Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

würzlein, n.

würzlein, n.,
würzelein, nur älter gelegentlich umlautlos. seit dem mhd. bezeugt. ursprünglich als diminutiv zu wurz(e), f., 'pflanze, wurzel' und als solches noch im 16. jh. verstanden; vgl. radix wurtz ... radicula würtzle Frisius dict. (1556) 1114. die bildung, im 17./18. jh. kaum gebraucht und fast nur lexikalisch gebucht, wird seit dem 17. jh. auf wurzel, f. bezogen; vgl. radix eine wurzel, radicula, ein wuͤrtzlein nomencl. lat.-germ. (1634) 69; Zehner nomencl. (1645) 158; wurtzel radix, wuͤrtzelein Dentzler clavis (1716) 358ᵇ. Stieler gibt noch beide grundwörter an: wurz, wurzel ... dimin. würzlein stammb. (1691) 2585. die gemination in wurtzellin (1492) bei Röhricht pilgerreisen (1880) 259 ist wohl nur orthographisch zu werten, nicht aber als beweis für eine beziehung der bildung auf wurzel.
1)
pflanze, kraut, besonders die heilkräftige pflanze, die abgrenzung gegen 2 ist nicht immer sicher.
a)
eigentlich:
auch begin und die nunnen
die sein so unversunnen,
wenn sie kinder swanger sein,
so eszens etliche würzelein
und tan ander etlich sach gevar,
da mit sie die kint verton gar
meister Rennaus 178 in: arch. f. gesch. d. dt. spr. u. dicht. 1, 22 Wagner;
nempt war der schönen plüede, früede!
müede ist der kalte winder.
kinder, schickt euch zue dem tanz!
glanz zieret sich lustlich des maien tenne
durch manger hendlin varbe, garbe,
marbe würzlin, grüene gräsli,
wäsli mit den plüemlin gel
Oswald von Wolkenstein ged. 28, 6 Schatz.
b)
übertragen: diu êrste (erzenîe) hât die kraft, daz si alle sünde nimt. daz ist die heilige touf: und dô got die erzenîe machte, dô machte er sie mit vier himelischen wurzelîn ... daz êrste himelische wurzelîn, daz ist, swer dâ toufet, der sol andâht haben zuo dem toufe ... daz ander wurzelîn ist dâ man inne toufet Berthold von Regensburg 2, 85, 14 f. Pfeiffer; und wie das ist das wir in dem touffe von der erbschulde geweschen werden. doch belibet üns das würtzlin der geneiglicheit zuo der schulde altdt. pred. u. gebete 194 Wackernagel.
2)
wurzel.
a)
eigentlich:
nust aber der minnen arcwan
und sin same also vertan:
swa so er hin geworfen wirt,
daz er diu wurzelin gebirt,
da ist er also vrühtic
so biric und so zühtic,
die wile er keine viuhte hat,
daz er da kume zegat
Gottfried von Straszburg Tristan u. Isolde 16 458 Ranke;
wenne ein garte oder ein acker geeget wurt von dem unkrute, so blibet do ettewenne ein wurtzelin von dem unkrute in dem tieffen grunde Tauler pred. 398, 19 Vetter; ego cum legerem sanctos fratres vixisse de radicibus, gedachte, sie hetten die wurtzleyn von baumen geszen (1537) bei Luther tischr. 3, 472 W.; (laub und gras) sind todt und kalt gewesen, in der erden sind ihre würtzlein begraben gewesen Dannhawer catech.-milch (1657) 6, 521;
ich grub's mit allen
den würzlein aus,
zum garten trug ich's
am hübschen haus.
und pflanzt es wieder
am stillen ort
Göthe I 1, 25 W.;
ich bin eine rose, pflück mich geschwind;
blosz liegen die würzlein vor regen und wind
Storm s. w. (1899) 1, 255.
von eszbaren, heil- oder zauberkräftigen wurzeln oder wurzelpflanzen:
der wirt gruop im würzelîn:
daz muose ir beste spîse sîn
Wolfram von Eschenbach Parzival 485, 21;
hüte dich des gleichen auch fur den artzten, die affter land ziehen und tyriack und würtzlin feil tragen bei Luther 26, 650 W.; die kunst, sich unsichtbar zu machen ..., die vielleicht natürlicher weis in einem würtzelein oder stein steckte, das sich unter dem genist desz ameysenhauffens befände Grimmelshausen Simpl. 2, 688 Keller; bin ja doch tot, Marie, bin in der erden mit dir, nicht bist du allein! kräutlein und würzelein tu ich graben bei dir Ina Seidel Lennacker (1938) 179. zu kosmetischem gebrauch:
so sy zu der menig sold gan,
do daucht si sich nicht wol getan
und must sich dennoch schephen pas
dan si von got geschaffen was.
leg hin zu dicz wurczlein!
do si wolde wol gevar sein,
do streich si es under ir augen
vil haimleich und vil taugen
Heinrich von Burgus der seele rat 5529 Rosenfeld.
b)
übertragen: die mutter aber wurde dadurch noch mehr zugleich liebend und erbittert (gegen das kind), weil sie nicht wuszte, dasz die kleinen würzlein, als sie einst den warmen boden der mutterliebe suchten und nicht fanden, in den fels des eigenen herzens schlagen muszten und da trotzen Stifter s. w. 3 (1911) 225; ach, alles tät ich gern bis aufs würzlein wissen Watzlik phönix (o. j.) 307. sprachwurzel: weiln demnach in vnserer teutschen sprach die wuͤrtzlein ... solche seynd, darinn die natur jr meisterstuͤck gethan, ... warumb wollen wir dann so vnbesonnene vnleute gegen vnsere vorfahren seyn, vnnd jhnen eine zung ohne sprach zueignen? Schill d. teutschen sprach ehrenkrantz (1644) 293.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 15 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2394, Z. 40.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
wölflein
Zitationshilfe
„würzlein“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCrzlein>, abgerufen am 12.08.2020.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch (¹DWB)