Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gewürfelt1, participiales adjectiv

gewürfelt. I. participiales adjectiv
zu dem subst. würfel (s. d.); von dem es wohl unmittelbar abgeleitet ist; denn die verbalformen zu dem ebenfalls abgeleiteten würfeln (vgl. mhd. wb. 3, 741ᵇ; Lexer 3, 1007) halten sichsoweit die belege erkennen lasseneinseitig an das würfelspiel und seine bethätigung, während das particip der form des würfels gilt. das gleiche tritt bei den synonymen geschacht (s. oben sp. 3813), geschachtet (theil 8 sp. 1966) als ableitungen zum schach(brett) noch deutlicher hervor, weil die verba schachen, schachten (s. theil 8 sp. 1959, 1966) hier als spätere zusatzbildungen zum particip nachgewiesen werden können.
1)
die ältesten zeugnisse für gewürfelt entstammen den wörterbüchern, die die form in fast lückenloser überlieferung anmerken.
a)
Dasypodius bucht noch keine verbalformen. für das später so viel hier angezogene tesselatus setzt er ein: getheilt ... von viereckigen steinen lat.-deutsch. wb. Q o 3ᶜ.
α)
tessella ... etwas viereckets wie ein würfel ... gevierts stückle oder gewürflet Cholinus-Frisius Zürich 1541 s. 855ᵇ; vgl. dazu Maaler 180ᵇ; gewürfflet quadratum ... Henisch 1610; gewürfelt, tessellatus J. Felbinger nomenclat. lat.-germ. (1646) R 3ᵃ; tessellatim ... gewürffelt G. M. König gazoph.-lat. (1668) 1171 (ebenda: tessello gewürffelt machen); gewürffelt, tessellatus Aler 1, 944ᵃ; desgl. (tessel. cubicus) Kirsch 2, 152ᵇ ; (tessel. cub. laqueatus) G. Matthias 182ᵇ. bei Stieler ist gewürfelt nur als verbalform zu würfeln (talis ludere) angeführt, vgl. s. 2549; anders Steinbach: ich würffele, tesseris ludo, talos jacto ... gewürffelt tessellatus, cubicus 1033; würfeln, tesseris ludere; gewürfelt, in forma cubi factum Frisch 2, 460ᵇ.
β)
die neusprachlichen wörterbücher halten noch ausschlieszlicher die bedeutung würfelig (vgl. würfelicht, würfelet) fest: gewürffelt, quarré en forme de dez Hulsius (1614) 165ᵃ; gewürffelt, quarré, faconné en forme de dez, tessellatus, vel quadratus, quadrangularis Duez dict. germ. gall. (1664) 200ᵃ; gewürffelt, quadro etc. Rädlein 385ᵇ; gewürfelt, fait a carreaux en échiquier Rondeau 2, Uu 4ᵇ; gew., de figure cubique, quarré, en forme de dez J. L. Frisch nouv. dict. d. pass. 2, 280; gewürfelt, würflicht, fait en petits careaux Schwan 1 (1783) 750ᵇ; vgl. auch gewürfelt, cubic, cubical Arnold compl. vocabulary⁴ 427ᵇ.
b)
unter den verbindungen sind im wesentlichen zwei typen gebucht.
α)
der eine erscheint schon in der ältesten buchung und ist seitdem fast durchweg wiederholt: tessellatus mit vierecketen oder gewürfleten steinen oder zieglen besetzt, gewürflet Cholinus-Frisius (1541) 855ᵇ; tesserulae gewürflet stein, oder andere stückle 855ᵇ; desgl. (pavimentum tessellatum) Maaler 180ᵇ; das gleiche Hadr. Junius nomenclat. (1595) 107; tessella, gewürffelter einlegstein N. Frischlin nomenclat. triling. (1586) 179ᵇ; die gleiche verbindung (tess. emblema) Emmel (1592) 364; (lapis quadrang.) Henisch 1610; (quarreau à paver, tessera vel tessella, quadrata pavimenti tegula, Duez 200ᵃ; (quarreau) Hulsius 165ᵃ; (quadro, mattone, un quarreau) Rädlein 385ᵃ; gewürffelter boden, pavimentum tessellatum Aler 1, 944ᵃ; desgl. Steinbach 1033; ähnl. Schwan 1, 750ᵇ.
β)
viel später ist die in der litteratur so viel belegte beziehung auf stoffe und zeuge angemerkt: gewürfflete röck, tessellatae tunicae Aler 1, 944ᵃ; ein gewürfelter kattun von allerhand farben, chacart, chales Rondeau 2, Uu 4ᵃ; gewürfelt zeug a chackered stuff Arnold⁴ 427ᵇ; karrirte oder würfelige, gewürfelte, quadrillirte zeuge, étoffes quadrillées, étoffes à carreaux, checks Karmarsch handbuch d. mech. technol. (2⁵) 992; beim gegitterten stoff sind die streifen ungleich breit, wechseln dagegen lauter streifen von gleicher breite mit einander, so ist der stoff gewürfelt Bucher reallexik. d. kunstgewerbe 133.
γ)
mehrfach wird auf heraldische formeln verwiesen: quaedam tesselatae, eclequetés, gewürffelt, geschachtet Im. Weber examen artis heraldicae² (1690) 53; gewürffelt s.geschachtet Chomel 4, 1065; Jablonski (1767) 1, 535ᵇ; Zedler 10, 1400; Schwan 1, 750ᵇ; Querfurth kritisches wb. d. herald. term. 54.
c)
die mundartlichen wörterbücher, die fast alle gewürfelt anmerken, bringen jedoch nur selten belege zu dieser bildung: e blau un roth gewerfelt — gestreiftes sackduch (nach der Frankfurter laterne 1876) Askenasy Frankfurter mda. 106; gewürfelt ... mit würfelartigen figuren versehen Lenz Handschuhsheimer dialect. nachtrag 13; gewürfelt Jecht Mannsfelder mda. 42ᵃ. alle andern buchungen gelten der bedeutung gewandt, vgl.gewürfelt II.
2)
der litterarische gebrauch, soweit er nicht ebenfalls der letzt belegten richtung folgt (s. u.), zeigt reichere und andere linien, als die buchungen vermuthen lassen.
a)
der gew. boden ist verhältniszmäszig wenig bezeugt, vgl.das pflaster dieses saals ist klein gewürfelt Phil. Hainhofer 70 s. H. Fischer schwäb. wb.; der offene saal mit einem gewürffelten estrich, tesellato pavimento Comenius orbis sensal. pictus 137; und wie kommt der gewürfelte boden zum symbol der höhern weisheit? Herder (kl. schr. 1779 ff.) 15, 74; dazu vgl.: allhier war ein lustiger brunnen, der auss einem marmorsteinern elephantenschnabel in ein künstliches gewürffeltes becken sprang Opitz Barclays Argenis 7 (2), 271; die weite, flache ebene mit ihren buntgewürfelten äckern Paul Heyse (die eselin) II, 10, 151.
b)
aus der sprache der mathematik vgl.: die soliditas, die wir imaginiren, hat 144 gewurffelte eln ... ein gewurffelte eln nenne ich hie einen cubum imaginatum Mich. Stifel die coss Christ. Rudolphs ... gebessert (1533) 369ᵃ; die soliditas helt 933312 gewurffelte schuch 368ᵇ. zu ende ... ist gleichfals eine tafel von schieffersteine, mit kleinen gewürffelten zeichen unterschieden die rechenkunst zu lernen Opitz Argenis 2 (2) 121.
c)
vielgebraucht ist das particip in der sprache der kochbücher, von der die buchungen keine kenntnisz nahmen: gepetts prot und gewirfelt darein Tegernseer kochbuch (Germania 9) 206; gewürz und gilbt und gwierffelt prot 202 u. a.; thut man ochsenmarch oder klein gewürffelt speck daran der frantzös. koch (1665; lard ... tranché ... comme de dez à jouer bei Bonnefons, delices d. l. campagne 104) s. 27 u. a.; vgl. auch: nim das hart gsotten eiesweisz schneids würflet buch 'von allen speisen' (Straszburg 1530) C 3ᵇ u. a.; schneid würflet drein C 2ᵇ. als contrastbegriff vgl. scheibelig theil 8, sp. 2390; vgl.bletter, ↗die scheibelicht geschnitten seind von allen speisen C 2ᵃ u. a.
d)
am reichsten ist die gruppe der verbindungen mit gewandstoffen belegt und weit früher, als die buchungen schlieszen lieszen: item es mag ein jeder wol ain gewürfleten oder vergleisten ziechstul haben Augsburger weberacten (1549) s. Birlinger Augsb. wb. 195; vgl. gewürfelte zeuge H. Fischer schwäb. wb. 3, 640; roth gewürfelt, everlasting (ein zeug) G. Chr. Lichtenberg aphor. (D 136) 2, 114 Leitzmann.
α)
in bezug auf gewandstoffe erweckte das part. den eindruck der üppigkeit, nahm aber dann mehr die richtung auf das auffallende, sonderbare:
die hosen, wammes theten sein
vierecket, gsprecklet, gwürfflet fein ...
kein henn so gsprecklet gwürfflet ist.
J. Frischlin hohenzollersch. hochz. 99;
ein alter gewürfelter mantel A. v. Arnim 1, 6 Grimm; obwohl mein vater zwei samtröcke, einen rothen und einen roth und weiss gewürfelten, immer für meinen bruder und mich aufhob, damit wir ein mahl bei hofe darin anständig erscheinen könnten; der gewürfelte war für mich bestimmt Meusebach an brüder Grimm (1. mai 1830) 130; von den andern, mehr anmutigen erfindungen gefiel vorzüglich ein donauweibchen und ein junger hanswurst in trauer mit schwarz und weiss gewürfelter jacke Mörike (maler Nolten 1) 4, 58 Krausz; es schien beinahe, als ob eine verkleidete junge frau in dem schwarz-weiss gewürfelten anzug stecke Sudermann hohe lied (14) 168.
β)
auf wäsche dagegenvor allem auf bettwäschewird das particip namentlich bei der schilderung des haushaltes der niederstehenden bezogen: betschwestern, bei denen die frommen kapuziner den kaffee trinken und ihre gewürfelten schnupftücher gewaschen bekommen H. König die clubisten in Mainz 1, 44; das blau gewürfelte schnupftuch 83; blau und weiss gewürfelte ... tuch 208; das reissen krümmte ihn (den lotsen) in den rot und weiss gewürfelten kissen noch etwas mehr zusammen G. Engel Hann Klüth 7; die kissen ihres blau und weiss gewürfelten bettzeuges leute von Moorluke s. 188; wohlig und behaglich nistete sie sich wieder in dem ungeheuren rotgewürfelten bette zurecht 198; sie trat ... an das bett, in dem die mutter auf rot gewürfeltem kissen lag C. Viebig die wacht am Rhein (1, 1) 3 u. a.
γ)
unter den einflusz des ebenfalls vom subst. würfel abgeleiteten verbums mündet das particip erst neuerdings in verbindungen mit präpositionalbestimmungen ein: das ganze, zu welchem die einzelnen bunt durcheinander gewürfelten züge vollständig sich rundeten Laube neue reisenovellen 1, 408; zu: eine zusammengewürfelte gesellschaft vgl. auch das folgende.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1913), Bd. IV,I,IV (1949), Sp. 6810, Z. 15.

