Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

wünschen, vb.

wünschen, vb.
nord- und westgerm. bezeugtes jan-verb; zur herkunft s.wunsch, m. ahd. wunscen, mnd. wunschen, mhd. nhd. wünschen; mnl. wenscen, nnl. wens(ch)en neben ostmnl. wonscen, wunscen; ags. wȳscan, engl. wish; anord. ȳskja und (analogisch nach ōsk) øskja; unter nd. einflusz schwed. önska, dän. ønske, norw. ynskja (literatur s. unterwunsch). — wünschen gehört zur ersten schwachen verbalklasse. abweichend von der normalen flexion zeigt das part. prät., bes. obd., gelegentlich die starke form gewunschen, z. b. Abraham a s. Clara Judas 2 (1690) 96; Brunner erz. u. schr. (1864) 2, 109; vgl. Fischer schwäb. 6, 980; Martin-Lienhart elsäss. 2, 841ᵇ; Schmeller-Fr. bair. 2, 961. — lautliche besonderheiten: im ahd. und mhd. fällt im prät. und im flektierten part. prät. -k- bzw. -ch- vor folgendem konsonanten gelegentlich aus: wunste, gewunster. einschub eines d, wundschen, seltener eines t, wüntschen, seit dem 15., häufiger im 16./17. jh.in den mundarten scheint das vb. gebräuchlicher zu sein als das subst., die bedeutung II A 2 herrscht hier vor.
I.
in mittelalterlicher sprache bezeichnet wünschen vorwiegend eine in objektivierender form sich vollziehende geistige tätigkeit (A). einer zweiten, von dieser abgeleiteten bedeutung (B) fehlt das charakteristikum der form, sie zielt auf das blosz subjektive begehren.
A.
wünschen bezeichnet diejenige geistige tätigkeit, die etwas (noch) nicht wirkliches, aber zu erwartendes oder zu erstrebendes, voraussehen oder realisieren soll und die sich, als voraussetzung der wirklichkeitsmächtigen wirkung, in einer objektivierenden form vollzieht, etwa als ein bitten, verkünden, aussprechen oder auch lautloses formulieren; in anderer weise unter 5.
1)
der gebrauch im älteren ahd. ist nur in diesem allgemeinen sinn zu bestimmen, der wahrscheinlich auch für ältere glossen in anspruch zu nehmen ist: optat uuunskit, uunskit, uunscit (8.—10. jh.) ahd. gl. 1, 162, 35f. St.-S.; obtantis (uox optantis) est uunkentes ist (8. jh.) ebda 1, 269, 7; optare keuuellan kiuunscan (9. jh.) ebda 4, 10, 22 (die lat. vorlage glossiert: obtare elegere, corp. gloss. lat. 4, 543, 21). bei den einzigen literarischen belegen des älteren ahd. scheint vor allem die form des gebets eine rolle zu spielen:
sun bar si tho zeizan, ther uuas uns io giheizan;
sin uuas man allo uuorolti zi gote uuunsgenti
Otfrid I 11, 32;
ist sin (Christi) guati ubar al, so in kinde zeizemo scal,
then fater einigan in not drutlicho minnot;
follan gotes ensti selb so iz man giwunsgti,
wares inti guates joh druhtines gimuotes
ebda II 2, 37.
2)
das wünschen soll sich an einer andern person in dem sinne verwirklichen, dasz dieser etwas gutes, seltener etwas böses zufällt. so wohl schon in einer älteren glosse: extudio obtande (non ex studio optandae ejusdem salutis, Gregor homil. 1, 17, zu Luk. 10, 4) fona zilu za uuunscanne (8./9. jh.) ahd. gl. 2, 312, 22 St.-S. sonst seit Notker.
a)
gegenstand des wünschens ist gewöhnlich etwas positives, gutes, der betroffenen person angenehmes.
α)
mit dem dativ der person, der etwas zugesprochen wird. der gegenstand des wünschens steht zunächst im gen.: sô gebe in got târmite taz sie diu uuâren bechennên, tes uuunsco ih in, tes bito ih in Notker 1, 168, 15 P.;
niene phlach er (Bileam) fluͦches,
er begunde in wnschen guͦtes
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 85, 3 Diemer;
doch solten nu getriuwiu wîp
heiles wünschen disem knaben
Wolfram v. Eschenbach Parzival 129, 3;
ich enkan noch enmag nút anders, ich muͤsse mime nehesten himelriches me wúnschen und wellen in begerender wisen danne mir selber: dis hies ich minne Tauler pred. 410, 30 Vetter. mit dem akk. der sache vor allem im späteren mittelalter:
dem wolt ich gern wúnschen heil
schweizer Wernher Marienleben 67 P.-H.;
ik Engelbrecht van Tyzenhusen, ritter, wunsche allen cristenlouighen luden, to den desse breff komende werd ..., ewyghen heyl in gode (1423) urkundenb. d. st. Lübeck 6, 512; die gancz geselschafft ir gelücke wünschet Arigo decameron 52 lit. ver. mit abhängigem satz:
Êrecke wunschte ze lône
diu vrouwe mit der krône,
diu vil edel künegîn,
daz er sælic müeste sîn
Hartmann v. Aue Erec 5706 L.;
ich wunsch der rainen, das sy vf erd
an allem dem gefrät werd,
das ir ye gefüget laid,
liederbuch d. Hätzlerin 248ᵃ Haltaus.
mit dem reflexiven dativ der person:
ich wolte gern wunschen mir
das ich doch nie were geborn
Heinrich v. Neustadt visio Philiberti 62 Singer.
objektlos, im sinne von 'segnen': daz Ysaak zuͦ beden siten wúnschete sinen kinden dt. historienbibeln 664 Merzdorf.
β)
ohne persönliches dativobjekt:
got gesegen iuch alle:
wünschet noch daz mir ein heil gevalle
Walther v. d. Vogelweide 115, 5 Kraus;
nicht mê dâ von ich sagen mac,
wen got der gebe in allen gût,
die dâ guzzen ir blût
durch in und ouch die mûter sîn.
ir tôt stê vor ir helle pîn,
des wunschet in gotes namen
und sprechet alle âmen!
livländ. reimchron. 8509 Meyer;
da sie yn gesahen, da wúnschten alle die in der stat waren das er die burg múst gewinnen Lancelot 1, 160 Kluge.
