominici leben 125 v. 60 Kurz, von den engeln Luther 8, 534 Weim., von heidnischen gottheiten Opitz t. poem. 46 neudr.; Niebuhr röm. gesch. 1, 307; Rückert 2, 254; Peschel völkerk. 346, am liebsten doch von teufel und hölle: Paracelsus 1, 255 C Huser; Droste-Hülshoff 1, 334; Arndt 5, 335 Rösch u. Meisner; Körner 1, 123, zumal in dem sprichwort: dem böfel weicht auch der teuffel Franck sprüchw. 2, 100ᵇ; sprichwörter, klugreden 40ᵇ; Eyering 1, 369; Lehman flor. pol. 2, 607.
γ)
unkörperliches weicht meist vor unkörperlichem: da ... denn die schönheit wie billig der nothwendigkeit weichen muszte Göthe III 2, 87 Weim.; die idyllischen zustände am Achensee haben modernen einrichtungen weichen müssen Steub drei sommer 1, 158. mehr als äuszere zustände sind zustände der seele an diesem gebrauch betheiligt: die tödtliche langeweile zu scheuchen, die doch nur der kunst, sich vernünftig und nützlich zu beschäftigen weicht Forster 6, 361; der taumel ihrer sinne wich der angstvollsten ermunterung Immermann 1, 173 (Münchhausen 2, 7); als die begeisterung für den neuen kühnen gedanken einer kühleren überlegung gewichen war Peschel völkerk. 17, vor allem affecte: also thut die liebe, die weicht dem nähesten, so oft es noth ist Luther br. (1521) 2, 121 de Wette; mein gerechter zorn weicht der nothwendigkeit Schiller 13, 231; dasz die triebe, in ihrem widerstreit gegen die pflicht, derselben weichen sollten Hegel 10 i 71. ein affect weicht dem anderen:
zorn musz der liebe weichen
P. Gerhardt 3, 394 Fischer-Tümpel;
denn so weicht der neid dem glükk
Neumark neuspr. t. palmb. 349;
wo lust dem leide weicht
Giseke 46 Gärtner;
oft musz der stolz dem geldgeiz weichen
Archenholz Engl. u. It. 2, 162;
bei den frauen ist die liebe die vorherrschende leidenschaft ... beim manne weicht sie so manchen anderen affekten Moltke 1, 55. wo gedankenmäsziges weicht, ist es meist eine absicht: als ich sie verlies, ergriff mich der gedanke einige tage zu bleiben, der aber leider den nächsten bedingungen meiner reise weichen muszte Göthe IV 29, 258 Weim., oder als bethätigung des intellects die sprache und sprachliche gebilde: die ältere oberdeutsche mundart ... die ... der neueren obersächsischen nur nach und nach weicht Adelung magazin 2 i 5; wenn man in der deutschen sprache eben so verständliche und bestimmte wörter hat, musz das fremde dem einheimischen billig weichen Kinderling reinigk. 49; die einzelnen erzählungen (der gesta Romanorum muszten) heimischen lieblingsgeschichten weichen Gervinus gesch. d. d. dichtung 2. 142. eine vorstellung weicht: selich sind die reichen: dann das fegfewer musz jhnen weichen Lehman flor. pol. 3, 323, nam. wider, wenn sie zeitlicher natur ist: die nacht wycht dem tag Maaler 509ᵃ;
die nacht weicht dem siegenden licht
Schiller 3, 521;
wenn jeglicher frühling verblühen musz, dem heiszen sommer weichend Holtei 5, 32.
d)
die dimension dieses weichens ist kaum je vertical:
die berge weichen seinem (gottes) tritt
Herder 12, 314,
weil die vorstellung des kampfes hier die anschauung fast völlig beherrscht. meist ist es auch hier körperlicher krieg der massen zu land: er schlug so ritterlich umb sich, dasz sie jhm alle weichen muszten buch d. liebe 27ᶜ; die macedonische phalanx würde vielleicht römischen legionen nicht gewichen seyn Abbt 6 ii 21;
doch ein blutritt war es, ein todesritt,
wohl wichen sie unseren hieben,
doch von zwei regimentern, was ritt und was stritt,
unser zweiter mann ist geblieben
Freiligrath 4, 71,
vereinzelt zweikampf:
dir fast zur seite zeigt sich Pordenone:
ihr wolltet lebend nicht einander weichen,
im tode hat nun jeder seine krone
Platen (1839) 97 (sonette 31),
und kampf zwischen thieren: (wer von zwei rebhühnern vom andern) also überwunden würd, der weichet dem stärckern Herr feldbau 172ᵇ. 'nachgeben im kampf der worte und meinungen' ist weichen kaum vor dem 16. jahrh.: er waicht auch nieman mit worten Keisersberg sieben schwerter f 3ᵈ, oft bei Luther: welcher solt hie dem andern billich weichen? sol Augustinus Paulo odder Paulus Augustino weichen? 26, 576 Weim., nach ihm bei feind und freund: Murner an d. adel 28 neudr.; Eberlin 3, 118 neudr.; N. Manuel Barbali 1372 Bächtold. weiterhin vertieft auf das ringen religiöser und wissenschaftlicher kräfte: zauberey ... weiche von stundan dem lutherischen euangelio Nas antip. eins u. hundert 1, 53ᵃ; die wissenschaft ist dem glauben gewichen, das schaffen dem gebet Moltke 1, 166. ein bes. gut ausgebildeter sonderfall ist das nachgeben im rechtsstreit. von den parteien im civilprocess: söll der berckmeister ... einen theyle dem andern zu weichen weisen Lori bair. bergrecht 178; staatsrechtlich: nachdem dieser vertrag vollzogen, und hertzog Ludwig ... dem bruder gewichen Rätel Curäi schles. chron. 106; im collisionsfall wich natürlich die gemeinde dem staat Mommsen röm. gesch. 2, 363. im strafverfahren vom zeugen: du solt ... nicht antworten fur gericht, das du der menge nach vom rechten weichest 2. Mos. 23, 2. die vorstellung eines instanzenzugs, dasz ein untergeordneter act einem höheren weicht: unter zweien offentlichen verlöbnissen sol das ander dem ersten weichen und gestrafft werden Luther 30 iii 224 Weim., dringt in den allg. sprachgebrauch: das gesaz weicht der gnaden Fischart bibl. hist. 289 Kurz; der privatwahn soll dem gemeinen wahn weichen Lehman flor. pol. 2, 517. jung ist die anwendung auf politischen kampf:
es ist ihr herr und kaiser, dem sie weichen
Schiller 12, 100,
und auf politische principien: das eine mal musz wol ... das demokratische dem oligarchischen weichen Schleiermacher Platon 6, 429, noch jünger die auf ästhetische kämpfe: wie einst in solchen kleingebieten der romanische baustil noch gepflegt wurde, nachdem er in den offenen groszländern längst dem gothischen gewichen G. Keller 6, 28, auf den kampf des menschen mit dämonischen kräften und auf das ringen mit problemen:
soll ich dir, flammenbildung, weichen?
Göthe I 14, 32 Weim.;
dies war das mächtigste rätsel, dem Christian je ins auge gesehen ... ihm wollte er nicht weichen Ilg brüder Moor (1912) 146.
3)
neue entwicklung, die erst im rahmen der verbindung von weichen mit dativobject möglich ist, bietet sich nach vier seiten:
a)
schon gestreift sind wendungen wie der wahrheit, gewalt, nothwendigkeit weichen: eher dan wir solten schuler werden und der warheit weichen Luther 33, 353 Weim.; dero gwalt wir kein stund nie gewichen sind Zwingli freih. d. speisen 32 neudr.;
das recht weicht der gewalt
Stoppe Parnass 181;
ruhig, mein freund! weichen sie der nothwendigkeit Bauernfeld 5, 153. die norm ist, dasz ein starres princip ein gelindes zum weichen bringt: es war auf alles kalkuliert, nur auf den unsinn der verwüster nicht, dem alles weichen muszte Göthe IV 8, 53 Weim.; es giebt eine wirklichkeit, die meine träume zerstiebt und der ich weichen musz Forster 8, 37. bei den dichtern aber erscheint mit besonderer wirkung auch das starre princip gemildert:
die dunkle majestät der bildung wich
des todes ruhig lösenden gewalten
Droste-Hülshoff 2, 248.
b)
neben das dativobject stellt sich eine weitere bestimmung des weichens, die den bereich der handlung angibt: yedoch so haben wir noch biszhär den weiberen gewichen mit der kleydung Eppendorf Plinius 11, 193;
fürwahr! ein zage wär ich und ein tropf
zu schelten, so ich dir in allem, was
nur dir behaget, wiche
Bürger Ilias 1 v. 413;
(wenn ihr) dem narren, den ihr hier im konterfey betrachtet,
im leben duldsam wicht
Gotter 1 (1787) 25.
c)
das dativobject bringt die möglichkeit, weichen auf rangverhältnisse anzuwenden: cedere spatijs ... eim von eeren wägen weychen und platz geben zegon oder zesitzen Frisius dict. (1556) 204ᵃ. recht entwickelt ist dieser gebrauch fast nur für rangstreitigkeiten:
warumb solt ich eim andern weichen,
so er doch eben ist meins gleichen?
