Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

würdig, adj.

würdig, adj.,
ahd. wirdīg (woneben auch mit kürze des suffixvokals zu rechnen ist), mhd. wirdic, wirdec, ags. wirþig, afries. wirdich, as. wirđig, mnd. mnl. werdich. ahd. wirdīg adjektivbildung mit suffix -īg zu wert, m. oder zu wirdī f., s. Wilmanns dt. gr. ²2, 459. — zum wechsel des stammvokals von -i- zu -ü- s. unter würde sp. 2061; früheste -ü-formen in obd. hss. des 14. u. 15. jhs.: wúrdig Tauler pred. 31, 7 V.; 59, 25; 122, 33; 123, 5 f. (neben wirdig 46, 13; 141, 13; 196, 24 f.); Seuse dt. schr. 422, 8 B. (hs. 14./15. jh.). wirdig überwiegt im 16. jh. noch durchaus, im 17. jh. ist es umgekehrt, doch vgl. -i-formen noch (1644) österr. weist. 3, 71, 45; Lehman floril. polit. (1662) 3, 136. mhd. wërdic vereinzelt md., z. b. werdic hl. regel 57, 14 Priebsch. ohne umlautsbezeichnung: wurdig v. d. Planitz berichte 174 Wülcker; G. Braun beschr. u. contraf. (1574) 5, 13ᵃ. älternhd. in abweichender lautung oder schreibung: wirtig (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 71ᶜ; wyrdig (1492) bei Röhricht pilgerreisen (1880) 258; Luther 8, 486 W.; 29, 50; Spangenberg ausgew. w., ganskönig 8 Martin u. ö.; wierdig (1644) österr. weist. 3, 71, 45; wirdich J. Arnd theologia (1631) A 2ᵇ. mit anderem suffix gebildetes mhd. vereinzeltes wirdisch pilgerf. d. träum. mönchs 3523 Bömer, dazu mhd. unwirdisch mhd. wb. 3, 607ᵇ; Lexer 2, 1988. — die bedeutungsgeschichte des wortes verläuft von anfang an dreisträngig: würdig ist entweder eine an feste syntaktische formen gebundene relationsbezeichnung (A) oder eine den bedeutungen von würde angepaszte selbständige eigenschaftsbezeichnung (C), oder es erscheint in einem zwischen A und C charakteristisch spielenden zwischengebrauch (B).
A.
als relationsbegriff. in einem wesentlichen teil seiner anwendung, von den anfängen bis in junge sprache hinein, dient würdig dazu, wie das stärker noch für lat. dignus gilt, unter zuhilfenahme bestimmter syntaktischer formen auszusagen, dasz von zwei gröszen eine der anderen nach wert oder art angemessen ist, zwischen ihnen also ein verhältnis der entsprechung besteht. als bloszer relationsbegriff hat würdig selbst neutralen charakter, erst durch seine jeweilige konkrete beziehung tritt es in (meist) positiv oder (seltener) negativ wertenden zusammenhang. im ganzen umfang dieser anwendung erscheint das wort vorwiegend in prädikativem — würdig sein, auch würdig achten, machen u. a. —, seltener in adverbialem (s. u. 6), nur vereinzelt in attributivem gebrauch. mit ahd. ungebräuchlicherem wert trifft würdig später hier oft zusammen, so in der häufigen, tautologisch zu wertenden kopula wert und würdig; vgl. auch würdig idem quod wert, dignus Stieler stammb. (1691) 2508; ähnlich M. Kramer t.-ital. 2 (1702) 1405ᶜ. auch als zweites glied eines kompositums sind würdig und wert grundsätzlich austauschbar, doch scheint zu gelten, dasz von doppelbildungen die eine entweder ungebräuchlich wird (z. b. lobenswürdig neben lobenswert) oder eine andere bedeutung annimmt (z. b. liebenswürdig neben liebenswert).
1)
mit abhängigem genitiv.
a)
am gebräuchlichsten in der form jmd. ist einer sache würdig 'jmd. verdient etwas', und zwar meist in dem passivischen sinne 'er verdient, dasz ihm etwas zuteil wird'.
α)
vornehmlich im zusammenhang religiöser oder sittlicher beziehungen, ohne dasz würdig hier selbst die bedeutung einer religiösen oder sittlichen qualifikation annähme: ut dignus sit tali honore (abt zu sein) ... vvirdiger ... solihhera era kl. ahd. sprachdenkm. 274, 4 Steinmeyer; weren sie (die gegner) die geweszen, die der warheyt wirdig weren, sie hetten ausz szo viel meynen schrifften sich lengist bekeret Luther 8, 213 W.;
selten erhaben und grosz und selten würdig der liebe,
lebt er doch immer, der mensch, und wird geehrt und geliebt
Göthe I 5, 218 W.
in christlicher redeweise auf den empfang göttlicher gaben und heilsgüter bezogen, wobei das wort weniger ein aktives verdienst meint, als ein von gott zugesprochenes: thie thar uuirdige gihabete sint therro uuerolti inti urresti fon toten Tatian 127, 3; ehe ... gott seine wunder tut, ... sollen wir uns seiner wunder würdig machen Fontane ges. w. (1905) I 1, 70. dieser auffassung entspricht die sehr häufige negierende einkleidung:
leiti unsih in richi thin, thoh wir es wirdig ni sin
Otfrid V 24, 16; vgl. II 4, 91; IV 31, 23;
Hartm. 62;
und (wer den glauben ohne werke hat) ist der wirtschaft wirdic niht,
der got den erwelten giht
Rudolf v. Ems Barlaam 89, 39 Pf.;
auch wir nit gelauben süllen daz wir ... seiner (gottes) genade wirdig sein Arigo decameron 17 Keller;
sie vns rette aus dem todt,
vnd in den himmel nem hinein,
des wir ja sonst nicht wirdig sein
Dedekind papista conversus (1590) E 1 a.
β)
in sachlich anderer beziehung: uuirdig ist thie vvurhto sines muoses (dignus enim est operarius cibo suo) Tatian 44, 6;
und (dasz sie) mich ir minne erwerben lie,
der ich nie leider wirdic wart
Konrad v. Würzburg Engelhard 4423 Haupt;
denn ein iglicher tagwercker ist seins lohns wirdig J. Schlusser v. Suderburg d. peürisch krieg (1573) 16; und haben es einige (frauen) so weit gebracht, dasz sie auch des doctorhutes würdig geschätzet worden Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 6; (die) eines dankbaren gedächtnisses doch so würdigen Askanier Fontane ges. w. (1905) I 4, 258. oft in gängigen verbindungen, die zugleich, übrigens wie bei wert, in der komposition von würdig mit den entsprechenden verben wiederkehren:
von rechte er (Christus) lobes wirdic ist
livländ. reimchron. 11 316 Meyer; vgl. 9102; 11 789;
je näher der poet der natur kömmt, je mehr lob und ruhms ist er auch würdig Buchner anleitung z. dt. poeterei (1665) 71; dasz der beamte ... durch sein verhalten in und auszer dem amte sich der achtung und des vertrauens würdig zu zeigen hat, die seinem berufe entgegengebracht werden Triloff reichsdienststrafordn. (26. 1. 1937) 11. nicht selten am maszstab des ranges gemessen, entspr. würdig C 2 a und würde A: (dasz) er solcher wolgebornen frawen vnd königin, auch dieses heyraths nicht wirdig wer buch d. liebe (1587) 338. hier vereinzelt fast soviel wie 'gewürdigt':
des reiches macht ich erst besasz,
des vor kein Sachs nicht wirdig was
Entzelt altmärk. chron. (1579) 136 Bohm.
γ)
die bis heute mögliche beziehung auf negativ bewertete gröszen gehört namentlich in den vorstellungsbereich von strafe und verdammung. der z. b. bei Stosch gleichbed. wörter 2 (1780) 550 gemachte versuch, verbindungen mit tadel, tod, galgen auf wert und schuldig einzuschränken, würdig aber nur in positiven beziehungen gelten zu lassen, findet im literarischen gebrauch nirgendwo eine stütze, wenn auch, besonders auszerhalb festgewordener wendungen, eine tendenz in dieser richtung erkennbar wird:
bi thiu thulta ih thrato manag leid.
uueiz ih thaz giwisso thaz ih thes wirthig was ouh so
Otfrid Hartm. 13;
uuile du lougenen ... den gûotelôsen sîn uuirdîgen cheli? (negas omnem improbum dignum supplicio?) Notker 1, 263, 28 P.; vgl. 264, 4; 1, 824, 9 u. ö.; wanne wir von naturen sint ... wúrdig des ewigen verduͤmpnisses von unsern wegen Tauler pred. 59, 25 V.; die da vorprennen, sind des fewris wirdig, und die vorprant werden, sind des gericht stuls wirdig (1522) Luther 10, 1, 1, 7 W.; vgl. 17, 2, 50 W. u. ö.; viel leidens vnd betrübnisz soltu dich wirdig achten, vnwirdig aber desz göttlichen trostes J. Arnd Thomas a Kempis nachf. Christi (1631) 29; wenn wir des tadels würdig sind B. Mayr päckchen satiren (1789) 5; die geistesstärke, die macht über das leben, womit Euphemie prahlte, war mir des bittersten hohns würdig E. T. A. Hoffmann s. w. 2, 65 Gr. seit alters fest des todes würdig:
is he dôdes nu
uuirdig be sulicun uuordun?