γ)
substantiviert:
vriunt, an dînes kampfes zît
dâ neme ein wîp vür dich den strît ...
mîn wünschen sus an dir geschehe
Wolfram v. Eschenbach Parzival 332, 16; ebda 742, 15 var.
b)
der gegenstand des wünschens ist etwas negatives, unangenehmes, böses:
manic wunschit siner ammen
'muste si eine sucht ligen
daz ich dir doch so muse wisen
di sucht wolde ich vmmer prisen'
(illi enim amice sue optant ... morbum ut assideant)
Wernher v. Elmendorf 445 in: zeitschr. f. dt. altert. 4, 296;
dâ von müeze er unsælic sîn
des wünschet im der wille mîn
swer den wîben leide tuot
Hartmann v. Aue Erec 5771 L.;
wan daz er übel gedîhe,
des wünsch ich im von herzen
Ottokar österr. reimchron. 1149 Seemüller;
du solt dynen fynden wünschen laid und ungemach Steinhöwel Äsop 69 lit. ver.
3)
spätahd. und frühmhd. vollzieht sich das wünschen im hinblick auf zukünftiges, kommendes, das vorausgesehen wird, in der form des verkündens: in finem psalmus David. finis ist Christus ze demo sprichet der propheta, unde sament imo ze sînero e̜cclesia, uuunschendo dero chumftigon dingo. diû er foresah (zu ps. 19, 1) Notker 2, 61, 4 P.; wir habin virnomin von deme heilige geiste, wie er kôsete durch den wîsin Salomônem, dâ er wunste einis starkin wîbis (Maria). darnâch begund er singin cantica canticorum d. St. Trudperter hohe lied 6, 3 Menhardt;
die alten vater din (Marias) e
wunscten vnd die wissagen
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 384, 12 Diemer.
4)
in höfischer und nachhöfischer zeit richtet sich das wünschen vor allem auf erstrebenswertes, auszerordentliches, dessen verwirklichung durch eine objektivierende sprachliche oder nur vorstellende form erreicht werden soll.
a)
der gegenstand des wünschens ist eine sache, ein zustand, ein ereignis o. ä.; er steht im gen., im akk. oder in einem abhängigen satz:
sî wunschten vlîzeclîchen
daz sî des beidiu zæme
daz in (Iwein) ir vrouwe næme
Hartmann v. Aue Iwein 3756;
ez wær ein vil hovelîcher muot,
des ich iemer gerne wünschen sol:
frowen unde hêrren zæme ez wol:
owê daz ez nieman tuot!
Walther v. d. Vogelweide 65, 6 Kraus;
und (der vom tode erweckte St. Maternus) bleif buschof veirzich jair
na sime dode, dat is wair,
want sins levens wunschden gemeine
de van Colne grois und cleine
(Köln, ende d. 13. jhs.) städtechron. 12, 26;
se sprak: nu wünsche ik, leve man,
dat du krigest enen snavel
Gerhard v. Minden fabeln 163 Leitzmann;
sô wil ich wünschen zehant
vol goldes einen grôzen berc
altdt. lesebuch ²571, 14 Wackernagel.
in absolutem gebrauch:
du west wal, dat ik wünschen kan
vele bat dan jümmer du:
twier wünsche günne mi nu
Gerhard v. Minden fabeln 163 Leitzmann.
b)
objekt des wünschens ist eine person. die anwesenheit der person soll erreicht werden:
an den des landes êre stât,
die wünschent iuwer (Flores) ...
ir hânt getwelt ze lange hie
Konrad Fleck Flore u. Blanscheflur 7667 Sommer;
wir haben (in der hölle) dîn lange gebiten und nâh dir gesûftet vil manich zît. sô wir di hende muosten winten von criscrammen, sô gedâhten wir, herre, an dich und wunschten dîn. nu ist unser gedinge an dir ervollet (hs. d. 13./14. jhs.) altdt. pred. 76, 28 Jeitteles. mit adverbialer ortsbestimmung, jemanden an einen ort wünschen:
Liupolt ûz Ôsterrîche, lâ mich bî den liuten,
wünsche mîn ze selde, niht ze walde: ichn kan niht riuten ...
wünsches dû mir von in, sô tuost dû mir leide
Walther v. d. Vogelweide 35, 20 Kraus;
swie verre ich sî, ich wünsche ir dar
dt. liederdichter d. 12.—14. jhs. ⁴261 Bartsch.
c)
mit präpositionatem ausdruck:
sus wil ich immer wünschende sîn nâch dem gewinne
der uns beiden hôhe fröude erwerbe
Wolfram v. Eschenbach Titurel 77, 2;
swenn du einest wünschest nâch mir (einer fee),
sô bin ich endelich bî dir
und leiste swes dîn herze gert
ritter v. Staufenberg 473 Jaenicke;
min vrowe wunschet vmb din leben
dv bist ir genesen unde ir trôst,
mit dir wirt sorgen sî erlôst
die heidin 1292 Henschel-Pretzel.
d)
zur kennzeichnung von ausgezeichnetem, gutem oder vollkommenen.
α)
in umschreibender formelhafter wendung:
sô wâren diz die ræte (des fischers, der Gregorius an den felsen schmiedet)
rehte als er (Gregorius) wünschen wolde,
ob er wünschen solde
Hartmann v. Aue Gregorius 3017 Paul;
ich het ie gedâht wie ein wîp wesen solde,
ob ich müese wünschen ir lîp und ir site,
daz ich si danne mir selbeme wolde
daz ich mîne wunne het iemer dâ mite
dt. liederdichter d. 12.—14. jhs. ⁴91 Bartsch.
archaisierend: die schultern und die brust stunden im als wol als ob man sie wunschen solt Lancelot 1, 26 Kluge.
β)
als attributives part. prät., ausgezeichnet, vollkommen (anders unter 6 und B 2):
ein gewunschet kleine kindelîn
Berthold v. Holle Crane 3719 Bartsch;
vil zarte sueze und ie mer wol gewünschet wip
Wenzel v. Beheim in: minnesinger 1, 9ᵇ v. d. Hagen.
