Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

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würfeln1, vb.

¹würfeln, vb.,
'mit würfeln spielen; würfelförmig machen'. denominativum zu ¹würfel 'tessera; cubus'. das wort kommt erst im 16. jh. neben verbalverbindungen wie mit würfeln spielen, würfel spielen (s. ¹würfel A 2 c) auf und verdrängt das mhd. (frühnhd. geläufige, auf nd./nl. sprachgebiet fortlebende) doppeln (teil 2, sp. 1268); nl. dobbelen v. Dale nieuw gr. wb. ⁷399ᵇ. in der mundartlich beeinfluszten älteren sprache begegnen weithin formen mit entrundetem stammvokal: gewirfelt, gwierffelt Tegernseer kochb. in: Germania 9, 206; 202; gewirffelt Gäbelkover arzneibuch (Tüb. 1595) 2, 83; (1638) bei Birlinger schwäb.-augsb. 439; wirfflen Abr. a s. Clara Judas (1686) 1, 13.
1)
zu ¹würfel A; 'mit würfeln spielen, den würfel werfen (aus der hand, dem becher)', namentlich im glücksspiel um gewinn. mnd. worpelen, s. Hans van Ghetelen dat narrenschyp 77, 6 Brandes und Schiller-Lübben 5, 771.
a)
in eigentlichem gebrauch. lexikalisch zur wiedergabe des mlat. tesserare (wirfelen gemma gemm. [Straszbg. 1505] C 1ᵇ; wurffelen [1508] C 1ᵇ; auch in der Augsburger ausgabe von 1512, s. Diefenbach gl. 581ᵃ; [Lohr 1514] C 1ᵃ; dagegen: dobbelen [Deventer 1495] J 1ᵃ; [Köln 1495] Y 1ᵇ; [Magdeburg 1495] J 1ᵃ; [Köln 1512] Y 1ᵇ); sodann bei Hulsius-Ravellus t.-frz.-ital. (1616) 422: würffeln ... jouer aux detz. literarisch nach mehrfachem auftreten in den schriften Luthers (nur in übertragenem gebrauch, s. u. b) erst seit dem 17. jh. fortlaufend nachweisbar (noch nicht bei Heinrich d. Teichner, s. jetzt die ausgabe von Niewöhner 377, 10; vgl.würfelbrett): das würfeln, ... mumspiel, kaufspil qu. v. 1611 bei Fischer schwäb. 6, 987; die thewre zeit so liederlich verschertzen ... mit dopplen, würfflen, lautenschlagen Moscherosch gesichte 1 (1650) 432; drumb meynet Rablais man solle würffeln umb das darumb man rechtet Schupp schr. (1663) 300; soll ich bey euch bleiben? soll ich in die commödie gehn? — ich weisz nicht! geschwind! ich will würfeln. ja ich habe keine würfel! — ich gehe! (1765) Göthe IV 1, 13 W.; räuber oder knechte sinds, die um ihn (den rock Christi) würfeln (1798) Herder 20, 261 S.; der dechant, der ... mit einem edelmann aus zinnernen bechern gewürfelt hatte Alexis hosen (1846) 1, 1, 18;
er war im heere des kaisers obrist
...
sieben jahre sasz er im sattel tags
und würfelte in den nächten
Münchhausen balladen u. ritterl. lieder (1908) 25;
sie) soffen, würfelten und schauten stumpf dem sterben des Terenz zu Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 409. wie werfen mit innerem objekt: un nächsten sonntag ... fahren (wir) karussell und würfeln. un dann würfelst du wieder alle zwölfe Fontane ges. w. (1905) I 5, 114; ähnlich umgangssprachlich eine eins, eine sechs würfeln (im spiel). uneigentlich; würfeln mit würfelähnlichem: der held (des gedichtes) ... würfelt auf einer felsplatte mit felsblöcken (1842) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 38 Schulte-K. transitiv:
der junge würfelt in freude
die steine mit wechselnder hand
Fr. Schlegel s. w. (1846) 10, 69.