Scheidt grob. 651 neudr.;
dem ältern bruder musz der jüngre weichen
Schiller 14, 79,
auch im kampf der schönheiten und der dichter:
noch keine kan Dorinden gleichen,
noch keiner darf Dorinde weichen
Stieler geh. Venus 17 neudr.;
ich reime, dasz man es versteht,
und mehr, als du, geh, du must mir noch weichen
Kästner 1 (1755) 204.
erst Göthe würdigt das wort, zum träger edler versöhn licher vorstellungen zu werden:
hier ist es zeit durch thaten zu beweisen,
dasz manneswürde nicht der götterhöhe weicht
I 14. 40 Weim.
d)
weichen ist in alten und neuen wb.n stehende widergabe von lat. cedere, s. Diefenbach gloss. 109ᶜ ; nov. gloss. 82ᵃ. dasz es auch in seiner resultativen bed. (zu diesem begriff Rodenbusch idg. forsch. 28, 263) 'einem an werth nachstehen' die entspr. bed. von cedere nachbildet, läszt sich aus den frühesten belegen dieser bed. wahrscheinlich machen, die seit beginn des 16. jahrh. theils in übersetzungen aus dem lat. theils in gelehrter prosa stehen: also gelert das ... im da vil gelerter ertzt wichen Murner (1519) bei Hutten 5, 441 Böcking, für lat.: cedentibus ei peritissimis ibi medicis; das alt gesätz dem newen weycht Schwarzenberg t. Cicero 155; zwey ding sind, wilchen alle andere erbeyt des studierens weychen sollen Eberlin 3, 196 neudr. im ganzen bleibt diese bed. auf gelehrte beschränkt: in allen jren satzungen weichen (die menschen) billich der bibel B. v. Chiemsee t. theol. 86 Reithmeyer; wie andere nation thuͦn, denen unsere keines wegs weichen sol Xylander Polybius vorr. 4ᵇ;
ob wol, du groszer Rhein, dir alle flüsse weichen
Opitz t. poem. 105 neudr.;
trautes creutz! dem willigst weichen
alle bäum in dieser welt
Gryphius 2 (1698) 249;
da (in der sprache) es ... keinen mangel geben wird, dasz die römische zier der teutschen pracht und stürmenden lieblichkeit wol weichen musz Schottelius hauptspr. 64, 39; Thesprotien, Molossis ... weichen den gesegnetsten gegenden Griechenlands nicht an jedem reichthum Niebuhr röm. gesch. 3, 528. sie nimmt an verbreitung zu bis mitte des 18. jahrh., die classiker kennen sie noch:
alles weichet der macht weiblicher krieger, die
viel begehren und viel wagen (von der königin im schachspiel)
Herder 27, 27;
von einem arme, dem selbst Junos schöner arm
an form und weisze wich
Wieland 17 (1796) 194;
und darin musz der sommer mir (dem winter)
mit seiner schönheit weichen
Göthe I 16, 191 Weim.;
überall weichet das weib dem manne, nur in dem höchsten
weichet dem weiblichsten weib immer der männlichste mann
Schiller 11, 187;
Meroe: dies werk ist der giganten, meine königin!
Penth.: nun ja, nun ja: worin denn weich ich ihnen?
H. v. Kleist Penth. v. 1380;
an dauer weicht die rose dem rubin,
ihn aber schmückt des thaues thräne nicht
Platen (1839) 73.
im 19. jahrh. stirbt sie aus. worin der eine hinter dem andern zurücksteht, wird mit wechselnden präpositionen angegeben: dann Teutsche seind von art ein volck, das ... in und mit krieg niemant weicht Franck Germ. chron., vorr. bbijᵃ. die älteste ist mit:
wir wöllendt kinder zuͦher fieren,
denn du mit dyner kunst muͦst wychen
Murner narrenb. 5, 43 neudr.;
(Kreta ist) bewohnet wegen ihrer herrlichen fruchtbarkeit, mit deren sie keiner insel weichet in dem gantzen mediterranischen meer Heberer ägypt. serv. 416. etwas häufiger ist in: der halben gib ich dir etwas zu vor und weich dir in der tyranney, als ein alter tyrann einem jungen Hutten 4, 11 Böcking;
(ein parvenu) der, stolz und steif und bürgerlich,
im schmausen keinem fürsten wich
Hagedorn 2, 119.
jung, aber am besten entwickelt, ist an;
an wolgestalt findt man kein bald
schön Absalon musz (meinem helden) weichen
Forster fr. t. liedlein 33 neudr.;
gantz England weiche dir an vieh und schöner weide
Rachel sat. 56 neudr.;
und kurz: ihr brauchet eures gleichen,
den grazien, in nichts, als an der zahl, zu weichen
Lessing 1, 29;
der rubin,
der jenem weicht an dauer wie an klarheit
Müllner dram. 4, 105.
ganz vereinzelt bleibt halben:
jederman wird hie zu spott
und musz hoheit halben (dem gottesfürchtigen) weichen
Dach (1642) Königsberger dichterkr. 151 neudr.
auch umsprung der beziehung kommt vor, statt dir an schönheit:
deiner schönheit müssen weichen alle damen in der welt
Venusgärtl. 3 neudr.
andere nachbildungen von lat. cedere, die zu den bed. 'abtreten, meiden, anheimfallen' führen, gewinnen keinen boden: als aber Pius in der statt Rom 15 jar in dem priester ampt volbracht, hat er Aniceto den stuͦll gwichen Hedio chron. germ. E 1ᵇ; (Luther dankt) e. k. f. g. schrift, dasz sie ... Faber der stadt Prettin zu einem pfarrer erlaubet und gewichen haben briefe 5, 631 de Wette;
ist deine Doris nicht die schönste schäfferin?
und dencke, wie noch letzt, als Damon den gewinn,
den deine flöt' erwarb (eben Doris), dir traurig weichen müszte,
sie springend zu dir kam, und dich umhertzend küszte
Warnecke poet. vers. 369;
vor dieser art menschen sich jeder huͦt,
und weich die wie den basilisk
Thurneiszer v. kalten wassern, vorr. ijᵇ;
domus et quae domui cedunt ... das hausz und alles das darinn ist weycht jm Frisius dict. (1556) 204ᵇ.
4)
zu C führen fälle hinüber, in denen neben der ursache des weichens auch sein ausgangspunkt genannt wird: sie sind williglich und christlich dem zorn aus den augen gewichen Luther 38, 142 Weim., weiter fälle, in denen die ursache des weichens genannt wird, aber der ausgangspunkt gemeint scheint:
der gaystlich offt der regel weycht,
und auch mit disen hauffen streycht
Schwarzenberg t. Cicero 153;
als das schicksal Cäsarn wich, bin auch ich beschämt gewichen
Schönaich Hermann 10;
endlich die umgekehrten fälle, in denen der ausgangspunkt genannt, die ursache gemeint wird:
wer für dem creutze weicht, taug übel unter christen
Logau 1, 9, 4 Eitner.
dichterisch ist noch lange dativfügung möglich, wo die prosa eine präp. (von) verlangt:
der hat mir redlich ausgehalten, als
mir alles wich
Tieck 1, 92.
C.
ausgangspunkt oder -linie des weichens wird genannt.
