Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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wuchs1, m.

¹wuchs, m.,
'wachstum, art und weise des gewachsenseins; das gewachsene'.
seit dem beginn des 18. jhs. bezeugte neubildung zu wachsen mit dem vokal der präteritalstufe. als vorgangsbezeichnung spätes glied in einer seit dem got. wirksamen bildungsreihe m. abstrakta, die nhd. noch in hub, hieb, bedarf produktiv wird, vgl. Wilmanns dt. gramm. ²2, 186. in diesem sinne zuerst in der naturbeschreibenden dichtung der frühen aufklärungszeit und bei Gottsched: der wuchs hingegen (gegenüber dem konkretum gewächs) heiszt die zunahme, der anwachs irgend einer wachsenden sache beob. (1758) 117. ein zweiter bildungsanstosz führt zu wuchs in konkret-kollektiver bedeutung (wuchs 4, bezeugt um einige jahrzehnte früher aus dem ökonom. zweckschrifttum, vgl. schon Stieler [1691] 2401). rückbildung aus zuss. oder ableitungen wie bei wachs teil 13, sp. 62 f. ist für beide wortverwendungen wahrscheinlich, vgl. mhd. wuohshaft 'was gut wächst' Rudolf v. Ems weltchronik (bei Lexer 3, 1004 nach sammlungen W. Grimms, nicht nachweisbar in der ausgabe Ehrismanns), gewüchs(e), teil 4, 1, 4, sp. 6754 (16. jh. und später), wüchsig (forstausdruck seit dem 17. jh., s. sp. 1724) und früh (17./18. jh.) auftretende zuss. (mit konkreter bedeutung aus dem bereich der waldwirtschaft) wie unter-, ober-, bei-, jahres-, sommerwuchs, auch zuwuchs; bes. auffällig wuchsgürtel (1562) Unger-Khull steir. 639ᵃ. offenbare rückbildung ist wuchs konkret 'omne id qvod crescit, deinde vero omnis proventus' bei Stieler stammb. (1691) 2401, hergestellt als stammwort aus den zuss. jahr-, obst-, auf-, erwuchs. selbständiges wuchs fehlt lexikalisch bei Schottel, Kramer, Ludwig, Steinbach und noch bei Frisch (1741); erst 1749 wuchs 'wäxt, tilwäxt' Lind dt.-schwed. wb. 1841 und seitdem fortlaufend. in älterer zeit gelten für wuchs in allen oder in einem teil der verwendungsweisen abstraktbildungen mit der vokalstufe des präsensstammes: got. wahstus αὔξησις, ἡλικία, uswahsts αὔξησις; aisl. umlautend vǫxtr; ahd. wahst, wahs(a)mo, giwahst(i); mhd. -wahs(t), gewahs(t), gewähste, (ge)wehsede, gewahsenheit, wahsunge, wahstuom, frühnhd. (-)wachsung teil 13, sp. 156 f. und (-)wachs teil 13, sp. 62 f., beide im 17. jh. durch wachstum teil 13, sp. 148 ff. verdrängt, daneben frühnhd. und nhd. gewächs teil 4, 1, 3, sp. 4709 ff., gewüchs(e) teil 4, 1, 4, sp. 6754 und wachsen in der verwendung als substantivierter infinitiv. wuchs lebt auszer als simplex als grundwort in einer reichen zahl von zuss., die überwiegend dem späten 18. und dem 19. jh. angehören, darunter rückbildungen aus adjektiven mit -wüchsig, z. b. eigenwuchs. die zuss. treffen groszenteils mit parallelen bildungen auf -wachs zusammen, das in älterer zeit neben -wachsung die bezeichnungsaufgaben wahrnimmt; kompositionstypen mit beispielen (ausführliche zusammenstellung bei Sanders 2, 2, 1667 f.):
1)
das grundwort erscheint überwiegend in der verwendung als nomen actionis (bartwuchs) oder als konkretum (jahrwuchs), vereinzelt im sinne 'art und weise des gewachsenseins' (hünenwuchs); zwiefachauffassung ist nicht selten (pflanzenwuchs 'das wachsen der pflanzen' und 'gesamtheit der wachsenden pflanzen').