5)
in einem seltenen spätmittelhochdeutschen gebrauch mehr konkretisiert, wunsch I A 4 entsprechend, als objektiver vorgang schlechthin, zur vollkommenheit gestalten:
zwen gesellen wolten gan
in ain stat, dw waz getan,
sam sew waͤr gewunschet vier
mit so maniger slaht zier
Heinrich d. Teichner ged. nr. 319, 91 Niewöhner;
ez (das minnekind) waz schon gewunscht nach lobe.
sin sin waz clug und nindert grob.
die sterke waz sin gemahel
d. minneburg 315 Pyritz.
6)
eine besondere anwendung findet wünschen als lehnübersetzung von adoptare 'an kindes statt annehmen'; vgl. adoptare wünschen (md. 1440) u. ä. Diefenbach gl. 13ᶜ; adoptatus gewonschet (15. jh.) ebda; adoptiuus gewonschte (md. 15. jh.) ebda:
sie wunscte ir (die aufgefundenen kinder) ze kinden,
ir erbes hiez si si sih underwinden,
als noh der sit ze Chriechen ist
kaiserchronik 1462 Schröder;
wan nu sölich nôt Dioclecianum den kaiser angieng, dô nam er Maximianum, der zuo nauchnamen hiez Hercules, zuo ainem gewünsten son und machte in ouch ze kaiser (13./14. jh.) die beiden ält. dt. jahrbb. d. st. Zürich 42 Ettmüller. im hinblick auf die gotteskindschaft: da sunt he (gott) uns und gebirt uns, daz wir sine kint sin van genaden, sine liebe gewünschte kint (anf. d. 14. jhs.) bei Preger gesch. d. dt. mystik (1874) 2, 438.
B.
subjektiver und formloser, begehren, ersehnen.
1)
begehren, erstreben, ersehnen; wie unter A mit gen., akk., abhängigem satz oder auch absolut: dû hiezze dîniu gebot kenôto behuoten, kenôto uuerên ... (vtinam dirigantur uie̜ mee̜ ad custodiendes iustificationes tuas) sid du siû hiêzzist kenôto uuerên, so uuunsco ih daz mîna uuega rehto gechêret uuerden iro zehûotenne (ps. 118, 5) Notker 2, 500, 28 P.;
nim die gerten in die hant wrche zeichen manichualt,
ze allen dingen ist si guͦt swes wnschet din muͦt:
du tuͦst zeichen uil, wndirs alles daz du wil (gott zu Moses).
genesis und exodus 135, 23 Diemer;
vnz ich (Christus) vleischlichen mit iv (den jüngern) bin, sone wnschit ir niht wâr mine gesprâche vnde wanit des niht, daz ir iht bedurfit ân der geistlicher gêbe, der iv durft wâre speculum eccl. 68, 4 Mellbourn;
swer dâ werder minne pflac,
der wunschet der naht vür den tac
Wolfram v. Eschenbach Parzival 731, 12;
daz in (törichten mädchen) mit werken verseit ist, daz niessent sú mit worten, und daz unmuglich ist ze geschenne, daz habent sú mit gedenken. sú versendent sich mit wúnschene und einredent mit den inren bilden reht als ein túrstiger mensche, dem von kalten wasser trǒmet Seuse dt. schr. 411, 24 Bihlm.; so hette er sy lieb gewunnen vnd tete sy eeren, nützit schantlichs von ir begerende oder ützit wunschende, daz jren lümden in dhain weg sölt oder möcht verletzen Niclas v. Wyle translat. 36 Keller. im spätmhd. auch förmlicher, erbitten, verlangen: ewigú wisheit, und hetti ich wunsches gewalt, ich enwiste nit, daz ich in zit icht anders von lere wúnschen soͤlte, denn daz ich mir und allen dingen koͤnde sterben und dir alleine leben Seuse dt. schr. 279, 17 Bihlm.; Plinius spricht, daz man der rehten hant wünsch in angsten und in nœten und daz man si raich in trewen Konrad v. Megenberg buch. d. natur 21, 1 Pf.;
wiszheyt ist besser dann all welt
vnd alles das man wünschen mag
Seb. Brant narrenschiff 24 Zarncke.
reflexiv:
mein kurzweil die ist mangerlai,
neur eselgsang und pfawengschrai
wunscht ich mir nicht mer umb ain ai
Oswald v. Wolkenstein ged. 107, 63 Schatz;
de weren in nod;
se wunscheden syk suluen vaken den dod
Reinke de vos 2776 Prien.
2)
als attributives part. prät., anders als unter A 4 d β u. 6, ersehnt, begehrt:
daz ym (dem menschen) kum der gewunschte tac,
des er hy beitet durch diz lon
daz er hat irarnet schon
md. Hiob 5380 Karsten;
up disse twistinge und irrunge einen guden und wunscheden ende van beiden sieden tho erlangen (exoptatus finis) (mitte d. 15. jhs.) bei Westphalen mon. ined. rer. Germ. (1739) 3, 153.
II.
in neuhochdeutscher sprache bedeutet wünschen vorwiegend das subjektive begehren, verlangen, ersehnen einer sache (A); dies zwar im anschlusz an die im ahd. und mhd. zunächst nur spärlich bezeugte und sich erst im spätmhd. stärker entwickelnde bedeutung I B, aber im gegensatz zu dieser jetzt selbständig und frei von dem einflusz der im mhd. vorherrschenden objektiven bedeutung I A. von der bedeutung A wird im nhd. eine objektive bedeutung neu abgeleitet (B).
A.
der akt des verlangens nach etwas im eigenen oder fremden interesse oder das vorstellen einer sache als einer erstrebenswerten, und zwar stets in dem sinne, dasz die befriedigung des verlangens nicht vom eigenen bemühen abhängt. im gegensatz zum mhd. gebrauch steht der gegenstand des wünschens meist im akk.; die aus dem mhd. überlieferten konstruktionen mit abhängigem satz (vor allem dasz-satz) werden im laufe der zeit immer seltener, konstruktion mit infinitiv oder infinitivsatz dagegen wird zunehmend häufiger; konstruktion mit dem gen. der sache ist für das 16. jh. noch mehrmals bezeugt, später begegnet sie nur noch vereinzelt in poetischem gebrauch.