Heliand 5106 B.; vgl. 5237;
wan er hat nit getan in massen,
das er des todes wirdig sig
bei Mone schausp. d. mittelalters 2, 296;
alle, ... die hilf, schütz, schirm, zuͦr todsünd thuͦnd, seind des tods wirdig J. Strausz haubtstuck wider den wuͦcher (1523) 2ᵃ; haltet ihn (den verräter), bis wir aussinnen, welches todes er würdig ist br. Grimm dt. sagen (1891) 2, 153. gelegentliche spätere anwendungen, in denen jmd. nicht einmal einer strafe für würdig erklärt wird, deuten darauf, dasz würdig aus einer neutralen bedeutung in eine prägnant positive hinüberdrängt, s. auchwürdigen 2 a β ββ ende: du unverschämter cujon bist meines sebels nicht würdig Ziegler asiat. Banise (1689) 142; der kerl ist zu niederträchtig, als dasz er meiner rache würdig seyn sollte H. L. Wagner theaterstücke (1779) 191. sozusagen umgekehrt in der religiös begründeten, vor allem unter A 5 b γ wiederkehrenden vorstellung, dasz jemand eines martyriums 'gewürdigt' wird: ich hoff, byn ichs wirdig, es sol yhn kommen, das sie mich todten unnd ubir mir yhrer vetter masz fullenn Luther 8, 340 W.; vgl. 15, 255.
b)
bei der a gegenüber in ihren gliedern vertauschten fassung etwas ist jemandes (nicht) würdig macht sich ein deutlicher einflusz der absoluten, von würde D her geprägten bedeutung C 4 geltend, die zum jungen gebrauch dieses wortes gehört, und zwar im geltungsbereich C 4 a, in dem die gesichtspunkte der selbstachtung oder des selbstgefühls für würdig bestimmend sind. vereinzelt auch älter, dann aber soviel wie 'etwas ist für jmd. nicht gut genug':
und (sie) maint, kein grab sein (d. königs Mausolos) wirdig wer
Hans Sachs 2, 306 lit. ver.
α)
vor der instanz sittlicher normen: zu dieser absicht, welche allein der menschlichen natur würdig ist Lessing 8, 19 L.-M.; jede beschäftigung vermag den menschen zu adeln, ihm eine bestimmte, seiner würdige gestalt zu geben W. v. Humboldt ges. schr. (1903) 1, 118; der kampf um sechstausend sesterzien sei eines mannes nicht würdig, der einundfünfzig jahre hinter sich ... habe Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 51. unpersönlich konstruiert und, wie unter 5 b, mit abhäng. infinitivsatz: nicht dasz ihr unwürdig wäret, sondern euer ist es nicht würdig, diesen dingen obzuliegen Nitzsch dt. studien (1879) 10.
β)
in der kennzeichnung dessen, was nach eigener oder fremder meinung jemandes geistigen oder künstlerischen fähigkeiten angemessen ist: eben so weit war die music ... von derjenigen unterschieden, die seiner einbildung nach allein der musen würdig war Wieland Agathon (1766) 2, 52; nachrichten ... eines plans, welcher der groszen beherrscherin Ruszlands vollkommen würdig war J. G. Forster s. schr. (1843) 4, 44; in der meinung, dasz es (ein dediziertes buch) gründlicher und ihrer (anrede) würdiger sei, als was ich früher habe leisten können (1818) Jac. Grimm an Savigny 267 Schoof. mit ironischem unterton, wenn es sich um negativ beurteilte personen handelt: dergleichen krasse ... theorien sind ganz der leute würdig, die ... noch an Newtons homogene lichter glauben Schopenhauer w. 1, 179 Gr.; das schien ihm eine ganz klägliche strategie, würdig der landsknechtshaufen Brehm zu früh u. zu spät (1936) 283.
γ)
in der bestimmung dessen, was jemand nach eigenem oder fremdem urteil beanspruchen musz, wenn sein selbstgefühl oder sein ansehen gewahrt bleiben sollen: sie wollen mich verhindern, sie wieder in umstände zu setzen, die ihrer würdig sind Lessing 2, 131 L.-M.;
(wenn) einen andern dank die groszgesinnten Achaier,
meinem herzen gefällig und meiner würdig, mir reichen
Bürger s. w. 187ᵃ Bohtz;
wir grüssen unsern tag. sein mittäglicher glanz ... führt unser ... volk in eine glückliche und seiner würdige zukunft Liller kr.-ztg. (1917) 57.
c)
die zwei personen in beziehung setzende verbindung jemand ist eines anderen würdig ist seltener, prägt sich aber kaum minder charakteristisch aus.
α)
das verhältnis zwischen Christus (gott) und dem gläubigen bestimmend, in enger oder lockerer anlehnung an Matth. 10, 37: (qui amat patrem aut matrem plus quam me, non est) me dignus min uuirdig (9. jh.) ahd. gl. 1, 712, 29 St.-S. (Luther: mein nicht werd); Tatian 44, 23; nym dein creutz auff dich, wo aber nitt, so bistu mein nitt würdig Luther 10, 3, 190 W.;
mach mich gehorsam, gut und treu,
dasz ich in meinem ganzen leben
des besten vaters (gottes) würdig sey
Schubart s. ged. (1825) 3, 27.
β)
von zwei einander gleichwertigen liebenden oder ehegatten, anfangs auch unter mehr äuszerlicher, z. t. von würde A 'rang, stand' her bestimmter wertung: des (jünglings) zucht und tugent einer iglichen grossen edelen frawen wirdig sein Arigo decameron 71 Keller; ist er mir schon am stande nicht gleich, so macht ihn doch die schönheit meiner würdig schausp. engl. comöd. 113 Creizenach; ich wäre seiner (des geliebten) würdig gewesen Göthe I 23, 94 W.; nun, willst du mir nicht auch sagen, ich sei Theresens nicht würdig? Ina Seidel labyrinth (1922) 198.
γ)
ähnlich in anderen zwischenmenschlichen beziehungen: die berühmte Zenobia, jene ihres lehrmeisters Longinus so würdige fürstinn Zimmermann einsamkeit (1773) 29; einen seines vaters würdigen reiterführer Mommsen röm. gesch. 2 (1881) 32. von hier aus wird eine übertragung auf die beziehung zwischen einander ebenbürtigen inneren kräften und gefühlen möglich: gieszen sie aus ... mein herz ist ihres schmerzes würdig Leisewitz Julius v. Tarent 8 lit.-denkm.
δ)
auch hier kann würdig das verhältnis negativ gewerteter gröszen bestimmen, sogar in der unter a γ begegnenden verschärfung: rechte grobe knotten ... nicht des henkers wyrdig Luther 29, 50 W.; Clodius Esopus (ein verschwender) ist eins solichen suͦns würdig gewest, der die berlen ... verschluckt hat Eppendorff Plinius (1543) 167. in jüngerer sprache, für die in würdig ein positiver gehalt meist mitschwingt, sind solche anwendungen deutlich ironisch: ob dieser excesz (das hinauswerfen Mozarts durch graf Arco) auf hochfürstlichen befehl geschah, wuszte Mozart nicht gewisz, jedenfalls war der gräfliche diener seines gebieters würdig O. Jahn Mozart (1856) 3, 30.
d)
der typus eine sache ist einer anderen sache würdig nuanciert sich innerhalb der übergreifenden vorstellung des angemessenseins nach verschiedenen richtungen.
α)
soviel wie 'eine sache verdient etwas'. so besonders in den oben a β entsprechenden verbindungen, die auch bei wert möglich und z. t. dort geläufiger sind: an demo gnuht unde maht sint ... ist taz fersihtîg, alde allero êrôn uuirdîg? Notker 1, 170, 7 P.; clagt er (der einem anderen kampf ansagen will) aber daz er in beraubet habe sines guotes, und im genomen habe als vil, daz ez kampfes wirdig sî Schwabenspiegel, landrecht 331 Wackernagel; daz ain yetklich tütsch, daz usz guͦtem zierlichen vnd wol gesatzten latine gezogen vnd recht vnd wol getranferyeret wer, ouch guͦt zierlich tütsche vnd lobes wirdig, haissen ... müste Niclas v. Wyle translat. 9 Keller;
wasz da und dort geschieht und märckens wûrdig ist
Rompler v. Löwenhalt erstes reimgebüsch (1647) 50;
welches allerseits vngegründetes vrtheil ich kaum einer antwort würdig achte Opitz v. d. dt. poeterei 11 ndr.;
so wenig, dasz es kaum der rede würdig war
Bürger s. w. 106ᵇ Bohtz.
hier selten in der verknüpfung negativ bewerteter gröszen: wie ein iung münch in sünd felt, wirdig grosser pein Arigo decameron 35 Keller; ungerecht, unbillig, unzweckmäszig, des tadels würdig Raupach dram. w. ernster gattung (1835) 5, 7. ältere sprache macht hier aus der form mit abhäng. gen. vereinzelt ein gleichgeordnetes verhältnis von substantiv und attribut; dy sprüch und dy chroniken, die wirdigez gedechtnüss sind (14. jh.) in: mitt. d. hist. ver. f. Steiermark 46 (1898) 9.
β)
unter der voraussetzung eines bestehenden (oder fehlenden) verhältnisses der angemessenheit und entsprechung. auf eine blosze situation bezogen, um auszudrücken, dasz zwei gegebenheiten zueinander passen: ein ungemein majestätisches, der feierlichkeit des festes würdiges ansehen E. T. A. Hoffmann s. w. 10, 24 Gr. elliptisch: das wetter, würdig des mais und frühlings mon. Germ. päd. 36 (1806) 474. gern mit ironischem unterton: wie der grund ist, szo sind disze priester, wie der priester, szo ist das gesetz: eyns des andern wol wyrdig Luther 8, 486 W.; in der einen hand eine sogenannte holzschenvioline, ... in der andern einen bogen, ganz des instrumentes würdig A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 2 (1878) 275; vgl. 1, 309. mehr von der vorstellung der gleich- oder ungleichwertigkeit aus:
wohl! wenn die starkmüthigen
Achäer einen andern preis mir dann (als ersatz für Briseis)
gewähren, welcher dieses würdig ist
Bürger s. w. 143ᵇ Bohtz;
eine tapferkeit kann, wie die des Catilina, einer besseren sache würdig sein N. Hartmann ethik (²1935) 394. negiert hier soviel wie 'in keinem verhältnis (zueinander) stehen': es sind die lyden in disem zyt nit würdig der künftigen eer, die in uns eroffnet wirt Zwingli dt. schr. 1, 273 Sch.