2)
charakter des bestimmungswortes.
a)
bestimmung durch kompositionspartikeln (vgl. die verbalkomposita von wachsen): anwuchs, aufwuchs, auswuchs, beiwuchs, erwuchs, miszwuchs, nachwuchs, oberwuchs, unterwuchs, zuwuchs.
b)
das bestimmungswort bezeichnet das subjekt des wachstums, den wachsenden organismus: bartwuchs, baumwuchs, graswuchs, haarwuchs, pflanzenwuchs.
c)
das bestimmungswort bezeichnet zeit oder dauer des wachstums: jahrwuchs, maiwuchs, sommerwuchs.
d)
das bestimmungswort bezeichnet die art und weise des wachsens oder des gewachsenseins: hochwuchs, hünenwuchs, längenwuchs, schiefwuchs, schwanenwuchs, zwergwuchs. der in den zuss. nicht ungeläufige plural (vgl.auswüchse, fortwüchse, anwüchse) wird beim simplex vermieden Stieler stammb. (1691) 2401; Adelung 5 (1786) 298; vereinzelte belege mit wuchs in konkretem sinn: classe der feinen wüchse (der fein gewachsenen menschen) Bode Yoricks reise (1768) 2, 144; gewöhnliche wüchse (gewöhnlich gewachsene bäume) H. v. Salisch forstästhetik (1902) 253; unsicherheit bezeugt der umlautlose plural jahreswuchse Döbel jägerpractica (1754) 3, 59 (neben -wüchse). die vokalquantität schwankt wie in den präteritalen verbalformen von wachsen, wo die ursprüngliche länge vor mehrfacher konsonanz teils beseitigt teils nach analogie langgesprochener formen wiederhergestellt ist; in Norddeutschland gilt umgangssprachlich vŭks, in gehobenem vortrag vūks, das auch von Siebs dt. hochspr. (¹⁶1957) 53 gefordert wird. mdal. bleibt das wort selten: wugs Schatz wb. d. tirol. maa. 2, 712; auffällig kärnt. wūst (?) 'wuchs' Lexer Kärnten 261. in gehobener schriftsprache vereinzelt paarige verbindungen: trieb und wuchs Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 1, 18; stabreimend wurz und wuchs Leppa herzenssachen (1923) 148; wuchs und wachs Gutzkow ges. w. (1872) 5, 24.
bedeutung und gebrauch:
1)
als vorgangsbezeichnung 'das wachsen'; ursprünglich und noch später vorwiegend für die pflanzlichen entwicklungsvorgänge des organischen bereichs: der wuchs des getraydes ist seit acht tagen sehr merklich Gottsched beobachtungen (1758) 443; da das getreide eben in vollem wuchs stund Heilmann gesch. d. pelop. krieges (1760) 273; so häufig üppiger, geiler, freudiger, fröhlicher wuchs; ein guter boden kan ... den ersten wuchs einer zarten pflanze begünstigen br., die neueste litt. betr. 17 (1764) 125; schnell trieb sie (die lilie) zur höhe im grünenden wuchse maler Müller w. (1811) 1, 40;
die burg wird dir zu eng, ich seh es wohl.
doch wer wird mit dem eichbaum rechten wollen,
wenn seines wuchses aufschusz mauern bricht?
Fouqué held d. nordens (1810) 1, 33;
eine ... luftverschiedenheit beförderte den wuchs und die zucht aller ... pflanzen und thiere J. v. Müller s. w. (1810) 1, 377; stockung im wuchs oder ausbildung des (getreide) keims Muspratt chemie (1888) 1, 1307. vereinzelt für das wachstum der tiere:
denn weder stieren beförderst
du (Delos), noch schafen den wuchs
Göthe I 4, 323 W.
literatursprachlich gerne bildlich, übertragen auf gleichsam organisches:
lob befruchtet die seele, wie den acker
milder regen, damit die saat im ersten
wuchse nicht sterbe
Herder 27, 129 S.;
geschlechter, welche wie sommergewächse sich mit geilem wuchs erheben, sterben in der herbstzeit Fr. L. Jahn w. (1884) 1, 285.