1)
etwas im eigenen interesse erhoffen, begehren, verlangen, ersehnen. lexikalisch: optare wunczen u. ä. (md. 15. jh.) Diefenbach gloss. 398ᵇ (wenn nicht noch zu I); optare, affectare, desiderare wünschen oder begeren gemma gemm. (1508) r 6ᵈ; wuͤndsch opto Er. Alberus dict. (1540) p 4ᵇ; aueo begaͤren, wünschen Frisius dict. (1556) 138ᵇ; ebenso unter appeto ebda 106ᵃ; cupio 353ᵃ; desydero 401ᵇ.
a)
in der form eines beschwörenden vorstellens oder aussprechens dessen, was erhofft wird. nur im älteren nhd. und noch an die mhd. objektive bedeutung I A anklingend: du spricht was sol ich abber wünschen, das wunsch das Iuuenal sagt, das ein gesunt gemüt sy in einem gesunden leib Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 68ᵃ; und wenn wuͤndschen hulffe, wer keyn bessers tzu wundschen, denn das schlecht alle bucher abthan weren unnd nichts bliebe bey aller welt, zuuor bey den christen, denn die blosse lautter schrifft oder biblie (1522) Luther 10, 1, 1, 627 W.; wann ich wünschen solt, und das es war würde, so wolt ich wünschen, das ich ein pfebe oder ein melon were Jac. Frey gartenges. 95 lit. ver.; die fraw wuͤnscht jr ein lang gelbes har, vnd newe puͤrsten, der mann wuͤnscht im zorn, das sie jr, ich weisz nich wohin fuͤre Mathesius Sarepta (1571) 14ᵃ;
ehe aber ich disz hoͤren solt,
desz todts ich lieber sterben wolt,
vnd wuͤnschen dasz mich in den tagen,
hett der erdboden nie getragen
Spreng Ilias (1610) 43ᵃ.
b)
affektbetont, verlangen, ersehnen:
wer viel gibt, erlanget viel:
was sein hertze wündscht und wil,
das wird gott mit gutem willen
schon zu rechter zeit erfüllen
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel ev. kirchenlied 3, 367ᵇ;
ein weib, das nicht regi ert rath, kirchen und gemein,
das lieber koch zuhaus als kantzler wundscht zu seyn
Rachel satyr. ged. 39 ndr.;
o liebliche stunden, o suͤsses ergetzen,
euch wuͤnsch ich allein
B. Neukirch ged. (1744) 283.
entsprechend: wünschende (zwischenwörter), wollte gott, hilf lieber gott Gottsched dt. sprachkunst (1748) 329.
c)
etwas vorstellen in dem sinne, dasz man das blosz vorgestellte gern verwirklicht sehen möchte.
α)
als vorwiegend seelischer vorgang, wobei es gleichgültig ist, ob und in welcher form dem auf verwirklichung des vorgestellten gerichteten verlangen ausdruck gegeben wird: er hat mir darauf geantwortet, dass ihn dieser entschluss sehr befremde, und dass er im stande zu sein wünsche, ihn hintertreiben zu können Lessing 18, 160 L.-M.; schon lange habe ich gewünscht, ihnen einen vorschlag näher legen zu können, dem zeit und umstände allein bisher nicht haben zulächeln wollen Lenz ges. schr. 2, 318 Tieck; wer, der Winckelmann und das alterthum liebt, wünschte nicht etwas der art von dessen eigener hand geschrieben? Göthe I 46, 84 W.; bleiben sie ruhig, ich wünsche, ich hoffe nichts mehr, es ist der letzte athemzug einer liebe, die für sie künftig todt ist Pückler briefw. u. tageb. (1873) 1, 453; es ist glaube ich das erste mal dasz ich frostwetter wünsche Bismarck br. an s. braut u. gattin 6 H. v. Bism.; heisz wünschte sie, es möge endlich einer der ihren sein Feuchtwanger Simone (1950) 213. so auch im hinblick auf personen, deren anwesenheit man gern sehen würde: ich (Adam) habe lange geseufzet darnach, ich habe sie (Eva) lange gewünscht, diese, diese lange getragen unter schmerzen an meinem herzen maler Müller w. (1811) 1, 89; diesen mittag gehe ich nach Tiefurt, heute abend wünscht mich Herder sehr Göthe IV 9, 1 W.
β)
das auf verwirklichung des vorgestellten gerichtete verlangen wird deutlicher zum ausdruck gebracht, manchmal nahezu im sinne von 'fordern': vielleicht wünscht mancher auch den boden zu sehen, der den baum trug, d. i. einige umstände bemerkt zu finden, unter denen die sprache solcher bilder und empfindungen fähig ward Herder 12, 27 S.; hier liegt auch ein brief von meiner mutter bey den du wünschtest Göthe IV 38, 12 W.; Pompeius gab sehr deutlich zu verstehen, dasz er diesen auftrag wünsche Mommsen röm. gesch. ⁴3, 26; der herr wünscht zu speisen? hiesz es, gleich wird serviert werden, es ist eben gekocht G. Keller ges. w. (1889) 5, 13; herr von Vieth, bitte, machen sie es so, wie es seine majestät wünscht Renn adel i. untergang (1947) 20. schärfer im hinblick auf eine person: man verlangt nach ihnen, monsieur Xavier, ... und sie werden auch gewünscht, mademoiselle Feuchtwanger Simone (1950) 292. die schärfe einer forderung bzw. einer ablehnung kann in verbindung mit einer negation besonders deutlich werden: seine hochgräflichen gnaden ... wünsche sich das nicht wieder zu erleben Brentano ges. schr. (1852) 5, 107; mein sohn wünscht nicht, dasz du dich in den nächsten tagen im ort zeigst Feuchtwanger Simone (1950) 189.
d)
in der verbindung mit präpositionalem ausdruck, wünschen nach etwas, bis zum ende des 17. jhs. bezeugt (ein entsprechender mhd. gebrauch unter I A 4 c).
α)
im 16. und frühen 17. jh. im sinne eines beschwörenden vorstellens oder rufens, a entsprechend: solch wellt (der begierde) macht denn disz leben enge und vordrieszlich, das der mensch wunscht, schreyet und rufft nach dem tod unnd iungsten tag (1522) Luther 10, 1, 1, 41 W.;
wir wundschten nach dir viel und offt:
itzt kombstu, auff den wir gehofft
dt. lieder auf d. winterkönig 3 Wolkan.