mundartl. im alem. wîrflə sich erbrechen, insbes. infolge von trunkenheit Martin-Lienhart elsäss. 2, 850; Seiler Basel 320.
b)
mit dem worte gottes würfeln den text (um unlauterer zwecke willen) willkürlich, nach eigenem belieben auslegen; in diesem sinne von Luther verwendet: (der papst) wurffelt alszo mit gottes worten und sacramenten, wie ein gauckeller. es (das sakrament) ist ym gantz und nit gantz, wenn unnd wo er wil, darff yhm selbs frey widder sprechen und auff beide seitten liegen und triegen (1521) Luther 7, 395 W.; vgl. 7, 341; 7, 449; ich meine ja, das heisst mit gottes wort gewürffelt, wie die spitz buben thun, und mit der lieben christenheit ... gespielet, als werens allte karten bletter (1530) ebda 30, 2, 480. entsprechend in transitiver fügung: der vierde (vertreter der sekte) keret die ordnunge des texts umb. der funfft ist auff der ban, der versetzt die wort. der sechst steckt noch ynn der geburt und wurffelt die wort (1526) ebda 19, 459; möchstu villeicht fragen, wo die hohe kunst jnn die Jüden komen sey, das sie den text und gottes wort so meisterlich können würffeln, als weren sie auffm toppelspiel, und das hinderst zu förderst setzen (1543) ebda 53, 636. ähnlich in späterer zeit von leichtfertigem spielen mit worten: bekannte, ihnen zugekommene phrasen haben sie, mit denen sie würflen Varnhagen v. Ense Rahel (1834) 2, 581; oder um sittliche werte (die fügung dichterisch frei, nicht echt transitiv):
nicht anstand nahm er, andrer ehr und würde
und guten ruf zu würfeln und zu spielen
Schiller 12, 344 G.
c)
das werfen der würfel als symbol für gewichtige, oft schicksalhafte entscheidungen; seit dem 18. jh. ist dieser bildhafte gebrauch oft bezeugt:
tiefverhüllte, finstre mächte
würfeln mit dem schwarzen loos
über kommende geschlechte
(1817) Grillparzer w. (1874) 2, 125;
die lebenslust ... war fix bei der hand, als (bei einem seesturm) um sein oder nichtsein mit einem wurf gewürfelt wurde H. Laube ges. schr. (1875) 1, 322; ich habe gewürfelt, d. h. ich habe mit der heutigen post an Cotta geschrieben, ob ihm reiseschilderungen und berichte von mir willkommen ... sind (1843) Hebbel br. 2, 322 Werner; ich murre nicht und nehme die lose, wie sie fallen. aber ich wollte doch mitunter, ich hätte besser gewürfelt Fontane ges. w. (1920) II 4, 421. im bereich des krieges und der politischen auseinandersetzung: die meisten der nationen, die um ihr (der eingeborenen) land würfeln (1785) Herder 13, 314 S.;
das würfelnde, kalte
scheusal, der menschheit schande, der krieg
(1797) Klopstock oden 2, 133 M.-P.;
der congress ist eine art spieltisch — Europa würfelt um seine staaten (1851) Bauernfeld ges. schr. 7 (1872) 11; um Verdun geht ein eisernes würfeln Liller kr.-ztg., 6. ausl. (1917) 120. im bereiche des rechts: der unter zweifeln taumelnde richter, wenn er um die wahrheit würfelt Sturz schr. (1799) 1, 203; geh hin, und sage dem hochlöblichen gericht, das über leben und tod würfelt (1781) Schiller 2, 105 G. transitiv mit innerem objekt: die politik diente seinem interesse; um den tagespreis gewisz zu haben, würfelte er den völkern ihre schicksale Gutzkow ges. w. (1872) 9, 27; wenn ich zusammenrechne, was mein und der meinigen loos im leben also gewürfelt hat Knebel bei Schubert selbstbiogr. (1854) 1, 21.