du hemmst mit behutsamer klugheit
den zu fruchtbaren wuchs der phantasie
Wieland w. I 2, 25 akad.;
eine der menschlichen vernunft unentbehrliche wissenschaft, von der man wohl jeden hervorgeschossenen stamm abhauen, die wurzel aber nicht ausrotten kann, ... zu einem gedeihlichen und fruchtbaren wuchse zu befördern Kant 3, 42 akad.; sie (d. klass. kunst) ist kein produkt der schule, sondern erwachsen auf offenem felde, in der stunde des kräftigsten wuchses H. Wölfflin d. klassische kunst (1901) 3. in freierer allgemeiner verwendung ohne ausdrückliches hervorrufen der grundvorstellung pflanzlichen wachstums: hier konnte die willkühr verkehrter begriffe den freien wuchs der natur nicht fesseln Fr. Schlegel s. w. (1846) 5, 79. unter zurücktreten des begriffsmerkmals der keimbedingten, wachstümlichen entfaltung in den blasseren sinn '(nichtorganische) vermehrung, vergröszerung, zunahme' übergehend:
der tugend wuchs ... stärken
anmuth. gelehrsamk. (1751) 3, 666 Gottsched;
was bedeutete dies aber im poetischen gegen den gewaltigen wuchs, den unsere spekulation für sich nahm? Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 556; den raschesten wuchs durch ankauf ganzer sammlungen zeigt das kgl. münzkabinett zu Berlin Luschin v. Ebengreuth münzkde u. geldgesch. (1904) 105.
2)
anschlieszend an wuchs 1, doch unter zurücktreten der vorstellung des vorgangshaften 'trieb, keim, wachstumsanlage, vermögen organischer entfaltung'; im pflanzenreich:
so, wie du rosen siehst, die noch nicht ausgeschlagen,
im aufbruch, saft und wuchs in sich verschlossen stehn
Schwabe belust. (1741) 1, 439;
hab ich sie abgepflückt die rose, ich
kann ihr nie wuchs des lebens wiedergeben
Herder 25, 288 S.;
bildlich: Göthe I 39, 363 W.; Schiller 5, 21 G. wachstum des menschen:
und ist der wuchs des lebens mir verdorrt,
sind auch die vögel, meine lieder, fort
Lenau s. w. 81 Barthel.
sprichwörtlich: dass dir der wuchs nicht vergeht Rother schles. sprichwörter 313ᵃ; vgl. zur erklärung Albrecht Leipziger ma. 238ᵃ. 'wachstumsart, wachstumsrichtung': sie arteten doch alle nicht nach ihm, dasz sie sich vom wetter nicht verbiegen lieszen, sondern ihren unentwegten wuchs in sich hatten Ric. Huch d. gr. krieg (1920) 2, 269. auszerhalb des organischen bereichs: keine lebendige kraft, kein strebender wuchs kann im gebilde (indische götterdarstellungen) sichtbar werden Herder 16, 74 S.
3)
'art und weise des gewachsenseins'.
a)
vom menschen 'körperform, körperbau, statur', insbes. in hinblick auf die figurbildenden rumpf-, büsten-, taillenteile, vgl.: er ... konnte ... nicht unterlassen zu bemerken, dasz ein wuchs und eine taille, wie der liebe gott gewissen leuten gegeben, ohne solchen 'wespenharnisch' (korsett) weit schöner sei Holtei erz. schr. (1861) 9, 37; in der regel gleich gestalt, gelegentlich unterschieden: wuchs geht eher auf die körpergrösze, gestalt auf körperfülle und körperprofil, vgl.: völkerschaften von oft niederm wuchse und schlanker gestalt Ratzel völkerkde (1885) 2, 221, doch hat der unterschied keine durchgreifende geltung (s. u.). über gewächs und gewüchs, die umgangssprachlich für wuchs eintreten, vgl. Adelung 2 (1775) 641; 5 (1786) 298. ohne begrifflich näher bestimmendes attribut 'die jedem menschen eigentümliche, ihn kennzeichnende körperliche gesamterscheinung': sie hat in ihrem ganzen wuchs und betragen, und besonders in den gesichtszügen, eine solche ähnlichkeit mit Dorchen Miller briefwechsel dreier akad. freunde (1778) 2, 241; halte dich über niemands gestalt, wuchs und bildung auf Knigge umgang m. menschen (1796) 1, 84;
denn du gebahrst und erzogst mir den wackeren sohn Zacharias,
der an wuchs und gemüt ... nachartet dem vater
J. H. Voss s. ged. (1802) 2, 291;
die gestalt ihres bruders in dem fahrzeuge ward ihr mit jedem augenblicke kenntlicher an wuchs, bewegung, und farbe und schnitt der kleidung Fouqué zauberring (1812) 1, 113. übertragen: ein gebildeter mann von eigenem wuchs und mit interessanten ideen Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 38. 'körpergrösze':
den wuchs vom manne
versagte mir bisher das glück
Lenz ged. 187 Weinhold;
wie? puppe? ha, nun wird ihr spiel mir klar.