2)
von den auch bei lat. dignus möglichen verbindungen mit präpositionalem objekt läszt sich nur der typus jmd. ist zu etwas würdig in einem schmalen strang durchverfolgen:
sia (die apostel) uuârun gode lieba,
uuirdiga ti them giuuirkie
Heliand 20 B.;
er duchte sie ein tore
und wirdec sin zu allem spote
passional 111, 71 K.;
sie (die kranke frau) hat den bluͦtganng wol zwelff jhar nach einander gehabt, was kunde sie damit verdienen? wie solt sie davon zuͦ etwas wirdig sein? Luther 10, 1, 2, 435 W.; vgl. 2. Thess. 1, 5; einen zu etwas würdig machen fare, rendere uno degno di qualche cosa Kramer t.-ital. 2 (1702) 1405ᶜ;
jung, jede prüfung hast du rühmlich so bestanden,
dasz sie dich würdig bald zum weiterrücken fanden
Rückert ges. poet. w. (1867) 2, 66.
anderes bleibt anscheinend auf älteren einzelgebrauch beschränkt: das dir gott nach deinen wercken, den wirdigen tod gebe (at tibi di dignum factis exitium duint) Boltz Terenz deutsch (1539) 20ᵃ; als nun kaiser Diokletian Georg seines ritterlichen bluts und muts halber würdig geachtet für einen kriegsmann Abr. a s. Clara w. 1, 145 Strigl.
3)
mit abhängigem akkusativ, vom älternhd. bis etwa 1800 belegbar; der bei wert sehr viel geläufigere gebrauch mag hier eingewirkt haben, vielleicht auch die tatsache, dasz in der alten verbindung ich bin es würdig der gen. es später als akk. miszdeutet werden konnte: mein mü liebe und dienst ... widerkerung und lon wirdig ist Arigo decameron 603 Keller; darumb er ewigs lob wirdig ist Eberlin v. Günzburg sämtl. schr. 1, 3 ndr.; ich kan erdulden nicht das, was ich würdig bin Dietrich v. d. Werder puszpsalmen (1632) A 4ᵇ;
und alle welt gesteht dabey,
dasz sie dein herz wohl würdig sey
Gottsched ged. (1751) 1, 253;
fahr wohl, narrengesicht mit der aufgekrämpten nase! so bleib ich bei meinem prinzen, meinem Fortunat, der ist es auch würdiger Tieck schr. (1828) 3, 96.
4)
die verbindung mit abhängigem dativ ist jünger gelegentlich möglich: in dieser, ihm würdigen, beschäftigung Lessing 3, 190 L.-M.; (Agamemnon) rase nicht wie ein klageweib ... umher; er wende sein auge ab, und weine väterliche thränen: so erscheint er — würdig dem könige und dem vater, mithin auch würdig der theatralischen grazie Herder 3, 62 S.; möge dir die vorsehung nun ein deinem herzen würdiges wesen zuführen Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 145. in mundartlich gefärbter redewendung: das ist dem jetzigen Leipzig nich mehr würdig; so was ist den eltern nicht würdig Albrecht Leipzig § 223.
5)
mit abhängigem satz konstruiert. die beziehung auf negativ gewertetes tritt hier stark zurück.
a)
(dessen) würdig, dasz ... bis ins frühe 18. jh. belegbar, seitdem wohl durch den von anfang an gebräuchlicheren inf. mit zu ersetzt (s. b).
α)
vorwiegend auf personen bezogen, wie unter 1 a α und β und in den gleichen beziehungen umschreibend, dasz jemand verdient, dasz ihm etwas zuteil wird, seltener, dasz er etwas tut:
ni bium ik nu thes uuirdig, uualdand frô mîn,
that ik under thîne iungaron gangan môti
Heliand 5017 B.; vgl. 938; 2104;
wan ich niht wirdic wære
daz mîner sorgen bürde
von iu (der geliebten) gelîhtert würde
Konrad v. Würzburg Engelhard 2052 Haupt;
sandte der heubtmann freunde zu jm, vnd lies jm sagen ... ich bin nicht werd (ἱκανός), das du vnter mein dach gehest, darumb ich auch mich selbs nicht wirdig geachtet hab (ἠξίωσα), das ich zu dir keme Lk. 7, 7; würdig vnd wehrt ist dieser könig das man jhn ... liebe Dannhawer catech.-milch (1657) 4, 463. negativ wertend:
ihr weren (= wäret) würdig zu der stund,
das man mit pfeilen in euch schusz
Spreng Ilias (1610) 44ᵃ.
vereinzelt der bedeutung 'geeignet' nahe: solch urteyler und solch richter ynn heyligen sachen ..., die wirdiger weren, das sie heymlich gemach fegten, denn das sie die schrifft handleten Luther 8, 311 W. gelegentlich im sinne von 'gewürdigt', auszerhalb der vorstellung 'etwas verdienend', vgl. bes. b γ:
thaz ir werdet wirdig, sar so quimit minaz thing,
thaz ir stet in rihti in mineru gisihti
Otfrid IV 7, 87;
nu tröst ich mich des, das ich bin
wirdig, das ich mag tragen jn (ein blinder bettler den leichnam des armen Lazarus)
(1590) Rollenhagen spiel v. reichen manne 136 Bolte.
β)
viel seltener auf dinge oder vorgänge bezogen:
wanta wirdig si (die erde) ni was
bira missodati, thaz er (Christus) sia furdir drati
Otfrid V 17, 21;
als er besichtigt dise fürgenommen arbeit, schetzet er sie wol wirdig, dasz sie ... an tag käme S. Münster cosmogr. (1550) vorr. 2; (was er) vor würdig achtet, dasz es in seiner kleinen charte notiret werde Fleming d. vollk. teut. soldat (1726) 45.
b)
mit abhängigem inf. mit zu, von anfang an neben a, später an dessen stelle; vorwiegend von personen, die als zu etwas würdig bezeichnet werden, seltener (s.δ) in der beziehung auf gegenständliches.
α)
der abhängige inf. hat passivischen oder zuständlichen sinn und bezeichnet das, was jemand verdientermaszen empfängt oder ist, in religiöser, moralischer oder sonstiger wertung der person:
was wirdig er (Noah) in wara zi bimidanne thia zala
Otfrid Hartm. 66;
tîe consules uuâren. alde uuirdîg sint zeuuerdenne Notker 1, 80, 10 P. mhd. auch mit bloszem infinitiv:
du (Christus) bist wirdic und noch baz ...
nemen ere, loub, unt tugent
Heinrich v. Hesler apokalypse 8978 Helm;
wer undanckber ist umb die eingenomen guͦtthat, der ist nitt würdig annder guͦtthat zuͦ enpfahen Keisersberg granatapfel (1510) B 1ᶜ; sie konten nicht glauben, dass sie ihrer verdienste wegen würdig wären, von gott so augenscheinliche hülff zu empfahen Grimmelshausen 2, 393 Keller; thue das, wodurch du würdig wirst, glücklich zu sein Kant 3, 525 akad.; fort mit ihnen, sie sind nicht länger würdig, der menschlichen gesellschaft teilhaftig zu sein H. Mann ausgew. w. (1950) 1, 413.
β)
auch bei aktivischem sinn des abhäng. inf. bleibt die bedeutung von würdig passivisch wie unter α, also 'verdienend, etwas (den handelnden auszeichnendes) zu tun': thie after mir zuouuart ist, ther ist mir strengiro, thes ni bim uuirdig giscuohu zi traganne Tatian 13, 23; vgl. 146, 5; kain mensch sey wirdig got an ze sehen Schiltberger reisebuch 48 lit. ver.; nicht würdig seyn etwas zu thun Kramer t.-ital. 2 (1702) 1405ᶜ; ich bin ja nicht würdig, mit so heiligen frauen in gesellschaft zu leben Schiller 3, 545 G.; sie sind nicht würdig, an der erhabenen jungfrauengestalt, zu der wir jetzt übergehen, ihre geistlose feder zu wetzen H. Mann ausgew. w. (1950) 1, 406. nur ganz vereinzelt rückt das wort durch seinen zusammenhang der bedeutung 'fähig, imstande sein' nahe: wer ist wirdig das buch auffzuthun, vnd seine siegel zubrechen? vnd niemand im himel noch auff erden noch vnter der erden, kund das buch auffthun offenb. 5, 2. soviel wie 'gewürdigt', in Lk. 21, 36 der Lutherbibel, wo die vorlage aber 'imstande seiend' meint: betet, das jr wirdig werden müget zu entfliehen diesem allen, das geschehen sol, vnd zu stehen fur des menschen son (gr.: ἵνα κατισχύσητε) Lk. 21, 36.
γ)
wie vereinzelt bereits oben (s. 1 a β; γ; 5 a α; b β), so wird vor allem hier die vorstellung des verdienens abgelöst durch die des (unverdient) dürfens, des gewürdigt werdens; dies vor allem im anschlusz an acta 5, 41, bis ins 17. jh.: (die apostel) fröwten sich daz sie wirdig waren zuleiden umb des herren willen Keisersberg brösamlin (1517) 1, 8ᵇ; vgl. Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 103ᵇ; sie giengen aber frölich von des rats angesichte, das sie wirdig gewesen waren, vmb seines namen willen schmach leiden (gr. ὅτι κατηξιώθησαν) apostelgesch. 5, 41; vgl. Luther 51, 293 W.; 52, 638; 54, 472; ach wie hertzlich sollen wir dancken, das wir wirdig sein tzuhören vnd tzu lessen, was vns solche liebliche vnd trostliche verkundigung sagen Luther tischr. 4, 544 W.; aber gottes zorn ... hat vns nicht lassen wirdich seyn, dieselbe zu sehen J. Arnd theologia (1631) A 2ᵇ.
δ)
von sachen und gegenständen aussagend, dasz sie eine bestimmte behandlung verdienen: darumb wolt ich dise myne flyssige arbait ... dyner genǎden höher erkantnusz befelhen, als ainem rechten strengen richter ze erkennen und urtailen, ob sie wirdig sye, in die welt zewandeln Steinhöwel de claris mul. 16 lit. ver.; dass deren höchstgepriesene tugenden wert und würdig seien, ... verehrt zu werden Abr. a s. Clara w. 2, 70 Strigl; glücklich noch die (alten bauten), die würdig befunden wurden, eine fabrik oder eine strafanstalt aufzunehmen Dehio kunsthist. aufsätze (1914) 266. attributiv in verschleierter beziehung: dasz ich allein ein würdiges herz und fähigen hochmuht trage, die welt zu beherrschen Schottel friedenssieg 21 ndr.
