Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

würgen, vb.

würgen, vb.,
in atemnot versetzen, erdrosseln; nach atem ringen, ersticken.
herkunft und form. ahd. wurgen (die 1. sg. präs. spätahd. [fränk.] auch nach dem muster der -ōn-verben flektierend, s. die belege unter I A 2 a), mhd. würgen, ae. wyrʒan, me. wirry, werry, as. *wurgian (zu erschlieszen aus der Werdener Prudentiusglosse strangulatrix vvrgarin kl. as. sprachdenkm. 97 W.), mnd. wörgen. neben diesen umlautfähigen formen, die auf eine kausative -jan-bildung mit der bedeutung 'ersticken machen, erdrosseln' zurückgehen, erscheinen in den westgerm. sprachen spuren eines zweiten, ursprünglich intransitiven, also -ēn-vbs. *worgēn (s. dazu auch worgen oben sp. 1460 ff.): mhd. worgen 'ersticken', frühnhd. und mundartl. worgen, mnd. worgen (lautlich nicht immer eindeutig, semantisch in den bereich des transitivums übergreifend), mnl. worgen (mdal. wurgen) 'ersticken machen, nach atem ringen' (zusammenfall mit dem umlautlos gebliebenen transitiven vb.?), aofries. wergia, wirgia 'töten' (in den belegten finiten formen nach dem muster der verben mit dem präsensstamm -ōja- flektierend, doch formal [umlaut des stammvokals] und semantisch durch ein -jan-vb. umgestaltet, s. van Helten zur lexicologie d. aofries. 372 f.; aofries. gramm. 233; eine umlautlose form ist in saterländ. wurgia Richthofen afries. wb. 1140 erhalten). — auf das dt. beschränkt bleibt das zur gleichen wz. gehörende, doch hochstufige st. vb. erwergen 'erwürgen' (nur belegt im part. prät.: irworgen Melker Marienlied 39, 5, 5 M.-Sch.; erworchen var. zu Rolandslied 5147 W.; erworgen qu. v. 1640 bei Schmeller-Frommann 2, 999). auszerhalb des westgerm. sind lediglich nominale ableitungen der gleichen wz. belegt: aisl. virgill, virgull (vgl. as. wurgil) 'strick', aisl. urga 'ende tau', norw. mdal. orga, yrgja 'gedrehter weidenring', s. Jóhannesson isl. etym. wb. 143. gemeingerm. ist *wargaz 'würger, wolf, verdammter, übeltäter', s. teil 13, 2016. die idg. wurzel u̯er-ḡh 'drehen, zusammenwinden' (Walde-Pokorny 1, 272 f., Pokorny 1, 1154) ist also schon früh im germ. auf das strangulieren bezogen worden. bereits im mhd. erscheinen neben würgen die formen wurgen, worgen, diezum teil schreibungen ohne umlautbezeichnungvorwiegend dem (ost)md. angehören (s. a. worgen 2, sp. 1462): wurgen altes passional 313, 52 H.; passional 376, 93; 394, 90 K.; Nikolaus v. Jeroschin kronike 26 487 Str.; worgen Heinrich v. Hesler apokalypse 15 397 H.; S. Grunau pr. chron. 1, 277; Stolle thür. chron. 42; Luther 10, 3, 148 W. (wurgen neben würgen bei Luther häufig, s. die belege im bedeutungsteil); sich wurgen (Oppenheim 1511) dichtungen des 16. jhs. 4 Weller. doch erscheinen wurgen-belege auch in obd. quellen: wurgen Göttweiger Trojanerkrieg 17 917 K.; Heinrich v. Neustadt Apollonius 5078 S.; H. Brunschwig kunst zu distillieren (1500) 21ᵃ; C. Hedio chron. (1530) 60ᵇ; Zürcher bibel (1531) Matth. 18 D; vereinzelt worgen Gengenbach 111 G. in den glossaren des spätmittelalters sind u- und o-formen md. herkunft mehrfach nachweisbar: wurgit suffocat, guttura stringit K. v. Heinrichau vokab. 377 Gusinde; wurgen iugulare, pre-, profocare, suggillare, gewurgit strangulatus (aus md. vokabularen des 15. jhs.) Diefenbach gl. 311ᶜ; 454ᵃ; 463ᵇ; 565ᶜ; 555ᵃ. um die mitte des 16. jhs. sind diese formen aus dem (schreib- und druck-)gebrauch verdrängt, doch setzen die in den neueren westobd. und westmd. maa. auftretenden umlautlosen formen, die semantisch transitivem würgen entsprechen, vielleicht das frühnhd. wurgen fort: wurjə 'würgen, (am namenstag glückwünschend) am halse fassen' Follmann Lothr. 550; Martin-Lienhart elsäss. 2, 850; wurge 'würgen' Fischer schwäb. 6, 988; vgl. auch worgen 'zu ersticken suchen' im oberhess. Crecelius 922. die neueren ostmd. maa. allerdings kennen keine umlautlosen formen (s. u.). der umlautvokal der mhd. normalform würgen ist landschaftlich entrundet worden: strangulare wirgen, suffocatus gewirget (15. jh.) Diefenbach gl. 555ᵃ; 565ᵃ; strangulare wirgen, erstecken Altenstaig voc. (Hagenau 1516) 62ᵈ; wirgen Luther 27, 4 W.; Brandis ehrenkräntzel (1678) 48. mundartl. ist die entrundete form belegt für das ostmd. (Sachsen, Schlesien, Zips) sowie für einige gebiete des obd. (Tirol, Schwaben, Brienz/Schweiz); das luxemburg. und vereinzelt das elsäss. haben den stammvokal gelängt (wīrgen). — für sich stehen die i-formen im nord- und westfries. (wirgi, wirgje). die form wörgen, die im mnd. herrscht und in weiten teilen des nnd. unverändert erhalten geblieben ist (Schleswig-Holstein, Mecklenburg, Altmark, Göttingen, Kalenberg /Hannover, Westfalen, Elberfeld, Aachen, Trier), musz in älterer zeit auch im md. und den angrenzenden gebieten verbreitet gewesen sein (suffocare wörgen [15. jh. md.] Diefenbach gl. 565ᵃ). heute gilt hier die entrundete form wergen (Samland, Preuszen, Schlesien, Sachsen, Vogtland, Henneberg, Thüringen, Mansfeld, Stiege, Niederhessen, Würzburg), die im Nordharz, in Sachsen, Schlesien und im Vogtlande weiterentwickelt ist zu wargen. bereits im 16. jh. schreibt Lindener katzipori 139 abwärgen. — wörgen in teilen des obd. (Schweiz [Aarwangen, Appenzell], Schwaben, Ostfranken) ist zumindest teilweise kein umgelautetes worgen, sondern lautlich regelrechte vertretung des mhd. würgen. in frühnhd. zeit fallen mhd. würgen und worgen schriftsprachlich zu einem wort zusammen, und zwar in der weise, dasz würgen auch die aufgaben des zurücktretenden intransitivums wahrzunehmen beginnt. das mhd. partnerverhältnis würgen: worgen wird damit aufgehoben, ähnlich wie im mnl. (einheitsform worgen) und mnd. (wo nach den belegen bei Schiller-Lübben 5, 768 f. wörgen bereits intransitive funktionen übernommen hat; zu mnd. worgen s. o.). frühnhd. worgen weicht seit dem 16. jh. stetig aus der schriftsprache zurück, doch erscheinen einzelformen noch spät, da das wort in den neueren maa. fest verwurzelt bleibt und von hier aus auf den schriftsprachlichen gebrauch einwirkt (vgl.worgen sp. 1460 ff.): Fischart Garg. 75 ndr.; Simpl. (1684) 3, 302; Stieler stammb. (1691) 2514 (würgen trucidare ..., gulam stringere; worgen difficulter deglutire); Schmolck trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 634; 1, 777; Herder 3, 46 S.; Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 3, 309; seltener ist wurgen Wickram w. 8, 223 lit. ver.; Butschky Pathmos (1677) 366. in den neueren maa. sind die formen wurgen, worgen als vertretungen des ursprünglich nur intransitiv gebrauchten umlautlosen verbs weit verbreitet; sie gelten in wechselnden bedeutungen im fläm., ndl. und ostfries. bis hin nach Oldenburg, in groszen teilen des west- und ostmd. (Koblenz, Siegerland, Westerwald, Hessen; Mansfeld, Sachsen, Vogtland, Oberlausitz, Posen, Schlesien, Zips, ungar. bergland) sowie im obd. (Schweiz, Elsasz, Schwaben, Ostfranken, Henneberg, Bayern, Tirol, Steiermark). inwieweit der alte formen- und funktionsgegensatz würgen: worgen dabei gewahrt ist, läszt sich mangels zureichender angaben nicht abschlieszend beurteilen. in zahlreichen obd. und md. gebieten wird jeden alls unterschieden, so im bair. würgen: worgen Schmeller-Frommann 2, 998 f.; im schwäb. würgen (wurgen, wirgen): worgen Fischer 6, 988; 6, 958; in Visperterminen (Wallis) wirken (trans.): wurgn (intrans.) Wipf 98; im Aargau würge 'am geburtstage glückwünschend umhalsen': worge 'mühsam schlingen' Hunziker 302; 303; in Basel würgge: worgge Seiler 320; 318; in Sonneberg (fränk./thür.) wörgh 'würgen': worgh 'schwer schlucken' Schleicher 72; in Seifhennersdorf (Oberlausitz) wyrjn: worjn PBB 15, 43; in der obersächs. Markersdorfer ma. wirghn: wuͦrghn Knothe 123; in Stadtsteinach bei Bamberg wöriη woriη Schübel 346; in der Leibitzer ma. (Zips) vŷrgn̥: vûrgn̥ PBB 21, 522; im ungar. bergland (Metzenseifen) büegen 'drosseln': buogen 'schlingen, schlucken' Schröer 142; ähnlich in Preszburg dawiagen (trans.): wúagen (intr.) Schröer a. a. o. doch ist andernorts der gegensatz bereits zerrüttet; in Appenzell heiszt es zwar zu beginn des 19. jhs. noch wȫrga 'jem. am namenstag drosseln und würgen' und wōrga 'mit mühe schlingen; beinahe ersticken', aber die umgelautete form gilt auch für 'einen herben geschmack haben', und auf der gegenseite stellt sich neben das umlautlose wōrga in Kurzenberg die form würga Tobler 451. ähnlich ist in Tirol das in dem gegensatz wirgn 'würgen (kinder scherzend zum geburtstag)' und woarge 'würgend schlucken' noch erkennbare ursprüngliche verhältnis durch übergriffe der umlautform (auch 'gierig essen, verschlingen') gestört Schatz 712; 714. die entwicklung ist auf hd. boden jedoch nur selten fortgeführt worden bis zum endziel einer landschaftlichen einheitsform, sei es dasz umlauttoses worgen, wurgen (waͦarje Crecelius Oberhessen 922; u-, o-formen nahezu ausschlieszlich auch im elsäss. Martin-Lienhart 2, 850) verallgemeinert wurde, sei es dasz wie in der schriftsprache die umlautform eingetreten ist (so wohl weithin im nd. und teilweise in den angrenzenden md. gebieten, z. b.: wörgen 'erwürgen; erbrechen' Frederking Hahlen/Westf. 177; wörjen 'erwürgen; mühsam schlingen' Christa Trier 220; werjen 'erwürgen, sich mühen hervorzubringen' Liesenberg Stiege 219).
bedeutung und gebrauch.
