Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

wünschelrute, f.

wünschelrute, f.,
neben seltenerem wünschelgerte seit dem 13. jh. bezeugt.
1)
im mhd. ein stab, mit dessen hilfe auszerordentliches geleistet oder bewirkt werden kann.
a)
in eigentlicher bedeutung:
got hât an sî (Virginal) den wunsch geleit
und der wünschelruoten hort,
daz sî der êren krône treit.
diu künegîn was ze wunsche gestalt
Virginal 971, 12 dt. heldenb. 5;
Moyses wünschelruote
und Aarônes dürrez rîs,
daz wider der nâtûre flîz
mit süezer frühte bluote
Reinfrid von Braunschweig 13 106 Bartsch.
im vergleich:
ir lîp nach edeles herzen gir
in hôher wunne bluote.
reht als ein wünschelruote
kam si (Engeltrût) geslichen ûfreht.
ir wâren bein und arme sleht,
gewollen als ein kerze
Konrad v. Würzburg Engelhard 3000 Gereke.
b)
übertragen von personen, kräften u. dgl., denen eine besondere wirksamkeit eignet:
(Maria) der sælde ein pris,
der genade ein wünschelruote
Gottfried v. Straszburg in: minnesinger 2, 268ᵃ v. d. Hagen;
(Sigune) dv fvrstenkint dv wunschelrvet des grales
des heilebernden samen der nie begerte keines wandel males
d. jüng. Titurel 4980 Hahn;
minne ist der fröuden wünschelruot
diu alle sorgen kürzet
Reinfrid von Braunschweig 6352 Bartsch;
sie (meine frau) ist dahin, mein frideschilt fur ungemach; enweg ist mein warsagend wunschelrut d. ackermann a. Böhmen 5, 3 Hammerich-J.;
Maria, werde wünschelruot
des stams von Jericho
(15. jh.) Hermann v. Sachsenheim d. gold. tempel 90 lit. ver.
ähnlich wohl noch:
sie (die ehefrau) ist mein wünschelrut und segen,
ist offt mein schawer und platzregen.
sie ist mein may und rosen-hag,
ist offt mein plitz unnd donnerschlag
Hans Sachs 4, 333 lit. ver.
für penis, über die mhd. zeit hinaus bezeugt. vorbild für diese beziehung des wortes ist lat. virga, mit dem arabisten des 13. jhs. arab. dacar in gleicher bedeutung übersetzen; vgl. Hyrtl kunstworte d. anatomie (1884) 166 f.:
sîn (des kranzes) reif ist gespalten
nâch der wünschelruoten stân,
geblüemet als ez lebe.
wol gestricket sunder nît
ist ez ûf mîn houbet
Neidhart 23, 24 Haupt-W.;
daz diu wünschelruot oben trucken ist an dem haupt und daz si die muoter vast seugt (vgl. Avicenna canon medicinae [1595] 1, 928ᵇ: est caput uirge̜ quasi suctum, quum emittit sperma, et est quum egreditur ad siccitatem aliquantulum decliue) Konrad v. Megenberg buch d. natur 38, 23 Pf. so noch im frühnhd., in entstellter lautform und etymologisch verdunkelt: das gebände (bruchband) mit zween schilten, zwischen welchen ein loch, den schwantz oder wuntzelruht hindurch zu schieben (frz. quelle: verge) Uffenbach wundartzney d. Ambrosii Parei (1601) 348; welche männer grosse wuntzelruhten oder scham haben, die sind ... eines harten und geringen oder thörichten verstands Porta physiognomy (1601) 352.
2)
im nhd. die von bestimmten sträuchern geschnittene meist gabelförmige rute zum aufspüren von erzen, wasseradern und überhaupt verborgenen dingen.
a)
eigentlicher gebrauch; vgl. virgula diuina eyn wuͤnschel ruth, gluͤckruth Dasypodius dict. (1537) Oo 1ᵈ. zur sache s. hdwb. d. dt. aberglaubens 9, 823 ff.: (Spanier u. Türken) brauchen (beim plündern) auch wol wünschelruthen, damit man silber sucht, wie auf den bergwercken (1532) Luther tischr. 