sie hat ihn unsern wuchs (our statures) vergleichen lassen,
ich merke schon! auf ihre höh getrotzt.
mit ihrer figur, mit ihrer langen figur
hat sie sich seiner, seht mir doch! bemeistert
Shakespeare 1 (1797) 241.
bezogen auf den (durchschnittlichen) körperbau einzelner völker oder menschenrassen: (der Hottentotten und Kaffern) farbe ist gelbbraun: ihr wuchs wie der meisten Europäer, nur mit kleineren händen und füssen Herder 13, 231 S.; J. G. Forster s. schr. (1843) 1, 41. gewöhnlich mit attributiver erweiterung und gerne in attributiver stellung (ein mädchen von schönem wuchse, schönen wuchses, schön von wuchs); mit formal kennzeichnendem attributiven zusatz; körpergrösze und körperfülle bestimmen den charakter des wuchses als niedriger, kleiner, mittlerer, stattlicher, hoher, schmächtiger, schlanker, zierlicher, feiner, voller, kräftiger, stämmiger, fülliger wuchs:
wenn in Horazens arm sein blondes mädchen liegt,
und ihn, was er sich wünscht, ihr schlanker wuchs vergnügt
Löwen schr. (1765) 1, 73;
Schiller 2, 343 G.;
ein erhabner wuchs
Ramler lyr. ged. (1772) 219;
sollte nicht ... unter den choristen ... sich ein mädchen ... finden, ... von mittlerer grösze, leichtem wuchs, hübschen augen Göthe IV 24, 223 W.; diesen leib kräftigsten wuchses etwas über mittellänge krönte ein prächtiger kopf E. M. Arndt schr. (1845) 3, 397;
es lebt im norden ein schönes weib
von hohem wuchs und weiszem leib
Heine s. w. 1, 334 Elster;
unter mittlerer grösze war Kerner trotz seines zierlichen wuchses sehr kräftig in: Kerner bilderb. (1849) 408; von schmächtigem wuchs O. Jahn Mozart (1856) 2, 27; ihr wuchs, der sich im bauerngewand stattlich ausnahm ..., hatte im städtischen anzug denn doch etwas einigermaszen unzierliches und schwerfälliges M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 2, 91; (er betrachtete) mit wohlgefallen den mägerlichen wuchs, der durch sehr knappes gewand fast einen eindruck von geschmeidiger fülle machte G. Keller ges. w. (1889) 2, 107; der eine der beiden jungen männer war von grossem kernhaften wuchs Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 43; hatte sie nicht Grazias schönheit seit ihren frühesten tagen bewundert, das blonde haar, den weiszen teint, den schmalen hohen wuchs, die beine? Werfel geschw. v. Neapel (1931) 394. auch: die völker vom mittleren wuchse Peschel völkerkde (1874) 359. übertragen: (Dürer) steht nie abseits wie Nithart, sondern bei den anderen, nur höheren wuchses Pinder dt. kunst d. Dürerzeit (1939) 285. mit ästhetisch bewertendem attributiven zusatz, ebenmasz und gefällige proportion der körperteile kennzeichnend: vollendeter, prächtiger, tadelloser, schöner, guter, ebenmäsziger, richtiger, zierlicher, feiner wuchs, mit bezug auf die ästhetische wirkung auch vorteilhafter, gefälliger, einnehmender, bezaubernder wuchs: man wird schwerlich an einer mannsperson einen schönern wuchs finden als an dem herrn Selio (1748) Lessing 2, 40 L.-M.; ein artiges gesicht, ein feiner wuchs ist dasjenige, wornach sich alle weiber ... sehnen theater d. Deutschen (1768) 8, 330;
der ganze wuchs war ebenmasz
Hölty ged. 20 Halm;
