wurfel m.
Fundstelle: Lfg. 14 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2155, Z. 37
'eber': ursul (la.: wurf(f)el, würfel) heizzet ein berswin, dem sol man jæriglich die zen ab sniden Schwabenspiegel, landr. 315, 1, 3 Wackernagel (urful Laszberg 204); die lesarten finden sich in einer hs. (14. jh.) und einem frühdruck. sie kehren mit der textstelle bei juristen des 16. jhs. wieder: wurffel heisset ein bärschwein, dem soll man järlichen die zeen abschlahen S. Meichszner land u. lehenrecht (1566) 77ᵃ; Meurer jag- u. forstrecht (1582) 38ᵃ.
würfel m.
Fundstelle: Lfg. 14 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2155, Z. 46
tessera; cubus. spätahd. uuirfela (akk. pl.) obd. Horazglossen des 10./11. jhs., in: zs. f. dt. altertum 68 (1931) 215; wrfil (12. jh.) ahd. gl. 3, 346, 41; wͦrfil (12. jh.) 3, 346, 40; wͦrfel (13. jh.) 3, 162, 58. vgl. auch die glossierungen: thessere wrfilsteina, wrfilstein, wrfelstêine (12. jh.), wrfilstaini (13. jh.) ebda 3, 162, 56 u. 57; wurfilsteina (12. jh.) ebda 3, 216, 27. mnd. worpel Schiller-Lübben 5, 771 erscheint vereinzelt auch in (ost)mnl. quellen (Verwijs-Verdam 9, 2816). — ahd. wirfil und wurfil sind zur hoch- (wie driscil, griffil, wirbil, wirtil usw.) und schwundstufe (wie zugil, gurtil, sluzzil) von werfen mit dem ila-suffix der gerätenamen gebildet; auszerhalb des deutschen entspricht lediglich (mit der o-stufe wie in fetill = ahd. fezzil) altisl. verpill Jóhannesson isl. etym. wb. 147 (zum ags. wyrpel s. u. ²würfel). — das wort bezeichnet ursprünglich nur den spielwürfel (A) (als 'mittel zum werfen'); erst in nhd. zeit wird es auf den würfelförmigen körper schlechthin (B) übertragen. der lautwert der vom 13.—16. jh. oft bezeugten form wurfel bleibt zweifelhaft, doch ist mit echtem umlaut zu rechnen: wurf(f)el passional 536, 88 K.; Heinrich v. Neustadt Apollonius 16 697 S.; minneburg 2574 P.; Augsburger stadtbuch 126 M.; wuͦrfel (1443) Straszb. polizeiverordn. 484 Br.; Luther 45, 369; 47, 619; br. 10, 126; tischr. 5, 558 W.; Lehmann floril. polit. (1662) 2, 668. vgl. ferner die belege unten und die wurfel-formen aus md. und obd. vokabularen des 15. und frühen 16. jhs. bei Diefenbach gl. 53ᵃ; 168ᵃ; 476ᵇ; 479ᶜ; 526ᶜ; 572ᶜ; 574ᵃ; 574ᵇ; 581ᵃ; 586ᶜ; 596ᶜ. — md. o-formen finden sich oft in der literatur, vgl. auszer den belegen unten und den genannten stellen bei Diefenbach: Jelinek mhd. wb. 972; (1428) Frankf. berufswb. 56ᵇ; Gerstenberg chronik 150 D. — wirfel-schreibungen begegnen frühzeitig im obd. und md.: wirfel liedersaal 2, 330, 59 Laszberg; wirfl (1499) bei Schöpf Tirol 22; wirfel Pauli schimpf u. ernst 231 Ö.; wirffel Nas eins u. hundert (1567) 2, 236ᵇ; (1601) Hoeck blumenfeld 78 ndr.; Hulsius dict. (1618) 1, 278ᵃ; Abr. a s. Clara Judas (1686) 1, 152; Lohenstein Arminius (1689) 1, 1071ᵃ; (1733) österr. weist. 2, 261. vgl. ferner Diefenbach a. a. o. und die belege unten.
A.
der spielwürfel; kubisch geformter kleiner körper, in der regel aus knochen (vgl. dazu knöcheln 1 teil 5, sp. 1453f.) oder aus holz bestehend und auf jeder seite mit 1—6 'augen' in der weise besetzt, dasz die summe der augen je zweier gegenüberliegender seiten 7 beträgt. das wort, das als bezeichnung des spielwürfels (1) nur geringen begrifflich-semantischen verschiebungen ausgesetzt ist, lebt seit mhd. zeit in einer reichen zahl syntaktischer fügungen sowie redensartlicher und sprichwörtlicher verwendungsweisen (2). diese greifen zum teil bereits auf das gebiet des bildlichen gebrauchs (3) über, der sich namentlich seit dem 18. jh. in der literatursprache vielfältig entwickelt.
1)
über das würfelspiel um gewinn, als dessen erfinder den Germanen Wodan, dem christlichen mittelalter der teufel galt (J. Grimm dt. mythol. ⁴1, 124; 2, 841), berichtet Tacitus in der Germania (cap. XXIV): aleam, quod mirere, sobrii inter seria exercent, tanta lucrandi perdendive temeritate, ut, cum omnia defecerunt, extremo ac novissimo iactu de libertate ac de corpore contendant. die spielleidenschaft schlug während des mittelalters hoch und niedrig in ihren bann und muszte von geistlicher und weltlicher obrigkeit durch verbote scharf bekämpft werden. über die würfelliteratur des mittelalters vgl. G. Eis in: dt. philologie im aufrisz ²2, 1202 f.
a)
das wort begegnet erstmals in altdt. glossenhandschriften als übersetzungsausdruck für lat. talus (obd. Horazglossen, zu sat. II 7, 17: qui pro se tolleret atque mitteret in phimum talos) und tessera (Heinrici summarium XI und X, 10 im abschnitt 'de alea'), belege s. ob.; seit dem 13. jh. auch im liter. schrifttum stetig bezeugt:
umbe den wurf der sorgen
wart getoppelt, do er den grâl vant,
mit sînen ougen, âne hant
und âne würfels ecke
Wolfram v. Eschenbach Parzival 248, 13 Lachmann;
dirre untugenthafte man
zeimal spilte wurfzabel
...
die wurfele er anderweide greif
und warf sie uffez bret so hin.
