Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

würfelspiel, n.

würfelspiel, n.,
das glücksspiel mit würfeln.
1)
in eigentlichem gebrauch: ez geschicht manic tûsent sünde von würfelspil, die sus niemer geschæhen Berthold v. Regensburg pred. 1, 15 Pfeiffer;
der tiuvel schuof daz würfelspil,
darumbe daz er sêlen vil dâ mit gewinnen wil
Reinmar v. Zweter nr. 109 Roethe;
(dasz) niemand von unsern burgern ... deheinerleye würfelspiele, hohe oder nyder, das den phennig geschaden mag, nit triben noch spielen söllent (1447) Straszb. zunft- u. polizeiverordn. 470 Brucker; die gröszten räuber sindt weiber, wein vnd würffelspil S. Franck sprüchw. (1545) 1, 43ᵃ; aprillwetter ... ändert sich offt, wie der wind, wie würffel- und kartenspiel Schupp schr. (1663) 244;
er liebte nur das allzuviele wandern,
und fremde weiber, und fremden wein,
und das verfluchte würfelspiel
Göthe I 14, 148 W.;
von den drei groszen w: wein, weiber und würfelspiel, erklärte er den wein für das erste und gröszeste Riehl gesch. aus alter zeit (1863) 2, 126; (er wollte) mit dem pfarrer ein würfelspiel machen E. Wiechert missa sine nomine (1950) 168.
2)
in bildlichem und übertragenem gebrauch.
a)
Luther in der 'geistlichen deutung' von Joh. 19, 34 sieht in den söldnern, die unter dem kreuz um den rock Christi spielen, das urbild des ketzertums, in dem rock die heilige schrift, in dem würfelspiel sektiererische auseinandersetzungen um die rechte auslegung des gotteswortes: so lassen sie (die ketzer) die schrifft unzurissen bleiben, spielen aber und lossen darumb, was si sein sol, lencken, dehnen und zwingen die schrifft auff jren sinn und verstand, und ein jeder wil die gantze schrifft haben, doch durchs los und würffelspiel 28, 397 W.; vgl. 52, 802; ferner würfelspielen, vb. und ¹würfeln 1 b.
b)
sinnbildlich für schicksalhafte entscheidungen in ihrer unberechenbarkeit: (wir) kennen kein höheres würfelspiel als das um tod und leben (1844) Schopenhauer s. w. 2, 541 Hübscher; besonders würfelspiel des krieges: krieg führen ist wie ein würffelspil, da gemeiniglich der wurff anderst fällt als man wündscht Lehmann floril. polit. (1662) 1, 472;
von allen spielen ist das verlierendste
der kriegeshalbkunst trauriges würfelspiel:
denn welcher wurf auch falle; fällt doch,
selber dem siegenden tod, und elend
(1800) Klopstock oden 2, 152 M.-P.;
scheu vor dem würfelspiele des krieges Treitschke dt. gesch. 1 (1897) 46. so auch umschreibend eisernes würfelspiel:
zum wilden eisernen würfelspiel
strekt sich unabsehlich das gefilde
(1782) Schiller 1, 231 G.;
die groszartige bewegung, die im vorigen jahre die völker vom Belt bis an die meere Siziliens ... zum kampf führte, zu dem eisernen würfelspiele, in dem um königs- und kaiserthrone gespielt wurde Bismarck reden 3, 114 Böhm. ähnlich: (dem feind) war im politischen würfelspiele der groszen ... das land Tirol zugefallen Rosegger schr. (1895) I 2, 2. würfelspiel des menschlichen lebens: das menschliche leben ist gleichsamb ein würflspil Albertinus hirnschleiffer (1618) 136;
man sagt es sey im leben wie mit dem würffelspiel,
wann nicht thut fallen eben, was man woll haben wil,
so musz man was gefallen, gedultig nehmen an
Morhof unterr. v. d. dt. sprache (1682) 1, 385;
ich nahm das leben für ein würfelspiel,
das keinem seine stete gunst geschworen
Herwegh ged. e. lebendigen (1841) 282;
jeder tag ist ein neues würfelspiel, und die zahlen und werte wechseln (1876) Fontane br. an s. familie (1905) 1, 236. — würfelspiel des zufalls, schicksals, glücks:
ein seltsam würfelspiel
des zufalls!
Wieland s. w. 21 (1796) 367 Göschen;
ein bloszes würfelspiel des schicksals J. G. Forster br. 73 Leitzm.; es lasse sich etwas setzen, wodurch glück und unglück gehindert würden, ein zu freches würfelspiel mit den armen sterblichen zu spielen Arndt s. w. (1892) 1, 249; Luther und Dürer gehören notwendig zu einander, kein würfelspiel des zufalls hat sie zu zeitgenossen gemacht Dehio gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 6.
c)
von vorgängen, erscheinungen des sittlich-geistigen bereichs, die entgegen ihrer bestimmung unter dem gesetz der willkür und des zufalls stehen: Rabelais vergleicht das rechten mit dem wirffelspiel Butschky Pathmos (1677) 135; wo das recht selbst ein würfelspiel ist Cramer nord. aufseher (1758) 1, 481; die geseze der welt sind würfelspiel worden Schiller 2, 169 G. ähnlich abwertend von einem geistigen bemühen dieser art: haben die ideale für den denker nicht ... individualität ... so ist alle beschäftigung mit ideen nichts als ein ... mühsames würfelspiel mit hohlen formeln Fr. Schlegel in: Athenäum (1798) 1, 2, 31; (die religionsdiener) bemühn sich ... durch ein würfelspiel von worten die lage ... der welt ... zu erklären J. H. Voss krit. blätter (1828) 2, 157.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2174, Z. 37.

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Zitationshilfe
„würfelspiel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCrfelspiel>, abgerufen am 11.08.2020.

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