d)
würfeln als transitivum in verbindung mit richtungsadverbien (in neuerer sprache fast stets zum präfixkompositum erstarrt) 'etwas in der art wie man einen würfel wirft herbei-, hinwegbewegen': wenn sie sich nicht selber absonderten, so müste man sie doch daraus würfflen Nigrinus widerlegung ... d. ersten centurie f. Joh. Nasen (1570) Dd 4ᵃ;
sitzend auf dem stein,
den einst der teufel soll dahin gewürfelt haben
Klamer Schmidt poet. br. (1782) 130.
im allgemeinen mit der vorstellung des willkürlichen, zufälligen, regellosen verbunden: (die beiwörter) müssen schicklich und der sache angemessen seyn und nicht herbey gewürfelt werden Adelung magazin (1783) 2, 87; ein abenteuerliches leben, das ihn hin und her durch länder und unter menschen zu wasser und zu lande würfelt Ad. Wagner vorw. zu: Seume s. w. (1835) II; ein Ursachse, den ein ... kobold unter die leichte reiterei gewürfelt hatte L. v. François Reckenburgerin (1871) 1, 84;
(Severus) dem wilder zufall Roms Cäsarenscepter
einst in die hand gewürfelt
Hepp weiszdorn (1890) 141.
zusammenwürfeln (zusammenhangloses, s. teil 16, sp. 778): aus einem halben dutzend heterogener wörter ein ... homogenes werk zusammen zu würfeln Hippel kreuz- u. querzüge (1793) 1, 539. refl.: so würfeln sich die gedanken in einem französischen künstlergeiste zusammen (1800) Solger nachgel. schr. (1826) 1, 32. als attributives partizip: das gegeneinanderwirken dieser ganz verschiedenen ..., durch weltgeschichtliche ereignisse zusammen und zwischen einander gewürfelten elemente Göthe I 42, 1, 173 W.; die zusammengewürfelte gesellschaft H. Mann ausgew. w. 1, 571 Kant. durcheinanderwürfeln: so wie man die abentheuer Alins beliebig durch einander würfeln ... könnte A. W. Schlegel in: Athenäum (1798) 3, 149; an der thür lagen ... in körben rothglänzende pomidori und eier, musivisch durcheinander gewürfelt Gaudy s. w. (1844) 5, 33; es sind grandiose elemente in ihr, aber wunderlich durcheinander gewürfelt (1843) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 173 Schulte-K.; sie würfeln wirklich traum und historie, vergangenheit und gegenwart zu toll durcheinander (1854/55) W. Raabe s. w. I 1, 142.
2)
zu ¹würfel B; 'würfelförmig machen' (als vb. in freiem gebrauch erst seit Adelung: die semmel würfeln in würfel schneiden 5 [1786] 307, vorher ausschlieszlich und später noch weitaus überwiegend als partizip gewürfelt, vgl. dazu teil 4, 1, 4, sp. 6810).
a)
'(ein ganzes) in würfelförmige teile zerlegen'; vorwiegend gebräuchlich in der form des partizips gewürfelt 'würfelförmig gestaltet' (von einzelteilen des zerlegten ganzen); s. die lexikalischen und literarischen belege teil 4, 1, 4, sp. 6810 f. (1 a—b α; 2 b—c); hier nur nachträge: die ruben ye gespalten, ye klain, ye gewürflet, ye geschnitten qu. der zeit um 1520 bei Fischer schwäb. 6, 987; nim alt reinbärgin schmeer 2 lot, scheels sauber ab vnnd schneids gewirffelt Gäbelkover artzneyb. (1595) 2, 83; der boden ... war von kleinen gewürffelt oder gevierten marmelplätlein ... belegt theatrum amoris (1626) 136; mit gar klein geschnittenen und gewörffelten gelben rüben Aitinger jagd- u. weidbüchl. (1681) 294; die zerstreuten gewürfelten steinchen (1855) Scheffel ges. w. (1907) 1, 98. rezepte: 2 zwiebeln schälen und würfeln frau v. heute (25. 9. 1953) 17; die gansleber und das herz gewürfelt zugeben ebda (11. 12. 1953) 14.
