Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

würdevoll, adj.

würdevoll, adj.
in den 90er jahren des 18. jhs. entstanden und so gut wie ausschlieszlich (doch s. unten 3) zu würde D, in dessen bereich das hier relativ wenig entwickelte würdig (s. d. C 4) groszenteils vertretend.
1)
den besitz innerer würde anzeigend, entspr. würde D 1.
a)
vom menschen als gattungswesen oder als bestimmtem individuum, auch von bestimmten inneren eigenschaften, gesinnungen und verhaltensweisen: nie erschien die menschliche natur mir würdevoller als in ihm (1794) Matthisson schr. (1825) 3, 241; statt sich das vertrauen und die liebe seiner neuen unterthanen zu erwerben und durch würdevolle und umsichtige handlungsweise ihnen zu imponiren, mäkelte er an ihren kirchengebräuchen Hebbel w. 9, 89 Werner; er (ein aufsatz) ist so edel und würdevoll gehalten, so sollten alle literarischen streitigkeiten ausgefochten werden L. v. Gall in: br. v. L. Schücking u. L. v. Gall 278 Muschler. das für würde D so charakteristische moment der selbstachtung und des selbstanspruchs hervorhebend: Theodor schrieb ihr einen brief. er fand das würdevoller Kahlenberg Eva Sehring (1901) 63. hierher auch in der charakterisierung eines ganzen zeitalters: Aspasia versetzt uns in das würdevolle zeitalter des groszen Perikles; Lais fällt zusammen mit der schwelgerischen zeit des Alcibiades (1795) Fr. Schlegel s. w. (1846) 4, 79.
b)
den inneren rang, wert und anspruch geistiger gebilde bestimmend: die sprache (der zeitung) sei mehr als gewöhnliches volksfaszlich sein sollendes geschwätz, würdevoll, allgemeinverständlich, voll geist und leben, in gewählten ausdrücken Fr. L. Jahn w. 1, 195 Euler; ein hoher begriff von der göttlichen würde der kunst und wissenschaft ... sieht aus dieser dichtung (sängerkrieg auf der Wartburg) ... hervor. diesen würdevollen begriff darf man in den vorher besprochenen dichtern überall suchen Gervinus gesch. d. dt. dicht. (1853) 2, 32; wie stände es da um eines der würdevollsten werke der Deutschen: Göthes Iphigenia? Stifter briefw. 5 (1928) 5.
2)
sehr viel häufiger ein äuszerlich wahrnehmbares verhalten kennzeichnend, wie bei würde D 2 mannigfach abgestuft.
a)
noch stark innerlich, für den natürlichen ausdruck inneren würdebesitzes im menschlichen verhalten: er sieht, dasz sein monarch in würdevollem dulden ... allen das glorreichste beispiel giebt Immermann w. 19, 166 H.; höchst edel und würdevoll war ihr benehmen Hebbel w. 2, 260 Werner; wo geist und kraft des innern sittlichen menschen und liebenswürdige, würdevolle manieren des äuszern sich ineinanderschlingen Justi Winckelmann (1866) 2, 1, 284.
b)
meist für ein bewuszt gestaltetes und gesteuertes äuszeres gebaren, das aber nicht im widerspruch zum inneren stehen musz. von bewegungen, gesten und gebärden im sinne von 'ruhig, beherrscht, gemessen, gesammelt' u. ä., je nach dem sachlichen zusammenhang: nach seinen (des thronerben) graciösen und würdevollen salamis an alle personen von rang, beugte er sich tief vor seines vaters thron Ritter erdk. (1822) teil 6, 634; ebenso war, um nichts zu verlieren, zu verderben, zu zerbrechen oder in unordnung zu bringen, eine fortwährend ruhige und würdevolle haltung geboten G. Keller ges. w. (1889) 5, 66; erschien die gerufene, sich würdevoll verneigend Fontane ges. w. (1905) I 1, 356; herr Sasnaukas zuckte würdevoll die achseln A. Zweig einsetzg. e. königs (1950) 277. in dieser anwendung auch auf tiere übertragbar: er (der fasan) weisz dieses vorteilhafte äuszere ... durch eine würdevolle haltung zu erhöhen Naumann vögel (1822) 6, 448. seltener auf akustisch wahrnehmbares bezogen:
als hinzuschaun der ritter wagt,
ruft er mit würdevollem schalle:
'wer von des staubes söhnen hat
sich unserm stillen kreis genaht?'
(1796) Boie in: Weinhold Boie (1868) 352.
c)
in der körperlichen erscheinung würde ausstrahlend, achtung gebietend: die ganze gestalt war höher, würdevoller, der weite schlafrock legte sich wie ein königsmantel in breiten falten um brust und schultern E. T. A. Hoffmann s. w. 1, 214 Gr.; die madonnen, die würdevollen männergestalten der groszen italienischen meister Vischer aesthetik (1846) 3, 3, 588; ihr groszes, würdevolles gesicht M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 18.
d)
als typisches merkmal der vertreter bestimmter stände, berufe oder lebensalter, gelegentlich von würde A gestreift: der graf schritt steif und würdevoll über die zugbrücke aus dem hof Storm s. w. (1898) 4, 48; ein greis, so würdevoll und schön Mörike w. (1905) 3, 32; der abt ... erwiderte mit höflichkeit, während ... seine volle gestalt sich würdevoll nach der thürschwelle ... bewegte Laube ges. schr. (1875) 2, 146; nicht einen würdevollen medizinalrat, sondern ... den jüngsten arzt der stadt Carossa tag d. j. arztes (1955) 155.
e)
abwertender gebrauch, in der spottenden kennzeichnung des steifen, komischen, übertriebenen oder angemaszten, scheint gebräuchlicher als bei würde (s. d. D 2 e). wie dort gern im anschlusz an d: dann räusperte er (der dicke stadtausrufer) sich und schritt würdevoll ... weiter Storm s. w. (1898) 4, 44; (könig und priester) gaben sich also vor dem lärmenden, zornigen hauptmann noch steifer und würdevoller als sonst Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 351. und sonst: das ende vom liede war, dasz die Barnstedt mit dem würdevollen anstande einer verkannten seele heimgefahren ist A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 106 Schulte-K.; menschen 'von ungeselligem wesen ..., die sich ein würdevolles ansehen geben wollen, indem sie sich möglichst von gewöhnlichen menschenkindern entfernen, die eine strenge und drohende miene ... annehmen' Justi Winckelmann (1866) 1, 41; würdevoll trug er den umgewendeten zylinderhut vor sich her H. Mann d. untertan (1949) 45.
f)
auch die übertragung auf gegenständliches scheint weiter zu greifen als unter würde D 2 g:
nun endlich meldet würdevoll geläute
der majestäten feierliches nahn
(1810) Göthe I 16, 322 W.;
auch gut, doch der leibrock ist würdevoller Rückert ges. poet. w. (1867) 11, 424; in der ruhigen, würdevollen umgebung, die ihn verhinderte, sein inneres auszuschütten P. Heyse ges. w. I 3, 53 Klemm; es gibt aber vornehme bauten, die ... allein auf den würdevollen eindruck eines schönen quaderwerkes sich verlassen Dehio gesch. d. dt. kunst (1919) 1, 127.
3)
ganz vereinzelt im sinne von 'angesehen, führend', zu würde A: die sanften Arowaken, bei denen das weib bereits im haus eine würdevolle stelle einnimmt Peschel völkerk. (1874) 462.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2094, Z. 19.

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Zitationshilfe
„würdevoll“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCrdevoll>, abgerufen am 15.08.2020.

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