ε)
bis ins 17. jh. ist es möglich, würdig, sei es in persönlicher, sei es in sachlicher beziehung, mit einem aktivischen infinitiv auch dann zu verbinden, wenn zwischen regierendem satz und abhäng. inf. subjektswechsel erfolgt; später bedürfte es passivischer konstruktion oder eines den inf. erweiternden, die beziehung eindeutig machenden pronomens: ist es (das abendmahl) denne zuͦ sunderlichen ziten wúrdig zuͦ enpfohende, warumbe enwere es nút alle tage wúrdig? Tauler pred. 123, 5 Vetter; bucher ..., die wirdig und nutz weren, dem volgk tzu predigen Luther 1, 80 W.; diese antwort, die würdig ist, mit güldenen buchstaben auff zu schreiben persian. baumgarten (1696) 60ᵃ Olearius.
c)
mit abhängigem relativsatz gelegentlich vom 15. bis 17. jh., sicher an den entsprechenden lat. gebrauch angelehnt, was vornhd. offenbar noch vermieden wird, vgl. z. b. Notker 1, 96, 10 P.: aber (er war) wol wirdig den sin husfrowe betrug Niclas v. Wyle translat. 22 Keller; das er (Eck) alleyne wirdig sei, den alle leute offentlich verlachten vnd verspotten Hutten opera 2, 212 Böcking; aber das büchlein Plutarchi von aufferziehung der kinder, ist würdig, welches von allen eltern gelesen werde Schupp schr. (1663) 732; vgl. 731.
6)
der feststellung einer relation dient endlich ein adverbialer gebrauch von würdig neben verben, umschreibend, dasz eine handlung, ein geschehen sich an jmd. oder etwas in angemessener weise und so, wie sie es verdienen, vollzieht. würdig deckt sich hier mit der wendung nach würden (s.würde B 2 b), die anfangs häufiger ist; später kehrt sich das verhältnis um. mhd. und noch bis tief ins ältere nhd. ist hier würdiglich (s. d. 2 b) gebräuchlicher.
a)
geläufig neben bestimmten verben, mit denen sich die vorstellung der angemessenheit besonders leicht verbindet: der dih hier uuirdigo lobôt, demo uuirt kelâzen, daz er dih lobot êuuigo Notker 2, 592, 12 P.;
wan alles das liden das man lit ...
daz mag nit so vil krefften pflegen
das es múg wirdig widerwegen
ainem tropfen so des bloss
Jhesus durch menschlich kúnne vergoss
Konrad von Helmsdorf spiegel d. menschl. heils 1648 Lindqvist;
es ist eine schwere kunst, grosze verdienste würdig zu loben Cramer nord. aufseher (1758) 1, 44; wie mag ich ... dir den hellen himmel ... würdig darstellen Wackenroder herzenserg. (1797) 180; er erwartete, der erzpriester werde ihn als gast begrüszen, ... ihn würdig empfangen Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 84. spezifischerer bedeutungsgehalt kann dabei, durch den absoluten gebrauch C beeinfluszt, sekundär hinzutreten: heil dem dichter, der solche thaten ohne alle schmeichelei würdig und schön darstellte Herder 17, 68 S.; die grosze sache auf deutschem boden würdig zu vertreten Ina Seidel d. labyrinth (1922) 347. ferner, ebenfalls in jüngerem gebrauch, neben verben, die nach vorwärts oder rückwärts weisen und insofern eine relationsvorstellung in sich schlieszen: eine lebendige pyramide ... endigte würdig das ganze schauspiel Göthe I 21, 164 W.; wie wir den tag würdig beschlieszen W. Raabe s. w. I 6, 181 Klemm; würdig bereitet dieser wohltuende raum vor auf den sogenannten huldigungssaal Ric. Huch im alten reich (1927) 306.
b)
in mehr gelegentlicher beziehung: quod si contigerit, digne inde satisfaciat deo in oratorio daz ibu kipurit uuirdigo danan kinuhtsamo tue cote in chirichun Benediktinerregel in: kl. ahd. sprachdenkm. 222, 29 Steinm.;
versag ihr (der weisheit) nur dein ohr in trüben stunden nicht,
wann rath und hülfe mehr als jemals dir gebricht!
die weisheit lehre dich, die dinge würdig schätzen
Uz s. poet. w. 375 lit.-denkm.;
nur der grosze wille fehlte, der solche herrliche kräfte würdig zu benutzen verstand Treitschke dt. gesch. im 19. jh. (1879) 1, 215. stärker noch als unter a scheinen dabei absolute bedeutungen aus dem bereich C einzuwirken. hierher auch die bei würdiglich (s. d. 2 c α) viel gefestigtere verbindung das sakrament würdig empfangen: der glaube aber ist dahin gericht ..., wollen wir anders dis sacrament wirdig empfahen, das wir festiglich gleuben mussen, das Christus Jesus gottes son sey (1522) Luther 10, 3, 49 W.; weysz nit, ob wyr yhn (einen biblischen text) wirdig gnug handelln mugen ders. 10, 1, 1, 354; eine ... so würdig als reinlich aufgestellte bibliothek setzt den reisenden in verwunderung Göthe I 49, 13 W.; im hinblick auf eine vergangenheit, die würdig verwaltet ... werden will E. Jünger das wäldchen 125 (1928) 230.
c)
in der besonderen nuance 'verdientermaszen, mit recht' anscheinend nicht über das frühe 19. jh. hinaus:
die wirdiger den galgen hetten
verdienet hie vnd ouch das rad
Murner badenfahrt 43 Michels;
ich bin überzeugt, dasz eine menge ... dem grabe entriszne kranke, freudig mit mir übereinstimmen werden, einem so würdig gerühmten arzte zu danken G. Stephanie d. j. sämtl. lustsp. (1771) 107;
willst du der liebe fürst dich würdig nennen,
so sei der tapfern tapferster!
Schiller 13, 193 G.
B.
wie in geringerem masze schon für lat. dignus, so ist für würdig von jeher die anwendung charakteristisch, die zwischen seinen relativen (A) und seinen absoluten (C) gebrauchsweisen die mitte hält. die relation des als würdig bezeichneten auf ein mit ihm verglichenes erscheint hier verhüllt, da nicht mehr in syntaktisch festgelegter form ausgesprochen, sie musz aber oder kann mindestens aus der gesamten aussage oder einem ihrer glieder hinzugedacht werden. die anwendung ist mannigfach abgestuft zwischen unerläszlicher und nicht notwendiger ergänzung, in welch letzterem falle die grenze zum absoluten gebrauch C verschwimmt.
1)
vor allem so, dasz als zweites vergleichsglied ein genitivisches pronominalobjekt zu ergänzen ist.
a)
in der rückbeziehung auf sachlich gegebenes steht bloszes würdig für dessen, deren würdig.
α)
allgemein, wobei würdig oft substantiviert erscheint:
ne lât ûs farlêdean lêda uuihti
sô ford an iro uuilleon, sô uui uuirdige sind
(etwa: lasz uns böse geister nicht so weit zu ihrem willen verführen, wie wir [dessen] würdig sind)
Heliand 1611 B.;
thanne ir inganget thaz hus, heilazet iz sus quedante: sibba si thesemo hus! oba thaz hus uuirdig uuirdit, thanne quimit iuuer sibba ubar thaz, oba iz uuirdig ni uuirdit, iuuer sibba zi iu uuirbit (Matth. 10, 12) Tatian 44, 8; vgl. 125, 9; der gewinnt mit geben, der wirdigen gibt sprichw., schöne weise klugreden (1548) 64ᵃ; wer für unrecht hielte, dasz ... die sonne so hoch stünde, hätte alleine sich zu beschweren: dasz der würdigste kayser wäre. sein verdienst setzte ihn auf eine so hohe staffel Lohenstein Arminius (1689) 1, 6ᵇ; das, was der künstler hier (in der stofflichen auswahl eines vorwurfs) festgehalten, sei auch das würdigste Göthe I 25, 16 W.; vgl. IV 29, 100; wie konnten sie von mir zu einem freudigen feste ein würdiges lied begehren ... seit langer zeit, sind meine lieder so verdrüsslich, so übel gestellt als mein kopf Göthe IV 1, 222 W.; vgl.I 33, 8; so erfreuen sich doch Glucks werke gewisz einer würdigen darstellung E. T. A. Hoffmann s. w. 1, 17 Gr.; in der nächstenliebe kommt die kraft des strebens wahllos dem zufällig nahen zugute. ob er der würdigste sei, danach fragt sie nicht N. Hartmann ethik (²1935) 446. nicht selten ist hinsichtlich des zu erschlieszenden zweiten relationsgliedes doppelte beziehung möglich, entweder auf einen gegenstand oder auf ein mit ihm sich vollziehendes geschehen: der lorberkrantz, ... um ihr (der fleiszigen) würdiges haar dermaleinst zu bekräntzen Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) zuschr. 4; vgl. Göthe I 5, 76 W.; auf sein (Attilas) haupt, als das würdigste, hat sich die alte göttliche geschichte gesenkt (1811) W. Grimm an Savigny 122 Schoof. absolutem gebrauch sehr nahe, vor allem in der richtung auf C 3 und 4:
ja, die muse ... lohnt mit unsterblichkeit
jede würdige that
Ramler lyr. ged. (1772) 189;
sie theilte den würdigsten die kostbaren preise aus Haller Alfred (1773) 276; wenn leben krieg führen heiszt und durchaus gestritten werden musz, dann sei es auf würdigem kampfplatze M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 3, 9.
