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würze, f.

würze, f.,

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gewürz, aroma. im mhd., wohl kaum weit vor 1300, von dem plural des starken fem. wurz (s. d.) abgeleitet in der weise, dasz der plural als kollektiver singular mit spezieller bedeutung gebraucht wird. einen gelegentlich gebrauchten eigenen plural scheint würze erst in frühnhd. zeit zu entwickeln (s. unter 1 a β). würze wird stark flektiert. schwache formen begegnen nur vereinzelt: würtzen (dat. sing.) Braunschweig chir. (1539) 42ᵇ; würzen (nom. pl.) Freiligrath ges. dicht. (1871) 1, 135. würze ist ein wort der hd. schriftsprache, die mundarten kennen es kaum (aber vgl. unter 3).
1)
spezerei, gewürz, aromatischer duft, aroma; vgl. condimentum wortze, wúrcz (obd. 14. jh.) Diefenbach gl. 140ᵇ; sal wircz alder salcz (obd. 14. jh.) ebda 324ᵇ; species worcz (md. 15. jh.), wort (nd. 15. jh.) ebda 545ᵇ; worte species, aroma (1445) bei Schiller-Lübben mnd. wb. 5, 773ᵃ; aromata, species, condimentum würz (und gewürz) Stieler stammb. (1691) 2587.
a)
überwiegend als kollektive bezeichnung von gewürzstoffen. im mhd. ist eine beziehung auf aromatische stoffe hier und da möglicherweise mitgegeben, aber eine differenzierung des wortgebrauchs, wie sie sich im nhd. abzeichnet (s.b), besteht nicht. der gebrauch des wortes in dieser bedeutung geht seit dem ende des 18. jhs. spürbar zurück und stirbt schlieszlich aus:
α)
sing. gebrauch ist die regel:
si (die königin von Saba) quam mit knechten genuc.
manic soumer vor ir truc
richeite vil, als ir gezam.
genuc si ires goldes nam
und darzu edele wurze
passional 267, 97 Köpke;
daz ein snider ... oder waz antwerkmannes er waz, eime herren hiesche ... daz er ime schuldig waz von koufende würtze oder duch (Straszburg 14. jh.) städtechron. 8, 123; wiltu wuͤrste ausz vischen machen, so schuͤppe sy vnd hack sy klein. stosz sy in einem moͤrsser, thuͦ wuͤrtz vnd saltz dar zuͦ, fül die dermer kuchenmaistrey (1493) a 5ᵇ; du (der gerechte) zeuchst mit oͤle zum koͤnige, vnd hast mancherley wuͤrtze, vnd sendest deine botschafft in die ferne, vnd bist genidriget bis zur hellen Jes. 57, 9; saltz, die edelste vnnd beste wuͤrtz Kirchhof militaris discipl. (1602) 31;
sein bestes essen ist milch, eyer, honig, schmaltz,
für spargen jszt er kraut, an statt der würtze saltz
Opitz teutsche poemata 30 ndr.;
ich esse die einfältigsten speisen, ohne alle würze Gellert s. schr. 10 (1839) 56; (der bauer) kaufte in der stadt die nesteln für seine kleider ..., würze für seinen sauern wein G. Freytag ges. w. (1886) 20, 106. vereinzelt noch: die tunke wird ... mit noch etwas salz, paprika und 18 bis 20 tropfen würze abgeschmeckt, über das zurechtgeschnittene fleisch gegeben daheim 71 (1935/36) nr. 6, 70ᵃ.
β)
der plural begegnet, der kollektiven bedeutung des wortes gemäsz, sehr selten; wo er im mhd. zu begegnen scheint, ist wohl meist anzunehmen, dasz es sich um den alten plural von wurz, f. in dessen bedeutung 1 b handelt: so du wilt einen vasten krapfen machen, so nim nüzze, und stoz sie in einem mörser ... und snide sie drin würfeleht und menge sie mit würtzen, wellerley sie sin (14. jh.) buch v. guter speise 20 lit. ver.; vor der vnterhandlung (Fuggers mit dem könig) waren alle wurtze bessers kauffs, hernach aber haben sie die selbigen gesteygert nach yhrem wolgefallen Agricola 750 teut. sprichw. (1534) R 1ᵃ; darumb einem jungen knaben dienlicher und bequemer ist, ein einfaͤltig, gut, gesundt, verdaͤwlich essen oder zwey, dann zwentzig mit allerley wuͤrtzen und specerey gepfeffert Lorichius pädag. principum (1595) 9;
... so macht man gifft mit scheinbarn wuͤrtzen suͤsse
Lohenstein Agrippina (1701) 75;
sieh, der schiffer kehrt mit gold
aus des südens heiszen zonen;
edle würzen sind der sold,
die den kühnen zug belohnen
Freiligrath ges. dicht. (1871) 1, 135.
γ)
zur würze, als würze. selten in der beziehung auf das gewürz selbst: (zwiebeln) werden mehr als würzen denn als nahrungsmittel benutzt Muspratt chemie (1888) 6, 180. sonst in mehr verbaler auffassung. 'zum zweck des würzens, zum gebrauch als gewürz': am allermeisten aber bedienet er (der bär) sich (hinsichtlich seiner nahrung) gleichsam zu seiner würtze der ameissen Göchhausen notabilia venatoris (1741) 41; gott habe einem jeden land das nothwendige verliehen, es sei nun zur nahrung, zur würze, zur arzenei, man brauche sich deszhalb nicht an fremde länder zu wenden Göthe I 25, 1, 51 W.; salz bereiten die Polynesier nicht, benutzen aber seewasser zur würze ihrer fisch- und fleischspeisen Ratzel völkerkunde (1885) 2, 165; nicht zum selbständigen genusz sondern als würze von speisen fehlt bekanntlich in unseren gärten niemals der schnittlauch Wimmer gesch. d. dt. bodens (1905) 288.
δ)
in attributiver verbindung von bestimmten gewürzen. neue würze myrtus pimenta L. Holl pflanzennamen 258ᵇ: denn da beide schüsseln fleisch täglich einerlei sose hatten ... und die sose jedesmal aus wasser, gebrantem mehl, und etwas neuer würze bestand, ... so asz fast nie ein schüler seine portion auf Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 1, 85; neue deutsche würze nigella sativa L. Holl pflanzennamen 336ᵃ; Marzell wb. d. dt. pflanzenn. 5, 631ᵃ.
b)
aus pflanzenprodukten gewonnener aromatischer stoff, der als räucherwerk, einbalsamierungsmittel u. dgl. verwendet wird. häufiger im plural. von a (sieh dort für die mhd. zeit) deutlich geschieden erst im nhd., aber nur bis ins 18. jh. hinein bezeugt: liebe braut, deine bruͤste sind lieblicher denn wein, vnd der geruch deiner salben vbertrifft alle würtze hohelied 4, 10; nun ist ein gewonhayt in Behem, das sie der verstorbnen künig leybe mit koͤstlichen wurtzen balsamiert acht tag, ehe sie jn begraben Seb. Franck Germ. chron. (1538) 227ᵃ; (die kranke) hat auch geklaget, der mund thete ihr wehe, welchen die weiber also mit wuͤrtz und essig gerieben hatten Prätorius anthrop. Pluton. (1666) 2, 130; wozu dienet es doch, ... den körper (die leiche) mit myrrhen und aromatischen würzen zu erfüllen, wenn er eingesalzen werden soll anmuth. gelehrsamk. (1751) 9, 841 Gottsched. die ungebräuchlich gewordene bedeutung miszverstehend und in die nähe von ebenfalls schon ungebräuchlichem wurz 1 b gerückt, in der entsprechung zu gr. φάρμακον:
denn auch dorthin steurt im hurtigen schif Odysseus,
würze des männermords zu erkundigen, dasz er mit solcher
sich die ehernen pfeile vergiftete
(Odyssee 1, 262) Voss Homers w. (1793) 3, 15 (die fassung von 1781 hat: säfte);
schneid aus dem schenkel den pfeil, und rein mit laulichem wasser
spüle das schwärzliche blut; auch lege mir lindernde würz auf,
heilsame, welche du selbst von Achilleus, sagt man, gelernt
(Ilias 11, 829) Voss Homers w. (²1802) 1, 300 (die erste fassung von 1793 hat: salb).
c)
würziger geruch, geschmack, aroma. seit dem ende des 18. jhs., die ungebräuchlich werdenden bedeutungen a und b fortsetzend:
saugt aus wein der klee sein leben,
wohlgeruch und honigsaft? —
kraut und blumen, selbst die reben
danken dir, o Nais, leben,
würze, süszigkeit und kraft
Bürger s. w. 27ᵇ Bohtz;
diese eigentümliche würze, meint er, habe das veilchen von jeher an keinem orte der welt ausgehaucht als hier, wo sich sein duft mit den frühen gefühlen einer reinen liebe vermischte Mörike w. 2, 275 Maync; (der wein) ist kühlend und nicht ohne würze, erwiderte der kantor G. Keller ges. w. (1889) 6, 32; in dem unmittelbar vom gletscherwasser genährten see gedeihen sie (die forellen) zu einer würze und schmackhaftigkeit, die unerreicht bleibt Scheffel ges. w. (1907) 3, 100; der müller ... reckte sich und atmete erleichtert die würze des morgens P. Dörfler d. lampe d. tör. jungfrau (1930) 64.