1)
das alte sprachliche mittel hierfür sind die ortsadverbia:
si sind doch alle hinnen gewichen
schausp. d. mittelalt. 2, 220 Mone;
grundt und boden dennen wycht
Murner schelmenz. 48, 212 neudr;
denn wil ich wider weichen dorten
Sachs 21, 183 Keller-Götze;
decedamus hinc ... lassend uns ... da dannen weychen Frisius dict. (1556) 365ᵃ. die verdrängung des alten ortsadverbs durch präp. wird seit ende des 16. jahrh. eingeleitet durch die gruppe präp. mit ortsadverb:
das du von hinnen weichest baldt
Hayneccius H. Pfriem 55 neudr.;
ist keiner, der von dannen weich
Fischart Eulensp. 22 v. 275 Hauffen.
die beiden fügungen sind zu keiner zeit häufig, aber in der dichtung bis heute möglich.
2)
auszer den beiden häufigsten präp. aus und von spielt neben weichen keine andere eine namhafte rolle. auf, an, vor begegnen nur, wo die anschauung, dasz ein ausgangspunkt verlassen wird, irgendwie gestört ist: (Romulus) gab den frawen ... fryheit, das inen die man uff dem weg wychen Schöferlin Livius (1514) 6ᵃ; drey ding thut man nicht gerne zu rhom, bethen, zahlen und weichen am wege Hutten 4, 266 Böcking;
vor dieser kammer weich ich nicht
Wickram 6, 120 Bolte;
(in den singspielen sollte) die französische manier des platten dialogs vor dem recitativ der Italiener weichen Gervinus gesch. d. d. dichtung 5, 92. einzig die präp. ab erreicht auf obd. gebiet eine gewisse bedeutung neben von, bair.: so wolten sie weychen ab der mauer Schiltberger reisebuch 10 Langmantel; die juden ... weichen ab dem dinst desselben jres gots B. v. Chiemsee t. theol. 69 Reithmeyer, und bes. alem.: (du lieszest dich kreuzigen) das dein hertz und dein gelider ietliches weich ab seyner stat d. ewigen weisheit betbüchl. (1518) 118ᵇ;
hat nach ihrem wunsch ein belobtes werk verrichtet,
weil er ab der welt gewichen
Grob dicht. vers. (1678) 44.
3)
ungleich wichtiger ist anknüpfung mit aus. diese präp. ist
a)
allein möglich
α)
wo der weichende einen raum verläszt, der ihn vorher völlig umschlosz, namentlich land und landschaft: das landt gefiel jm wol, und wolt nit darausz weichen Münster kosmogr. 54; dise kräy weycht zuͦ sommerzeyt ausz dem Niderland Gesner thierb. 2, 164; weichet aus dieser insel Nigrinus von zäuberern 42;
Apollo wich mit fleisz aus dieser wilden flur
Gottsched n. ged. 57;
die nacht weicht langsam aus den thälern
Schiller 14, 335,
ortschaften: Gadarener ... die ... Christum ausz jren grentzen weichen heiszen Sandrub kurzweil 53 neudr.; will ich selbst aus Guastalla nicht weichen Lessing 2, 444; wich er aus der stadt Schiller 13, 354, haus und zimmer: so will ich usz dem hus wychen Stainhöwel Äsop 90 Keller; niemand weicht gern ausz dem hausz, darinn er gebohren, erzogen und gewohnt Lehman flor. pol. 2, 769; weicht aus dem divan Schiller 13, 384; sollte das gespenst aus den ruinen weichen Kästner verm. schr. 2, 202; bis wir aus der kammer weichen Schweinichen denkw. 23; muste mein wirth ausz seinem bette weichen Simpl. 356 neudr. der leib des menschen umfängt gleicherweise kräfte und gefühle, die in ihm leben: sobald der frost ihr aus den gliedern wich Ramler fabellese 1, 145; ein blick in des jungen gesicht, und aus dem ihrigen wich alles blut Ebner-Eschenbach 5, 49.
β)
wie der raum die körper, so umfassen seele, sinn und begriffe einen geistigen inhalt: der kunstrichter verliert alles, wenn er aus der theatralischen anschauung weichet Herder 3, 45;
jeder gram musz aus der seele weichen,
nur aus meiner seele weicht er nicht
J. M. Miller ged. 54;
und aus meiner seele trüben
kammern wichen leid und angst
Arent mod. dichterchar. 49;
und in ihrem busen wohnt der friede,
der durch sie aus meinem busen wich
Gotter 1 (1787) 75;
da wich ein langer jammer aus zweier herzen grund
Rückert 3 (1839) 502;
versprich mir denn, dasz dieses heitre fest ...
dir nicht aus dem gedächtnis weichen soll
H. v. Kleist 1, 224;
weil die ehr und redligkeit
weicht und fleucht ausz unsrer zeit
Logau 1, 3, 31 Eitner;
als sei ein störendes unheimliches prinzip aus seinem leben gewichen E. Th. A. Hoffmann 6, 47 Grisebach.
γ)
eine führung, ein geleise umgreift körperliches nicht völlig, aber an der entscheidenden stelle:
der zaum jhn ausz den händen wich
Spreng Ilias 140ᵇ;
die ströme werden weichen
aus ihren ufern zur frist
Geibel 4 (1888) 245.
hier schlieszen die sehr mannichfaltigen wendungen an, in denen weichen das verlassen einer norm bezeichnet:
der brand ergriff den thurm, der bald durch einen schwung
aus seinen banden wich
Besser 1, 55 König;
ihr (der uhren) lauf beschrieb verschiedne krayse,
und keine wich aus ihrer gleise
Lichtwer (1748) 129;
die melodie der gedanken weicht aus den engeren schranken zu höherer anschauung B. v. Arnim Günd. 2, 14; aus ihrem gleichgewichte Blumauer ged. 184; aus seiner natürlichen stelle Kant 10, 10; aus ihrer bahn Schiller 5, 325; aus ihrem engen zirkel Fr. Müller 2, 37; aus aller schnur Immermann 1, 82; aus den fugen Mommsen röm. gesch. 2, 74; Grillparzer 8, 140; aus nuth und naht Jordan die Sebalds 1 (1904) 254.
δ)
aus allein ist am platze, wo aus der richtung einer gefahr gewichen wird: so er das thier (ein einhorn) gegen jm sicht traben, stelt er sich an ein baum, jm ausz dem stich des horns zuͦ weychen Gesner thierb. 37; Floreno aber war jhm viel zu behende, und wich jhm ausz dem wurff buch der liebe 21ᵇ; aus dem strich weichen declinare ictum Reyher thes. 04ᵇ.
b)
aus concurriert mit von in drei fällen:
α)
in den verhältnissen des verkehrslebens, die jetzt das comp. ausweichen deckt:
dô die von Beier lande   wichen ûʒ dem wege,
dô hôrt man nâch hellen   die freislichen slege
Nibel. 1556, 1 Lachmann;
und inen usz dem weg wychen sölten Stainhöwel cl. mul. 191 Drescher; entspr. Murner narrenbeschw. 60, 43 neudr.; 4. Mos. 22, 23; Hiob 31, 7; Alberus fab. 26, 18; Gesner thierb. 41ᵇ; Werder ras. Rol. 24; Lohenstein Arm. 1, 59ᵃ; Bode Montaigne 3, 49, dazu: ausz dem wege gottes weichen Paracelsus 2, 91 A, gleichbed.:
und da im der held nicht aus seim lauf
wolt weichen, thet sich der hirsch auf
Maximilian teuerd. 32, 49 Gödeke;
darumb reuspert sich der herr auff der gassen, das man an die schlapp greiff und weich ausz der straszen Fischart Garg. 63 neudr.
β)
in der sphäre von streit und krieg, soweit weichen der bed. 'fliehen' nahekommt: prunnenmaister ... mochten das nicht zu wegen pringen und wichen ausz der stat städtechr. 4, 318 (Augsburg 1412); im fale der soldaten einer im abzuge oder marschiren ausm gliede weichen ... wolte, denselben wieder unterzustoszen Chemnitz schwed. krieg 2, 46; Brokdorp, der aus Schonen hatte weichen müssen Nitzsch d. studien 263; aus dem felde zu weichen Ranke 3, 18. gleichbed. mit fliehen ist weichen auch hier nicht, die formel weichen und fliehen Arigo dec. 81. 130 Keller stellt die begriffe zu gegenseitiger ergänzung nebeneinander.