I.
würgen als bezeichnung für gewalthandlungen.
A.
die kehle zuschnüren und dadurch jemanden (vorübergehend) in atemnot bringen, dem ersticken nahe kommen lassen (1) oder ihn erdrosseln (2).
1)
'gewaltsam an der kehle packen; nach luft ringen lassen'; so biblisch zur wiedergabe von Matth. 18, 28 καὶ κρατήσας αὐτὸν ἔπνιγεν: (et tenens) suffocabat (eum) uurchta, uurcta (10./12. jh.) ahd. gl. 1, 818, 45; 46 St.-S.; do begraif ern vnd wuͦrgete in vnd sprach: gilt mir balde daz du mir scholt (14. jh.) dt. pred. d. 13. u. 14. jhs. 75 Leyser; erste dt. bibel 1, 70 Kurr.; und er greiff jn an, und würget jn, und sprach, bezale mir was du mir schüldig bist Luther; (ein knecht,) der ... seinen mitknecht, der ihm eine kleinigkeit schuldig war, würgte, ihm die schuld abforderte J. M. Miller pred. (1776) 1, 139. unabhängig von biblischer vorlage:
er wurgte in alsô harte
daz er niht mohte sprechen
Konrad v. Würzburg Heinrich v. Kempten 298 E. Schröder;
(er erblickt) ein grosz ... weib ..., die ergreift ine und understet sich, ine zu halten und zu würgen Zimmer. chron. ²4, 86 Barack; ich will dich würgen, dasz du blau wirst, eisgrauer lügner du Schiller 2, 135 G.; (Herkules) faszt die schlangen mit geschicktem griff unmittelbar unter dem kopf an der obersten kehle, würgt sie (1818) Göthe I 49, 1, 113 W.; mit der faust hielt er das mächtige thier (den kater) empor und würgte es, dasz die augen ihm ... vorquollen Storm s. w. (1900) 7, 162; plötzlich sasz er ihr an der kehle. er (Unrat) gurgelte dabei, als sei er selber der gewürgte (1905) H. Mann ausgew. w. 1, 621 Kant.; Karl würgte seine frau, dasz sie blaue flecken am hals davontrug süddt. ztg. 207 (1956) 4. nicht selten zersetzt ein wechsel im objektanschlusz (die kehle würgen) oder ein verdeutlichender abverbieller zusatz (am halse würgen) den wortbegriff, so dasz würgen den allgemeineren sinn 'gewaltsam zuschnüren; drücken, zerren' (s. u. 1 e) erhält:
einer gêt ûz durch daz er stel,
der ander würget jeme die kel
Hugo v. Trimberg der renner 10 586 Ehrismann;
fauces elidere beym halsz würgen, erwürgen Frisius dict. (1556) 467ᵇ; (der luchs, der sich an das tier hängt und) an dem halse mit klauen und fängen so lange würget, bisz er es überwältiget und gewürget hat Göchhausen notab. venatoris (1741) 49; er fiel über sie her und würgte sie stark am halse, dass sie blau im gesichte wurde und eine weile für tot am boden lag G. Keller ges. w. (1889) 6, 134. — blau (und grün) würgen (s. unten tot würgen unter I B):
und (der erzengel Michael) würgt den schwarzen (teufel) blau und grün,
der hätte schier nach gott geschrien
Mörike w. 1, 181 Maync;
hilf, pfarrer! der mörder würgt mich blau! Watzlik d. pfarrer v. Dornloh (1930) 58. mit dinglichem subjekt: da worgte der gestickte riemen ihn, mit dem der helm unterm kinn festgebunden war Kütner Homers w., Ilias (1781) 1, 65; (das wort) springt Moreau an wie eine würgende fangschnur Hohlbaum mann a. d. chaos (1933) 111. mundartl.: dis hemd wurrit miᶜʰ ist mir zu eng Martin-Lienhart elsäss. 2, 850; wenn's eim ängt oder wöörggt (in der kleidung) Friedli Bärndütsch (Aarwangen) 6 (1925) 564. mit abstraktem subjekt (s. I B 2 e): die einsamkeit umringt und umringelt ihn (den freigewordenen menschen) immer drohender, immer würgender, herzzuschnürender Nietzsche w. I 2, 8; die not würgt euch (die arbeiter)! schon könnt ihr kaum noch atmen! (1920/21) Toller ausg. schr. (1959) 119; die elende, die gottverdammte lebensangst hatte Klaus zum ersten male an der kehle, schüttelte, würgte ihn Kluge Kortüm (1938) 444.
a)
in der sitte des würgens am namenstag, die seit dem 16. jh. zumal in der Schweiz und im südwestl. Deutschland nachweisbar ist, vereinigen sich offenbar frühzeitig zwei verschiedenartige gratulationsbräuche: das würgen des feiernden, um ihn zum geben einer gabeder würgete (s. d.) — zu nötigen (hdwb. d. dt. aberglaubens 6, 966; andernorts, so in Schlesien, in Hessen und am Rhein, wurde der feiernde zum gleichen zwecke gebunden ebda 1, 1332; 1324f.) und das würgen als 'symbolische handlung, die das ehemalige umhängen eines patengeschenkes bedeuten soll' (E. Hoffmann-Krayer das würgen am namenstag oder geburtstag in: schweiz. archiv f. volkskde 3 [1899] 139 im anschlusz an schweiz. id. 2, 1213 s. v. helsen; s. a. schweiz. schwäb. helsen, helsete schweiz. id. 2, 1212; 1214; Schmid schwäb. 258 und nhd. an-, eingebinde). noch in jüngerer zeit bestand im alem. gebiet (Schweiz, Elsasz, Schwaben), aber auch in Tirol und Deutschböhmen die sitte, dasz sich insbesondere kinder und junge leute am namens- oder geburtstag glückwünschend mit beiden händen am halse faszten. das wissen um den ursprünglichen sinn der geste tritt in den zeugnissen teilweise noch hervor (s. a. die belege für würgete, würgbrief, würgkranz), doch wurde bereits frühzeitig das würgen auch rein gewohnheitsmäszig geübt, so dasz das wort die bedeutung 'beglückwünschen, beschenken' annehmen konnte: weil dieser tag sankt Wolgangstag gewesen, haben mich die herren im schiff mit einem extemporaneo sermone gewürget (1618) Wolgang Meyer in: Zürcher taschenbuch (1878) 143; an ihrem nahmenstag ... wie mann zu thun pfleege, gewürget (1675) bei Fischer schwäb. 6, 988; natalem diem alicujus colere, celebrare; natalitio serto aliquem obligare einen würgen, binden an seinem geburtstag Dentzler clavis ling. lat. (1686) 1, 481 (bereits in früheren ausgaben); würgen 'jemandem eine namensvisite machen oder ihm zur namensfeyer glückwünschen' Stalder Schweiz (1812) 2, 459; wörga 'jem. am namenstag drosseln und würgen' Tobler Appenzell (1837) 451; er würgt-ne 'er würgt ihn' (am geburtstage) Hunziker Aargau 303; auch für Basel-Stadt, St. Gallen, Thurgau, Zürich, Uri, Schwyz nachgewiesen, s. schweiz. archiv f. volkskde 3, 139; 4, 178 und den artikel würgen im schweiz. id.zeugnisse der gebiete auszerhalb der Schweiz: würgen 'zum geburtstage beschenken, weil man den, der ihn feiert, würgt' Schmid schwäb. (1831) 539; 'den, der geburtstag (kath. namenstag) hat, würgt man während des gratulierens' Fischer schwäb. 6, 988; jemanden an seinem geburtstag wurrje 'ihn mit beiden händen am hals fassen, um ihn zu umarmen; Straszburger gewohnheit' Schmidt Straszburg 118; Martin-Lienhart elsäss. 2, 850 (in gleichem sinne wōrksə 2, 860); 'man würgt scherzend kinder zum geburtstag, namenstag' Schatz Tirol 714.
b)
in verbindung mit pronominalen satzgliedern, die dem ausdruck einer wechselseitigkeit dienen wie sich (mit-, untereinander) würgen und refl. sich würgen mit jemandem tritt das wort in den sinnbereich 'wild balgen, raufen; im ringkampf fest umschlingen', wobei die vorstellung 'an der kehle packen' durchaus gegenwärtig bleibt:
da siecht man tzwen (bauern) klaffen,
do tzwen singen vnd springen,
hie zwen, die sich wurgen und ringen
(1511) J. Köbel in: dicht. d. 16. jhs. 4 Weller;
mehrere riesenkinder ... zankten und würgten und rauften untereinander, dass die haare davonflogen Eichendorff s. w. (1864) 3, 446. ähnlich: (die knaben) lernen ... sich zusammendrücken und würgen lassen zu können Wieland Lucian 4 (1789) 352. insbesondere vom wilden zupacken, zausen, beiszen mit einander spielender oder streitender tiere: 'würgen ist, wenn sich die hunde, wölffe oder füchse beiszen, da sagt man sie würgen einander' Täntzer Dianen jagtgeh. (1682) 1, 16: eh man sichs versah, gerade in der thür, entstand plötzlich ein balgen und würgen (zwischen den hunden), dass die haare davonflogen Eichendorff s. w. (1864) 2, 440. 'sich (herum)schlagen (im kriege), (wild, erbittert) ringen, kämpfen' (s. unten I B):
starc sie wurgten sich mit in,
doch brâhten si abe die Sarrazîn
kreuzfahrt Ludwigs d. Frommen 5230 Naumann;
immer gebt eure söhne in die wilde schlacht, um sich mit menschen zu würgen, die sie nie beleidigten (1793) Fichte s. w. 6, 6 J. H. Fichte;
und wenn ich am kaukasischen gebirge
mich auf den tod mit Gheukis enkeln würge
vergisz des busenbruders nie
Seume ged. (1804) 16.
in entgegengesetzter richtung hat sich der wortsinn im ostmd. entfaltet, 'liebevoll umarmen, umhalsen' (s. auch 1 a): dasz die gottheit nicht stille stehet, sondern ohne unterlasz wirket und aufsteiget, als ein liebliches ringen, bewegen oder kämpfen, gleichwie zwei kreaturen, die in groszer liebe mit einander spielen und sich mit einander halsen oder würgen, bald liegt eines oben, bald das andere J. Böhme s. w. 2, 111; 2, 248 Schiebler; erst welkerte der bursche dem mädel die hände und dann würgten sie sich Anton Oberlausitz 15, 14; die zärtlichsten liebesleute (und die feindlichsten eheleute) würgen sich Weinhold schles. 106; (frau Wolff, ... den jungen würgend und abküssend): huch, junge, ich fresz dich ... reen uff Gerhart Hauptmann biberpelz (1893) 69.