2)
in übertragener bedeutung bezeichnet würze dasjenige, was eine sache belebt, sie interessant, ansprechend oder überhaupt erst vertretbar macht. im 16. jh. zögernd einsetzend, nach der mitte des 18. jhs. überaus häufig.
a)
bis zur mitte des 18. jhs. nur und noch bis ins 19. jh. hinein oft unter bewahrung der bildvorstellung der würzenden speisezutat: man eine meinung ..., wan die sol erklert vnd dem volck fürgetragen werden, erst mit viel würtze bestrawe Barth weiberspiegel (1565) C 1ᵃ; o! ihr meine gedancken! ihr seyd die jenige wuͤrtze, welche mein fleisch vor der zeit verzehren Zendoriis teutsche winternächte (1682) 199; eine würze von unzucht und religionsspötterey ist reichlich über das ganze (Voltaires 'Candide') ausgeschüttet Haller tageb. (1787) 1, 186; schwermuth, kummer, sorgen, leiden sehe ich als würze an, die den geschmack an wahrer lebensfreude erhöhen sollen J. G. Forster s. schr. (1843) 7, 233; die schwester Margaretha gab eine andere würze, das spiel der phantasie und des witzigen geistes Laube ges. schr. (1875) 4, 76. sprichwörtlich: der hunger ist die best würz Seb. Franck sprichw. (1541) 2, 75ᵃ u. ö., bis ins 19. jh. hinein:
zufriedenheit ist unser koch!
und hunger unsre würze!
Kotzebue s. dram. w. (1827) 4, 12.
b)
nach der mitte des 18. jhs. ist die übertragene bedeutung häufiger aus der bildvorstellung gelöst, sie ist seitdem die herrschende bedeutung des wortes: die drolligste laune, der schnurrigste witz, die schalkischste satire, lassen uns vor lachen kaum zu uns selbst kommen; und die naive bauernsprache giebt allem eine ganz eigene würze Lessing 9, 299 L.-M.; laszt uns nachdenken, auf welche art und weise wir dieser unterhaltung ... etwas mehr würze geben können Tieck schr. (1828) 4, 104; persönlich war Engels ein reizender, liebenswürdiger mensch, der es mit Martin Luthers parole hielt, dasz wein, weib und gesang des lebens würze seien Bebel aus m. leben (1946) 3, 143;
soll ich dir sagen, was die schönheit ist?
die würze dieses lebens, weiter nichts!
Weigand d. renaissance (1903) 3, 68;
wenn man die komik ein klein biszchen unanständig gestalten kann, dann wirkt sie durch solche würze doppelt Klemperer l. t. i. (1949) 97. auch hier in präpositionaler verbindung wie unter 1 a γ: in ihren kreis wollten die unsterblichen den sohn des staubes nicht ziehen; sie gaben ihm nur dieses wunderbare ahnen und träumen als würze zum leben Klinger w. (1809) 12, 107; so nehm ich an, dasz es mit der (kriegsgefahr) nicht so ernst aussieht, wie die gewöhnlichen leute hier sich zur würze vorstellen (1913) Rilke br. (1933) 287 inselverlag. vereinzelt auch im plural: der religiöse norden von Tibet musz solcher freuden und würzen des lebens entbehren Gutzkow ges. w. (1872) 6, 255.
3)
im brauverfahren die flüssige lösung des malzextraktes, die zu bier vergoren wird.
a)
in diesem sachbereich wird zunächst das von würze zu unterscheidende wirz, f. verwendet; vgl. Heyne dt. hausaltert. 2 (1901) 340 ff.das im dt. der i-deklination angeschlossene wort ist ursprünglich s-stamm. ahd. mhd. wirz; mnd. wert, nd. wert, wört, wērt; nordfries. (Wiedingharde) wyrt, n.; ags. wyrt, ne. wort; dän. urt; an. virtr, norw. vyrter, n. Torp nynorsk. et. ordb. 874. gelegentlich gebuchtes as. wirtia, wirtea (Holthausen ae. etym. wb. [1934] 412; Walde-Pokorny 1, 288) ist nicht nachzuweisen. schwed. vört 'malzextrakt zur bierbereitung' (seit 1539) ist wahrscheinlich entlehnt aus gleichbedeutendem mnd. wert (s. unter α). das zugrunde liegende germ. *wirtiz (daraus entlehnt finn. vierre 'würze', s. zuletzt Fromm zs. f. dt. altert. 88, 303) ist etymologisch unklar (E. Schröder in: Hoops reallex. 1, 280), es wird meist als ablautsform zu *wurt- in dt. wurz, wurzel, würze gestellt. vgl. die literatur oben unter wurz.
α)
wirz bezeichnet speziell den im zusammenhang mit der bierbereitung hergestellten malzaufgusz in glossen und vokabularien seit dem 11. jh., z. b.: brasicia i. wirz (11. jh.) ahd. gl. 3, 295, 41 St.-S.; (11./13. jh.) ebda 3, 267, 36; (12. jh.) ebda 3, 616, 59; briseca wirz (11./12. jh.) ebda 3, 495, 8; braxiuium wirtz, wyrtze, wúrtz u. ä. (obd. 15. jh.); wercz, werthsz (md. 15. jh.); wert, werte (nd. 15. jh.) Diefenbach gl. 81ᵇ; ders., nov. gl. 59ᵃ; risia gruut ł weert (nd. 1420); risum wircz (hd. 15. jh.) ders., gloss. 499ᵃ; mnd. wert Schiller-Lübben mnd. wb. 5, 689 f. literarisch: by der wegen stont eyn kettel myt heter wert dar dat kynt rokelose in voll myt synen ganssen lyue legende d. stiftung v. Freckenhorst bei Dorow denkm. alter spr. u. kunst 1, 1, 37; denn wenn man bier brewet, so geusset man erstlich wasser ynn die pfannen, wenn das heysz worden ist, so geusset manns auff das maltz, darnach leszt man es durchlauffen, vnd geuszt dye wertz wider ynn die pfannen, und leszt es kochenn mitt dem hopffen Agricola sprüchw. (1529) 2, 151. im hinblick auf die im einzelnen brauprozesz verarbeitete menge malzaufgusz: (ein bürger wird vom rat) gefragt, wer ietzundt brewen thate, respondit, bmr Becker habe 5 mlt. maltz vnd mache in zweyen wirtzen 18 thonnen biers (1661) urkundl. beitr. z. gesch. d. st. Münstereifel (1894) 1, 269.
β)
unabhängig von der bierbereitung 'süsze, aromatische flüssigkeit, saft', allgemein oder im speziellen zusammenhang mit der metbereitung: ptisane (vulg. ptisanas) sucus prirorum (l. pirorum) ł uuirz (11. jh.) (spr. 27, 22) ahd. gl. 1, 540, 29 St.-S.;
und (Medea) gôz im (Jason) in die wunden
der tiuren arzenîe saf ...
im wart diu snellekeit geboten.
daz er spranc rehte alsam ein hirz.
daz schuof der arzenîe wirz
und daz edele tiure salp
Konrad von Würzburg trojan. krieg 10 798 Keller;
dem honige fliegent mucken nâch,
wefsen ist ze wirze gâch
Hugo von Trimberg d. renner 16 314 Ehrismann;
der guten mete machen wil, der ... neme zwei maz wazzers und eine honiges ... und siede denne die selben wirtz ... und schume die wirtz mit einer vensterechten schüzzeln (schüsselsieb), da der schume inne blibe und niht die wirtz (14. jh.) buch von guter speise 6 lit. ver. übertragen, von Maria:
dû süeze zuckers trâmes wirz
Lohengrin 7654 Rückert.