γ)
bei betheiligung dämonischer wesen: die teuffel ... auff ihren befehl ausz den besessenen menschen weichen Albertinus hirnschl. 62;
allein der leichte schatten (Kreusas) wich
wie luft mir aus der hand
Blumauer ged. 216.
4)
die präp. von ihrerseits tritt
a)
neben aus in den entspr. drei fällen:
α)
beim verkehrsleben der strasze:
die mit der frouwen giengen,   die hieʒen von den wegen
wîchen allenthalben
Nibel. 286, 2 Lachmann;
deviare wichen von wege westmd. variloquus (ende d. 15. jahrh.) bei Diefenbach gloss. 178ᵃ ; wider auch moralisch gewendet: vom weg der reinigkeit und unschuld weichen J. M. Miller pred. f. landvolk 3, 281. in der geistigen und körperlichen welt des verkehrs begegnet auch die wendung wanken und weichen wider: sie ... wankt und weicht nicht von ihrer art und weise Göthe IV 35, 283 Weim.;
wo sind sie, die vom breiten stein
nicht wankten und nicht wichen?
allg. d. commersb. (Lahr 1858) 240.
β)
neben weichen, das der bed. 'fliehen' nahekommt, ist von kaum jünger und viel häufiger als aus: so haben auch die Hussen die stat Chomentaw selbs auszgeprant und sind davon gewichen städtechr. 2, 39;
(ich, Reineke) byn in der noet by yw ghebleven
vaken, wan etlyke van yw weken,
de nu syk twysschen uns beyden steken
Reinke de vos 4321 Prien;
alle die kriges halben von der stat gewichen waren Arigo dec. 339 Keller; von jren hauptleuten und baner weichen Carbach Livius (1551) 53ᵇ; unabgefordert von einer wache oder batterie zu weichen Fleming vollk. t. soldat 56 § 1;
ich will den horcher bey den zelten spielen
ob irgend wer von mir zu weichen denkt
Schlegels Shakespeare 9, 201.
γ)
viel öfter als aus steht von bei betheiligung dämonischer wesen:
sindt das du ein bepstin bist genant
so mus ich (der teufel) von dir weichen zuhandt
Schernberg fr. Jutte 780 Schröder;
so musz das gespenst von euch weichen
Sachs 1, 150 Keller;
der geist gottes war von ihm gewichen Schupp (1663) 14; möge dieser gute genius bis an das ende nicht von unserer seite weichen Göthe IV 28, 93 Weim.; die weisze nebelgestalt wich nicht von ihrem opfer Laistner nebelsagen 82.
b)
ganz oder fast allein gilt von in weiteren fünf fällen.
α)
in formeln mit neg. bestimmung eines kleinsten maszes, wie: nicht um einen schritt weichen. am frühsten und beliebtesten ist haar:
sîner hôhen tugende sin
lieʒ in niht wîchen um ein har
passional 451, 19 Köpke;
nicht um eines haares breite wich er von dem ergriffenen system Ranke 31/32, 60, schweiz. gern vergröbert zu burst: unguem latum non discedere ... nit umb ein burst weychen Frisius dict. 1402ᵃ. nächstalt und -häufig sind tritt und schritt (vgl. frz. ne pas):
dor von weichen nit eyn drit
Murner schelmenz. 13, 39 neudr.;
vereinbartend sich ... von der alten besitzung und landmarchen nit ein schritt ze wichen Tschudi chron. helv. 1, 56, daneben merkwürdig jung fusz: er wich keinen fusz breit Moltke 1, 65, älter finger: weichen nicht eines fingers breit Reyher thes. o 4ᵈ; damit gleichbed. nagel: nicht einen quer finger oder nagel breit weichen Apinus gloss. nov. 440. selten bleiben masze aus der anorganischen welt: nicht weichen umb ein spangen Fischart ehzuchtb. 141 Hauffen; über den canal schlug er eine brücke ... von den gröszten quadern ... davon ist keiner um einen messerrücken breit aus den fugen gewichen Niebuhr röm. gesch. 3, 487. die maszbestimmung wird mhd. stets, seitdem in abnehmender häufigkeit mit um angeknüpft, sie steht im acc. seit beginn des 16. jahrh., und diese fügung herrscht jetzt fast allein. anknüpfung mit dem gen. und mit auf bleiben auf das 17. jahrh. beschränkt. ganz selten positiv: da jm ein finger breit gewichen were Luther 34 ii 387 Weim.; weicht einen kleinen schritt Göthe I 16, 139 Weim.
β)
bei körperlicher trennung gilt von, wenn ein verband gelöst, eine zus.-gehörigkeit aufgehoben wird. im einzelnen widerholen sich die kategorien von C 3 a):
auff dasz auch theten sie deszgleichen
nicht zu hoch von der erden weichen
Fischart Eulensp. 9 v. 214 Hauffen;
lieszen sie die ruder gar langsahm ... ins wasser fallen, dasz sie kaum ein wenig vom lande wichen Olearius verm. reisebeschr. 9; die dolen, so langsam von der weyde weichen, zeigen an den winter Nigrinus v. zäuberern 135; dasz kein Neapolitaner von seiner stadt weichen will Göthe I 31, 23 Weim.; so mercken sie doch gleich jre ställe ... und weichen schwärlich davon Sebiz feldbau 121;
ihr müszt heut keinen schritt vom hause weichen
Schlegels Shakespeare 2, 56;
von meines herrn palaste
vermocht ich nicht zu weichen
Platen 1, 21 Hempel;
drei ... nächte, während welcher seine mutter nicht von seinem bette wich H. v. Kleist 2, 231;
iemehr der athem weicht vom munde
ie minder wird er warm verbleiben
Logau 3, 6, 34 Eitner;
ja, bester lord, und niemand hier im kreis,
dem nicht die röthe von den wangen wich
Schlegels Shakespeare 9, 70;
er, dem der schlummer oft vom augenliede wich
Hölty ged. 45 Halm.
neu und reich entwickelt sind die allg. ausdrücke von der stelle weichen Thümmel reise 5, 264; Göthe I 22, 136 Weim.; Pocci lust. kom.-büchl. 30; G. Keller 4, 77, vom fleck weichen Overbeck verm. ged. 88; vom platz weichen hundert hist. volksl. 17 Ditfurth; Schiller 14, 397; H. v. Kleist Penth. v. 1461.
γ)
von allein ist am platz überall da, wo der ausgangspunkt eine person ist. selten, aber zu allen zeiten möglich ist der ausdruck, dasz körperliches von einer person weicht:
wer sich pfleget voll zu sauffen, wenn der trunck gleich von ihm weicht,
hat den vortheil, dasz er nüchtern auch noch einem thoren gleicht
Grob dicht. vers. 38;
ein gelehrter und vernünfftiger here ward mit bestürtzung gewahr, dasz ... das geld von ihm gewichen disc. d. mahlern 2, 22; die wolken wichen nicht von ihnen (den reisenden im gebirge) Ritter erdkunde 3, 722. viel häufiger wird gesagt, dasz eine person von einer andern weiche:
mit den gedanken er dô hin
von vatere und von mutere weich
passional 151, 73 Köpke;
daruff fleysz er sich, by dem küng zuͦ sin und von jm nit zuͦ wichen buch d. beisp. 27 Holland; so viel weitter der her von got abweicht, so viel weitter weicht das volgk von dem herren H. v. Cronberg 15 neudr.; das sie nicht mit sich nemen einen solchen, der von jnen gewichen war in Pamphylia apg. 15, 38; sie sich im gantz für eygen gab und wolt nimmer von im weichen Schumann nachtb. 101 Bolte;
so musz ich deszgleichen,
schätzlein, von dir weichen
Venusgärtl. 8, 8 neudr.;
drauf kam der ältre Gryph, und zwang sein saitenspiel
und wich schon hier und da vom Opitz allzuviel
Bodmer krit. ged. 55, 266 neudr.;
entschliesze dich von Mahomed zu weichen
Wieland 22 (1796) 224;
der alte Voss ist von uns gewichen und wird ... seinen rückweg nach Heidelberg ... nehmen Knebel Göthejb. 5, 109. die anwendung auf religiöse verhältnisse geht deutlich von körperl. aus: ich pat den herren zu dreyenmalen, das er wiche von mir erste deutsche bibel 2. Kor. 12, 20; hilf uns ... auf das wir, herr Jesu Christe, nit von dir waichen Dürer tageb. 82; weichet alle von mir, jr übeltheter Matth. 7, 23;
wann ir von gott gewichen seyt
Sachs 1, 215 Keller;
hörest du mich nicht, du mein gott?
bist du ganz von mir gewichen?