c)
mhd. und frühnhd. verallgemeinert zu 'quälen, peinigen':
martern unde wurgen
er begunde arm und rîch
in dem land ellich
Ottokar österr. reimchron. 2618 Seemüller;
(der tyrann: ich werde) zum ersten mein weib vbel marteren vnd auch tödten, darnach alle die jhenen, so mir hilff beweissen, mit mancherley pein vnd marter würgen (variis tormentorum generibus exercebo) (1517) U. v. Hutten opera 4, 16 B.; so liesz er sie (die Juden) durch Herodem leyplich todtet, unterdruckt und gemartert werden ...; alszo fulen wyr itzt auch unszern Herodem fast wol, das er uns schindett und wurgett an leyb noch gutt (1522) Luther 10, 1, 1, 622 W.; (die Sachsen antworten dem kaiser,) er hab sie allein fürgenommen vnder allen völckern zuͦ mergeln, würgen vnd komme jn nimmer vom hals S. Franck Germ. chron. (1538) 112. 'foltern': (sie) vyngen den unde worgeten on gar ssere yn dem gefengnisse, das her bekante Rothe dür. chron. 669 Liliencron; der selbe Jude wart ... gefangen vnnd vmme syne schalkeit vorhort vnnd so sere geworget, das her starp jn deme stocke Stolle thüring. chron. 42 lit. ver. gelegentlich erscheint auch gott, der den menschen durch leiden und prüfungen führt, als urheber der handlung: daz sehen wir teglich an manigem menschen, den got hat us gefuͤret, daz er sú dick lat worgen, e daz er sú volbringe nach dem hoͤhsten Seuse dt. schr. 455 Bihlm.; wil uns gott drynnen haben und wurgen, so wird unser hueten nichts helffen Luther 23, 350 W.; (der herr) würget ihn (den knecht) aufs ärgeste, und lässet ihm keine zeit zu entfliehen. er aber steckt voll ungeduld unter dem schweren joch J. Böhme s. w. 3, 257 Schiebler. abgeschwächt zu 'nötigen, zwingen' (s. unten d): (das neue testament) zcwingeth nymanth merh, wurgeth die leuth nymmer (1521) Luther 9, 650 W.; der bapst ... wurget die gewissen on ursach, des wirtt yhm seyn gott, der teuffel, dancken ebda 10, 2, 243. — in übertragenem gebrauch (gelegenheitsanwendungen):
die augen gehen über
dem armen Priscian, wann euer strenger mund
so bitter plagt ein wort, das ihr doch nie gekunt,
die sprache würgt und kränckt (versehrt), zermartert, krüpelt, stümmelt
(1638) Logau sämtl. sinnged. 284 lit. ver.;
bin gnueg unwirsch, dass mich d lieb so würgn vnd tribulirn thuet Schwabe tintenfässl (1745) 58;
o schöne linde, die im felde steht
und hirt und vieh in ihrem schatten birgt
wenn sie die gelbe glut des mittags würgt,
beschütze was durch deine felder geht!
Agnes Miegel herbstgesang (1933) 11.
d)
gelöst von der ausgangsvorstellung 'packen an der kehle' und auf den abstrakteren sinngehalt 'gewaltsam nötigen, ohne schonung behandeln' (H. Paul) festgelegt in dem rechtssprichwort bürgen soll man würgen, das aus der anschauung mittelalterlicher rechtsverhältnisse hervorgeht (s. aber auch Matth. 18, 28; belege unter 1) und ursprünglich meint: ist der schuldner oder sonstwie rechtlich zu belangende nicht faszbar, so soll man den, der sich für ihn verbürgte, nicht schonen, sondern ihn anstelle des abwesenden vor gericht ziehen und voll haftbar machen (swer burge wirt eynis mannis ine vor gerichte zu bringene, unde ne mach her sîn nicht haben ..., her mût bezzeren nâch deme daz her beclaget was ... geit aber die clage an den lîph, her mût geben sîn wergelt Sachsenspiegel III 9, 1 Eckhardt). in sprichwbb. seit Agricola (1528) nr. 136 durchgängig bezeugt (s. Wander dt. sprichw.-lex. 1, 513); lit. belege (die beziehung auf würgen I A 2 'erdrosseln' und I B 'töten', die gelegentlich hervortritt, ist nicht ursprünglich): auch stymmet mit yhm (der mahnung Salomos, nicht bürge zu werden, spr. 6, 1—5 u. ö.) das deutsche sprichwort 'burgen soll man wurgen', alls sollts sagen: es geschicht dem burgen recht, das er gewurget wird und zalen mus, denn er thut leichtfertig und thörlich daran, das er burge wird (1524) Luther 15, 298 W.;
wie das sprichwort denn sagt: die bürgen
die mag man umb die geltschuld würgen,
ob bürgschafft gehnt vil leut zu grund,
umb ehr und gute kommen thund
(1563) Hans Sachs 19, 33 lit. ver.;
das ist vnd heist recht in aller welt: bürgen sol man würgen, man helt sich an bürgen vnd lest den selbschüldigen lauffen Mathesius Syrach (1586) 2, 27ᵃ; ihr seyd bürg dafür (für 20 pfund silber), und den bürgen sol man würgen Schupp schr. (1663) 169; einer wolte vor den andern bürge werden, da sagte sein vetter: du narr, fühle doch zuvor an den hals, ob du kützlich bist, denn es heist: bürgen sol man würgen (1673) Chr. Weise erznarren 206 ndr. in freier umgestaltung:
du (Christus) setzest dich zum bürgen,
ja lässest dich gar würgen
vor mich und meine schuld
(1647) Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel ev. kirchenlied 3, 308;
die sache (auseinandersetzung zwischen gläubiger und schuldner) ist leicht entschieden. man würge bürgen und schuldner und helfe dem gläubiger Möser patr. phant. 2 (1776) 210.
e)
verlagert sich die objektbeziehung vom menschen hinweg auf gegenständliches, so erhält würgen wie das zugehörige intensivum ¹würgeln 1 den sinn 'heftig, mühevoll zerren, reiszen, zwängen, winden, drehen' (auch refl., in absolutem gebrauch und insbesondere mit adverbiellem zusatz zur bezeichnung der richtung); vgl. zuss. wie los-, herauswürgen und die wendungen die kehle, am halse würgen oben 1; ferner fälle (mit sachsubjekt) wie: so scheidet er von dem rechten wege ... und loufit in daz awicke da in die dorne und agene haben (festhalten) und wuͦrgent (zerren, zerreiszen) dt. pred. d. 13. u. 14. jhs. 168 Leyser.
α)
in allgemeinem gebrauch:
helm ab den köphen würgen
begunde manic kreftic hant
Konrad v. Würzburg turnier von Nantes 1080 E. Schröder;
wurgen und rudeln,
ziehen und schudeln
mit zwangen, und mit hemmern
klopfen und demmern
muͦsten sie do pflegen vil
(bei der kreuzabnahme Christi)
Heinrich v. Neustadt gottes zukunft 3321 Singer;
die negsten nacht wurgt im (dem Friesenfürsten Radbod) derselb fürst (der teufel) das haupt vom cörper (Nürnberg um 1488) städtechron. 3, 63; die (Sudauen) worgeten schiffe zcu hauffe und machten brücken, uber welche sie lieffen und störmten das schloss S. Grunau pr. chron. 1, 277 Perlbach. auch in jüngerer sprache, vielfach mit dem beisinn des unordentlichen: ich muszte ohnedem deshalb neun monate in Wien mit grossen kosten leben, weil Zetto und Fillenbaum mir geschenke aus dem beutel würgten Fr. v. d. Trenck lebensgesch. 4 (1792) 146; er zerrt ein dickes, fettiges notizbuch aus seiner tasche ... er würgt das notizbuch wieder in die seitentasche Holz-Schlaf neue gleise (1892) 25; (ein junger mann,) der eine ballonmütze und ein buntes, um den hals gewürgtes tuch trug G. Hirschfeld in: dt. rundschau 116 (1903) 25. in den maa. nur vereinzelt nachweisbar: 'einen festsitzenden nagel, den man nicht herausziehen kann, würgt man durch umdrehen oder abbrechen' (Tübingen) Fischer schwäb. 6, 988; wyrjn 'hin- und herwinden' Seifhennersdorf /Oberlausitz in: PBB 15, 43. — refl. sich würgen 'sich mühevoll zwängen':
recht über Gibeon, da's erst aus drey gebürgen
(die mit begrünter cron sich durch die wolcken würgen)
gemählichen die gräntz von Ephraim absinckt
Gryphius trauersp. 798 lit. ver.;
uralt müszte man gestehen
sei das hier emporgebürgte,
hätten wir nicht selbst gesehen
wie sich's aus dem boden würgte
Göthe I 15, 1, 136 W.
β)
in diesem sinne vielfach auch sonder- und namentlich fachsprachlich (wobei im einzelnen die vorstellung des zuschnürens wieder stärker hervortritt); so frühzeitig als ausdruck der pflanzenzucht: das haupt der setzling sol man nit würgen oder nötigen also etzlich thun, wann das teil, da von man hofft ein wortzel komen, sol nit geweltiget werden Petr. de Crescentiis de agricultura (Speyer o. j.) 45ᵃ; wann du ein zweiglin wilt pflantzen ..., das solt du nicht würgen oder zwingen qu. v. 1530 bei Fischer schwäb. 6, 3444; (andere, die nuszbäume pfropfen wollen, nehmen ein nuszbaumreis) vnd würgen oder drähen jhn umb, so das geschicht, so gewinnet er vil marck M. Heer feldbau (1551) 130ᵃ; (wer lattich ziehen will, musz die dolden) vmbdräen oder würgen ebda 146ᵃ (dagegen als 'abschnüren' zu fassen in dem folgenden beleg: das [binden] sol nit alle jar an ainer statt geschechen, das nit das band in wall [incidat] und den stammen wúrge Österreicher Columella 1, 271 lit. ver.). — 'würgen wird auf der Elbfahrt das abbringen eines auf einer sandbank festsitzenden schiffes genannt, wenn nehmlich das schiffvolck selbiges so lange drehen und in bewegung zu bringen suchen musz, bis es wieder flott oder schwimmend wird' Noel Chomel, öcon.-physic. lex. (1750) 3, 858; Müller-Fraureuth obersächs. 2, 682. — in der sprache der feuerwerker vom zuschnüren, zureiteln der raketenhülsen, nach frz. étrangler (les fusées) Eggers kriegslex. 2 (1757) 1369; Heinze taschenwb. d. artill.-wiss. (1850) 640; Hoyer-Kreuter technol. wb. (1902) 1, 859. — würgen 'gegenstände durch stricke fest miteinander verbinden, zusammenschnüren', so gerüststangen Krünitz öcon. encycl. 240 (1857) 124 und insbes. faschinen: knebel, die faschinen zu würgen Hoyer allg. wb. d. artillerie (1804) 1, 75; 2 mann legen in die kreuze das strauch ein ... und würgen später die faschine an allen punkten, wo sie gebunden werden soll Rüstow milit. hdwb. 1 (1858) 229; Hoyer-Kreuter technol. wb. (1902) 1, 859. — rotwelsch: (die tole) würgen 'ein vorhängeschlosz mit der brechstange oder einem starken knüppel abdrehen' (bezeugt seit 1840) Wolf wb. d. rotwelschen (1956) 346.