γ)
das wort ist in einigen md. und vor allem nd. mundarten erhalten geblieben: wirz 'bierwürze, malzextrakt' Waldbrühl Rhingscher klaaf 219. gewöhnlich bezeichnet es hier den malzaufgusz als ungegorenes bier, das selbst schon als getränk verwendung findet: wirz, wîerz Spiesz Henneberg 284; Reinwald Henneberg 2, 143; wört Dähnert plattdt. wb. 555ᵇ; würts Schumann Lübeck 60; wert, wêrt Schambach Göttingen 295ᵃ; wart, wert Schütze Holstein 4, 340; wërt Doornkaat-Koolman ostfries. 3, 542ᵃ. möglicherweise wirkt hier und da nhd. würze (s.c) auf den mundartgebrauch oder auf die lexikographische buchung ein.
b)
im 13. jh. ist im anwendungsbereich von wirz zweimal die form würze, wurze bezeugt, und zwar augenscheinlich im sachzusammenhang mit der bierbereitung:
swer malzes phligt, die wîle ez lît
dur derren ûf dem slâte,
der lobe mîn bier unz er besehe
wie ime sîn wurz (hss.: wuriz A, wurze C) gerâte
(unechter Spervogel) minnesangs frühling 242, 24 Kraus;
er (ein ritter, dem eine frau für seine verlorene scheide eine
andere gegeben hatte) wolt sîn mezzer in die scheide schieben;
dô begunde sich diu klinge biegen
her wider rehte gegen deme hefte:
doch brâht er sî drin mit sîner krefte.
schiere het er wider gezogen;
ez habe ein swarziu krâ gelogen:
wer solte des getrûwen?
'zieht wider: diu würze (wurze C) ist noch niht gebrûwen'
Neidhart XLIV 24 Haupt-W.
die form wurze scheint die annahme einer bloszen lautvariante zu dem i-stamm wirz auszuschlieszen. aber auch die annahme einer umdeutung von wirz im sinne von würze 'gewürz' schon zu diesem frühen zeitpunkt (anders unter c) macht schwierigkeiten, da würze sonst erst seit etwa 1300 bezeugt ist. auszerdem scheint der gebrauch des 13. jhs. gar nicht von einer bedeutung 'gewürz' auszugehen und sich somit von dem seit dem 16. jh. im sinne von 'bierwürze' bezeugten gebrauch (unter c) zu unterscheiden.
c)
im 16. jh. wird wirz, das literarisch nicht über das 16. jh. hinaus bezeugt ist, mit dem lautähnlichen, im sinne von 'gewürz' geläufigen würze identifiziert. würze bezeichnet nun auch, etwa im sinne von 'bierwürze', prägnant an stelle von wirz diejenige flüssigkeit, die im brauprozesz aus der mischung von geschrotenem malz und wasser, der maische, durch trennung von den maischerückständen gewonnen wird: so das pech im vasz zergangen, so geusz darein ein halb nossel würz und lasz es also umbrühren, so schmecket das bier nicht nach pech (1569) haushaltung in vorwerken (1910) 33 Ermisch-W.; man ziehet aber von der gesottenen lautern wuͤrtz zuvor bey 15 schapffen voll herab, das thut man hinuͤber in den kessel und schuͤttet den hopffen darein, und laͤsset ihn also eine halbe stund oder laͤnger roͤsten Hohberg georg. cur. (1682) 2, 82; davon wird das maltz so milde, dasz man damit schreiben kan, wie mit kreiden; solche maltze geben eine gute wuͤrtze Kellner bierbraukunst (1690) 21; wird der wässerige auszug des gekeimten getreides (des malzes), die sogenannte würze in der bierbereitung, bis zum sieden erhitzt Liebig chem. br. (1844) 175; chemische zusammensetzung der fertigen, zur gärung gelangenden würze ... es braucht wohl nicht besonders betont zu werden, dasz je nach den rohmaterialien malz, hopfen, brauwasser und den zur herstellung der würze dienenden maisch- und sudverfahren die würzezusammensetzung erheblichen schwankungen unterliegen kann Lueers d. wissensch. grundlagen v. mälzerei u. brauerei (1950) 516. die in einem arbeitsgang gewonnene menge bierwürze: in anderen englischen brennereien begnügt man sich mit zwei würzen nicht, am zieht drei, vier und sogar fünf würzen, wodurch das auswaschen der treber allerdings noch vollständiger erreicht wird Muspratt chemie (1888) 1, 566. auch für den malzaufgusz als ungegorenes bier, das in diesem zustand selbst schon als getränk verwendet wird, für das sonst vor allem nd. formen von wirz stehen (s. unter aγ): die hitzige wuͤrtz vnd wein zuͤnden die hoͤll im leib an, dasz der teuffel moͤcht drinnen verbrennen Lehman floril. polit. (1662) 2, 897; die unter dem namen a(lkoholfreies) b(ier) in den handel gebrachten getränke sind entweder sterilisierte und mit kohlensäure imprägnierte würze oder aber sie sind kunstprodukte, die unter dem zusatz von wenig würze ... aus gefärbter zuckerlösung hergestellt ... werden ill. brauereilex. (1910) 81ᵇ Delbrück. so als verhochdeutschung der dem verfasser offensichtlich ungeläufigen und in seinem genus verkannten form von wirz verstanden: sowohl dieses (sauerkraut) als das frische wort oder würze, diente zum präservativ gegen den schaarbock J. G. Forster s. schr. (1843) 2, 371.
d)
von c her übertragen auf das blut: roth oder blutfarb (als eine farbe des kartenspiels), ist waͤsseriger art, vnnd zeiget erstlich an, dass offtmals einer bey dem spiel also geschlagen wirt, dass jhm die rothe wuͤrtz vber die backen lauffet theatrum diab. (1569) 511ᵃ; da sich denn endtlich ... ein zanck erwachsen, dermassen, dasz sie einander nach den koͤpffen geschmissen, dasz die rothe wuͤrtze hernach gefolget Rivander festchron. (1591) 1, 59ᵇ; Prätorius blockes-berges verrichtung (1668) 574.
4)
zusammensetzungen mit würze, f. begegnen im mhd. in nur geringer anzahl, sie nehmen mit dem 16. jh. sprunghaft zu. über gelegentliche deutung der würze-zusammensetzungen von wurz 1 'pflanze, kraut' her sieh unter wurz 5. in der kompositionsform überwiegt die fugenvokallose bildung weitaus; anders unter 5.
kompositionstypen.
1)
im hinblick auf aufbewahrung, vertrieb und gebrauch des gewürzes werden seit dem 15. jh. bezeichnungen für personen, gegenstände, tätigkeiten gebildet. der typ ist besonders im 16./17. jh. produktiv, im 19. jh. begegnen seine bildungen nur noch vereinzelt:
würzbank
Megiser annales Carinthiae (1612) 221,
würzbecher
würzebecher Stieler stammb. (1691) 74,
würzbeutel
würtzpeutel (1525) in: mitteil. d. geschichtsver. zu Eisenberg 18, 54,
würzfeile
'gewürzhändler': wurzefeile (1472) Bücher d. berufe d. st. Frankfurt 139ᵃ,
würzgewerb
Duez nomencl. (1652) 62,
würzgewölbe
Kuhnau d. music. quacksalber 39 dt. lit.-denkm.,
würzhandel
Schottel haubtsprache (1663) 454; Voigtl wb. (1793) 3, 673ᵃ,
würzhändler
nomencl. lat.-germ. (1634) 94; Jean Paul w. 32, 26 Hempel,
würzhaus
wurtzhusz 'taberna' gemma gemm. (1508) B 3ᵇ; wurtz haus (2. kön. 20, 13) (1524) Luther bibel 9, 2, 76 W. (1545: schatzhaus),
würzkasten
wuͤrtzkaste 'myrothecium' Orsäus nomencl. method. (1623) 242,
würzkauf
wurtzkauff Agricola sprichw. (1534) R 1ᵃ,
würzlade
Albinus meiszn. bergchron. 2 (1590) 28; Amaranthes frauenz. lex. (1715) 2148,
würzlöfflein
wuͤrtzloͤffelin Gäbelkover artzneyb. (1595) 1, 407,
würzmann
'gewürzhändler' in: zu dem wurzeman (Straszburg 1375, benennung eines alten hauses) Volckmann alte gewerbe (1921) 207,
würzmenger
'gewürzhändler': wurtzemenger (1495) Bücher d. berufe d. st. Frankfurt 139ᵇ,
würzmörser
Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1410ᵇ,
würzschachtel
Stieler stammb. (1691) 1703; würzeschachtel Rückert ges. poet. w. (1867) 11, 367,
würzsieb
worzce sep probsteirechnung d. jungfrauenclosters in Arnstadt v. 1495; würtz-sieb Rembold d. künstl. u. nützl. papier (o. j. 1740) 12,
würzsiebchen
Beier v. handwerkszeuge (1691) 96,
würzwaage
wurzwag (1514) in: württemberg. geschichtsquellen (1894) 19, 8.