β)
speziell in der parenthetischen wendung wie, als jmd. würdig ist, besonders nach einem komparativ mit folgendem als-satz: ich glaub des wol das sie me gutes von mir hab gehöret dann ich wirdig sy Lancelot 51 Kluge; du hast ... eyn guldene begrebnusse empfangen als du wol wirdig bist Arigo decameron 254 Keller;
weil dir schon gegäben ist
mehres, alls du würdig bist
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 3, 318;
lasz eine kleinigkeit, mein bruder, dir nicht näher treten, als sie würdig ist Lessing 3, 47 L.-M.
b)
auf eine im rahmen der gesamten aussage genannte person als zweites relationsglied in der weise zu beziehen, dasz vor würdig ein meiner, deiner, seiner zu ergänzen ist; im unterschied zu a erst seit dem frühen 17. jh. belegbar:
(ich) hab mit ihnen (den musen) für dich beraitet
einen würdigen lorbör-crantz
Weckherlin ged. 1, 127 Fischer;
unser ... vaterland (hat) keinen Bernin, ihm (Georg Wilhelm) eine würdige säule aufzurichten Lohenstein lobschrifft (1679) A 3ᵇ;
hier gilt es, schütze, deine kunst zu zeigen,
das ziel ist würdig und der preisz ist grosz!
Schiller 14, 359 G.,
nach dem tode Rudolfs von Habsburg bemerkt Ottokar, dasz selbst Wolfram von Eschenbach mühe haben würde, ihm eine würdige grabschrift zu dichten Scherer litt.-gesch. 188. mit dem nebenton des herablassenden, gönnerhaften: nur der zweite stock des Hesslingschen hauses ward von ihm (dem leutnant) für würdig befunden H. Mann d. untertan (1949) 399. wird die relation undeutlicher, so macht sich, in genauer entsprechung zu A 1 b, der einflusz der jungen absoluten bedeutung C 4 stärker geltend: die weltweisen ..., für welche die religionen allerdings ein sehr würdiger gegenstand sind Lessing 5, 332 L.-M.; war eine handlung nicht mit tausend gefahren umgeben, so schien sie mir nicht bedeutend, nicht würdig Göthe I 23, 20 W.; vgl. 22, 9; je mehr ich daran dachte, umso ungeduldiger wurde ich, meine kräfte an einem würdigen gegenstand zu probieren Winnig frührot (1926) 154. A 1 c entsprechend, das verhältnis der gleichwertigkeit zwischen zwei personen kennzeichnend; speziell von ehegatten:
o das war erst ein würdiger gemahl!
verständig, zärtlich und verbindlich
Gellert s. schr. (1839) 1, 184;
so gehts dem vater. wächst die tochter auf,
forscht er für sie nach einem würd'gen gatten
Göthe I 9, 177 W.
unter der voraussetzung der positiv wertenden absoluten bedeutungen (s. bes.C 3 b; c) gern ironisch, vgl. ähnliches bei edel, trefflich, wacker usw.: Dionys befand diesen rath seines würdigen ministers vollkommen nach seinem geschmack Wieland Agathon (1766) 2, 151; (die schnapphähne) betrachteten mich als einen würdigen kumpan Eichendorff s. w. (1864) 2, 320.
2)
als attribut neben einem wort, dessen inhalt die vorstellung einer relation nahelegt, bezeichnet würdig ein zwischen diesem und einem hinzuzudenkenden beziehungswort bestehendes angemessenheitsverhältnis. im bereich von lohn und strafe spezifiziert sich dabei die bedeutung 'angemessen' leicht zu der von 'verdient':
daz den wirdigesten lon (im himmel)
enphahen die eluͤte
Heinrich von Neustadt gottes zukunft 7955 S.;
solchs zu wirdiger straffe und seliger besserung zubringenn Luther 12, 17 W.; wie dergleichen hochansehnliche meriten ... durch eine würdige vergeltung möchte belohnet werden Chr. Weise polit. redner (1677) 265. im vorstellungsbereich von wert und gegenwert soviel wie 'entsprechend, gleichwertig, vollgültig': (in Christus) magstu wol opfern das wirdig opfer dem himleschen vatter fur alle din schuld meister Eckhart reden d. unterscheidung 31 Died.; zu einer besitzung dez grabs vmb wirdiges guͦt (pecunia digna) (var.: vmb eyn gleychs guͦt) (1. Mose 23, 9) erste dt. bibel 3, 111 Kurr.;
lasz mir, sohn Atreus, lasz das leben mir,
und nimm ein würdig lösegeld für mich!
Bürger s. w. 169ᵇ Bohtz.
in genauer entsprechung zum adverbialen gebrauch A 6 a:
ach ja! Venedig hat den heldenmuth (des generals) erkannt,
ja gar in ehrenseulen
sein würdig lob gesucht der nachwelt mitzutheilen
Gottsched ged. (1751) 1, 381;
schon jetzt werde ich meine vorbereitungen zum würdigen empfang (der gedichte) in der 'rundschau' treffen (1882) Rodenberg an C. F. Meyer in: briefw. 111 Langm.
3)
relativ früh und bis heute gebräuchlich sind verbindungen des typs ein würdiger sohn seines vaters, in denen würdig nur scheinbar oder erst sekundär einer absoluten qualitätsbedeutung sich nähert, in wirklichkeit aber für die ganz zu A gehörige verbindung ein seines vaters würdiger sohn steht, so dasz logische und syntaktische beziehungen sich nicht decken. in einem vereinzelten mhd. beleg vom absoluten gebrauch nicht sicher zu scheiden: der adlar hât die art, daz er seineu kint auf hengt mit den klâen gegen der sunnen anplik. welhez dann die sunnen ân wankel ansiht, daz behelt er sam ainen wirdigen vogel seins geslähtes und fuort ez. welchez aber diu augen von der sunnen kêrt, daz wirft er hin sam ain unedelz kint Konrad von Megenberg buch d. natur 166, 14 Pf.; auff das das land, so vor vnter allen das edelste war, eine wirdige wonung würde der kinder gottes weish. 12, 7; ich wil ... als ein würdiges glied desselben (des vaterlandes) ... sterben Butschky Pathmos (1677) 40; sie sind, wie ich schliessen kann, der würdige sohn eines so edlen vatters? Petrasch sämtl. lustsp. (1765) 2, 361; ein würdig süjet einer edlen kunst Göthe IV 1, 199 W. ironisch: o eyn wirdiger patron (Petrus) der beschornen und geölten götzen Luther 8, 489 W.; vgl. 296. die neigung, den anschlusz an den qualifizierenden absoluten gebrauch C zu erreichen, verstärkt sich in jüngerem gebrauch: ein weiser und gerechter herr, der mit den vorzügen des herzens alle gaben des verstandes vereinigte: ein würdiger urenkel des Kongfuzee Haller Usong (1771) 13; Percira ist doch kein besonders würdiger vertreter unsres regiments Renn adel im untergang (1947) 240. so auch in gelegentlicher syntaktischer abweichung: ein würdiger schüler von ihm ist dieser mann hier Göthe I 17, 20 W.
C.
absoluter gebrauch des wortes in spezifischen bedeutungen ist alt und überschreitet bei weitem das bei lat. dignus mögliche. vorbereitet durch die seit je häufige beziehung des ursprünglich neutralen wortes auf ein positiv bewertetes verhältnis, begünstigt auch durch den die relation verhüllenden gebrauch B, festigt sich eine absolute verwendung von würdig zunehmend. dabei ist mehr und mehr auch mit unmittelbarem anschlusz an die bedeutungen von würde, f., zu rechnen (s. bes. 2; 4), so dasz würdig nun das bezeichnet, was würde (wert) hat, nicht eigentlich das, was insofern würdig ist, als es einer auszeichnung würdig ist.
1)
'verehrungswürdig, ehrwürdig', in älterer sprache fest als religiös-kirchliches epitheton; wohl mehr aus der verehrung würdig (vgl. etwa êrhafti uuirdîge Notker 1, 146, 19 P.) und aus ahd. êrwirdîg entwickelt, als in unmittelbarer anlehnung an würde A 3 'reverentia'; uuirdic, uuirdhig, uuirdihc für a(u)gusta (hs. angusta, c agusta) bereits in Pa, K, Ra ahd. gl. 1, 14, 10 St.-S. (in religiösem zusammenhang); in jüngeren glossaren für reverendus (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 497ᵃ; venerabilis (ende 15. jhs.) 610ᵇ; venerandus (Köln 1507) ebda.
a)
in der beziehung auf gegenstände und vorgänge des kultus und der liturgie, auf sakrales und sakramentales. bis ins 16. und 17. jh. in festen verbindungen, die in den sprachgebrauch der reformation kaum übernommen werden:
uuola uaro uuirdih zebar
(o uere digna hostia)
Murbacher hymnen 21, 5, 1 S.;
in disem edeln wúrdigen sacramente, do sich got zuͦmole wesenlichen und persoͤnlichen ... git Tauler pred. 122, 33 Vetter; und ward an das ende, da man das wirdig sacrament fand, ein schöne capell gebuwen (vor 1572) Tschudi chron. Helvet. (1734) 2, 515; vgl. 393; das hailig lannd und wirdig ertreich (Palästina) (1346) bei Röhricht pilgerreisen (1880) 53; uff dem berghe Calvarie ys dat loch, de ynne dat wyrdyghe heylige crutze gestanden hait (1492) ebda 258. wohl archaisierend: man leugnete nicht, dasz der genusz beider gestalten (im abendmahl) das vollkommnere sei: aber das würdigere wollte man den würdigern vorbehalten Ranke s. w. (1867) 1, 157. namentlich: dadurch die wirdigen kirchen daselbs gruntlich weren zürstoret ... worden (1431) chron. d. st. Bamberg 1, 33 Chroust; städtechron. 2, 336; auf das ... die ganze gemainschaft firnemblich das wierdige gotshaus vor dergleichen feursgeferlichhaiten ... versichert bleiben mige (1644) österr. weist. 3, 71, 45; vgl. 14, 32; 4, 293, 39 u. ö. in gewissen verbindungen fast soviel wie 'feierlich', aber in objektivem sinne, nicht im vorstellungsbereich von 4 b β: (sie) im (dem für heilig gehaltenen toten) ein wirdig vigilg sungen (una grande e solenne vigiglia) Arigo decameron 27 Keller; der (meszner soll) bei den wirdigen gotsdiensten mit zu alter dienen (17. jh.) österr. weist. 4, 293.
