Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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wippe1, f.

¹wippe, f.,
seit dem 14. jh. bezeugtes wort; aus wippen (etymologisches s. dort) retrograd gebildet für einen länglichen gegenstand, der wippende bewegungen ausführen kann, so für den zweiarmigen hebel und seine verschiedenen anwendungsformen; wippe ist nd.-md. ursprungs und noch heute in der obd. schriftsprache ein fremdling; vgl. mnl. wippe Verwijs-Verdam 5, 2670, nl. wip, engl. whip (mengl. whippe). seltenere nebenformen sind wipp Schottel hauptspr. 280, Hönig Köln. 201, wipp, m. f., Schmidt-Petersen nordfries. 163ᵇ, mnd. wuppe Schiller-Lübben 5, 736, nd. wüppe Doornkaat-Koolman 3, 557, franz. Simpl. (1683) 2, 336, wöpp Fischer saml. 98, wüppen Frederking Hahlen 35.
1)
in ihrer einfachsten form ein brett oder eine stange mit hochliegendem unterstützungspunkt in der mitte; als spielgerät für kinder oder als hebel zum aufheben von lasten verwendet, besonders auch technisch für bestimmte arten hebelförmiger instrumente und maschinenteile in verschiedenen gewerben.
a)
für das hebelförmige schaukelgerät: kan der herr wohl sehen, wann ihn die wippe gleichsam über die wolcken erhebet? kunst, wie man seine persohn ... (1691) 36;
zurück von dem lockenden buschwerk
führ ich die lieblinge schnell zur wipp im schatten des birnbaums,
oder wir lassen sie sanft hinschweben im stuhle der schaukel
Kosegarten dicht. 8, 185;
die innere breite der wippe beträgt 40 cm Kregenow-Samel gerätkunde 53; bildlich: die vier königreiche setzten sich wieder ... auf die österreichische wippe, um Preuszen ihr gewicht fühlen zu lassen und es in die höhe zu schnellen Oppermann hundert jahre 8, 275; vgl. Woeste 326ᵃ, Frischbier preusz. wb. 2, 473, Köppen Dortmund 66, Bauer-Collitz waldeck. 114ᵃ, Brendicke Berlin. wortsch. 143; scherzhaft für einen breitkrämpigen strohhut (schäferinnenhut) Brendicke a. a. o., Bruns volksw. d. prov. Sachsen 75ᵃ.
2)
bildlich für einen schwankenden, unsicheren standort; in redensarten wie auf der wippe stehen, sitzen, auf unsicherem boden stehen, zu fallen gefahr laufen, vgl.er steht auf der wippe in lubrico versatur Stieler stammb. (1691) 2450; es stehet unser glück auf der wippe Kramer t.-ital. 2, 1357ᵃ; op de wip stoe 'dem falle nahe sein' Rovenhagen Aach. ma. 163, vgl. Woeste 326ᵃ, Frischbier preusz. wb. 2, 473: ich kann keine balancirende und ungewisse sache sehen und denken, kein tischglas auf einer tischecke, nichts, was auf der kippe und wippe oder auf dem anstande steht B. Goltz jugendl. 2, 392; das klingt und lacht und flittert alles in dem hause — und steht doch auf der wippe Iffland theatr. w. 4, 38; spezifisch: sie steht op der wippe vor der entbindung Elberf. ma. 176; nur der einige Hirkaner liebet die gerechtigkeit und tugend, daher sitzet er stets auf der wippe Buchholtz Herkuliskus (1665) 772; von einem kaufmann, der dem bankrott nahe ist: he sitt up de wipp Schütze Holstein. 4, 365; up der wippe sitten Schambach Gött. 300ᵃ, Richey idiot. hamb. 340; anders upp de wüppe sitzen unruhig sitzen, im begriff aufzubrechen Stürenburg 337ᵃ; Doornkaat-Koolman 3, 557ᵃ s. v. ²wip; abstrakt für den zustand des schwankens, schwebens, vgl. hê steid helsk (höllisch) in de wip Doornkaat-Koolman 3, 557ᵇ; dat hangt noch in de wip hängt noch in der schwebe ebda.
3)
ein hebelförmiger, beweglicher galgen und foltergerät, an dessen eines ende der delinquent festgebunden wurde, um ins wasser oder auf nägel gestürzt zu werden, vgl.wippgalgen, ↗wippe strappa-corda Kramer t.-ital. 2, 1357ᵃ; anders: 'wippe heiszt die ausspannung der glieder, und ist eine strafe, mit welcher sonderlich nach Sachsenrecht die wildprets- und fischdiebe beleget werden' allgem. haushalt.-lex. (1749) 3, 746: quando duo boni super aliquo testimonium perhibuerint, hic supra wippam in penam peccati locari debeat et reponi (v. j. 1395) bei Burmeister bürgersprache u. bürgervertr. d. st. Wismar 24; man bedrohete mich mit galgen und wippe Grimmelshausen Simpl. 324 Kögel;
die schraube kwetsch ihm arm und bein entzwey,
die wippe lasz auf nadeln ihn falln nieder
Lohenstein Kleopatra (1680) 67;
was? mit gewalt? wär ich auch auf der wippe oder allen foltern der welt, so liesze ich mirs nicht mit gewalt abnöthigen Shakespeare 1, 186; wippe, ein käfigt, worin sonderlich gartendiebe etliche mal ins wasser gelassen und in die höhe gezogen werden Strodtmann Osnabr. 287, vgl. Richey idiot. hamb. 340 f.