β)
dann mehr im sinne von b, ersehnen, verlangen:
ein guter fuͤrst ist was nach dem wir wuͤnschen sollen
Opitz poemata (1646) 1, 366;
man wuͤnscht lang nach ostern, wenn sie kommen so vergehen sie in einem tag Lehman floril. polit. (1662) 1, 234; inmaszen mir ... kund geworden, dasz hochgelehrte leute anderer nationen sehr darnach (nach einem deutschen wörterbuch) wündschen, und wohl erkennen, was ihnen selbst zu erleuchtung ihrer alterthümer daran gelegen Leibniz dt. schr. (1838) 1, 466.
2)
für eine andere person etwas erhoffen, erbitten, ihr etwas zuwünschen.
a)
zu jemandes segen und wohl etwas gutes beschwören, wollen oder es erbitten, 1 a sehr nahe stehend: nun das die stat gotes des herren, nyenen anderst ist, dann in dem frid, mögen wir darausz mercken, das der herr Cristus Jesus seinen iungern, alltzeit friden gewünscht hatt Keisersberg pred. teütsch (1508) 99ᶜ; allein sehet zu, dasz ihr gottes segen auch suchet, dasz nicht eitel liebesbrunst, sondern auch seiner gnaden gunst dabei sei, den ich euch wünsch gnädig zu sein mit eurem lieben buhlen (1523) Luther br. 3, 204 W.; mein arm pater noster wünsche ich und alles guts meinem gnädigen herrn (1537) ebda 8, 110;
ein gute nacht wünscht euch Hans Sachs
Hans Sachs 21, 48 lit. ver.;
vnd wünsche euch beyde ein friedsames ... leben schausp. engl. comöd. 20, 27 Creizenach.
b)
einem andern etwas gutes zuwünschen; manchmal verblaszt und nahezu formelhaft.
α)
das verlangen äuszern, dasz einem andern etwas gutes zukommen möge: durch die liebe woͤllen vnd wuͤnschen wir jhme alles guts Spee güld. tugendbuch (1649) 5ᵃ; ieder fuͤrst streuete eine handvoll blumen auf die leiche, wuͤntschte ihr eine sanfte ruhe Lohenstein Arminius (1689) 1, 17ᵃ;
vormals pflegte, wie bewuszt,
kaisern diesz gewünscht zu werden:
herrsche weiter, als August
B. Neukirch ged. (1744) 5.
β)
mehr in dem sinne, dasz dem andern das vorgestellte gut direkt zugewünscht wird: er gieng mit mir hart bis ans haus des kranken und wünschte mir gute verrichtung Lavater verm. schr. (1774) 2, 25;
schöne zofe! — einen guten morgen wünscht euch Konrad, der knappe
Meisl theatral. quodlibet (1820) 1, 217;
so nahm er alsbald seinen urlaub, der dame angenehme kurzweil wünschend Th. Storm s. w. (1900) 3, 233; ich wünsche dir ein gutes jahresende (1947) Gottfr. Benn ausgew. br. (1957) 120.
c)
sehr häufig in der verbindung jemandem glück wünschen; vgl. unter glück II D 1 a teil 4, 1, 5, sp. 255. nur selten und meist älter im wortsinn des beschwörenden zuwünschens und des erhoffens eines glücklichen geschicks für die angesprochene person: wuͤndschet Jerusalem gluͤck, es muͤsse wolgehen denen, die dich lieben ps. 122, 6; dem auffrichtigen leser wuͤndschet gluͤck vnd heyl d. Joannes Georg Godelman Nigrinus von zäuberern (1592) 140; womit ihme glück auf die reise gewündschet wird (1649) d. fruchtbring. ges. ältester ertzschrein 425 Krause; junge, du bist der beste von allen lebenden Halderns ... ich wünsche dir jedes erdenkliche glück Fontane ges. w. (1905) I 5, 76. häufiger in dem sinne, dasz man jemanden zu einem bestimmten ereignis beglückwünscht, ihm seine befriedigung und mitfreude zum ausdruck bringt: und Achior und Nabath, Tobie vettern kamen zu jm, und wuͤndscheten jm gluͤck, freweten sich mit jm alles des gluͤcks, das jm gott gegeben hatte Tob. 11, 19; gleich wie man einem gluͤck und heil wuͤndscht, wenn er was newes anfehet odder etwas guts uberkomen hat (1530) Luther 31, 1, 177 W.;
vnd wuͤnschet jhm geluͤck gar fein,
zu dem gewunnen kleinot fein
Spreng Ilias (1610) 328ᵃ;
auch Denis übersetzung verräth so viel fleisz und geschmack ..., dasz ich ... Deutschland zu einem barden glück gewünscht, den der schottische barde (Ossian) nur gewecket Herder 5, 159 S.; ich wünsche dir zu einem sohne glück Göthe I 21, 66 W.; sie sandten also eine gesandtschaft nach Afrika, wünschten glück zur eroberung G. Freytag ges. w. 17 (1910) 66.
d)
mit ersparung des dativs der person, besonders in formelhafter verwendung: er wolt das seine iunger friden wunstent, wa sie in die hüsser giengen, da er von inen gieng Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 98ᵇ;
das sein güt über uns erwachs
hie und dort ewig, wünscht Hans Sachs
Hans Sachs 1, 51 lit. ver.;
ich wuͤndsche gluͤk, ich wuͤndsche seegen,
zu dieser ehrenzier!
Zesen helikon. rosentahl (1669) 115;
ich wünsche, meine herren, dasz das souper nach ihrem geschmacke war Klinger w. (1809) 1, 145; aufrichtigst wünschend verehrend unterthänigst Goethe Göthe IV 29, 93 W.; ich wünsche guten morgen, werte damen Schnitzler d. grüne kakadu (1899) 7.