b)
als epitheton göttlicher oder in besonderer nähe gottes stehender personen und des zu ihnen gehörigen; wieweit zum moment des verehrungswürdigen ein religiös hoch qualifizierendes hinzutritt, ist schwer zu bestimmen: wir bekennen in dem heiligen wirdigen glǒben einen grossen wirdigen gewaltigen got und herren Tauler pred. 196, 24 V.; Cristum Jhesum, den wirdigen sun gottes und der junckfrǒwen ebda 489; daz er die wirdigen (die jungfrau Maria) gnuͦ minneklich von ire unwirdigem diener koͤnd geloben Seuse dt. schr. 26 Bihlm.; wie die selbig diemütig wirdig miltikeit gotz so gedultiglichen leydt Arigo decameron 29 Keller; als man des abends gessen hatte, nam er auch disen herlichen kilch ynn seyne heylige und wirdige hende Luther 18, 29 W.;
die würdige mutter gotts (der ritter) auch ehrt
Fischart w. 1, 309 Hauffen;
die apostel Christi, die wirdigen gotsgefelligen menner Hedio chron. Germ. (1530) D 1ᵃ. der spärliche jüngere gebrauch vielleicht in neuem ansatz:
wo weist in seinem werck der wahre scharen-herr (Zebaoth)
sich prächtiger und würdiger (als im sternenhimmel)
Brockes ird. vergnügen in gott (1721) 4, 8;
würdigster vor allen (gott),
dessen wohlgefallen
uns so hoch erhob
Schubart sämmtl. ged. (1825) 1, 15.
c)
als titularische anrede oder benennung für geistliche im 15. und 16. jh., wohl hierher und mit dem vergleichbaren gebrauch unter 2 b nicht gleichzusetzen. höheren, aber auch gewöhnlichen geistlichen zuerkannt: derselb wirdig vatter (ein abt) (Nürnberg 1488) städtechron. 3, 73; durch den wirdigen vatter bruder Ulrich Castel, sant Franciscenorden (1499) d. dt. bauernkrieg, aktenbd. 26 Franz; ich Berchtold von Zeringen ... dem würdigen Walthero probst daselbst (vor 1572) Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 92;
würdiger herr pfarrherr, ich vnd sie
habn vns mit einander bered
Ayrer dr. 2716 Keller;
modern die würdige mutter oberin, äbtissin o. ä. Fischer schwäb. 6, 983. historisierend:
(Wolf:) ist Genoveva wohl?
(Golo:) in heiliger
ergötzung mit dem würd'gen kapellan
Tieck schr. (1828) 2, 36.
bis zum ende des 16. jhs. auch in protestantischen gebrauch übernommen: dem achtparn und wirdigen herren, er Nicolas von Amszdorff, der heyligen schrifft licentiat und tumhern zu Wittenberg (1520) Luther 6, 404 W.; Martinus Luther dem wirdigen herrn doctor Paulo Sperato, prediger zu Königsberg (1528) ebda 26, 130; vgl. 30, 2, 25; dem wirdigen (pfarrer) er Johann Wickmann (1537) Luther br. 8, 136 W.; vgl. 98; 171; 197 u. ö.; dem wirdigen vnd wolgelerten m. Casparn Eberharden, pfarherr zum Wolckenstein Mathesius ausgew. w. 1, 3 Loesche; wirdig, dignus, dignissimus, venerandus, etwan ward also den gemeinen epten geschrieben, jetzt aber allen pfarrherrn, diacon vnd kirchendienern, die nicht doctores sind C. Spangenberg adelsspiegel (1591) 1, 413ᵇ. historisierend:
ein bergmann, würd'ger herr
Z. Werner Martin Luther (1807) 10.
von heidnischen priestern:
ir würdigen herren (zwei heidnische priester)
Ayrer dr. 38 Keller.
zur jüngeren stufenordnung geistlicher titel, die an stelle des ungebräuchlich gewordenen würdig komposita wie ehrwürdig, hochwürdig, hochehrwürdig u. ä. setzt und mit ihrer hilfe differenziert, vgl. z. b. Heynatz synon. wb. 2 (1798) 155ᵃ.
2)
'hochstehend, hochgeboren, angesehen', von dem, was äuszere würde besitzt. hier wohl ohne jeden umweg über eine relation unmittelbar an würde A 1 und 2 anknüpfend. verhältnismäszig geringen gebrauchs in älterer sprache, über das 16. jh. hinaus nur noch in schmalem ausläufer (s.b). in früher glosse: uuirdikem (uuirthikem K) fascibus (mit den interpretamenten mahtikem edo aerhaft potestatibus uel honoribus) (Pa) ahd. gl. 1, 158, 1; 159, 1 St.-S. jünger für primas (15. jh.) Diefenbach gl. 459ᵃ; magnas (15. jh.) ebda 343ᵇ; prestans (Augsburg 1512) ebda 457ᵇ.
a)
in der kennzeichnung von personen:
wan ie wirdiger ist der nam
der diu lêhen lîhet, dester minner scham
der hât, swer im die hende rect
Lohengrin 6504 R.;
wan es were vnersam, das dieselbige schatzung der vnrecht were einem wirdigern vnd bessern an der person als von der mitten oder niderer person (de pociori et digniori persona [civitatis] et de media et de infima) (österr. 14. jh.) summa legum 629 Gál; vgl. 679; ir ... gar ein frömde sache dauchte, das sie als einen wirdigen künige zu der ee verschmehet Arigo decameron 72 Keller; vgl. 8; 14; 70 u. ö.; dass ewer tochter eines mächtigern vnnd würdigern manns, denn ich bin, wol wirdig ist buch d. liebe (1587) 84ᶜ; vgl. 149ᵇ; ob ein landsfirst oder sonst ein würdige herrschaft durchzugen oder herkämen, ob ich nit billich soll aufstehen und dem allen reverenz und ehr erpieten (17. jh.) österr. weist. 1, 182. vereinzelte junge anwendung ist mindestens von dem modernen gebrauch 4 c her mitbestimmt, was schon die ironische note nahelegt: wie viele giebt es nicht jetzt, die zu weich und gutmüthig sind, um tragödien sehen zu können, und zu edel und würdig, um komödien hören zu wollen Fr. Schlegel in: Athenäum (1798) 1, 2, 68.
b)
in der titularischen anrede (s. ob. 1 c) nicht häufig: dem edelen, hohen, wolgeporn herren, dem wirdigen fürsten, dem margraven von Meihsen, enbiut ich ... meinen willigen dinst (Nürnberg 1340) bei Steinhausen privatbr. d. mittelalters 1, 3; unsern grus zuvor, wurdiger lieber andechtiger und rat (1522) v. d. Planitz berichte 174 Wülcker. jünger fortlebend, unsicher, ob historisierend oder in spontanem, durch 3 d α veranlasztem ansatz: ich bitte dich, würdiger hauptmann, schlage mirs nicht ab Schiller 2, 121 G.;
würdger commandant,
schick, ich beschwör dich, diese männer weg!
Immermann w. 17, 92 Hempel.
im spiel mit 4:
nur das letztemal
erschien statt euch der würdge herr von Seckau,
doch der nicht allzuwürdig sich benahm
Grillparzer s. w. I 3, 106 Sauer-B.
c)
in sachlicher beziehung soviel wie 'angesehen, berühmt, vornehm': da ist ein grosz wirdige schuͦl (universität) ... die stat der schuͦl haiszet Salemank (vorher: die hochwirdige schuͦl von Lunden) hist. volkslieder 1, 132 Liliencron; das wir wol vernomen haben, als ir das villeicht auch gehört habt, das dasselb kunigreich ain wirdigs kunigreich ist (1427) bei Steinhausen privatbr. d. mittelalters 1, 27; es wonet in der wirdigen stat Genoua ein edel man Arigo decameron 48 Keller; vgl. 70; 78; mein härkummen unnd wirdigen stot, in dem ich bin, zuͦ erzölen (eine herzogin spricht) Wickram w. 1, 13 Bolte.
3)
als allgemeiner wertbegriff, der nur im rahmen bestimmter beziehungen sich bis zu einem gewissen grade spezifiziert. der mehrzahl der anwendungen gewährt der hier freilich schwächer entwickelte gebrauch würde C rückhalt, so dasz auf eine relation im sinne von 'der anerkennung, der zustimmung würdig' o. ä. meist nicht zurückgegriffen werden musz.
a)
eine religiöse qualität bezeichnend, bis ins 17. jh.:
wio ward ih (Elisabeth) io so wirdig fora druhtine,
thaz selba muater sin giangi innan hus min?