do quamen aber dar vor in
achzen ougen alsam e
passional 536, 94 Köpke;
sus wurden würfel dar geleit
und ein bret schœn unde sleht,
ûf dem der wuneclîche kneht
dâ spilte mit der künegîn
eintweder umbe vingerlîn
od umbe senfte biuze
Konrad v. Würzburg Trojanerkrieg 15 894 Keller;
nach dem wuͤrffel graif sy (die geliebte) do
...
sy warff mir siben ogen an
(spiel um das anrecht auf eine 'frage')
liedersaal 1, 141, 524 Laszberg;
redeliche luͦte von adel oder burgerschaft ..., die gern mit würfeln kurtzwilen oder spielen wolten, die mögent noch würfeln schicken, also das sie kein scholder dovon geben (15. jh.) Straszb. zunft- u. polizeiverordn. 479 Brucker; grijfestu die worfele jm spele dustu widder das 10. (gebot) (1453—68) Joh. Wolff beichtbüchl. 22 B.; darzu soll sich keiner in solchem geloch (gelage) keines spiels, es sey würfel oder karten, gebrauchen (1535) weist. 4, 560 Gr.: (sie) redte ihm etliche mal ein, wie dass er die meiste augen auf den würfeln gehabt A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 456; haltet mir einen spieler von seinen würfeln ... ab — und ich werde von wunder sprechen Gerstenberg schlesw. lit.-br. 150 lit.-denkm.; die spiele ... des bürgers, der in öffentlichen gesellschaften mit faro oder würfeln sein glück versucht (1798) Kant w. 10 (1839) 305 H.; in den edeln spielen, die statt der würfel der rohen horden des dreyszigjährigen kriegs den römischen soldaten ... ergötzten Niebuhr röm. gesch. 2 (1812) 503. der würfel als sinnbild, wahrzeichen des spielers: der künig Parthorum hab geschickt dem künig Demetrio guldin würffel zuͦ schmah das er ist geweszt ain spyler Albrecht v. Eyb spiegel d. sitten (1511) R 1ᵇ; man sollt kolen und würfel zum westerheublin legen, damit der jung herr, da er erwüchse, zu aim spüler und aim wilden, abenteurigen rittersman würde Zimmer. chron. ²2, 333 Barack;
drei würffel vnd ein karten
das ist mein wapen frei
Mittler dt. volkslieder (1865) 822.
b)
mit dem würfel entscheiden in den deutschen passionsspielen bereits des mittelalters die söldner unter dem kreuze Christi über den besitz der tunica inconsutilis; der neutestamentliche bericht spricht hier unbestimmter vom werfen des loses (Matth. 27, 35 diviserunt vestimenta eius sortem mittentes; vgl.das los werfen teil 6, 1153):
(der gewinner spricht:)
min glucke hat nit geslafen:
den wuͦrfel wil ich nit strafen!
den rog ich eine gewunnen han
St. Galler passionsspiel 1287 Hartl;
do si in do gecrucigeton, do tailton su sin gewant unt wͦrfin den wͦrfil druf schausp. d. mittelalters 1, 68; 2, 320 Mone;
(primus flagellator:)
ich hebe uns mit den wirffel an,
ab ich den rock gewinnen kan
(1501) Alsfelder passionsspiel 5702 Grein;
(Faustus:) nein! besser ists, wir werfen das los über ihn (den rock). (Agrippa:) hier sind würfel. will gleich mein glück versuchen Oberammergauer passionsspiel 242 Mauszer.
c)
auch sonst dient der würfel als mittel des losentscheids:
(sie einigten sich,)
daz si kurzlich
mit wurfeln spilen wolden,
welhe den kunic tœten solden
Ottokar österr. reimchronik 89 511 Seemüller;
zweyten sich abir dıͤ zwene an der koͤre, so sullen sıͤ werfen mit dren worfeln (Gotha 1331) urkundenb. d. st. Jena 125 Martin; all scheef- und zinsvisher (sollen) an sant Bartholomeus tag ... bei einander sein und das loss mit dem wirfl werfen, und welcher die meistn augen wirft, der soll das erst vach zu verfachen haben (1505 Tirol) österr. weist. 5, 9; als wir nun vorhin durch den würffel ausz vnser compagnia ein hofmeister oder kuchenmeister erkiset Schweigger reyszbeschr. (1619) 276.
d)
der würfel als mittel der wahrsagung: also wissend, das die artes incertae jhr artes in sortilegijs haben, etlich durch kreyden, andere durch würffel, ... welcher das kan in die ordnung bringen, der ist ein geomantist Paracelsus opera (1616) 2, 366ᴮ ; warsagung auss den wirffeln: welche geschicht oder wirdt verricht durch den wurff der würffel, vnd auss der zaahl so gefallen Nigrinus von zäuberern (1592) 129; wer hier an einen zweiffel hat, der nehme ein glücksrädlein, schlage diese frage (was für ein weib man bekommt) auff und werffe mit 2 würffeln hierauff 8 augen, so wird ihme solche antwort werden J. G. Schmidt rockenphilos. (1706) 1, 24; dasz ein zartes herz,. .. das einer ungewissen zukunft sehnsuchtsvoll entgegen lebt, nach würfeln hascht, den becher schüttelt, wurf über wurf versucht, und in dem glückstäfelchen sorgfältig forscht, was ihm die würfe bedeuten ... mag recht gut sein Göthe I 17, 6 W.
e)
eine besondere würfelart bildet der blinde würfel 'ein nur auf einer seite beaugter würfel, von denen sechs ein spiel bilden' (anders des zufalls blinde würfel, s. unter 3 b): darpei het man (im jahre 1469) ein spil mit 6 plinten würfeln (Nürnberg, ende d. 15. jhs.) städtechron. 11, 457; auff der rasselbanck, da man etwa um zinengefäsz oder anders mit blinden würffeln spielet theatrum diabol. (1569) 513ᵇ.