Z. Werner M. Luther 211;
da wich der glanz gottes von ihm und es begann eine zeit wilden aufruhrs Droysen gesch. Alexanders 17, 28. thiere weichen von einem menschen und umgekehrt: hast nun den wald enteret, und weichen die thier von dir Pauli schimpf u. ernst 27 Österley;
du bist von deinem schwartzen pferd
noch nih gefallen auff die erd,
auch darvon gewichen kein mal
Thym Thedel v. Wallmoden 1401 neudr.
unkörperliches weicht von einer person, nam. vorstellungen, kräfte, affecte: den weg der falscheyt lasz weychen von myr Luther 8, 189 Weim.; mein gedancken nye von eüch gewichen seind Wickram 1, 83 Bolte;
(wie sind) all sein krefft von im gewichen
Sachs 6, 185 Keller;
wenn aber jn der trunck erschleicht,
all sein verständnis von jm weicht
Ringwaldt laut. warh. 65;
und wann von jhnen mut und sinn
nit gäntzlich wär gewichen hin
Spreng Äneis 23ᵃ;
sein starckes leben von jhm wich
Spreng Ilias 49ᵃ;
die zeit soll man zur lust anwenden
eh als sie von uns weicht
Dach Königsberger dichterkr. 29 neudr.;
die tage
da der sommer von uns weicht
Brockes ird. vergn. 1, 126;
weszwegen alle meine courage von mir weichen wolte Schnabel insel felsenb. 21, 34 neudr.; weichet, sorgen, von mir Göthe I 2, 93 Weim.; keinen tag des lebens soll der schmerz von mir weichen 21, 133; aller ernst ist von ihm gewichen A. v. Arnim 2, 164 Grimm; der knabe war seitdem wie verwandelt, das träumerische wesen gänzlich von ihm gewichen Droste-Hülshoff 2, 278; die erste stärke der begeisterung (ist) von Shakespeare gewichen Grillparzer 13, 282.
δ)
gleichwerthig mit einer person stehen ihre theile: er sie in seine arme nam, davon sy nit weichen möchte Arigo dec. 200 Keller; derowegen verbliebe ich bey diesen zweyen gesellen, der meinung, nicht von ihren fusztritten zu weichen Grimmelshausen vogeln. 2, 419 Keller;
er weicht, so schwört er, eher
von dieser Amazone fersen nicht
H. v. Kleist Penth. v. 222;
von diesem augenblick an wich der gute Duval nicht von meiner seite Pfeffel pros. vers. 5, 60; wenn ich im traumwahn von deiner seite weiche B. v. Arnim Brentanos frühlingskr. 384; begleitet von einem groszen schwarzen St. Bernhardshunde, der nie von ihrer seite wich Storm 1 (1899) 121.
ε)
endlich ist in geistigen kämpfen von allein am platze. bis zur mitte des 16. jahrh. sind das immer, später vorwiegend religiöse kämpfe: so betracht, wie gar ferre du von den gebotten gotes gewichen syest N. v. Wyle transl. 98 Keller; dorumb hutte sich eyn igklicher vom wortt zw weichen Luther 32, 58 Weim.; etlich von dem glouben wychen werdind Zwingli 1, 43 Schuler (die gleisner wollen) so gar in ihrem letzten end von ihren irrthumben nicht weichen Albertinus hirnschl. 90; dasz das Augsburger bekenntnisz sein panier sei, von dem er ebenso wenig als von der bibel jemals weichen wollte Schleiermacher I 5, 362. vorübergehend spielt der kampf ums recht eine rolle: de jure cedere ... von seinem recht weychen und abston Frisius dict. (1556) 204ᵃ; weiche oft von deinem recht; es ist besser ein schädlein, denn ein schaden Wille sittenl. 107. erst spät tritt das ringen um wissenschaftliche wahrheit in deutscher sprache hervor: können wir von aller naturkündiger grund und schlusz nicht weichen, was da wird und wechst, das vergehet Mathesius Sar. 62ᵇ; die gedancken sollen von der warheit nimmermehr weichen Lehman flor. pol. 3, 185;
von eures meisters lehren
ihr ärzte weichet nicht
Schenkendorf ged. 12.
5)
zu D. leitet über der fall, dasz neben dem ausgangspunkt auch ein ziel des weichens genannt ist:
für sîn stürmen, für sîn slîchen,
für sîn ungefüege drô
sul wir in die stuben wîchen,
dâ mit wîben wesen vrô
U. v. Liechtenstein 446, 19;
der abt ... wicht usz dem husz in ein vesti Tschudi chron. helv. 1, 32; ich förchte, gott werde ... von uns in andere lande weichen Moscherosch ins. cura 122 neudr.; Wilhelm war vor dem rauch in ein entferntes zimmer gewichen Göthe I 21, 257 Weim.;
weicht nicht in künstlicher modulation
aus einem ton in andern ton
Schubart ged. 2, 246.
D.
ein ziel des weichens ist genannt.
1)
im sprachlichen ausdruck kann das ziel ungemein mannichfach sein. die ältere sprache bevorzugt das ortsadverb: sie wichen daselbs hyn richt. 19, 15 (erste niederschr. 1, 23 Weim.); du bist zuͦfast dört hin gewichen Boltz Terenz (1539) 88ᵇ;
weicht auszer, weicht, jhr lieben freund
Hayneccius H. Pfriem 2408 neudr.
seit dem 16. jahrh. ist die gruppe präp. mit subst. immer häufiger geworden: Joseph und Maria haben darumb inn den stall mussen weychen Luther 10 i 1, 64 Weim.; jhr jungkfrawen, weicht ain klaine weil auff ain ort, bisz so lang ich meinen leib abwesche Schaidenreiszer Od. 62, 31 Weidling; er war ... zum papstumb gewichen Geizkofler selbstbiogr. 32 Wolf; so weichen sie (die fische) geschwind in ihre löcher wieder Prätorius anthr. plut. 1, 71; aufstand des römischen pöbels, der aus erbitterung gegen den rath auf den heiligen berg gewichen war Breitinger crit. dichtk. 1, 9; der volle mond wich hinter die Seealpen Heinse 1, 153 (Ardhingh. 2); (sie) wich dann mit dem gespräche zu ihrem alten gewöhnlichen discurs Göthe I 8, 222 Weim.; weichet hinweg zur schulstube, ihr kinder Ebner-Eschenbach 1, 121. selten bleibt die gruppe präp. mit pron.:
ein solcher groszer sinn, wann er will in sich weichen
Opitz t. poem. 63 neudr.;
erhasche ich die rechenstecken, welche aber auf mich zu wichen G. Freytag 20, 138.
2)
sachlich gehören die zeugnisse wider den beiden groszen gebieten des kampfes und des verkehrs an.
a)
im bereich des kampfes wird neben weichen zuerst ein ziel genannt:
dô muste hinder wîchen
Chusi schemelich genuoc
passional 79, 46 Köpke.
wider erreicht weichen hier nahezu die bed. von 'fliehen':
die pilgerîme gar unvrô
kein der Rîge wichen do
livl. reimchr. 6068 Meyer;
so musten die Wende wichen in das Osterlant Wig. Gerstenberg chron. 19 Diemar; kain wagenpurc ... uff die sy fluchtlich weichen mochten Pleningen Sallust (1515) V 3ᵇ; nun warend die lüt zu beiden siten ob dem Zürich-see in die statt Zürich gewichen Tschudi chron. helv. 2, 314; die in das kleinere Armenien gewichene Tigranes und Mithridates Lohenstein Arminius 1, 212ᵇ. von beginn des 16. bis nach mitte des 17. jahrh. spielt hinder sich weichen eine rolle: Gersdorff wundarzn. 46ᶜ ; herzog Aymon c 5ᵃ; Eppendorff Plinius 8, 46; Amadis 1, 125 Keller; Ruoff hebammenb. 83; Stumpf Schwytzerchr. 27ᵇ; Fleming d. ged. 1, 231 Lappenberg;
so offt ich ruf und bäte,
weicht alles hinter sich
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 387ᵃ.