Otfrid I 6, 9;
die menscheit was vil unwert,
e der gotes geneme
von himelriche uns queme
und sie wirdec machte
passional 84, 39 K.;
ich sehe nicht an weder meine heiligkeit noch unwürdigkeit; sondern ich glaube an Jesum Christum, der ist heilig und würdig Luther tischr. 1, 374 W.; vgl. 5, 575; eben darumb weil jhr euch vnwürdig achtet, solt jhr das h. sakrament (das abendmahl) gebrauchen, damit euch gott würdig mache Moscherosch insomnis cura parentum 114 ndr. vereinzelt impersonal und in der zum relationsgebrauch A 5 b gehörigen syntaktischen form: darumb ist got zelieben, wirdig vnd werd Berthold v. Chiemsee teutsche theol. 352 R.
b)
sittlich gut, moralisch einwandfrei, vom menschen und seinen handlungen; nicht allzu häufig: furder negesiêho ih uuirdigen menniscen, unde der geselidot si in râuuon, ih nechumo dara, dâr got unde guôte sint Notker 2, 610, 28 P.; es truket ob allen isninen kettinnen: ein wúrdiger mentsche eime unwúrdigen mentschen geswigen und ... sich nút rechen Seuse dt. schr. 422 Bihlm.; vgl. 364; do warde in gegeben (zur beichte) ein heiliger guͦter alter wirdiger man (un frate antico, di santa e di buona vita) Arigo decameron 22 Keller. substantiviert, in verallgemeinerndem sinne: was gut an sich und vollkommen, müste weder er noch kein ander tadeln; tugend verdienete ihren dank, ... daher gebührete demselben fluch und schande, der das wirdige seines preises beraubete Bucholtz Herkules (1676) 1, 518ᵇ;
hoffe würdiges, wünsche nur das edle,
hasse laster
Herder 27, 38 S.
vereinzelt geradezu 'unantastbar, integer': denn ew. exzell. würdige geschäftsführung ... verletzt zu sehen thut mir sehr weh Göthe IV 28, 90 W.
c)
als gesamturteil über den menschen. älter in auffallender entsprechung zu würde C 1 b, in existentieller beurteilung des menschen überhaupt, also unter anderen voraussetzungen als unter 3 b und d α: wie unter den tötlichen tieren der man das wirdigest sey das got beschaffen habe. dar nach die frawe ... alle ir (der männer) wercke ... on czweyfel volkomenlicher vnd steter ist dann die frawen sein Arigo decameron 143 Keller; vgl. problemata Arestotilis (1492) 25ᵃ; das sich deszwegen gott genugsam erkleret ... hat, was jm an dem geschöpff gelegen, wie hoch vnd wirdig er es halt vnd acht Musculus hosenteuffel 22 ndr. jünger im blick auf bestimmte einzelmenschen:
(der schauspieler) musz seiner mitwelt mächtig sich versichern,
und im gefühl der würdigsten und besten
ein lebend denkmal sich erbaun
Schiller 12, 6 G.; vgl. 5.
an dieser stelle mehrfach so, dasz die absolute bedeutung mit einer relativen ausdrucksweise kombiniert erscheint:
am Ganges nur giebts menschen. hier seyd ihr
der einzige, der noch so würdig wäre,
dasz er am Ganges lebte
Lessing 3, 72 L.-M.;
ich fühle mich nicht würdig genug über sie (eine Minervastatue) etwas zu sagen Göthe IV 8, 130 W.
d)
am häufigsten für das, was durch verdienst, bewährung und alter ausgezeichnet und der achtung wert ist.
α)
meist in der kennzeichnung von personen. mit vollem gewicht: emeritorum (laborum senes) uuirdigora (10./11. jh.) ahd. gl. 2, 751, 3 St.-S.; daz si (Maria) als reht grosser eren werd sie, daz ich mich ze klein dar zuͦ dunke, und bevil es den alten und den wirdigen, da mich dunket, daz si wirdeklicher kunnin von ir bredien denn ich armer mensch Seuse dt. schr. 112 Bihlm.;
wir sahn dich, würdigs paar!
(zwei gläubige verstorbene)
Zinzendorf teutsche ged. (1766) 350;
treu und fest
beim reich beharren, wie die würdigen
altvordern es gehalten und gethan
Schiller 14, 284 G.;
wenn man dem würdigsten staatsbürger gewöhnlich nur einmal zu grabe läutet, er mag sich übrigens noch so sehr um land und stadt ... verdient gemacht haben Göthe I 46, 16 W. von etwa 1750 bis nach 1800 auf dieser gebrauchslinie mit dem charakter eines modeworts und leicht an gewicht einbüszend, als personale bezeichnung im sinne von 'trefflich, wacker, tüchtig, verdient, ehrenwert, achtbar', für den, der etwas ist und kann; alter und reife, nicht aber hohe gesellschaftliche stellung voraussetzend: es wird mir allezeit angenehm seyn, Mellefont, die würdigen personen ihrer familie kennen zu lernen Lessing 2, 300 L.-M.; vgl. 18, 323; ihr bruder war auch ein würdiger ... herr, voll bescheidenheit und guter kenntnisse Gellert s. schr. (1839) 9, 263;
welch ein verdienst von ihnen, würd'ger mann,
so streng zu seyn in ihres königs dienst
Schiller 5, 2, 394 G.; vgl. 3, 73;
ferner hat unser würdige landherr von entfernten orten manches dem gebirge näher gebracht (vorher: der treffliche mann; später: des werthen mannes) Göthe I 24, 97 W.; vgl. 21, 94; IV 10, 307; 21, 95; 28, 8 u. ö.; bei dieser letzten meinung merke ich nur an, wie sehr die würdigen älteren beobachter sich der richtigen erklärung dieser phänomene genähert ebda II 5, 1, 120 W.; vgl. IV 19, 10;
denn nach tische soll man stehn,
oder tausend schritte gehn,
sagt der würdige Galen
Brentano ges. schr. (1852) 5, 135.
im mittleren und späten 19. jh. ausklingend: du ... wirst als nummer acht in die reihe dieser würdigen männer (der vereinsbrüder) eintreten O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 459; unsere gutsbesitzer sind ohne zweifel treffliche, würdige, gottesfürchtige und treu-königlich gesinnte männer Spielhagen s. w. (1877) 1, 52. in leicht ironisierendem gebrauch klingt ein herablassender, gönnerhafter ton mit: der würdige Sir John Falstaff, weiland sehr gepriesener gefährte k. Heinrichs V. Gerstenberg schlesw. lit.-br. 142 lit.-denkm.; guineen und banknoten regneten so zu sagen auf den würdigen Wachsel (einen prediger, der eine wohltätigkeitsaktion in gang bringt) Archenholz England u. Italien (1785) 1, 1, 56.
β)
in vergleichbarer beziehung auf sachliches, auf etwas durch alter, tradition und herkommen bewährtes, viel seltener: sô ist ein anderez hêrôra, folleglîh kûot habende, daz gagen imo daz forderôra unde daz uuirdigôra sî (quod hoc prius atque antiquius esse videatur) Notker 1, 182, 7 P.;
weh dem, der an den würdig alten hausrath
ihm (dem durchschnittsmenschen) rührt, das theure erbstück
seiner ahnen! ...
was grau vor alter ist, das ist ihm göttlich
Schiller 12, 217 G.;
das neue dringt herein mit macht, das alte
das würd'ge scheidet
ebda 14, 314;
und ach! entrollst du gar ein würdig pergamen,
so steigt der ganze himmel zu dir nieder
Göthe I 14, 57 W.; vgl. 3, 122.
e)
seit dem frühnhd., vorher nur vereinzelt (mhd. gilt hier, besonders in der kennzeichnung des höfischen, wirdeclich, s. würdiglich 1), auszeichnend für alles, was sachlich gut, wertvoll, vortrefflich ist; in vielfältiger anwendung:
ich hân sô wirdic her verlorn,
daz muoter nie gebôt ir brust
dem der erkante hôher flust
Wolfram v. Eschenbach Parzival 219, 16;
drie sunder gaben wil ich in geben, die sind als wirdig, daz sú nieman kan geschezzen Seuse dt. schr. 93 Bihlm.; daz man wirdigers gemachen künde noch edelern form gegeben möcht dan den dises garten Arigo decameron 164 Keller; vgl. 48; 59 u. ö.;
geh und zeig allen an, dass Abas nicht sein leben
so würdig schätzt als dich
Gryphius trauersp. 192 Palm.;
wenn ich ihn (den Fiesco) aber biss auf besagte zeit (in drei wochen) nicht nur fertig, sondern, wie ich auch hoffen darf, würdig verspreche Schiller br. 1, 71 Jonas. sehr häufig bei Göthe, besonders in der beziehung auf abstraktes, hier, wie auch später, soviel wie 'trefflich, wertvoll, geeignet', uncharakteristisch auszeichnend:
wo jahr um jahr die jugend sich erneut,
ein frisches alter würd'ge lehre beut, ...
was alles kann und wird sich da vollenden
I 4, 57 W.; vgl. 2, 25; 46, 207;
in der welt als in einem grossen, schönen, würdigen und werthen ganzen I 46, 22 W.; vgl. IV 41, 8; wenn ich im herbste nach Wien komme, so werde ich mich auch bei Angerer photographiren lassen, und dir dann ein würdiges bild geben (1862) Stifter briefw. 4 (1925) 70; es gibt keinen würdigeren führer zur plastik selbst, als diesen vervielfältiger (meister E. S.) Pinder d. dt. kunst d. Dürerzeit (1939) 82. in der nachahmung Homerischer epitheta:
ich setze bescheiden
mich auf den absatzrand hier deines (eines riesen) würdigen stiefels,
der wie ein felsblock ragt
Mörike w. 1, 66 Maync.
mit der nuance 'echt, zutreffend': ein original, in der würdigsten bedeutung des worts Gerstenberg recensionen 279 lit.-denkm. isoliert in vereinzelter umschreibung für das, was dauer, bestand hat, in geltung ist; vgl. dazu noch würde A 2 b; c β, γ: daz der mächtigen trüwe selten lange wirdig ist gegen den armen Steinhöwel Äsop 271 lit. ver. älter auch ganz allgemein für etwas, was wert hat, von belang ist: ist nichtz würdigs auszgericht worden, dann ain schatzung (in reichstagsverhandlungen) (nach 1500) in: württemb. gesch.-qu. 6 (1904) 281.
f)
als materielle wertbestimmung nur beschränkten gebrauchs.
α)
'wertvoll, kostbar': wizz, daz daz golt wirdiger ist, wan alleu leiphaftigeu dinch, diu auz den elementen werdent Konrad v. Megenberg buch d. natur 475, 21 Pf.; vgl. 437, 25; von dem feinsten tuch so mans gehaben mage nach dem reichsten und wirdigsten Arigo decameron 207 Keller; vnd do sy giengen vnd hetten gemachet vor in zegen die lútzeln vnd die uich vnd alles das do was wirdig (var. da kosper was) erste dt. bibel 4, 409 Kurr.; krams-vögel, drosseln ... werden nicht so würdig geachtet, dasz man ihnen nachstellen, und sie zur speise gebrauchen solte Olearius persian. reisebeschr. (1696) 78ᵇ; würdig vee gutes vielwiegendes vieh, ochse Schütze Holstein (1800) 4, 380.