2)
syntaktische fügungen; redensartliche verbindungen; sprichwörtliches.
a)
würfel als die bezeichnung einer personfizierten macht, die mit des menschen schicksal nach eigenem ermessen schaltet und waltet. dazu vgl. die mhd. belege Konrad v. Haslau d. jüngling 290 H.; liedersaal 3, 231, 12 Laszberg; Ottokar öst. reimchronik 60 870 S.; gesammtabenteuer 2, 553 v. d. Hagen. die verbalverbindungen bringen das zufällig-unberechenbare dieser entscheidungen zum ausdruck:
die würfel die er (der spieler) in der hant
hât, bescheident im zehant
daz einhalbe lieb ist,
anderhalbe leit zer vrist
Thomasin v. Zirklaere d. welsche gast 3953 Rückert;
ein anderer verzecht so vil ym der würffel getragen Eppendorff Plinius (1543) 233; (eine meerkatze,) welche im brete spielen können mit werffen ..., ohne dasz sie nicht mercken können, was der würffel ihr getragen Prätorius anthrop. Pluton. (1666) 1, 462 (einer,) der würfel feil träget und saget: siehe, ich habe gute würfel, sie werfen stets 12 Luther tischr. 1, 855; vgl. 5, 558 W.; er kan keyn bösz schantz werffen, sein würfel geben alweg zinck drey Seb. Franck sprichw. (1541) 1, 14ᵃ; Frisius dict. (1556) 168ᵇ; Zinkgref apophthegmata (1628) 250. —
er (der spieler) schrîet über sich selben wâfen,
swenn im der würfel übele vellet
Konrad v. Haslau d. jüngling 319 Haupt;
die würffel fallen nicht, wie man will Lehmann floril. polit. (1662) 2, 618;
er (der ritter) liebte schwelgerei und spiel
und wenn, wie oft geschah,
der würfel nicht nach wunsche fiel,
wie gräszlich flucht er da
Langbein schr. 2 (1841) 27.
b)
der willkür solcher entscheidungen sucht sich der spieler zu entziehen durch anwendung heimlicher, betrügerischer griffe während des spiels (α) oder durch den gebrauch für ihn vorteilhafter würfel (β). in einer reihe syntaktischer fügungen finden diese sachverhalte sprachlichen niederschlag.
α)
den würfel kehren (nâch gewinne), verschlagen, verdrehen:
der teuvel in (den spieler) nicht liez vil
verliesen, wan er in lêrte,
den würfel er im kêrte
ze dem besten nâch gewinne
gesammtabenteuer 2, 557 v. d. Hagen;
(sie) wusten die würffel ... zu verschlagen Kirchhof militaris discipl. (1602) 139; wie man handschriften nachmacht, würffel verdreht, schlösser aufbricht, ... das sollst du noch von Spiegelberg lernen Schiller 2, 35 G. — den würfel knüpfen (s.knüpfen teil 5, sp. 1521; knipfen teil 5, sp. 1435; kneipen teil 5, sp. 1408):
den würffel kan er knüpffen fin,
das jm nun gar kein schantz entgat
(1535) G. Binder Acolastus in: schweiz. schausp. d. 16. jhs. 1, 236 Bächtold;
(an dem beispiel des lebens Jesu Christi erkennt man,) wie die raszler vnnd spitzbuben die würffel knüpffen vnd die schrifft verdrehen, deuten vnnd felschen werden Mathesius hist. Jesu Christi (1568) 2, 4ᵇ; sie (die kirche) trähet vnd knipfft sie (die konzilien) wie die würffel, das sie geben was sie will Fischart binenkorb (1588) 47ᵇ; ein würffeltrichter, do man durchwürfft (ad evitandam jacientis fraudem), dasz er nicht die würffel knüpffe Corvinus fons lat. (1646) 363; die würffel kneipen, fälschen Kramer t.-ital. 2 (1702) 1406ᶜ; dem würfel helfen (sarkastisch-verhüllend): etliche werden die schrifft jres gefallens mischen vnd zu jrem vortheil ein blat oder stück herauszzwacken ..., eben wie die spitzbuben, die dem würffel helffen, knüpffen vnd kneupen vnnd ein sesz vor der hand werffen können Mathesius hist. Jesu Christi (1568) 2, 38ᵇ; viel können dem wörffel helffen, dasz er tragen musz, was sie wöllen Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Xx 2ᵃ; man musz dem würffel helffen, dasz er sechs zincken gibt Lehmann floril. polit. (1662) 2, 748. — den würfel meistern: gleych wie die spitzbuben den würffel meystern, er musz jnen tragen, was sie wöllen Luther 52, 802; 7, 341 W.
β)
falscher würfel und verwandte bezeichnungen: des gewunnen di fumfe met falschin worfeln Heinrich Aftirdinge di meisterschaft ane Friedrich Ködiz v. Salfeld leben d. hl. Ludwig 9 Rückert; allez spil ane hol unde vol wurfel stadtb. v. Augsburg 8; 126 Meyer; er was ... ein grosser lügner und spiler mit falschen würfeln Arigo decameron 20 Keller; etliche begehrten redliche würffel, andere hingegen wünschten falsche auff den platz Grimmelshausen Simpl. 152 Scholte. redensartliche wendungen, übertragen: (es ist) abermals ain falscher würfel in der sach umbgangen (insgeheim unaufrichtig gehandelt worden), dann die von Werdenberg hetten dozumal den könig, wie sie wellten Zimmer. chron. ²2, 18 Barack; falsche würffel für jemand machen met. einem zu leib böses oder dem nächsten schaden thun Kramer t.-ital. 2 (1702) 1406ᶜ. berüchtigt waren insbesondere die in dem städtchen Burghausen (im östl. Oberbayern) hergestellten würfel; daher hiesz es: die ketzer sind falsch wie die Burghauser würfel qu. a. d. 16. jh. bei Schmeller-Frommann bayer. 2, 997; (eine gute frau soll nicht sein) abgefürt wie Burghauser würffel sprichw., schöne weise klugreden (1548) 131ᵃ; so subtil, schlipfferig vnnd alfentzerisch ist keiner, wenn er schon auff alle seiten ... abgespitzt ist wie ein Burghauser würffel, gott merckt es alles vnd ergreift jhn endlich in seiner schalckheit Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Ss 8ᵇ; Henisch teütsche sprach (1616) 40. doch galt auch der würfel schlechthin als sinnbild der verschlagenheit: denn sie (die töchter) lernen daraus noch geschwinder bulen, betriegen ... und dem würffel und teufel gleich tausentlistig sein Sarcerius ein buch v. hl. ehestande (1553) 121ᵃ; diese person ist falsch wie ein würffel erneuertes oraculum (Bern 1743) 31, s. Alemannia 11, 204.
c)
mit (den) würfeln spielen, würfel spielen und verwandte fügungen.
