Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

wüstenung, f.

wüstenung, f.,
abstraktbildung auf -ung zu mhd. wüestene, wie z. t. wüstung zu wüste und gleich diesem den seltenen denominativen dieser bildungsgruppe angehörend. seit dem späten 11. jh. (s. u. 1 c), aber nicht über das 16. jh. hinaus. wie wüstenei (s. d.) und selteneres mhd. wüestenheit (Lexer 3, 983) md. und nd. entschieden vorherrschend, aber gelegentlich, bes. in mystischer literatur, auch obd. bezeugt. mhd. wuostenunge, wüestenunge, wûstenunge, wôstenunge, frühnhd. auch wistenunge (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 275ᶜ, westenunge (anf. 15. jhs.) ders., n. gl. 22ᵇ; wunstenung (ende 15. jhs.) ders., gl. 541ᵇ.
1)
eigentlich, in örtlicher kennzeichnung. in frühnhd. glossaren für anachoresis Diefenbach n. gl. 22ᵇ; desertum, ders., gl. 176ᵃ; heremus 275ᶜ; solitudo 541ᵇ; vastitas 607ᶜ.
a)
in den anwendungen wüste A 1—3 nur sporadisch, den urwald kennzeichnend:
lange in der wustenunge
gingen die helde iunge,
in rechter einfalde,
irre in dem walde
herzog Ernst D 3509 v. d. Hagen-Büsching.
das moment der einsamkeit, der menschenleere betonend: were ich in einer wüestenunge aleine, dâ mich grûwelte, hiete ich dâ bî mir ein kint, sô vergienge mir der grûwel unde würde gekreftiget meister Eckhart in: dt. mystiker 2, 104, 11 Pf. in die wüestenunge senden in die verbannung schicken:
ein lant hete einen site offenbar;
daz man da inne kos alle jar
mit ritters schar
ein(en) niuwen vürsten junge(n).
so daz jar ende nam, so vertreib man den,
unt sante in, des wil ich jen,
daz muoste geschen,
hin in die wuestenunge(n)
minnes. 3, 94ᵃ v. d. Hagen.
häufiger für den schauplatz des eremiten- und büszertums:
ein sêlic man was bî der zît
in einer wuostenunge wît
Ebernand v. Erfurt Heinr. u. Kunegunde 2322 Bechstein;
das ir viel in der wüstenung waren, die sich trungen und marttertten, uf das sie selig möchten werden Luther 10, 3, 376 W. auf wüste im jüngeren spezialsinn des wortes bezogen: noch der Turchin provincien ist eyn wustenunge von vlygendem sande ... dorynne ist keyn tyr noch wazzer noch krutecht. dort hort man stetis der tuvil stymme md. Marco Polo 13, 28 Tscharner; vgl. 9, 6; 10, 3; 28, 3; 31, 4 f.
b)
in der flursprache thüring. und nördlich oder östlich angrenzender gebiete für verödete siedlungen oder brachliegende teile der flur, vgl.wüste A 2 b β und häufigeres wüstung 2: Vipach dy wustenunge, dy by Mechterstete lit (Thüringen 1349/50) lehnb. Friedr. d. streng. 179 Lippert- B.; wie die inwoner vnd gebawir der dorfir des closters Czarnowans ... ere eckir vnd erbe ... wuste legen lassen vnd bawen wustenunge do von dem clostir czinse abgingen (var. wüstenunge) (1393) codex dipl. Silesiae 1, 62; dre acker landes gelegen vp der woͤstenynge (braunschweig.-lüneburg. 1397) bei Schiller-Lübben 5, 774ᵇ; desz kartin sich vile lude von dem hern unde tzogin under die junckern unde ander hern. hirumbe bo die junckhern höffe adder wustenunge hattin, da wurden grosse dorffere, unde dargeyn verwusteden dess lanthern dorffere (ca. 1500) Wigand Gerstenberg chron. 135 Diemar; da jetzt die wüstenung Carlsberg über München am Wurmsee gelegen Cyr. Spangenberg mansfeld. chron. (1572) 1, 67ᵇ.
c)