2)
in einem umfangreichen, seit dem 15. jh. bezeugten typ vertritt würz(e)- als erstes kompositionsglied ein attribut in der bedeutung 'würzig' oder 'zum würzen geeignet'.
a)
bezeichnungen für stoffe, gewächse, früchte, speisen, getränke u. dgl., die entweder mit gewürzen zubereitet oder angereichert sind oder die schon von natur aus würzig sind und von denen gewürze gewonnen oder die zum würzen von speisen verwendet werden können:
würzapfel
wuͤrtzoͤpffel (akk. pl.) Bock kreutterb. (1539) 3, 40ᵇ; würzapfel Oken allg. naturgesch. (1839) 3, 2086,
würzbaum
wurtz baume (1. Mos. 2, 12) erste dt. bibel 3, 49, 32 Kurr.; würzbaum anmuth. gelehrsamk. (1751) 7, 578 Gottsched,
würzbier
Wiedemann hist.-poet. gefangensch. (1690) jan. 23; G. Freytag ges. w. (1886) 11, 126,
würzbirne
Marperger kaufmann-magazin (1708) 911,
würzblume
taraxacum officinale Moench Schkuhr bot. hdb. (1791) 3, 24, -blut (vom wein) V. Weber holzschnitte (1793) 77,
würzbrötlein
wuͤrtzbroͤdlein Scheraeus sprachenschule (1619) 153,
würzbrühe
Schwan nouv. dict. (1783) 2, 1079ᵇ; (übertragen) allg. dt. bibl. (1765) 5, 2, 252,
würzfrucht
Göthe I 37, 305 W.; Kolbenheyer Paracelsus 3 (1926) 175,
würzgeschleck
Eyering proverb. copia (1601) 2, 12,
würzkälberkropf
chaerophyllum aromaticum L. Marzell wb. d. dt. pflanzenn. 1, 911,
würzkerbel
dass. ebda,
würzkoriander
coriandrum sativum L. ebda 1161,
würzkraut
würzekräuter (n. pl.)
Platen w. 2, 153 Hempel,
würzmittel
Campe 5 (1811) 801ᵃ; Wimmer gesch. d. dt. bodens (1905) 291,
würzpflanze
Breszler merkwürdigkeiten d. natur (1708) 98; Duden rechtschreibung (¹⁴1958) 239ᶜ s. v. estragon,
würzreis
Ruysbroeck schr. (1701) stifftshütte 26ᵃ,
würzried
acorus calamus L.: wurtzriedt Megiser pol. (1603) 1, 197ᶜ,
würzrohr
Ruysbroeck schr. (1701) stifftshütte 94ᵇ,
würzstaude
Francisci d. wunderreiche überzug unserer niderwelt (1680) 37,
würzstoff
Moriz Heyne dt. hausaltertümer (1899) 3, 128.
würzsträuchlein
wurtzstreuͤchlin Luther 50, 617 W.,
würzsuppe
Stieler stammb. (1691) 1687,
würztrank
ebda 2332; würzetrank Kinkel ged. (1868) 2, 82,
würzware
(1665) bei Schmeller-Fr. bayer. wb. 2, 1015; (ironisch vom vogelkot) G. Opitz merkwürdige nachrichten 2 (1752) 114,
würzwasser
Wittichius tröstl. unterricht (1591) 40ᵇ.
b)
eine kleine gruppe von zusammensetzungen, die vornehmlich mit dem geruchs- und geschmackssinn wahrnehmbares bezeichnen, folgt dem vorbild von würzgeschmack, -geruch (an alphabetischer stelle):
würzaroma
würzarome (poet.) A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 2 (1878) 19,
würzgedüfte
d. Lusiade d. Camoens (1816) 257,
würzhauch
Lenau s. w. 716 Barthel,
würzruch
Göthe IV 2, 288 W.
3)
bezeichnungen für anlagen zum anbau von gewürzen. der typ betrifft im wesentlichen bezeichnungen aus dem bereich des hohenliedes. er berührt einerseits mit seiner bildung würzbeet die wurz-zusammensetzungen, er fuszt andererseits vor allem auf Luthers bildung würzberg:
würzbeet
Göthe I 37, 307 W. (vgl.wurzbeet unter wurz-kompositionstypen 1); würzebeet Storm s. w. (1899) 6, 263,
würzbeetlein
Mendelssohn ges. schr. (1843) 6, 383,
würzberg
(montes aromatum) d. hohelied 8, 14; (im bild) Arnold geheimn. d. göttl. sophia (1700) 1, 152,
würzgebirge
Mendelssohn ges. schr. (1843) 6, 390,
würzhain
Rückert ges. poet. w. (1867) 10, 405,
würzplätzlein
Herberger magnalia dei (1607) 270.
4)
adjektivische zusammensetzungen begegnen in nur geringer anzahl und erst in jüngerer bezeugung:
würzartig
Heger müsziger reisestunden gute gedancken (1735) 15, 14,
würzduftend
würzeduftend Bürger 92ᵇ Bohtz,
würzlos
(1825) Creuzer in: br. an Tieck 1, 158 Holtei,
würzvoll
würzevoll Herwegh Lamartines s. w. (1839 1, 117.
5)
zu würze 3 'malzextrakt zur bierbereitung' werden seit dem 17./18. jh. zusammensetzungen gebildet, deren gebrauch im wesentlichen auf die fachsprache der bierbrauer beschränkt bleibt. bildungen mit fugenvokal, würze-, überwiegen weitaus gegenüber den fugenvokallosen formen; vgl. an alphabetischer stelle würzstein, -trog:
würzeabflusz
Muspratt chemie (1888) 1, 1432,
würzebehälter
ebda 1, 503,
würzebesteuerung
handwb. d. staatswiss. (1898) 2, 819,
würzebrunnen
Beil technol. wb. (1853) 1, 663,
würzebütte
Jacobsson technol. wb. (1781) 4, 640ᵃ,
würzeessenz
Forster s. schr. (1843) 1, 50,
würzekessel
Karmarsch-Heeren techn. wb. (1876) 1, 492,
würzeklärung
ebda 10, 434,
würzeleitung
Lueger lex. d. ges. technik (1894) 2, 394;
würzerinne
Muspratt chemie (1888) 1, 1434,
würzeröhre
ebda 1, 1432,
würzesteuer
handwb. d. staatswiss. (1898) 2, 818,
würzestock
Muspratt chemie (1888) 1, 1385,
würzeziehung
ebda 1, 566.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 15 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2335, Z. 40.

wurz, f.