gewürfelt2

gewürfelt II
ist
1)
vor allem aus mundartlichen buchungen zu belegen: 'n gewörfelter (verschlagener, gewandter) kerl, der sich zu drehen und zu wenden weiss K. C. L. Schmidt Westerwäld. idiot. 333; gewörfelt, gewürfelt, gewerfelt (rhein., unterrhein.) in geschäften, im leben gewandt, wie ein oft gebrauchter würfel, wie ein gewandter würfelspieler Kehrein nachtr. z. wb. 18 (s. aber unten zu 3); gewirfelt Reinwald Henneberg. idiot. 2, 52; gewürfelt K. Regel Ruhlaer mda. 193; gewürfelt (gewärfelt) gewandt, geschickt, flink, gescheid Spiesz beitr. z. Henneberg. idiot. 78; jewürfelt Jecht 42ᵃ (s. auch gewürfelt I); gewift ... ähnlich gewürfelt ... gewerfelt Albrecht die Leipziger mda. 122ᵇ; gewüärfelt (Zwickau) durchtrieben ... gerissen Müller-Fraureuth 418; kewaerflt, gewandt im leben und im geschäft Lenz Handschuhsheimer mda. nachtr. 13; e gewirfelter laadediener Charles Schmidt wb. d. Straszburger mda. 41ᵇ; gewürfelt, was sich leicht bewegt; munter, verschmitzt Schmid schwäb. wb. 539; des ischt a 'gwürflets mále Ulmer redensart bei Unseld in ztschr. hochd. mda. 1, 102; ein gwerfts mädlein, ein gewandtes, tüchtiges (Hohenlohe) H. Fischer schwäb. wb. 3, 640.
2)
auch litterarische belege gehen vor allem vom boden der mundart aus: da sah der Zundelfrieder zu, wie ein windiger gewürfelter gesell sich zu dem dicken mann stellte Hebel (erzähl. rheinl. hausfr.: tabacksdose) 3, 235; es liesz sich nicht sagen, ob sie mehr gescheit oder mehr gut ist. sie ist eigentlich beides zusammen und gewürfelt wie nur eine B. Auerbach edelweisz (8. cap.) 63; doch vgl. auch: wenn nicht die abenteuer eines gewürfelten weiberjägers, sondern die sinnigen träume eines unschuldigen jünglings der gegenstand der erzählung sind Gervinus gesch. d. dtsch. dichtung 1⁴, 26.
3)
unter den neueren mundartlichen forschern ist Ph. Lenz der einzige, der dieses gewürfelt vom subst. würfel und dem zu diesem gehörenden verbum abrückt; er denkt an mhd. gewirbig, thätig, bair. gewerbig (vgl. oben sp. 6110; 5599). besser aber geht man auf Schmids westerwäldisches idiot. zurück: wörfeln, fein würfeln, das getreide durch das werfen reinigen ... häufig klug, pfiffig, gescheidt machen: de sall en schun wörfeln, gewörfelt mache 333; vgl. auch Kehrein volksspr. u. volkssitte 448, der diese bedeutung für das part. gewörfelt gewerfelt bestätigt. dazu vgl.worfen, geworfelt, ventilare, evannare ... worfelicht, ventilans, vibrans Stieler 2549; gewurffelt ... das getreide wurffeln Steinbach 1033; das wurfen oder wurfeln Frisch 2, 460; bei dieser anlehnung des zweiten (mundartlichen) particips an worfeln, worfen erklären sich auch die mannigfachen schwankungen des stammvocals (überwiegend umlautformen zu o, in der schrift u, ü) am ungezwungsten, zumal bei dem sichtbaren bestreben, das part. an würfel anzulehnen. auch die bedeutung bietet bessere anknüpfungspunkte als das subst. unter dem gesichtspunkt der bewegung (vibrans) springt der zusammenhang mit gewift (s. o.) in die augen, doch lieszen sich auch für die bedeutung getreide reinigen in gesiebt, ausgesiebt parallelen beibringen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1913), Bd. IV,I,IV (1949), Sp. 6812, Z. 26.

wurfel, m.

wurfel, m.,
'eber': ursul (la.: wurf(f)el, würfel) heizzet ein berswin, dem sol man jæriglich die zen ab sniden Schwabenspiegel, landr. 315, 1, 3 Wackernagel (urful Laszberg 204); die lesarten finden sich in einer hs. (14. jh.) und einem frühdruck. sie kehren mit der textstelle bei juristen des 16. jhs. wieder: wurffel heisset ein bärschwein, dem soll man järlichen die zeen abschlahen S. Meichszner land u. lehenrecht (1566) 77ᵃ; Meurer jag- u. forstrecht (1582) 38ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2155, Z. 37.

würfel1, m.