verwandte wendungen bleiben selten: zu weichen hinderwertz Spreng Ilias 21ᵇ; sein die Schwaben ... widerumb zu rugken in ir haimat gewichen Zimm. chr. 1, 35; secedo ... neben sich weichen Calepinus XI ling. 1316ᵃ. jetzt sind sie alle durch zurückweichen verdrängt. dagegen ist das simplex in geltung geblieben überall da, wo die vorstellung eines exils eine rolle spielt: er sey eyn christen, und sey darumb in die wuesten gewichen Agricola sprichw. (1534) C 5ᵃ; wychen ins ellend foro cedere Maaler 509ᵃ; bin derowegen einist in die wüsten gewichen, dasz ich möchte wol verborgen seyn Schupp (1663) 745; da wichen die verlassenen Ansivaren in das gebiet der Usipier Grimm d. sagen 2, 11.
b)
in der sphäre des verkehrs ist bei seite weichen vor allem gut entwickelt:
der apt miest wychen sunst besytz
Murner schelmenz. 44, 4 neudr.;
weycht beseyts, gebt raum, gebet platz, der herre kompt Luther 17 i 315 Weim.;
weichet, weichet all uberseit,
der fürst kompt, weicht, er ist nicht weit.
weichet sag ich, weichet balt, balt:
weicht uberseit, weichet
Hollonius somn. 32 neudr.;
wie scheu ein hund etwa zur seite weicht
H. v. Kleist 1, 417;
sie wäre nicht auf die seite gewichen O. Ludwig 2, 319; ein theil des gesindes ... wich ehrerbietig an die seite Storm 6 (1899) 264. in seiner zweiseitigkeit läszt der verkehr die wahl zwischen rechts und links. ganz selten wird die alternative positiv gestellt: er weiche uff die recht oder linck seyt Hedio chron. germ. 5ᵇ, oft negativ: die landstrasze wollen wir ziehen, weder zur rechten noch zur lincken weichen 4. Mos. 20, 17, von da geflügeltes wort Büchmann ²⁵13; er wich weder zur rechten, noch zur linken Lavater verm. schr. 2, 23;
eher weichen wir nicht zu den unsrigen oder zu andern,
ehe sie aus den Achaiern sich einen bräutigam wählet
Voss Od. (1781) ges. 2 v. 128.
3)
erst wo die vorstellung eines ziels gegeben ist, wird weichen auf erscheinungen der perspective angewendet: eine küste, eine landschaft weichen scheinbar in die ferne, sinken zurück vor dem auge:
das wir es (das Welschland) könden nit erschleichen,
weil es thut jmmer von uns weichen
Spreng Äneis 55ᵃ;
der auffm wasser schifft und das land verläst, meint nicht anders ... die häuser, thürn, stätt und bäum weichen zurück, da er doch von jhnen weicht Lehman flor. pol. 2, 909;
und als er sich ermannt vom schlag,
sieht er drei lichtlein schleichen.
er rafft sich auf und krabbelt nach,
die lichtlein ferne weichen
Göthe I 1, 166 Weim.
secundär kann die zielvorstellung schwinden:
so blickt in meeres öden reichen
ein schiffer einsam himmelan
o herr, wenn einst die ufer weichen,
sei gnädig du dem steuermann
Eichendorff 1, 602.
E.
composita (die in früheren bänden übergangenen sind gesperrt): ab-, aus-, dahin-, ein-, ent-, fort-, ge-, her-, herab-, herüber-, hin-, hinab-, hinüber-, hinweg-, nieder-, ver-, vor-, weg-, zurückweichen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1915), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 485, Z. 22.

weichen2, schw. verb.

²weichen, schw. verb.
'weichen machen' ahd. weichen Wilmanns wortb.² § 33 f., mhd. weichen mhd. wb. 3, 617ᵇ. factitiv zu ahd. wîchan, wie die schw. verba der I. klasse beizen zu bîʒan, kleiben zu klîban, s. u. mhd. weifen zu ahd. wîfan. als 'lenken' vom rosz, 'ablenken' vom willen in dichtung und prosa bis mitte des 12. jahrh. dazu geweichen II 2 a β.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1915), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 505, Z. 1.

weichen3, schw. verb.

³weichen, schw. verb.
'weich machen' ahd. weichjan, weichen Graff 1, 712, ags. wǽcan Bosworth-Toller 1149ᵃ, anfr. weicôn, mnl. weiken, wêken Verdam 687ᵃ, nnl. weeken Franck (1912) 781, alts. nur als hd. lehnwort mollitus giuuîchiter Wadstein 80, 16, mnd. wêken Schiller-Lübben 5, 658ᵇ, mhd. weichen mhd. wb. 3, 617; Lexer 3, 737. factitiv zu ¹weich adj., wie die schw. verba der i. klasse festen zu festi, lôsen zu lôs, wîhen zu wîh. zum nebeneinander der verbalen ableitung ²weichen und der adjectivischen ³weichen Wilmanns wortb.² § 34 anm., entsprechend gehört scerjan 'scheren' zu scëran stv. 'schneiden', scerjan 'bescheren' zu scara f. 'portio'. — in lautgerechter entwicklung hat, wie bei weiche f. (sp. 483) germ. kj in obd. mundart k ergeben: perfusio geweicket brot Liebinger voc. rer. (1466) bei Diefenbach nov. gloss. 287ᵇ; in Östreich u. d. Ens wak'n Castelli 263; wien. weiken Loritza 142; steir. weiken Unger-Khull 626ᵃ; waigge 'einweichen' mündlich vom Kaiserstuhl. sonst ist das simplex in den mundarten wenig vertreten: boachen 'inzuppare' Schmeller cimbr. 174; nösn. wêch'n = moselfr. (en)wêchən Kisch vgl. wb. 244ᵃ. in der schriftspr. hat dem wort geschadet, dasz es Luther, der noch 1525 ps. 6, 7 übersetzt: ich ... wayche mit meynen threnen meyn lager 18, 479 Weim., in der bibelübersetzung nirgends stehen läszt (weich machen ps. 65, 11; weich sein Sir. 30, 7; weich werden 2. chron. 34, 27 u. ö.). um so mehr ist weichen ein wort der glossare des 14. bis 16. jahrh.: Diefenbach gloss. unter commulcere, lentare, lentescere, molere, mollificare, mollire, mulcere, permollire, permulcere; Maaler 487ᶜ. 491ᶜ; Calepinus 573ᵇ. 850ᵃ. 907ᵇ.
1)
schon th. 4 i 5426. 4529 ist beobachtet, dasz die alte zeit den übertragenen gebrauch des wortes begünstigt. 'seelisch mürbe machen, mild stimmen, zusetzen' sind in mhd. dichtung die herrschenden bedeutungen:
siben grôʒiu zeichen
diu schulen uns weichen
Wernher Maria 189, fundgr. 2, 200;
durch si wil ich mîn herze weichen
Thom. v. Circlaria w. gast 1016;
nu saltu wiʒʒen alvürwar,
daz dich gelust mê weichet ...
dan dem bischove sî bekant
passional 128 Köpke.
das etym. bewusztsein für die herkunft des worts bleibt aber immer lebendig:
(wunder,) dô mit got wil weichen
die hertzen, die versteint sint
Hnr. v. Neustadt gottes zukunft 6021 Singer;
(lebenswasser, das) den sundigen mist
der in uns vorhartet ist,
weiche vor und irvûchte
Hnr. v. Hesler apok. 22465 Helm.
in der fruchtbringenden gesellschaft ist der weichende C. E. Knoche, sein spruch:
dasz der weichende
weiche alle härtigkeit
vieler menschen dieser zeit
Neumark neuspr. t. palmb. (1668) 314.
entspr. in späterer prosa: also (wie das wachs durch hitze) der mensch ... geweichet ist durch die wärme gottlicher liebe J. Arndt nachf. Christi 161; (der übersetzer hat sich gemüht, Hartley) mit Spalding-Mendelsohnscher philosophie zu weichen und zu wässern Herder 5, 269. das älteste object dieses weichens ist auch das häufigste, der mensch als ganzes. daneben nimmt das verb je nach dem satzzusammenhang die bed. 'nachgiebig stimmen, irre machen, verweichlichen' an: der vatter wolt sich nit waichen lassen städtechr. 4, 122; der mensch der da nüt geweichet würt von dem schmeichlen Keisersberg seelenpar. 199ᵇ; (Hannibals truppen wurden) also geweychet und ir manlich gemüt ... verkert Schöferlin Livius (1514) 120ᵃ; von da Kirchhof wendunm. 4, 87. auch herz bleibt als object bis zuletzt möglich:
er ist meister der herzen, und weicht sie mit worten
der liebe
Schiller 1, 125,
daneben werden objecte bevorzugt, die geeignet sind, die gesamtpersönlichkeit zu vertreten: sinn Luther 7, 845. 847 Weim., mut fastnachtsp. 693, 16, gemüt Stainhöwel cl. mul. 201, 7 Drescher; Wickram 8, 224 Bolte. vereinzelt bleiben glaube Rothe rittersp. 1301 Bartsch, rede Adelphus Erasmi enchir. M 2ᵃ, zorn buch d. liebe 119ᵇ.
