Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

würgengel, m.

würgengel, m.,
zum töten ausgesandter engel (zu würgen I B 2), nnl. worgengel. das wort begegnetauszerhalb der bibel, jedoch angeregt durch 2. Mos. 12, 23 (dominus) non sinet percussorem ingredi domos vestras et laederezuerst bei Luther (s. unten 1; zur erklärung vgl. noch Wander dt. sprichwörterlex. 5, 461 f.). seit dem 18. jh.z. t. unter metrischem zwangdaneben die form würgeengel.
1)
von gott zum töten ausgesandter engel, so im alten testament (2. Mose 12, 7, 12—13, 23, 29; weish. 18, 14—16) der engel, der an den mit dem blut des opferlamms bestrichenen türschwellen der Israeliten vorübergeht, die erstgeburt in den häusern der Ägypter dagegen erschlägt (s. a. würger 1 c): wo nu der würg engel solchs zeichen des bluts an der thür finden würde, da solt er für uber gehn und im selben hausz niemand würgen (1545) Luther 52, 812 W.; die Egypter (haben) die pestseuche und das würgen desz würgengels verwürcket, aber gott hat sich ihrer (der Israeliten) aus gnaden erbarmet und ... sie fürm würgengel gefreyet Dannhawer catech.-milch (1657) 5, 809; London geriet fast in den zustand, in welchem sich Egypten befand, als der würgeengel ausgieng, die erstgebuhrt zu schlagen Liscow schr. (1739) 82; mir ist ... nicht anders zu muthe als den Egyptern, da der würgengel herumging (1785) Schiller br. 1, 236 Jonas; das unglück geht an solchen kreuzchen vorüber, wie der würgengel an den mit blut bestrichenen thüren der Israeliten vorübergegangen ist Rosegger schr. (1895) I 4, 15; das hebräische pěsach (passah) ... bedeutete 'vorübergang'; gemeint war der vorübergang des würgeengels vor den häusern der Israeliten forsch. u. fortschr. 10 (1934) 127.
2)
alttestamentlich ist auch die vorstellung des würgengels als verbreiters der pest (angelus domini percutiens populum 2. Sam. 24, 16—17; 1. chron. 21, 15 [vom engel, der dem volke Davids die seuche bringt]; auch 2. Mos. 12, 23 wirkt ein: so erscheint bereits in einer von Paulus Diaconus wiedergegebenen langobardischen sage [J. Grimm dt. mythol. ⁴2, 989f.; hdwb. d. dt. aberglaubens 6, 1508 f.] ein pestengel mit zügen des würgengels des exodus); s. auch würgteufel und Wander dt. sprichwörterlex. 5, 461 f.; Fischer schwäb. 6, 989:
ach herr, lasz diese geisterlein
sein vnsre starcke wechter,
wenn diese bös seuch dringt herein,
dasz sie vns mögn verfechten
zu wieder dem würgengel bösz,
wen er wil an vns setzen
(1612) bei Fischer-Tümpel ev. kirchenlied 1, 13;
der würgengel, von der pestilentz nahmen und eigenschafft (titel 1644); es ist bekandt, wie leider in Deutschland an etlichen orthen der würgengel viel leichen gemacht, hie durch rothe ruhr, dort durch pestilentz Prätorius glückstopf (1669) 353; der würgengel hat auch mein haus verschont und keines von meinen kindern hat den geringsten anstosz von der hier herrschenden seuche gehabt Hamann schr. (1821) 6, 225; gott sei gepriesen, dasz der würgengel (die cholera) an ihrer thür schonend vorüber gegangen Görres ges. br. (1858) 3, 453; unser welttheil ist in vorigen zeiten von würgengeln betreten worden, die mit der ziemlich modernen brechruhr in Indien sich leicht messen können, von dem schwarzen tod und der pest Peschel völkerkde (1874) 327; wenn er ... in den kirchen oft ein drittel der anwesenden in schwarzen trauerkleidern erblickt; dann ist jener würgeengel (das marschenfieber) durchs land gegangen Allmers marschenbuch (1900) 57. auch: drei und zwanzig, darunter zwo frauen, waren dem würgengel (dem hunger) entsprungen O. Dapper America (1673) 122ᵇ.
3)