2)
'durch zuschnüren der kehle töten; erdrosseln, erwürgen'.
a)
in diesem sinne seit dem 8. jh. bezeugt, in glossenhss. lat. strangulare, suggillare übersetzend: strangulat uurkit (8. jh.), uurgit (10. jh.) ahd. gl. 1, 251, 20 St.-S.; stranguletur uurgit-uuerde (9. jh. anf.) 2, 234, 44 (aruurgituuerde 2, 172, 32); strangulare uurgan (10. jh.) 2, 732, 21; strangulant uurgent (10./11. jh.) 2, 287, 62; strangulo uurgon (11./12. jh.) 4, 208, 55; sugillat uurgit (9. jh.) 4, 20, 37 (glossae Affatim: suggillat 'suffugat, strangulat' corp. gloss. lat. 4, 570, 39; sugillauit 'gulae manus iniecit' 4, 570, 38); hierher wohl auch die offocare-glossierungen: offoco, extinguo vurgon (11. jh.), ihwrge (12. jh.) ahd. gl. 3, 282, 58; iwrgon, íwrge, wrgo (12. jh.), .i. wrge (13. jh.) 3, 249, 38; 39; dazu aus späterer zeit: suffocat (übergeschr. lesshit) extinguit, suffocat (übergeschr. wurgit) guttura stringit (merkvers) (14. jh.) Konrad v. Heinrichau vokab. 377 Gusinde; Diefenbach gl. 454ᵃ; 555ᵃ; nov. gl. 349ᵇ:
man würget ('henkt') einen armen üm ein huon
Hugo v. Trimberg der renner 8285 Ehrismann;
swen man dan mit swerten slet
und mit den widen worget
und uf den galgen schorget
oder in daz bruch vorsenket
Heinrich v. Hesler apokalypse 15 397 Helm;
ich was bedroift sere
ind vorte noch vil mere
dat sij mir Iudas seil soulde
umb den hals doen ind wurgen woulde
pilgerf. d. träum. mönchs (Kölner hs.) 7315 Meijboom;
das er (gott) aber ein lest erstechen, wurgen, brennen, ertrencken, das hatt er recht (1532) bei Luther tischr. 2, 233 W.; so hat er (der sultan) alsbald ... fünff seiner brüder ... mit der seyten lassen erdroszlen vnd würgen Schweigger reyszbeschr. (1619) 146; schach Sefi aber (hat) die gubernatores Jaraly ... und Moral ... würgen ... lassen Olearius verm. reisebeschr. (1696) 375; dies alles hatte mir das ungeschliffene wesen des alten menschen verdorben, ich hätte ihn würgen können, als wir im wagen saszen W. Hauff s. w. (1890) 2, 95; 'he wörgt mi; helpt mi, lüd!' ... (einer der unholde) mit Hoppenmarieken rang und an ihrem halse risz und zerrte ... — (späterer bericht:) gestern (wurde) Hoppenmarieken fast gewürgt. wohin sind wir gekommen? Fontane ges. w. (1905) I 1, 257 (251; 252); du elendiger feigling du ... ich möchte dich würgen und mich ekelt, als wär dein hals ein einzig grüner schleim (1920/21) Toller ausg. schr. (1959) 163. — würgen 'erdrosseln' in den paarformeln henken und würgen, bei hängen und würgen s. unter II A 2. — vom wirken des todes (s. I B 2 d):
Mathusalem erwürgt ich (der tod) zwar
alt neunhundert und neun und sechszg jar.
...
Noe, der frumb, rechtfertig mon,
must sich auch von mir würgen lon
(1530) Hans Sachs 1, 435 lit. ver.
mit verlagerung des objekts:
komm, vetter, kannst du zittern, farbe wechseln?
mitten im worte deinen athem würgen,
dann wiederum beginnen, wieder stocken,
wie ausser dir und irr im geist vor schrecken?
Shakespeare 9 (1810) 117.
übertragener gebrauch (würgen mit unpersönlichem subjekt); zunächst im bereich des sinnlich wahrnehmbaren, 'ersticken': weil auch selbst der liebliche rosengeruch die käfer tödtet, die leichenwürme würget Zesen helik. rosentahl (1669) 24; der unflath, dampf ... und rauch vertreibt und würgt die bienen anh. z. allg. dt. bibl. (1771) 1/12, 56. im gebiet des abstrakten: das gesetz hat sich vergrieffen, ergo sol mans wirgen ... Christus zerreist und erhengt das gesetz (1528) Luther 27, 4 W.;
ich will der ketten nicht,
die meine freyheit würgt und mir den gurgel bricht
(1664) Rachel satyr. ged. 24 ndr.;
und zweifel, wägend stets anstatt zu wagen,
würgt jede that beim ersten athemzuge
Geibel ges. w. 3 (1883) 33.
b)
tiere erdrosseln, insbesondere kleinere vögel, die durch umdrehen des halses getötet werden:
ir bûliute unde ir enken
die hiez si vaste gâhen,
vogele würgn und vâhen
Wolfram v. Eschenbach Parzival 119, 4 Lachmann;
er (der ritter) würgete ihn (den habicht), als ein huon,
und warf in nider ûf daz gras
gesammtabenteuer 1, 48 v. d. Hagen;
ez vieng ein schütz ein nachtigal. do er die würgen wolt, do redt die nachtigal mit im (hs. d. 14./15. jhs.) gesta Romanorum 89 Keller; es gemahnet mich (Luther) des teufels wie eines vogelers; der würget alle vogel, die er fähet (1533) bei Luther tischr. 1, 247 W.; vgl. ebda 912; 463; (er) befahl der köchin ein paar tauben zu würgen Bräker s. schr. (1789) 2, 267;
(sie) liebt nicht, dasz vor ihren augen
man tödte, drosseln würge
Göthe I 12, 233 W.
vgl. auch: (der kleinere neuntöter) ernähret sich meistens von allerley ... jungen vögeln in nestern, welche ... er erstlich würget, in dem er sie mit dem gantzen hals so lange in seinem schnabel hält, und ihnen die kähle zudruckt, bis sie erstickt sind Frisch vorst. d. vögel (1749) 5. klasse, C 2ᵇ.
B.
den übergang zu der allgemeineren bedeutung 'töten, umbringen, das leben nehmen' scheint bereits das mhd. zu kennen (vgl. schon uurgit als glosse zu suggillat im kommentar des Hieronymus zu Matth. 5, 19—22 [9. jh.] ahd. gl. 2, 334, 1). im frühnhd. hat sich diese verwendungsweise auf der ganzen linie durchgesetzt. darauf deutet auch das zeugnis der vokabulare des 15. jhs., in denen würgen als glosse häufig neben töten steht: iugulare würgen oder tödten, worgen vel doten Diefenbach gl. 311ᶜ; wurgen ader toten (1470) mlat.-hd.-böhm. wb. 162 D.; truculare dot schlahen, wurgen; prenecare doten, wurgen (gemma Augsburg 1512) Diefenbach gl. 599ᵇ; 455ᵇ. zu beachten ist in diesem zusammenhang ferner die fügung jem. tot würgen (s.tot, ↗zu tode schlagen, schieszen, stechen teil 11, 1, 1, 589f.; 544; Paul dt. gramm. 3, 261 f.), in der das prädikative adjektiv ursprünglich flektiert war und wie das objekt im akk. stand; es hat die gleiche funktion wie das präfix er- in erwürgen und wird vereinzelt durch die präpositionale verbindung zu tode vertreten (Paul dt. gramm. 3, 236 ff.). doch steht würgen in manchen fällen bereits für 'töten', wobei es eine pleonastische, das ergebnis des vorgangs unterstreichende verstärkung erfährt:
si (die eltern) wolden dran nicht schuldich sin
daz si es (das kind) solden wurgen tot
das alte passional 313, 52 Hahn;
da hiess er sy tod wúrgen summerteil d. heyligen leben (1472) 140ᵇ; darumb felt sy (die welt) zuͦ und worget todt Luther 10, 3, 148 W.; wenn ein wolff vnter ein herte schaff kompt, so würget er zuuor alles todt, ehe er anhebt zu fressen Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Ccc 2ᵇ; die Deutschen würgen einander selber zu tod Watzlik pfarrer v. Dornloh (1930) 292.
1)
von der ausgangsbedeutung A 2 entfernt sich das wort zunächst dort, wo es ein töten nicht durch zuschnüren, sondern durch gewaltsames zertrennen der atemwege bezeichnet; so vom töten des schlachtviehs, des wildes, der opfertiere durch stich in die kehle. 'abstechen, schlachten'; mactat (occidit R.) uurkhit (8. jh.), uurgit (10. jh.) ahd. gl. 1, 207, 21; gensz toten, gensz wurgen aucare ('aucas mactare') voc. inc. teut (Straszburg um 1495) g 5ᵇ: er (der papst) nit gewallt hatt, die schaff Christi zu wurgen (1520) Luther 7, 87 W.; darum hätte auch Christus Petro befohlen: weide, weide, weide meine schafe; nicht, schlachte und würge sie (non: macta, neque: occide [oves meas]) (1538) bei Luther tischr. 3, 536 W.; (weidgerechte ausdrücke; der jäger sagt:) das rech wird gnickt oder gewürgt und nicht gestochen Meichszner handbüchlin (1567) 24ᵃ; nim ein alten capaunen ... würg jhn vnnd nim jhn ausz Gäbelkover artzneybuch (1595) 2, 13;
wie ist das müglich doch, wann du auf dem altare
mehr vieh und opfer würgst, als du im gantzen jahre
von neuen ziehen magst
(1664) Rachel satyr. ged. 57 ndr.;
bey denen ist eitel freude und wonne, ochsen würgen, schaafe schlachten, fleisch essen Qvirsfeld geistl. myrrhengarten (1717) 14; der stier aber, den er (Mithras) am eingang der höhle würget, ist ... die erde selbst Creuzer symbolik u. mythol. (1810) 2, 210. so auch vom reiszen der raubtiere; 'töten durch zerfetzen, zerbeiszen der gurgel' übergehend in 'totbeiszen' schlechthin: er (der affe) spilt auch gern mit den kinden, und wenne im die stund werden mag, sô würget er si Konrad v. Megenberg buch d. natur 158, 32 Pf.; darumb daz er (der wolf) die schauf dar nauch on sorge möchte würgen Steinhöwel Äsop 6 lit. ver.; der wolf, so ynn meinem stal wurget, mocht ynn andern stellen mehr wurgen (1538) Luther briefw. 8, 324 W.; man sperret auch löwen vnnd wölffen den schafstall vnnd hürde auff, das sie fressen vnd würgen können Mathesius Sarepta (1571) 233ᵃ; die wieseln sind gar schaͤdliche thiere in den hoͤfen, sie wuͤrgen die tauben und hüner Hohberg georg. cur. 3 (1715) 2, 273ᵃ; (docken werden hatzhunde genannt, weil sie) zum niederziehen und würgen des sich stellenden wildes vortrefflich sind Heppe aufricht. lehrprinz (1751) 10; so würgt er (der tiger) alles doch nur in der absicht, es zu fressen Schopenhauer w. 5, 219 Gr.; die halbverhungerten wölfe würgten die ermatteten hirsche Watzlik pfarrer v. Dornloh (1930) 256.