wurz, f.,

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wurze, kraut, verwertbare pflanze; wurzel. ahd. wurz und wurza, mhd. wurz(e), nhd. wurz; as. wurt, mnd. wurt, wort, nd. wort; mnl. wort(e); ags. wyrt 'pflanze, kraut, wurzel', engl. wort 'pflanze, kraut'; got. waúrts 'wurzel'; ferner aisl. urt, aschwed. yrt, schwed. ört, dän. urt 'pflanze, kraut'; zu vergleichen ist aisl. rōt, schwed. rot, dän. rod 'wurzel'; spät. ae. rōt, ne. root 'wurzel' und ablautendes mhd. frühnhd. wirz 'pflanzensaft, aromatische flüssigkeit, bierwürze' und seine germ. entsprechungen (s. unt. würze 3 a). auszergerm. entsprechen gr. ῥάδιξ 'zweig, rute', lat. radix 'wurzel', cymr. gwraidd (plur.) 'wurzeln' und deren verbandte. zur idg. wurzel *u̯(e)rād-, u̯ₑrəd-, u̯rəd- 'zweig, rute, wurzel'. vgl. Walde-Pokorny 1, 288; Pokorny idg. et. wb. 1, 1167; Falk-Torp norw.-dän. et. wb. (1911) 2, 1336; ordb. over det danske sprog 25 (1950) 1497; Oxford engl. dict. 12, 2 (1933) 325; Hellquist ³1467; Vewrijs-Verdam mnl. wb. 9, 2831. in den germ. sprachen gehört wurz der i-klasse an. es hat jedoch nicht in allen germ. sprachen gleicherweise die beiden bedeutungen 'kraut, pflanze' und 'wurzel'. got. waúrts 'bedeutet nur 'wurzel', anord. urt überwiegend 'kraut', 'wurzel' nur Guđrunarkviđa II 23, 3, die jüngeren skandinav. entsprechungen kennen nur die bedeutung 'kraut'. ags. wyrt bedeutet 'pflanze' und 'wurzel'. auch as. wurt hat nach dem zeugnis des Heliand beide bedeutungen. 'pflanze, blume':
huuô thie uurti sint
fagoro gefratoot, thea hîr an felde stâd (lilia agri, Matth. 6, 28)
Heliand 1672 B.;
(die frauen) habdun mêdmo filo
gisald uuider salbum, silubres endi goldes,
uerdes uuider uuurtion, sô sia mahtun auuinnan mêst,
that sia thena lîchamon liobes hêrren
suno drohtines, salbon muostin (aromata, Mark. 16, 1)
ebda 5786.
'wurzel':
ac cumid fan alloro bâmo gehuilicumu
sulic uuastom te thesero uueroldi, sô im fan is uurteon gedregid
ebda 1749.
übertragen:
bethiu thar uuahsan ni mag
that hêlaga gibod godes, thoh it thar ahafton mugi,
uurtion biuuerpan, huand it hie uuelo thringit
ebda 2521.
die bedeutung 'wurzel' findet sich jedoch nicht mehr im me. und ne., im mnd. und nnd. im ahd. hat wurz in der zugehörigkeit zur i-klasse nur die bedeutung 'kraut, pflanze, blume' (s. 1). daneben steht ein konsonantisch flektierendes ahd. wurza, f., zunächst nur in der bedeutung 'wurzel' (s. 2, bes. b), und zwar anfangs auffällig oft in übertragenem sinn (s. 3). im mhd. beginnt die grenze zwischen beiden bildungen zu verflieszen (vgl. vor allem 2 a). im frühnhd. wird der vermischungsprozesz dadurch gefördert, dasz der plural beider bildungen im anschlusz an die fem. mischklasse fast nur konsonantische formen zeigt, während im singular neben den überwiegenden konsonantischen auch weiterhin vokalische formen stehen. seit dem frühnhd. zieht sich wurz(e) mehr und mehr von norden her auf den obd. raum zurück. um die wende des 16. zum 17. jh. verliert es seine geltung als hochsprachliches wort. parallel zu diesem vorgang geht dem wort die bedeutung 'pflanze, blume' verloren, die nach dem 16. jh. nicht mehr mit sicherheit nachzuweisen ist, von gelegentlichem archaisierendem gebrauch und von der bindung in zusammengesetzte pflanzennamen abgesehen. als simplex findet sich wurz seitdem nur noch in obd. mundarten in der bedeutung 'wurzel' und vor allem 'wurzelpflanze'; vgl. Fischer schwäb. 6, 1003; Schmeller-Frommann bayer. wb. 2, 1014 f.; Schatz wb. d. tirol. maa. 715; Lexer kärntn. wb. 261; Unger-Khull steir. 640ᵇ; Bühler Davos 1, 210; Seiler Basel 320ᵃ; Bacher Lusern 236.
1)
kraut, pflanze, blume. zunächst ausschlieszlich, später noch überwiegend von der starken bildung wurz vertreten, nur selten durch die schwache bildung wurze, die in älterer zeit in dieser bedeutung nur in dem vereinzelten glossenbeleg herba uurza (Ra., anf. d. 9. jhs.) ahd. gl. 1, 161, 29 St.-S. begegnet. der gebrauch im plural überwiegt weitaus. die bedeutung zieht sich im 16. jh. aus dem lebendigen sprachgebrauch zurück.
a)
allgemein von pflanzen, deren sichtbare teile wie stengel, blätter, blüten, früchte gut und brauchbar sind. ältere entsprechungen von lat. olus legen die engere bedeutung 'gemüsekraut' nahe: olus uurz (R., 9. jh.) (neben chol gl. K., khol Ra.) ahd. gl. 1, 220, 33 St.-S.; (gottes reich) ist gilih corne senafes, thaz inphahenti man sata iz in sinan garton, thaz ist minnista allero vvurzo inti ist boum (quod minimum quidem est omnibus holeribus et fit arbor, Matth. 13, 32) Tatian 73, 2 Sievers; uue iu sciberin inti pharisei, lichezera, ir de dezemot minzun inti dilli inti cumin inti rutun inti iogiuuelicho uurci, inti forliezut thiu dar heuigerun sint euua (omne holus, Luk. 11, 42) ebda 141, 17. sonst allgemeiner für herba; vgl. uuurz (Pa., 8./9. jh.), uurz (gl. K., 8. jh.) ahd. gl. 1, 160, 29 St.-S.; uurz (10. jh.) ebda 3, 16, 33; vvrz (Virgil georg. 4, 272) (11. jh.) ebda 2, 644, 20; gramina uurz cras (5. Mos. 32, 2) (8./9. jh.) ebda 1, 280, 50:
der erde gebôt er (gott)
daz si wuͦcher brahte
also si nature hete,
wurze unde samen
nach iegelicheme geslahte getan,
chrût unde bouma,
iegelichez nach siner natura
d. altdt. genesis 129 Dollmayr;
die wrze iǒhc daz ander chruth
loben dich herro gotes truht
dt. ged. d. 12. u. 13. jhs. 355, 10 Diemer;
swâ guoter hande wurzen sint
in einem grüenen garten
bekliben, die sol ein wîser man
niht lâzen unbehuot
Walter v. d. Vogelweide ged. 103, 14 Kraus;
in bluomen unde in würzen
saz ich dâ nider ûf den clê
Konrad v. Würzburg trojan. krieg 18 844 Keller;
von manigen würzen sint die matten grüene
das Traugemundslied bei Wackernagel altdt. leseb. (²1839) 834, 7;
Chesimior ist eyn provincie ouch in Persida ... dornoch vint man eyn groze wiltnisse von 60 tage reysin, in der keyn wonunge ist noch wurcz noch gras d. md. Marco Polo 12, 23 Tscharner;
gnedige fraw, yetzund wir kummen,
bringen vil edler würtz und blummen,
zu machen einen schönen krantz
Hans Sachs 2, 27 lit. ver.
archaisierend:
Lindaraja hat aus zarter
neigung einen kranz geflochten,
schön von nelken und von rosen,
und von auserwählten würzen
Herder 25, 231 S.
pflanzenart oder -gattung: dô sach ich salbei und ander wurzen ûf einem grabe stân meister Eckhart d. dt. w. 1, 271 Quint; myrtus ein wurtz (15. jh.) Diefenbach gl. 363ᵃ; doronicum ein wurtz also genant (1513) Euch. Röszlin d. frawen rosegarten 105 Klein.
b)
im hinblick auf den speziellen gebrauch der pflanzen. arznei- und zauberkraut, von 2 b γ 'arznei- und zauberwurzel' nicht immer sicher zu unterscheiden: dîe arzat uurze stinkent uile drâho in unseren porton Williram paraphrase d. hohen liedes 58 Seem.;
diu künegin von Irlande:
diu erkennet maneger hande
wurze und aller crute craft
und arzatliche meisterschaft
Gottfried v. Straszburg Tristan 6949 Ranke;
ich habe also von dir virnumen
daz du die siechen vries
vnd si arzedies
ane salbe vnde ane wurze
da uon sich doch virkurze
ir leitlich vngemach vil gar
passional 303, 19 Halm;
eins nachtes gab sie im vil starcker wine zu trincken, die mit wurczen sere gemacht waren. zuhant da er uff das bette kam, da begunde er slaffen Lancelot 1, 593 Kluge; vnder allen teütschen kreütern ist nichts breüchlichers dann edel salbey, würdt nit vnbillich, als eyn kostliche wurtz in die kuchen vnd keller geordnet Bock new kreütterb. (1539) 13ᵃ; man fand auch bey disem feind alle urkund, wie der kundtschafter hett anzaigt, auch selzam segen, wurz, kreuter und vil zauberey Knebel chron. v. Kaisheim 387 lit. ver. archaisierend:
lindern mögen wurz und worte
wundenweh und herzbeschwerde
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 23.