4)
im nd. ein zweirädriger kippkarren, vgl. brem.-nieders. wb. 5, 305, Stürenburg 337ᵃ, Jacobsson techn. wb. 4, 673ᵇ: und hebben also dussen gronth mit groter swere heith ghemaket und de erde mit halven wagen, dat men eine wippe nennet, ... gehalet Oldenb. chronikensamml. 1, 231 Leverkus; mit schuppen, spaden, schubkarren ... nicht aber mit pferden, wagen oder wüppen, womit die übrige erde geschändet und zernichtet wird Oldenb. teichordn. (1658) art. 13 bei Hackmann von teichen u. dämmen 75.
5)
ein waageartiges instrument zum aussondern der schwereren gold- und silbermünzen, mit dem im 17. jh. die kipper und wipper (s. dort) arbeiteten, vgl.wippen 3 c:
o wer sie (die taler) jetzund selber hett,
sie würdn sie auf die wippen legn
und bald hernach sie anders pregn
jedermanns jammerklage (1621) a 4ᵃ;
kanstu in einer stunde etliche hundert gülden mit der wippe erwerben, so magstu den wagen gar bezahlen discursz etlicher personen von dem jetzigen zustande der kipper und wipper (1621) b 1ᵃ; er zahle in golde, nicht mit paphahnen und schreckenbergern der kippe und wippe Fr. L. Jahn w. 2, 493 E.
6)
ein einfaches, doppelarmiges hebezeug, mit dem lasten in die höhe befördert werden, vgl. Jacobsson 4, 664ᵃ; seemänn. für einen ladekrahn, vgl. Kluge seemannspr. 839, der auch aus rolle und seil bestehen kann, vgl. Jacobsson 4, 956ᵃ, Beil 659, Doornkaat-Koolman 3, 557; so schon mnl., s. Verwijs-Verdam 5, 2670: 'in navibus der wipp dicitur, unde perticam eluere den wipp köhlen' A. Beier vom handwerkzeuge (1691) 131; der schwengel beim ziehbrunnen, vgl. norw. (dial.) vippe 'brunnenschwengel, windezeug': aus dem brunnen nun wurde mittels der landesüblichen wippe das wasser für das vieh geholt M. Ebeling blicke 2, 58; vgl. wipp ziehbrunnen Schmidt-Petersen nordfries. 163ᵇ, Richey idiot. hamb. 340; der schlagbalken einer ziehbrücke: die aufziehbrücken sind entweder mit schwungbäumen oder wippen ... oder mit gegengewichten (versehen) Hoyer kriegsbaukunst 1, 182; vgl. 'wippe zugruthe ..., schlagbalken einer kellerbrücke' Mothes baulex. 4, 484; der hebelbock zum schmieren des karrens Hönig Kölner ma. 201; das schlagnetz beim vogelherd Elberfeld. ma. 176; stock am fischnetz Sanders erg.-wb. 1623, vgl. 'die handsenken (senknetze) heiszen auch senker, senkhamen, ... wippe' (südwestfusz des Harzes) A. Seligo fanggeräte (1914) 47; vgl. wippe hebenetz Waldbrühl Rhingscher klaaf 219.
7)
technisch für verschiedene kleinere instrumente und maschinenteile in der form des hebels; der schnepper an der armbrust: item 1/2 m. pauwel vor eine wepe dem meyster Marienburger treszlerbuch 550 Joachim; ouch sullen die von Thoron, Elbing ... 1 armborstwinde unde 4 wippen haben (v. j. 1395) bei C. G. Styffe bidrag 2, 2; 'wippe der thurmuhren, ein stück eisen, so man zwischen zwey zähne des bodenrades beym aufziehen der uhr steckt' Jacobsson 4, 664ᵃ; die umschaltung der wippe (bei der uhr) ... geschieht durch ausziehen der aufziehwelle Lueger 7, 756; teil des webstuhls: wippe, sapa, alze de linenwever hebben voc. ex quo (15. jh.) bei Schiller-Lübben 5, 736; 'wippe (zwillichmacher), so nennt derselbe die kleinen waagebalken an dem gehänge der schäfte Jacobsson 4, 664ᵃ; ein teil der drehbank: 'wippe, die senkrechte stange, durch welche die drehbankspindel in abwechselnd drehende bewegung gesetzt wird' Bucher kunstgewerbe 440ᵇ, vgl. Hoyer artill. 1, 139; vorrichtung zum bewegen des blasebalges, vgl. Blumhof eisenhüttenkde 4, 604; ein kleines fallwerk, werkzeug des nadlers, vgl. 'wippe (nadler) ... womit der kopf der stecknadeln mit dem schaft vereiniget und bevestiget wird' Jacobsson 4, 663ᵃ; zwischen den windsäckchen sieht man die leitstifte für die wippen (hebel) zum aufdrücken der ventile Töpfer orgelb. 195; der schieber (beim prägwerk) hat ... zwei zapfen, unter welche die beiden arme einer gabel, der wippe, greifen Prechtl techn. enc. 10, 245; teil am hammerwerk des klaviers, vgl. Sanders erg.-wb. 1623; 'wippe, teil der ablaufvorrichtung für schiffe' Hoyer-Kreuter 1, 855; nur vereinzelt in hochdeutscher form: wipfe, wepfe teil am pflug Hunziker Aargau 298.
8)
für eine turnübung als ausdruck der turnersprache: wippe heiszt jeder gerade sprung (von hinten auf das pferd), wobei der turner in die schwebe fällt und sich darin erhält Fr. L. Jahn turnkunst 53.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1937), Bd. XIV,II (1960), Sp. 513, Z. 69.