2)
die bedeutung 'töten' festigt sich seit dem beginn des 16. jhs. zumal im sinnbereich 'krieg, kampf', indem die beziehung auf ein verletzen der atemwege mehr und mehr verlorengeht.
a)
'(mit dem schwert, dolch, messer) töten; erstechen': (wir aber) setzen ihm (dem papst) das messer an die gurgel und würgen ihn (1538) bei Luther tischr. 4, 195 W.; ich würg den mit seinem eignen schwerdt (suo sibi gladio hunc iugulo) Boltz Terenz deutsch (1539) 109ᵃ; (wir) wollen ... sehen, ob du ... als ein mörder mit dem dolche würgen und tödten könnest Bucholtz Herkuliskus (1665) 35; wenn ... einer seinen feind in den sand gestreckt und seinen dolch zog, ihn zu würgen, so muste er (der unterlegene) misericorde ruffen Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 197; (als er) das schwert zog, um das söhnlein zu würgen br. Grimm dt. sagen (1891) 2, 197.
b)
würgen bezeichnet überwiegend nicht den vorgang des tötens schlechthin, sondern das grausame morden, niedermetzeln, hinschlachten (insbes. wehrloser opfer, unterlegener gegner); vgl. dazu antithetische wendungen, in denen würgen von ausdrücken für das ehrenhafte streiten und das niederstrecken ausdrücklich abgehoben wird: ist bisz in die nacht mer würgens vnd todschlagen, dann streittens vnd wehrens geschehen S. Franck Germ. chron. (1538) 9ᵃ (s. auch Carbach Livius [1533] 149ᵃ); das gefechte ward nunmehr in ein würgen verwandelt Lohenstein Arminius (1689) 1, 495ᵃ;
hier ist nicht raum zum schlagen, nur zum würgen
Schiller 12, 314 G.
seit frühnhd. zeit reich bezeugt:
das volk wurd durch ainander rennen,
da pegert man die von Nurmberg zu würgen;
da hulf weder gelt noch pürgen,
da wurdens gestochen und vil gehauen
hist. volkslieder 2, 468 Liliencron;
dises Herodis vater ... verfolgete Christum, da er noch in der wiegen lage, und würget die unschuldigen kindlin (1544) bei Luther 52, 704; 52, 16 W.; (er) stürmet und gewahn Brandenburgk, würget die Wenden, Herulen, Obetriten und was darinne lag Entzelt altmärk. chron. (1579) 123;
viel schöne land verheeret sind,
gewürget ist manch mutterkind
(1632) Fischer-Tümpel evang. kirchenl. 2, 46;
der Nil erschrickt, Damascus brennt,
es raucht auf Ascalons gebürgen
und durch den gantzen orient
herrscht unruh, hunger, pest und würgen
(1718) J. Chr. Günther ged. (1735) 132;
nimmermehr! wie könnten,
wo sie regentin sind, die Alba würgen?
Schiller 5, 1, 39 G.;
da das todtengeläut verstumt war, stürmten sie (die belagerer), würgten,
schnellere seuche, mutter und kind!
(1794) Klopstock oden 2, 95 M.-P.;
tyrannen, welche heute würgen und morgen gewürgt werden E. M. Arndt schr. (1845) 4, 7; mitten ... im würgen und gewürgtwerden (der schlacht) denk ich plötzlich der gräfin Liliencron s. w. 1 (1904) 263; ein ... morden begann in den Judengassen ... entkommen sei diesem würgen nur ein einziger Jude Thomas Mann Lotte in Weimar (1952) 380. seltener von einzelhandlungen:
Pillixenna waz sy genanntt.
die wurggte diere vaige knabe
dar nach ob sins vatters grabe
Göttweiger Trojanerkrieg 17 917 Koppitz;
gleich wie die papisten zu Rom, wen sie nit mugen der warheit widerstan, wurgen sie die leut, und mit dem todt solvieren sie alle argument (1520) Luther 6, 582 W.;
es hilfft dich weder flehen noch bitten.
ir trabanten, nemmt den jungen hin
vnd würgt vor meinen augen jn!
Ayrer dramen 29 lit. ver.;
er (Jesus) liesz sich selbsten würgen,
dasz ich soll ledig seyn
Schmolck sämtl. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 226. —
vereinzelt in der kraftsprache des sturm und drangs würgen in mit akk.:
ob er den sohn des himmelsdonnerers
verfolgen oder in die lycischen
geschwader würgen sollte?
Bürger s. w. 166 Bohtz;
also würget der feind in wehrlose schaaren der bürger
Lenz ged. 24 Weinhold.
vgl. dazu sich einwürgen:
und (er) würgt sich ein, und haut, und stürzt und schmettert
die tiefen reihen durch
(1783) Herder 12, 282 S.
c)
würgen in (teilweise formelhafter) verbindung mit bezeichnungen für gewalthandlungen: (sie) an solchem ende den ellenden iungen ... do würgten, mörten vnd tötden Arigo decameron 278 Keller; szo offt er (der papst) wil, heyst er getrost wurgen und morden (1521) Luther 8, 545; 20, 566; 51, 20 W.; tischr. 1, 162 W.; wenn er seine thaten ... nicht mit ... wüten und würgen ... hette vertunckelt Kirchhof wendunmuth 2, 22 lit. ver.; dazumal (1466) war fast durch die gantze welt ein eitel würgen vnd todtschlagen Rätel Curaei chron. (1607) 177; ja es ist des würgens und mordens noch kein ende Rist d. friedewünsch. Teutschland (1648) 161; ein solch grausames wüten, würgen und niederhauen Ziegler asiat. Banise (1689) 265;
ey was! — es wär nicht geckerey,
bey hunderttausenden die menschen drücken,
ausmärgeln, plündern, martern, würgen?
Lessing 3, 24 L.-M.;
hassen, würgen und morden wir uns nicht heute wieder wie schufte und schelme? Leppa herzenssachen (1923) 30.
d)
vom wirken des todes (personifiziert, s.würger 1 b und oben I A 2a):
unz si (die weltlich gesinnten) der tôt ersnellet
und würget si als drâte
daz in helfe kumt ze spâte
altdt. beisp. in: zs. f. dt. altertum 7, 331 Pfeiffer;
des tods stahel, damit er würget, ist die sünde (1526) Luther 10, 1, 2, 234; 50, 43 W.; ehe er sich recht zum sterben begab, sagt er: ho, sachte todt, sachte, du wirst mich doch noch wol würgen (1587) B. Krüger Clawerts werckl. hist. 65 ndr.; der todt würgt den starcken vnd läst den krancken leben (1601) Th. Hoeck schönes blumenfeld 61 ndr.;
er (der tod) würget, wie er an vns trifft,
jung oder alt, sein grimm vnd gifft
ist gar nicht zu begüten
(1641) Heinrich Albert in: evang. kirchenlied 3, 49 Fischer-Tümpel;
ich höre, der tod habe sich in Stuttgardt einmal müde gewürgt (1783) Schubart br. in: Strausz w. 9, 73;
schlachtfeld, wo der todesengel würgte
(1812) Körner w. 1, 109 Hempel;
es würgt der tod das rauhe streben
und seine sense rastet nie
W. Kirchbach in: moderne dichtercharaktere 258 Arent-C.-H.
e)
übertragener gebrauch:
wollust umbfahen uns von nöten,
auff das sie uns würgen und tödten
(1549) Hans Sachs 3, 160 lit. ver.;
und wenn ich denn so gar des glückes stiefkind bin,
so würge mich dein zorn nach angenommer busze,
du wesen, das mich drückt, an diesem gränzenflusze
(1720) J. Chr. Günther s. w. 3, 113 Krämer;
beglückt, wen dieses ports umschirmung birgt,
wo der orkane wüthen ewig schweigt,
kein hass vergiftet, keine zwietracht würgt
Matthisson schr. (1825) 1, 224.
von krieg, hunger, krankheiten (s.würgengel 2): kan der ascendens den krancken finden zu würgen, so kan auch der ascendens den krancken finden zubehalten Paracelsus opera 1, 217ᶜ Huser;
krieg, hunger, pestilentz sich dringen under sie,
die würgen dise da und jene dort verjagen
Weckherlin ged. 2, 176 Fischer;
's ist keine krankheit in der welt, die ärger würget Bode Tristram Schandi (1774) 7, 9; die blattern, die ehedem jährlich so viele tausende würgten Bremser medizin. paroemien (1806) 285. in geistlichem sprachgebrauch seit mhd. zeit den (ewigen) tod würgen:
(der satan) sô girlîche irslunde
den menschen âne sunde (Christus),
daz der êwige tôt
dâmite wurde geworgôt
(12. jh.) Hartmann rede v. glouven 650 v. d. Leyen;
das leben wurget den todt Luther 33, 211 W.;
du (Christus) trägst den zorn, du würgst den tod,
verkehrst in freud all angst und noth
(1653) Paul Gerhardt in: evang. kirchenlied 3, 327 Fischer-Tümpel.
auch mit rein abstraktem objekt: es gehort und gebürt allen den, wilche unter dem creutz leben, sich selbst, die lust und begyrlickeyt yhres Adams teglich würgen und tödten (1521) Luther 8, 493 W.;
unchristlich seyd ihr mit mir umgegangen,
und schamlos würgtet ihr mir jede hoffnung
Shakespeare 9 (1810) 44;
dasz ein fremdes heer sich an der grenze sammele, um ... das volk zu unterdrücken und die ganze freiheit zu würgen W. O. v. Horn aus der Maje (1879) 1, 107.
II.
würgen als bezeichnung für vorgänge im körperinnern. vorwiegend in intransitivem und reflexivem gebrauch, transitiv in der regel nur mit unpersönlichem subjekt.
A.
'(unter krampfhaften bewegungen) nach atem ringen, ersticken' (mhd. belege s. v. worgen sp. 1460 f.).
1)
allgemein:
und als er (ein selbstmörder, der sich erhängt) jetz wurgen began,
stiesz er mit gantzen krefften ahn
die thüren, das sie gar uffgieng
Wickram w. 8, 223 lit. ver.;
man ... sleget jnen (den pferden) ein strick vber den hals, vnd zewcht das zu, bis das sie schyr würgen Kantzow Pomerania 2, 422 Kosegarten; er worget spiritus ejus est angustior Stieler stammb. (1691) 2515; ich kann den künstlichen betrüger, der sich mir zum vergnügen, dem augenscheine nach, aufhängen wollte, keinen augenblick mehr sehen, so bald der betrug schwindet, so bald er wirklich worget Herder 3, 46 S.; kater Tieck fliegt in einem wilden satze von des baumes ästen mitten ins gemach, athemlos, keuchend, würgend Holtei erz. schr. (1861) 24, 266. würgen an: in der welt muss man lachen, wo man oft lieber jähnete. ihro excellenz, die frau gräfin, sagen eine dummheit und wollen dran würgen (vor lachen ersticken) G. E. Küster d. modebuch (1768) 51.