b)
gewürfelt 'quadratisch, schachbrettartig gemustert' (lexikalische u. literar. belege teil 4, 1, 4, sp. 6810 ff. [1 b β—1 c; 2 a; 2 d α—β]; hier wiederum nur nachträge): gewürffelte persische teppichte Lohenstein Arminius (1689) 1, 60ᵃ; ein rein gewürfeltes damenbrett Brentano ges. schr. (1852) 5, 428; eine braun und grün gewürfelte weste Polenz Büttnerbauer (1895) 155; ein milchbärtiger lord ... mit gewürfeltem rock und nackten knien R. Stratz d. dt. wunder (1930) 34; (er trug) tagein, tagaus die selben schon recht mitgenommenen gewürfelten breeches Th. Mann Faustus (1948) 267; ein blau und weisz gewürfeltes tischtuch Remarque zeit zu leben (1954) 74. als ausdruck der heraldik: wenn die sich durchcreutzende linien vermehret werden, so wird der schild geschackt oder gewürffelt ... genennet Trier wapenkunst (1714) 70.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2170, Z. 48.

würfeln2, vb.

²würfeln, vb.,
'gewandt, pfiffig, durchtrieben machen'. in der schriftsprache lebt nur das part. perf. gewürfelt 'tüchtig, gescheit, durchtrieben, verschmitzt', s. oben teil 4, 1, 4, sp. 6812f. und Sanders wb. 2, 1679. das sprachgefühl verbindet diese form mit ¹würfeln 'würfel werfen'. mit nicht klar bestimmbarer bildvorstellung:
damit ich wer für grosz und klein
gewürflet wie ein müllerstein
(1619) J. V. Andreae bei Fischer schwäb. 6, 987.
zugrunde liegt wohl, wie bereits oben unter gewürfelt ausgeführt, würfeln als nebenform von worfeln 'getreide von der spreu durch werfen reinigen', das mundartl. auch im übertragenen sinne von 'jemanden gewandt, gescheit, pfiffig machen' begegnet, s. Albrecht Leipzig 238: die andern aber, so gewürffelte köpfe hatten, waren ihnen nöthig, sie als emissarien in alle länder zu gebrauchen A. Volck entdecktes geheimnis (1750) 1, 227; auch sind sie (die freudenmädchen Venedigs) übrigens gut zur unterhaltung und gewitzigt und gewürfelt durch den mancherley umgang mit verschiedenen menschen (1783) Heinse s. w. 7, 210 Sch.; ich denke, er (ein vielseitiger mensch) wird immer als ein würfel auffallen, der keine untere seite hat. zum ersten mal verstehe ich plötzlich die redensart 'gewürfelt sein', bisher ärgerte ich mich nur daran (1848) E. Förster in: das leben Emma Försters in briefen (1889) 220; der gewürfelte fuhrmann spürt aus den feinen nuancen in der bewegung des wagens, aus dem auftreten der pferde die feinsten verborgenen unterschiede im bau der chaussee heraus Riehl naturgesch. d. volkes (1851) 1, 59; nicht wie ein unwissender Eulenspiegel überall anstoszend, sondern wie ein held der spanischen schelmenromane gewürfelt und überall sich fügend und findend Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 3, 367; die erkenntnis, dasz es kluger mäszigung immer wieder gelingt, auch den gewürfeltsten gegner im kritischen augenblick zu lähmen Benrath kaiserin Konstanze (o. j. [um 1935]) 21.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2173, Z. 34.

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Zitationshilfe
„würfeln“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCrfeln>, abgerufen am 06.08.2020.

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