übertragen:
ach schaiden, du pittre wurz, verderblich kraut,
du verrest mir mein liebste praut
Oswald v. Wolkenstein ged. 72, 11 Schatz.
würzendes oder aromatisches kraut:
in daz bat leiter wurze gnuc
Heinrich d. Glichezâre Reinhart fuchs 2013 Baesecke;
wier lesen an der schrift das
wie der reichen chunige weib
muesen salben ieren leib
mit gueter salmen durch suessen smach;
durch uncheusch man des alls plach.
des selben noch etleich phlegent,
dy wurczen und dy pisemse czu in legent
Heinrich von Burgus d. seele rat 392 Rosenfeld;
tzuschin unser liebin frowin tage als man dij wuͦrtze wihet und irre geburte tage (1354) hess. urkundenb. 1, 2, 603 Wyss-Reimer; zeuch im (dem aal) die haut ab und stuck in denn in ganzeu stuck nâch der leng und stüpp diu stuck mit guoten edeln würzen klain gestôzen, und dar nâch zeuch die haut wider über diu stuck Konrad von Megenberg buch d. natur 244, 31 Pfeiffer; gabaria todte leichnam mit wurtzen gewurtzt (Nürnberg 1482) Diefenbach gl. 255ᵃ.
c)
wurz(e) ist grundwort in zahlreichen, z. t. schon ahd. mhd. bezeugten pflanzennamen. diese bildungen haben oft zusammensetzungen mit -wurzel neben sich. in attributiven verbindungen: acromon stinckende wurze u. ä. (allium L.) (obd., md. 15. jh.) Diefenbach gl. 10ᶜ; wizun uurz dictamnum (dictamnus albus, vgl. Marzell wb. d. dt. pflanzennamen 2, 123) (11. jh.) ahd. gl. 2, 674, 69 St.-S. ahd. gl. 3, 493, 13 St.-S.; wildi würza cichorium intybus L. (St. Gallen) Marzell wb. d. dt. pflanzennamen 1, 994. vor allem und bis heute gebräuchlich in zusammensetzungen wie bruchwurz agrimonia eupatoria L.; gems(en)wurz doronicum austriacum Jacqu.; goldwurz chelidonium maius L., lilium martagon L. u. a.; haselwurz asarum europaeum L.; natterwurz arum maculatum L.; nieswurz helleborus niger L.; schwarzwurz scorzonera hispanica L., symphytum officinalis L.; stabwurz artemisia abrotanum L.; zahnwurz anacyclus pyrethrum DC. und verschiedene arten von dentaria (sieh überall dort; ferner neben zahlreichen anderen zusammensetzungen mit -wurz Graff ahd. sprachschatz 1, 1050 ff.; Benecke-M.-Z. mhd. wb. 3, 828 ff.; Marzell wb. d. dt. pflanzennamen passim).
2)
wurzel. zu vergleichen sind glossierungen von radix wie: uurza (8. jh.) ahd. gl. 3, 4, 62 St.-S.; uurzun (pl.) (8.—9. jh.) ebda 1, 150, 24; 3, 9, 20; 3, 4, 63; wurcz, wurtze (14. jh.), wurtzen (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 483ᵃ. ferner: fibris wrzzon ł adera (Virgil georg. 1, 120) (12. jh.) ahd. gl. 2, 678, 53 St.-S. der nahezu ausschlieszlich schwachen flexionsformen wegen sind diese bildungen ihrer bedeutung nach wahrscheinlich zu b zu stellen.
a)
das wurzelwerk einer pflanze oder eines baumes im ganzen als deren ursprungsort und unterster tragender teil. vor dem frühmhd. nicht sicher nachzuweisen. es begegnen (im gegensatz zu b) fast nur starke formen, schwache nur ganz vereinzelt im frühnhd.; sing. gebrauch überwiegt weitaus. die bedeutung stirbt in ihrer allgemeinen anwendung am anfang des 17. jhs. aus:
daz reis also kurze
daz het er ab der wurze
gezerret gare vnwæhen
priester Wernher Maria A 1546 Wesle;
dô si quâmen ûf den grunt,
si sâhen im (dem toten) in sînen munt:
dô was die wurz der blumen (die auf seinem grabe blüht)
entsprungen ûf dem gumen
in des menschen munde
Marienlegenden 108, 67 Pfeiffer;
recht als ain rosen riches plüt
das vz der würtz sich dringen tut
also dringt dü wirdi din
junckfro vz wibes hertzen schrin
liedersaal 2, 345, 76 Laszberg;
wer vnkraut nit haben wöl in seinem garten der muͦsz die wurtz von grund ausz reütten oder es wechszte herwider Keisersberg granatapfel (1510) B 5ᶜ;
dess ligt die rhut an baumes wurtz,
dass uns gott wird heimsuchen kurtz
mit harter straff
Hans Sachs 18, 314 lit. ver.;
vil baͤum auss der wurtzen gerissen Stumpf Schweizerchron. (1606) 497ᵇ. von da her an oder auf der wurz stehen u. ä., von noch nicht gemähtem gras oder getreide. im obd. und hier, wohl durch die mundart gestützt, von längerer lebensdauer als die andern anwendungen des wortes: wa ein man abstirbt inn vnserem land, der ein eefrowen hatt, die guott zuo im bracht hatt, dz denn ein frow mag ir gutt vor dannen nemen von des mans erben, vnnd ... was den nach sinem tod vff dem grund an der wurtzen stünd, dz sölt der frowen mit dem grund bliben; was aber ab der wurtzen gewunen wery, ob es ioch vff dem guott wer, sölt denn erben bliben (anf. d. 15. jhs.) bei Kothing d. rechtsquellen d. bezirke d. kantons Schwyz (1853) 34; welicher hoͤw uff der wuͥrtz kouft von gotzhus ald sust, der sol es selb fretzen (15. jh.) oberschwäb. stadtrechte 1, 249; wo aber einer solch sein gras zu gefahr auf der wurz oder stingl stehen lassen (1742) österr. weist. 5, 345.
b)
die wurzeln von pflanzen und bäumen, insofern als sie in die erde hineinwachsen, sich dort befestigen und von dort her nahrung aufnehmen und weitergeben, also unter einem dem von a entgegengesetzten aspekt gesehen. zunächst und überhaupt vorwiegend durch die schwache bildung vertreten, sowohl im singular als auch im plural. literarisch erst seit dem frühmhd. nachweisbar, aber vgl. die glossenbelege oben unter 2. die im 16. jh. durchaus gebräuchliche bedeutung begegnet weiterhin nur noch unter mundartlichem einflusz bei obd., besonders bair.-österr. autoren.
α)
die wurzeln in diesem sinne schlechthin:
er (der wald) ne ist idoch nie so lanch noch so grôz
er mvͦze ze ivngeste siner tolden werden bloz,
er wirt an wrzen vnde ane saf
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 86, 29 Diemer;
von den wurzen gab er (gott) ime (dem menschen) dî âdren,
von dem grase gab er ime daz hâr
Ezzos gesang 45 in: kl. dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. ³3 Waag;
lüg hât sâmen unde krût, des wurze niht erdorren wil
(im bild)
der Marner 128, 340 Strauch;
von groszem hunger beczwungen das rohe grasz und seine wurczen ze essen Arigo decameron 92 Keller;
zog ausz der erden also bald
ein duͤrren baum gar bund gestalt,
daran hieng eine blancke wurtz
Rollenhagen froschmeuseler (1595) L 1ᵇ;
(er) fiel über eine wurze mit der brust so heftig auf einen stock, dasz er lang muste liegen bleiben (1777) L. Mozart in: br. W. A. Mozarts 3, 238 Schiedermair.
β)
speziell die zu heil- und zauberzwecken verwendbare pflanzenwurzel:
si riten dannen beide
ûf eine liehte heide:
ein krût dâ stênde Gâwân sach,
des würze er wunden helfe jach
Wolfram v. Eschenbach Parzival 516, 24;
der töbigen hund pizz sint tœtleich, aber man hailt sie mit der wurzen des veltrôsenstockes Konrad von Megenberg buch d. natur 125, 24 Pfeiffer; nim tormentill, kraut vnd wurtz, also gruͤn, so vil du wilt Gäbelkover artzneyb. (1595) 1, 27.