α)
da in der regel mit mehreren (zwei oder drei) würfeln gespielt wurde, so erscheint in der seit spätmhd. zeit bezeugten präpositionalen fügung mit (den) würfeln spielen (entsprechend spätmlat. ludere cum aleis, so aus hss. d. 15. jhs. bei Conrat epitome exactis regibus [1884] 160) ganz überwiegend die form des plurals (vgl. demgegenüber etwa mit dem ball spielen teil 10, 1, sp. 2353): daz si umbe di meisterschaft zu gewinne unde zu vorlisene met worfeln spele wolden Friedrich Ködiz v. Salfeld leben d. hl. Ludwig 9 Rückert; die hern verpietent, daz nu fürbaz chain burger hie ze Münchn ... mit würfeln nit spilen sol magistratsverordn. v. 1440 bei Schmeller-Frommann bayer. 1, 1525; das wir ... begauckelt werden, und sie mit unsz spielen, wie die spieler mit den worffeln (1521) Luther 7, 341 W.; Plato (hat) einen jüngling starck gestrafft, das er mit den würffeln gespilt hette Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 338;
reizendes kind, du spielst auf der mutter schoosze mit würfeln
Herder 26, 58 S.
weitere lex. und liter. belege s. teil 10, 1, sp. 2356. nach Adelung 4 (1780) 578 tritt mit würfeln spielen zugunsten von würfeln in der neueren sprache zurück.
β)
während für den in frühnhd. zeit sonst häufigen präpositionalen anschlusz mit in (vgl.: im brett, im schach, in der karte spielen teil 10, 1, sp. 2352, 2354f.) kaum zeugnisse vorliegen (lediglich Ludwig teutsch-engl. [1716] 2547 verzeichnet: in oder mit würffeln spielen to play at dice), läszt sich die fügung mit auf (vgl.: auf dem brett, auf dem schach, auf der karte spielen) vereinzelt nachweisen: deheynerley spiele ..., es sy uf wuͦrfeln, karten, brettspil (1443) Straszburger zunftverordnungen 484 Brucker; vff dem würfel spielen Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 159ᵃ; auff den würffeln spielen iouer aux détz Hulsius-Ravellus t.-frz.-ital. (1616) 422; Stoer dict. germ.-gall.-lat. (1662) 621 und so noch Frisch-Mauvillon t.-frz. (1752) 721.
γ)
erst neuere sprache kennt die präpositionslose fügung würfel spielen, nach dem muster ball, karten, schach spielen; dazu mhd. wurfzabel spiln (wie lat. aleam ludere). für sich stehen einige ältere belege:
unmyn legt dick ein blossen
und achtet nit: ja wer verlurt das spil?
sie spilt den wurffel kurcz in allen schanczen
mhd. minnereden 13, 68 Thiele;
(Carlstad) will hie mit s. Paulus worten auch so wuͦrffel spielen, und wie er ym allten testament gewonet, allegorias machen (1525) Luther 18, 179 W.; wie wir also mit den heiligen worten Christi wurffel spieleten (var. würffelspielen Luther schr. 3 [Jena 1565] 347ᵃ) ein iglicher auff seinen trawm ebda 23, 114 (wohl keine syntaktische gruppe, sondern eher die zss. würfelspielen, vb.); sie spielen die würffel tesseris ludunt Steinbach dt. wb. (1734) 2, 627. — würfel spielen setzt sich erst in der zweiten hälfte des 18. jhs. neben den älteren ausdrucksmöglichkeiten mit würfeln spielen und würfeln, vb. durch: dasz sie (die herren) nach ihrem ausschlaf ... eine stunde würfel gespielt Hippel lebensläufe (1778) 2, 15; Göthe II 1, 20 W.; die führer seiner leiche spielten würfel auf seinem sarge Ranke s. w. (1867) 9, 195;
und einem, der ... zecht
und würfel spielt ...,
dem ist ... noch nie was rechts gelungen
Schnitzler d. grüne kakadu (1899) 14.
d)
häufig sind aufreihende formeln.
α)
am gebräuchlichsten ist die zweigliedrige verbindung würfel und karten, karten und würfel:
bringent würffel vnd karten heer
S. Brant narrenschiff 51 Zarncke;
würffel und karten ist jr geschrey
(1518) J. Graff ein landsknechtlied, str. 6 Zwick. facs.;
dass vns das hertz im leib lachet, wenn wir von karten vnd würffeln hören theatrum diabol. (1569) 507ᵇ; spitzbuben offtmals über würffel und karten segen sprechen Schupp schr. (1663) 199; das spilen sowohl mit wirflen als karten (untersagen) (1733) österr. weist. 2, 261; der abend gestern ward mit würfeln und karten vervagabundet (1775) Göthe IV 3, 11 W.;
kommen die mädel im grünen mieder,
legen wir würfel und karten nieder
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 3, 228.
vgl. auch Fischer schwäb. 6, 986; ferner sprichwörtliche zusammenstellungen wie:
herrengunst, aprillenwetter,
frawengemüt und rosenbletter,
ross, würfel und federspill,
verkern sich oft, wers merken will
Zimmer. chron. ²4, 175 Barack.
β)
stabende verbindungen; zweigliedrig: die wurfel und der wîn Ottokar österr. reimchron. 60 870 Seemüller; der wein und der würfel Butschky Pathmos (1677) 320;
er kann die speer' und die lanzen nicht schwingen,
nicht rasten bei würfel und rheinischem wein
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 1, 204;
an den tischen entlang, bei würfel und wein, sitzen die wendischen schwertmänner Fontane ges. romane u. nov. (1890) 7, 26. häufiger dreigliedrig; vgl. S. Franck bei Fischer schwäb. 6, 313:
ein weib, wein, wörffel vnd die hasen
machen manchen menschen rasen
Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Z 1ᵃ;
würffel, weiber, wein
bringen lust und pein
Logau sämtl. sinnged. 564 lit. ver.;
weiber, wein und würffel verderben manchen Kern sprichw. (1718) 55; seine liebe zu wein und weib und würfel Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 1, 298; wir führten ein sehr idyllisches leben, dessen hauptingredienzien würfel, wein und weiber waren Spielhagen s. w. (1877) 1, 304.