e)
jemandem etwas böses zuwünschen, ihm fluchen; verwünschen; vgl. glossierungen von imprecari (15./16. jh.) Diefenbach gl. 289ᶜ; gemma gemm. (1508) m 3ᶜ; Calepinus undec. ling. (1598) 691ᵃ: ich möcht eim kein grösser vnlück wünschen, dann dz er emtper vberkem Keisersberg brösamlin (1512) 1, 14ᵃ; sie muͤssen zu ruͤck keren vnd gehoͤnet werden, die mir vbels wuͤndschen psalm 70, 3; wenn mir schon ein wuͤndschet, dass mein pferdt hincket werde. derhalben wirdt es nicht also Nigrinus von zäuberern (1592) 73; dann mir so viel teuffel von einem jeden in den leib gewuͤnscht Zinkgref-Weidner teutscher nation weish. 3 (1653) 45; sie klagt, sie heult, sie donnert, sie wünscht jhm vier und zwantzig tausend teuffel Abr. a s. Clara Judas 2 (1690) 99; dasz deine ungeduld wohl gereitzt werden dürfte, mir hagel und frost auf den hals zu wünschen Thümmel reise (1794) 3, 72; übles wollen wir ihr auch nicht wünschen A. v. Droste-Hülshoff an Levin Schücking (1893) 140; wenn die frau da, die jetzt so fühllos schnarchte, während sie sich in pein verzehrte, ihr auch den tod wünschte Clara Viebig die vor d. toren (1949) 118. in objektlosem gebrauch 'fluchen, verwünschen', meist substantiviert und mit kennzeichnendem attribut. nur bis ins frühe 18. jh. hinein bezeugt: da erhebt sich als denn ein solches erschrecklich fluchen vnd wuͤnschen, dass sich die sonn dafuͤr entferben moͤchte theatrum diab. (1569) 318ᵇ; unter solchem zoͤrnen ist das verfluchte und boͤse wuͤnschen begriffen Hartmann fluchspiegel (1672) 167; es lehret auch die erfahrung, dasz auff das erschreckliche wuͤndschen und abscheuliche fluchen die leibliche besitzung erfolget J. D. Ernst fastnachtswoche (1703) 112.
3)
konjunktivischer modus, umschreibungen und feste wendungen akzentuieren die bedeutungen 1 und 2 in bestimmtem sinne.
a)
wünschen im konjunktiv oder mit konjunktivischer umschreibung. schon hier und da im späteren mhd. in den bedeutungen I A oder B: Heinrich v. Neustadt visio Philiberti 62 Singer; Oswald v. Wolkenstein 68, 23 Schatz; ebda 107, 63; Niclas v. Wyle translat. 292, 19 Keller. die konjunktivformen unterstreichen den optativischen sinn des wortes. im älteren nhd. selten: Paulus aber sprach, ich wuͤndschet fur gott, es feilet an viel oder an wenig, das nicht alleine du, sondern alle, die mich heute hoͤren, solche wuͤrden, wie ich bin apostelgesch. 26, 29; inzwischen wolte ich wuͤnschen, euren nahmen zu wissen Ziegler asiat. Banise (1689) 17;
wer wuͤnschte nicht Damoet zu sein?
Lichtwer Äsop. fabeln (1748) 12.
nach der mitte des 18. jhs. in diesen formen, bes. im einfachen konjunktiv, häufiger, nicht selten mit resignierendem unterton: verläszt man denn die, die man liebt? so musz ich sie wohl nicht lieben, denn ich wünschte, sie nie zu verlassen Lessing 2, 289 L.-M.;
wie hätt ich nicht gewünscht, so schönem leben
die minder würdge hälfte zu ersparen
Schiller 15, 1, 20 G.;
ich wünschte, er (Mozart) wäre nicht so verschwenderisch (mit seinen melodien) bei O. Jahn Mozart (1856) 14, 25; sie lachen. ich wünschte, ich könnte es auch A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 31. mehr die bedeutung 'fordern' (1 c β) abschwächend und höflich umschreibend: es ist vornehmlich der charakter des Richards, worüber ich mir die erklärung des dichters wünschte Lessing 10, 97 L.-M.;
ich wünschte recht gelehrt zu werden,
und möchte gern was auf der erden
und in dem himmel ist erfassen
Göthe I 14, 90 W.;
besitzen sie nicht die Seckendorfischen lieder? ... ich wünschte mir sie auf kurze zeit ders. IV 23, 230; in solcher stimmung sind deine überfeurigen briefe, närrische Bettina, grade recht, nur wünschte ich, du begnügtest dich mir dergleichen blosz zu schreiben, und erzähltest nicht so viel an andere davon (1832) Pückler briefw. u. tageb. (1873) 1, 100.
b)
in der unpersönlichen wendung etwas ist oder wäre zu wünschen kommt nicht so sehr das bewusztsein der unwirksamkeit und irrealität des wunsches, als vielmehr die betonung seiner dringlichkeit zum ausdruck: darumb zu wunschen, das frome teutsche fursten nichts mit seinen (des kaisers) vntrewen practiken zu thun haben (1539) bei Luther br. 8, 643 W.; es wer auch gut vnd zu wuͤnschen, dasz diese ordination verbessert vnd etwas geendert wuͤrdt Schweigger reyszbeschr. (1619) 303; derentwegen sehr zu wünschen wäre, dasz eine rechte physic und metaphysic an den tag käme J. J. Becher psychosophie (³1707) 81; es ist also zu wünschen, dasz seine schriften von einem sachkundigen manne gesammelt werden Schubart leben 1 (1791) 19; dürfte ... dein guter verstand eingesehen haben, dasz auf erwiderung niemals zu hoffen, ja, dasz eine solche niemals zu wünschen war M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 86.
c)
nichts oder etwas zu wünschen (übrig) lassen, die vollkommenheit bzw. unvollkommenheit einer sache umschreibend: weil wir bereits journale besitzen, welche dem liebhaber und selbst dem kenner wenig zu wünschen übrig lassen d. dt. Merkur (1773) 1, 7; wir wollen hingegen auch nicht bergen, dasz ... uns diese copien manches zu wünschen übrig lassen Göthe I 47, 293 W.; die betten aber seien ausgezeichnet und lieszen nichts zu wünschen übrig Raabe s. w. I 6, 269; und sagte: sie gehen mit mir, George! in einem ton, der an selbstverständlichkeit nichts zu wünschen übrig liesz Ina Seidel labyrinth (1922) 139; die beziehungen des rektors zu oberlehrer Vogelsang lieszen zu wünschen übrig Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 124.