γ)
häufig prägnant von pflanzen mit einer kräftigen und genieszbaren pfahlwurzel, besonders im hinblick auf die verwendung als arznei- und zauberpflanze, aber auch als gemüsepflanze. oft nur schwer von 1 b zu unterscheiden:
die wrzzen die daz swin gruop
die dovhten in uil guot,
daz er sich da mit nerte,
wan er andirs niht enhabete
dt. sprachdenkm. d. 12. jhs. 49, 6 Karajan;
ein wurze leit er (Morolf) in den munt,
dâ von er sich zurblâte
als er wêre ungesunt
Salman und Morolf 618, 1 Vogt;
er was vil nahent gelegen dot.
er nam der wurtzen in den mund,
do ward er krefftig an der stund.
wäre di wurtz nit gewesen,
er mochte sein nummer genesen
Heinrich von Neustadt Apollonius 8453 Singer;
(eine rettichart heiszt) radix, daz spricht wurz, und haizt darumb wurz, das sein wurzel grôz ist und lanch Konrad von Megenberg buch d. natur 418, 22 Pf.;
ich gib ein wurtz der maget
das sie werde gesund
d. lied v. hürnen Seyfrid str. 151 ndr.;
weisz auch alle natur und eigenschafften deren wurtzen, steiner und kraͤuter, welche zu verkauffen die Tyrolerinnen zu Wienn herumb lauffen, aus diesen kan ich weissagen die zukuͤnfftige ding Stranitzky lust. reyszbeschr. 10 Wiener ndr.; der bruder ... hat eine lange wurzen im mund und schmunzelt Rosegger schr. (1895) I 1, 37.
3)
übertragener gebrauch ist bis etwa 1600 geläufig, jünger nur mundartlich im obd. er entspricht in der hauptsache dem eigentlichen gebrauch unter 2 a, nur vereinzelt (e) dem unter 2 b. aber anders als unter 2 a herrschen die schwachen formen von anfang an vor.
a)
grundlage, ursprung, kern: (das saatkorn) das auuar in steinac uuarth ghasait daz ist der gotes uuort gahorit enti daz saar mit gafehun in fait enti ni habet in imo festea uurcun (non habet autem in se radicem, Matth. 13, 21) Monseer fragmente 9, 13 Hench; er (Christus) ist diu wurze dannan dâ gisprochin ist: deus a quo bona cuncta procedunt. er ist diu gruntueste, d[â] sich ûf gebraitet unde zerworfen hât diu êwige gotehait St. Trudperter hohes lied 125, 21 Menhardt;
nu ge wir von der wurzen her an den stam, des darf uͤch nicht belangen
(auf den bericht über Titurels eltern folgt der seiner geburt
und jugend)
Albrecht von Scharfenberg d. jüng. Titurel 158, 4 Wolff;
ie man die wurtzen und den chern und den grund der gotheit mer erchennet ein, ie man mer erchennet alle dink meister Eckart 11 Jostes; es ist vnderschaid zehaben vsz was wurtzen diser lümde syg ensprossen, danne kumpt er von wărem, so wirt er gruͤnen vnd sich meren sust wirt er torren Niclas von Wyle translat. 316 Keller; radicitvs von wurcz vff (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 482ᶜ;
ein gute zung, die man im zaum
helt, das ist ein fruchtbarer baum ...
des (dagegen) ist der bösen zungen schübel,
wurtz und ursprung schier aller ubel
Hans Sachs 3, 362 lit. ver.;
von disen wurzen ist das widerschristenlich juramentum fidelitatis der aid der lehenherrn der pfruͦnden entsprungen (16. jh.) J. v. Watt dt. hist. schr. 2, 287 Götz.; wie also durch vnd durch alle ding sollen gehen, vnd gehend, dieselbigen ausz was grundt vnnd wurtzen sie gangen Paracelsus opera 2, 321 Huser. später noch archaisierend und unter mundartlichem einflusz des obd. und böhm.: J. E. Kaindl die teutsche sprache aus ihren wurzen (1815) (titel); landsmann, du bist in wurz und wuchs ein echter Deutscher Leppa herzenssachen (1923) 148. gern von der voraussetzung der ursache geistiger und seelischer gegebenheiten, besonders im hinblick auf sündhafte eigenschaften und verhaltensweisen: dhiu uurzâ dhera spâidâ huuemu siu uuard antdhechidiu? dhiu chiuuisso ist bighin gotes sunes (zu Hiob 28, 20) Isidor 5, 3 Weinhold;
fer si unserem fona herzon
kapuluht fizusheit keili
fer stante frecchi
ubilero uurza allero (absistat auaritia malorum radix omnium, 1. Tim. 6, 10)
Murbacher hymnen 8, 6 Sievers;
dry wurtzen aller bosshait
ist unkúschait, hoffart, gytikait
Konrad von Helmsdorf spiegel d. menschl. heils 3335 Lindqvist;
hochfart, die ein würtz ist alles übels
Hans Fründ chron. 148 Kind.
speziell: (Jesaias) quhad: arliudit uph gardea fona Jesses uurzôm endi blômo arstîgit fona dheru sîneru uurzûn ... dhesiu gardea fona dheru Jesses uurzûn, dhazs ist dhiu unmeinâ magad Mariâ fona Dâvîdes uurzûn framquhoman, thiu chibar blômun, dhen haldendan druhtin (zu Jes. 11, 1) Isidor 37, 4 ff. Weinhold;
diu reine wurze von Jessê
eine ruote noch gebirt
ûf der ein süezer bluome wirt
Rudolf von Ems Barlaam und Josaphat 64, 32 Pf.;
es wirt ein schosz oder ruͦt erwachsen von der wurzen oder stammen Jesse Zwingli dt. schr. (1828) 1, 89.
b)
seltener in verschiedenen gegenständlichen beziehungen zur bezeichnung des untersten teils einer sache, ihres ausgangs- oder ansatzpunktes: caulis caudœ die wurtz oder ruͤb desz schwantzes Frisius dict. (1556) 200ᵃ; der esel ... tregt in der wurtzen ein lengern schwantz dann das pfaͤrdt Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 41; etwa eins schusz weit von der wurtzen desz bergs Pinicianus Scanderbeg (1561) 136ᵃ; so ist disz (zäpflein) ein notwendig gliedlin vnd stuͤck der zungen, dann dieser werden fuͦnff wurtzen fuͦr geschrieben. erstlich die zwen mandel ... zum letzten das zepfflein Wirsung artzneyb. (1588) 177ᵃ; dieser kuttelfisch zu aͤschen gebrandt, die aͤschen mit blut von holtzboͤcken auffgefangen, in ein hoͤrnin buͤchszlin behalten, zerstoͤret die wurtzen der auszgeraufften haar in augbrawen Forer fischbuch (1598) 116ᵇ. fund- oder abbaustelle von bodenschätzen u. dgl.: es wäre dann, dasz über lang oder kurz das salz entweders bey der wurzen, oder andern ihrer durchl. salzämtern, aus erheblichen ursachen ferner wurde (im preis) gesteigert werden (1615) Lori slg. d. baier. bergrechts (1764) 400ᵃ; das vorder-berger-eysen hat, damit es das vaterland wolfeiler haben moͤchte, vom ertz-berg an, eine ringere frohn, dessen bearbeit- und bewirthschafftung so wol bey der wurtzen, als nachgehends bey dem rath- und hammer-wercks-wesen wird immerfort ... im vorigen stand gelassen Hohberg georg. cur. (1682) 1, 81.
c)
als mathematischer terminus, wie wurzel B 3 a: nach dez ich im anfang des andern buchs geschriben habe vonn der extraction der quadrat wurtz vnnd auch cubic P. Apian vnderweysung aller kauffmannsrechn. (1527) Bb 3ᵃ; fürs fünffte soll er (der eine geburtsstunde in eine gestirnstunde verwandeln will) ... die wurtzen der jaren hinzuͦ (zu den umlaufzahlen der planeten) setzen Pegius geburtsstundenb. (1570) Z 2ᵃ.