am häufigsten in der beziehung auf biblische orte und vorgänge, oft an stelle von wüeste für die entspr. vokabeln der vulgata, s. auch Jelinek mhd. wb. 969. für den schauplatz des israelitischen wüstenzuges:
unt Moyses hiez den slangen
in der wuostenunge hangen
Ezzol. 318 Waag;
(Christus) ist der slange den Moyses ufhieng in der wuͤstenunge Tauler pred. 115, 33 V.; aber do sie in die wüstenung kamen, do gebott ers in (gott den Israeliten die beschneidung) Luther 10, 3, 343 W. von den einsamen landstrichen des heiligen landes, bes. mit bezug auf die tätigkeit Johannes des täufers und Christi:
in wvstenunga (dem aufenthalt Joh. d. täufers)
Friedberger Christ in: MSD ³100;
do ward der túfel sin (Christi) gewar in der woͤstenunge Mechthild v. Magdeburg 153 Gall Morel; ich bin ein stym des ruͦffenden in der wústenung (var. Z-Oa: wuͤste) erste dt. bibel 1, 117 Kurr.
2)
der übertragene gebrauch ist wenig entwickelt. auf die welt oder das leben in der welt bezogen, wüste B 2 a α oder b α entsprechend:
dv bist uze der wurzele Iesse
ein gerte uz gesprungen,
di den blumen hat gwunnen,
dan abe uns di frowede quam allir gnaden
vnd allin den, di do lagen
in der wustenunge unberhaft (unfruchtbar)
(var. G 19: inder wuͤste der sunten)
litanei S 215 in: mhd. üb.-buch 33 Kraus;
ich (Maria) bin der wec, der sorge entschel (befreier)
der füert ûz wüestenungen
meisterl. d. Kolm. hs. 6, 238 Bartsch.
im gebrauch der mystik, wüste B 4 entsprechend und wie dort verschieden gewendet:
so (als mystiker lebend) wonest du in der waren wústenunge
Mechthild v. Magdeburg 17 Gall Morel;
wan zwischen gote unde der sêle ist denne (in der unio mystica) dekein hindernüsse, und alsô verre diu sêle got volget in die wüestenunge der gotheit, alsô verre volget der lîp dem lieben Kristô in die wüestenunge des willigen armüetes meister Eckhart in: dt. mystiker 2, 183, 14 Pf.; vgl. 266, 39; denne mag der mensche an sehen die eigenschaft der goͤtlichen wuͤstenunge in der stillen einsamkeit, do nie wort in dem wesende nach weselicher wise inne gesprochen enwart noch werk gewúrkt enwart; denne do ist es so stille, so heimelich und so wuͤst. do enist nút denne luter got. dar in kam nie nút froͤmdes, nie creature, bilde noch wise. dise wuͤstenunge meint unser herre do er sprach durch den propheten Johel: 'ich wil die minen fuͤren in die wuͤstenunge, und do wil ich ir zuͦ irem herzen sprechen'. dise wuͤste ist sin stille wuͤste gotheit Tauler pred. 277, 32; 278, 1 f. V.; vgl. goͤtteliche wuͤstenunge 406, 13; vnd si ir vor gesaczt hette bei dem herren geistlich in der wustenung zu bleiben buch geistl. gnaden (1503) 68ᵃ.
3)
ganz vereinzelt scheint auch eine auffassung des wortes im sinne eines nomen actionis möglich, 'verwüstung', wie sehr viel häufiger bei wüstung (s. d. 5): (der engel) mitburger (d. h. die guten menschen), von den si wartend sind, das ir wustenung des alten vals wider beseczet wurd (per quos suae ruinae scissuras instaurari exspectant) (varr. verwuestung, wüestung) Johann v. Neumarkt schr. 1, 122ᵇ Klapper.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 16 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2463, Z. 71.

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Zitationshilfe
„wüstenung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCstenung>, abgerufen am 06.08.2020.

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