und doch war sie auf ihre bildung und ihren vortheilhaften wuchs übermäszig stolz Miller Siegwart (1777) 1, 102; ein schöner körperlicher bau, ein zierlicher wuchs ... zeichnet das englische frauenzimmer vorzüglich aus Archenholz England u. Italien (1785) 1, 2, 437; tochter ... von prächtigem wuchs Wieland Lucian (1788) 4, 53; haar, wuchs und wade ohne tadel Lichtenberg nachlasz (1899) 119; er hatte kein schönes gesicht und keinen einnehmenden wuchs Heinse s. w. 3, 132 Schüddekopf; eine person von gutem wuchse Adelung lehrg. d. dt. spr. 2, 319; ihr gesicht ist anziehend ohne schön zu seyn, aber ihr wuchs ist bezaubernd (1804) Schiller br. 7, 187 Jonas; eine sehr grosse frau vom gefälligsten wuchse Arnim s. w. (1853) 10, 203; in der that das gesichtchen, der wuchs, der fusz — alles prima sorte Bauernfeld ges. schr. 3 (1871) 167; ein vollendeter wuchs ebda 2, 38; Th. Mann Faustus (1948) 470. mit ethisch bewertendem attribut: dieser reine wuchs Klinger w. (1809) 1, 178; bemerken sie nur den schönen, schlanken, kühnen wuchs Ferdinands! ebda 8, 28; eines weibes edler wuchs in vollem ebenmasz seiner theile J. Grimm kl. schr. (1864) 1, 59. mit vergleichendem attribut: diesen königlichen wuchs, diesen edlen stolz in blick und gang .., den sahst du jemals? Meissner skizzen (1778) 1, 117;
der alte burgherr ritterlichen wuchses
Rückert ges. poet. w. (1867) 3, 189;
er war eine figur von hohem, frauenhaftem wuchse Mörike w. 3, 38 Göschen; so auch mädchenhafter, nymphenhafter wuchs; ein Russe fast herkulischen wuchses Chamisso w. (1836) 1, 27. vgl. seine felsenfeste brust, sein Potsdammer wuchs Hippel kreuz- u. querzüge (1793) 1, 14; in ihrem wuchs ist nichts griechisches Lichtenberg verm. schr. (1800) 1, 261.
b)
nicht auf den menschen bezogen; von organischen erscheinungen 'statur, körperbau des tieres', insbes. nach grösze und mächtigkeit des leibes:
ein vogel ...
ein schmuck der bunten pfauensöhne,
an wuchs und farben und gestalt
Schwabe belust. (1741) 2, 352;
seine (Polyphems) widder waren sehr feist, ...
grosz und stattlich von wuchs
J. H. Voss Odyssee 165 Bernays;
Schiller 11, 19 G. 'pflanzliche wachstumsgestalt', insbes. von bäumen:
wie wusztest du das zarte reis
mit klüglichsanfter hand zu beugen,
die oftmals auch den wilden zweigen
den rechten wuchs zu geben weis
Gottsched ged. (1751) 1, 116;
vier lindenbäume, einander gleich an geradem wuchse maler Müller w. (1811) 1, 57; manche berge standen öde, und einen gleichen (gleichmäszigen) wuchs hatten nur noch die ältesten schläge Göthe I 23, 57 W.; er hatte den schlanken, glatten wuchs eines bäumchens mit der umfassenden hand verfolgt O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 121; dieses holzgewächs (die birke) variirt in grösse und wuchs nach dem standorte Schlechtendal flora v. Deutschland (1880) 10, 114. mit quantitativer bestimmung 'ausgewachsene gestalt, höchsterreichbare grösze als ergebnis des wachsens': 'greise des haines', die älteren bäume, die nun ihren vollen wuchs erreicht haben br. von und an Klopstock 336 Lappenberg; von anderen gewächsen:
im schatten vertraulicher ulmen,
wo sich epheu mit mahlrischem wuchs am stamme hinaufschlingt
Zachariä poet. schr. (1763) 4, 43;
sie trägt in der rechte ein kräutlein zart,
von niedlichem wuchse und feiner art
Ch. v. Schmid ges. schr. (1858) 17, 84.
wachstumsstruktur des holzes: wimmeriger wuchs (wellenförmiges, verworrenes gefüge) kommt ... an dem wurzelstocke vor Karmarsch-Heeren techn. wb. (1876) 4, 384. wachstumsform des haares: sein haar, das er auch auf der strasze im natürlichen wuchse trug Gutzkow ges. w. (1872) 4, 113. ähnlich 'wachstumsrichtung':
hast du kraft dazu gewonnen,
magst du immer unverholen
schwimmen gen den strom des flusses,
streichen gen den wuchs der borsten
Brentano ges. schr. (1852) 3, 140.