e)
in einem nicht sicher dem Marner zuzuweisenden spruchgedicht des 13. jhs., dessen verfasser jedenfalls aus älterer (obd.?) überlieferung schöpft, erscheint erstmals das im spätmhd. und frühnhd. schrifttum weitverbreitete und vielfach umgestaltete sprichwort:
swâ der apt die würfel treit,
spilnt dâ die münche daz ist niht ein wunder
der Marner 160 Strauch;
als wenn der abt die würffel tragt,
die prueder spilen all hinnach
zu lieb dem herren wüester sach
Oswald v. Wolkenstein 118, 32 Schatz;
doch ist es ain sprúchwort: wa der abbt wurffel trett, so spilt der covent gernn (1477) privatbr. d. mittelalters 1, 184 Steinhausen; dasz ... ein sprüchwort entstanden ist: ... wo der abt die würfel lege, da mög der convent ouch frölich und wol spilen J. v. Watt dt. hist. schr. 1, 97 Götzinger; da nun der abt würffel aufflegt, wie kan er die armen mönch umbs spielens willen straffen? Kirchhof wendunmut 1, 37 Öst.; wo der abbt die würffel aufflegt, da ist dem convent erlaubt zu spielen Grimmelshausen 2, 513 Keller. auch mnd., s. Gryse spegel d. pavestdomes (1593) C 3 bei Schiller-Lübben 5, 771ᵇ.
f)
nicht eines würfels wert, nicht einen würfel darum geben und verwandte wendungen. der würfel gilt auszerhalb der welt des spiels als gegenstand geringen wertes, insbesondere als nichtige tauschware, die man hingibt, um unerfahrene zu übervorteilen: da nichts ist dann schaden, da man geyt für das schwert ain turteltauben, ... für die streitaxt drey würffel Albrecht v. Eyb dt. schr. 2, 7 Herrmann;
(ein krämer spricht:)
kauf uns würfel und auch letzelten
und zeuch gen Niclashausen zu!
do gilt ein wirfel wol ein ku,
ein haselnusz gilt wol ein ei
fastnachtspiele 1, 480, 17 Keller.
daher kann das wort in verschiedenen formelartigen wendungen den begriff der geringfügigkeit oder der nichtigkeit verstärken: wz min herren syent si vermöchten sich nit vmb ein würfel, vnd werent die lender nit, min herren vermöchtend sich joch nit vmb ein nuss aus Luzerner ratsprotokollen (1381—1420) in: zs. f. dt. altert. 30, 413;
so es kompt fur gelerte,
ist nit eins wurffels werde
ir hoch gedicht
Hans Folz meisterlieder 91, 32 Mayer;
er ... geb nit ein würffel umb alle messen, die ein gantz iar zu Straszburg in dem münster gelesen werden Murner kl. schr. 3, 70 Pfeiffer-Belli;
die weiber habn etwann ein laun,
brechen ein ursach von eim zaun,
haben etwann ein hoch beschwerd,
das kaum ist eines würffels werth
Hans Sachs 20, 257 lit. ver.
3)
übertragener gebrauch (einschl. redensartlicher fügungen in vorwiegend übertragener verwendung).
a)
auf die reformationszeit beschränkt bleibt die redensartliche wendung jemandem in die würfel greifen, eig. unvermittelt dazwischenfahren, um ein (unredliches) spiel abzubrechen; übertragen 'jemandem ein (eigenmächtiges, verwerfliches) vorhaben zunichte machen, seinem treiben einhalt gebieten': greift dem vernünftigen, weltweisen, verjagten (l. verzagten) (ich darf nit wohl mehr sagen) Philippo (Melanchthon) in die würfel (29. 8. 1530) in: corpus reformatorum 2 (1835) 327 Bretschneider; das er (gott) sie wil jnn jren besten gedancken und höchster macht verstören und mitten im werck jnen jnn die würffel greiffen und mit jnen das oberst zu unterst keren, das sie plötzlich zu boden gestürtzet ligen (1535) Luther 41, 112 W.; darum uns nutzlich und noetig zu sein bedeucht, dass man den leuten bei zeiten und zuvor in die worfel griffen hett und solchs dermassen nicht zu leiden auf bequeme mittel und wege getrachtet hette (1540) polit. korresp. Moritz v. Sachsen 1, 70. auch: wann jne gott nit so wunderbarlich vnder die würffel griff Schwarzenberg beschwerung d. alten teüfel. schlangen (1525) C 3ᵇ. vgl. ferner: (gott) greiffet den tyrannen ins spiel, verwirfft inen die würffel, zerreisset die karten und machet sie mit allen iren anschlegen ... zu schanden (1524) Luther 16, 18 W.
b)
der würfel als wahrzeichen des schicksals, schicksalartiger mächte (dess glückes kugel ist fein rund; des geschickes wahrzeichen ist ein viereckigter würffel Prätorius glückstopf [1669] 150). namentlich in der gehobenen literatursprache seit dem ausgang des 18. jhs.:
so vernünftig fallen
des zufalls blinde würfel nicht
Schiller 5, 1, 158 G.;
nachdem Preussen in dem herrlichen östreichischen jahre 1809 die würfel des kriegs aufzunehmen nicht gewagt hatte E. M. Arndt schr. (1845) 3, 394;
es fallen des übermütigen schicksals
würfel tückisch und ungestüm
Platen w. 1, 236 Hempel;
ich rang mich fort durch freud und pein,
doch, wie des lebens würfel fielen:
vergessen konnt' ich nimmer dein
Geibel w. 1, 262 St.;
über kurz oder lang muss der gott, der die schlachten lenkt, die eisernen würfel der entscheidung darüber werfen O. v. Bismarck reden 1, 78 Kohl; nur noch kurze zeit trennt uns von der stunde, in der die würfel der wahlschlacht fallen Leipz. neueste nachr. (9. 6. 1898). zuweilen erscheint der mensch selbst als spieler mit den würfeln der entscheidung, als gestalter des schicksals: den niemand bezwingen kann, der um Genua eiserne würfel schwingt, ist das Lavagna? Schiller 3, 142 G.; da das glück einmal die würfel in meine hand giebt (Schiller plante eine umsiedlung nach Berlin), so musz ich werfen (1804) Schiller br. 7, 147 Jonas; die zeiten sind danach — wer kühn die würfel wirft, kann wohl den Venuswurf werfen (1858) W. Raabe s. w. I 4, 410. dem stehen wendungen gegenüber, in denen das ausgeliefertsein des menschen an die macht des würfelnd über sein los bestimmenden schicksals ausgedrückt ist (zur formalen struktur der folgenden fügungen vgl.los in der verbindung mit possessiven teil 6, sp. 1154f.):
uns allen ... rollt in wettern
der gleiche würfel schonungslos heran
Fouqué held d. nordens (1810) 2, 98;
unser loos ist gleich gestellet,
unser würfel gleich geworfen
Brentano ges. schr. (1852) 3, 210;
ich habe gift getrunken,
des zweifels gift in starken zügen,
und meine bösen würfel liegen
Lenau s. w. 386 Barthel.