2, 593 W.; oder die wuͤntzschelruthe schlag gewaltig, vnd drehe sich in der hand vmb Mathesius Sarepta (1571) 37ᵃ; sonsten ist die wuͤndschelruthe ein stecken oder werck-zeug, damit man wunderliche dinge thut, oder verborgene sachen erkundiget, welches entweder den zauberern oder gottes krafft selber zukoͤmmt: oder endlich zur magiam naturalem gehoͤret, aus einer eigenen oder anderswoher entlehneten wuͤrckung Prätorius gazophylaci gaudium (1667) A 3ᵃ; es wird von den hasel-stauden auch die wünschel-ruthe geschnitten Hohberg georg. cur. 3 (1715) 349ᵇ; wir vergruben geld und silber, wo sie's mit keiner wünschelruthe finden sollten Göthe I 8, 112 W.; es soll auch einen mann gegeben haben, der eine wünschelruthe besasz, mit der er metalle und wasser in der erde entdecken konnte Stifter s. w. 2 (1908) 199; ich mache es (das Allgäu) reich, als hätte ich mit einer wünschelrute goldadern aufgeschlagen Dörfler d. notwender (1934) 65. im 16. jh. auch als zauber- und vor allem wahrsagestab im gebrauch älterer zeiten vorgestellt: der (germanische) priester ... bat ... zu den göttern und sah gên himmel und hebet die rütlin wider auf und legets nach dem eingedruckten zeichen ausz ... die vorgemelt ruten ist noch bei uns im brauch, und man heiszts die wünschelruten Aventin s. w. 1, 366, 16 bayr. akad.;
die (germ. wahrsagerinnen) zogen mit den mannen,
in krieg vnd mit jhrem wahrsagen vnd bannen,
erriethens ob man siegen
dem feindt wur ob gar oder vnden liegen,
dhannen vnd d wünschl rueten,
habens braucht zu dem gutten
(1601) Th. Höck schönes blumenfeld 134 ndr.
b)
im vergleich:
denn es lassen sich durch keine wünschel-ruthe so wohl die heimlichen ertz-adern erforschen, als menschliche hertzen durch den trieb der freundschafft
Lohenstein Arminius (1689) 1, 819ᵇ;
wenn ihm der schrank in die augen fiel, schlug ihm das herz, gleich einer wünschelruthe
Musäus volksmärchen d. Deutschen 2, 118 Hempel;
er spürte gleich allen jungens in seinem alter wie eine wünschelrute den stoff heraus, der ihm zusagte
A. Seghers die toten bleiben jung (1950) 105.
c)
übertragen auf kräfte, fähigkeiten u. dgl., die nichtdingliches, besonders nicht unmittelbar einsichtige geistige oder seelische gegebenheiten aufzudecken vermögen: (einige musiktheoretiker) machen die music zu einer solchen mathematischen wissenschafft, dabey alle zahlen, linien, maassen, gewichte ... ins gewehr und spiel kommen müssen. überdies thun sie mit ihrer wünschel-ruthe der ton-lehre noch den schimpf an, und machen sie dem einmahleins gar unterwürffig Mattheson d. vollk. capellmeister (1739) 5; und wie heilig wäre mir die scene mit dem baum, wenn die wünschelruthe des dichters historische wahrheit entblöszt haben sollte Lenz in: aus Herders nachlasz 1, 226 Düntzer-H.; Lichtenbergs schriften können wir uns als der wunderbarsten wünschelruthe bedienen; wo er einen spasz macht, liegt ein problem verborgen Göthe II 11, 119 W.; so geht es unsern meisten wortforschern, die in Deutschland nichts zu finden wissen und mit ihrer gelehrten wünschelrute in Babel, Jerusalem ... und in ... Frankreich anschlagen Fr. L. Jahn w. (1884) 2, 620; aber dies ist mir lieb, dasz nur dann dein ganzes wunderbares selbst vor mir steht, wenn sich die gemeinen gedanken wie müde arbeiter schlafen legen und die wünschelruthe meines herzens sich zitternd nach den verborgenen urmetallen hinabsenkt Th. Storm s. w. (1900) 8, 183. — dazu bildungen wie wünschelrütchen Redwitz Thomas Morus (1856) 149; wünschelrutengänger Göthe III 3, 300 W.; wünschelrutenschläger Schubert selbstbiogr. (1854) 1, 163. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 13 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2035, Z. 68.

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Zitationshilfe
„wünschelrute“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCnschelrute>, abgerufen am 06.08.2020.

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