übertragen, auch mit der grundvorstellung des menschlichen wuchses (wuchs 3 a); auf nichtorganische konkreta: (der dom von Orléans) hat zum schlanken gothischen wuchse etwas südlich sattes durch seine thürme H. Laube ges. schr. (1875) 4, 93; von büchern Holtei erz. schr. (1861) 24, 209. nichtkonkretes: sonderbar ists, dasz selbst bei zween autoren in einer sprache der wohlklang eines sylbenmaasses nicht derselbe ist, und in seinem zartesten wuchse kaum vergleichung leidet Herder 5, 356 S.; 15, 556; übergang aus einer schreibart in die andre, aus dem wilden westfälischen wuchs in die anmutige form der heutigen literatur (1843) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 244 Schulte-K.; stark und schlank, wie der palme stamm, ist der wuchs seiner (Grillparzers) stücke jahrb. d. Grillparzerges. (1890) 2, 329; eine satanische romantik ganz eigenen wuchses J. Schlosser präludien (1927) 389.
4)
konkret 'das gewachsene, das wachsende', vgl.-wuchs in zuss. wie jahrwuchs, oberwuchs, nachwuchs.
a)
als kollektivbezeichnung für pflanzen im wachstumsstadium, so frühzeitig bezeugt als ausdruck der waldwirtschaft: (das wild schädigt die nadelbäume) gestalt dasselbe den jungen wuchs (die jungen stämme), wann er manns hoch ungefehr gewachsen und seine schale noch zart ist, ... abschälet Hohberg georg. cur. 3 (1715) 12, 332ᵇ; denn solcher junger wuchs ... wird von dem vieh ... vornehmlich am gipffel abgebissen Fleming vollk. teutscher jäger (1719) 41; wuchs 'aufschlag des jungen holzes in wäldern; jeune bois qui revient sur une coupe de taillis' Schwan dt.-frz. 2 (1784) 1074ᵃ. im literarischen schrifttum:
schwer, in waldes busch und wuchse,
füchsen auf die spur gelangen
Göthe I 3, 180 W.;
über jungem wuchs stieg eine turmspitze auf O. Ludwig ges. schr. (1891) 1, 149; (die) gebäude liegen neben der basilika in trümmern unter wildem wuchs von farnkraut und ölgestrüpp Gregorovius wanderj. in Italien (1871) 4, 43; im garten roch es nach jungem wuchs H. Hesse diesseits (1907) 46; kein stückchen boden war zu sehn, nur grüner wuchs, der aufwärts schosz mit lanzenblättern, blanken schäften Bartning erdball (1947) 428. das gewachsene als ertrag, frucht, vgl. Stieler stammb. (1691) 2401:
den üpp'gen wuchs der saat,
des weinstocks abzumähn
Falk satiren (1800) 1, 119;
vgl. weinwuchs, weinwachs. frei übertragen: freilich dachte sie nicht an den jungen wuchs (nachwuchs junger mädchen), nur an sich selbst O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 367; die wende von der ottonischen zur salischen zeit ist durch einen dichten wuchs deutscher dome ausgezeichnet Pinder kunst d. dt. kaiserzeit (1935) 1, 135. vom aufschieszenden trieb der einzelpflanze: (1724) Henrici ged. 1 (1727) 328;
der wuchs vermehrte sich mit immer-regen sprossen
(stengelbildung, blattansatz einer glashyazinthe)
Drollinger ged. (1743) 69;
vgl.wuchs als gärtnerausdruck 'jet des arbres' nouveau dict. (1762) 1, 1109ᵃ; ein spanisches rohr von einem wuchse Schrader dt.-frz. 2 (1784) 1653ᶜ, vgl. einwüchsig.
b)
stilistisch und grammatisch bedingte konkrete verwendungsweisen.