2)
die heute in ihrem ursprünglichen sinn nicht mehr verstandene umgangssprachliche fügung mit hängen und würgen 'unter äuszerster anstrengung, mit mühe und not' (sein ziel erreichen) ist mit dem blick auf ältere wendungen abweichender form und abweichenden sinnes zu beurteilen. auszugehen ist dabei von der situation des henkens (Paul-Schirmer dt. wb. [⁵1956] 275); als bezeichnung für vorgänge dieses bereichs begegnet würgen in der zusammenstellung mit hangen und henken bereits frühzeitig (vgl. die nominale abwandlung der formel [die hengersse ind worgersse] in der Kölner hs. der pilgerfahrt d. träumenden mönchs 7283 Meijboom); zu I A 2 'erdrosseln': furcillare wurghen of hanghen vocab. gemma (Köln 1495) J 7ᵃ (furcare worghen off hanghen gemma gemm. [Köln 1512] J 4ᵃ); furcillare wirgen oder hangen gemma gemm. (Straszburg 1505) l 3ᵃ; wurgen oder hangen (Straszburg 1508) l 3ᵃ (Augsburg 1512, s. Diefenbach gl. 253ᵃ); ein soldat oder befehlshaber, der nicht durch die pforten und gewöhnlichen wege aus dem lager ... gehet ..., gehencket und gewürget werden soll Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 49. zu ausgang des 18. jhs. erscheint als erste präpositionale paarformel bei hängen und würgen, und zwar in dem sinne 'mit äuszerstem widerstreben, nur notgedrungen': da sie (das dienstmädchen) ihn (den ihre liebe begehrenden herrn) nicht los werden konnte, entfernte sie sich, wie sie stand und ging, und liesz, wie Joseph, ihre plundern zurück, die man ihr bei hängen und würgen auslieferte (1778) Hippel s. w. 2 (1828) 57; vgl.: die Egyptier verboten mit unverschämter klugheit, bei strick und würgen, dass sich niemand unterstehen sollte, zu sagen, dass Serapis und Isis ehedem menschen gewesen wären Bode Montaigne (1793/99) 3, 452. von anderer vorstellung geht aus zwischen hängen und würgen, d. h. im letzten, äuszersten augenblick, wenn der zum tode verurteilte bereits am strange hängt, aber noch nicht erstickt ist (vgl. zum folgenden wb. d. ndl. taal 5 [1900] 2068); 'nach atem ringen, ersticken': ehe einer recht lernet hangen, würget er zuuor wol zehen mahl Petri d. Teutschen weiszh. (Hamburg 1605) S 3ᵃ (nach ndl. vorlage; vgl. in der zu Deventer um 1486 gedruckten sammlung der 'proverbia communia' [nr. 334 der ausgabe Hoffmanns von Fallersleben]: eer een man leert hanghen, so is hi half verworcht [nrh. var.: verwurgt], mit der lat. übersetzung: addiscens alte suspendi strangulor ante [var.: priusquam scit iugulatur im mnd. Tunnicius nr. 437 H. v. F.]; s. a. Wander dt. sprichwörterlex. 2, 347). — denn diese lage (einer familie) zwischen hängen und würgen ist schlimmer als alles, was kommen kann (1842) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 102 Schulte-K. eingefügt in den verband einer verbalen wendung und durchaus in dem sinne, wie die umgangssprache jetzt die mit-fügung gebraucht: ich bestand zwischen hängen und würgen mein zweites examen (1864/65) W. Raabe s. w. I 6, 10. dasz es sich hier nicht um vereinzelte varianten handelt, beweist das zeugnis des ndl. und der nrhein. maa.: ndl. tusschen hangen en wurgen Harrebomée spreekwb. (1858) 3, 29ᵃ; de schweft töschen hangen on wörgen (Mönchen-Gladbach-Neersen und allg.) J. Müller rhein. wb. 3, 213; de steht zwesche hangen un würgen (Bedburg) Wander dt. sprichwörterlex. 2, 348. gleiche auffassungsweise verraten wendungen wie im westfläm. altijd hangen en nooit worgen in eenen toestand verkeeren te slecht om te leven en niet slecht genoeg om te sterven de Bo-Samyn 1215 und weniger deutlich im rhein. et es so'n hangen un wörgen sie schlagen sich schon so kümmerlich durch J. Müller rhein. wb. 3, 213; ferner: wer et hange jewent es, dem(m) mät et würje kein ping (pein) Wrede neuer köln. sprachschatz 1, 332. zu vergleichen ist auch das fries.: ik bin twisken hingjen en wiergjen (hangen en worgen) in het onzekere wat er met mij gebeuren zal Dijkstra 3, 439. doch ist im fries. für wiergjen weithin das lautlich nahestehende wierjen 'lüften, trocknen' eingetreten, ohne dasz der wandel der situationsvorstellung ('zwischen [auf]hängen und verwittern' [am galgen]) den sinn der wendung wesentlich verändert hätte: twisken hingjen en wierjen in een tijdperk van overgang Dijkstra 3, 439; hy is yet twisken hingjen en wierjen er ist jung, unerfahren, noch nicht gesetzt ebda. die angeführten belege lassen jedenfalls erkennen, dasz das ausgangsgebiet der in wechselnden formen auftretenden wendung im nordwesten, im ndl.-fries.-rhein. raum liegt. von hier aus hat sie in der umgangssprache auch entfernterer gebiete und in der schriftsprache wurzel gefaszt. der ersatz der präposition zwischen durch mit, den die neueren zeugnisseauch die der rhein. maa.sichtbar machen, beruht dabei vielleicht auf der einwirkung sinnverwandter formeln, so etwa mit mühe und not: ich glaube sogar, es wird mit dem studiren halbwege gehn, dasz er mit hängen und würgen eine universität beziehen kann Holtei erz. schr. (1861) 14, 42; 'da hat a woll keene miethe bezahlt?' — 'mit hängen und würjen' Gerhart Hauptmann biberpelz (1893) 16; diesmal war er gesund und, wenn auch mit hängen und würgen, magister W. Schäfer wendekreis (1937) 85. mundartl.: met hangen on wörgen (allg.) J. Müller rhein. wb. 3, 213; met hange un würje mit grösztem widerstreben Wrede Köln 1, 332; mit hängen und wärgen, mit schieben und schärgen hat er's durchgesetzt Müller-Fraureuth obersächs. 2, 682; 1, 475.
B.
'mühsam, unter quälender atemnot schlingen, schlucken'.
1)
in eigentlichem und bildlichem gebrauch; überwiegend intransitiv konstruiert, jedoch auszerhalb präpositionaler fügungen in der regel nur in nichtfiniter form erscheinend: stuͦnden also mer dann zweihundert hüner ye eins gegen dem andern zewürgen, vnd zugen das luͦder Till Eulenspiegel 12 ndr.;
wenn du gleich mit vielem worgen
deine kost verzehret hast
Schmolck sämtl. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 634;
hätte ich meine eitelkeit mit einigem würgen heruntergeschluckt und ihn herzlich umarmt Abbt verm. w. (1768) 3, 263; Pechle (asz) mit appetit und heiterkeit, der baron mit dem vielleicht auch anderen leuten als ihm bekannten würgen in der kehle W. Raabe s. w. II 2, 359; mit weib und kind sitzen wir in dunstiger stube am kargen tisch, würgend schlingend schlechte speise Lersch br. u. ged. (1939) 21. verbunden mit präpositionen in frühnhd. zeit und bis in das 18. jh. hinein als reflexivum auftretend, doch reicht auch der gebrauch als intransitivum, der sich in jüngerer sprache allein erhalten hat, in das 16. jh. zurück. neben der fügung (sich) würgen an (etwas im halse festsitzendem, s. die belege sp. 1461) erscheint bei Luther in gleichem sinne sich würgen über: es ist aber trefflich schweer das bislin zu verdawen, wenn mans recht fület, das ich selbs offt mich drüber gewürget (1532) Luther 32, 501 W. (vgl. dazu: über einem bissen worgen bolum glutire Steinbach dt. wb. [1734] 2, 1038). — dann so bald man jnen (den pfaffen) den (einwurf) in'n hals schoppet, so würgend sy dran; mögend jn doch nit verschlucken Zwingli dt. schr. 1, 243 Sch.; es ist bösz brot, da man sich an wörget Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Aa 4ᵃ; mancher würget sich an einer mükke, wann ein ander einen kamel hinunter schlukket Butschky Pathmos (1677) 893; als ich zu reden aufhörete, hatte jener das buch wieder im hals und worgete daran, wie zuvor (höllenstrafe) Simpl. (1684) 3, 302; an einer harten speise worgen crudum cibum detrudendo aegrè devorare Stieler stammb. (1691) 2515; es war zu eben der zeit, als du (der wolf) dich an dem beine so jämmerlich würgtest, das dir der gutherzige kranich hernach aus dem schlunde zog (1759) Lessing 1, 208 L.-M.; das büchlein (von Steffens) hat zwar an seiner vorrede einen honigsüszen rand, an seinem inhalte aber würgen wir andere laien gewaltig (1806) Göthe IV 19, 187 W.; als ich ... am rauch einer bissigen cigarre würgte Gaudy s. w. (1844) 2, 61; bist du ganz sicher, Eckerbusch, dasz du mir da kein gericht zusammengerührt hast, an welchem ich bis zu meiner emeritirung zu würgen haben werde? W. Raabe Horacker (1876) 189; jetzt hiesz es in ein paar monaten den ganzen scholastischen stoff aufzuarbeiten, an dem die solideren studenten fast vier jahre gewürgt (um den doktorgrad zu erlangen) Stefan Zweig welt v. gestern (1947) 151. — in diesem sinne mundartl. durchaus lebendig und über weite teile des sprachgebietes verbreitet, s. u. a.: hē wurgde (neben wurgde sük) net so lank, dat hē't herunder krēg Doornkaat Koolman ostfries. 3, 582; Lotte wergt an dei stibitzte flinse Frischbier pr. 2, 483; wurgen 'eine trockene speise langsam, mit mühe schlucken' Anton Oberlausitz 15, 14; worgen, wurgen 'beim essen speisen hinunterzwingen' Müller-Fraureuth obersächs. 2, 682; Knothe schles. ma. in Nordböhmen 546; Crecelius Oberhessen 922; wuᵉrjᵉ 'mühsam schlingen, herunterwürgen' Heinzerling-Reuter Siegerland 331; aon äbbes wörjen Christa Trier 220; worgen 'mit mühe schlingen' Stalder Schweiz 2, 457; wurkə, worjə 'mit anstrengung schlucken' Martin-Lienhart elsäss. 2, 850; Fischer schwäb. 6, 958; worgen an einem ding, das im halse steckt Schmeller-Frommann bayer. 2, 998; woargɛ 'essen würgend schlucken' Schatz Tirol 712. hier und da auch 'gierig, unmäszig schlingen': worgen, wurgen 'brot ... in gröszerer menge zu sich nehmen, als der mund fassen kann, und mit sichtbarer anstrengung in den schlund hinunterdrücken' Müller-Fraureuth a. a. o.; woriŋ 'hastig hinunterschlucken' Schübel Stadtsteinach/Bamberg 346; wirgn 'gierig essen, verschlingen' Schatz Tirol 714; das geid bi n iis den ganzeⁿ tag an es inhischoppen und wurggen und wursten und inhi mullen Friedli Bärndütsch 2 (1908) 500. — vgl. dazu einzelfälle trans. und absoluten gebrauchs ('mühsam hinunterschlucken') wie: der her (priester) sprach: würgen, ob er (gott in der hostie) hinab wolt. der buer sprach, er wil nit hinab (1519) Pauli schimpf u. ernst 59 Öst.; wer hat nicht ... würfel durch die gurgel würgen gesehen, um den verlust des geldes zu rächen? Bode Montaigne (1793) 1, 37; könig Karl bemächtigt sich langsam des südlandes wie eine schlange, die ihren frasz würgt Watzlik rückzug der 300 (1936) 28. — ganz vereinzelt im sinne 'ersticken':
nur immer drauf (in der schlacht),
und füttert sie mit knödeln (kugeln) brav,
dass alle würgen dran
Ditfurth volksl. d. bayer. heeres (1871) 129.