d)
in präpositionalen verbindungen. 'von grund auf': radicitus von wurcz (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 482ᶜ; vsque ab stirpe von der wurtzen auf Frisius dict. (1556) 1414ᵃ. 'bis ins innerste, gründlich': bisz sie (die fürsten) dz arm volck bisz auff die wurtz nagen Seb. Franck d. kriegsbüchl. d. frides (1539) 46ᵇ. 'im grunde, im innersten, gründlich': also den gemeinen nutz hast du in der wurtz gesweint: du hast die statt grundtlich verderpt Riederer spiegel d. waren rhetoric (1493) h 6ᵇ; darumb sindt sein kinder in Adam als in der wurtz verdampt vnd gestorben Seb. Franck lob. d. göttl. worts (Ulm o. j.) 157ᵃ. etwas aus oder von der wurz reiszen u. ä. 'etwas von seinem fundament, seiner grundlage reiszen, es gründlich zerstören': und uff morn dunstag wellen sy ... ain kloster us der wurtz rissen (1525) d. dt. bauernkrieg, aktenbd. 145 Franz; so ist zu besorgen, der zorn des herrn werde uns unversehens ... von der wurtz auszheben und vertilgen Fickler tractat v. verbot u. aufhebung deren buͤcher (1581) 4. etwas mit der wurz ausrotten 'etwas gründlich vernichten': (die stände werden) disen onerhörten erschrocklichen abfall ... straffen und die ongetrewen art mit wurtz und mit all auss rutten (1519) Württemb. geschichtsqu. 19, 529; der (rat) ist das man ausrott von grund das jüdisch volck mit wurtz vnd stamen Chryseus Haman (1546) D 1ᵇ. archaisierend: eure macht musz aber mit der wurzen ... ausgerissen werden Leppa herzenssachen (1923) 73.
e)
selten von 2 b her, im hinblick darauf, dasz sich etwas tief in etwas anderem festsetzt: wer also seiner aignen natur will lernen absterben, das ist ain saure arbeit, wann die nature hat gar tief eingewurtzlt, es ist gar ain zähe wurtz Keisersberg pred. teütsch (1508) 54ᵈ; dasz der göttlich sinn ... sine wurzen desz tüfer ussstreckte in sin (des menschen) herz Zwingli dt. schr. (1828) 1, 66.
4)
in speziellen anwendungen.
a)
im obd. als spott- und schimpfwort. österr. wurzen für einen kleinen, boshaften oder auch dummen menschen, auch für ein ungeratenes kind, vgl. Schmeller-Frommann bair. 2, 1115; Hügel Wien 191. ferner für einen in geldangelegenheiten leichtfertigen menschen, vgl. Unger-Khull steir. 640ᵇ. schwäb. wuʳz kleines geschöpf, kurzgewachsener mensch Fischer 6, 1004.
b)
in älterer jagdsprache ein erdklümpchen, das sich im abdruck in der hirschfährte findet: wurz, bei den jägern, die erde, welche der edle hirsch mit den ballen hinterwärts schiebt Hübner zeitungslex. (1824) 4, 983ᵇ. vgl. Heppe wohlred. jäger (1763) 339ᵇ.
5)
zusammensetzungen mit wurz, f. bestehen in geringem umfang. ihre lebensdauer und verbreitung entspricht den verhältnissen bei wurz. in der beziehung auf wurz 1 'kraut' gehören die bildungen vornehmlich der mhd. zeit an, in der beziehung auf wurz 2 'wurzel' in der hauptsache dem 16./17. jh., nur das adj. wurzelôs ist schon mhd. bezeugt. zusammensetzungen, die ursprünglich auf wurz 1 'kraut' bezogen werden, können im nhd. von wurz 2 'wurzel' her umgedeutet werden; vgl. an alphabetischer stelle wurzgarten, -gräber. der grund für diesen beziehungswechsel liegt darin, dasz wurz in der bedeutung 'kraut' im frühnhd. ungebräuchlich wird. bezeichnend in diesem zusammenhang ist Luthers korrektur: seyne backen sind wie die wachsenden hohen wurtz ... gertlin der wurtzmeyster (korr. in: apoteker) (hs. 1523/24) d. hohelied 5, 13 in: dt. bibel 1, 636 W. daneben begegnen, durch die lautgleichheit oder -ähnlichkeit der bestimmungswörter gefördert, doppelbeziehungen einzelner zusammensetzungen auf wurz 1 'kraut' und würze 'gewürz'; vgl. an alphabetischer stelle wurzgarten, -krämer, vielleicht auch würzwein. das bestimmungswort wurz- erscheint in verschiedenen formen. bildungen mit fugenvokal, wurze-, finden sich vor allem im mhd., bildungen mit dem sing. wurz und dem plur. würz(e)- wechseln, oft auch in der gleichen zusammensetzung, regellos. die schwache form des bestimmungswortes, wurzen-, ist auf zusammensetzung mit der bedeutung 'wurzel' beschränkt.
kompositionstypen.
1)
zusammensetzungen mit wurz 1 'pflanze, kraut, blume':
wurzbad
wurczpade nüczlich buch v. ordnung d. gesuntheit (1474) 4ᵇ,
wurzbeet
uurzbette (n. pl.)
Williram paraphrase d. hohen liedes 90, 1 S.,
wurzhof
wortehoue (d. sg.) bei Schiller-Lübben mnd. wb. 5, 773ᵇ,
wurzkranz
(1658) Schoch studentenleb. 70, 3 Fabricius,
wurzkunde
'botanik' (archaisierend) Jahn w. 2, 320 Euler,
wurzmesse
'Mariä himmelfahrt': wortmissen (d. sg.) Sachsenspiegel 2, 58, § 2 Homeyer,
wurzsalbe
wurzesalbe zwei dt. arzneib. aus d. 12. u. 13. jh. nr. 2, 6ᵇ in: sitzungsber. d. akad. d. wiss. Wien, phil.-hist. kl. 42 (1863) 138,
wurzschachtel
Jul. Grosse ausgew. w. (o. j.) 3, 254,
wurzscherbe wurzscherben
'blumentopf' H. Sachs 2, 220 lit. ver.; Harsdörffer gesprächsp. (1641) 8, 157; Noel Chomel öcon. lex. (1750) 4, 1288,
wurztopf
'blumentopf' Amaranthes frauenz. lex. (1715) 2148.
2)
zusammensetzungen mit wurz 2 'wurzel'.
a)
im hinblick auf die wurzeln von pflanzen und bäumen:
wurzhärlein
Thurneisser historia u. beschreib. (1578) 77,
wurzhorn
bei Unger-Khull steir. 640ᵇ,
wurzlos
wurzelôs, adj. Reinbot v. Durne d. hl. Georg 1458 Kraus,
wurzplatz
Sebiz feldbau (1579) 462,
wurzrebe
Oesterreicher Columella 1, 208 lit. ver.,
wurztrieb
wurtzentrieb Hohberg georgica cur. (1682) 1, 692.
b)
in der beziehung auf wurzelpflanzen, vgl.wurz 2 b γ:
wurzgewächs
wurtzen-gewaͤchse (akk. pl.) Hohberg georgica cur. (1682) 1, 464.
wurzhaukler
würzhaukler 'wurzelkrämer' (1626) bei Fischer schwäb. 6, 1006,
wurzmann
'kräuter und wurzelsammler, -händler': wurzeⁿmaⁿⁿ ebda 6, 1005; würzeⁿ-mann schweiz. id. 4, 286,
wurzrinde
Wirsung artzneyb. (1588) 16,
wurzsaft
wurtzensaft Widerhold beschreib. d. sechs reisen (1681) 2, 10ᵇ,
wurzscheibe
wurzenschîbe zwei dt. arzneib. aus d. 12. u. 13. jh. nr. 2, 3ᵇ in: sitzungsber. d. akad. d. wiss. Wien, phil.-hist. kl. 42 (1863) 133,
wurzstarer
'wurzel- und kräuterhändler?': wurtzen starer Thurneisser archidoxa (1575) 11,
wurzträger
'wurzel- und kräuterhändler': wurzentrager (1592) bei Fischer schwäb. 6, 1005; -träger Ehrhart pflanzenhist. (1753) 2, 42,
wurzwasser
wurtzenwasser Gäbelkover artzneyb. (1595) 1, 110.
c)
vereinzelte bildungen mit übertragener bedeutung, vgl.wurz 3:
wurzader
(an den augen) d. puch d. himl. offenb. d. hl. Birgitte (1502) S 2ᵃ,
wurzgesund
Leibl zelt unterm stern (1931) 12.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 15 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2326, Z. 66.

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Zitationshilfe
„würzlos“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCrzlos>, abgerufen am 10.08.2020.

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