c)
der fall (wurf) der würfel versinnbildlicht den austrag schicksalhafter entscheidungen (vgl. Caesars ausspruch beim überschreiten des Rubikon 49 v. Chr.: iacta alea est! Sueton. Caesar 32): stehet es noch in zweifel wie der würffel fallen werde (bei dem zweiten sturm) Kirchhof milit. discipl. (1602) 181; wie die würffel auch endlich fallen, trägt er (der kluge) doch nimmer reue über einen wolgefassten rat Chr. v. Ryssel v. d. seelenfrieden (1685) 291;
eisern im wolkigten pulverdampf
eisern fallen die würffel
Schiller 1, 232 G.;
wo ist, sag an, wollt ich die freiheitsschlacht versuchen,
nach des Arminius kriegsentwurf,
der ort, an dem die würfel fallen sollen?
H. v. Kleist w. 2, 391 E. Schmidt;
die deutsche chronik war entstanden und damit über Schubarts ganzes ferneres leben die würfel geworfen D. Fr. Strausz ges. schr. 8 (1878) 203; am montag wird der würfel hier wohl fallen. entweder zeigt sich das ministerium schwach wie seine vorgänger, und weicht aus, ... oder es thut seine pflicht O. v. Bismarck br. an s. braut u. gattin 115 H. v. Bism.; nun sind die würfel ... noch einmal aufgenommen worden und neugeworfen — und das ergebnis, ich bleibe noch weiter in der gastlichen Schweiz (1920) Rilke br. 1914 —1921, 325 inselverlag; (ich begab mich) ziemlich gelassenen geistes dorthin (zur musterung); denn ich war mir bewuszt, dasz heute der würfel kaum fallen werde Th. Mann Felix Krull (1956) 127.
d)
auf gegensätzliche situationen des würfelspiels beziehen sich zwei formal ähnliche redensartliche wendungen.
α)
die würfel liegen (noch) auf dem tisch (vor dem wurf oder vor abbruch des spiels) 'die entscheidung ist noch nicht gefallen, der ausgang ist noch ungewisz': aber das spiel hat noch kein ende; die würffel liegen noch auff dem tisch Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 2, 305; in wenig tagen dürfte hirüm was hauptsächliches vorgehen; davon aber auf izzo der feder ein mehrers nicht zu vertrauen; denn di wirfel noch auff dem tische Butschky hochdt. kanzelley (1659) 291; ich ... erinnerte ihn, wie närrisch es währe, ihm das spiel und den gewinn zuzueignen, da die würffel noch auff dem tische lägen Bucholtz Herkules (1676) 1, 399ᵃ; es ist noch nichts verlohren; die würffel liegen auff dem tische, das glücke und der gewinst ist keinem unversagt Chr. Weise Jacobs doppelte heyrath (1699) 197; de wörpel ligget upn diske 'der ausgang der sache ist ungewisz' Strodtmann Osnabrück (1756) 291. vgl. brem.-nds. wb. 5 (1771) 27 f.mit nah verwandter grundvorstellung die würfel legen '(zum spiel) herausfordern': das jar 1532, da wir mainten, dasz wir gantz ruewig sollten gewaidet sein, do fieng er an, dasz man mueszt den herren tantz zur fasnacht haben und begeen. da waren die würfl gelegt und der gemain ain grosser stosz geben und ergernus angericht (Augsburg 16. jh. anf.) städtechron. 29, 51.
β)
die würfel liegen (auf dem tisch) (nach dem wurf) 'die entscheidung ist gefallen'; vgl. Serz teutsche idiotismen (1797) 179: dieszmahl, herr gevatter, greifen sie sich aus allen kräfften an, den jetzt liegen die würfel auf dem tisch — das neue schauspiel hausz wird gantz gewisz zur herbmesz (sic) fertig, und es wäre ein groszer spasz wen sies einweihten! (1780) frau rat Göthe briefe 1, 90 Köster (oder zu α?);
mein alles hab ich an den wurf gesetzt;
der würfel, der entscheidet, liegt, er liegt:
begreifen musz ichs — und dasz ich verlor
H. v. Kleist w. 2, 79 E. Schmidt;
es ist zu spät! ...
die würfel liegen, und kein schritt zurück.
— ergreift sie, sag ich euch!
Grillparzer s. w. 6, 213 Sauer;
(Brunhild:) ja oder nein?
(Hagen:) kein wort! — dies schweigen, Siegfried, ist dein tod!
die würfel liegen
Geibel w. 3, 89 St.
e)
vereinzelt bezeugte verwendungsweisen. mit gleichen würfeln spielen 'in gleicher weise verfahren': Spanier und Türken spielen mit gleichen würfeln. sie suchen das geld in börnern, cloaken. wo die erde neu ist, da graben sie ein (1532) Luther tischr. 2, 593 W. — wissen wieviel die würfel geworfen haben; s. teil 4, 1, 5, sp. 155f.: siehest du sie (die flöhe) aber etwas tieffer am leibe ..., so sage, du woltest gerne die schleiffe band anders ziehen, daran weiss ich schon, wie viel die würffel geworffen haben jungfer Robinsone (o. j.) 49. — mit dreyen würffeln mehr denn 18 augen werffen wollen met. unmögliche dinge unternehmen Kramer t.-ital. 2 (1702) 1406ᶜ:
Rom, wenn, gebläht von glück, du mit drei würfeln doch
nicht neunzehn augen werfen wolltest!
H. v. Kleist w. 2, 445 E. Schmidt.
B.
würfel in geometrischem sinne; würfelförmiger körper.