2)
literatursprachlich seit dem 18. jh. übertragen auf seelische vorgänge, die von dem gefühl quälender enge im halse begleitet sind (vgl.F 2): schon zehn höllische stunden würge ich daran (an dem verdrusz) Thümmel reise i. d. mittägl. prov. v. Frankr. (1791) 3, 126; er würgte lange an dem groszen gedanken, dasz ich sie gestohlen hätte Gutzkow ritter vom geiste (1850) 9, 342; die andern meinten jetzt, ... er scheine am bedürfnis zu würgen, sein herz auszuschütten Alexis Isegrim (1854) 1, 288; eh Flamm kam ..., hatt ich schon a auge uff dich geschmissn! was ich dadran gewirgt hab, das weesz keener nich G. Hauptmann Rose Bernd (1904) 28; er würgte an seiner aufquellenden reue Flex ges. w. (1927) 1, 220; er hatte stockend gesprochen, den blick auf die flackernde kerze gerichtet und an einer wut würgend Ina Seidel Lennacker (1938) 173. ähnlich an tränen würgen: sie rief ihn herein, wenn er an seinen tränen würgend beiseite schlich Ina Seidel labyrinth (1922) 19; er sah die generalin würgen, vermutlich an tränen H. Mann mutter Maria (1927) 23; er würgte an unterdrücktem schluchzen A. Zweig einsetzung eines königs (1950) 413. dichterisch frei auch transitiv konstruiert, 'hinunterschlucken':
er (der mensch) würgt die tränen unter tag, er geht
als maske unter masken, ohne ziel,
zum fluch zu schwach, zu schwach selbst zum gebet
J. Weinheber späte krone (1936) 120.
mundartl. und umgangssprachlich verbreitet an etwas worgen, zu worgen haben 'es schwer verwinden' Fischer schwäb. 6, 958; er hat eine weile daran zu worgen 'eine schelte lange zu fühlen' Martin-Lienhart elsäss. 2, 850 (so bereits Klein dt. provinzialwb. 2 [1792] 236); dadran hat er lange zu wärchen 'die wirkung dieses verlustes wird er ... sobald nicht verwinden' Müller-Fraureuth obersächs. 2, 682; an etwas zu worgen haben 'davon zu leiden haben' Albrecht Leipzig 238. ähnlich: ich muszte recht würgen 'durfte auf ungerechte worte nicht erwidern, muszte meinen unwillen unterdrücken' Anton Oberlausitz 15, 14. auch: dadron hat'r lang zo wörch'n 'die erledigung der sache wird ihn viel zeit und mühe kosten' Ruckert unterfränk. 197; er wird noch lange daran zu würgen haben 'sich angestrengt um die abtragung der schuld bemühen müssen' Spiess Henneberg 285.
C.
würgen als bezeichnung des erbrechens und verwandter vorgänge. mehrfach ausdrücklich abgesetzt gegen sich (er)brechen, sich übergeben, aber auch in synonymischer reihe mit diesen wörtern verbunden, bezieht sich würgen entweder auf die krampfartigen muskelbewegungen der verdauungsorgane, die dem erbrechen vorausgehen oder es begleiten (hierher auch einige belege im sinne 'brechreiz hervorrufen'), oder aber auf das erbrechen selbst. in frühnhd. zeit herrscht reflexiver gebrauch (doch fällt in der häufigen verwendung des wortes in der form des substantivierten infinitivs das reflexivpronomen stets fort); als intransitivum erscheint würgen erst im nhd. (den lexik. belegen des 15. jhs. wie garganisare würgen Diefenbach nov. gl. 189ᵃ; nauseare worgen, wirgen gl. 376ᶜ; vomere, vomitare worgen, wurgen 629ᵃ kommt hinsichtlich der konstruktionsweise zeugniswert kaum zu): das k vnd q werden auszgesprochen mit ginendem vnd offnem guͦmen oder rachen, wie sich ainer würget oder notet zuͦ vndewen Ickelsamer gramm. 130 J. Müller; wo sie (die fallsüchtigen) sich würgen, so ist der fehle im magen probl. Aristotelis (1568) D 8ᵇ; ructare et nauseare sich würgen oder köken vnd brechen Faber thes. (1587) 539ᵇ; sich würgen, kotzen, auszspeyen vomir Hulsius-Ravellus t.-frz.-ital. (1616) 422ᵇ; sich würgen einen finger in den halsz stecken vnd das kotzen vervrsachen, ebda; indem fieng Duralden der sod an zu brennen, steckte deszwegen den finger in hals, und würgte sich, bisz er sich übergab Ettner v. Eiteritz unwürd. doctor (1697) 739; so jemand sich würgen und den magen darmit reinigen wolte, der trincke rübensaamen mit laulichtem wasser, es macht erbrechen Hohberg georg. cur. 3, 1 (1715) 384ᵇ. im gleichen sinne sich worgern: hingegen aber etliche kerl umbdapten, welche die hände in die seiten stellten, den bauch damit hielten und sich dermassen worgerten, als hätten sie lung, leber und den magen selbst heraus speien wollen Simpl. (1684) 3, 300. — als substantivierter infinitiv: orexis das wurgen (ende 15. jhs.) Diefenbach gl. 400ᵃ; die zeichen des gewissen todes, die synd viel amaͤcht, kalt schweisz, wuͤrgen vnd brechen (1473) Steinhöwel büchlin d. ordn. 59 Sudhoff; quendel wasser getruncken zu dem tag drimal ... tribt usz den stein mit würgen H. Brunschwig v. d. rechten kunst zu distillieren (1500) 90ᵃ; (der betrunkene graf) gieng an laden und den finger in hals ...; grafe Friderrich erwacht ab dem worgen, wolt wissen, was das für ein wesen were Zimmer. chron. ²3, 527 Barack; das erbrechen betreffend, dasz mag leichtlichen von wegen grosser blödigkeyt des magens vnd neygung desselbigen zum leichtlichen würgen beschehen Sebiz feldbau (1579) 235; der saame (des bohnenbaums) gegessen, erweckt ein starckes würgen und brechen Hohberg georg. cur. (1682) 1, 601; das worgen nauseola ciborum, quae sine exitu vel vomitu torqvet Stieler stammb. (1691) 2515; heftige übelkeiten, bei denen er viel leidet und die nach einem ängstlichen würgen mit einem erbrechen endigen Elisa v. d. Recke aufzeichn. 1, 238 Rachel; alle andere consistente nahrung ... brach sie mit würgen von sich Brentano ges. schr. (1852) 4, 312; die symptome bei einer arsenikvergiftung sind: ... heftiges würgen und erbrechen Muspratt chemie 1 (1888) 1179. — als intransitivum: würgen oder thun als wann man sich erbrechen wolte vnd einem auffstossen, wann einem etwas ausz dem magen auffstosset ... nauseam pati Duez dt.-frz.-lat. (1664) 697; so ist das beste mittel vomitorium ... wann er so würgen thut, als wolt er holtzäpffel pressen Abr. a s. Clara Judas (1687) 1, 192; (er) kam aber doch meist wieder herein, wenn er mich worgen hörte, um das gefäsz auszugiessen Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 3, 309; sie hat in den wochen so sehr an verstopfung gelitten, dasz sie immer hat würgen und brechen müssen (1841) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 511 Schulte-K.; (ich) hatte den ganzen tag, schmerzhafte kreatur, mit dem leidigen hauptweh im dunkeln gelegen und mehrmals würgen und speien müssen Th. Mann Faustus (1948) 353. — trans. (etwas) von sich würgen 'unter anstrengung von sich geben': so er (der drache) gantze vögel verschlucket, so würget er widerumb die beyn vnd federen von ym Eppendorff Plinius (1543) 95; eructare von sich würgen oder gehen lassen Faber thes. (1587) 699ᵃ;
(der bär) hat zur straff, dasz er die jungen von sich würgt
blind, ungestalt und klein
Lehmann hist. schauplatz (1699) 537.
selten in der unpersönlichen konstruktion es würgt mich: (die weber) verführen ein gesinge, dasz een förmlich a magen umwendt, dasz een richtig zu wirgen anfängt G. Hauptmann die weber (1892) 103.
D.
artikulationsvorgänge kennzeichnend; so zunächst 'mit zusammengepreszter kehle hervorbringen, aussprechen' (s. ¹würgeln 2 und den Ickelsamer-beleg unter C):
Swâben ir wörter spaltent,
...
die Wetereiber si würgent
Hugo v. Trimberg d. renner 22 271 Ehrismann.
vgl. dazu v. 22 297 und 8729 sowie H. Moser in: dt. phil. im aufrisz 1 (²1957) 786f.; ferner die folgende reflexive fügung:
so singens (die modernen) auch so wunderleich
sam sew wellen erwuͤrgen sich.
der sich vastist wurgen chan,
der hat nu daz pest getan
Heinrich d. Teichner 191, 65 Niewöhner.
im weiteren sinne vergleichbares stellt sich in jüngerer sprache ein: er mummelt, bricht und würget sich uber den worten und kans schlecht nicht eraus reden, was er will (1525) Luther w. 18, 152 W. (vgl. unten G 1); er worget mit der stimme wie ein gedroszelter rabe glutit vocem velut strangulatus corvus Stieler stammb. (1691) 2515; die erste hälfte des letzten satzes kam bruchstückweise, gewürgt heraus; die andere hälfte in einem stosz mit fliegendem atem W. Raabe s. w. II 5, 156. mit verlagerung des subjektbegriffs auf das lautgebilde, 'ersticken erregen, den atem benehmen' (als präsenspartizip), stets aber die klangeigenart des hervorgebrachten lautes kennzeichnend (vgl. dazu die ableitung wurgsen, die weithin als lautmalend empfunden wird): dann der centauren würgendes lied, gejauchz der streitenden und der sinkenden schall maler Müller w. (1811) 1, 150; je schwieriger und würgender die coloraturen sind, ... je begeisterter und gerührter seid ihr Eichendorff s. w. (1864) 2, 208; (diese geheimsprache) in ihrer würgenden, ungeheuerlichen lautconstruction Avé-Lallemant dt. gaunerthum 3 (1862) 188; keine spur einer erinnerung an die ganz undenkbaren schnalzenden, schnappenden, würgenden ... laute der sprachen im Kaukasus Hehn Italien (²1906) 189; doch befremdete ihn (den arzt) ein eigentümlich würgender laut in ihrer kehle Carossa d. arzt Gion (1931) 142. zu vergleichen ist auch worgen als bezeichnung für bestimmte lautäuszerungen der vögel, insbesondere des auerhahns, s. die belege unter worgen sp. 1461 und das folgende zeugnis aus der Steiermark: worgen 'in der jägersprache, vom auerhahn: einen eigentümlichen ton am abende beim einfallen hören lassen' Unger-Khull 638.
E.