¹würfel, m.,
tessera; cubus. spätahd. uuirfela (akk. pl.) obd. Horazglossen des 10./11. jhs., in: zs. f. dt. altertum 68 (1931) 215; wrfil (12. jh.) ahd. gl. 3, 346, 41; wͦrfil (12. jh.) 3, 346, 40; wͦrfel (13. jh.) 3, 162, 58. vgl. auch die glossierungen: thessere wrfilsteina, wrfilstein, wrfelstêine (12. jh.), wrfilstaini (13. jh.) ebda 3, 162, 56 u. 57; wurfilsteina (12. jh.) ebda 3, 216, 27. mnd. worpel Schiller-Lübben 5, 771 erscheint vereinzelt auch in (ost)mnl. quellen (Verwijs-Verdam 9, 2816). — ahd. wirfil und wurfil sind zur hoch- (wie driscil, griffil, wirbil, wirtil usw.) und schwundstufe (wie zugil, gurtil, sluzzil) von werfen mit dem ila-suffix der gerätenamen gebildet; auszerhalb des deutschen entspricht lediglich (mit der o-stufe wie in fetill = ahd. fezzil) altisl. verpill Jóhannesson isl. etym. wb. 147 (zum ags. wyrpel s. u. ²würfel). — das wort bezeichnet ursprünglich nur den spielwürfel (A) (als 'mittel zum werfen'); erst in nhd. zeit wird es auf den würfelförmigen körper schlechthin (B) übertragen. der lautwert der vom 13.—16. jh. oft bezeugten form wurfel bleibt zweifelhaft, doch ist mit echtem umlaut zu rechnen: wurf(f)el passional 536, 88 K.; Heinrich v. Neustadt Apollonius 16 697 S.; minneburg 2574 P.; Augsburger stadtbuch 126 M.; wuͦrfel (1443) Straszb. polizeiverordn. 484 Br.; Luther 45, 369; 47, 619; br. 10, 126; tischr. 5, 558 W.; Lehmann floril. polit. (1662) 2, 668. vgl. ferner die belege unten und die wurfel-formen aus md. und obd. vokabularen des 15. und frühen 16. jhs. bei Diefenbach gl. 53ᵃ; 168ᵃ; 476ᵇ; 479ᶜ; 526ᶜ; 572ᶜ; 574ᵃ; 574ᵇ; 581ᵃ; 586ᶜ; 596ᶜ. — md. o-formen finden sich oft in der literatur, vgl. auszer den belegen unten und den genannten stellen bei Diefenbach: Jelinek mhd. wb. 972; (1428) Frankf. berufswb. 56ᵇ; Gerstenberg chronik 150 D. — wirfel-schreibungen begegnen frühzeitig im obd. und md.: wirfel liedersaal 2, 330, 59 Laszberg; wirfl (1499) bei Schöpf Tirol 22; wirfel Pauli schimpf u. ernst 231 Ö.; wirffel Nas eins u. hundert (1567) 2, 236ᵇ; (1601) Hoeck blumenfeld 78 ndr.; Hulsius dict. (1618) 1, 278ᵃ; Abr. a s. Clara Judas (1686) 1, 152; Lohenstein Arminius (1689) 1, 1071ᵃ; (1733) österr. weist. 2, 261. vgl. ferner Diefenbach a. a. o. und die belege unten.
A.
der spielwürfel; kubisch geformter kleiner körper, in der regel aus knochen (vgl. dazu knöcheln 1 teil 5, sp. 1453f.) oder aus holz bestehend und auf jeder seite mit 1—6 'augen' in der weise besetzt, dasz die summe der augen je zweier gegenüberliegender seiten 7 beträgt. das wort, das als bezeichnung des spielwürfels (1) nur geringen begrifflich-semantischen verschiebungen ausgesetzt ist, lebt seit mhd. zeit in einer reichen zahl syntaktischer fügungen sowie redensartlicher und sprichwörtlicher verwendungsweisen (2). diese greifen zum teil bereits auf das gebiet des bildlichen gebrauchs (3) über, der sich namentlich seit dem 18. jh. in der literatursprache vielfältig entwickelt.
1)
über das würfelspiel um gewinn, als dessen erfinder den Germanen Wodan, dem christlichen mittelalter der teufel galt (J. Grimm dt. mythol. ⁴1, 124; 2, 841), berichtet Tacitus in der Germania (cap. XXIV): aleam, quod mirere, sobrii inter seria exercent, tanta lucrandi perdendive temeritate, ut, cum omnia defecerunt, extremo ac novissimo iactu de libertate ac de corpore contendant. die spielleidenschaft schlug während des mittelalters hoch und niedrig in ihren bann und muszte von geistlicher und weltlicher obrigkeit durch verbote scharf bekämpft werden. über die würfelliteratur des mittelalters vgl. G. Eis in: dt. philologie im aufrisz ²2, 1202 f.
a)
das wort begegnet erstmals in altdt. glossenhandschriften als übersetzungsausdruck für lat. talus (obd. Horazglossen, zu sat. II 7, 17: qui pro se tolleret atque mitteret in phimum talos) und tessera (Heinrici summarium XI und X, 10 im abschnitt 'de alea'), belege s. ob.; seit dem 13. jh. auch im liter. schrifttum stetig bezeugt:
umbe den wurf der sorgen
wart getoppelt, do er den grâl vant,
mit sînen ougen, âne hant
und âne würfels ecke
Wolfram v. Eschenbach Parzival 248, 13 Lachmann;
dirre untugenthafte man
zeimal spilte wurfzabel
...
die wurfele er anderweide greif
und warf sie uffez bret so hin.
do quamen aber dar vor in
achzen ougen alsam e
passional 536, 94 Köpke;
sus wurden würfel dar geleit
und ein bret schœn unde sleht,
ûf dem der wuneclîche kneht
dâ spilte mit der künegîn
eintweder umbe vingerlîn
od umbe senfte biuze
Konrad v. Würzburg Trojanerkrieg 15 894 Keller;
nach dem wuͤrffel graif sy (die geliebte) do
...
sy warff mir siben ogen an
(spiel um das anrecht auf eine 'frage')
liedersaal 1, 141, 524 Laszberg;
redeliche luͦte von adel oder burgerschaft ..., die gern mit würfeln kurtzwilen oder spielen wolten, die mögent noch würfeln schicken, also das sie kein scholder dovon geben (15. jh.) Straszb. zunft- u. polizeiverordn. 479 Brucker; grijfestu die worfele jm spele dustu widder das 10. (gebot) (1453—68) Joh. Wolff beichtbüchl. 22 B.; darzu soll sich keiner in solchem geloch (gelage) keines spiels, es sey würfel oder karten, gebrauchen (1535) weist. 4, 560 Gr.: (sie) redte ihm etliche mal ein, wie dass er die meiste augen auf den würfeln gehabt A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 456; haltet mir einen spieler von seinen würfeln ... ab — und ich werde von wunder sprechen Gerstenberg schlesw. lit.-br. 150 lit.-denkm.; die spiele ... des bürgers, der in öffentlichen gesellschaften mit faro oder würfeln sein glück versucht (1798) Kant w. 10 (1839) 305 H.; in den edeln spielen, die statt der würfel der rohen horden des dreyszigjährigen kriegs den römischen soldaten ... ergötzten Niebuhr röm. gesch. 2 (1812) 503. der würfel als sinnbild, wahrzeichen des spielers: der künig Parthorum hab geschickt dem künig Demetrio guldin würffel zuͦ schmah das er ist geweszt ain spyler Albrecht v. Eyb spiegel d. sitten (1511) R 1ᵇ; man sollt kolen und würfel zum westerheublin legen, damit der jung herr, da er erwüchse, zu aim spüler und aim wilden, abenteurigen rittersman würde Zimmer. chron. ²2, 333 Barack;
drei würffel vnd ein karten
das ist mein wapen frei
Mittler dt. volkslieder (1865) 822.
b)
mit dem würfel entscheiden in den deutschen passionsspielen bereits des mittelalters die söldner unter dem kreuze Christi über den besitz der tunica inconsutilis; der neutestamentliche bericht spricht hier unbestimmter vom werfen des loses (Matth. 27, 35 diviserunt vestimenta eius sortem mittentes; vgl.das los werfen teil 6, 1153):
(der gewinner spricht:)
min glucke hat nit geslafen:
den wuͦrfel wil ich nit strafen!
den rog ich eine gewunnen han
St. Galler passionsspiel 1287 Hartl;
do si in do gecrucigeton, do tailton su sin gewant unt wͦrfin den wͦrfil druf schausp. d. mittelalters 1, 68; 2, 320 Mone;
(primus flagellator:)
ich hebe uns mit den wirffel an,
ab ich den rock gewinnen kan
(1501) Alsfelder passionsspiel 5702 Grein;
(Faustus:) nein! besser ists, wir werfen das los über ihn (den rock). (Agrippa:) hier sind würfel. will gleich mein glück versuchen Oberammergauer passionsspiel 242 Mauszer.
c)
auch sonst dient der würfel als mittel des losentscheids:
(sie einigten sich,)
daz si kurzlich
mit wurfeln spilen wolden,
welhe den kunic tœten solden
Ottokar österr. reimchronik 89 511 Seemüller;
zweyten sich abir dıͤ zwene an der koͤre, so sullen sıͤ werfen mit dren worfeln (Gotha 1331) urkundenb. d. st. Jena 125 Martin; all scheef- und zinsvisher (sollen) an sant Bartholomeus tag ... bei einander sein und das loss mit dem wirfl werfen, und welcher die meistn augen wirft, der soll das erst vach zu verfachen haben (1505 Tirol) österr. weist. 5, 9; als wir nun vorhin durch den würffel ausz vnser compagnia ein hofmeister oder kuchenmeister erkiset Schweigger reyszbeschr. (1619) 276.
d)
der würfel als mittel der wahrsagung: also wissend, das die artes incertae jhr artes in sortilegijs haben, etlich durch kreyden, andere durch würffel, ... welcher das kan in die ordnung bringen, der ist ein geomantist Paracelsus opera (1616) 2, 366ᴮ ; warsagung auss den wirffeln: welche geschicht oder wirdt verricht durch den wurff der würffel, vnd auss der zaahl so gefallen Nigrinus von zäuberern (1592) 129; wer hier an einen zweiffel hat, der nehme ein glücksrädlein, schlage diese frage (was für ein weib man bekommt) auff und werffe mit 2 würffeln hierauff 8 augen, so wird ihme solche antwort werden J. G. Schmidt rockenphilos. (1706) 1, 24; dasz ein zartes herz,. .. das einer ungewissen zukunft sehnsuchtsvoll entgegen lebt, nach würfeln hascht, den becher schüttelt, wurf über wurf versucht, und in dem glückstäfelchen sorgfältig forscht, was ihm die würfe bedeuten ... mag recht gut sein Göthe I 17, 6 W.
e)
eine besondere würfelart bildet der blinde würfel 'ein nur auf einer seite beaugter würfel, von denen sechs ein spiel bilden' (anders des zufalls blinde würfel, s. unter 3 b): darpei het man (im jahre 1469) ein spil mit 6 plinten würfeln (Nürnberg, ende d. 15. jhs.) städtechron. 11, 457; auff der rasselbanck, da man etwa um zinengefäsz oder anders mit blinden würffeln spielet theatrum diabol. (1569) 513ᵇ.
2)
syntaktische fügungen; redensartliche verbindungen; sprichwörtliches.
a)
würfel als die bezeichnung einer personfizierten macht, die mit des menschen schicksal nach eigenem ermessen schaltet und waltet. dazu vgl. die mhd. belege Konrad v. Haslau d. jüngling 290 H.; liedersaal 3, 231, 12 Laszberg; Ottokar öst. reimchronik 60 870 S.; gesammtabenteuer 2, 553 v. d. Hagen. die verbalverbindungen bringen das zufällig-unberechenbare dieser entscheidungen zum ausdruck:
die würfel die er (der spieler) in der hant
hât, bescheident im zehant
daz einhalbe lieb ist,
anderhalbe leit zer vrist