wippe2, f., älter auch m.

²wippe, f., älter auch m.;
zur wurzel idg. u̯eib- 'drehen', entsprechend md.-nd. wippen (s. dort) bzw. wîpen (s. weifen); nur mnd. und nd. bezeugt, als technischer ausdruck in den formen wippe und wiepe schriftsprachlich geworden; anscheinend stand ursprünglich ein m. wîpe neben dem f. wippe, die kontaminationsformen erzeugt haben können; etymologisches s. unterwippen; formal vergleicht sich dem f. wippe unmittelbar got. wipja, schwed. vippa 'bündel, blume, büschel'; zu der î-form vgl. ags. wīpian, mhd. wîfen 'winden, schwingen' und ahd. wîffa, wîfa 'reisigbündel' als gemarkungszeichen, s. Graff 1, 784, mhd. wîfe mhd. wb. 3, 625ᵃ. hauptbedeutung ist seit alters 'aus pflanzlichen stengeln geflochtenes bündel, strohbündel, reisigbündel', vgl. got. wipja 'kranz', mnl. wipe fax Diefenbach gl. 228ᵇ, mnd. dorne wypen spinarum fasces Schiller-Lübben 5, 736, wyp van holt of van stroe lanck gebunden v. d. Schueren Teuthonista 319 Cl.; dem mnl. entlehnt in frz. guipon Meyer-Lübke rom. etym. wb. 798ᵃ. mundartlich nd. verbreitet, vgl.wipe, wîp, m., 'bündel, büschel' Doornkaat-Kollman 3, 557ᵃ; wiepe, f., Schütze holst. 4, 360; wîpn, f., Danneil 248; wype, f., 'geflochtener strohwisch' Richey idiot. hamb. 340; wîpe, f., 'strohbündel' Frischbier preusz. wb. 2, 473 u. s. w.; komposita strôwîp, hedewîp 'wergbündel', nerswîp 'arschwisch', schürwîp 'scheuerwisch' bei Doornkaat-Koolman a. a. o.: stek enen wip stroes in enen budel also grot alse eyn henneney Rostocker arzneibuch (15. jh.) 68ᵇ bei Schiller-Lübben 5, 736; als zeichen einer schenke ausgehängt: dede wol deyd, darf nenen wyp uthenghen Kieler mscr. nr. 114, fol. 22 ebda; unde stecket einen wyp stro mit vüer in den oven Nicol. Gryse leienbibel (1604) 92; anders, von der quastenähnlichen form der wippe 'geschosse an der haferähre' Schütze holst. 4, 366, vgl. dän. vippe 'ähre'; 'geflochtenes reisigbündel, faschine', vgl. ahd. wiffa, wifa (s. o.): de domprovest sy disem holting ein bistender ..., sine kohlgarten mit wipen, roden, stacken tho beteren in deser marcke berechtiget (v. j. 1558) weisth. 3, 320; schriftsprachlich als technischer terminus für eine art faschine, vgl.wippe, f., 'wippe beim krippen der fluszufer' Woeste westf. 326ᵃ, Fischer schwäb. 6, 1, 859 (lehnwort): würste (waaschen, waasen, wippen, wiepen, bandfaschinen, ankerfaschinen) sind lange dünne faschinen ... aus schlankem reise Eytelwein faschinenwerke (1800) 8; wippe, ein strauchbündel Lueger 7, 950; wiepe faschinen oder bundbusch Benzler deichbau 2, 280; 'strohwisch' als verbots- und grenzzeichen: es werden wiepen ausgestellt, die gefechtsfelder ... im voraus bestimmt Wilhelm I. milit. schr. 2, 267; strohbündel des strohdaches: wo der first eingerückt war, hing die dachung in langen wiepen herunter Fontane ges. w. I 2, 440.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1937), Bd. XIV,II (1960), Sp. 516, Z. 12.

wippe3, f.

³wippe, f.,
hagebutte, s. unterwiepe.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1937), Bd. XIV,II (1960), Sp. 516, Z. 62.

wuppe, f.

wuppe, f.,
seltene nebenform zu ¹wippe (s. d., besonders unter 4).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 13 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2059, Z. 37.

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Zitationshilfe
„wüppe“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCppe>, abgerufen am 13.06.2021.

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