2)
körperlich geweicht werden stoffe die, an sich verschiedener zustände fähig, bei eintritt der handlung in hartem zustand sind. in der natur werden gestein und metalle vom wasser geweicht, der boden vom regen, wachs von der hitze, schnee vom thauwetter: elementum aquae ist ein solche nässe, dasz sie weicht die steinen und hertern metallen Paracelsus 2, 10ᵇ Huser; dürres land ein regen weichet Schottel haubtspr. 860, 4;
die gewalt der näheren sonne
weichte das duftende wachs
Voss Ovid 2 (1799) 54;
wir fuhren durch den geweichten schnee Stifter 2, 243. der mensch macht sich diese wirkungen mannichfach zu nutze, erst damit werden sie sprachlich ergiebig.
a)
im gewerbe findet ein weichen statt beim hausbau, bei behandlung von metall, holz, thierhäuten, meerschaum, hanf: der am ersten einige pfähle in die erde stiesz und sie mit zweigen verflocht ... die zweige mit geweichter erde umzog Sonnenfels 2, 273;
sîn swert daʒ ist ... wol gehertet unde geweichet
Neidhart v. Reuenthal 92, 10 Haupt;
es sol niemant in die brunnen ... weichen, von gefeszen, reiffen oder anderm geholtze rechtsd. a. Thür. 75 Michelsen;
der schuster hat ein seltzams geschmer,
damit thut er das leder weichen
Agyrtas grillenvertr. 100;
die operation, durch welche man getrockneten häuten die ursprüngliche weichheit widergibt, bezeichnet man als weichen Lueger lex. d. ges. technik 6, 92; der meerschaum musz während der bearbeitung ... feucht seyn ... sehr leichte stücke dürfen nur etwa eine viertelstunde ... weichen Prechtl technol. enc. 9 (1838) 530;
vorm thore, wo die gruben sind,
darin den hanf man weichet
Rückert 6 (1882) 218.
b)
im haushalt werden wäsche und saatkorn geweicht: ein guͦte wäscherin, diu mit irem ingedrukten und geweichten wat hin gat zuͦ dem lutern wasser Suso 134 Bihlmeyer; ach richtig! wir wollen ja waschen. die mädchen weichen die wäsche Hauptmann einsame menschen 88; den saamen (der rüben) soll man vorher eine nacht in hönigwasser legen Hohberg georg. cur. 1, 126. vor allem aber wird in der küche geweicht, fleisch und fisch, obst und gemüse, hauptsächlich gebäck in allen gestalten, auch als kindernahrung, thierfutter und krankenkost: hertoge Hinrick wêkede de braden (liesz ihn weich werden, hier: wartete seine zeit ab) städtechr. 16, 407; den stockfisch in regenwasser weichen Rondeau 709ᵃ; man weichet sie (die granatäpfel) alsdann in wasser, und wringet den safft durch ein tuch Olearius verm. reisebeschr. 304; etliche ... weychen sie (die erbsen) mit den hülsen in wasser Herr feldbau 50ᵇ; die weiszen rettige ... sind schärfer und müssen daher mit salz weichen Oken allg. nat.-gesch. 3 (1841) 1389; ich musz noch hingehn ... und ein schnittlein weichen Garg. 156 neudr.; ohne dasz ich auch Hamburger zwibachens hinein hätte weichen sollen Grimmelshausen vogeln. 1, 426 Keller; dieses knötlein (kinderzulp) wurde in warme milch getaucht, bis der inhalt sich geweicht hatte Rosegger schelm a. d. Alpen 1, 218; ehrlicher spitz! so lang ich brod habe, solst du's in milch geweicht kriegen Sturz 1 (1779) 248; etlich brauchens (das recept) mit gebehten weckenschnitten, in sieszem wein oder maluasier geweichet Gäbelkover arzneib. 23. sonstige arzneimittel schlieszen sich an:
hier ist ein spiritus, die schläffe zu bestreichen,
und hier ein kräuter-thee in alten wein zu weichen
Günther ged. 991;
(der pflaumenpilz wurde) in essig geweicht als gurgelwasser gebraucht Oken allg. nat.-gesch. 3 i 114.
c)
oft sind der leib des menschen und seine theile object des weichens. am gesunden menschenleib wird der rücken durch schläge geweicht:
der näm ainen heszlin stab ...
mit dem sol man si stoszen ...
und sol jr den rucken waichen
liedersaal 1, 303, 228 Laszberg;
jetzo bist du gschmirt und gweicht
Ayrer 5, 2866 Keller;
oberhess. wâëche 'prügeln' Crecelius 900; lothr. waixə Follmann 534ᵇ; alem. einen weiche 'ihn weich schlagen' mündlich aus Bleibach im Elzthal. noch wichtiger ist der kranke leib, in allen fächern der älteren medicin spielt weichen seine rolle. physiologisch: iedoch bringt daʒ mark den painen die hilf, daʒ eʒ si fäuhtet und waicht oder zæch macht Konr. v. Megenberg 23, 3 Pfeiffer, in der thierheilkunde: bützel und andere trüsen weichet disz schmaltz Gesner thierb. 19, vor allem aber in der therapie des menschen: das pulver ... weychet das miltz Tollat v. Vachenberg marg. med. 7ᵇ; leg das auff herte geschwer, es weycht es 17ᵃ; leg uff die statt ein küchlin ... das do wört die fülung und weychet Gersdorff wundarzn. 67ᵃ. von mitte des 14. bis ende des 16. jahrh. ist die häufigste dieser med. verwendungen das laxieren. weichen verhält sich zu weich, wie lat. laxare zu laxus, die lehnübersetzung ist, wie häufig, nach dem gesetz der vierten proportionale gebildet. auszugehen ist von der bed. 'entspannen', object des lat. kunstworts ist alvum, das entspr. verhältnis zeigen mehrfach die deutschen belege: merck das man den leib ... waichen sol mit syrophel Ortolf v. Baierland 13ᵃ; ysopwein ... weicht den bauch Herr feldbau 112ᵃ. das object kann sich ändern: diu wermuot ... entsleuʒt und waicht den menschen Konr. v. Megenberg 381, 19 Pfeiffer; daʒ waicht im das gederme und den magen Ortolf 5ᵇ; solchs edel confect weycht die zehen schleim Ryff confectb. 8ᵃ, die construction kann auch umspringen: relaxativum spysz die da weicht im lyb gemma gemm. (Str. 1508) x 4ᵃ, das object völlig ausfallen: schmiere jhm den nabel mit milchraum, das waichet wol H. Braunschweig hausapoth. 61ᵃ. in die sprache des volks ist der ausdruck nirgends gedrungen.
3)
die composita ab-, an-, auf-, aus-, be-, durch-, ein-, er-, fort-, ge-, los-, nieder-, ver-, zerweichen spielen in der lebenden sprache eine viel gröszere rolle als das simplex.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1915), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 505, Z. 8.

weichen4, schw. verb.

⁴weichen, schw. verb.