Thomasin v. Zirklaere d. welsche gast 3953 Rückert;
ein anderer verzecht so vil ym der würffel getragen Eppendorff Plinius (1543) 233; (eine meerkatze,) welche im brete spielen können mit werffen ..., ohne dasz sie nicht mercken können, was der würffel ihr getragen Prätorius anthrop. Pluton. (1666) 1, 462 (einer,) der würfel feil träget und saget: siehe, ich habe gute würfel, sie werfen stets 12 Luther tischr. 1, 855; vgl. 5, 558 W.; er kan keyn bösz schantz werffen, sein würfel geben alweg zinck drey Seb. Franck sprichw. (1541) 1, 14ᵃ; Frisius dict. (1556) 168ᵇ; Zinkgref apophthegmata (1628) 250. —
er (der spieler) schrîet über sich selben wâfen,
swenn im der würfel übele vellet
Konrad v. Haslau d. jüngling 319 Haupt;
die würffel fallen nicht, wie man will Lehmann floril. polit. (1662) 2, 618;
er (der ritter) liebte schwelgerei und spiel
und wenn, wie oft geschah,
der würfel nicht nach wunsche fiel,
wie gräszlich flucht er da
Langbein schr. 2 (1841) 27.
b)
der willkür solcher entscheidungen sucht sich der spieler zu entziehen durch anwendung heimlicher, betrügerischer griffe während des spiels (α) oder durch den gebrauch für ihn vorteilhafter würfel (β). in einer reihe syntaktischer fügungen finden diese sachverhalte sprachlichen niederschlag.
α)
den würfel kehren (nâch gewinne), verschlagen, verdrehen:
der teuvel in (den spieler) nicht liez vil
verliesen, wan er in lêrte,
den würfel er im kêrte
ze dem besten nâch gewinne
gesammtabenteuer 2, 557 v. d. Hagen;
(sie) wusten die würffel ... zu verschlagen Kirchhof militaris discipl. (1602) 139; wie man handschriften nachmacht, würffel verdreht, schlösser aufbricht, ... das sollst du noch von Spiegelberg lernen Schiller 2, 35 G. — den würfel knüpfen (s.knüpfen teil 5, sp. 1521; knipfen teil 5, sp. 1435; kneipen teil 5, sp. 1408):
den würffel kan er knüpffen fin,
das jm nun gar kein schantz entgat
(1535) G. Binder Acolastus in: schweiz. schausp. d. 16. jhs. 1, 236 Bächtold;
(an dem beispiel des lebens Jesu Christi erkennt man,) wie die raszler vnnd spitzbuben die würffel knüpffen vnd die schrifft verdrehen, deuten vnnd felschen werden Mathesius hist. Jesu Christi (1568) 2, 4ᵇ; sie (die kirche) trähet vnd knipfft sie (die konzilien) wie die würffel, das sie geben was sie will Fischart binenkorb (1588) 47ᵇ; ein würffeltrichter, do man durchwürfft (ad evitandam jacientis fraudem), dasz er nicht die würffel knüpffe Corvinus fons lat. (1646) 363; die würffel kneipen, fälschen Kramer t.-ital. 2 (1702) 1406ᶜ; dem würfel helfen (sarkastisch-verhüllend): etliche werden die schrifft jres gefallens mischen vnd zu jrem vortheil ein blat oder stück herauszzwacken ..., eben wie die spitzbuben, die dem würffel helffen, knüpffen vnd kneupen vnnd ein sesz vor der hand werffen können Mathesius hist. Jesu Christi (1568) 2, 38ᵇ; viel können dem wörffel helffen, dasz er tragen musz, was sie wöllen Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Xx 2ᵃ; man musz dem würffel helffen, dasz er sechs zincken gibt Lehmann floril. polit. (1662) 2, 748. — den würfel meistern: gleych wie die spitzbuben den würffel meystern, er musz jnen tragen, was sie wöllen Luther 52, 802; 7, 341 W.
β)
falscher würfel und verwandte bezeichnungen: des gewunnen di fumfe met falschin worfeln Heinrich Aftirdinge di meisterschaft ane Friedrich Ködiz v. Salfeld leben d. hl. Ludwig 9 Rückert; allez spil ane hol unde vol wurfel stadtb. v. Augsburg 8; 126 Meyer; er was ... ein grosser lügner und spiler mit falschen würfeln Arigo decameron 20 Keller; etliche begehrten redliche würffel, andere hingegen wünschten falsche auff den platz Grimmelshausen Simpl. 152 Scholte. redensartliche wendungen, übertragen: (es ist) abermals ain falscher würfel in der sach umbgangen (insgeheim unaufrichtig gehandelt worden), dann die von Werdenberg hetten dozumal den könig, wie sie wellten Zimmer. chron. ²2, 18 Barack; falsche würffel für jemand machen met. einem zu leib böses oder dem nächsten schaden thun Kramer t.-ital. 2 (1702) 1406ᶜ. berüchtigt waren insbesondere die in dem städtchen Burghausen (im östl. Oberbayern) hergestellten würfel; daher hiesz es: die ketzer sind falsch wie die Burghauser würfel qu. a. d. 16. jh. bei Schmeller-Frommann bayer. 2, 997; (eine gute frau soll nicht sein) abgefürt wie Burghauser würffel sprichw., schöne weise klugreden (1548) 131ᵃ; so subtil, schlipfferig vnnd alfentzerisch ist keiner, wenn er schon auff alle seiten ... abgespitzt ist wie ein Burghauser würffel, gott merckt es alles vnd ergreift jhn endlich in seiner schalckheit Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Ss 8ᵇ; Henisch teütsche sprach (1616) 40. doch galt auch der würfel schlechthin als sinnbild der verschlagenheit: denn sie (die töchter) lernen daraus noch geschwinder bulen, betriegen ... und dem würffel und teufel gleich tausentlistig sein Sarcerius ein buch v. hl. ehestande (1553) 121ᵃ; diese person ist falsch wie ein würffel erneuertes oraculum (Bern 1743) 31, s. Alemannia 11, 204.
c)
mit (den) würfeln spielen, würfel spielen und verwandte fügungen.
α)
da in der regel mit mehreren (zwei oder drei) würfeln gespielt wurde, so erscheint in der seit spätmhd. zeit bezeugten präpositionalen fügung mit (den) würfeln spielen (entsprechend spätmlat. ludere cum aleis, so aus hss. d. 15. jhs. bei Conrat epitome exactis regibus [1884] 160) ganz überwiegend die form des plurals (vgl. demgegenüber etwa mit dem ball spielen teil 10, 1, sp. 2353): daz si umbe di meisterschaft zu gewinne unde zu vorlisene met worfeln spele wolden Friedrich Ködiz v. Salfeld leben d. hl. Ludwig 9 Rückert; die hern verpietent, daz nu fürbaz chain burger hie ze Münchn ... mit würfeln nit spilen sol magistratsverordn. v. 1440 bei Schmeller-Frommann bayer. 1, 1525; das wir ... begauckelt werden, und sie mit unsz spielen, wie die spieler mit den worffeln (1521) Luther 7, 341 W.; Plato (hat) einen jüngling starck gestrafft, das er mit den würffeln gespilt hette Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 338;
reizendes kind, du spielst auf der mutter schoosze mit würfeln
Herder 26, 58 S.
weitere lex. und liter. belege s. teil 10, 1, sp. 2356. nach Adelung 4 (1780) 578 tritt mit würfeln spielen zugunsten von würfeln in der neueren sprache zurück.
β)
während für den in frühnhd. zeit sonst häufigen präpositionalen anschlusz mit in (vgl.: im brett, im schach, in der karte spielen teil 10, 1, sp. 2352, 2354f.) kaum zeugnisse vorliegen (lediglich Ludwig teutsch-engl. [1716] 2547 verzeichnet: in oder mit würffeln spielen to play at dice), läszt sich die fügung mit auf (vgl.: auf dem brett, auf dem schach, auf der karte spielen) vereinzelt nachweisen: deheynerley spiele ..., es sy uf wuͦrfeln, karten, brettspil (1443) Straszburger zunftverordnungen 484 Brucker; vff dem würfel spielen Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 159ᵃ; auff den würffeln spielen iouer aux détz Hulsius-Ravellus t.-frz.-ital. (1616) 422; Stoer dict. germ.-gall.-lat. (1662) 621 und so noch Frisch-Mauvillon t.-frz. (1752) 721.
γ)
erst neuere sprache kennt die präpositionslose fügung würfel spielen, nach dem muster ball, karten, schach spielen; dazu mhd. wurfzabel spiln (wie lat. aleam ludere). für sich stehen einige ältere belege:
unmyn legt dick ein blossen
und achtet nit: ja wer verlurt das spil?
sie spilt den wurffel kurcz in allen schanczen
mhd. minnereden 13, 68 Thiele;
(Carlstad) will hie mit s. Paulus worten auch so wuͦrffel spielen, und wie er ym allten testament gewonet, allegorias machen (1525) Luther 18, 179 W.; wie wir also mit den heiligen worten Christi wurffel spieleten (var. würffelspielen Luther schr. 3 [Jena 1565] 347ᵃ) ein iglicher auff seinen trawm ebda 23, 114 (wohl keine syntaktische gruppe, sondern eher die zss. würfelspielen, vb.); sie spielen die würffel tesseris ludunt Steinbach dt. wb. (1734) 2, 627. — würfel spielen setzt sich erst in der zweiten hälfte des 18. jhs. neben den älteren ausdrucksmöglichkeiten mit würfeln spielen und würfeln, vb. durch: dasz sie (die herren) nach ihrem ausschlaf ... eine stunde würfel gespielt Hippel lebensläufe (1778) 2, 15; Göthe II 1, 20 W.; die führer seiner leiche spielten würfel auf seinem sarge Ranke s. w. (1867) 9, 195;
und einem, der ... zecht
und würfel spielt ...,
dem ist ... noch nie was rechts gelungen
Schnitzler d. grüne kakadu (1899) 14.
d)
häufig sind aufreihende formeln.
α)
am gebräuchlichsten ist die zweigliedrige verbindung würfel und karten, karten und würfel:
bringent würffel vnd karten heer
S. Brant narrenschiff 51 Zarncke;
würffel und karten ist jr geschrey
(1518) J. Graff ein landsknechtlied, str. 6 Zwick. facs.;
dass vns das hertz im leib lachet, wenn wir von karten vnd würffeln hören theatrum diabol. (1569) 507ᵇ; spitzbuben offtmals über würffel und karten segen sprechen Schupp schr. (1663) 199; das spilen sowohl mit wirflen als karten (untersagen) (1733) österr. weist. 2, 261; der abend gestern ward mit würfeln und karten vervagabundet (1775) Göthe IV 3, 11 W.;
kommen die mädel im grünen mieder,
legen wir würfel und karten nieder
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 3, 228.
vgl. auch Fischer schwäb. 6, 986; ferner sprichwörtliche zusammenstellungen wie:
herrengunst, aprillenwetter,
frawengemüt und rosenbletter,
ross, würfel und federspill,
verkern sich oft, wers merken will
Zimmer. chron. ²4, 175 Barack.
β)
stabende verbindungen; zweigliedrig: die wurfel und der wîn Ottokar österr. reimchron. 60 870 Seemüller; der wein und der würfel Butschky Pathmos (1677) 320;
er kann die speer' und die lanzen nicht schwingen,
nicht rasten bei würfel und rheinischem wein
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 1, 204;