β)
den geschätzten geldwert einer sache benennend, nur bis ins 17. jh. und besonders auf omd. boden: das lande daz du eischest, ist wirdig CCCC cickel dez silbers erste dt. bibel 3, 111 Kurr.; so scholde man se (die kiste) gelden, alse se werdich were (Wisby 1505) bei Pardessus coll. de lois maritimes (1828) 1, 491; uber funf gülden wirdig Zobel sechsisch weichbild- u. lehenrecht (1537) 139ᵇ; welches blei über 250 thlr. würdig Schweinichen denkw. 174 Ö; vgl. 68; so soll dem officierer das erste mahl, viermahl so viel, als die sache würdig, abgezogen, und zur invaliden casse gegeben ... werden (1697) bei Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 255ᵃ.
g)
nicht(e)s würdig, sporadisch bezeugt; in der zweiten hälfte des 17. jhs. durch nichtswürdig (s. d.) abgelöst. vgl. schon:
that (das anbieten der königsherrschaft) Kriste ni uuas
uuihtes uuirdig (war ihm nichts wert, bedeutete ihm nichts)
Heliand 2885 B.; vgl. 4000;
etliche nichtes würdige spötter Rist neuer teutscher Parnasz (1652) b 5ᵃ;
(dies) wünscht deiner mägde magd, die nichts hat zugewehren,
und auch nichts würdig ist
Hoffmannswaldau heldenbr. (1696) 86.
h)
vom as. ahd. bis ins frühnhd. vereinzelt als 'lieb, teuer, wert', in persönlichem bezug:
thu bist thînun herron liof,
uualdande uuirdig
Heliand 260 B.
im folgenden beleg nicht ganz eindeutig:
wio Noe bi guat githic ward druhtine wirthic
(invenit gratiam coram domino)
Otfrid Hartm. 56;
wann ein knecht eins centurio der hett daz vbel der was zesterben: der was im wirdig (var. kostlich) erste dt. bibel 1, 228 Kurr.
4)
in unmittelbarer anlehnung an würde D, die sehr spezifische junge bedeutung dieses wortes, aber geringeren gebrauchs als das konkurrierende würdevoll (s. d.); seit der mitte des 18. jhs.; vgl. dazu noch ob. A 1 b.
a)
menschliches wesen und verhalten kennzeichnend, die durch persönliche selbstachtung und sittliche selbstkontrolle geprägt sind: der brief, den er an den kanzler Egerton über diesen vorfall schrieb, ist mit dem würdigsten stolze abgefaszt Lessing 10, 20 L.-M.; wenn sie ihrem würdigen charakter gemäsz handle (sich nicht zur mätresse herabwürdigen lasse) S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 1, 149; ich gehe groszen erschütterungen entgegen, gott helfe sie mir würdig bestehen (1835) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 155 Schulte-K.; wie würdig und unabhängig wäre unsre stellung gewesen, wenn wir uns nicht in den Pariser congresz in einer demüthigenden weise eingedrängt, sondern bei mangelnder rechtzeitiger einladung unsre betheiligung versagt hätten Bismarck ged. u. erinn. 1, 305 volksausg.; ist es nicht viel richtiger, sich sein leben selbst aufzubauen, wie es die jungen leute in Amerika tun? — und auch viel würdiger? Renn adel im untergang (1947) 150. hier selten als eigenschaftsbezeichnung für einen menschen:
schade dasz die natur nur einen menschen aus dir schuf,
denn zum würdigen mann war und zum schelmen der stoff
Schiller 11, 100 G.;
in dem körperlichen leben dieser menschen, die weniger ihren kopf regten als ihre arme und beine, in der nähe der natur lag die kraft, die sie schlieszlich würdig, vornehm und allem gemeinen abgeneigt gemacht hat Musil d. mann o. eigenschaften (1931) 870. in bezeichnender abgrenzung gegen wert:
das werthe und würdige.
hast du etwas, so gieb es her und ich zahle was recht ist,
bist du etwas o dann tauschen die seelen wir aus
Schiller 11, 167 G.
b)
neben werten und erscheinungen bedeutsamer, gehaltvoller, gewichtiger art.
α)
unter dem gesichtspunkt, dasz die beschäftigung mit ihnen der würde des menschen angemessen ist: wenn man es mit der kunst von innen heraus redlich meynt, so musz man wünschen, dasz sie würdige und bedeutende gegenstände behandle Göthe IV 23, 243 W.; vgl. 8, 302; II 1, 74; zu einer genauen, durch allgemeine betrachtungen nicht zufrieden gestellten einsicht in die natur des epos den weg zu bahnen, dünkt mich eine würdige aufgabe W. Grimm dt. heldensage (1867) 346; hat wirklich seit dem 16. juni 1870 kein bergwanderer mehr sich gefunden, der die eröffnete bahn nach einem so würdigen ziele (der Speckkarspitze) wieder betrat? Barth Kalkalpen (1874) 332. gern substantiviert:
verflucht sei, wer sein leben an das grosze
und würdige wendet und bedachte plane
mit weisem geist entwirft! dem narrenkönig
gehört die welt
Schiller 13, 272 G.; vgl. br. 7, 226 Jonas.
β)
für die bestimmten daseinswerten und lebensgebieten zugehörige atmosphäre des ernsten, gehobenen und feierlichen: die reden einer Babara (!) (im Wilhelm Meister) wirken mit der gigantischen kraft und der würdigen groszheit der alten tragödie Fr. Schlegel in: Athenäum (1798) 1, 2, 175; das schöne ganze dieser eben so rührenden als würdigen feier (eines leichenbegängnisses) Brentano ges. schr. (1852) 5, 64; das duett zwischen zwei sopranen domine deus (in Mozarts messe in c-moll) ist ... in strengerer form geschrieben, und schon dadurch einfacher, gehaltener und auch im ausdruck würdiger O. Jahn Mozart (1856) 3, 393; das innere der kirche ähnelte in seiner schlichtheit einer mächtigen scheuer, doch war es durchaus würdig Watzlik pfarrer v. Dornloh (1930) 12; wer weisz, ob es (der tod durch gift) ein würdiger tod ist ... man hört von leuten, die sich erbrechen, wenn sie gift genommen haben, und die ekelhaft sterben, sich windend, blau, in krämpfen Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 345.
c)
als eigenschaft bestimmter menschen, aber weniger im sinne echter sittlicher charakterisierung (wie oben a) als im blick auf das durch lebensalter, familienstand und beruf natürlich gegebene oder auch künstlich angeeignete: einige sehr würdige alte ... und ein halbes dutzend jüngere (Greifswalder universitätsprofessoren) E. M. Arndt w. 1, 75 R.-M.; Fritz aber, da er bereits ein würdiger familienvater war, muszte doch noch ein mal in die schule genommen werden von der mutter G. Keller ges. w. (1889) 4, 200; vgl. 6, 15; ganz die airs einer würdigen matrone Alexis ruhe (1852) 1, 110; (Gunther im Nibelungenlied) erscheint maszvoll und menschlich, würdig und hoheitsvoll, ein echter könig. sein bruder Gernot ist heftiger, und seine kampflust nicht gebändigt durch würde Scherer litt.-gesch. ⁷123. in der besonders häufigen anwendung auf geistliche nicht ohne verbindung mit oben C 1 c 'ehrwürdig', aber doch auf eigener linie:
seht! steigt nicht selbst der fromme diener gottes,
der würdge pfarrer mit herab?
Schiller 14, 321 G.;
in der religion wurden wir von dem würdigen kaplane unserer pfarrkirche in unserem hause unterrichtet Stifter s. w. 5, 1 (1908) 110. meist liegt der akzent darauf, dasz in diesem sinne würdige menschen in ihrer erscheinung würde als ernst, gewichtigkeit, gemessenheit sinnfällig ausstrahlen: in der ganzen reyhe des ersten rangs sasz nur einzig der landcommandeur ..., ein würdiger greis Knigge umgang m. menschen (1796) 1, 28; zu rechter zeit gelangten wir auf der ersten station bei einem würdigen geistlichen an Göthe I 25, 1, 41 W.; mit einigen ruderstangen versehen, trat jetzt der würdige schulmeister und fährmann aus seiner thür Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 77. gern mit spöttischem unterton: mein vater, meine onkel, meine lehrer, die verkäufer in den geschäften, die philharmoniker an ihren pulten waren mit vierzig jahren alle schon beleibte, 'würdige' männer (in der zeit vor dem ersten weltkrieg) Stefan Zweig welt v. gestern (1947) 43; sie spielte sofort eine würdige dame, die sich im sessel niederläszt H. Mann ausgew. w. (1950) 1, 569. in entsprechender beziehung auf körperliche einzelmerkmale: das würdige gesicht einer älteren dame erschien dort Polenz Grabenhäger (1898) 1, 7.
d)
in der kennzeichnung menschlichen gebarens, sich gebens und bewegens fällt noch deutlicher als bei dem in seinen beziehungen verwandten gebrauch c der blick auf das sinnlich wahrnehmbare: der herzog von Koburg zeichnete sich aus durch schöne gestalt und anmuthig würdiges betragen Göthe I 36, 17 W.; jede körperliche bewegung war abgemessen, anständig, würdig und geschmackvoll Börne ges. schr. (1829) 10, 162; würdig rief der professor und doctor der philosophie: herein! W. Raabe hungerpastor (1864) 1, 126; die tür wurde aufgerissen, und würdig kam Miltitz herein Renn adel im untergang (1947) 167; die wirtin erwiderte den grusz der älteren (reisenden), den angedeuteten knicks der jungen mit würdiger kopfneigung Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 12. abwertend: sogleich aber gab er das würdige gehabe wieder auf Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 164.
e)
als eigenschaft gegenständlicher erscheinungen, an denen würde wahrnehmbar wird: (die gebäude) waren würdig und stattlich, weniger prächtig als schön Göthe I 25, 1, 11 W.; vgl. 23, 161;
von dem würdigen dunkel erhabener linden umschattet
ebda 50, 228;
bilder, welche einen kräftigen, würdigen charakter hatten H. Meyer gesch. d. bild. künste (1824) 1, 6.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2096, Z. 13.

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Zitationshilfe
„würdig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCrdig>, abgerufen am 08.08.2020.

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