4)
der reflexive gebrauch, der im mhd. nur sehr schwach ausgebildet ist (vgl. unter I A 2 a α und I B 1), nimmt im verhältnis zum gesamtgebrauch des wortes seit dem 16. jh. langsam zu. er entspricht in seiner syntaktischen struktur dem allmählich seltener werdenden gebrauch von 2 mit der bedeutung 'jemandem etwas wünschen'.
a)
der ältere nhd. gebrauch deckt sich in der bedeutung mit dem von 1 a und 2 a. er beschränkt die fügungsweise mit dem dativ der person, die dem gebrauch von 2 a eignet, auf eine solche mit dem reflexiven dativ: ich wolt mir wundschen, das ich nur drei tag ein engelchen were, da wolt ich allen bawren ihre schetze stelen (1531) Luther tischr. 2, 410 W.; die historien lernen vns, das wir vns des lands Palestina nit wündschen solten, ... wann wir nit alle land bisz dahin vnderwegen gewinnen Seb. Franck Germ. chron. (1538) 137ᵇ; (Leonhardus:) ach unglückseeliger Leonhardus! du hast in kurzer zeit einen vater und schwester verlohren! wohin will doch das unglück dich leiten! ich wünsche mir selbsten vor betrübnisz den tod schausp. engl. comöd. 184, 13 Creizenach.
b)
seit dem 17. jh. selbständiger und deutlich reflexiv in dem sinne, dasz jemand etwas für sich, in seinem eigenen interesse oder zu seinem eigenen besitz ersehnt oder verlangt:
der sechste wuͤnschet ihme bald disz und das,
er strebet nach, und suchet, ich weisz nicht was
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 158;
liebe seele, gleichwie du dir aus ungeduld nicht selber solt den tod anthun, also solt du auch aus ungedult den tod nicht selber dir wünschen Qvirsfeld geistl. myrrhengarten (1717) 888; im sechzigsten jahre wünscht sich alle welt ein landgut Hippel über d. ehe (1774) 21;
(ich) wünsche mir, dasz ich dem mächtigen,
was ihm gefällt, mit wahrheit sagen möge
Göthe I 10, 12 W.;
und die menschen, die mich dann nach meines lieben vaters tode zu sich nahmen — bessere konnte kein kind sich wünschen Th. Storm s. w. (1900) 5, 164; ich wünschte mir, ihn eines tages von angesicht zu angesicht zu sehen Carossa d. tag d. jungen arztes (1955) 44.
5)
als part. perf. im sinne von 'erhofft, erwartet, begehrt, verlangt'. anders unter B 2.
a)
sehr häufig attributiv: bisher, da noch ymer sunde ist blieben, hat yderman friede gesucht, aber die sunde hats nicht leiden woͤllen, es ist mehr gewuͤndschter friede denn gehabter friede gewesen Luther 23, 557 W.; damit ... die bergkleut ... frölich vnd seligklich sterben, vnnd des gewuͤnschten juͤngsten tages in jren grebern erwarten Mathesius Sarepta (1571) )( 4ᵇ; gleichwohl aber der gewuͤnschte bescheid dermal eins nicht kommen wollte Grimmelshausen Springinsfeld 6 Scholte; eben jetzt ist ihr lieber, sehnlich gewünschter vater wieder gekommen Lessing 2, 168 L.-M.; und im nächsten augenblick trat der musikant aus dem gebüsch hervor und spielte unter lautem zuruf die gewünschte melodie W. Raabe s. w. I 6, 182; ohne säumen verbürgte Diederich sich für alle gewünschten reparaturen H. Mann d. untertan (1949) 390.
b)
substantiviert, etwas gewünschtes, das gewünschte:
ist nichts gewuͤnschters jhm gewesen,
weder die reuter ausz erlesen,
vnd die artzneykunst zu ergruͤnden
Spreng Äneis (1610) 252ᵇ;
die hagere frau brachte das gewünschte und verschwand wieder O. M. Graf unruhe (1948) 138.
6)
im substantivierten infinitiv; anders unter B 3: vnd ist das wunschen, begeren, klagen vnd bitten dem menschen angeporen Eberlin v. Günzburg s. schr. 3, 238 ndr.; vnnd ein grosse torheit were es, wann einer sitzendt oder mit dem blossen wuͤnschen, vermeinte den feindt zuschlagen Albertinus der kriegsleut weckuhr (1601) 2, 37ᵃ;
sollt wollen und wünschen wirklich werden,
es ritten die narren wohl all auf pferden
maler Müller w. (1811) 1, 281;
die nebel, welche fühlen, wünschen, wollen um die dinge gelegt hatten, waren fort Feuchtwanger Simone (1950) 303. so nur selten im sinne des zuwunsches (s. unter 2):
ich stell es, lieber freund, nun deiner meinung frei,
was doch auf solchen trost mein gröstes wuͤnschen sei
Grob dichter. versuchgabe (1678) 28;
sie nieste abermals, er wünschte von neuem; das niesen und wünschen hörte auch nicht auf Brentano ges. schr. (1852) 5, 415.
7)
redensartlich, in die (eine) hand wünschen, zur umschreibung der nichtigkeit des wünschens: aber ich tröst mich dessen, ist es nicht hie, so ist es dort, vnnd villeicht mehr als ich mir inn ein hand wuͤnschen solt. auff solche oder auch ein bessere weisz solt jhr allzeyt ewerm vnglück mit trost wissen zubegegnen, dasz noch morgen taler könten regnen Fischart Garg. 37 ndr.; meine groszmutter pflegte zu sagen: wer in die eine hand wünscht und in die andere pfeift, der hat in einer so viel als in der andern Platen w. 2, 187 Redlich. entsprechend:
o sterblicher, was sorgest du, und wünschest in den wind?
R. Z. Becker mildh. liederbuch (1799) 70.
B.
in seiner von A abgeleiteten objektiven bedeutung richtet sich wünschen in der weise auf einen gegenstand, der auch eine person sein kann, dasz der eindruck entsteht, als könne sich an diesem gegenstand ein dem wünschen entsprechender und durch dieses bewirkter tatsächlicher vorgang vollziehen oder als habe er sich vollzogen, während die wirklichkeit sich dem wünschen gegenüber tatsächlich und auch für das bewusztsein des sprechers gleichgültig verhält.