an den tischen entlang, bei würfel und wein, sitzen die wendischen schwertmänner Fontane ges. romane u. nov. (1890) 7, 26. häufiger dreigliedrig; vgl. S. Franck bei Fischer schwäb. 6, 313:
ein weib, wein, wörffel vnd die hasen
machen manchen menschen rasen
Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Z 1ᵃ;
würffel, weiber, wein
bringen lust und pein
Logau sämtl. sinnged. 564 lit. ver.;
weiber, wein und würffel verderben manchen Kern sprichw. (1718) 55; seine liebe zu wein und weib und würfel Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 1, 298; wir führten ein sehr idyllisches leben, dessen hauptingredienzien würfel, wein und weiber waren Spielhagen s. w. (1877) 1, 304.
e)
in einem nicht sicher dem Marner zuzuweisenden spruchgedicht des 13. jhs., dessen verfasser jedenfalls aus älterer (obd.?) überlieferung schöpft, erscheint erstmals das im spätmhd. und frühnhd. schrifttum weitverbreitete und vielfach umgestaltete sprichwort:
swâ der apt die würfel treit,
spilnt dâ die münche daz ist niht ein wunder
der Marner 160 Strauch;
als wenn der abt die würffel tragt,
die prueder spilen all hinnach
zu lieb dem herren wüester sach
Oswald v. Wolkenstein 118, 32 Schatz;
doch ist es ain sprúchwort: wa der abbt wurffel trett, so spilt der covent gernn (1477) privatbr. d. mittelalters 1, 184 Steinhausen; dasz ... ein sprüchwort entstanden ist: ... wo der abt die würfel lege, da mög der convent ouch frölich und wol spilen J. v. Watt dt. hist. schr. 1, 97 Götzinger; da nun der abt würffel aufflegt, wie kan er die armen mönch umbs spielens willen straffen? Kirchhof wendunmut 1, 37 Öst.; wo der abbt die würffel aufflegt, da ist dem convent erlaubt zu spielen Grimmelshausen 2, 513 Keller. auch mnd., s. Gryse spegel d. pavestdomes (1593) C 3 bei Schiller-Lübben 5, 771ᵇ.
f)
nicht eines würfels wert, nicht einen würfel darum geben und verwandte wendungen. der würfel gilt auszerhalb der welt des spiels als gegenstand geringen wertes, insbesondere als nichtige tauschware, die man hingibt, um unerfahrene zu übervorteilen: da nichts ist dann schaden, da man geyt für das schwert ain turteltauben, ... für die streitaxt drey würffel Albrecht v. Eyb dt. schr. 2, 7 Herrmann;
(ein krämer spricht:)
kauf uns würfel und auch letzelten
und zeuch gen Niclashausen zu!
do gilt ein wirfel wol ein ku,
ein haselnusz gilt wol ein ei
fastnachtspiele 1, 480, 17 Keller.
daher kann das wort in verschiedenen formelartigen wendungen den begriff der geringfügigkeit oder der nichtigkeit verstärken: wz min herren syent si vermöchten sich nit vmb ein würfel, vnd werent die lender nit, min herren vermöchtend sich joch nit vmb ein nuss aus Luzerner ratsprotokollen (1381—1420) in: zs. f. dt. altert. 30, 413;
so es kompt fur gelerte,
ist nit eins wurffels werde
ir hoch gedicht
Hans Folz meisterlieder 91, 32 Mayer;
er ... geb nit ein würffel umb alle messen, die ein gantz iar zu Straszburg in dem münster gelesen werden Murner kl. schr. 3, 70 Pfeiffer-Belli;
die weiber habn etwann ein laun,
brechen ein ursach von eim zaun,
haben etwann ein hoch beschwerd,
das kaum ist eines würffels werth
Hans Sachs 20, 257 lit. ver.
3)
übertragener gebrauch (einschl. redensartlicher fügungen in vorwiegend übertragener verwendung).
a)
auf die reformationszeit beschränkt bleibt die redensartliche wendung jemandem in die würfel greifen, eig. unvermittelt dazwischenfahren, um ein (unredliches) spiel abzubrechen; übertragen 'jemandem ein (eigenmächtiges, verwerfliches) vorhaben zunichte machen, seinem treiben einhalt gebieten': greift dem vernünftigen, weltweisen, verjagten (l. verzagten) (ich darf nit wohl mehr sagen) Philippo (Melanchthon) in die würfel (29. 8. 1530) in: corpus reformatorum 2 (1835) 327 Bretschneider; das er (gott) sie wil jnn jren besten gedancken und höchster macht verstören und mitten im werck jnen jnn die würffel greiffen und mit jnen das oberst zu unterst keren, das sie plötzlich zu boden gestürtzet ligen (1535) Luther 41, 112 W.; darum uns nutzlich und noetig zu sein bedeucht, dass man den leuten bei zeiten und zuvor in die worfel griffen hett und solchs dermassen nicht zu leiden auf bequeme mittel und wege getrachtet hette (1540) polit. korresp. Moritz v. Sachsen 1, 70. auch: wann jne gott nit so wunderbarlich vnder die würffel griff Schwarzenberg beschwerung d. alten teüfel. schlangen (1525) C 3ᵇ. vgl. ferner: (gott) greiffet den tyrannen ins spiel, verwirfft inen die würffel, zerreisset die karten und machet sie mit allen iren anschlegen ... zu schanden (1524) Luther 16, 18 W.
b)
der würfel als wahrzeichen des schicksals, schicksalartiger mächte (dess glückes kugel ist fein rund; des geschickes wahrzeichen ist ein viereckigter würffel Prätorius glückstopf [1669] 150). namentlich in der gehobenen literatursprache seit dem ausgang des 18. jhs.:
so vernünftig fallen
des zufalls blinde würfel nicht
Schiller 5, 1, 158 G.;
nachdem Preussen in dem herrlichen östreichischen jahre 1809 die würfel des kriegs aufzunehmen nicht gewagt hatte E. M. Arndt schr. (1845) 3, 394;
es fallen des übermütigen schicksals
würfel tückisch und ungestüm
Platen w. 1, 236 Hempel;
ich rang mich fort durch freud und pein,
doch, wie des lebens würfel fielen:
vergessen konnt' ich nimmer dein
Geibel w. 1, 262 St.;
über kurz oder lang muss der gott, der die schlachten lenkt, die eisernen würfel der entscheidung darüber werfen O. v. Bismarck reden 1, 78 Kohl; nur noch kurze zeit trennt uns von der stunde, in der die würfel der wahlschlacht fallen Leipz. neueste nachr. (9. 6. 1898). zuweilen erscheint der mensch selbst als spieler mit den würfeln der entscheidung, als gestalter des schicksals: den niemand bezwingen kann, der um Genua eiserne würfel schwingt, ist das Lavagna? Schiller 3, 142 G.; da das glück einmal die würfel in meine hand giebt (Schiller plante eine umsiedlung nach Berlin), so musz ich werfen (1804) Schiller br. 7, 147 Jonas; die zeiten sind danach — wer kühn die würfel wirft, kann wohl den Venuswurf werfen (1858) W. Raabe s. w. I 4, 410. dem stehen wendungen gegenüber, in denen das ausgeliefertsein des menschen an die macht des würfelnd über sein los bestimmenden schicksals ausgedrückt ist (zur formalen struktur der folgenden fügungen vgl.los in der verbindung mit possessiven teil 6, sp. 1154f.):
uns allen ... rollt in wettern
der gleiche würfel schonungslos heran
Fouqué held d. nordens (1810) 2, 98;
unser loos ist gleich gestellet,
unser würfel gleich geworfen
Brentano ges. schr. (1852) 3, 210;
ich habe gift getrunken,
des zweifels gift in starken zügen,
und meine bösen würfel liegen
Lenau s. w. 386 Barthel.
c)
der fall (wurf) der würfel versinnbildlicht den austrag schicksalhafter entscheidungen (vgl. Caesars ausspruch beim überschreiten des Rubikon 49 v. Chr.: iacta alea est! Sueton. Caesar 32): stehet es noch in zweifel wie der würffel fallen werde (bei dem zweiten sturm) Kirchhof milit. discipl. (1602) 181; wie die würffel auch endlich fallen, trägt er (der kluge) doch nimmer reue über einen wolgefassten rat Chr. v. Ryssel v. d. seelenfrieden (1685) 291;
eisern im wolkigten pulverdampf
eisern fallen die würffel
Schiller 1, 232 G.;
wo ist, sag an, wollt ich die freiheitsschlacht versuchen,
nach des Arminius kriegsentwurf,
der ort, an dem die würfel fallen sollen?
H. v. Kleist w. 2, 391 E. Schmidt;
die deutsche chronik war entstanden und damit über Schubarts ganzes ferneres leben die würfel geworfen D. Fr. Strausz ges. schr. 8 (1878) 203; am montag wird der würfel hier wohl fallen. entweder zeigt sich das ministerium schwach wie seine vorgänger, und weicht aus, ... oder es thut seine pflicht O. v. Bismarck br. an s. braut u. gattin 115 H. v. Bism.; nun sind die würfel ... noch einmal aufgenommen worden und neugeworfen — und das ergebnis, ich bleibe noch weiter in der gastlichen Schweiz (1920) Rilke br. 1914 —1921, 325 inselverlag; (ich begab mich) ziemlich gelassenen geistes dorthin (zur musterung); denn ich war mir bewuszt, dasz heute der würfel kaum fallen werde Th. Mann Felix Krull (1956) 127.
d)
auf gegensätzliche situationen des würfelspiels beziehen sich zwei formal ähnliche redensartliche wendungen.
α)
die würfel liegen (noch) auf dem tisch (vor dem wurf oder vor abbruch des spiels) 'die entscheidung ist noch nicht gefallen, der ausgang ist noch ungewisz': aber das spiel hat noch kein ende; die würffel liegen noch auff dem tisch Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 2, 305; in wenig tagen dürfte hirüm was hauptsächliches vorgehen; davon aber auf izzo der feder ein mehrers nicht zu vertrauen; denn di wirfel noch auff dem tische Butschky hochdt. kanzelley (1659) 291; ich ... erinnerte ihn, wie närrisch es währe, ihm das spiel und den gewinn zuzueignen, da die würffel noch auff dem tische lägen Bucholtz Herkules (1676) 1, 399ᵃ; es ist noch nichts verlohren; die würffel liegen auff dem tische, das glücke und der gewinst ist keinem unversagt Chr. Weise Jacobs doppelte heyrath (1699) 197; de wörpel ligget upn diske 'der ausgang der sache ist ungewisz' Strodtmann Osnabrück (1756) 291. vgl. brem.-nds. wb. 5 (1771) 27 f.mit nah verwandter grundvorstellung die würfel legen '(zum spiel) herausfordern': das jar 1532, da wir mainten, dasz wir gantz ruewig sollten gewaidet sein, do fieng er an, dasz man mueszt den herren tantz zur fasnacht haben und begeen. da waren die würfl gelegt und der gemain ain grosser stosz geben und ergernus angericht (Augsburg 16. jh. anf.) städtechron. 29, 51.
β)
die würfel liegen (auf dem tisch) (nach dem wurf) 'die entscheidung ist gefallen'; vgl. Serz teutsche idiotismen (1797) 179: dieszmahl, herr gevatter, greifen sie sich aus allen kräfften an, den jetzt liegen die würfel auf dem tisch — das neue schauspiel hausz wird gantz gewisz zur herbmesz (sic) fertig, und es wäre ein groszer spasz wen sies einweihten! (1780) frau rat Göthe briefe 1, 90 Köster (oder zu α?);