1)
bildhafter sprachgebrauch liegt ursprünglich vor, wenn kubisch geformte körper mit dem namen des gleichgestalteten spielgeräts bezeichnet werden; vgl. dazu wendungen mit würfel als metapherwort (im hinblick auf die kubische gestalt): abgespitzt vnd geeckt wie ein würffel Mathesius Sarepta (1571) 31ᵇ; ein esterich, ... von vilerley kleiner steinlinen als würffel, mancherley farwen künstlich zusammen gesetzt Stumpf Schweizerchron. (1606) 676ᵃ; kleine weisse vnnd durchsichtige gefierdte stücklin wie die würffel Bech Agricolas bergwerckb. (1621) 468; (dasz) das saltz ... wie kleine würffel viereckicht erscheine Hohberg georg. cur. (1682) 1, 75; zu dem so ist meine taille monstreuse in dicke, ich bin so viereckt wie ein würffel (1698) Elisabeth Charlotte br. (1676—1706) 113 Holland; A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 328 Schulte-K.
2)
würfel als bezeichnung des regelmäszigen vielecks, seit dem beginn des 16. jhs. bezeugt und im mathem. schrifttum allmählich an die stelle des lat. cubus tretend; die etymologische motivierung geht dem wort in dieser verwendung verloren: ain corpus mit gleychen seytten als ain würffel Grammateus kunstl. buech (1518) G 3ᵃ nach Schirmer wortsch. d. mathem. (1912) 77; eyn gefirt corpus oder würffel Dürer vnderweysung der messung (1525) A 3ᵃ; ein recht gefirter würffel ebda; häufig bei Kepler im text des weinvisierbuches von 1616: dises maass oder figur haisset cubus, teutsch könden wirs von gleichnus wegen einen würffel nennen nach Götze anf. e. mathem. fachspr. (1919) 215; sprichstu, wie sol ich einen cubum in 14 stuck thailen? antwort, nicht also, dass 14 junger cubi oder gerechte würffel drauss werden ebda (in anderen fällen verwendet Kepler nur würfel oder nur cubus, s. Götze a. a. o. mit zahlreichen belegen); den inhalt eines cubi oder würffels (finden) Chr. Wolff mathem. lex. (1716) 456; cubus ein würffel, ist ein cörper, der in sechs gleiche qvadrate eingeschlossen ebda 454 (in der ausgabe 1747 wird unter 'cubus' auf würffel verwiesen); wenn das gleichscheit rechteckig ist, und dabei lauter gleiche seitenflächen hat, so ist es ein würfel (cubus) Bürja gröszenlehre (1799) 73. besonders während des 18./19. jhs. in zss. bezeichnung eines raummaszes, 'welches gleich viel in die länge, in die breite und in die höhe beträgt' Campe 5 (1811) 792; verdeutschung für kubik- (Kinderling reinigk. d. dt. spr. [1795] 185), s.würfelfusz, ↗würfelmasz, würfelrute, würfelschuh, würfelzoll. selten als verdeutschung des ausdrucks kubus im arithmetischen sinne 'dritte potenz einer zahl' (vgl. lat. cubus, frz., engl. cube, nhd. würfelzahl in entsprechendem gebrauch; ferner würfelung 1): das schöne gesetz, das die quadrate der (werte der) umlaufszeiten an die würfel der groszen axen bindet A. v. Humboldt kosmos (1845) 1, 96; so ist der würfel von 2 = 8 Mothes baulex. 4 (1884) 490. auszerhalb des mathem. fachschrifttums erst seit dem 18. jh. durchgehend bezeugt; doch geben die wbb. d. 16. und 17. jhs. nicht nur talus und tessera, sondern auch cubus bereits vielfach durch würfel wieder: in diesem (ptolemäischen weltgebäude) pflegten sich nämlich die alten schullehrer ... ein viereck oder vielmehr einen groszen würfel einzubilden Schwabe belust. (1741) 1, 299; der griechische zeugmeister muszte die vervielfältigung des würfels ... verstehen Kästner verm. schr. (1772) 2, 36; der würfel ... hat nur einen idealen mittelpunkt Vischer ästhetik (1846) 2, 72; wo aber (in der kunst) in niederer geometrie gedacht wird, in kreis und kugel, rechteck, quadrat und würfel ..., da können bewegungsunabhängige formen entstehen Pinder d. dt. kunst d. Dürerzeit (1939) 35; graubärtige akademieprofessoren übermalten ihre einstigen, jetzt unverkäuflich gewordenen 'stillleben' mit symbolischen würfeln und kuben Stefan Zweig welt v. gestern (1947) 344. in sinnbildlichübertragenem gebrauch; als wahrzeichen der beständigkeit (vgl. Treuer dt. Dädalus [1675] 1, 190 und u. würfelartig): die wahrheit ruhet auf sich selbst; wenn ihr würfel auch sechsmal umgewälzet würde, er ist und bleibt ein würfel Herder 16, 39 S.
3)
würfel, zunächst bezeichnung der gedachten geometrischen figur, bezogen auf räumliche (a—d) und (seltener) flächenhafte (e) konkreta.
a)
ganz vereinzelt nachweisbar im sinne 'geschosz (in würfelform)'; vgl. ähnlich kugel 'geschütz-, kanonenkugel': 6 halbe cartaunen, 14 schlangen und 4 grosse stück stein oder würffel zu schissen Hulsius 1. schiffahrt (1598) 9; die grosse stück, so mit steinen unnd würffel geladen ebda 46.