'weich werden' ahd. weichên, später auch weichôn Graff 1, 714, mhd. weichen mhd. wb. 3, 617 f.; Lexer 3, 737, mnd. wêken Schiller-Lübben 5, 658ᵇ, mnl. weiken, wêken Verdam 687ᵃ, afries. wêka Richthofen 1132ᵇ, ags. wácian Bosworth-Toller 1148ᵃ. ableitung zu ¹weich adj. in intransit. sinn wie die meisten ahd. verba der 3. schwachen klasse (altên zu alt, naʒʒen zu naʒ, rîfên zu rîfi u. v. a. theilen zugleich den inchoativen sinn) mit überschwanken in die 2. schwache klasse (vgl. rîchisôn zu rîchi) wie fastôn neben fastên, zilôn neben zilên. widerum mehr ein wort der alten glossare (Diefenbach gloss. unter commulceri, liquari, liquere, molliri; nov. gloss. lentescere; Maaler 487ᶜ; Hulsius-Ravellus 407ᵇ; Rädlein 1, 1040) als der neueren schriftsprache, mit dem 18. jahrh. fast auszer gebrauch gekommen: brod im wasser weichen lassen ... on dit mieux: weich werden Schwan n. dict. 3 (1787) 1019, und von arch. dichtern des 19. ohne glück aufgenommen:
(töne) so mir machten das herz weichen
Rückert 5 (1839) 193;
da weichte Etzels herze
Scheffel 2 (1857) 173.
anders als bei ³weichen ist seelischer gebrauch spät und spärlich entwickelt: erbarm dich doch zuͦ letscht dines liebhabers, der von dir waicht als der schnee von der sunnen N. v. Wyle transl. 41 Keller; auff das auch den Lampartern das hertz weichet Stumpf Schweizerchr. 92ᵃ. um so besser entwickelt ist wunderbares erweichen von edelsteinen, stahl und hornhaut, stein und wachs: Hugo v. Langenstein Martina 50, 36 Keller; liedersaal 2, 387, 94. 424, 202 Laszberg; lied v. hürn. Seyfried 6 neudr.; Paracelsus 9 (1590) 217f.; Voss Odyss. 12, 175. in der natur weicht das wetter, der schnee und der boden:
wenn aber die sonn und tages liecht
die wolcken pricht,
mit freuden man ann weichen sicht
das wetter so fürter schadet nicht
S. Steier Jephthas (1571) D 7ᵃ;
so er (der schnee) gleich im summer von dem sonnenglantz den tag weichet: gefriert er doch die nacht wider Stumpf Schweizerchr. 605ᵇ; leimichte erde weicht geschwinde vom regen Stieler 2472. gewerblich wird das wort vielfach wichtig: etliche legen gersten in wasser zu weychen, und nemmen dann desselbigen wassers und essigs gleich vil (um essig herzustellen) Herr feldbau 116ᵃ; (gefälschter bisam) erzeigt an seinem bald und schnäll weichen ... seinen falsch Gesner thierb. 29ᵇ; einen zuber voll wasser mit samt dem darinn weichenden leder, schuhen, bechknollen und wetzsteinen Grimmelshausen vogeln. 2, 460 Keller, entspr. im haushalt: laszt brosam von zweien weiszbroten ... inn ein quart essig ... waichen Sebiz feldb. 66; wir hatten ... gesaltzen fleisch in einen zuber oder kübel zu weichen gestellet Hulsius 3. schiffahrt 65; die mispeln weichen im stroh Rondeau 709ᵃ. selten in der medicin: der ain gschwer oder ain blauter hab ... bestrich es mit bomöl ... so waicht es und bricht senfft schwäb. arzneib. d. 15. jahrh., Germ. 30, 98. — composita: auf-, durch-, er-, fort-, ge-, verweichen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1915), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 507, Z. 49.

wüch

wüch,
meist entrundet wiech, adj., 'üppig, fett, dicht', vom pflanzlichen wachstum, auch 'fett, gehaltvoll', von speisen. im bair.-österr., auch schwäb., als wort der mundart und der landschaftlichen umgangssprache verbreitet. meist als *wuochi- (germ. *wōki-/ja-) zu wucher gestellt (s. d.), doch wird es von Schatz ma. v. Imst 107 und wb. d. Tiroler maa. 705 wohl wegen des inlautenden h in Tirol (wiehe, danach auch im auslaut h-verlust in wie in Welschnofen) und Kärnten (wieha Lessiak ma. v. Pernegg in Paul u. Braune beitr. 28, 156) mit wāch 'stolz' (= wäh teil 13, sp. 503), ahd. wāhi 'schön, fein, zierlich, gut' verbunden (ablaut *wēhi-: *wōhi-). dazu würden die beiden ahd. glossen-belege für uuohi passen: uuohirunmutas 'mansuetioris spiritus' ahd. gl. 2, 170, 44 (Gc 3; 9. jh.) und vuu hun (Graff 1, 728 las vuuohun) 'insolentem (curam)' ebda 2, 217, 7 (Gc 8; 9./10. jh.insolens 'ungewohnt' hier in der häufigen bedeutung von 'stolz, übermütig' gefasst); namentlich der erste beleg scheint sich so wenig mit wucher und der daraus zu erschlieszenden grundbedeutung von wüch zu vertragen, dasz Steinmeyer ahd. gl. 2, 217, anm. 1 an schreibfehler für uuehirun = uueihirun dachte (und Graff ahd. sprachschatz 1, 700 ihn fragend zu wāhi stellte). dagegen stimmt die nhd. bedeutung weniger gut: man müszte übertragung vom menschen (wieher mensch 'grosztuender mensch' Schatz wb. d. Tiroler ma. 2, 704; ironisch 'ein saftiger mensch' Schmeller-Fr. 2, 835) auf den pflanzenwuchs annehmen, wie etwa bei geil (teil 4, 1, 2, sp. 2587); angesichts der bezeugung ist allerdings die umgekehrte übertragung vom pflanzenwuchs auf den menschen, wie bei saftig Schmeller a. a. o. und üppig (teil 11, 3, sp. 2343), ungleich wahrscheinlicher. auch das lautliche kann kaum im sinne von Schatz entscheiden, da häufiger ch auch im inlaut verzeichnet wird (so auch von Schatz, ferner von Schmeller-Fr., Lexer Kärnten 260, Unger-Khull steir. 632ᵇ [wieche, f.], B. Schweizer Tautš [1942] 77 [buoΧe]) und sich andrerseits nach hoch — hohe, rauch — rauhe, floch — flohe, scuoh — scuohe auch wüech — wüehe analogisch einstellen konnte. danach wird man entweder ahd. wuohi von nhd. wüch lösen und ersteres mit wāhi, dieses mit wucher verbinden oder aber annehmen, dasz ein ahd. wuohi sekundär unter den einflusz von wucher, wuchern geraten sei.nicht hierher gehört von manchen mit wiech identifiziertes wich (hss. A und C, vgl. Wilmanns-Michels 2, 167 anm.) bei Walther v. d. Vogelweide 35, 28, da es einfach fehler für weich ist, s. v. Kraus Walther v. d. Vogelweide (1935) 125. ein literarisches zeugnis begegnet im 17. jh.: die geben aber einen überaus wiechen und starcken wein Valvasor herzogth. Crain (1689) 1, 226. sonst ist das wort nur aus jüngerer zeit in den angegebenen bedeutungen für die mundart gebucht: wüeche Lexer Kärnten 260; büge, büüche Schmeller cimbr. 113; wüch (wiəX) Fischer schwäb. 6, 964; wieche, wiəch Schmeller-Fr. bayer. 2, 835; wiech Reiser sagen, gebräuche, sprichw. d. Allgäus 2, 744; Unger-Khull steir. 632ᵇ; Schöpf Tirol 815; auf die (flecken) man dann, so lange der boden noch gefroren ist, das 'kunter' (ziegen und schafe) hintreibt, damit die saat nicht allzu 'wiech', d. h. üppig, aufschiesze Hörmann Tiroler volksleben (1909) 4. im schweiz. findet sich mit dentalem wurzelauslaut bei gleicher bedeutung das adj. wüed: ein wüeder baum, wüedes unkraut, ein wüeder boden; die wüedi 'geile' (ferner auch wühlen 'wuchern') Stalder Schweiz 2, 457.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1958), Bd. XIV,II (1960), Sp. 1689, Z. 5.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
wölflein
Zitationshilfe
„wüch“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCch>, abgerufen am 15.06.2021.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)