mein alles hab ich an den wurf gesetzt;
der würfel, der entscheidet, liegt, er liegt:
begreifen musz ichs — und dasz ich verlor
H. v. Kleist w. 2, 79 E. Schmidt;
es ist zu spät! ...
die würfel liegen, und kein schritt zurück.
— ergreift sie, sag ich euch!
Grillparzer s. w. 6, 213 Sauer;
(Brunhild:) ja oder nein?
(Hagen:) kein wort! — dies schweigen, Siegfried, ist dein tod!
die würfel liegen
Geibel w. 3, 89 St.
e)
vereinzelt bezeugte verwendungsweisen. mit gleichen würfeln spielen 'in gleicher weise verfahren': Spanier und Türken spielen mit gleichen würfeln. sie suchen das geld in börnern, cloaken. wo die erde neu ist, da graben sie ein (1532) Luther tischr. 2, 593 W. — wissen wieviel die würfel geworfen haben; s. teil 4, 1, 5, sp. 155f.: siehest du sie (die flöhe) aber etwas tieffer am leibe ..., so sage, du woltest gerne die schleiffe band anders ziehen, daran weiss ich schon, wie viel die würffel geworffen haben jungfer Robinsone (o. j.) 49. — mit dreyen würffeln mehr denn 18 augen werffen wollen met. unmögliche dinge unternehmen Kramer t.-ital. 2 (1702) 1406ᶜ:
Rom, wenn, gebläht von glück, du mit drei würfeln doch
nicht neunzehn augen werfen wolltest!
H. v. Kleist w. 2, 445 E. Schmidt.
B.
würfel in geometrischem sinne; würfelförmiger körper.
1)
bildhafter sprachgebrauch liegt ursprünglich vor, wenn kubisch geformte körper mit dem namen des gleichgestalteten spielgeräts bezeichnet werden; vgl. dazu wendungen mit würfel als metapherwort (im hinblick auf die kubische gestalt): abgespitzt vnd geeckt wie ein würffel Mathesius Sarepta (1571) 31ᵇ; ein esterich, ... von vilerley kleiner steinlinen als würffel, mancherley farwen künstlich zusammen gesetzt Stumpf Schweizerchron. (1606) 676ᵃ; kleine weisse vnnd durchsichtige gefierdte stücklin wie die würffel Bech Agricolas bergwerckb. (1621) 468; (dasz) das saltz ... wie kleine würffel viereckicht erscheine Hohberg georg. cur. (1682) 1, 75; zu dem so ist meine taille monstreuse in dicke, ich bin so viereckt wie ein würffel (1698) Elisabeth Charlotte br. (1676—1706) 113 Holland; A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 328 Schulte-K.
2)
würfel als bezeichnung des regelmäszigen vielecks, seit dem beginn des 16. jhs. bezeugt und im mathem. schrifttum allmählich an die stelle des lat. cubus tretend; die etymologische motivierung geht dem wort in dieser verwendung verloren: ain corpus mit gleychen seytten als ain würffel Grammateus kunstl. buech (1518) G 3ᵃ nach Schirmer wortsch. d. mathem. (1912) 77; eyn gefirt corpus oder würffel Dürer vnderweysung der messung (1525) A 3ᵃ; ein recht gefirter würffel ebda; häufig bei Kepler im text des weinvisierbuches von 1616: dises maass oder figur haisset cubus, teutsch könden wirs von gleichnus wegen einen würffel nennen nach Götze anf. e. mathem. fachspr. (1919) 215; sprichstu, wie sol ich einen cubum in 14 stuck thailen? antwort, nicht also, dass 14 junger cubi oder gerechte würffel drauss werden ebda (in anderen fällen verwendet Kepler nur würfel oder nur cubus, s. Götze a. a. o. mit zahlreichen belegen); den inhalt eines cubi oder würffels (finden) Chr. Wolff mathem. lex. (1716) 456; cubus ein würffel, ist ein cörper, der in sechs gleiche qvadrate eingeschlossen ebda 454 (in der ausgabe 1747 wird unter 'cubus' auf würffel verwiesen); wenn das gleichscheit rechteckig ist, und dabei lauter gleiche seitenflächen hat, so ist es ein würfel (cubus) Bürja gröszenlehre (1799) 73. besonders während des 18./19. jhs. in zss. bezeichnung eines raummaszes, 'welches gleich viel in die länge, in die breite und in die höhe beträgt' Campe 5 (1811) 792; verdeutschung für kubik- (Kinderling reinigk. d. dt. spr. [1795] 185), s.würfelfusz, ↗würfelmasz, würfelrute, würfelschuh, würfelzoll. selten als verdeutschung des ausdrucks kubus im arithmetischen sinne 'dritte potenz einer zahl' (vgl. lat. cubus, frz., engl. cube, nhd. würfelzahl in entsprechendem gebrauch; ferner würfelung 1): das schöne gesetz, das die quadrate der (werte der) umlaufszeiten an die würfel der groszen axen bindet A. v. Humboldt kosmos (1845) 1, 96; so ist der würfel von 2 = 8 Mothes baulex. 4 (1884) 490. auszerhalb des mathem. fachschrifttums erst seit dem 18. jh. durchgehend bezeugt; doch geben die wbb. d. 16. und 17. jhs. nicht nur talus und tessera, sondern auch cubus bereits vielfach durch würfel wieder: in diesem (ptolemäischen weltgebäude) pflegten sich nämlich die alten schullehrer ... ein viereck oder vielmehr einen groszen würfel einzubilden Schwabe belust. (1741) 1, 299; der griechische zeugmeister muszte die vervielfältigung des würfels ... verstehen Kästner verm. schr. (1772) 2, 36; der würfel ... hat nur einen idealen mittelpunkt Vischer ästhetik (1846) 2, 72; wo aber (in der kunst) in niederer geometrie gedacht wird, in kreis und kugel, rechteck, quadrat und würfel ..., da können bewegungsunabhängige formen entstehen Pinder d. dt. kunst d. Dürerzeit (1939) 35; graubärtige akademieprofessoren übermalten ihre einstigen, jetzt unverkäuflich gewordenen 'stillleben' mit symbolischen würfeln und kuben Stefan Zweig welt v. gestern (1947) 344. in sinnbildlichübertragenem gebrauch; als wahrzeichen der beständigkeit (vgl. Treuer dt. Dädalus [1675] 1, 190 und u. würfelartig): die wahrheit ruhet auf sich selbst; wenn ihr würfel auch sechsmal umgewälzet würde, er ist und bleibt ein würfel Herder 16, 39 S.
3)
würfel, zunächst bezeichnung der gedachten geometrischen figur, bezogen auf räumliche (a—d) und (seltener) flächenhafte (e) konkreta.
a)
ganz vereinzelt nachweisbar im sinne 'geschosz (in würfelform)'; vgl. ähnlich kugel 'geschütz-, kanonenkugel': 6 halbe cartaunen, 14 schlangen und 4 grosse stück stein oder würffel zu schissen Hulsius 1. schiffahrt (1598) 9; die grosse stück, so mit steinen unnd würffel geladen ebda 46.
b)
körper in kubischer form: vier würffel von ertz Schweigger reyszbeschr. (1619) 123; ein storch, der mit einem fusse aufn würfel stehet Prätorius winterflucht d. sommervögel (1678) 404; die urne ... stehet auf einem vollkommenen würfel Schiller 2, 387 G.; er kam vor verhüllten obelisken, säulen und würfeln vorüber Jean Paul w. 7/10, 510 Hempel. stück eines kubisch kristallisierenden minerals: küchensalz ... in zierlichen kleinen würfeln Oken allg. naturgesch. (1839) 1, 34; mit bloszem auge unterscheidet man die würfel des kochsalzes von den langen säulen, welche dem salpeter angehören Liebig chem. br. (1844) 67; allgemein von der würfelform fester nahrungsmittel: diesen zuckerhut zerbrach er selbst ... und freute sich über die viereckigen würfel, welche seine kunst hervorzubringen vermochte G. Freytag ges. w. 4 (1887) 7; dann (kaufe ich) ein paar würfel zucker Werfel Bernadette (1948) 19. vgl. die jungen zss. brüh-, soszen-, suppenwürfel. in der fügung in würfel (zer)schneiden (vgl. älteres gewürfelt); zunächst als metapher: nim weisse ackerrüben, zerschneid sie klein wie würffel Gäbelkover artzneyb. (1595) 2, 323; (die Russen) schneiden gebraten schaffleisch kalt in kleine schnitgen, als würffel Olearius verm. reisebeschr. (1696) 104. dann auch: eben nun war der wichtige punkt gekommen, dasz der speck in würfel geschnitten ... werden sollte E. T. A. Hoffmann s. w. 6, 218 Gr.; das fleisch des frisch geschlachteten hammels wurde in etwas über walnuszgrosze würfel zerschnitten W. v. Siemens lebenserinn. (⁴1895) 215; Friedli Bärndütsch (Ins) 4 (1914) 223.
c)
stärker bildlich von felsen, gebäuden in kubischer form: unwillkührlich haftet das auge auf einem schroffen granitfelsen, ... ein würfel, der 200 fusz hoch senkrecht (abstürzt) A. v. Humboldt ansichten d. natur (1808) 1, 302; eine moderne kirche giebt es nicht, ... es müszte denn ein platter würfel mit bürgerlichen fenstern ... für eine richtige kirche ausgegeben werden Gutzkow ges. w. (1872) 8, 106; ein zweiter angriff, und der mächtige würfel (ein felsblock) weicht Barth Kalkalpen (1874) 494; steinerne würfel (gebäude) getürmt, aneinandergereiht ohne lücke Gerhart Hauptmann Anna (1921) 6; (das häuschen war) ein kalkweiszer würfel, doch ähnlich dem, das er suchte El. Langgässer d. unauslöschl. siegel (1946) 212.
d)
gleich frz. dé der mittlere, kubisch geformte teil des säulenstuhles Wolff mathem. lex. (1747) 1424; Rode Vitruv (1800) 61 anh.: ihr (der säulen) fussgestell bestand aus krystallenen würfeln Jung-Stilling sämmtl. schr. (1835) 2, 152; von vier freystehenden dorischen säulen auf würfeln ruhend getragen Nicolai reise d. Deutschl. u. d. Schweiz (1783) 12, 92; die säulen haben ihre füse und überdies würfel Göthe III 1, 324 W.
e)
auf flächenhafte quadratische musterung von stoffen u. dgl. bezogen, verliert das wort das sinnmerkmal des räumlichen (vgl.gewürfelt in entsprechendem gebrauch): (er) mahlet den leuten creutz auff die kleyder, seulen, geyszlen, würffel vnnd dergleichen Paracelsus opera (1616) 2, 100ᴮ Huser; vber den rucken ein schwartzen striemen, ... mit growen würwelen gezeichnet Fischart Garg. 228 ndr.; (die tätowierten verzierungen) bestanden aus einer menge von flecken, krummen linien, würfeln und sparren J. G. Forster s. schr. (1843) 2, 13;
hundertfach wechseln die formen des zierlich gemodelten estrichs
..., rötlich in würfeln gebrannt
Mörike ges. schr. (1905) 1, 207 Göschen;
auf dem rotgewürfelten tischtuch, mit reichsadler und kaiserkrone in den würfeln, lag neben der kaffeekanne immer die bibel H. Mann d. untertan (1949) 453. auch bezeichnung des spielkartenzeichens karo (raute) Schwan nouv. dict. (1783) 2, 1078ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2155, Z. 46.