'im zustand der befangenheit, bei versagender stimme mühsam nach worten ringen'; in absolutem gebrauch: der alte heide ... konnte keine christlichen phrasen mehr zu stande bringen. er druckste, stotterte, würgte; verhaspelte sich tiefer und tiefer, und blieb endlich ... stecken Holtei vierzig jahre (1843) 1, 162; sie weinte beinah. 'ich musz doch. man kann doch nicht ... ich will doch auch ...' sie würgte und schluckte Kahlenberg Eva Sehring (1901) 76. vereinzelt nach worten würgen, beeinfluszt durch die fügung nach worten ringen: könig Christjern würgt nach worten, und würgt und würgt, und will schreien Liliencron sommerschlacht (1895) 302. in der regel aber an worten würgen 'sich mühen, sie hervorzubringen': sie sind ja braun und blau worden, so haben sie daran (an der antwort) worgen müssen (1785) Pestalozzi s. w. 3, 588 Stecher; Fritz ... stand und würgte an etwas, das ihm nicht aus der kehle wollte. um nur was zu sagen, bemerkte er: ihr macht ja da einen schönen kranz Franz Berthold in: dt. novellenschatz 4, 8 Heyse-Kurz; 'guten abend, Marie!' sagte er mit ganz heiserer stimme, und er würgte ordentlich daran, als wenn ihm das wort im halse stecken bleiben müszte Storm s. w. (1899) 2, 135; François Soubirous überlegt, ob er den bäcker rundheraus um ein brot bitten soll. lange würgt er an einem wort Werfel Bernadette (1948) 16. ganz vereinzelt sich würgen 'sich mühen hervorzubringen': er mag sich würgen wie er will, er kriegt das 'Leipzig' nicht heraus sprachproben aus der Zips in: zs. f. dt. maa. 6 (1911) 62. vgl. auch trans. von sich würgen: er hatte kaum den namen seiner siamesischen majestät ... von sich gewürgt, als seinen ... ermatteten sprachwerkzeugen der nächste abschnitt, von Mexiko handelnd, noch zungenbrecherischere ... zumuthungen stellte Holtei erz. schr. (1861) 26, 203.
F.
in transitivem gebrauch mit persönlichem objekt und unpersönlichem subjekt; von dem quälenden, in atemnot versetzenden einengen (zuschnüren) der luftwege durch etwas im halse festsitzendes, mühsam zu verschluckendes.
1)
in eigentlicher verwendung; zunächst vorwiegend als part. präs., ohne objektzusatz (s. a. sp. 1462 unter worgen 2): stiptius cibus wurgende spis (anf. 15. jhs. obd.) Diefenbach nov. gl. 349ᵃ; die zwiger ... und rinden, darumb das sie würgendes geschmacks sein und sawer, so stercken sie den magen Petrus de Crescentiis vom ackerbau (Speyer o. j.) 68ᵇ; ein ruhe würgende bir oder holtzöpffel S. Münster cosmogr. (1550) 7; es ist eyn geschlecht von holtzäpffel, die man estranguillons nent, dieweil sie sauer, würgend vnd herb sein Sebiz feldbau (1579) 352; solche diener wollen weis brodt essen, wiewohl es ihnen offt wurgend eingehet Butschky Pathmos (1677) 366; am ende drängte das elend sich wie ein würgender bissen in seiner kehle H. Hesse glasperlenspiel (1943) 2, 312. als verbum finitum mit persönlichem objekt:
mînen slunt ich prîse:
mich würget niht ein grôziu gans so ichs slinde
Steinmar in: schweiz. minnesänger 172 (1, 47) Bartsch;
geitziger frasz würget den menschen Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Ee 7ᵃ; je gröber sich ihr autor brocken lässt, je heftiger würgt sie der bissen Brentano ges. schr. (1852) 5, 440; die bohnen würgten mich elend, sie waren schlecht entfädet H. Hesse diesseits (¹⁴1908) 302. mundartlich weit verbreitet, insbesondere von herb schmeckendem obst (s. würgebirne): der biszen worgt mich Schmeller - Fr. bayer. 2, 999; dⁱᵉ nudleⁿ worgeⁿ miᶜʰ Fischer schwäb. 6, 958; 6, 988; die bire wurige eim Martin-Lienhart elsäss. 2, 850; wörga 'einen herben geschmack haben' Tobler Appenzell 451; worgen 'von gewissen birnenarten' Crecelius Oberhessen 922; das obst, die birne würgt Berndt schles. 162; Anton Oberlausitz 15, 14; 'vorzugsweise von saftlosen, herben birnen' Danneil Altmark 249; Schambach Göttingen 304. vereinzelt mit adverbiellem zusatz und mit dem akkusativ oder dativ der person (s. auch unter 2, 3 und ¹würgeln 2): der bissen würget mich im halse Schwan nouv. dict. 2 (1784) 1078; der bissen würgt mir im halse Tieck schr. (1828) 5, 522. mit abweichender bedeutung 'erwürgen, erdrosseln, töten':
den würgt sein pillenkram, der muss durchs saltz erblassen,
der stirbt am öfftern schweiss, und der am aderlassen
Hagedorn versuch e. gedichte 49 ndr.
2)
übertragen auf abstraktes; insbesondere von zuständen starker emotionaler erregtheit, die das quälende gefühl des erstickens, der atembeklemmung hervorrufen; vielfach 'quälen' sich nähernd (vgl.B 2 und G): ich hatte zwar eine antwort auf der zunge; ich wuste auch dasz sie mich würgen könte, wenn ich sie niederschlukte, ... aber ich ... schwieg Hermes Sophiens reise (1769) 5, 301;
fort, jammer würgt mich, dasz die todesstund'
erneuern musz getrennter freunde bund
(vexation almost stops my breath)
Shakespeare 7 (1801) 305;
sag ihm's, ich bitte dich, mich würgt der zorn
Grillparzer s. w. 6, 180 Sauer;
ich ... entnahm daraus, wie grausam die sache sie würgen musste G. Keller ges. w. (1889) 2, 209; davon aber abgesehen, würgte ihn plötzlich eine maszlose wut auf den dicken, lachenden, singenden mann H. Mann ausgew. w. 1, 529 Kant. 'erwürgen, erdrosseln': ein ungeheures entzücken presste ihm den atem, würgte ihn fast Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 63. mit adverbieller erweiterung: sie schämte sich. die scham würgte sie in der kehle und brannte ihr auf den ohrknöcheln Kahlenberg Eva Sehring (1901) 166; leise schluchzte Marianne auf: gewisz, sie gönnte der Guste alles glück, aber, aber — es würgte sie etwas in der kehle (1910) Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 62; die ungewohnte rührung ... war wieder da und würgte ihn in der kehle Ina Seidel Lennacker (1938) 37. als part. präs.: sieben jahre ... der würgenden sehnsucht nach freiheit preisz gegeben Schubart br. in: Strausz w. (1876) 9, 54; Bernadette wird hin und her gerissen zwischen würgender angst und unendlicher hoffnung Werfel Bernadette (1948) 232. bezogen auf körperliche vorgänge: bis ... ein würgender husten ihm blutigen schaum über die lippen drängte Cl. Viebig d. schlaf. heer (1904) 2, 250; eine würgende übelkeit stieg ihm im halse hoch Ina Seidel labyrinth (1922) 135; trotz des würgenden ekels begann sie zu essen L. Frank Mathilde (1959) 379.
3)
jung ist die unpersönliche fügung es würgt mich:
scheint mir, dasz nicht du es (unrecht) hast,
sondern ich, das würgt mich fast
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 328;
und dies — was war dies? blasz, rötlich schillernd — es würgte ihn. einen schritt weiter lag eine hand Zillich d. urlaub (1933) 30; er hatte angst vor ratten ... und es würgte ihn, als er die schwarzen schatten durch den keller huschen sah Böll haus ohne hüter (1957) 125. mit adverbieller erweiterung es würgt mich (mir) in der kehle: es würgt mich ordentlich in der kehle, wenn mir eins von den gesichtern vor die augen kommt Deinhardstein ges. dram. w. (1848) 1, 65; o, Niklas, tausenderlei wollt ich zu dir sagen, aber es würgt mir zu sehr in der kehle W. Raabe hungerpastor (1864) 1, 10. mundartl.: 's worgt mi im hals Fischer schwäb. 6, 958. für sich stehen fügungen mit dem dativ der person, in denen würgen ein nichtpersönliches akkusativobjekt zu sich nimmt: seine züge, aus denen starres entsetzen sprach, arbeiteten, als erstickte es ihm einen schrei oder würgte ihm ein wort Anzengruber ges. w. (1890) 3, 201; er konnte lachen, dasz es einem die kehle würgte Kolbenheyer Paracelsus (1922) 2, 439.
G.
die vorstellung des mühsamen, quälenden, die im vorausgehenden vielfach als nebenbegriff hervortrat, kann sich verselbständigen, so dasz das wort den sinn 'sich mühen, sich abquälen, plagen' annimmt.
1)
als reflexivum, wobei die bezeichnung dessen, was mühe und pein verursacht, durch präpositionen (in der regel mit, daneben in, über, um) angeschlossen wird (s. auch Luther unter II B 1 sich würgen über):
ir seht mich ûf und abe tragen
wazzer, holz, korn und mist
und swaz tegelich ze tuonne ist,
ûf einer hôhen bürge,
dâ ich âne danc mich würge
mit maniger herten arbeit
Hugo v. Trimberg der renner 3554 E.; ebda 15 535;
auffs dritte kompt er mit seyner kriechischen sprache erfur und würget sich uber dem wort tuto (schwierigkeit der übersetzung des grch. τοῦτο) (1525) Luther 18, 151; 152 W.; ego iuvenis me assuefeci ad bibliam; ... deinde me ad scribentes contuli. aber ich muste sie zu letzt alle aus den augen stellen vnd mich in der biblia wurgen (muszte mich also wieder mit der bibel würgen Aurifaber) (1539) bei Luther tischr. 4, 432; 433; 5, 637 W.; in der höhern critik über die poesie der Ebräer sind wir noch kinder: entweder würgen wir uns mit lesarten oder wir verschönern mit modischem putz neuerer sprachen Herder 12, 211 S.ohne präpositionalen anschlusz: es hilfft nicht, das du dich toll marterst ..., sondern seyn (gottes) erbarmen thut es, das er ... sihet, das du ynn solcher angst steckist, ligist und dich wurgest ym schlam (der sünden) und dyr nicht heraus kanst helffen (1523) Luther 12, 680 W.; (er) sagte, dasz er sich gar sehr zu würgen habe, wenn er mit ehren durch die welt kommen wollte Grässe sagenb. d. pr. staates 1, 44. mundartl.: sich wurgen und placken mit anstrengung saure arbeit verrichten Müller-Fraureuth obersächs. 2, 682. mit abstraktem subjekt: ein ... geschwinder, erschrecklicher gedanke, der sich würget und ängstet (1619) J. Böhme s. w. 3, 131 Schiebler; meine seele ward darin verstrickt und würgte sich und quälte sich H. Heine s. w. 3, 133 Elster.
2)
als intransitivum: er meynet, bleib er grad, so müsz er schaffen vnd würgen vmb das täglich brot tag vnd nacht S. Franck sprüchw. (1541) 2, 79ᵃ. mundartlich weit verbreitet, s. u. a.: wirgn 'drängend arbeiten' Schatz Tirol 714; 'sich abarbeiten, bemühen, plagen' Schmeller-Fr. bayer. 2, 999; wörchen 'unmäszig arbeiten' Ruckert unterfränk. 197; worgen 'mühsam, schwerfällig, strenge arbeiten'; würgen 'mit aufwand aller kräfte etwas tun' Fischer schwäb. 6, 958; 6, 988; wärcən 'sich mühen in harter arbeit' Müller-Fraureuth obersächs. 2, 682; wirghn 'mühselig schaffen' Knothe Markersdorf 123; wergn 'schwer arbeiten' Blumer Nordwestböhmen 94; er hat recht zu würgen Anton Oberlausitz 15, 14; we̜rjə 'mühsam, hastig an etwas arbeiten' Hofmann Niederhessen 266; wörgen 'übermäszig arbeiten' Schambach Göttingen 304; vgl. im schlesw.-holst. he wörgt düchtig los 'arbeitet stark' Mensing 5, 693.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2192, Z. 70.

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Zitationshilfe
„würgen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCrgen>, abgerufen am 10.08.2020.

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