b)
körper in kubischer form: vier würffel von ertz Schweigger reyszbeschr. (1619) 123; ein storch, der mit einem fusse aufn würfel stehet Prätorius winterflucht d. sommervögel (1678) 404; die urne ... stehet auf einem vollkommenen würfel Schiller 2, 387 G.; er kam vor verhüllten obelisken, säulen und würfeln vorüber Jean Paul w. 7/10, 510 Hempel. stück eines kubisch kristallisierenden minerals: küchensalz ... in zierlichen kleinen würfeln Oken allg. naturgesch. (1839) 1, 34; mit bloszem auge unterscheidet man die würfel des kochsalzes von den langen säulen, welche dem salpeter angehören Liebig chem. br. (1844) 67; allgemein von der würfelform fester nahrungsmittel: diesen zuckerhut zerbrach er selbst ... und freute sich über die viereckigen würfel, welche seine kunst hervorzubringen vermochte G. Freytag ges. w. 4 (1887) 7; dann (kaufe ich) ein paar würfel zucker Werfel Bernadette (1948) 19. vgl. die jungen zss. brüh-, soszen-, suppenwürfel. in der fügung in würfel (zer)schneiden (vgl. älteres gewürfelt); zunächst als metapher: nim weisse ackerrüben, zerschneid sie klein wie würffel Gäbelkover artzneyb. (1595) 2, 323; (die Russen) schneiden gebraten schaffleisch kalt in kleine schnitgen, als würffel Olearius verm. reisebeschr. (1696) 104. dann auch: eben nun war der wichtige punkt gekommen, dasz der speck in würfel geschnitten ... werden sollte E. T. A. Hoffmann s. w. 6, 218 Gr.; das fleisch des frisch geschlachteten hammels wurde in etwas über walnuszgrosze würfel zerschnitten W. v. Siemens lebenserinn. (⁴1895) 215; Friedli Bärndütsch (Ins) 4 (1914) 223.
c)
stärker bildlich von felsen, gebäuden in kubischer form: unwillkührlich haftet das auge auf einem schroffen granitfelsen, ... ein würfel, der 200 fusz hoch senkrecht (abstürzt) A. v. Humboldt ansichten d. natur (1808) 1, 302; eine moderne kirche giebt es nicht, ... es müszte denn ein platter würfel mit bürgerlichen fenstern ... für eine richtige kirche ausgegeben werden Gutzkow ges. w. (1872) 8, 106; ein zweiter angriff, und der mächtige würfel (ein felsblock) weicht Barth Kalkalpen (1874) 494; steinerne würfel (gebäude) getürmt, aneinandergereiht ohne lücke Gerhart Hauptmann Anna (1921) 6; (das häuschen war) ein kalkweiszer würfel, doch ähnlich dem, das er suchte El. Langgässer d. unauslöschl. siegel (1946) 212.
d)
gleich frz. dé der mittlere, kubisch geformte teil des säulenstuhles Wolff mathem. lex. (1747) 1424; Rode Vitruv (1800) 61 anh.: ihr (der säulen) fussgestell bestand aus krystallenen würfeln Jung-Stilling sämmtl. schr. (1835) 2, 152; von vier freystehenden dorischen säulen auf würfeln ruhend getragen Nicolai reise d. Deutschl. u. d. Schweiz (1783) 12, 92; die säulen haben ihre füse und überdies würfel Göthe III 1, 324 W.
e)
auf flächenhafte quadratische musterung von stoffen u. dgl. bezogen, verliert das wort das sinnmerkmal des räumlichen (vgl.gewürfelt in entsprechendem gebrauch): (er) mahlet den leuten creutz auff die kleyder, seulen, geyszlen, würffel vnnd dergleichen Paracelsus opera (1616) 2, 100ᴮ Huser; vber den rucken ein schwartzen striemen, ... mit growen würwelen gezeichnet Fischart Garg. 228 ndr.; (die tätowierten verzierungen) bestanden aus einer menge von flecken, krummen linien, würfeln und sparren J. G. Forster s. schr. (1843) 2, 13;
hundertfach wechseln die formen des zierlich gemodelten estrichs
..., rötlich in würfeln gebrannt
Mörike ges. schr. (1905) 1, 207 Göschen;
auf dem rotgewürfelten tischtuch, mit reichsadler und kaiserkrone in den würfeln, lag neben der kaffeekanne immer die bibel H. Mann d. untertan (1949) 453. auch bezeichnung des spielkartenzeichens karo (raute) Schwan nouv. dict. (1783) 2, 1078ᵃ.
würfel m.
Fundstelle: Lfg. 14 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2166, Z. 20
lederner wurfriemen am fusze des falken; ein ausdruck der älteren falknersprache. wie ¹würfel mit dem -ila-suffix der gerätenamen zu ⁴wurf gebildet ('mittel zum werfen'), anschlieszend an den gebrauch von werfen, wurf als fachwort der falknerei (s. ob. ⁴wurf I A 5 a γ) und entsprechend mlat. iactus (vgl. auch afrz. prov. jet Meyer-Lübke rom. etym. wb. 372; engl. jess): iacti sunt laquei de corio facti, imponendi pedibus falconum, ut cum eis retineantur et iactentur ad predandum, qui ob hoc iacti dicuntur, quia cum eis iaciuntur falcones et emittuntur ad predandum Friedrich II. de arte venandi cum avibus 1, 149 Willemsen (vgl. ebda 1, 125; 1, 146; 2, 78). zufrühest bezeugt ae. wyrpel (dazu Swaen engl. stud. 37, 195 f.): deþ he wyrplas on bi monna wyrdum 87 (the anglo-saxon poetic records 3, 156 Krapp-van Kirk Dobbie):
daz kleit stuont im (dem terzel) ze prîse wol:
lancvezzel, würfel und hoselîn
daz wâren diu kleit sîn
(13. jh.) d. falkner u. d. terzel 9 (zs. f. dt. altert. 7, 341) Pfeiffer;
was hulff dynr zucht ob sie ein sprenczlin zwunge
mit wurfflin, huben, schellen,
das dir so gebruwet dan entswunge?
mhd. minnereden 12, 90 Thiele;
mann vahe jn mitt eyner zwirggen bey den würffeln ein schons buchlin v. d. beyssen mit d. habich (1510) B 2ᵃ bei Schmidt falknerei (1909) 60 (daneben die form würffer: mann bewar auch das im die würffer nitt zuͦ lang seynd über handt ebda A 5ᵇ; wurffer jag- u. weydwerckbuch [1582] 2, 4ᵃ). vgl. dazu mnl. werpelinc 'dunne riem om den poot van een jachtvogel' Verwijs-Verdam 9, 2288 (im Teuthonista auch worpel, s. ebda 9, 2816) und frühnhd. wurfriemen.
würfel m.
Fundstelle: Lfg. 14 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2166, Z. 54
schwindel Schmeller-Frommann bayer. 2, 995; Unger-Khull steir. 640; s. wirbel sowie ²würflig.
Zitationshilfe
„würfel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCrfel>, abgerufen am 18.10.2019.

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