würfel2, m.

²würfel, m.,
lederner wurfriemen am fusze des falken; ein ausdruck der älteren falknersprache. wie ¹würfel mit dem -ila-suffix der gerätenamen zu ⁴wurf gebildet ('mittel zum werfen'), anschlieszend an den gebrauch von werfen, wurf als fachwort der falknerei (s. ob. ⁴wurf I A 5 a γ) und entsprechend mlat. iactus (vgl. auch afrz. prov. jet Meyer-Lübke rom. etym. wb. 372; engl. jess): iacti sunt laquei de corio facti, imponendi pedibus falconum, ut cum eis retineantur et iactentur ad predandum, qui ob hoc iacti dicuntur, quia cum eis iaciuntur falcones et emittuntur ad predandum Friedrich II. de arte venandi cum avibus 1, 149 Willemsen (vgl. ebda 1, 125; 1, 146; 2, 78). zufrühest bezeugt ae. wyrpel (dazu Swaen engl. stud. 37, 195 f.): deþ he wyrplas on bi monna wyrdum 87 (the anglo-saxon poetic records 3, 156 Krapp-van Kirk Dobbie):
daz kleit stuont im (dem terzel) ze prîse wol:
lancvezzel, würfel und hoselîn
daz wâren diu kleit sîn
(13. jh.) d. falkner u. d. terzel 9 (zs. f. dt. altert. 7, 341) Pfeiffer;
was hulff dynr zucht ob sie ein sprenczlin zwunge
mit wurfflin, huben, schellen,
das dir so gebruwet dan entswunge?
mhd. minnereden 12, 90 Thiele;
mann vahe jn mitt eyner zwirggen bey den würffeln ein schons buchlin v. d. beyssen mit d. habich (1510) B 2ᵃ bei Schmidt falknerei (1909) 60 (daneben die form würffer: mann bewar auch das im die würffer nitt zuͦ lang seynd über handt ebda A 5ᵇ; wurffer jag- u. weydwerckbuch [1582] 2, 4ᵃ). vgl. dazu mnl. werpelinc 'dunne riem om den poot van een jachtvogel' Verwijs-Verdam 9, 2288 (im Teuthonista auch worpel, s. ebda 9, 2816) und frühnhd. wurfriemen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2166, Z. 20.