1)
sich, jemanden oder etwas an einen ort oder in einen zustand wünschen; lediglich den eindruck erweckend, als eigne dem wünschen eine wirksamkeit und eine mächtigkeit über die wirklichkeit. auch dort, wo der zusammenhang die erfüllung des wünschens wahrscheinlich macht (z. b. Fortunatus und Gryphius unter a), ist diese erfüllung in erster linie durch die an das wünschen gebundenen besonderen umstände bedingt. konjunktivischer modus oder umschreibungen sind, wie unter A 3, möglich. ein ähnlicher gebrauch unter anderen voraussetzungen unter I A 4 b.
a)
allgemein: wenn ich meine diener auff das geiaͤg send vnd mich verlangt, das ich geren bey yn wolt sein, so setz ich mein huͤtlin auff vnd wünsch mich zu jn, so bin ich bey jn (1509) Fortunatus 87 ndr.; mein herr Käte grüsset euch und wünscht euch bald gesund und bei uns (1534) Luther br. 7, 118 W.;
entweiche! ruffe du die sänger vor die thür!
wir wünschen uns allein
Gryphius trauersp. 72 lit. ver.;
ich ... wolte lieber in die stelle jener hirten, die da vor uns weiden, mich wuͤnschen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 3, 157; auch deines vaters wegen wünsch ich dich (in der todesstunde) standhaft Gerstenberg Ugolino 259 H.; wenn wir geneigt sind, etwas zu tadeln und besser zu wünschen, so sinds meistens die zeiten und umstände unsrer erziehung Herder 31, 309 S.; talentreiche leute, die der könig in seinen dienst wünschte Göthe I 43, 301 W.; ich wünschte den privatsekretär Pinnemann trotz aller seiner liebenswürdigkeit an irgendeinen angenehmen, aber fernen ort der erde W. Raabe s. w. I 6, 55; der mann, ... der nichts ungetan wünschte, was er getan, und nichts getan wünschte, was er gelassen hatte, bereute nun in kurzer frist zum zweitenmal Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 274.
b)
erst jünger bezeugt ist der typus jemanden zum teufel wünschen: machen musz er, dasz das mädel lieber vater und mutter zum teufel wünscht Schiller 3, 365 G.; er wäre zum henker gegangen, wohin ich euch wünsche Göthe I 43, 248 W.; Reichmeyer stimmte ... bei und wünschte die kritik zu allen tausend teufeln Gutzkow ritter v. geiste (1850) 3, 297; der handwerker wünscht die fabriken dahin, wo der pfeffer wächst Riehl die dt. arbeit (1861) 70; und dabei verklagte sie Dörr, ... der immer zu hause sei, wenn sie ihn zum kuckuk wünsche Fontane ges. w. (1905) I 5, 262.
c)
wendungen nach dem typus wie man etwas nur wünschen kann bewerten eine sache positiv: da ward es jhm so wol erbotten vnd auch gedienet, dass er es ihm nicht besser hette wuͤndschen moͤgen buch d. liebe (1587) 387ᵇ;
zumahlen den gemähten weizen, den man nicht besser wünschen kann
Brockes ird. vergnügen 7 (1743) 243;
sie betrug sich gegen mich, wie ich es nicht besser wünschen konnte Göthe I 23, 35 W.; sein name ist für zwei von ihnen (den kreuzigungsgruppen) urkundlich gesichert, für die beiden anderen spricht die stilistische übereinstimmung so deutlich als irgend gewünscht werden kann Dehio kunsthist. aufs. (1914) 133.
d)
das ziel des wünschens ist ein bestimmter persönlicher status, jemanden zum freund wünschen u. ä.: das yn landfrembden ... mann die künigkliche tochter Nausikaa zuͦ einem gesponsz, der künig Alcinous sampt der künigin zuͦ ainem ayden vnd mitregenten jres künigreichs samentlich wünschten vnd begerten Schaidenreisser Odyssea 3 Weidling; ein armer der reich ist worden, vnd ein bawer der edel worden, sol man nicht zu freunden wuͤnschen Lehman floril. polit. (1662) 2, 705;
viel ritten der freier nach Taubenhain,
und wünschten Rosetten zum weibchen
Bürger s. w. 60ᵇ Bohtz;
dasz man die Römer wohl zu freunden aber nicht zu herren wünsche Mommsen röm. gesch. ⁴2, 46.
2)
als part. perf. im sinne von 'wunschgemäsz, trefflich, richtig, passend' nicht über das 18. jh. hinaus nachzuweisen. anders unter A 5: ein sehr hüpscher, wolgewachsener fürst ..., also das die alten sagen, das er ein gewunscht mensch sey gewest und viel besserer eintracht ... in seiner ehe were wirdig gewest Kantzow chron. v. Pommern 314 Gaebel;
du komst jetzt zu gewünschter zeit
Spangenberg bei Dähnhardt griech. dramen 2, 57 lit. ver.;
Phyllis, mein gewünschtes gut,
meine zier und krone,
du, in derer milch und blut
ich am meisten wohne
Simon Dach ged. 417 lit. ver.;
die gewuͤnschte hauszmutter (überschrift) Rachel satyr. ged. 36 ndr.; den abend umb 9 uhr, als der wind aus suͤd-west uns gewuͤnschet kam, giengen wir ... zu seegel Olearius pers. reisebeschr. (1696) 3ᵇ;
und da ihn so gewünscht das glück hieher geführt
König ged. (1745) 542;
so lagen sie ihm (ihrem gastgeber) doch beständig an, für sie posten zu finden, in denen sie ihren unterhalt erwerben könnten. kurz darauf fand sich eine gewünschte stelle für Marianen Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 74.
3)
nur spärlich bezeugt in einem von A 6 verschiedenen substantivierten gebrauch zur kennzeichnung dessen, was begehrt wird oder werden könnte. im ersten beleg im anschlusz an wunsch II B 1: disz sollent jhr billig dem groszmechtigsten künig Dario, von vns rümen vnnd anzeigen, das jhr von vnns zu peht vnnd tisch nach allem wünschen, so wol gehalten seyt Boner Herodot (1535) 65ᵇ;
du guͤldne freiheit du, mein wuͤnschen vnd begehren
Opitz buch v. d. dt. poeterei 16 ndr.;
und warum schämst du dich, bist du einmal gefangen,
durch deine bande selbst dein wünschen zu erlangen?
J. E. Schlegel w. (1761) 1, 52;
besorgen sie nur erst einen liebsten nach dero verlangen, vor das andere wünschen will ich sorgen Holston u. Augusta (1780) 53.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 13 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2038, Z. 31.

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Zitationshilfe
„wünschen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCnschen>, abgerufen am 04.08.2020.

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