erst in späterer zeit erscheint das wort als bezeichnung für gestalten der apokalypse, so insbes. für die vier engel, die am Euphrat losgebunden werden, um den dritten teil der menschen zu töten (apok. 9, 14—15), und für den engel, der mit der posaune zum jüngsten gericht bläst (eig. sieben engel apok. 8, 2—11, 19): hier (apok. 9, 14—17) sind vier würgengel los: sie wehn von allen seiten, und feuer, rauch, schwefel aus ihrem munde (1774) Herder 9, 43 S.; auf dieses gesicht ist mit verzerrungen dein name geschrieben, und die würgengel werden ihn (am jüngsten tage) lesen (anklingend an apok. 20, 12; 15) Schiller 3, 505 G.; schilderung des jüngsten gerichtes, wo ... der würgengel des herrn mit der schrecktrompete zum aufbruch bläst bei Jahn Mozart (1856) 4, 317; wie entsetzlich wirken (in Leverkühns apokalypse) an der stelle, wo die vier stimmen des altars das loslassen der vier würgeengel verordnen, ... die posaunen-glissandi, die hier das thema vertreten Th. Mann Faustus (1948) 592.
4)
laster, sünde personifiziert als würgengel: dafür warnet der herr die seinen unnd lehret sie, wie sie sich für diesen vier würgengeln und lasterteuffeln hüten ... sollen Pomarius gr. postilla (1590) 1, 32ᵃ; welche thür mit diesem siegeszeichen (dem kreuze Christi) gleubig bemerket, die hat den vorübergehenden würgengel (sünde, teufel, tod) nicht zu fürchten Butschky Pathmos (1677) 678; streich (Jesus) dein blut an die pfosten meiner kammer, dasz der würgengel (die sünde) vorüber gehe Schmolck betaltar (1741) 12. seit dem ausgang des 18. jhs. auszerhalb des moraltheologischen schrifttums in freierem bildlichen gebrauch: hier hingegen würden nationalhass und persönliche rachgier, würgengeln gleich, gemeinschaftlich die losung zum morden geben G. Merkel die Letten (1797) 231; nur verlangen sie von mir keine systematie; das ist der würgengel aller korrespondenz (1822) H. Heine s. w. 7, 561 Elster; die politik ist jetzt ein arger würgengel für alles andere litterarische leben (1832) Varnhagen in: Pückler briefw. u. tageb. (1873) 3, 127.
5)
als bezeichnung eines mordgierigen, gewalttätigen menschen (soldaten, eroberers, tyrannen); s.würger 1 a: die leidige mahlzeichen solcher menschlichen würgengel und die blutige würckungen desz wütenden kriegsschwertes Francisci d. alleredelste pferd (1670) 202; gewisz ist es, dasz um selbige zeit ... für diesen würg- und raubengeln (den Ungarn) in Kärndten und Crain grosse furcht und zittern gewest Valvasor hertzogth. Crain (1689) 3, 192; kennen wir keine andre als die würgengel unsres geschlechts, eroberungs-, verfolgungs-, ... niedrige reichthumshelden? (1803) Herder 24, 299; 18, 269 S.; die nachricht, dass der würgengel (Kohlhaas) da sei, der die volksbedrücker mit feuer und schwert verfolge H. v. Kleist w. 3, 193 E. Schmidt; gott und sein würgengel Bonaparte Gentz schr. 1, 121 Schlesier. auch als bezeichnung eines unerfahrenen arztes, s. Kramer t.-ital. 2 (1702) 1407ᵃ; scherzhaft von einem bösen weibe: heute hatt sie (die wirtin) der magd die kaldaunen im leibe herumb gekehret, und vorhin war würgengel mit der ofengabel auch über mich her Hübner christcomoedia 82 ndr. von kindern, die ihre kleidung häufig zerreiszen, wenig schonend mit ihr umgehen: Crecelius Oberhessen 922; Grassow Kassel 87; vgl. dazu: worje (kleider) verderben, zerreiszen Crecelius a. a. o. ähnlich von einem kind, das sein spielzeug immer wieder zerbricht Fischer schwäb. 6, 989.
6)
als vogelname zunächst bezeichnung einer eulenart; nur in lex. zeugnissen: andere nachtvögel (wie) die steineule ..., der würgengel (lat. strix, frz. fresaye) Comenius janua (1644) 44; Duez dt.-frz.-lat. (1664) 697; eleus ... der würgengel, ein abscheulicher nachtvogel also genannt (strix) Pomey indic. univ. (1720) 53. seit Adelung 5 (1786) 309 lexikalisch nachweisbar als bezeichnung einer art falken, lanius excubitor L., sonst neuntöter und würger genannt, umgedeutet aus wargengel, s. Suolahti dt. vogelnamen (1909) 148 ff. (mit hinweis auf ein 1603 für Schlesien bezeugtes wurg engel) und teil 13, sp. 2018f.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2213, Z. 29.

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Zitationshilfe
„würgengel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCrgengel>, abgerufen am 07.08.2020.

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