würfel3, m.

³würfel, m.,
schwindel Schmeller-Frommann bayer. 2, 995; Unger-Khull steir. 640; s. wirbel sowie ²würflig.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2166, Z. 54.

würfeln1, vb.

¹würfeln, vb.,
'mit würfeln spielen; würfelförmig machen'. denominativum zu ¹würfel 'tessera; cubus'. das wort kommt erst im 16. jh. neben verbalverbindungen wie mit würfeln spielen, würfel spielen (s. ¹würfel A 2 c) auf und verdrängt das mhd. (frühnhd. geläufige, auf nd./nl. sprachgebiet fortlebende) doppeln (teil 2, sp. 1268); nl. dobbelen v. Dale nieuw gr. wb. ⁷399ᵇ. in der mundartlich beeinfluszten älteren sprache begegnen weithin formen mit entrundetem stammvokal: gewirfelt, gwierffelt Tegernseer kochb. in: Germania 9, 206; 202; gewirffelt Gäbelkover arzneibuch (Tüb. 1595) 2, 83; (1638) bei Birlinger schwäb.-augsb. 439; wirfflen Abr. a s. Clara Judas (1686) 1, 13.
1)
zu ¹würfel A; 'mit würfeln spielen, den würfel werfen (aus der hand, dem becher)', namentlich im glücksspiel um gewinn. mnd. worpelen, s. Hans van Ghetelen dat narrenschyp 77, 6 Brandes und Schiller-Lübben 5, 771.
a)
in eigentlichem gebrauch. lexikalisch zur wiedergabe des mlat. tesserare (wirfelen gemma gemm. [Straszbg. 1505] C 1ᵇ; wurffelen [1508] C 1ᵇ; auch in der Augsburger ausgabe von 1512, s. Diefenbach gl. 581ᵃ; [Lohr 1514] C 1ᵃ; dagegen: dobbelen [Deventer 1495] J 1ᵃ; [Köln 1495] Y 1ᵇ; [Magdeburg 1495] J 1ᵃ; [Köln 1512] Y 1ᵇ); sodann bei Hulsius-Ravellus t.-frz.-ital. (1616) 422: würffeln ... jouer aux detz. literarisch nach mehrfachem auftreten in den schriften Luthers (nur in übertragenem gebrauch, s. u. b) erst seit dem 17. jh. fortlaufend nachweisbar (noch nicht bei Heinrich d. Teichner, s. jetzt die ausgabe von Niewöhner 377, 10; vgl.würfelbrett): das würfeln, ... mumspiel, kaufspil qu. v. 1611 bei Fischer schwäb. 6, 987; die thewre zeit so liederlich verschertzen ... mit dopplen, würfflen, lautenschlagen Moscherosch gesichte 1 (1650) 432; drumb meynet Rablais man solle würffeln umb das darumb man rechtet Schupp schr. (1663) 300; soll ich bey euch bleiben? soll ich in die commödie gehn? — ich weisz nicht! geschwind! ich will würfeln. ja ich habe keine würfel! — ich gehe! (1765) Göthe IV 1, 13 W.; räuber oder knechte sinds, die um ihn (den rock Christi) würfeln (1798) Herder 20, 261 S.; der dechant, der ... mit einem edelmann aus zinnernen bechern gewürfelt hatte Alexis hosen (1846) 1, 1, 18;
er war im heere des kaisers obrist
...
sieben jahre sasz er im sattel tags
und würfelte in den nächten
Münchhausen balladen u. ritterl. lieder (1908) 25;
sie) soffen, würfelten und schauten stumpf dem sterben des Terenz zu Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 409. wie werfen mit innerem objekt: un nächsten sonntag ... fahren (wir) karussell und würfeln. un dann würfelst du wieder alle zwölfe Fontane ges. w. (1905) I 5, 114; ähnlich umgangssprachlich eine eins, eine sechs würfeln (im spiel). uneigentlich; würfeln mit würfelähnlichem: der held (des gedichtes) ... würfelt auf einer felsplatte mit felsblöcken (1842) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 38 Schulte-K. transitiv:
der junge würfelt in freude
die steine mit wechselnder hand
Fr. Schlegel s. w. (1846) 10, 69.
mundartl. im alem. wîrflə sich erbrechen, insbes. infolge von trunkenheit Martin-Lienhart elsäss. 2, 850; Seiler Basel 320.
b)
mit dem worte gottes würfeln den text (um unlauterer zwecke willen) willkürlich, nach eigenem belieben auslegen; in diesem sinne von Luther verwendet: (der papst) wurffelt alszo mit gottes worten und sacramenten, wie ein gauckeller. es (das sakrament) ist ym gantz und nit gantz, wenn unnd wo er wil, darff yhm selbs frey widder sprechen und auff beide seitten liegen und triegen (1521) Luther 7, 395 W.; vgl. 7, 341; 7, 449; ich meine ja, das heisst mit gottes wort gewürffelt, wie die spitz buben thun, und mit der lieben christenheit ... gespielet, als werens allte karten bletter (1530) ebda 30, 2, 480. entsprechend in transitiver fügung: der vierde (vertreter der sekte) keret die ordnunge des texts umb. der funfft ist auff der ban, der versetzt die wort. der sechst steckt noch ynn der geburt und wurffelt die wort (1526) ebda 19, 459; möchstu villeicht fragen, wo die hohe kunst jnn die Jüden komen sey, das sie den text und gottes wort so meisterlich können würffeln, als weren sie auffm toppelspiel, und das hinderst zu förderst setzen (1543) ebda 53, 636. ähnlich in späterer zeit von leichtfertigem spielen mit worten: bekannte, ihnen zugekommene phrasen haben sie, mit denen sie würflen Varnhagen v. Ense Rahel (1834) 2, 581; oder um sittliche werte (die fügung dichterisch frei, nicht echt transitiv):
nicht anstand nahm er, andrer ehr und würde
und guten ruf zu würfeln und zu spielen
Schiller 12, 344 G.
c)
das werfen der würfel als symbol für gewichtige, oft schicksalhafte entscheidungen; seit dem 18. jh. ist dieser bildhafte gebrauch oft bezeugt:
tiefverhüllte, finstre mächte
würfeln mit dem schwarzen loos
über kommende geschlechte
(1817) Grillparzer w. (1874) 2, 125;
die lebenslust ... war fix bei der hand, als (bei einem seesturm) um sein oder nichtsein mit einem wurf gewürfelt wurde H. Laube ges. schr. (1875) 1, 322; ich habe gewürfelt, d. h. ich habe mit der heutigen post an Cotta geschrieben, ob ihm reiseschilderungen und berichte von mir willkommen ... sind (1843) Hebbel br. 2, 322 Werner; ich murre nicht und nehme die lose, wie sie fallen. aber ich wollte doch mitunter, ich hätte besser gewürfelt Fontane ges. w. (1920) II 4, 421. im bereich des krieges und der politischen auseinandersetzung: die meisten der nationen, die um ihr (der eingeborenen) land würfeln (1785) Herder 13, 314 S.;
das würfelnde, kalte
scheusal, der menschheit schande, der krieg
(1797) Klopstock oden 2, 133 M.-P.;
der congress ist eine art spieltisch — Europa würfelt um seine staaten (1851) Bauernfeld ges. schr. 7 (1872) 11; um Verdun geht ein eisernes würfeln Liller kr.-ztg., 6. ausl. (1917) 120. im bereiche des rechts: der unter zweifeln taumelnde richter, wenn er um die wahrheit würfelt Sturz schr. (1799) 1, 203; geh hin, und sage dem hochlöblichen gericht, das über leben und tod würfelt (1781) Schiller 2, 105 G. transitiv mit innerem objekt: die politik diente seinem interesse; um den tagespreis gewisz zu haben, würfelte er den völkern ihre schicksale Gutzkow ges. w. (1872) 9, 27; wenn ich zusammenrechne, was mein und der meinigen loos im leben also gewürfelt hat Knebel bei Schubert selbstbiogr. (1854) 1, 21.
d)
würfeln als transitivum in verbindung mit richtungsadverbien (in neuerer sprache fast stets zum präfixkompositum erstarrt) 'etwas in der art wie man einen würfel wirft herbei-, hinwegbewegen': wenn sie sich nicht selber absonderten, so müste man sie doch daraus würfflen Nigrinus widerlegung ... d. ersten centurie f. Joh. Nasen (1570) Dd 4ᵃ;
sitzend auf dem stein,
den einst der teufel soll dahin gewürfelt haben
Klamer Schmidt poet. br. (1782) 130.
im allgemeinen mit der vorstellung des willkürlichen, zufälligen, regellosen verbunden: (die beiwörter) müssen schicklich und der sache angemessen seyn und nicht herbey gewürfelt werden Adelung magazin (1783) 2, 87; ein abenteuerliches leben, das ihn hin und her durch länder und unter menschen zu wasser und zu lande würfelt Ad. Wagner vorw. zu: Seume s. w. (1835) II; ein Ursachse, den ein ... kobold unter die leichte reiterei gewürfelt hatte L. v. François Reckenburgerin (1871) 1, 84;
(Severus) dem wilder zufall Roms Cäsarenscepter
einst in die hand gewürfelt
Hepp weiszdorn (1890) 141.
zusammenwürfeln (zusammenhangloses, s. teil 16, sp. 778): aus einem halben dutzend heterogener wörter ein ... homogenes werk zusammen zu würfeln Hippel kreuz- u. querzüge (1793) 1, 539. refl.: so würfeln sich die gedanken in einem französischen künstlergeiste zusammen (1800) Solger nachgel. schr. (1826) 1, 32. als attributives partizip: das gegeneinanderwirken dieser ganz verschiedenen ..., durch weltgeschichtliche ereignisse zusammen und zwischen einander gewürfelten elemente Göthe I 42, 1, 173 W.; die zusammengewürfelte gesellschaft H. Mann ausgew. w. 1, 571 Kant. durcheinanderwürfeln: so wie man die abentheuer Alins beliebig durch einander würfeln ... könnte A. W. Schlegel in: Athenäum (1798) 3, 149; an der thür lagen ... in körben rothglänzende pomidori und eier, musivisch durcheinander gewürfelt Gaudy s. w. (1844) 5, 33; es sind grandiose elemente in ihr, aber wunderlich durcheinander gewürfelt (1843) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 173 Schulte-K.; sie würfeln wirklich traum und historie, vergangenheit und gegenwart zu toll durcheinander (1854/55) W. Raabe s. w. I 1, 142.
2)
zu ¹würfel B; 'würfelförmig machen' (als vb. in freiem gebrauch erst seit Adelung: die semmel würfeln in würfel schneiden 5 [1786] 307, vorher ausschlieszlich und später noch weitaus überwiegend als partizip gewürfelt, vgl. dazu teil 4, 1, 4, sp. 6810).
a)
'(ein ganzes) in würfelförmige teile zerlegen'; vorwiegend gebräuchlich in der form des partizips gewürfelt 'würfelförmig gestaltet' (von einzelteilen des zerlegten ganzen); s. die lexikalischen und literarischen belege teil 4, 1, 4, sp. 6810 f. (1 a—b α; 2 b—c); hier nur nachträge: die ruben ye gespalten, ye klain, ye gewürflet, ye geschnitten qu. der zeit um 1520 bei Fischer schwäb. 6, 987; nim alt reinbärgin schmeer 2 lot, scheels sauber ab vnnd schneids gewirffelt Gäbelkover artzneyb. (1595) 2, 83; der boden ... war von kleinen gewürffelt oder gevierten marmelplätlein ... belegt theatrum amoris (1626) 136; mit gar klein geschnittenen und gewörffelten gelben rüben Aitinger jagd- u. weidbüchl. (1681) 294; die zerstreuten gewürfelten steinchen (1855) Scheffel ges. w. (1907) 1, 98. rezepte: 2 zwiebeln schälen und würfeln frau v. heute (25. 9. 1953) 17; die gansleber und das herz gewürfelt zugeben ebda (11. 12. 1953) 14.
b)
gewürfelt 'quadratisch, schachbrettartig gemustert' (lexikalische u. literar. belege teil 4, 1, 4, sp. 6810 ff. [1 b β—1 c; 2 a; 2 d α—β]; hier wiederum nur nachträge): gewürffelte persische teppichte Lohenstein Arminius (1689) 1, 60ᵃ; ein rein gewürfeltes damenbrett Brentano ges. schr. (1852) 5, 428; eine braun und grün gewürfelte weste Polenz Büttnerbauer (1895) 155; ein milchbärtiger lord ... mit gewürfeltem rock und nackten knien R. Stratz d. dt. wunder (1930) 34; (er trug) tagein, tagaus die selben schon recht mitgenommenen gewürfelten breeches Th. Mann Faustus (1948) 267; ein blau und weisz gewürfeltes tischtuch Remarque zeit zu leben (1954) 74. als ausdruck der heraldik: wenn die sich durchcreutzende linien vermehret werden, so wird der schild geschackt oder gewürffelt ... genennet Trier wapenkunst (1714) 70.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2170, Z. 48.

würfeln2, vb.

²würfeln, vb.,
'gewandt, pfiffig, durchtrieben machen'. in der schriftsprache lebt nur das part. perf. gewürfelt 'tüchtig, gescheit, durchtrieben, verschmitzt', s. oben teil 4, 1, 4, sp. 6812f. und Sanders wb. 2, 1679. das sprachgefühl verbindet diese form mit ¹würfeln 'würfel werfen'. mit nicht klar bestimmbarer bildvorstellung:
damit ich wer für grosz und klein
gewürflet wie ein müllerstein
(1619) J. V. Andreae bei Fischer schwäb. 6, 987.
zugrunde liegt wohl, wie bereits oben unter gewürfelt ausgeführt, würfeln als nebenform von worfeln 'getreide von der spreu durch werfen reinigen', das mundartl. auch im übertragenen sinne von 'jemanden gewandt, gescheit, pfiffig machen' begegnet, s. Albrecht Leipzig 238: die andern aber, so gewürffelte köpfe hatten, waren ihnen nöthig, sie als emissarien in alle länder zu gebrauchen A. Volck entdecktes geheimnis (1750) 1, 227; auch sind sie (die freudenmädchen Venedigs) übrigens gut zur unterhaltung und gewitzigt und gewürfelt durch den mancherley umgang mit verschiedenen menschen (1783) Heinse s. w. 7, 210 Sch.; ich denke, er (ein vielseitiger mensch) wird immer als ein würfel auffallen, der keine untere seite hat. zum ersten mal verstehe ich plötzlich die redensart 'gewürfelt sein', bisher ärgerte ich mich nur daran (1848) E. Förster in: das leben Emma Försters in briefen (1889) 220; der gewürfelte fuhrmann spürt aus den feinen nuancen in der bewegung des wagens, aus dem auftreten der pferde die feinsten verborgenen unterschiede im bau der chaussee heraus Riehl naturgesch. d. volkes (1851) 1, 59; nicht wie ein unwissender Eulenspiegel überall anstoszend, sondern wie ein held der spanischen schelmenromane gewürfelt und überall sich fügend und findend Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 3, 367; die erkenntnis, dasz es kluger mäszigung immer wieder gelingt, auch den gewürfeltsten gegner im kritischen augenblick zu lähmen Benrath kaiserin Konstanze (o. j. [um 1935]) 21.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2173, Z. 34.

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Zitationshilfe
„würfeln“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCrfeln>, abgerufen am 18.06.2021.

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