α)
wuchs 'körperform, körperbau' (3) in verbindung mit ausdrücken konkret-anschaulichen sinngehalts der bedeutung 'leib, körper' sich nähernd, am ausgeprägtesten in fester stilistischer figur (vertauschung der glieder):
dort stählt am kühlen felsenbach
der hirsch den wuchs der schlanken glieder
Mastalier ged. (1774) 20 (eig. die glieder von schlankem wuchse);
ohn unterlasz
dein schlanker wuchs sich drehet
J. H. Voss s. ged. (1802) 4, 91;
über den hohen braunen stiefeln ... schmiegten sich engere hosen an den markigen wuchs Alexis hosen (1846) 1, 132. 'taille' nahekommend:
ihr (des mädchens) wuchs wird fast mit einer hand
der schlanken weide gleich umspannt
Schubart s. ged. (1825) 3, 66;
arme werden um den schlanken
wuchs des jungen weibs geschlagen
(1878) C. F. Meyer s. br. 31 Langm.
vom pflanzenkörper, 'stamm':
wie sich der blätter wallend kleid
rings um den wuchs der palme reiht
Strachwitz ged. (1850) 305.
übertragen auf anorganische konkreta: wehe den elenden, die ihren (der säule) schlanken wuchs an plumpe mauern geschmiedet haben! Göthe I 37, 143 W.
β)
in pluralischer verwendung: Maria war zwar nicht gross, aber doch von der ersten classe der feinen wüchse Bode Yoricks empfindsame reise (1768) 2, 144; seltene, besonders grosse, herrliche bäume ... sollte man erhalten so lange als möglich, müssten auch gewöhnliche wüchse zu ihrem beistande mit stehen bleiben Salisch forstästhetik (1902) 253; s. ob. sp. 1719.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1958), Bd. XIV,II (1960), Sp. 1718, Z. 1.

wuchs2, m.

²wuchs, m.,
stud. 'stiefelwichser' Kluge dt. studentensprache 135ᵃ; J. Meier hallische studentenspr. 46; vgl. stiefelfuchs teil 10, 2, 2, sp. 2790.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1958), Bd. XIV,II (1960), Sp. 1724, Z. 11.

wichsen, adj.

wichsen, adj.,
'aus wachs', lautvariante von wächsen, adj. (teil 13, sp. 127), die im gegensatz zu wichsen, vb., aber nur in älterer sprache üblich ist: unstetlichte, wichsinne stöckel (1421) bei Palacky beitr. z. gesch. d. Hussitenkrieges 1, 151; do nam di frawe das wichszen bilde unnd hinge das ann iren arm Hedwiglegende (1504) B 2ᵇ; haben auch vil ... wichssene kertzen ratschlag (1525) 101ᵃ; do er ob nachmals das gehültze ... wegk geraumet, hat er darunter von mancherlei hauszrat, als bratspiese, flachs, hecheln, siebe, körbe, grosse stück zusammen gedrehete wixene liechte ... gefunden Rosenroth warhafftige newe zeittung (1536) B 2ᵇ; ich dencke das man noch mit eisern griffeln auff wixene tafeln geschrieben Mathesius Sarepta (1571) 103ᵇ; man hat in in einem meszgewandt begraben, und haben in ein wixen kelch auf die brust gesetzt zum gedechtniss Hüttel chron. d. st. Trautenau 43; einen guten punct ... in die wichsene schreibtaffel stechen Corvinus fons lat. (1646) 444;
da streiffet zu solchen (blumen) das feldheer der immen,
tauschet vor küssen den süssesten safft,
und ihn ins wüchsene königreich schafft
W. Scherffer geistl. u. weltl. ged. (1652) 144.
redensartlich (vgl.wächsen 4): welcher stilh geswigen hat ... in der pfarr glimpflich auf seiner seyten mit forcht bescheitlichen geprediget hat von der gewalt, alleine zu tzeiten der schrifft ein wichszene nasze gemacht (1522) bei O. Clemen reform. flugschr. (1906) 1, 78; die untrewen richter, die ... dem rechten eine wichssen nasen ansetzen Suevus spiegel d. menschl. lebens (1588) 28ᵇ. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 813, Z. 17.

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Zitationshilfe
„wüchsen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCchsen>, abgerufen am 24.06.2021.

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